© 2018
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt.
ISBN: 9783748135678
Florian Baum
c/o AutorenServices.de
Birkenallee 24
36037 Fulda
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile
Umschlagfoto: Murnauer Staffelsee (Ausschnitt),
Fotograf: Dirk Pfuhl, www.nature-motion.de
Printed in Germany
Ich bleib' hier in meinem Zimmer
und ich komm' da nicht mehr raus
Ich will nicht in deine Welt,
denn meine sieht ganz anders aus
Und so sicher, wie du sprichst
und so locker, wie du bist,
so bin ich nicht
Ich bleib' hier in meinem Zimmer
und ich deck' mich nochmal zu
Mit unsichtbarer Tinte schreib' ich an die Wand
„Lass mich in Ruh'!“
Mein Universum ist verschneit
Du vergeudest deine Zeit, tut mir leid
Ich atme ein, ich atme aus
Ich lös' ein Rätsel und ich krieg's nicht raus
Ich atme ein, ich atme aus
Ich geb' den Dingen neue Namen und mir auch
Ich schließ' mich an, ich schließ' mich aus
Ich bin nur kurz hier, ich bin anderswo zuhaus'
Wenn du mir nah sein willst, sei still
und sitz ruhig neben mir
Folge deinem Atem und hör auf zu diskutier'n
Mach die Augen auf, sieh hin
Halt mich aus, wie ich grad bin
Mehr ist nicht drin
Ich atme ein, ich atme aus
Ich lös' ein Rätsel und ich krieg's nicht raus
Ich atme ein, ich atme aus
Ich geb' den Dingen neue Namen und mir auch
Ich schließ' mich an, ich schließ' mich aus
Ich bin nur kurz hier, ich bin anderswo zuhaus'
Tut mir leid
Halt mich aus, wie ich grad bin
Mehr ist nicht drin
Ich schließ' mich an, ich schließ' mich aus
Ich bin nur kurz hier, ich bin anderswo zuhaus'
Ich atme ein, ich atme aus - Ich + Ich
Mit freundlicher Genehmigung von Annette Humpe,
der ich herzlich danke!
„Ich bin der Florian, 56 Jahre alt und verheiratet. Die Themen (Hoch-)Sensibilität, Introversion sowie Depression sind seit jeher meins. Ich denke viel, schreibe gerne, rede eher wenig und nutze gerne meinen Humor als Kommunikationshilfe. Und als visueller und künstlerisch interessierter Mensch fühle ich mich in meiner Tätigkeit als kaufmännischer Angestellter nicht immer wirklich wohl. Mit Vielfalt und Wandel habe ich es nicht so, da stellt sich bei mir schnell Reizüberflutung ein. Ich habe es gerne ruhig und meine Frau auch. Wir bevorzugen ein eher ereignisarmes Leben. Besonders Unternehmungslustige fragen schon mal, ob wir nicht das Gefühl hätten, etwas zu verpassen. Nö, haben wir nicht. – Wir finden uns übrigens in manchen Texten von Kerstin Ott ganz gut wieder. Und kennt einer den Titel „Ich atme ein, ich atme aus“ von Ich + Ich? Das ist auch so ein Song, der meine Gemütslage oft ziemlich genau trifft. So, das sollte vielleicht erst mal reichen. Gruß Florian“ – So hatte ich mich vorgestellt, als ich mich in einem sozialen Netzwerk einer Gruppe von hochsensiblen Menschen angeschlossen hatte. Meine Selbstbeschreibung fand Anklang. Einige Gruppenmitglieder schienen sich darin wiederzufinden Eine junge Frau aus Hamburg schrieb mir zudem, dass ihr mein Schreibstil gefalle und fragte, ob ich schon mal daran gedacht hätte, ein Buch zu schreiben. Überdies kündigte die Initiatorin der Gruppe an, sie würde demnächst ihr erstes Buch veröffentlichen. Beides stieß etwas in mir an, und der Gedanke ließ mich nicht mehr los, bis ich tatsächlich anfing zu schreiben. Ich habe mich selbst nie für übermäßig begabt oder ehrgeizig gehalten, aber ich hatte früh das Bedürfnis, mich so präzise wie möglich auszudrücken, sodass das, was ich sagen wollte, beim Empfänger möglichst verständlich und unverfälscht, also quasi im Verhältnis 1:1 und verlustfrei ankommt und ich somit nicht einer von denen bleiben musste, denen man nur vor den Kopf schaut, aber eben nicht hinein. (In diesem Sinne habe ich es immer bedauert, nicht druckreif sprechen zu können.)
