Kriminalroman
Ullstein
Besuchen Sie uns im Internet:
www.ullstein.de
Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch
1. Auflage April 2021
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Titelabbildung: © Stuart Black / Alamy Stock Foto (Landschaft);
© FinePic®, München (Himmel, Haus, Fahne)
Autorenfoto: © Studioline Hamm
E-Book-Konvertierung powered by pepyrus.com
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-8437-2474-6
Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.
Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.
Hinweis zu Urheberrechten
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Für Babsy und Andreas
und unsere gemeinsamen schönen Kindheitserlebnisse in Marielyst.
Der Juni war zwar kühl, aber Gitte konnte den Sommer schon riechen. Der Duft der Tannen vor ihrer Tür war würzig, und immer, wenn die späte Nachmittagssonne mal kurz zwischen den Wolken hervorschlüpfte, konnte man ihre wärmende Kraft auf der Haut spüren. Gitte lebte bereits ein gutes Jahr in Marielyst, einem kleinen Ort auf der dänischen Insel Falster, der vor allem durch seinen herrlichen Sandstrand bekannt geworden war.
Gitte schloss das Fenster und warf einen Blick in den Spiegel. In ihrem langen schwarzen Mantel sah sie aus wie eine Figur aus dem Märchen, hatte Malthe, ein guter Freund Gittes, gesagt. »Wie ein Totengräber aus dem Mittelalter«, hatte Kommissar Ole Ansgaard dagegen geknurrt, als er sie um die Weihnachtszeit mit ihrer neuen Errungenschaft im Ortskern von Marielyst getroffen hatte. Das war schon einige Monate her, und der hiesige Kommissar hatte damit nicht ganz falschgelegen, denn Gitte arbeitete seit ihrer Übersiedlung nach Dänemark in dem Bestattungsinstitut von Paul Larstsen.
Ein Blick zur Uhr, und Gitte wusste, dass sie zu spät kommen würde. Sie war zu einem Richtfest am anderen Ende der Stadt eingeladen. Eine schöne Unternehmung, wäre nicht gerade eine Kaltfront herbeigezogen, die dem nördlichen Land alle Ehre machte. Der Sommer stand so knapp vor der Tür, dass kaum noch jemand der Sinn nach warmer Kleidung stand. Doch Gitte kannte Richtfeste auch aus Deutschland, und sie wusste, dass sie heute den ganzen Abend draußen verbringen würde. Also hatte sie noch einmal den Wintermantel hervorgeholt.
Zum Essen blieb ihr keine Zeit mehr, aber sie konnte sicher sein, gut bewirtet zu werden. Arne Hansen, der Bauherr, liebte extravagante Auftritte, weshalb Gittes Chef Paul ihn für überheblich hielt. Gitte fand Arne amüsant, charmant und nur ab und zu etwas gönnerhaft. Das neue Haus, das er baute, lag in Strandnähe, aber ein paar Kilometer vom Ortskern entfernt, genau dort, wo die beiden Hauptstraßen Bøtø Ringvej und Bøtøvej aufeinandertrafen. Eine schöne Waldgegend schloss sich in dieser Kurve an, ein Naturschutzgebiet mit einer abwechslungsreichen Vegetation, Wildpferden und einem kleinen Hundewald. Daneben baute sich Arne nun einen kleinen Palast.
»Das wird mein Rentnerdomizil«, hatte er verkündet, als er persönlich eine Einladung zu dem Richtfest ins Bestattungsinstitut gebracht hatte.
»Dieser Angeber, jetzt soll ich auch noch seinen Prunkbau bewundern und unnötig teuren Sekt verkosten.« Mit diesen Worten hatte Paul die Einladung zunächst in den Papierkorb geworfen. Aber schließlich hatte er sich von Gitte überreden lassen und war sogar bereit gewesen, sich um ein Geschenk zu kümmern. Es kamen viele Leute, die er gut kannte. Die Anzahl an Unternehmern und Alteingesessenen in Marielyst war überschaubar. Außerdem ließ sich kein Däne ein Fest entgehen, bei dem es gutes Essen und genug Bier geben würde. Und gesungen wurde bei so einem Richtfest auch ausgiebig, denn für diese Leidenschaft waren die Nachfahren der Wikinger bekannt.
Gitte holte ihr klappriges Fahrrad aus dem Schuppen. Die Luft war würzig und feucht, aber es regnete nicht, und die Fahrt bis zu Arnes neuem Anwesen dauerte nur eine knappe halbe Stunde. Gitte radelte am Bøtøcenter, wo eine Spielhalle einige Jugendliche anlockte, und dann am Campingplatz vorbei weiter die Hauptstraße entlang. Von dort zweigten die vielen kleinen Gassen ab, in denen die Feriensiedlungen lagen. Langsam kehrte das Leben in die Häuser zurück. Die Sommerferien standen bevor, was bedeutete, dass in den nächsten Monaten bis zu fünfzigtausend Touristen nach Marielyst kommen würden, um ihren Urlaub am schönsten Sandstrand Dänemarks zu verbringen.
Schon lange bevor sie am Ziel eintraf, hörte Gitte Seemannslieder laut und ziemlich schief gesungen durch die Nadelbäume hallen. Sie stellte ihr Fahrrad an einem der Bäume ab und verließ sich auf die Ehrlichkeit der Besucher, denn ihr altes Schloss funktionierte nicht. Von hier aus konnte sie bereits den großen, herrschaftlichen Rohbau sehen, der mit allerlei bunten Bändern und Girlanden geschmückt war.
»Das wurde aber auch Zeit, ich stehe schon seit zehn Minuten hier an dieser Fichte herum.« Paul tauchte wie aus dem Nichts neben ihr auf. Groß und schlank, mit einer dunklen Stoffhose mit Bügelfalte und einem schwarzen langen Mantel bekleidet, hatte er genau wie Gitte etwas von einem mittelalterlichen Totengräber. Seine Haare trug Paul Larstsen perfekt gescheitelt, und das Gesicht war stets so glatt rasiert, als gäbe es bei ihm gar keinen Bartwuchs.
