Herstellung und Verlag

Books on Demand GmbH Norderstedt

ISBN 978-3-7534-4906-7

© 2021 Michael Weischede

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Alle Rechte bleiben vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Table of Contents \ Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Senecas Briefe an seinen Freund Lucilius gehören zu den wenigen Texten der lateinischen Literatur, die auch nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches nicht in Vergessenheit gerieten. Während die meisten Publikationen der Antike erst in der Renaissance „wiedergeboren“ wurden, fanden die Epistulae morales ad Lucilium bis in unsere Zeit hinein durchgängig eine interessierte Leserschaft. Aus diesem Grund herrscht auch heute kein Mangel an Übersetzungen der Briefe. Es erschien mir deshalb wenig sinnvoll, eine weitere hinzuzufügen, ohne einen gesonderten Schwerpunkt zu setzen. Ich habe mich deshalb ganz bewusst für ein möglichst text- und wortgetreues Vorgehen entschieden und mich dabei, soweit es ging, an die Wortvorschläge der gängigen Lexika gehalten (Georges, PONS, Stowasser, Langenscheidt usw.). Vor allem Schülern sollte es auf diese Weise leichter fallen, die Übersetzung aus dem Lateinischen nachzuvollziehen und bei Bedarf mit ihren eigenen Bemühungen zu vergleichen.

Der lateinische Textteil stammt aus verschiedenen Internetquellen, wobei das Augenmerk auf der Gemeinfreiheit lag. Er ist also nicht editiert, und ich habe mir zudem erlaubt, ihn hier und da an meine stilistischen Vorlieben anzupassen. Für ein ernsthaftes wissenschaftliches Arbeiten ist er dementsprechend nicht geeignet. Er soll nur aufzeigen, auf welcher Grundlage die Übersetzung erfolgte.

Soweit mir meine Motivation für dieses Projekt nicht abhanden kommt, werde ich nach und nach alle 20 Bücher mit den Briefen an Lucilius übersetzen und veröffentlichen. Bei meiner eher gemächlichen Arbeitsweise kann das allerdings einige Zeit dauern ...

Dortmund im Februar 2021

Liber V – Epistula XLII

Seneca Lucilio suo Salutem,

(1) Iam tibi iste persuasit virum se bonum esse? Atqui vir bonus tam cito nec fieri potest nec intellegi. Scis quem nunc virum bonum dicam? Hunc secundae notae; nam ille alter fortasse tamquam phoenix semel anno quingentesimo nascitur. Nec est mirum ex intervallo magna generari: mediocria et in turbam nascentia saepe fortuna producit, eximia vero ipsa raritate commendat.

(2) Sed iste multum adhuc abest ab eo quod profitetur; et si sciret quid esset vir bonus, nondum esse se crederet, fortasse etiam fieri posse desperaret. 'At male existimat de malis.' Hoc etiam mali faciunt, nec ulla maior poena nequitiae est quam quod sibi ac suis displicet.

(3) 'At odit eos qui subita et magna potentia impotenter utuntur.' Idem faciet cum idem potuerit. Multorum quia imbecilla sunt latent vitia, non minus ausura cum illis vires suae placuerint quam illa quae iam felicitas aperuit. Instrumenta illis explicandae nequitiae desunt.

(4) Sic tuto serpens etiam pestifera tractatur dum riget frigore: non desunt tunc illi venena sed torpent. Multorum crudelitas et ambitio et luxuria, ut paria pessimis audeat, fortunae favore deficitur. Eadem velle cognosces: da posse quantum volunt.

(5) Meministi, cum quendam affirmares esse in tua potestate, dixisse me volaticum esse ac levem et te non pedem eius tenere sed pinnam? Mentitus sum: pluma tenebatur, quam remisit et fugit. Scis quos postea tibi exhibuerit ludos, quam multa in caput suum casura temptaverit. Non videbat se per aliorum pericula in suum ruere non cogitabat quam onerosa essent quae petebat, etiam si supervacua non essent.