Besonders im Bereich der anspruchsvollen Literatur und Filmkunst schafft dieser mein Anspruch einer „1:1-Lesbarkeit“ Kommunikationsprobleme in entgegengesetzter Richtung. Wenn es darum geht, „schwere Kost“ zu analysieren, resigniere ich und empfinde einen starken Widerwillen. Schon in der Schule war mir die Frage „Was will der Autor uns damit sagen?“ ein Graus. Warum sagte der Autor es denn überhaupt erst in einer verklausulierten, kryptischen oder metaphorischen Art und Weise und machte sich die Mühe, seine Aussagen erst aufwändig zu chiffrieren? Warum drückte er das, was er zu sagen hatte, nicht gerade heraus und ohne Umschweife aus? Warum musste man den Sinn seiner Worte erst aus seinem blumigen Text extrahieren und herauspopeln? Warum musste man etwas erst „interpretieren“ und brauchte dazu Hilfen wie Königs Erläuterungen oder ähnliches? Und wie sicher konnte man am Ende sein, das betreffende Werk richtig und erschöpfend verstanden zu haben? Der blanke Horror war es dann, im Englischunterricht Shakespeares Macbeth auch noch in der fremden Sprache auseinanderpflücken zu müssen. Das war wirklich nicht mehr zu toppen! When shall we three meet again? In thunder, lightning or in rain? (Shakespeare, Macbeth, erster Akt, erste Szene). Und ich sage:
Fuck off! We'll never meet again! Im Deutschunterricht habe ich mal eine Facharbeit über Ansichten eines Clowns von Heinrich Böll schreiben müssen, die mich viel Mühe gekostet hat, die ich aber nie zurückbekommen habe und die nie bewertet wurde. - In der Therapie brachte ich mal die Frage auf, ob ich eigentlich ein Intellektueller sei, weil ich mich z.B. mit solchen Themen wie Philosophie, Religion und Naturwissenschaften beschäftigte. Aber woran macht man das fest? An der Schulbildung, am Bildungsgrad ganz allgemein, an einem Studium oder vielleicht am Beruf? Beim Schreiben dieses Buches kam mir die Erinnerung an den Film Das Irrlicht des französischen Regisseurs Louis Malle aus dem Jahr 1963, den ich Jahrzehnte zuvor im Fernsehen gesehen hatte. Er schildert die letzten 24 Stunden eines am Leben verzweifelten Mannes Anfang dreißig, der noch einmal seine Freunde besucht, die ihm das Leben schmackhaft zu machen versuchen, was ihn am Ende jedoch nicht davon abhält, sich zu erschießen. In der Grundstimmung des Films habe ich immer eine Parallele zu mir selbst gesehen. Als ich aber die Erklärung zum Film in Wikipedia las, musste ich feststellen, dass ich den Film offensichtlich gar nicht richtig begriffen hatte. Das war ja klar: Immer wenn ich glaube, etwas verstanden zu haben, liege ich völlig daneben. - Als Intellektueller sehe ich mich letzten Endes denn doch nicht, natürlich nicht bloß wegen dieses Filmes. Aber so oder so mag ich Bücher und Filme in Orakelgestalt bis heute nicht. Da ist mir Shaun das Schaf deutlich sympathischer! Und wenn mich das in anderer Leute Augen zu einem „einfach Gestrickten“, einem „Simple Mind“ machen sollte, was soll's?
Anders als man es vielleicht von einem schweigsamen Menschen erwarten würde, habe auch ich ein gewisses Mitteilungsbedürfnis, wenn auch beschränkt auf relativ tiefgründige Themen, abseits von Banalem und Profanem. Denn zu den Eigenschaften eines (hoch-) sensiblen und introvertierten Menschen gehört auch die Sehnsucht nach einer gewissen Tiefe und Nähe und die Abneigung gegen Oberflächlichkeit und Blabla-Smalltalk. Seine Gedanken für sich zu behalten, vor allem wenn sie belastender Natur sind, kann krank und das eigene Herz zur sprichwörtlichen Mördergrube machen. Und das wiederum kann in Tragödien enden, deren Hintergründe entweder zu spät oder nie geklärt werden können. Ich habe es stattdessen vorgezogen, mir vieles von dem, was mich bewegt und was sich über Jahre und Jahrzehnte in mir angestaut hat, von der Seele zu schreiben. Ich bin ein Stausee. Es ist besser, der See läuft über, als dass die Staumauer bricht.
