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Sherko Fatah

Im Grenzland
Roman

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Inhaltsverzeichnis

Buch und Autor
Copyright
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12

1

Als der zugereiste Gast von dem Trauerfall hörte, war der Schmuggler schon seit Tagen unterwegs. Ohne vom nunmehr offiziell bestätigten Tod seines Sohnes zu wissen, hatte sich der Mann auf den Weg gemacht. Vorher jedoch verließ er den Rest seiner Familie, seine Frau und die beiden halbwüchsigen Kinder. Als ahnte er etwas vom Bevorstehenden, hatte der Schmuggler begonnen, die Brücken hinter sich abzubrechen.

Die letzten Tage vor seinem Aufbruch übernachtete er im Hause seiner älteren Schwester, einer stillen, kleinen, aber in allem, was sie tat, beharrlichen Frau, die mehrfach versuchte herauszufinden, was mit ihm geschehen war. Aber der Schmuggler schwieg, und wahrscheinlich tröstete sie sich damit, daß es sich nur um eine vorübergehende Krise handele. Mit der Nachricht vom lange zurückliegenden Tod des Jungen hatte sich nun alles in nicht abzuschätzender Weise verschlimmert.

Der Gast sah seine ihm bis dahin nur aus Erzählungen bekannte Tante, bei der er für die kurze Zeit seines Aufenthaltes wohnte, wie einen Geist durch das Haus huschen. Wie sie fragte er sich, was der Schmuggler tun würde, wenn er zurückkäme und das erführe, was er seit Jahren befürchtet hatte.

Er ging zum Haus des Schmugglers, um dessen Frau zu kondolieren. Es war ein offenes Haus, in das er kam; die Tür war angelehnt. Jeder konnte hineingehen, nicht nur um sein Beileid auszusprechen, sondern um eine Zeitlang mitzutrauern. Er schob die Tür auf und bahnte sich einen Weg durch Haufen von Schuhen wie im Vorraum einer Moschee. Um sie leichter wiederzufinden, zog er seine Schuhe erst aus, als er schon zwischen den männlichen Trauergästen stand, denen das Untergeschoß vorbehalten war. Sie lehnten an den Wänden, hockten am Boden, und ihr gedämpftes Sprechen erfüllte die Zimmer. Er arbeitete sich gleich zur Treppe durch, ohne einen Blick in den Hauptraum zu werfen, da er von den Gästen hier ohnehin niemanden kannte.

Er stieg hinauf und wartete immer wieder, bis einzelne Männer sich von den Stufen erhoben, um den Weg freizugeben. Oben war es noch dunkler als im übrigen Teil der Wohnung. Die Vorhänge in den kleinen Zimmern waren zugezogen. Dort hatten sich die Frauen versammelt. Er schaute in jedes und strengte seine Augen an. Nur Blicke begegneten ihm, niemand sprach ihn an.

Der Singsang des Koranvortrags leitete ihn zum richtigen Raum. Den Kopf seitlich in die Hand gestützt, saß sie auf dem Fußboden. Ihr Rücken lehnte an der nackten Wand. Die anderen Frauen waren einfach da, sie kauerten um sie und verbrachten Zeit mit ihr. Eine Zeit, die nicht vergehen wollte. So herrschte eine Dauer, die ihre akustische Gestalt im gleichförmigen Vortrag aus dem Kassettenrecorder fand. Er setzte seine Schritte vorsichtig zwischen die Frauen und hockte sich vor ihr nieder. Sofort umarmte sie ihn, riß ihn an sich, als wäre auch er im Begriff zu verschwinden. Er hatte vorher erfragt, was er tun solle, und so gab er ihr jetzt den Kuß auf die Wange, ohne etwas zu sagen. Sie ließ ihn wieder los und nickte leicht, blickte ihn kurz an mit einer Traurigkeit, die ihn gerade darum so ergriff, weil sie gänzlich unpersönlich war. Sie bestand nur aus Nähe zu jenem Dunkel der märchenhaft blauen Vorhänge, das jede Farbe im Raum, selbst die der Haut in sich aufnahm. Er löste sich von ihr und stand auf. Sie blickte zu ihm hinauf, aber auch er war nur Teil des größeren Dunkels, auch er konnte gehen und kommen und änderte nichts damit. Das einzige, was er tun konnte, war einen Abschnitt der endlosen Zeit im Haus verbringen.

