Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2011
© 2015 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: © AVTG – www.istockphoto.com (oben)
und © 4FR –www.istockphoto.com (unten)
Lektorat und Satz: BuchBetrieb Peggy Stelling, Leipzig
eISBN 978-3-475-54393-7 (epub)
Viktoria Schwenger
Dunkle Wolken über Altdorf
Beim Dorffest in Altdorf lernen sich Bauernsohn Michael und Lehramtsstudentin Nicole kennen und lieben. Die Beziehung steht jedoch auf dem Prüfstand, denn ihre Familien könnten kaum unterschiedlicher sein: Michaels Eltern wünschen sich für den künftigen Hoferben ein Mädchen vom Land. Nicoles Vater hat für seine einzige Tochter große Pläne und stellt sich als Schwiegersohn nicht gerade einen Bauern aus dem Dorf vor. So beschließen die beiden, ihre Verbindung zunächst geheim zu halten. Als ein Bauprojekt beide Familien und das ganze Dorf gegeneinander aufbringt, spitzt sich die Lage weiter zu.
Der junge Mann, schlank und großgewachsen, in Jeans und Lodenjoppe, strebte mit ausgreifenden Schritten vom Dorf dem Wald hinauf zu. Am Waldrand angelangt, blieb er stehen, lehnte sich an den Stamm einer kräftigen Eiche und blickte zurück. Aus der Ferne grüßten die Gipfel der Berge des oberbayerischen Chiemgaus, leuchteten die schroffen Felswände des Massivs des »Wilden Kaisers« in der späten Nachmittagssonne. Mit offenen Augen nahm er die Schönheit dieser Landschaft, seiner Heimat, auf.
Er ließ den Blick zum Dorf hinunter schweifen.
Altdorf, das Dorf in dem er geboren wurde und aufgewachsen ist, lag linkerhand unter ihm. In der Mitte ragte die Kirche mit dem spitzen Turm empor, darum gruppierten sich die mit roten Ziegeln gedeckten Häuser des Dorfes mit ihren weit auskragenden Dächern, so wie es hier im bayerischen Oberland typisch war.
Sein Elternhaus lag gleich neben der Kirche und dem Dorfplatz mit der alten Linde. Es war das letzte, noch bewirtschaftete Bauernhaus im Dorf, alle anderen Bauern hatten die Landwirtschaft entweder aufgegeben oder Aussiedlerhöfe außerhalb der Ortschaft gebaut.
Rechterhand des alten Dorfes, auf einem sanften Hügel mit Bergblick, war in den letzten Jahren ein neues Baugebiet ausgewiesen worden, ein ganzes neues Dorf war dort entstanden. »Hypothekenhügel«, nannten es die Alteingesessenen ironisch-spöttisch.
Viele junge Familien hatten sich in den letzten Jahren hier angesiedelt, trotz der schlechten öffentlichen Verkehrsanbindung des Ortes. Die Männer scheuten, als Pendler, die Fahrt nach München zu ihren Arbeitsplätzen offenbar nicht.
In seiner Kindheit hatte das Dorf gerade mal fünfhundert Einwohner gehabt; inzwischen war es, dank des Neubaugebietes, auf über eintausend Bewohner angewachsen, hatte sich gleichsam verdoppelt. Früher hatte jeder jeden gekannt und fast alle Ansässigen des Ortes waren Landwirte gewesen, bis auf den Wirt, der früher einmal sogar eine eigene kleine Brauerei betrieben hatte und dessen Gasthaus deshalb noch heute »Zum Bräu« genannt wird. Doch die Bräuin hatte während des Ersten Weltkrieges alle Sudkessel, Rohre und Leitungen abgeliefert, denn zur Verteidigung des Vaterlandes benötigte man jegliche Art von Metall.
Was für ein Schock für ihren Mann, der, als er nach Beendigung des Krieges von der Front nach Hause kam, nichts mehr zum Brauen vorfand! So hatte es mit der Altdofer Brauerei ein Ende gehabt.
Gerade einmal einen kleinen Kramerladen hatte es in seiner Kindheit gegeben, für die nötigsten Dinge des täglichen Bedarfs, alles andere musste in den umliegenden größeren Ortschaften besorgt werden. Irgendwann hatte die »Kramerin« ihren Laden geschlossen, da sich der Umsatz so verringert hatte, dass sich die Arbeit für die alte Frau nicht mehr lohnte. Nur noch das, was die Leute in der nächstgelegenen Stadt zu kaufen vergessen hatten, wurde bei ihr geholt.
Heute gab es immerhin wieder eine Metzgerei, einen Bäcker und sogar einen Frisiersalon! Und die alte Hufschmiede, die es früher einmal gegeben hatte, war inzwischen zu einer Kraftfahrzeugwerkstätte umgebaut worden. Niemand ließ heute noch ein Pferd beschlagen, so wie früher, und zu dem Reiterhof in der Nähe kam regelmäßig ein mobiler Hufschmied. Ach ja, und dann gab es noch eine Schreinerei und eine Filiale der Kreissparkasse, immerhin mit einem Geldautomaten. Doch das war es dann auch schon mit der Infrastruktur.
Die kleine Dorfschule, in die er während der Grundschulzeit, mit dem Ranzen auf dem Rücken, gegangen war, lag nicht weit vom Dorfplatz entfernt, gleich neben dem Feuerlöschteich, in dem er als Bub im Sommer mit den Freunden gebadet hatte.