»Du hättest doch ruhig schon vorgehen können.«
»Arne wollte, dass wir gemeinsam auftauchen. Er habe eine Überraschung für uns, hat er mir am Telefon mitgeteilt, der alte Wichtigtuer. Außerdem haben wir ein Geschenk zusammen, schon vergessen?« Paul trug, gut verpackt, die schöne Vase, die er am Morgen noch bei der Glasbläserin Ann Brixen erstanden hatte. Während sie sich zu der Gruppe der singenden Gäste gesellten, machte er ein betont gelangweiltes Gesicht, brummte dann aber doch die letzte Strophe des Liedes mit.
Zu Gittes Erleichterung hatte Arne Hansen überall Feuerkörbe aufgestellt, denn trotz des Wintermantels war ihr ein wenig kalt. Der Rohbau des großen Hauses wurde von Strahlern angeleuchtet, dabei war es noch gar nicht dunkel. Viele Leute hatten sich bereits versammelt und hielten Gläser mit Bier, Sekt oder Schnaps in den Händen.
Gitte wollte sich gerade um ihre Getränke kümmern, als Arne ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegenkam. Er war groß und sportlich und trug seinen langen Trenchcoat mit einer gewissen Nonchalance. Seine grau melierten Haare verliehen ihm den Anblick eines dänischen George Clooney.
»Hej, ihr Lieben«, rief er gut gelaunt. »Ihr seht großartig aus, wie ein echtes Totengräberpaar.« Einige der Anwesenden blickten bei seinen Worten in ihre Richtung und unterdrückten ein Grinsen. Gitte fragte sich, ob sie bereits zu viel Alkohol intus hatten. Paul überreichte dem Gastgeber artig ihr Geschenk. Seine Glückwünsche zum Haus hätte man auch als Beileidsbekundungen verstehen können, so missmutig trug er sie vor. Doch Arne klopfte ihm nur auf die Schulter, während er Gitte in den Arm nahm und ihr einen dicken Kuss auf die kalte Wange gab.
»Kommt näher und schaut euch um.«
Während sie auf den Eingang zusteuerten, hörte Gitte ein paar Gäste laut lachen. Doch erst als Paul empört ausrief: »Arne, jetzt gehst du aber zu weit«, sah sie die Überraschung, die der Gastgeber für sie bereithielt. Im Inneren des Rohbaus waren zwei Särge aufgestellt, in denen die Getränke standen. Ihr Holz war schon arg zerschrammt, vermutlich hatten sie schon häufiger für bizarre Scherze herhalten müssen.
Paul schüttelte den Kopf und ließ sich von Arne eine Flasche Bier geben.
»Ein Richtfest soll Glück bringen und das Haus segnen. Ist es nicht ein schlechtes Omen, wenn du schon vor dem Einzug Särge im Haus hast?«, konnte Gitte sich nicht verkneifen zu fragen.
Arne lachte und schüttelte den Kopf. »Nein, ganz im Gegenteil. Ich zeige dem Tod, wer hier der Herr im Hause ist. Mein Polier August hat die Särge aus den Lagerbeständen seines Onkels mitgebracht. Ist doch witzig und sehr praktisch. Gitte, was willst du trinken?«
»Gerne einen Sekt.« Arne schenkte ihr ein Glas Sekt ein, der eine wunderschöne goldene Farbe besaß.
Dann blickte er in die Runde und hob den Arm. »So, ich denke, die meisten sind da, und wir sollten nun dem Richtspruch zuhören.«
Aus der Menge, die sich mittlerweile im Inneren des Hauses versammelt hatte, löste sich ein mittelgroßer Mann mit breiten Schultern und Beinen wie ein Bär. Er trug einen roten Bauhelm und hielt sein Schnapsglas empor, offenbar war er der Polier. In seiner kleinen Rede dankte er dem Architekten und dem Bauherrn und erbat Gottes Segen für das Haus. Es wurde erneut ein kleines Lied angestimmt, das Gitte als Kind oft von ihrem dänischen Vater gehört hatte, und dann kletterte der Mann überraschend flink auf das Dachgerüst, wo ein bunt geschmückter Richtbaum stand. Dort trank er in luftiger Höhe sein Schnapsglas leer. Er ließ seinen Blick schweifen, und Gitte bemerkte, wie er für einen kurzen Moment den Strandabschnitt hinter dem Haus fokussierte. Dann wandte er sich wieder dem Publikum zu. Doch irgendwie geriet er plötzlich aus dem Gleichgewicht und musste sich an einem Balken festhalten. Dabei entglitt ihm das Schnapsglas und fiel in die Tiefe.
Unter den Gästen trat betretenes Schweigen ein, als das Glas auf einer zusammengefalteten Abdeckplane landete und dabei nicht zerbrach. Kein Sprung war zu sehen, am Rand fehlte kein einziger Splitter.
»Das ist ein ganz schlechtes Omen«, erklärte Paul leise, als er Gittes erschrockene Miene bemerkte. »Er hätte das Glas herunterschmeißen müssen. Bei einem Richtfest muss es Scherben geben, sonst bringt es kein Glück.«
Arne räusperte sich kurz. »Der Wurf gilt nicht, das war ein Versehen. Also lass es krachen, August.« Er griff nach dem Glas, das dem Polier abermals nach oben weitergereicht wurde.
Verschämt grinste der Bauleiter und schmiss das Glas diesmal mit Wucht auf den Estrich, wo es nun in kleinste Scherben zersprang. Der Beifall hielt sich jedoch in Grenzen.
Zwei Särge und ein missglückter Schicksalswurf, dachte Gitte. Man sollte an diesem Tag besser nicht abergläubisch sein.