Er ging aus dem Zimmer, die rauhe Rezitationsstimme folgte ihm zur Treppe und bis hinunter. Da stand er nun und fühlte diese Zeit so deutlich, weil sie leer war, unerfüllt von Gesprächen oder Handlungen. Sie lastete auf ihm, während immer neue Trauergäste hereinschlichen. Sie kamen ohne nervöses Umsichblicken und ohne Grußbereitschaft. Hier gab es nicht einmal Öffentlichkeit; in diesen dunklen Räumen war man nicht Gast, sondern eigentlich, in einem trostlosen und erschreckenden Sinne, zu Hause.

Nach einer unbestimmbaren Zeit entschloß er sich zu gehen. Etwas abseits, überschattet vom Dunkel einer Nische, traf er auf Beno, den er öfter in Begleitung des Schmugglers gesehen hatte und der ebenfalls im Aufbruch war. Das Redebedürfnis dieses unruhigen Mannes war unübersehbar, die Finger der Rechten trommelten auf sein Kinn, und seine interessierten Seitenblicke trafen den Gast, während sie beide sich die Schuhe anzogen. Sie verließen das Haus und traten hinaus auf den Platz, den der Schmuggler, immer wenn er aufbrach oder zurückkam, überqueren mußte. Tauben flatterten auf und wurden über ihnen aufgesogen vom Licht.

Während Frauen, Kinder, junge und alte Männer an ihnen vorbeieilten, rang sich Beno durch, den Gast anzusprechen. Dieser verstand nicht oder tat jedenfalls so. Er wies mit dem Finger auf sein linkes Ohr und machte eine verneinende Geste. Dabei blickte er in das Gesicht Benos. Er sah die wachen Äuglein und die ruhelosen Lippen. Der Mann hatte die Hand noch immer am Kinn, als der andere ihn stehenließ.

Er verließ den Platz und bog in eine schattige Gasse. Ratten stoben davon, langgestreckt und dicht an den Boden gepreßt. Als er sich umwandte, erkannte er Beno hinter sich, der sofort stehenblieb, aber keinerlei Anstalten machte, sich zu verbergen. Er hob sogar den Kopf, und es schien, als blickte er angriffslustig. Wahrscheinlich folgt er einem ganz unbestimmten Antrieb, dachte der Gast, als er ihn dort stehen sah. Wahrscheinlich hat er überhaupt nichts im Sinn, es ist einfach die berufsbedingte Neugier, von der der Schmuggler einmal gesprochen hatte. Er ging weiter, ohne noch einmal zurückzusehen, er passierte die größeren Gärten der Wohlhabenden und die engen, an Mauern, Fenstern und Dächern ausgebesserten Hütten der anderen, deren Höfe dicht bevölkert waren.

Vor dem Haus erblickte er einen mageren Hund mit kahlen, hängenden Ohren. Es sah aus, als wartete er auf ihn. Als der Gast jedoch näher kam, wich das Tier Schritt um Schritt zurück. Er flüsterte ihm zu, wollte es, einer Laune folgend, zu sich locken. Aber was er auch tat, der Hund hielt den Abstand. Dem Gast blieb nichts übrig, als an ihm vorbei durch das Hoftor zu gehen und so zu tun, als gäbe es ihn nicht.

2

Tage vorher hatte der Gast mit dem Schmuggler zusammengesessen, den Onkel zu nennen ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, obwohl das den Tatsachen entsprach.

»Man muß lange frühstücken, bevor man losgeht.« Der Schmuggler nahm seinen Strohhut vom Kopf und ähnelte nun nicht länger einem Abenteurer, sondern dem, was er war: ein sonderbarer Bewohner des Grenzlandes. »Es hat keinen Sinn, früh loszugehen, weil es den Minen egal ist, wann du kommst. Sie warten nicht. Auf niemand bestimmten, zu keiner Zeit. Es ist besser, wenn du im hellsten Licht zu ihnen kommst.«

Der Neffe war froh, daß der Schmuggler wieder zum Thema zurückgefunden hatte. Seine Erzählumwege schienen eine Bedeutung zu haben. Nach immer in etwa gleich langen Phasen war der Mann wieder beim Ausgangspunkt.