Später war er mit dem Schulbus in die nächstgrößere Stadt zur Realschule gefahren, einen Schulbus gab es damals bereits für die Kinder der weiterführenden Schulen. Jetzt war die Grundschule in Altdorf geschlossen, wie so viele der kleinen örtlichen Schulen im Zuge der Schulreform geschlossen worden waren. Selbst die Erstklässler fuhren heute mit dem Schulbus in den nächsten Ort, wohin aus allen kleinen Dörfern und Einödhöfen der Umgebung die Busse mit den Kindern in die zentrale Grund- und Hauptschule kamen. Das alte Schulgebäude war in den letzten Jahren in dörflicher Gemeinschaftsarbeit und aus Spendengeldern renoviert und in ein »Dorfzentrum« umgebaut worden, in dem jetzt die ortsansässigen Vereine, allen voran der Männer- und Burschenverein, der Frauen- und Mütterverein und die anderen Vereine des Ortes ihre Veranstaltungen abhielten.
Einmal im Jahr, im Juli, wird im Garten des »Alten Schulhauses« ein Zelt errichtet, für das Dorffest. Eine Musikkapelle spielte auf und es gibt Speis und Trank, vor allem das Letztere, denn dem Bier wurde gerne und reichlich zugesprochen.
Und auf dem letzten Dorffest hatte er Nicole kennengelernt.
Michael beschattete die Augen mit der Hand gegen die tiefstehende Sonne und spähte hinauf zum Hügel der Neubürger, doch es war niemand zu sehen, von dort auf dem Weg hierher zum Waldrand. Langsam ging er in den Wald hinein, bis zu der kleinen Lichtung mit dem Hochsitz, der auf eine der Fichten gebaut war. Behände stieg er hinauf. Der Wald gehörte ihm, das hieß seiner Familie, und war zudem sein Jagdrevier. Er liebte die Jagd und die Hege des Wildes über alles. Es war seine Leidenschaft, alleine im Wald umherzustreifen oder auf dem Ansitz auf das Wild zu warten, es zu beobachten oder auch zu schießen. Dann fühlte er sich am wohlsten, ganz eins mit sich und der Welt. Doch heute war er nicht auf der Jagd, er wartete auf Nicole.
Mehr als ein Jahr war es nun her, dass er Nicole zum ersten Mal, eben auf diesem besagten Dorffest, gesehen hatte. Sie hatte mit einigen anderen jungen Mädchen, die er nicht kannte, vermutlich welche vom Hügel oben, am Nebentisch gesessen. Sie war ihm durch ihr fröhliches Lachen unter den anderen jungen Frauen gleich aufgefallen. Ein paar Mal hatte er verstohlen zu ihr hingeschaut, aber er war nicht der Typ, der so einfach und locker Mädchen ansprach. Wenn nicht sein bester Freund Roman dabei gewesen wäre, vielleicht hätten sie sich nie kennengelernt.
Roman hatte gleich mit dem Nebentisch »angebandelt«, wie man so sagt, und es dauerte nicht lange, da saßen die vier jungen Frauen mit ihm und Roman an einem Tisch. Sie waren tatsächlich von oben vom Hügel, spätestens an ihrer Aussprache hätte man es erkannt, kein bisschen Dialekt war da zu hören.
Roman führte wie immer das Wort, während er, Michael, ruhig dabei saß und nur gelegentlich eine Bemerkung einwarf. Später, als sie sich ineinander verliebt hatten, erzählte ihm Nicole, dass ihr gerade diese Zurückhaltung so an ihm gefallen hatte.
Die Stimmung beim Fest war recht ausgelassen gewesen, und später setzten sich noch einige der Burschen vom Dorf zu der kleinen Gesellschaft. Irgendwann saß plötzlich Nicole neben ihm.
»Sehr laut hier, nicht?«, meinte sie.
»Ja, ja, das Bier tut seine Wirkung.« Er hob seinen Maßkrug und prostete ihr zu. »Was trinkst denn da?«, fragte er neugierig, als er in ihr Glas sah.
»Ich bin auf Wasser umgeschwenkt«, lachte sie, »allzu viel Alkohol vertrage ich nicht.«
»Wasser? Oh, je! Ich hab’ gar ned g’wusst, dass im Zelt auch Wasser ausg’schenkt wird!«
»Doch, doch! Allerdings nur in Flaschen, und ich gieße es in einem unbemerkten Augenblick in meinen Bierkrug.« Sie sah ihn schelmisch an. «Ich möchte lieber nüchtern bleiben, wenigstens einigermaßen! Ich glaube, ich habe ohnehin schon zu viel getrunken.« Sie nahm einen Bierdeckel zur Hand und fächelte sich Luft zu. »Heiß ist es hier drin, es ist kaum auszuhalten.« Sie sah ihn von der Seite an, zwinkerte ihm zu.
Michael wusste nicht so recht, was er darauf antworten sollte. Roman hätte da längst schon die passende Antwort parat gehabt. Doch der zog gerade eines der Mädchen auf die Tanzfläche.
Nicole sah ihn aufmunternd an. Tanzen war nun nicht gerade seine Leidenschaft, doch jetzt fühlte er sich fast dazu genötigt. »Möchtest vielleicht tanzen?«
Fast hoffte er auf eine ablehnende Antwort, doch sie stand sogleich von der Bank auf. »Ja, gern!«
Er führte sie durch das vollbesetzte Zelt zur Tanzfläche. Irgendwie wird es schon gehen, hoffte er im Stillen bei sich. Doch es ging viel besser, als er gedacht hatte, und nach einigen Tänzen machte es ihm sogar Spaß. Sie tanzten, bis die Kapelle zu einer Pause aufrief.
»Puh, jetzt ist mir noch heißer«, prustete Nicole und strich sich die aufgelösten Haare aus dem Gesicht. Sie sah zu den Musikern hin, einer bekannten Party-Band. »Die spielen ja wirklich toll, die könnten es mit jeder Band in der Stadt aufnehmen«, meinte sie anerkennend.