(6) Hoc itaque in his quae affectamus, ad quae labore magno contendimus, inspicere debemus, aut nihil in illis commodi esse aut plus incommodi: quaedam supervacua sunt, quaedam tanti non sunt. Sed hoc non pervidemus et gratuita nobis videntur quae carissime constant.

(7) Ex eo licet stupor noster appareat, quod ea sola putamus emi pro quibus pecuniam solvimus, ea gratuita vocamus pro quibus nos ipsos impendimus. Quae emere nollemus si domus nobis nostra pro illis esset danda, si amoenum aliquod fructuosumve praedium, ad ea paratissimi sumus pervenire cum sollicitudine, cum periculo, cum iactura pudoris et libertatis et temporis; adeo nihil est cuique se vilius.

(8) Idem itaque in omnibus consiliis rebusque faciamus quod solemus facere quotiens ad institorem alicuius mercis accessimus: videamus hoc quod concupiscimus quanti deferatur. Saepe maximum pretium est pro quo nullum datur. Multa possum tibi ostendere quae acquisita acceptaque libertatem nobis extorserint; nostri essemus, si ista nostra non essent.

(9) Haec ergo tecum ipse versa, non solum ubi de incremento agetur, sed etiam ubi de iactura. 'Hoc periturum est.' Nempe adventicium fuit; tam facile sine isto vives quam vixisti. Si diu illud habuisti, perdis postquam satiatus es; si non diu, perdis antequam assuescas. 'Pecuniam minorem habebis.' Nempe et molestiam. 'Gratiam minorem.' Nempe et invidiam.

(10) Circumspice ista quae nos agunt in insaniam, quae cum plurimis lacrimis amittimus: scies non damnum in iis molestum esse, sed opinionem damni. Nemo illa perisse sentit sed cogitat. Qui se habet nihil perdidit: sed quoto cuique habere se contigit? Vale.

_____

Buch 5 – Brief 42

Seneca grüßt seinen Lucilius,

(1) Hat dich dieser wirklich überzeugt, dass er ein bedeutender Mann ist? Gleichwohl aber kann er weder so bald ein bedeutender Mann werden noch [als solcher] erkannt werden. Weißt du, wen ich heutzutage einen bedeutenden Mann nenne? Einen von zweiter Qualität; denn jener andere wird wie der Phoenix vielleicht einmal in fünfhundert Jahren geboren. Es ist auch nicht erstaunlich, dass große Dinge nach einem zeitlichen Abstand geschaffen werden: mittelmäßige oder in Menge vorkommende Dinge bringt das Schicksal oft hervor, herausragende aber zeichnet es gerade durch Seltenheit aus.

(2) Aber dieser ist noch weit von dem entfernt, was er öffentlich verheißt; und wenn er wüsste, was ein bedeutender Mann ist, würde er meinen, dass er es noch nicht ist – möglicherweise würde er sogar die Hoffnung aufgeben, es werden zu können. „Schlecht jedoch denkt er von den Schlechten.‟ Dieses tun auch die Schlechten, und es gibt keine größere Strafe für die Schlechtigkeit, als dass sie sich und den Ihren selbst missfällt.

(3) „Aber er hasst diejenigen, die eine unerwartete und große Macht zügellos gebrauchen.‟ Er wird dasselbe tun, sooft er dazu imstande ist. Die schlechten Eigenschaften eines Großteils [der Menschen] bleiben verborgen, weil sie unbedeutend sind; immer wenn ihnen ihre Kräfte gefällig sind, werden sie sich nicht weniger erdreisten als jene, die der Erfolg bereits verraten hat. Es fehlen ihnen die Mittel, um ihre Verdorbenheit zu entfalten.