»Es ist schon ein Hohn: Was sie neulich von dem Bauern, der aufs Feld hinausgegangen war, zurückbrachten, war ein komplettes Bein. So sah es aus. Ein großes, geröstetes Bein. Ich dachte: Genau der Teil von ihm war übriggeblieben, mit dem er die Panzermine berührt hatte. So etwas hatte ich noch nie. Sprengfallen auch nicht. Aber wenn ich schon Pech habe, sollte es so eine sein. Die kleineren sind schlimmer. Was tue ich da oben, wenn es mich trifft und ich nicht mehr laufen kann?«

Der junge Mann nickte wie abwesend, aber er war es nicht. Während im Küchenfenster das Morgenlicht spielte, sah er einen Hirten seine Schafe die Straße entlangtreiben. Die Tiere huschten zwischen den Gittern des Hoftores vorbei wie ein einziges aus vielen Beinen, Köpfen und Augen zusammengesetztes Wesen.

Der Schmuggler schenkte ihnen noch Tee ein und tat rätselhafte Handgriffe am Samowar. Sofort war die alte Frau, die im Haus arbeitete und lebte, bei ihm und übernahm. Für den Schmuggler war noch in den frühen Morgenstunden gleich bei seiner Ankunft im Haus ein riesiges Deckenlager aufgeschichtet worden. Alle waren in Aufregung, als hätten sie die Wochen über nur auf ihn gewartet und ganz sicher gewußt, daß, nicht aber wann er kommen würde.

Der Neffe hatte mit dem Erscheinen dieses Mannes im Haus eine wirkliche Ankunft erlebt. Das lag zehn Tage zurück. In der Zwischenzeit hatte er ihn in die Stadt begleitet: Der Schmuggler schritt auf den Straßen weit aus im vollen Gefühl seiner Bedeutung. Ein Nimbus umgab seine Gestalt, etwas aus überstandenen Gefahren, Ferne und nur von ihm zu benennenden Schrecken. Die Leute, die ihm unterwegs begegneten, reagierten ängstlich auf seinen Gruß und stahlen sich aus seiner Bahn. Anscheinend widerwillig gingen sie auf ein Gespräch mit ihm ein. Der Neffe sah Händler, die verlegen in ihrem Kram herumstocherten, während der Schmuggler sie gelassen betrachtete. Er war ein Bote aus dem fast unbetretbar gewordenen Land um die Stadt, von dort, wo nur die Bauern, die keine Wahl hatten, lebten. Sie aber vegetierten am Rande des verminten Gebietes, während der Schmuggler hindurchging.

Der Neffe war immer wieder erstaunt über den Gang des anderen. Dieser flanierte, war dabei aber zielstrebig. Er setzte die Sohlen sicher und fest auf. Vielleicht, sagte sich der Neffe, war das eine Folge der Erfahrung mit den Minen. Jedenfalls gab es in der Stadt offensichtlich niemanden, dem das Besondere um diesen Mann nicht auffiel. Je länger man ihm folgte, desto klarer wurde allerdings auch, daß sich die unbestimmte Furcht der Leute nicht eigentlich auf den Boten bezog, sondern auf das, was sie für seine Botschaft hielten. Seit er in seiner Nähe war, hatte der Neffe den Schmuggler im Verdacht, diese Furcht zu genießen. Etwas später aber kam er auf einen anderen Gedanken: Dieser Mann war einfach nur identisch mit seiner Tätigkeit, deren Wert sich durch das bestimmte, was er mitbrachte. Er war die Verbindung dieser Stadt mit dem Land dort draußen. Er kannte den Weg, und kaum jemand ahnte, wie genau er den Weg kannte, daß es auf langen Strecken keinen einzigen Stein gab, den er nicht betrachtet, kein Grasbüschel, das er nicht untersucht hätte.