»Ja, aber jetzt ist erst mal Pause.« Auch Michael war bei den heißen Rhythmen außer Atem gekommen. Er nahm Nicole am Arm und wollte sie an ihren Tisch zurückführen, doch sie deutete ihm an, dass sie nach draußen gehen wollte.
Aus dem Hintergrund hörte er Roman rufen: »Hey, Michi, wo gehst denn hin?«, doch er reagierte nicht darauf. Er strebte mit Nicole, ohne sich umzusehen, dem Ausgang zu.
Die Kühle der Nacht umfing sie, er führte Nicole aus dem Lichtschein des Zeltes hinaus und hinüber zum Feuerlöschteich, der ruhig und silbrig schimmernd im Mondlicht vor ihnen lag.
»Wenn du einen Badeanzug dabei hättest, könntest dich ein bisschen im Wasser abkühlen«.
Sie lachte leise. »Ach ja, und du?«
»Ja, mich tät’s wahrscheinlich nicht recht abkühlen, wenn ich mit dir im Mondlicht baden tät«, meinte er mutig.
Wieder lachte sie leise. »Ja, Spaß machen tät es mir schon zu schwimmen. Aber das geht wohl nicht, oder? Ich meine, so ohne Badezeug?«
»Na, das geht nicht! Das tät ein schönes G’rede geben im Dorf. Und womöglich käme noch die ganze Bande aus dem Zelt dazu. Lieber nicht!« Er sah auf sie hinab, die zierliche Nicole war einen Kopf kleiner als er, reichte ihm gerade bis zur Schulter. »Aber ich weiß einen schönen, verwunschenen Weiher hinter dem Wald, mit ganz warmem Moorwasser. Mit dem Auto ist es nicht weit von hier.«
Sie sah ihn spitzbübisch an. »Und jetzt glaubst du, ich fahr mit dir da hin?«
Er nahm eine Strähne ihres aufgelösten Haares und wickelte es sich um den Finger. »Ehrlich gesagt, ich glaub’s ned. Aber schön wär’s schon!«
»Mhm! Vielleicht ein anderes Mal!« Sie legte den Kopf schief und lächelte ihn an.
»Und wann ist ein anderes Mal?«
Doch bevor Nicole antworten konnte, hörten sie Romans Stimme. »Ah, da habt’s ihr euch versteckt!« Er führte eines der anderen Mädchen, eine Dunkelhaarige mit ganz kurzen Haaren, an der Hand. »Die Sandra hat dich schon gesucht, Nicole!«
»Ich wollte gerade wieder reinkommen«, und zu Sandra meinte sie: »Ich denke, wir sollten uns auf den Heimweg machen, es ist schon spät genug.«
»Und wo müsst’s ihr hin?«
»Nur rauf zum Hügel. Ich wohne da und Sandra ist bei mir zu Besuch übers Wochenende.«
»Na, da begleiten wir euch doch!«, meinte Roman gut gelaunt. »Wer weiß, was euch sonst noch passiert in der Nacht.«
»Ja, gerade auf dem Dorf! Da haben wir wirklich Angst!« Sandra kicherte und hakte sich bei Roman ein. »Aber es ist okay, ihr dürft uns nach Hause bringen!«, meinte sie gespielt großzügig.
Die Vier machten sich auf den Weg durchs alte Dorf und wandten sich dann der Straße zum Hügel zu.
»Schau, da wohn’ ich«, meinte Michael, als sie am Rechenauerhof, mit dem Stall neben dem Wohnhaus, vorbeikamen.
»Da?!«, rief Nicole überrascht aus. »Dann bist du ja ein Landwirt? Also, das hätte ich nie gedacht!«
»Ah, so? Ja, ich bin ein Bauer, wenn du das meinst.« Er sah sie ironisch an. »Hast denn gedacht, dass man als Bauer immer im Stallgewand und in Gummistiefeln rumläuft und mit der Mistgabel aufs Dorffest geht?«
»Nein, nein!«, beeilte sich Nicole schnell zu sagen. »Aber du siehst so überhaupt nicht wie ein Bauer aus, oder was ich mir zumindest unter einem Bauern vorstelle.«
»Was stellst dir denn unter einem Bauern vor?«
»Ich weiß auch nicht«, Nicole war es unangenehm, welche Wendung ihre Unterhaltung genommen hatte. »Auf jeden Fall nicht so jemanden wie dich!«
»Aber ich bin ein Bauer und gerne noch dazu.« Fast trotzig klang es.
»Ja, das ist super so! Ich finde es gut, wenn jemand seinen Beruf gerne macht!«
Sie hatten sich gegenüber Roman und Sandra etwas zurückfallen lassen und blieben jetzt unter einer der wenigen Straßenlaternen stehen.
»Und was machst du?«
»Ich studiere in München, fürs Lehramt.«
»Aha, dann willst einmal Lehrerin werden!«
»Ja, für die Grundschule, für die Kleinen. Ich mag Kinder! Am liebsten wäre ich ja Erzieherin oder Kindergärtnerin geworden, ich habe da auch mal ein Praktikum gemacht. Aber da war mein Vater total dagegen, der ist schon sauer, weil ich ›nur‹ Lehrerin werden will.«
»Aber des ist doch ein schöner Beruf!«
»Ich finde auch! Na, ist ja auch egal! Man muss wissen, was man will und sich dann durchsetzen!«
Sie waren weitergegangen und holten Roman und Sandra ein, die im Schein der nächsten Straßenlaterne standen und sich küssten.