Sie nippte an ihrem Sekt und schaute dem Polier zu, der nun vom Dach herunterkletterte, seinen Helm zur Seite legte und mit Arne zusammen einen Aquavit trank. Auf seine wilde Art sah der Mann recht gut aus, stellte Gitte fest. Er hatte dunkle Augen, einen blonden Vollbart und dunkelblonde lange Haare, die er zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Mit seinen kräftigen Pranken konnte er einen Mann sicher mit einem Schlag vom Feld räumen. Nun trat jemand Drittes zu ihnen, und Gitte beobachtete, wie der Polier eine Sekunde lang die Mundwinkel verzog. Beste Freunde trafen da nicht aufeinander.
Arne jedoch begrüßte den Neuankömmling mit Handschlag und winkte Gitte zu sich. »Das hier ist mein Architekt Louie Svendsen. Er hat ein paar Semester in Deutschland studiert, in deiner alten Heimat. Das ist Gitte Madsen, die Bestatterin der Insel.«
Louie gab ihr die Hand und lächelte charmant. »Freut mich. Dann hast du also diese Särge mitgebracht?«
»Klar. Wir vermieten unsere Särge an die Lebenden und verkaufen sie an die Toten.« Gitte lachte und erinnerte sich daran, dass Paul und sie im letzten Sommer einmal beim Einfangen eines Krokodils aus dem Zoo hatten mithelfen müssen und dabei einen Transportsarg benutzt hatten.
»Das sind meine Särge«, stellte der Polier beinahe trotzig klar.
Louie Svendsen blickte den Mann kalt an. »Ja, das hätte ich mir denken können. Du bist heute wohl für das Unglück zuständig, was, August?«
»Tu nicht so, als würdest du daran glauben.«
»Das hier ist ein gut geplantes und gut gebautes Haus«, mischte Arne sich ein. »Also kein Grund zur Sorge. Lasst uns heute feiern und morgen wieder über die Arbeit sprechen.«
Arne wandte sich gemeinsam mit August ein paar Gästen zu, die gratulieren wollten, und Gitte fand sich plötzlich allein mit Louie wieder. Paul hatte sich schon zuvor zum Buffet verabschiedet.
»Was gefällt dir daran, als Bestatterin zu arbeiten?«, brach der Architekt das kurze Schweigen. Er hatte ein markantes Kinn mit einem Grübchen wie Kirk Douglas und war deutlich größer als Gitte. Sein Haar trug er kurz geschnitten, und um seine Nase sammelten sich zahlreiche Sommersprossen.
»Meine Kunden quatschen mich nicht zu. Außerdem solltest du mich mal in meinem schwarzen Hosenanzug sehen, der steht mir ausgezeichnet.« Gitte grinste ihn an und merkte, dass ihr der Sekt bereits leicht zu Kopf gestiegen war.
»Also jetzt gerade siehst du ein bisschen blass aus um die Nase. Lass uns mal zum Grill gehen und etwas Warmes essen«, schlug Louie vor. Wie selbstverständlich nahm er Gitte am Arm und führte sie zum Buffet. Gitte fragte ihn derweil nach der Planung des Hauses und welche Projekte er als Architekt sonst noch betreute.
»Meist sind es Bauvorhaben von Privatkunden, ab und an plane ich auch für ein paar Ferienhausketten wie Novasol und Sol og Strand. Aber die Privatkunden zahlen besser. Mit Arne kann man gut zusammenarbeiten. Er freut sich über die meisten Vorschläge und lässt mir freie Hand. Das ist für einen Architekten ein Traum. Arne wird ein gutes Haus bekommen mit einer einmaligen Aussicht aufs Meer. Zumindest von der oberen Etage aus. Und hier hinten am Strand gibt es auch nicht so viele Touristen wie im Zentrum oder am Campingplatz.«
Sie waren inzwischen am Buffet angekommen. »Willst du einen Burger oder eine Wurst?«, fragte Louie sie höflich.
Gitte war ein wenig irritiert darüber, wie schnell Louie sie zu seiner persönlichen Begleitung auserkoren hatte. Er kannte hier sicher eine Menge Leute, vermied jedoch jeden Blickkontakt zu den anderen Gästen, obgleich er häufig gegrüßt wurde. Sie entschieden sich beide für Burger und stellten sich an einen Stehtisch in der Nähe eines Feuerkorbes. Da man in Dänemark für gewöhnlich früh zu Abend aß, zierte sich niemand, auch schon um sechs Uhr herzhaft zuzulangen.
Während des Essens erzählte Louie: »Ich habe in Köln studiert und bin dort mal in eine Sauna gegangen. Kannst du dir mein Entsetzen vorstellen, als ich mit meiner grünen Badehose vor einer Horde völlig nackter Frauen und Männer stand? Ich wusste gar nicht, wo ich hingucken sollte. Und gleich darauf setzte das Gekeife ein. Ich solle verschwinden, man buhte mich aus und beschimpfte mich als Spanner.«
Gitte lachte. Die Dänen gingen in Badesachen saunieren. Immer. Es überraschte sie also nicht, dass Louie dies auch im Ausland für ganz selbstverständlich gehalten hatte. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie das ausgerechnet bei den munteren Rheinländern angekommen war.
»Und bist du dann schnell deine Badehose losgeworden?«
»Nein, nie im Leben würde ich einen engen Raum mit lauter schwitzenden nackten Menschen betreten. Wo denkst du hin? Ich bin nach Hause gefahren und wurde diese schlimmen Bilder im Kopf gar nicht mehr los.«
»Waren die nackten Kölner denn so hässlich?«, stichelte Gitte.
»Ich war vierundzwanzig Jahre alt, ich war noch nicht so weit.« Er blickte sie in gespielter Empörung an und brachte sie damit laut zum Lachen.