Der Schmuggler hatte ausgiebig gefrühstückt, und so war es ganz zwanglos zur ersten ihrer Begegnungen gekommen. Der junge Mann trat verschlafen in den Raum und erschrak, als er bemerkte, daß er aufmerksam betrachtet wurde. Er hatte die frühmorgendliche Aufregung zwar registriert, war sogar aufgestanden, hatte die Tür seines Zimmers geöffnet und seiner Tante dabei zugesehen, wie sie die Decken ins Erdgeschoß trug. Aber nachdem er ihr beruhigendes Lächeln aufgefangen hatte und wieder schlafen gegangen war, schienen die Ereignisse aus seinem Gedächtnis gelöscht. Jetzt, beim Anblick des Mannes, der allein im Halbdämmer saß und seine Hände wie zwei kostbare Instrumente genau nebeneinander auf die schrundige Tischplatte gelegt hatte, fragte er sich, was zur Schlafenszeit für eine solche Aufregung hatte sorgen können, daß selbst seine eigene Begrüßung, nach der Überwindung von ein paar tausend Kilometern per Flugzeug und mit geländegängigem Sammeltaxi durchs Gebirge, dagegen wie ein zerstreutes Willkommen wirkte.

Der Schmuggler war, anders als die meisten Leute hier, nicht sofort zugänglich, als er den Gast sah. Sein Gesichtsausdruck wirkte weder intelligent noch dumm, nicht feindselig, nicht neugierig, nicht einmal fragend. Ein einziger Zug in diesem Gesicht, das fiel dem jungen Mann gleich zu Anfang auf, neutralisierte alle anderen: eine tiefe, in sich abgeschlossene Ruhe, die jedoch nichts von Überlegenheit hatte. Es war die Gelassenheit, mit der der Schmuggler auch die Leute auf der Straße einschüchterte, so als würden sie spüren, daß sich in ihr eine Abwesenheit zeigte, die all ihr Treiben so umschloß wie das unbetretbare Land die Stadt. Der Schmuggler nickte dem Gast zu, wandte sich zum Samowar, nahm die Kanne und goß Tee in das für ihn bereitgestellte Glas. Das war Einladung genug, die Anspannung löste sich, und sein Neffe nahm lächelnd Platz. Die alte Frau hatte ihn ebenfalls bemerkt und war lautlos herangekommen. Sie nickte freundlich, tätschelte ihm kurz die Schulter und brachte das Brot.

Sie fanden eine Sprache, in die sie sich sprechend allmählich einüben konnten. Die Fragen des Gastes wurden zum Gerüst aller ihrer Gespräche. Der Schmuggler konnte freundlich sein, aber nur für Augenblicke, nie aus der Fülle des Gutgelauntseins. Daß der Neffe ihn auf seinen Wegen in die Stadt begleiten durfte, war in der Sicherheit des Schmugglers begründet, sich auf eigenem Terrain zu bewegen.

Die Sonne stand hoch, als sie am ersten Tag aus dem Haus traten. In flirrender Hitze wirkte die Stadt wie ein von Leben überlaufendes Nest zwischen den glatten Hügeln des Umlandes. Es ging vorbei an den kunstvoll vergitterten Fenstern der Häuser, an Wäldern von Holzpfählen und endlosen Wäscheleinen, behängt mit verblichener Kleidung. Der Neffe erfuhr, daß der Schmuggler eine neue Tour plante, und fragte erst sich, dann ihn, ob die paar Tage in der Stadt zur Erholung ausreichten.

»Jetzt ist die Zeit günstig. Ich muß den Sommer nutzen, wenn die Wege frei sind. – Nein, nicht so sehr wegen der Temperaturen. Die Einzelheiten sind wichtig; ich muß das Gras sehen.«

Sie kamen an ein großes neues Haus am Rande der Altstadt. Mannshohe Rosen schwankten über den unverputzten Gartenmauern. Der Schmuggler rief etwas über das Gartentor hinweg, und Sekunden später kam ein etwa zwanzigjähriger Mann heraus, der sie freundlich begrüßte. Im Gästezimmer voller Glas und teurer Teppiche nahmen sie am niedrigen Teetisch Platz. Der alte, rundliche Hausherr, der die aufmerksame Lebendigkeit eines Händlers ausstrahlte, setzte sich mit einem Ächzen ihnen gegenüber auf den golden lackierten Stuhl, dessen rokokoartig geschwungene Beine knackten. Es entwickelte sich ein Gespräch über den Neffen und den Grund seines Aufenthaltes in der Stadt; die beiden Älteren hatten auf diese Weise einen leichten Einstieg in ein ernsthaftes Geschäftsgespräch. Denn der Schmuggler war im Haus des Händlers, um das Geld abzuholen, mit dem er die Waren im Nachbarland bezahlen würde. Dabei ging es natürlich auch um seinen Anteil. Der Händler zog das Gespräch in die Länge, ließ von seinem Sohn Cola und Tee und Gebäck bringen. Diese Verzögerung hatte den Sinn, alle Möglichkeiten des Feilschens auszunutzen. Auch wenn der Schmuggler bis zum Schluß bei seiner Forderung blieb, gebot es der Geschäftssinn, die Zeit in Anspruch zu nehmen, um nicht das Gefühl zu haben, betrogen worden zu sein. Hier, dachte der Neffe, war Geld auf genau diese Weise Zeit.