»Der Roman!«, lachte Michael leise. »Der lässt aber auch gar nichts anbrennen. Komm, gehen wir weiter!«
Die Beiden ließen sich nicht stören, noch nicht einmal, als ihnen Nicole im Vorbeigehen leise zurief: »Ich lasse den Schlüssel unter der Fußmatte liegen für dich, Sandi!«
Schweigsam waren sie auf der Höhe des Hügels angekommen. Nicole blieb vor einem villenartigen Gebäude stehen. »Da wohne ich!«
Michael sah auf das beleuchtete Haus, das bestimmt das schönste und größte auf dem Hügel war. »Mhm, ja, dann!« Verlegen stand er vor ihr.
Nicole sah ihn an, abwartend, doch als er weiter nichts sagte, nur stumm da stand, nahm sie seine Hände. »Vielen Dank, dass du mich nach Hause gebracht hast, Michi!«
Er registrierte gleich, dass sie zum ersten Mal »Michi« zu ihm gesagt hatte. »Des hab’ ich gern gemacht!« Wieder schwieg er, stand vor ihr und sah sie an.
»Also, dann! Tschüss!«
»Vielleicht hast mal Lust zum Baden im Waldsee?«, brachte er endlich heraus.
»Ja, gern!« Sie schien erleichtert, dass er endlich etwas sagte. »Ich muss zwar morgen wieder in die Stadt, aber wenn du magst, dann komme ich am nächsten Wochenende raus nach Altdorf!«
»Ja, des tät mich freuen!« Auch er schien ganz erleichtert über Nicoles Angebot.
»Hier, schau mal.« Sie nahm einen kleinen Notizblock und einen Stift aus ihrer Handtasche. »Ich schreibe dir meine Handynummer auf. Ruf mich doch an, wenn du Lust hast und dann machen wir etwas aus. Vielleicht mit Roman und Sandra zusammen?« Sie sah ihn fragend an.
Er schüttelte heftig den Kopf. »Nein, nur mit dir!«
Wieder lachte sie dieses leise, glockenhelle Lachen, das ihm gleich an ihr aufgefallen war. »Gut, dann eben nur wir zwei!«
Sie streckte sich auf die Zehenspitzen und fuhr ganz leise und sacht mit dem Mund über seine Wange, wie einen zarten, duftenden Lufthauch empfand er es. Dann lief sie davon, die Treppen zum Haus hinauf, er sah ihr nach. Oben blieb sie stehen, winkte ihm zu und war kurz darauf in der Dunkelheit des Hauseingangs verschwunden. Er verharrte noch für einen Moment wie angewurzelt, doch sie blieb verschwunden. Er fühlte sein Herz klopfen. Langsam ging er den Hügel hinab. Sachte berührte er die Stelle an seiner Wange, an der ihre Lippen ihn berührt hatten.
Er kam an der Straßenlaterne vorbei, an der Roman und Sandra gestanden hatten, niemand war zu sehen. Wo sie wohl hingegangen waren? Vielleicht zurück zum Fest, vielleicht auch woanders hin? Der Roman war ein echter Kumpel, aber auch ein Schürzenjäger. Kein Wunder, wo ihm die Mädchen geradezu nachliefen, bei seinem südländischen Aussehen und seinem Charme.
Er berührte den Zettel mit der Handynummer in seiner Jackentasche. Sollte er Nicole wirklich anrufen? Es war ein verlockender Gedanke, doch zugleich wusste er, dass das mit ihm und Nicole nie etwas werden konnte. Da waren ihre Herkunft und vermutlich auch ihre Ansichten zu unterschiedlich. Trotzdem – schön wäre es schon mit ihr alleine, nachts, an dem verwunschenen Waldsee.
In der Tat waren sie in der folgenden Woche zu dem kleinen See gefahren. »Märchensee«, hatte Nicole das Gewässer später getauft; da begann ihre Liebe.
Über seinen Erinnerungen war Michael auf dem Hochsitz fast eingenickt; er schreckte hoch, als er Zweige knacken hörte. Zwischen den Bäumen sah er Nicoles hellblondes Haar aufleuchten und kurz darauf trat sie auf die Lichtung, blickte wie sichernd um sich und kam dann auf den Hochstand zu.
»Bleib oben, Michael, ich komme schon!«, rief sie ihm verhalten zu, als sie sah, dass er sich anschickte, die Leiter hinabzusteigen.
Michael beugte sich nach unten und als sie die ersten Stufen erklommen hatte, reichte er ihr die Hand und zog sie hinauf zu sich auf den Sitz. Aufatmend ließ sie sich neben ihm auf die Bank fallen.
»Puh, ich bin völlig außer Puste, so bin ich mit dem Rad gespurtet.« Sie strahlte ihn an.
»Ich wär’ fast eingeschlafen.« Michael legte den Arm um sie und küsste sie leidenschaftlich auf den Mund. Nicole schmiegte sich eng an ihn.
»Ach, tut das gut, wieder einmal bei dir zu sein!«, stöhnte sie, als er sie frei ließ. Michael antwortete nichts, er atmete schwer und drückte sie wieder an sich. Er schob seine Hand auf ihre Brust.
»Ich hab’ mich so sehr nach dir gesehnt«, stöhnte er. »Allzu lange halt’ ich es nicht mehr aus!«
»Aber Michi, nimm dich zusammen, doch nicht hier!« protestierte Nicole, vor verhaltener Freude glucksend und schob ihn etwas von sich. »Ich sehne mich ja auch nach dir!« Sie umarmte ihn, strich ihm übers dunkle Haar und überschüttete sein Gesicht mit Küssen.
»Komm, Nicky, hier sieht uns niemand!« Er fasste wieder nach ihrer Bluse.