Im selben Moment trat Arne zu ihnen an den Tisch. Bei ihm eingehakt hatte sich eine sympathisch aussehende Blondine mittleren Alters, die Arne als Lærke vorstellte. »Wenn alles gut läuft, zieht sie mit in dieses Haus ein«, fügte er hinzu und gab ihr einen Kuss.
Gitte wusste, dass Arne bereits die dritte Scheidung hinter sich hatte, und hätte ihm daher einen anderen Frauengeschmack unterstellt: jünger als er und mit viel Schminke im Gesicht. Doch Lærke wirkte natürlich und selbstbewusst und war sicher schon über vierzig.
»Bau du erst mal dein Haus fertig, und ich schau dann, ob es mir überhaupt gefällt. Ich habe nämlich auch ein schönes in Sakskøbing, wie du weißt«, konterte sie keck.
Sakskøbing, die lächelnde Stadt, dachte Gitte und plauderte eine Weile mit der sympathischen Frau über den Tourismus in Sakskøbing und Marielyst. Irgendwann ließ sich auch Paul wieder blicken und führte Gitte in den bereits eingezäunten Garten, von wo aus ein Pfad zum Meer führte. Hier standen vereinzelt Nadelbäume auf dem sandigen Boden und es duftete würzig nach Kiefern und Meer. Wäre der Partylärm nicht so laut, könnten sie von hier aus das Rauschen der Dänischen Ostsee hören.
Paul musste sich mal wieder den Ärger über seinen alten Schulkameraden von der Seele reden. »Wie kommt dieser Angeber bloß an so eine Frau? Die sah doch viel zu nett aus für ihn.«
Gitte lachte. »Ich nehme an, mit guter Laune und einer gewissen Selbstzufriedenheit. Außerdem verstehe ich deinen Missmut nicht. Arne ist doch bis auf seinen Hang zur Prahlerei wirklich sympathisch. Ich glaube, du bist nur neidisch, mein Lieber. Ihr beiden solltet mal eure gemeinsame Schulzeit aufarbeiten.«
Paul grummelte empört vor sich hin und wechselte dann zu einem Thema, das Gitte wiederum unangenehm war. »Ich habe Ole schon lange nicht mehr gesehen. Kommt der Herr Kommissar nur zu dir, wenn du ihm ein Mordopfer präsentierst? Nach deiner Geburtstagsparty im September dachte ich, da wäre mehr zwischen euch.«
Ja, das hatte Gitte auch gedacht. »Mit Ole ist es eben nicht so einfach«, antwortete sie ihrem Chef. »Du weißt ja, dass er verheiratet ist und seine Frau seit einem Autounfall als Pflegefall in einem Heim lebt. Ole besucht sie oft dort, und so richtig frei fühlt er sich noch nicht.«
Paul nickte nachdenklich. »Aber vor dem Unfall hatte Ole doch allen Grund gehabt, sich zu trennen. Seine Frau hatte immerhin ein Verhältnis. Warum also fühlt er sich ihr jetzt noch verpflichtet?«
Gitte zuckte mit den Achseln. »Ich habe beinahe den Eindruck, dass Anita immer dann schwierig wird, wenn es zwischen Ole und mir besser läuft. Sie verweigert dann die Nahrung, redet gar nicht mehr oder streitet mit dem Pflegepersonal. Woraufhin Ole sich dann immer wieder von mir zurückzieht.«
Sie blies die Backen auf, als sie an ihren letzten Streit dachte. Er hatte einen gemeinsamen Kinoabend kurzfristig abgesagt, weil Anita im Heim eine Szene gemacht hatte und er zu ihr fahren musste. Für so ein Theater hatte Gitte nicht ewig Zeit. Sie war inzwischen fünfunddreißig Jahre alt. Wenn also ein netter Architekt mit ihr flirten wollte, nur zu.
Mit einem Zug trank Gitte ihr Glas leer.
»So viele Mordfälle haben wir hier in unserem kleinen Ferienort nicht, dass ich Ole bis zur Rente bei der Stange halten kann. Es sollte einem erwachsenen Mann doch möglich sein, sich eine neue Beziehung aufzubauen, ohne dass ich ihm dauernd irgendwelche Mordopfer präsentieren muss.«
Bereits bei ihrer Ankunft in Marielyst hatte sie einen toten Mann vor ihrer Verandatür gefunden. Und ein paar Wochen später war ein Gast im Restaurant am Nachbartisch an einer Vergiftung gestorben.
Paul grinste zum ersten Mal an diesem Abend.
»Mir ist es auch lieber, du kümmerst dich um meine Leichen, daran verdienen wir schließlich. Ich soll dich übrigens schön von der Glasbläserin grüßen. Sie hat wieder hübsche Sachen in ihrer Werkstatt stehen. Kaum zu glauben, dass diese charmante Frau die Schwester von Ole ist.«
Paul hatte recht, sowohl Ann als auch ihre Glaskunst waren etwas ganz Besonderes. Gitte nutzte die Eselsbrücke, um von Ole abzulenken.
»Wo wir gerade über Glas sprechen, was hatte das vorhin zu bedeuten? Die meisten haben ein Gesicht gezogen, als habe der Polier das Haus mit einem Fluch belegt.«
»Himmel, das habe ich noch nie erlebt, dass bei einem Richtspruch das Glas nicht kaputtgeht. Der arme Mann«, meinte Paul mitfühlend. »Alles, was am Bau fortan schiefgeht, wird nun ihm zur Last gelegt. Das kommt davon, wenn man mit Särgen kokettiert und sie zweckentfremdet.«
»Chef, ich wusste gar nicht, dass du so abergläubisch bist.«
Trotz ihres Wintermantels wurde Gitte fern von den Feuerkörben langsam kalt, und so wanderten sie zurück zum Rohbau. Gitte schaute sich nach dem Polier um und entdeckte ihn in einer Gruppe Handwerker, die lebhaft gestikulierend einige Schnäpse kippten. Sein Gesicht war gerötet und die Augen bereits glasig.