Als sie gingen, hatte der Händler in bar aus einer eisernen Schatulle gezahlt. Er wirkte beim Abschied erleichtert, als hätte er eine Pflicht hinter sich gebracht. Jetzt war er noch viel aufgeräumter als beim Tee und schickte seinen Sohn, um ihnen zwei Schlüsselanhänger zu bringen, winzige silberne Plaketten, die mit einem Schriftzeichen verziert waren.

Auf der Straße begegneten sie immer wieder den »neuen« Uhrmachern. Während die wirklichen Uhrmacher wegen des internationalen Embargos ihre Läden längst geschlossen hatten, saßen Jungen auf den Gehsteigen, die keine Uhren verkaufen wollten, sondern sich auf Reparaturen spezialisiert hatten. Da kaum noch Güter ins Land kamen, genossen diese Jungen Zulauf, einige hatten ihr Betätigungsfeld auf Schmuck erweitert. Sie kauerten hinter Holzbänken und brauchten den Vorbeigehenden nichts zuzurufen.

Der Schmuggler blieb vor einer der Bänke stehen und holte aus der Tasche eine alte Quarzuhr, die nichts mehr anzeigte. Er hielt sie mit einem Seitenblick zum Neffen vor das Gesicht des Jungen. Der betrachtete sie kurz, nickte dann und nahm sie. Er legte sie auf die Bank, griff neben sich und holte drei Konservengläser herauf, in denen, dunkel wie tote Insekten, die Reste alter Uhren gesammelt waren. Zunächst nahm er die Quarzuhr Stück für Stück auseinander. Es wurden so viele kleine Teile, daß es unmöglich schien, sie je wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Einmal blickte der Junge fragend zu ihnen auf, wohl weil er sich darüber wunderte, daß seine Kunden nicht irgendwo im Schatten warteten, sondern ihm auf die Hände schauten. Der Schmuggler nickte nur kurz, und der Junge fuhr fort. Nachdem er die Uhr regelrecht aufgelöst hatte, schob er einen Bestandteil, der vom Hersteller sicherlich nur zur kompletten Auswechslung bestimmt war, mit dem Zeigefinger in die Mitte seiner Arbeitsfläche. Er öffnete das Ding und stocherte innen an fast unsichtbaren Kontakten herum. Das war der schwierigste Teil der Arbeit. Der Junge preßte die Lippen zusammen und zog mehrmals die Hand fort, wenn sie zu unruhig wurde. Er hielt den Kopf schräg, als wollte er mehr Sonnenlicht in dieses Minigehäuse fallen lassen, umsonst. Aus dem anfänglichen Stochern wurde schließlich ein präzises Hinabsenken des Schraubenziehers. Einmal hielt der Junge sogar die Luft an. Mit dem nächsten Atemzug sah er wieder den Schmuggler an, und jetzt war etwas wie Stolz in seinem Gesicht. Er begann die Uhr neu zusammenzusetzen. Es war rätselhaft, wie er dabei vorging. Es sah nicht so aus, als wüßte er, was er tat. Immer wieder probierte er die Zusammengehörigkeit von Teilen aus und verwarf das Ergebnis. Aber er mußte nur das Ende eines unsichtbaren Fadens finden, um an ihm entlang sein Werk zu beenden. Stück um Stück verschwand in dem Gebilde, das tatsächlich wieder eine Quarzuhr wurde. Kurz vor dem Ende – jetzt wußte er bereits genau, wo die restlichen Teile hingehörten – fehlte ihm eine winzige Schraube. Möglicherweise war sie von der Bank gefallen. Der Junge hielt nacheinander die Gläser in die Höhe, drehte sie und betrachtete den Inhalt. Dann öffnete er eines, goß es aber nicht aus, sondern fischte mit zwei Fingern ein mit Zahnrädern übersätes Trümmerstück heraus. Aus diesem löste er eine Schraube, die auch wirklich paßte. Mit feierlicher Akribie schloß er die Quarzuhr und ließ sie noch eine Sekunde lang vor sich liegen, bevor er sie dem Schmuggler reichte, ohne sie getestet zu haben. Der Neffe starrte auf die Uhr in der Hand des anderen. Sie zeigte rote Ziffern, und alle Funktionen, die der Schmuggler ausprobierte, arbeiteten einwandfrei. Er lächelte, und zum erstenmal lächelte auch der Junge kurz, hob eines der Gläser an und schüttelte es wie ein Barkeeper.