»Nein, nein! Das geht nicht, ich hab doch mein Fahrrad am Waldrand liegen lassen!«
»Geh, lass doch das dumme Radl!«
»Aber wenn es jemand sieht und dann nach dem Besitzer sucht?«
Michael ließ von ihr ab und stöhnte. »Also, Nicky, irgendetwas muss sich ändern! So kann es nicht weitergehen. Ich hab’ diese ewige Heimlichtuerei satt!«
»Ja, ich weiß! Mir geht es auch auf den Geist! Aber ich muss unbedingt noch das erste Staatsexamen hinter mich bringen, dann bin ich finanziell unabhängiger von meinem Vater!«
»Finanziell unabhängiger!« Michael schüttelte genervt den Kopf. »Wenn du meine Frau bist, kannst du trotzdem weiterstudieren. Des hab’ ich dir doch längst versprochen!«
»Na, da würden sich deine Leute aber freuen, eine Studentin als Schwiegertochter, auf einem Bauernhof! Eine, die jeden Tag nach München zur Uni fährt oder sogar unter der Woche in der Wohngemeinschaft, mit zwei anderen Studenten, dort wohnen bleibt! Für die wird es doch schon schwer genug sein, eine Lehrerin als Schwiegertochter zu akzeptieren!«
»Ja, des ist sicher nicht das, was sie sich vorstellen«, stimmte Michael zu. »Aber die Zeiten haben sich geändert, des müssen’s halt kapieren.«
»Das sagst du so einfach! Wenn ich an meinen Vater denke! Ich fürchte, der bekommt einen Herzinfarkt, wenn sein einziges Kind, mit dem er so große Pläne hatte, einen Bauern in Altdorf heiratet und als Enkelkinder kleine, rotbackige Bauernkinder in die Welt setzt!«
Sie lachte leise bei der Vorstellung.
»Was hat er denn gegen rotbackige Bauernkinder, ich war auch einmal eins und schau, was aus mir geworden ist!« Michael setzte sich gespielt in Positur und ließ die Muskeln spielen.
»Ach, du!« Sie umarmte ihn und wuschelte mit der Hand durch seine Haare. »Aber es geht wirklich nicht! Wir müssen noch etwas Geduld haben und es langsam und klug einfädeln!«
»Ich weiß nicht, Nicole!« Michael lehnte sich zurück, er war ernst geworden. »Es ist unser Leben und wir müssen den Mut haben, zueinander zu stehen, egal was die Anderen sagen. Wir leben doch nicht mehr im vorletzten Jahrhundert, verdammt nochmal!«
»Fluche nicht, Michael. Gib mir noch etwas Zeit!«
»Meine Mutter nervt mich jeden Tag, ob ich nicht bald eine Bäuerin heimbringe, damit sie übergeben können, jetzt, nachdem der Vater nicht mehr so gesund ist!«
»Na, siehst du! Sie stellt sich eine Bäuerin als Schwiegertochter vor!«
»Das ist mir egal«, gab Michael unwirsch zurück. »Heute ist das mit der Landwirtschaft nicht mehr so wie früher, wer weiß, wie lange ich noch Landwirt bleiben kann. Es schaut für Bauern, mit der Größe unseres Hofes, alles andere als gut aus. Manchmal möchte man fast resignieren und aufgeben!«
Nicole sah ihn betroffen an. »Das hast du mir noch nie gesagt!«
»Es ist aber so! Ach was, soll ich uns die wenigen Male, die wir zusammen sind, auch noch vermiesen?« Michael machte einen niedergeschlagenen Eindruck.
»Neulich haben wir Familienrat abgehalten. Wir haben ganz ernsthaft beratschlagt, ob es denn überhaupt noch Sinn hat, die Landwirtschaft weiter zu betreiben.«
»Ja, aber was willst du denn machen, wenn du die Landwirtschaft aufgibst? Du hast doch nichts anderes gelernt?«
»Da hast Recht. Und jetzt bin ich dabei, auch noch den Meister zu machen! Nein, nein! Ich hab’ dem Vater gesagt, dass ich weiter Bauer bleiben will, für mich gibt’s nix anderes! Irgendwie muss ich es schaffen!«
»Michael! Wenn das so ist, dann ist es vielleicht ganz gut, wenn ich einmal eine feste Stelle als Lehrerin habe und mitverdiene!« Nicole sah ihn bestürzt an.
»Keine Angst, Nicole! Ich hab’ nämlich eine supertolle Idee! Darauf hat mich der Huber von Netteldorf drüben gebracht.«
»Und was?« Nicole sah ihn neugierig an.
»Ich werd’ eine Biogasanlage bauen, ich glaub’, das ist die Rettung! Vom Landwirt zum Energiewirt!« Er lachte kurz auf, doch es klang bitter. »Nein, nein, so schlimm wird es nicht«, fügte er schnell hinzu. »Es soll ja, zumindest vorerst, nur ein Zusatzeinkommen zur Landwirtschaft sein.«
»Eine Biogasanlage? Was ist das denn?« Nicole sah ihn fragend an.
»Da wird Energie erzeugt, erneuerbare Energie! Da können wir nicht nur unseren eigenen Strom erzeugen, sondern auch noch verkaufen!«
»Und wie willst du da Strom erzeugen?«
»Da werden die Rohstoffe von unseren Feldern, ›Nawaro‹ nennt man das heute, fermentiert«. Michael verzog bei der eigenartigen Wortschöpfung »Nawaro«, die für nachwachsende Rohstoffe steht, das Gesicht. »Also, das heißt im Klartext, dass wir aus einem Teil der Pflanzen, die wir auf den Feldern anbauen, Mais zum Beispiel, in der Anlage Strom erzeugen. Damit können wir Haus und Betriebsgebäude versorgen und sogar Strom ins öffentliche Netz einspeisen und verkaufen! Das ist doch genial, oder? Abwärme wird dabei auch noch erzeugt und der Gärrest, das ist ein prima Dünger, viel besser und nicht so aggressiv wie Gülle!« Er hatte sich richtig in Begeisterung geredet.