»Na, der hat aber ordentlich was intus«, bemerkte Paul. »Und fürs Protokoll: Ich habe nicht gesagt, dass ich abergläubisch bin. Aber ich weiß, dass viele Handwerker es sind. Ich glaube, dieser smarte Architekt sucht dich schon wieder. Dann werde ich mich nun verabschieden, Gitte. Ich bin mit dem Auto da, und nüchtern wird mir das hier zu anstrengend. Ich wette, Arne feiert im Winter noch eine Einweihungsparty, zu der wir dann auch wieder antanzen dürfen.«
»Ach Paul, so eine Einladung ist meist nett gemeint. Freu dich doch darüber! Oder sag ab.«
Das glatte, schmale Gesicht des Bestatters verdüsterte sich. »Wenn ich absage, denkt Arne womöglich, ich sei neidisch. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, meine Liebe.«
Gitte blickte ihm nach. Während die anderen Gäste mittlerweile allesamt eine ordentliche Schicht Baustaub auf ihren Schuhen mit sich herumtrugen, glänzten Paul Larstsens Schuhe noch immer im Schein der vielen Laternen, als sei er gerade erst gekommen. Wie machte er das nur?
Zwei Stunden später und mit einem kleinen Schwips, machte auch Gitte sich auf den Rückweg. Sie hatte noch eine Weile mit Louie Svendsen an einem offenen Feuerkorb gesessen und sich angeregt unterhalten. Dabei hatte ihr der Architekt beiläufig, aber sicher ganz bewusst erzählt, dass seine langjährige Lebensgefährtin vor wenigen Wochen mit einem schottischen Arbeitskollegen durchgebrannt sei.
»Mein Wikingerblut kam nicht gegen diese schottischen Wurzeln an«, meinte er schließlich doch ein wenig wehmütig. »Seitdem alle Welt Braveheart gesehen hat, stehen die schottischen Männer hoch im Kurs. Dabei waren wir Dänen früher einmal die geborenen Eroberer. Ich habe mich nach der Trennung nur noch in die Arbeit gestürzt, und heute ist der erste Tag, an dem ich mal aus dem Büro herauskomme, um zu feiern. Wie gut, dass Arne mich gezwungen hat, herzukommen.« Er lächelte sie verschmitzt an, und das Grübchen in seinem Kinn vertiefte sich.
Zum Abschied hatte er Gitte einen zarten Kuss auf die Wange gegeben und war dann in Richtung der geparkten Autos verschwunden. Er wusste, wo sie arbeitete, mehr aber nicht.
Gitte war gespannt, ob sie noch einmal von Louie hören würde.
Obwohl ihr etwas schwindelig war, stieg sie auf ihr Fahrrad, um die etwa fünf Kilometer bis zum Ortskern zurückzulegen. Die kühle Luft kroch ihr die Beine hoch. Die Schafskälte hatte zugeschlagen und würde hoffentlich dafür sorgen, dass sie mit einem klaren Kopf zu Hause ankam. Im Schein ihres schwachen Fahrradlichts war der Straßenrand nur zu erahnen.
Sie war die Hauptstraße gerade ein paar hundert Meter hinuntergefahren, als ihr Vorderreifen mit einem Rums gegen ein Hindernis stieß und sie selbst unsanft mitsamt ihrem Fahrrad zur Seite ins Gestrüpp fiel. Sie spürte dabei, wie ihr ein Ast die Wange aufritzte, während sie sich am Lenkrad heftig die Rippen prellte.
Schwer atmend lag sie auf dem feuchten Boden, ihr Puls raste, und alles tat weh. Weit und breit war kein Auto zu sehen, und eine Straßenlaterne gab es auch nirgends. Mühsam befreite sie sich von ihrem Fahrrad und rappelte sich hoch. Ihre Rippen schmerzten, auch wenn sie durch den dicken Wintermantel einigermaßen geschützt gewesen waren. Als sie ihr Fahrrad zurück auf die Straße schob und dabei trotz der Dunkelheit ausmachen konnte, was ihren Sturz verursacht hatte, ließ sie es gleich wieder achtlos zu Boden fallen. Der Schreck fuhr ihr durch die Glieder.
Vor ihr am Straßenrand lag ein Mensch. War es ein Spaziergänger, den sie übersehen und angefahren hatte? Nein, die Person musste schon zuvor dort gelegen und sie zu Fall gebracht haben. Wäre sie nüchterner gewesen und weniger verträumt durch die Gegend gefahren, hätte sie das große Hindernis durchaus erkennen können. Die Person lag quer auf dem Grasbett neben der Fahrbahn. Wer weiß, wie viele Autofahrer sonst bereits über den Körper gefahren wären. Mit fahrigen Händen schaltete Gitte die Taschenlampenfunktion ihres Handys ein und leuchtete die Person an. Es war ein kräftiger Mann, so viel erkannte sie gleich. Das Gesicht war abgewandt, doch Gitte sah, dass die Haare zu einem kleinen Zopf zusammengebunden waren. Sie kniete sich zu ihm und fühlte am Hals nach dem Puls, konnte aber nicht sofort einen finden. Immerhin fühlte sich die Haut noch warm an.
»Der Mann ist wahrscheinlich angefahren oder überfahren worden«, berichtete sie atemlos, als sie im nächsten Moment die Polizei anrief. »Ich kann nicht genau sagen, ob er noch lebt oder wie schwer die Verletzungen sind. Licht habe ich hier nur an meinem Handy, also beeilt euch bitte. Mein Name ist Gitte Madsen.«
Als sie auflegte und sich den leblosen Körper genauer ansah, wusste sie, was sie so erschreckt hatte. Sie kannte den Mann. Vor ihr lag Arnes Polier August. An seinen Nachnamen konnte sie sich nicht mehr erinnern. Sie ließ ihr Handylicht langsam über sein Gesicht wandern und fuhr entsetzt zurück. Sein Blick war starr.