Der Neffe fühlte sich jetzt wirklich fremd, er begriff, wie reduziert das Leben hier war, wie wichtig die schäbigen Haufen von Ersatzteilen in jeder Art von Reparaturwerkstatt waren, ob für Uhren oder Autos. Die Leute waren angewiesen auf das Vorhandene. Die Stadt gehörte den Händlern, die aber wiederum abhängig waren von den Schmugglern.

Sie machten ihren zweiten Besuch für diesen Tag am Spätnachmittag. Das Haus lag am Stadtrand, und der Schmuggler gab seinem Neffen zu verstehen, daß dies der zweite von drei wichtigen Männern war, zu denen er gehen mußte. Alle anderen würden zu ihm kommen. Hinter dem Haus öffnete sich die Sicht auf das Hügelland. Es war kahl, wie lehmbraun hingegossen und festgestampft. Raubvögel kreisten im milchigen, aber leuchtenden Himmel. Der Schmuggler bemerkte den schweifenden Blick des Neffen. Er blieb stehen und wies in eine bestimmte Richtung. Dort zeichneten sich Bergketten ab.

»Die Grenze verläuft vor den Bergen. Es ist kein Problem, die Ebene zu überqueren, nur weit ist es.«

»Das Land sieht leer aus.«

»Das scheint nur so. Hinter den Hügeln liegt der Fluß, und dort beginnen die Wiesen. Anfangs gibt es noch ein paar Äcker, die ohne weiteres zu passieren sind.«

»Aber was ist mit dem Bauern, der auf die Panzermine trat?«

Der Schmuggler grinste. »Man sollte natürlich nicht achtlos sein. Die Minenfelder beginnen genau mit den Äckern. Aber inzwischen sind so viele Minen von den Bauern oder ihren Kindern auf die eine oder andere Weise gefunden worden, daß die Gefahr nicht sehr groß ist. – Ich kann gehen.«

»Was heißt das?«

»Ich muß erst später kriechen.«

Es fiel dem Neffen nicht leicht, sich den Schmuggler vorzustellen, wie er sich auf allen vieren durch eine Wiese bewegte, zumal er ihn im Haus des zweiten Bestellers souverän und wortkarg erlebte. Er saß lässig zurückgelehnt in seinem Stuhl, die Beine übereinandergeschlagen. Auch diesem Händler ging es allem Anschein nach für hiesige Verhältnisse recht gut. In seinem geräumigen Haus standen Dutzende von elektronischen Geräten herum, und er bot frisches Obst an. Die Verhandlungen waren diesmal etwas weniger langwierig, so daß der Händler zum Ausklang von seinem Besuch in der südlich gelegenen Hauptstadt erzählen konnte. Dort war der letzte Sommer enorm heiß gewesen. Alle Leute wunderten sich darüber, daß die Meteorologen im Fernsehen jeden Tag von 40° Celsius sprachen, obwohl die Thermometer über 50° anzeigten. Das ging ein paar Wochen so, bis der Widerspruch derart offenkundig wurde, daß ein Reporter einen Meteorologen dazu befragte. Dieser räumte denn auch vor laufender Kamera ein, daß von oberster Stelle angeordnet worden sei, die Temperatur maximal 40° betragen zu lassen, weil andernfalls das Volk beunruhigt werden würde. Sie lachten alle drei über diese Geschichte. Die Stimmung wurde gelöster, so daß der Händler, klein und kichernd in seinem Sitzkissen, gleich nachlegte und von der letzten Volkszählung berichtete, man sei auf 16,2 Millionen Einwohner gekommen. Das habe aber aus irgendwelchen Gründen nicht genügt, und so sei von oben bestimmt worden: von heute an 18 Millionen.