Nicht-sensible Zeitgenossen und auch Zeitgenossinnen zeichnen sich aus durch ein stark rational bestimmtes Denken („Kopflastigkeit“), einen starken Willen, Disziplin, Sachlichkeit, Phantasielosigkeit und mangelndes Einfühlungsvermögen. Sie haben eine schnelle Auffassungsgabe, reden gerne und sind von Ungeduld getrieben. Menschen dieses Typs sind durchsetzungsfähig, können gut führen, organisieren und delegieren. Sie sind ehrgeizig, leistungs- und erfolgsorientiert, sportlich und vital und treten auch schon mal fordernd und dominant auf. Sie streben nach Geld, nach materiellem Besitz, Karriere und Einfluss, sind oft auf ihre gesellschaftliche Stellung bedacht, geltungsbedürftig und in Prestigedenken befangen. Für Mittelmaß und Massengeschmack haben sie in der Regel wenig übrig. Von Unsicherheit oder Selbstzweifeln sind sie eher selten geplagt. Sie denken gerne in Zahlen und abstrakten Kategorien. Wer nicht hochsensibel ist, braucht ständig neue Reize und sucht Herausforderungen, um sich nicht zu langweilen und unterfordert zu fühlen. (Die Spielernaturen unter ihnen bevorzugen komplexe Spiele mit Regelhandbüchern und sich steigernden Schwierigkeitsgraden.) Wenig sensible Leute sehen sich selbst als Realisten und Menschen der Tat und haben kein Verständnis für Träumer, Kreative und Empfindsame, die sie wahlweise als Spinner oder Weicheier wahrnehmen und tun deren Gefühle geringschätzig als „Befindlichkeiten“ ab. Menschen dieses Schlages sollten meiner unmaßgeblichen Meinung nach beispielsweise nicht unbedingt in Bereichen wie Seelsorge und Pflege arbeiten. Ein Vertreter dieser Gattung war zum Beispiel ein Geschichtslehrer, der uns Schülern beizubringen versuchte, dass im Leben nur Leistung zähle. Mich fröstelte trotz seiner eher freundlichen und zugewandten Art in seinem Unterricht und ich dachte mir nur „Wenn in dieser Gesellschaft wirklich nur die Werte der Gefühlskalten gelten und tatsächlich nur Leistung zählt, dann möchte ich ihr keine Kinder in den Rachen werfen. Soll sie ihre nützlichen Idioten doch anderswo rekrutieren“. Im Übrigen können in dieser Welt wahrscheinlich ohnehin am besten die klarkommen, die selbst halbe Roboter sind. Meinen Kindern will ich das ersparen, indem ich sie gar nicht erst in dieses Dasein hineinstoße. So kam es dann auch und ich kann sagen, dass ich es zumindest bis zum heutigen Tag nicht bereut habe, keine Kinder zu haben. Meine Frau und ich hatten es zwar am Anfang unserer Beziehung nichtsdestotrotz eine Zeitlang auf Nachwuchs angelegt, aber dabei war buchstäblich nie etwas herausgekommen. – Ein weiteres Beispiel für einen ganz und gar unsensiblen Menschen war die Arbeitskollegin D., die dem Kollegen M., dessen Frau gerade eine Fehlgeburt erlitten hatte, taktvollerweise sagte „Na, das war ja dann wohl ein Schuss in den Ofen“. – Zu der von mir „Bösfrau-Fraktion“ (nach einem namhaften Kühlgerätehersteller) benannten Gemeinde der kühl Kalkulierenden gehören auch Politiker, allerlei Amtspersonen, penetrante und suggestive Werbestrategen sowie endlos labernde Wettermoderatoren.
Regelmäßig schon nach wenigen heruntergerasselten Worten des Meteorologen springt meine Konzentration aus den Angeln. Die Wetterfrösche verstehen es immer wieder, mich derart besoffenzuquatschen, dass ich am Ende fast weniger über das Wetter des kommenden Tages weiß als vorher. Bei Gesprächen im realen Alltag bringt mir diese Konzentrationsschwäche immer wieder den Vorwurf ein, nicht oder nicht richtig zuzuhören, was mich jedes Mal – je nachdem, wie scharf der Ton ausfällt – mehr oder weniger zerknirscht zurücklässt …
Unter weniger Sensiblen und völlig Unsensiblen ist die