Jetzt wäre sicher auch jeder rational denkende Gast der Party überzeugt davon, dass mit dem nicht zerbrochenen Glas bei dem Richtspruch Unglück über den Bau gekommen war. Und was für eines! Der Mann war tot.
Sie müsste jetzt eigentlich Ole anrufen. Er würde als ermittelnder Kommissar sowieso davon erfahren. Aber der letzte Streit und das lange Schweigen seither ließen sie zögern, und sie war gerade nicht bereit, über ihren Schatten zu springen. Also harrte sie aus, bis nach knapp fünf Minuten schon das Martinshorn der Polizei ertönte. Sie hatte ihr Fahrrad mittlerweile als sichtbaren Schutz vor den leblosen Körper gestellt. Erleichtert schwenkte sie ihr leuchtendes Handy den Polizisten entgegen.
Es waren gleich zwei Fahrzeuge, die sich nun auf der Straße in beiden Richtungen mit Warnblinklicht aufstellten. Schneller, als sie »hier« rufen konnte, eilte mit langen Schritten Ole Ansgaard auf sie zu. Sie kannte viele Variationen seines mürrischen Gesichtsausdrucks, doch so verstimmt und gleichzeitig besorgt hatte sie ihn noch nicht gesehen. Er packte sie bei den Schultern und suchte ihren Körper mit hektischen Blicken ab. Sehen konnte er bei den spärlichen Lichtverhältnissen sicher nicht viel.
»Oh, Gott sei Dank, es geht dir gut. Bist du verletzt? Ich habe nur etwas von einer leblosen Person am Straßenrand und dann deinen Namen gehört.« Er blickte ihr forschend ins Gesicht. »Du blutest. Schnell, ich brauche Licht«, rief er den beiden anderen Beamten zu. Einer trug eine große Baustellenleuchte und stellte sie neben Gitte auf. Erst jetzt fiel auch Licht auf die Person am Boden.
»Mir geht es einigermaßen, ich bin gegen den Mann hier gefahren und dann mit dem Fahrrad gestürzt«, beruhigte Gitte ihn. »Ich bin nicht das Opfer, ich habe nur die Meldung gemacht.« Der Lärm einer weiteren Sirene schnitt ihr das Wort ab. Der Krankenwagen erschien, und zwei Sanitäter sprangen sogleich heraus.
Oles Haltung änderte sich augenblicklich, und er fragte scharf: »Hast du etwa jemanden mit dem Fahrrad angefahren?«
»Nein, also ja, schon, aber er lag bereits da«, stammelte Gitte.
Einer der Sanitäter beugte sich jetzt über den Mann und prüfte die Vitalzeichen. Seine schnellen Bewegungen erschlafften, und er schüttelte den Kopf. »Wir kommen zu spät, der Mann ist tot.«
Ole runzelte die Stirn. »Wie lange schon?«
Der Sanitäter erhob sich und schüttelte empört den Kopf. »Das kann ich dir unmöglich sagen. Das wird die Gerichtsmedizin klären. Am besten, ihr ruft einen Bestatter, der ihn dorthin bringt.«
Gitte fühlte sich beklommen. Sie war mit diesem Mann auf dem Richtfest gewesen, und nun lag er tot vor ihrem Fahrrad auf der Erde.
»Eine Bestatterin haben wir schon hier«, knurrte Ole. »Aber mit deiner Fahne fährst du heute besser gar nicht mehr. Bist du dir sicher, dass du ihn nicht umgefahren hast und er dabei unglücklich gestürzt ist? Ich werde bei dir jedenfalls eine Alkoholkontrolle durchführen müssen.«
Jetzt wurde Gitte wütend. »Mein Promillewert nützt dir gar nichts. Hier in Dänemark gibt es überhaupt kein Fahrradfahrverbot, wenn man Alkohol getrunken hat. Man muss sich nur auf seinem Rad halten können, und das schaffe ich noch sehr wohl. Du kannst ja hinter mir herlaufen und zuschauen, wie gut ich fahren kann!«
Sie machte Anstalten, nach ihrem Rad zu greifen, zuckte aber vor Schmerz zusammen. Ihre Rippen taten höllisch weh, und der Schnitt an ihrer Wange brannte an der kalten Luft zunehmend. Sie musste furchtbar aussehen. Der Notarzt, der inzwischen eingetroffen war, schien ihren Zustand ebenfalls zu bemerken, denn er fragte sie: »Sollen wir deine Wunde reinigen, wenn wir schon mal hier sind?«
Ole bejahte für sie und schob Gitte zum Krankenwagen. Dann kehrte er um und nahm ihr Rad.
»Ich packe es in meinen Wagen. Du fährst heute nirgendwo mehr hin. Ist Paul erreichbar?«
Er stellte das Rad neben seinen Wagen und holte sein Handy heraus.
»Wir waren zusammen beim Richtfest von Arne Hansen, aber er ist schon lange vor mir nach Hause.«
»Kann er wenigstens noch fahren, oder hat er auch zu tief ins Glas geschaut?«
»Ich bin nicht betrunken«, protestierte Gitte schwach. »Ja, du kannst ihn anrufen.«
Dann stieg sie in den Rettungswagen und setzte sich auf die Pritsche, doch der Arzt, ein älterer Mann mit Vollbart und schütteren Haaren, bat sie, sich hinzulegen.
»Wo tut es denn sonst noch weh?«
Als er nach ihrer Erklärung ihren Pullover und das Unterhemd anhob, sah Gitte, dass sich ihr gesamter Oberbauch- und Brustbereich bereits bunt färbte. Der Arzt schnalzte mit der Zunge, und sein Sanitäter, der ebenfalls zugestiegen war, zog das mobile Ultraschallgerät heran.