»Mhm, das klingt ja toll.«
»Das ist es auch! Kostet natürlich was, aber das amortisiert sich nach einigen Jahren und subventioniert wird es ja auch. Dass das mit dem Erdöl und dem Erdgas nicht mehr ewig so weitergehen wird, das weiß man doch! Wir müssen nach neuen Wegen für die Energiegewinnung suchen!«
»Also Michael, du redest ja fast so gescheit daher wie ein Politiker!« Nicole lachte. »Aber natürlich hast du Recht, so wie bisher kann es nicht weitergehen, das weiß jeder! Aber wo soll diese Anlage stehen? Bei euch am Hof, mitten im Dorf ist ja wohl kein Platz dafür!«
»Nein, natürlich nicht, das ist ja ein größeres Gebäude. Ich will sie nach Thal runter bauen, weißt, links, wo die alte Scheune steht. Das wäre der ideale Standort.«
»Ach, da! Am Ortsrand von der Neubausiedlung?«
»Ja, genau! Aber nicht direkt am Ortsrand, etwas weiter unten. Das ist weit genug vom Ort entfernt.«
»Mhm!« Nicole sah nachdenklich drein. »Aber man sieht die Anlage schon, vom Hügel aus, meine ich!«
»Ja, vielleicht noch ein bisserl was vom Dach, von der Kuppel!«
»Mhm«
»Was, mhm? Gefällt dir meine Idee nicht? Du, das mache ich für uns, für unsere gemeinsame Zukunft!«
»Ja, das schon«, stimmte Nicole zögerlich zu. »Aber es ist so etwas Technisches, etwas wie eine Fabrik, mitten in der Landschaft!«
»Na, jetzt hör aber auf! Natürlich ist es etwas Technisches! Ich spann’ auch nicht mehr die Ochsen ein zum Pflügen wie früher, sondern fahr’ mit dem Traktor!«, entgegnete Michael leicht verärgert. »Und dein Vater fährt auch nicht mehr mit der Kutsche zu seinem Job nach München, sondern nimmt seinen Mercedes mit allem Pi-Pa-Po!«
»Das meine ich doch nicht, Michael! Aber es ist etwas ganz anderes als ein Bauernhof und ein Stall! Weißt du, die Leute sind eben nicht aufs Land gezogen, um auf so eine Anlage zu schauen«.
Nun war Michael wirklich verärgert. »Ja, verdammt nochmal, soll ich mit meinem Betrieb zugrunde gehen, nur weil die Leut’ unbedingt aufs Land wollten. Ich hab’ sie ned her g’holt, wir haben nicht einmal Grund als Bauland verkauft wie manch anderer im Dorf, der dann seine Landwirtschaft aufgegeben hat und heute nur noch privatisiert und dem Herrgott den lieben, langen Tag stiehlt!« Michael hatte sich in Rage geredet.
»Michael!« Nicole strich ihm die Haare zurück, die ihm in die Stirn gefallen waren. »Jetzt lass doch! Ich versuche nur, es von verschiedenen Seiten zu sehen. Aber sicherlich hast du Recht!«
Sie sah verstohlen auf ihre Armbanduhr. »Du, ich muss los! Ich fahre heute noch zurück nach München, warte nur noch, bis mein Vater vom Flughafen kommt, um ihn kurz zu sehen.«
»Ja, ja, fahr nur!« Michael wirkte niedergeschlagen. »Jetzt haben wir das bisschen Zeit, das wir füreinander haben, mit diesem Streit vertan!«
»Ach was, das war doch kein Streit, das war nur eine Diskussion!« Sie kuschelte sich an ihn, um ihn versöhnlich zu stimmen »Kannst du nicht morgen nach München kommen?«, schmeichelte sie. »Dann machen wir es uns schön gemütlich.«
»Ich weiß nicht«, er zuckte ratlos mit den Schultern. »Ich kann nicht immer so einfach weg. Die Eltern fragen sich schon, warum ich so oft in die Stadt fahre. Ich schieb’ es auf die Biogasanlage«. Er schmunzelte. »Die haben keine Ahnung, dass du meine Biogasanlage bist, meine erneuerbare Energie.« Er nahm Nicole in die Arme. »Ach was, irgendwie krieg’ ich es schon hin, zu dir zu kommen, ich will endlich mal wieder mit dir schlafen.«
»Das will ich auch, Michael.« Sie sah ihm fest in die Augen. »Wir schaffen es schon zusammen! Nur noch ein bisschen Zeit musst du mir geben!«
»Okay«, er nickte aufseufzend. »Wird schon werden. Jetzt geh nur, ich warte hier bis du weg bist. Damit uns niemand zusammen sieht«, fügte er leicht sarkastisch hinzu.
»Michael!« Nicole sah ihn bittend an. »Komm her und sei mir nicht böse!« Sie legte ihre Arme um ihn und gab ihm einen letzten Kuss, dann begann sie die Leiter hinabzusteigen. Unten angekommen sah sie zu ihm hinauf und warf ihm einen Handkuss zu. »Tschüss, bis morgen!«
»Servus, und Nicole – nichts weiterzählen wegen der Biogasanlage, weißt schon! Des ist alles noch geheim und nicht ganz ausgegoren.«
»Nein, nein, ich erzähle nichts!« Ein letztes Winken, dann war sie hinter den Bäumen verschwunden.
Michael blieb noch einige Zeit auf dem Hochstand sitzen. Irgendwie war ihm die freudige Stimmung, in der er hergekommen war, verdorben. Er sah auf die Uhr. Höchste Zeit heimzugehen, der Vater hatte vermutlich schon mit der Stallarbeit begonnen. Es wird schon werden, das mit Nicole und ihm, und auch das mit der Biogasanlage. So sprach er sich selbst Mut zu, als er mit langen Schritten zurück ins Dorf lief.