(4) So kann eine Verderben bringende Schlange ohne Gefahr berührt werden, während sie vor Kälte steif ist: in diesem Augenblick fehlen ihr nicht die Gifte, sondern sie sind erstarrt. Die Unbarmherzigkeit, [und] die Prunksucht und die Zügellosigkeit vieler – um sich den Schlechtesten gleich zu erdreisten – wird aufgrund der Gunst des Schicksals ausbleiben. Du wirst erkennen, dass sie dasselbe wollen: gewähre ihnen so mächtig zu sein, wie sie es sich wünschen.

(5) Erinnerst du dich, als du behauptet hast, jemand befände sich in deiner Gewalt, dass ich gesagt habe, er sei unbeständig und leichtsinnig, und dass du ihn nicht am Fuß, sondern an einer Feder halten würdest? Ich hatte mich getäuscht: er wurde an der Flaumfeder gehalten, auf die er verzichtete und geflohen ist. Du weißt, welche Streiche er dir später spielte, wie unablässig er zu reizen sucht, obgleich es auf seine Person zurückfallen wird. Er sah nicht, dass er sich infolge der Gefahren anderer in eigene [Gefahren] stürzte, er verstand nicht, wie beschwerlich es sein würde, was er anstrebte, selbst wenn es nicht vergeblich wäre.

(6) Dieses also müssen wir bei den Dingen, die wir heftig erstreben, auf die wir mit großer Anstrengung hinarbeiten, genau erwägen, dass entweder kein Nutzen in ihnen liegt oder mehr Schaden: etliche sind überflüssig, etliche sind nicht so bedeutend. Doch dieses erkennen wir nicht und unentgeltlich erscheint uns, was gewiss am teuersten ist.

(7) Darin mag sich wohl unsere Dummheit zeigen, dass wir glauben, allein dieses zu kaufen, wofür wir Geld bezahlen, wir nennen dieses kostenlos, wofür wir uns selbst hingeben. Was wir nicht erwerben wollten, wenn wir unser Haus, wenn wir irgendein idyllisches oder auch einträgliches Landgut dafür hergeben müssten, dafür sind wir bereit, es unter Sorge, unter Gefahr und unter Verlust des Schamgefühls, der Freiheit und der Lebenszeit zu erlangen; so wenig ist jeder sich selbst wert.

(8) Wir wollen deshalb bei allen Beschlüssen und Geschäften dasselbe tun, was wir gewöhnlich machen, sooft wir wegen irgendeiner Ware an einen Kaufmann herantreten: lasst uns darauf achten, wie teuer angeboten wird, was wir verlangen. Oft hat den höchsten Preis, für das nichts hergegeben wird. Ich kann dir vieles zeigen, das uns dadurch, dass es erworben und entgegengenommen wurde, die Freiheit abnötigt; wir wären die Unsrigen, wenn wir dieses nicht hätten.

(9) Dieses also erwäge bei dir selbst, nicht bloß wenn es sich um einen Zugewinn, sondern auch wenn es sich um einen Verlust handeln wird. „Das hier wird verloren gehen.‟ Offenbar war es von außen kommend; ohne dieses wirst du ebenso leicht leben, wie du [bisher] gelebt hast. Wenn du es eine lange Zeit besessen hast, verlierst du es, nachdem du es satt hast; falls nicht [allzu] lang, verlierst du es, bevor du es liebgewinnen kannst. „Du wirst weniger an Geld besitzen.‟ Doch sicherlich auch an Missbehagen. „Weniger an Einfluss.‟ Allerdings auch an Neid.

(10) Halte nach diesen [Dingen] Ausschau, die uns in den Wahnsinn treiben, die wir unter vielen Tränen aufgeben: du wirst verstehen, dass bei diesen nicht der Verlust verdrießlich ist, sondern die Erwartung des Verlustes. Niemand verspürt, dass sie verloren gegangen sind, sondern stellt es sich vor. Wer sich selbst besitzt, hat nichts verloren: aber wie vielen gelingt es, sich selbst zu besitzen? Lebe wohl.

_____

Liber V – Epistula XLIII

Seneca Lucilio suo Salutem,