»Ich hoffe, das ist nur eine Prellung. Hast du dir den Lenker in den Bauch gerammt?« Gitte nickte, aber eigentlich fühlte sie sich recht fit. Sie glaubte nicht an eine innere Verletzung, war aber trotzdem froh, dass der Arzt sie nun untersuchte.
Zehn Minuten später hatte sie ein Klammerpflaster über dem fünf Zentimeter langen Schnitt an ihrer Wange und die Bestätigung, dass es außer ein paar blauen Flecken an ihrem Bauch und Brustkorb keine Verletzungen gab. Da hatte dieser kleine Rettungsring um ihre Taille immerhin auch mal etwas genutzt und ihre Organe geschützt.
Als sie wenig später in Oles Wagen saß, fühlte sie sich deutlich weniger wohl. Der Kommissar war sichtlich verstimmt und warf ihr vor, dass sie ihn nicht angerufen hatte. Dann trommelte er mit den Fingern auf dem Lenkrad herum und starrte durch die Windschutzscheibe in die Nacht.
An Ole war ein echter Westfale verloren gegangen, dachte Gitte zum wiederholten Male. Stur und wortkarg, über Gefühle redete er bloß, wenn es sein musste, und auch dann nur in alkoholisiertem Zustand. Äußerlich war er der typische Skandinavier: groß gewachsen, blaue Augen und blonde Haare. Er hatte ein markantes Kinn und schöne Lippen, und sein Lächeln war einnehmend, aber das gab es nicht oft und schon gar nicht gratis, wie sie ihm noch vor Kurzem an den Kopf geworfen hatte.
»Willst du nicht losfahren?«, fragte sie ihn schließlich.
»Nein. Ich muss jetzt erst deine Aussage aufnehmen, und dann fahre ich zum Fest von Arne Hansen. Dich lass ich gleich von meinem Kollegen nach Hause bringen. Also: Was ist passiert?«
Gitte erzählte ihm von dem missglückten Richtspruch, von den Särgen, die der Polier mitgebracht hatte, und schloss mit den Worten: »Ich kannte die meisten Leute dort nicht, aber es wurde reichlich Bier und Schnaps getrunken.«
Ole holte sein Notizheft heraus und schrieb in großen Buchstaben mit. Seine Kurzsichtigkeit ignorierte er wieder einmal geflissentlich, eine Brille hatte sie an ihm noch nie gesehen.
»Gitte, du warst nun schon zweimal in einen Mordfall verwickelt und stolperst ständig über irgendwelche Leichen. Das ist mir in höchstem Maße suspekt, und deine Berufswahl macht die Sache auch nicht gerade besser. Und jetzt raus mit dir, Jensen wartet schon.«
Peter Jensen besaß das Phlegma eines gutmütigen Beamten kurz vor der Pension, nur dass er bis zum Ruhestand noch locker fünfundzwanzig Jahre vor sich hatte.
Er winkte Gitte fröhlich zu und hielt ihr die Autotür auf. »Seit du hier in Marielyst lebst, haben wir viel mehr Spannendes zu tun und einen Chef, der sich nicht mehr permanent in die nächstgrößere Stadt flüchtet. Nykøbing hat natürlich mehr zu bieten und vielleicht auch bessere Restaurants als Marielyst. Aber seit einem Jahr hängt Ole fast nur noch auf unserer kleinen Polizeistation herum.«
Peter Jensen stieg ein und unterhielt sie auch gleich weiter, während er seinen beträchtlichen Bauch hinter das Lenkrad hievte. »Ich tippe ja auf einen Unfall mit Fahrerflucht. Bei der Dunkelheit auf der Straße herumzulaufen, ist ein bisschen zu viel Risiko, nicht? Aber Betrunkene glauben ja immer, ihr Rausch schütze sie vor allem. Ich kannte mal einen, der ist nach seiner Zecherei immer auf sein Dach geklettert und hat Arien geschmettert. War nur eine Frage der Zeit, bis er mal abstürzen würde. Und in der Silvesternacht 2016 war es dann so weit. Er plumpste seiner Nachbarin direkt vor die Füße und war tot. Dabei wollte die sich nur wegen des Lärms beschweren. Hätte sie mal lieber Ohrstöpsel genommen und wäre ins Bett gegangen. Dann wäre ihr der Anblick erspart geblieben. Aber, Gitte Madsen, betrunken auf dieser dunklen Straße Fahrrad zu fahren, das war auch keine gute Idee. Der Chef ist ja richtiggehend ausgeflippt, als er dachte, du würdest da liegen. Das hätte ebenso gut passiert sein können.«
Immerhin war sie Ole also nicht ganz egal, wenn er sich gleich solche Sorgen machte, dachte Gitte befriedigt.
»Ich bin nicht betrunken, lass dir von Ole mal nichts einreden«, versicherte sie Peter. »Ole ist nur sauer, weil ich nicht bei ihm persönlich angerufen habe. Ich hatte Licht am Fahrrad und kann ganz gut auf mich selber aufpassen.«
Sie blickte auf die Uhr am Armaturenbrett. Es war halb elf. Ihr war es viel später vorgekommen, da an diesem Abend so viel passiert war.
Peter Jensen räusperte sich. Sie waren nun im Ortskern von Marielyst angekommen, und sie navigierte ihn zu ihrem Häuschen.
»Ich muss gestehen«, sagte Jensen, »ich hatte Ole die Informationen wohl nicht ganz richtig wiedergegeben. Ich habe ihm gesagt, dass es da einen Unfall am Bøtøvej gab und jemand eine leblose Person am Straßenrand gefunden hat. Da dein Name dabei aufgetaucht ist, wollte ich ihn informieren. Weiß ja jeder auf dem Revier, dass ihr befreundet seid. So, hier ist es, nicht wahr? Ach Mist, wir hätten dein Fahrrad ja besser aus Oles Wagen genommen und in meinem untergebracht.«
Gitte reagierte nicht. Dass Peter Jensen immer nur die Hälfte einer Mitteilung verstand, hatte sie oft genug erlebt. Wenn Jensen nicht ein so freundlicher, harmloser Mensch wäre, hätte Ole ihn sicher schon nach Grönland versetzen lassen.