»Michi, wo warst denn wieder so lang? Der Vater ist schon im Stall! Musst ihm doch helfen, wo er zur Zeit wieder solche Kreuzschmerzen hat!«
»Ja, ja, ich komm ja schon!« Michael zog sich das Stallgewand über.
»Wo warst denn schon wieder?«, insistierte die Mutter hartnäckig.
»Ach, auf dem Weg nach Thal, da, wo wir die Biogasanlage hinbauen wollen. Wollt’ mir das noch einmal anschauen!«
»Schon wieder!? Mein Gott, diese Biogasanlage, die bringt dich noch ganz durcheinander! Was du da an Zeit investierst! Wie oft du nach München fährst deswegen!« Michaels Mutter, die Rechenauerin, schüttelte ärgerlich den Kopf.
»Ja, des macht sich halt ned von selber, Mama! Da ist so viel zu bereden, drinnen im Landwirtschaftsministerium, das ist alles ned so einfach!« Oh je, wenn sie wüsste, weshalb ich so oft nach München fahre, dachte er heimlich bei sich und hatte fast ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber.
Endlich saßen sie in der Küche beim Abendessen: Vater, Mutter, die Großmutter und Michael. Die Familie war nach dem Wegzug der beiden Töchter, die beide in einen Bauernhof eingeheiratet hatten, klein geworden.
»Morgen muss ich nochmal in die Stadt. Schaffst es denn allein mit der Arbeit, Vater?«
»Ja, ja, des geht schon! Morgen soll’s regnen, da ist eh draußen nicht allzu viel zu tun und mit den paar Kühen werd’ ich schon fertig«, brummte der Rechenauer vor sich hin.
»Geh, Michi! Ned schon wieder nach München!« Die Mutter sah ihn verärgert an.
»Doch!«, gab er patzig zurück. »Ich fahr’ auch erst nach der Stallarbeit. Außerdem bleib’ ich gleich über Nacht!«, setzte er noch drauf.
»Über Nacht?« Die Eltern sahen ihn überrascht an.
»Was, gleich über Nacht, in der Stadt drin?«, ließ sich jetzt auch die Großmutter hören. »Ja, des hat’s ja noch nie geben!«
»Ja, über Nacht! Der Herr Feicht vom Ministerium will mit mir noch ein paar Berechnungen durchgehen. Der ist so begeistert von unserem Plan mit der Biogasanlage, dass er sogar seinen Feierabend dafür opfert. Wir treffen uns in einem Lokal, da will ich ihn zum Essen einladen und wer weiß, wie spät es dann wird. Ich schlafe dann beim Roman, den hab’ ich eh schon lange nicht mehr g’sehen.« Michael stand abrupt auf und stellte seinen Teller in die Spüle.
Die Mutter schüttelte irritiert den Kopf, aber der Vater meinte nur leise: »Lass ihn doch, Irmi. Er braucht auch ein bisserl Freizeit. Die Arbeit am Hof und dann noch die viele Studiererei für den Landwirtschaftsmeister, ein bisserl Ablenkung muss schon sein.«
»Aber deswegen muss er doch ned in der Stadt schlafen, wo gibt’s denn sowas? Hat doch ein Bett daheim!«, geiferte die Großmutter. Die Mutter seufzte nur, warf einen genervten Blick auf ihre Schwiegermutter.
»Na, dann, also! Sag dem Roman einen schönen Gruß und er soll sich wieder einmal blicken lassen bei uns.«
»Ja, sag ich ihm! Aber dem gefällt das Leben in der Stadt so gut, der kommt fast nicht mehr raus nach daheim.« Er öffnete die Tür. »Gut’ Nacht, ich geh’ schon mal rauf ins Zimmer, muss noch lernen!«
»Ja, gut’ Nacht!« Die Mutter ging zum Spültisch, um das Geschirr in die Geschirrspülmaschine einzuräumen.
Der alte Rechenauer legte sich die Zeitung auf dem Tisch zurecht. »Schau, wie gut wir es mit dem Michi haben, Irmi«, er fing an begütigend auf seine Frau einzureden. »Wie viele der Bauernburschen wollen heutzutage von der Landwirtschaft nichts mehr wissen und unser Michael macht sogar noch den Meister. Schau den Roman an! Könnte ein schönes Gut droben in Berg bewirtschaften, und was macht er? Geht auf’s Konservatorium, will Musiker werden!« Er schüttelte verständnislos den Kopf. »Na ja, andererseits muss man sich auch ned wundern, so kompliziert wie es heutzutage in der Landwirtschaft g’worden ist. Da kommt man ja fast nimmer mit!« Er stand ächzend auf. »Und deswegen bauen wir eine Biogasanlage«, fast trotzig kam es heraus. »Damit der Michi und seine künftige Familie eine Zukunft haben.«
»Ja, wenn er nur endlich einmal ein tüchtiges Madl daher bringen tät’, statt dass er dauernd in d’ Stadt fahrt«, murrte die Mutter.
»Des wird schon, Irmi, wart nur! Da muss halt erst noch die Richtige kommen!«
»Aber in der Stadt, da findet er die g’wiss ned! Ich hätt’ ja schon eine im Auge für ihn, weißt, die Maria vom Lerl in Kronbach, das wär’ die Richtige für unseren Hof! Ein ganz ein geschicktes Madl, und eine schöne Mitgift kriegt die sicher auch noch!«
»Geh, Irmi, du alte Kupplerin!«, lachte der Rechenauer laut.
»Ah bah! Das war doch schon immer so, dass man sich umg’schaut hat um eine passende Schwiegertochter. Früher war das mal ein ganzer Berufsstand.«
»Ja, ja, früher, da haben die Schmuser noch g’schaut, dass zwei ›Geldige‹ zusammenkommen!«, stimmte ihr Ehemann zu. »Aber das ist vorbei, heutzutag’ suchen sich die jungen Leut’ ihr Ehegespons selber, aus Liebe!« Der Rechenauer verzog gequält das Gesicht.
»Ja, ja, Liab ist ja recht, da sag’ ich ja nichts dagegen«, gab die Rechenauerin unwirsch zurück. »Aber passen muss sie schon auch auf einen Hof, trotz aller Liab! Eine Bauerntochter muss es auf jeden Fall sein! Da kannst du sagen, was du willst.«
***
Als Nicole ihr Rad das letzte Stück des Hügels hinaufgeschoben und ihr Elternhaus erreicht hatte, sah sie den weißen Mercedes des Vaters vor dem Haus stehen. Schnell schob sie ihr Fahrrad in die Garage. Das Haus ihrer Eltern war das schönste auf dem ganzen Hügel, mit einer grandiosen, unverbaubaren Sicht hinunter über das alte Dorf, hinweg über Wiesen und Felder bis hinein in die Berge.
Die Familie war erst vor drei Jahren nach Altdorf gezogen, hatte hier, in der besten Lage, gebaut. Nicole war damals alles andere als begeistert gewesen, als vom Vater der Plan gefasst worden war, aus München hier heraus zu ziehen. »Einöde« hatte sie Altdorf damals genannt. Doch sie würde ohnehin in der Stadt studieren und demzufolge auch dort wohnen, am liebsten in einer Wohngemeinschaft. Von diesem Bauerndorf aus jeden Tag nach München zu fahren, das wäre wohl das Letzte, echt unzumutbar, hatte sie gemeint.
»Ich werde auch jeden Tag nach München ins Büro fahren, Nicole, dann kann man das wohl auch von dir erwarten!«
»Aber dann musst du mir ein Auto kaufen, Papa! Wie sonst sollte ich denn zur Uni kommen ohne eine vernünftige Verkehrsanbindung? Und außerdem – dort draußen kann man doch wirklich nur versauern!«
»Na hör mal, da draußen ist es wunderschön, herrliche, unverdorbene Natur, Ruhe!«
»Ach, das ist vielleicht für euch etwas, für ältere Leute!«, gab Nicole patzig zurück.
»Na, nun reicht es aber!«, hatte ihre Mutter lachend protestiert. »So alt bin ich nun auch wieder nicht!«
»Ehrlich gesagt, Mama, ich kann es nicht verstehen, dass du da hinaus ziehen willst. In dem Nest sagen sich doch Fuchs und Hase gute Nacht!«
Die Mutter hatte geseufzt. »Dein Vater will das so! Er will, wenn er pensioniert ist, nicht mehr in der Stadt wohnen. Außerdem«, hatte sie beruhigend hinzugefügt, »dauert es noch eine ganze Weile, bis das Haus fertig ist, und es ziehen eine Menge Leute in das neue Baugebiet. Vielleicht wird das mal eine nette Wohngemeinschaft! Übrigens, die Gösslers wollen gleich neben uns bauen!«
»Was!? Die Karin Gössler mit ihren zwei kleinen Kindern?« Nicole hatte ihre Mutter verblüfft angestarrt. »Was will die denn dort draußen? Da gibt es keine Musikschule, kein Ballett, kein Tennis, kein Golf oder was sonst noch alles! Und vor allem keine Boutiquen!«
»Jetzt hör mal auf mit deinem Gezeter, Nicole! Die Gösslers sind sehr nette Leute, und gerade wegen der Kinder wollen sie nicht mehr in der Stadt wohnen!«
»Aber da bist du doch nur noch Chauffeur für die Kinder, Mum! Die Karin Gössler wird sich bald schön bedanken, das ist auch nur wieder eine ihrer Spinnereien! Und er, der Trottel, macht alles mit! Muss er ja auch, sie hat ja schließlich das Geld und er ist nur Mitarbeiter von Papa.«
»Nicole! Jetzt reicht es aber!«
»Ach, macht was ihr wollt! Ich werde auf jeden Fall in der Stadt bleiben und höchstens gelegentlich mal am Wochenende hinauskommen.«
»Lass das doch erst mal auf dich zukommen, Nicole! Auf jeden Fall rate ich dir, deinen Vater damit nicht zu nerven. Für ihn wird es schon schlimm genug sein, wenn du ihm beibringst, dass du Lehrerin werden willst! Wo er doch so große Pläne mit seiner einzigen Tochter hat! Und außerdem, du weißt doch genau wie es ist, wenn er sich mal was in den Kopf gesetzt hat!«
»Er regt mich so was von auf! Das ist doch mein Leben, oder nicht? Ich muss doch den Beruf ausüben, mir muss es doch gefallen!« Nicole war wütend geworden.
»Er meint es nur gut, und er ist sicher, dass du eine gute Managerin werden würdest, möglichst Karriere in seiner Firma machen solltest! So wie er!«
»So wie er! Also ehrlich, so etwas möchte ich wirklich nicht! Eine Sechzigstundenwoche, dauernd unterwegs, in der ganzen Welt! Ihm macht das vielleicht Spaß, aber mir würde das nicht gefallen! Außerdem – was ist denn schlecht daran Lehrerin zu werden?«, ereiferte sie sich weiter. »Immerhin hat man mit Kindern zu tun, und man kann sich leicht den Traum einer Familie erfüllen. Ich möchte später mal mehrere Kinder und nicht nur eines, so wie ihr!«