Erst als Gitte zu Hause auf ihrer blauen Couch saß, einen warmen Kakao zwischen den Händen und eine dicke Decke über den Knien, nahm sie sich Zeit, die Ungeheuerlichkeit des Abends auf sich wirken zu lassen. Ausgerechnet der Mann, der bei dem Fest für ein schlechtes Omen gesorgt hatte, hatte wenig später tot am Straßenrand gelegen. Gitte ging davon aus, dass es ein Unfall gewesen war. Oder aber der Mann hatte einen Herzinfarkt erlitten. So selten kam das bei Männern zwischen vierzig und fünfzig Jahren ja gar nicht vor. Aber wieso nur war er allein auf der Straße unterwegs gewesen? Einige Männer hatten sich von ihren Frauen abholen lassen. Er war als Polier der Chef seiner Truppe und hätte doch bestimmt eine Mitfahrgelegenheit organisieren können.
Sie dachte an Ole, der als ermittelnder Kommissar nun noch spätabends auf dem Richtfest nach Zeugen und Alibis fragen musste. Und das, obwohl sie wusste, dass er das Arbeiten nach Feierabend hasste und meist auch erfolgreich vermied. Daher rechnete sie auch nicht damit, dass er ihr heute noch das Fahrrad zurückbringen würde. Sie würde morgen wohl zu Fuß zur Arbeit gehen müssen. Das war kein großes Problem, denn ihr Häuschen befand sich nur wenige Straßen vom Ortskern entfernt, wo das Bestattungsinstitut lag.
Sie arbeitete seit Juli letzten Jahres bei Paul, nachdem sie ihren Job bei der Opferhilfe in Münster und zugleich ihren Freund und ihre Wohnung dort aufgegeben hatte, um nach Dänemark zu ziehen, der Heimat ihres Vaters. Dass es ausgerechnet der Ferienort Marielyst geworden war, beruhte auf einer lange zurückliegenden Tragödie. Hier war vor knapp zwanzig Jahren Mads Madsen, ihr Vater, spurlos verschwunden.
Viele Jahre lang hatte Gitte den Vermutungen ihrer Mutter geglaubt, Mads habe sich eine andere Frau gesucht und sei mit ihr durchgebrannt. Auch ein tödlicher Unfall im Meer wurde in Betracht gezogen, während Gitte als Ursache für das Verschwinden ihres Vaters immer ein Verbrechen befürchtet hatte. Und so war sie seit ihrer Ankunft in Marielyst den Spuren ihres Vaters gefolgt. Das Graben in alten Erinnerungen hatte nicht jedem in Marielyst gefallen, und erst ihr Kontakt zu einer älteren Dame, die man nur »die Russin« nannte, hatte Gitte im September die ungeheuerliche Information geliefert, dass ihr Vater noch lebte.
Jedes Mal, wenn Gitte daran dachte, stieg Wut in ihr auf. Angeblich lebte ihr Vater mit einer russischen Frau zusammen in Kiew. Die Umstände waren mehr als fragwürdig, sodass alle von einer Kontaktaufnahme abgeraten hatten.
Das hätte Gitte sicher nicht daran gehindert, sofort dorthin zu reisen, aber ihre Tante Stine, die Schwester von Mads, hatte sie erfolgreich davon abhalten können, indem sie selbst das Ruder in die Hand nahm.
»Ich reise zu ihm«, hatte sie energisch verkündet. Doch das Vorhaben hatte sich hingezogen, und nun war es bereits mehr als ein halbes Jahr her, dass Gitte die Neuigkeiten über ihren Vater erfahren hatte.
Erst hatte ein Herzinfarkt Tante Stines Pläne durchkreuzt und sie für eine ganze Weile außer Gefecht gesetzt. Danach folgte die Reha, und schließlich war Weihnachten gewesen. Im Winter wollte Stine nicht in den Osten reisen, und irgendwie ergaben sich immer wieder neue Verzögerungen. Eines Tages im Mai hatte Gitte sich einen neuen Koffer und einen Sprachführer für die Ukraine gekauft, und dies überall im Ort kundgetan. Von da an war Tante Stine entschlussfreudiger geworden.
»Das Kind«, wie sie in ernsten Angelegenheiten zu sagen pflegte, wolle sie »auf gar keinen Fall auf eine Reise mit ungewissem Ausgang schicken«. Vor drei Tagen schließlich war sie dann mit dem Zug nach Kiew gereist. Denn in ein Flugzeug stieg Stine nicht mehr, seit es vor Jahren bei einem Flug mit ihrem Gatten zu einem peinlichen Zwischenfall gekommen war, bei dem er die halbe Maschine vollgekotzt hatte. Als ihr Mann wenige Monate später starb, hatte sich ihre Trauer in Grenzen gehalten. Gut verstanden hatte sich das Ehepaar schon seit Langem nicht mehr.
So war Tante Stine vor wenigen Tagen mit ihrem alten grünen Lederkoffer nach Kopenhagen und von dort weiter nach Kiew aufgebrochen, um es mit der Russenmafia, mit einem abtrünnigen Bruder und mit den Weiten eines unbekannten Landes im Osten aufzunehmen.
Gitte schüttelte den Kopf. Wenn ihre Tante, die im Nachbarort Nykøbing wohnte, wüsste, dass ihre Nichte schon wieder über eine Leiche gestolpert war, würde sie die Hände überm Kopf zusammenschlagen und ihre Reise abbrechen.