»Das ist kaum zu glauben«, sagte der Schmuggler und wippte fröhlich im Stuhl. »Wenn man das im Ausland erzählen würde, müßte man sich dafür schämen.« Er blinzelte zu dem jungen Mann, als erwartete er eine Bestätigung.

Der hielt nun die Gelegenheit für günstig zu fragen, ob er auf das Dach des Hauses gehen könne, um noch einen Blick auf das Land zu werfen. Der Händler stimmte freudig zu. Nachdem er ihnen alle Räume seines Hauses gezeigt hatte, das er offensichtlich allein bewohnte, traten sie endlich auf das Dach hinaus und sahen den Grund für die Bereitwilligkeit des Mannes. Es war mit Liegestuhl und Pflanzen in Töpfen und Kästen der eigentliche Aufenthaltsort dieses Hauses, zumindest jetzt im Sommer. Ein riesiger roter Papagei saß auf seiner Stange.

»Er kann sprechen«, sagte der Händler aufgeregt.

Wahrscheinlich, dachte sich der Neffe, kam nicht oft jemand auf dieses Dach. Jedenfalls sah es trotz der Farbenpracht merkwürdig trostlos aus. Er warf einen Blick auf den Liegestuhl, der in Blättern und Blüten zu verschwinden drohte.

»Das glaube ich nicht«, sagte der Schmuggler, erleichtert über den erledigten Besuch.

»Doch, doch, ich unterhalte mich mit ihm!« Der Händler hatte sich vor den Vogel gestellt und starrte den Schmuggler ernst an. »Ich unterhalte mich mit ihm jeden Tag«, wiederholte er und senkte dabei bekräftigend den Kopf.

Der Schmuggler wandte sich ab. »Der sieht nicht so aus. Er hat ja Angst.«

Der Papagei hatte den Kopf schräg gelegt. Sie umstanden ihn erwartungsvoll, der Händler wiederholte ein paar Worte und geriet unter Druck, als müßte er das Tier verkaufen. Der Papagei schaukelte seitwärts hin und her, duckte sich, richtete sich wieder auf. Manchmal bewegte er die Schnabelhälften gegeneinander. Sie spitzten die Ohren. Aber er schwieg.

»Woher ist der?« sagte der Schmuggler, um die Situation zu entschärfen. »Du hast doch nicht etwa jemand über die Grenze geschickt, um ihn zu holen.« Er stellte sich vor, welchen Aufwand es für ihn bedeutet hätte, einen so großen Vogel zu transportieren.

»Nein«, sagte der Händler ungeduldig. »Ich habe ihn schon vor dem ersten Krieg gehabt. Er ist sehr alt.«

»Ja, und wahrscheinlich schon zu alt zum Sprechen.« Der Schmuggler hatte offensichtlich Spaß daran, den Mann zu ärgern, der jetzt sichtbar nervös wurde.

»Du mußt Geduld haben«, stieß er hervor.

Der Papagei senkte den Kopf bis unter die Stange. Was der Händler zu ihm sagte, schien er nicht zu hören. Auch der Neffe versuchte es, ohne Erfolg.

Der Schmuggler verlor allmählich das Interesse an dem Vogel. Der Neffe sah ihn an die Brüstung treten und sich aufstützen. Über dem Land schrien die Falken. Etwas an diesem Bild – der gebeugte Rücken des Mannes vor dem heißen, sich auflösenden Blau des Himmels – sagte ihm, daß es für ihn Zeit war, endlich die Stadt, das Nest zu verlassen.

Sie wandten sich um, als das heisere Sprechen des Papageis erklang. Was er sagte, war nicht zu verstehen, aber die Laute klangen so unnatürlich, daß sie nur Nachahmungen von Worten sein konnten. Der Vogel allerdings schien an ihrer Hervorbringung völlig unbeteiligt zu sein. Der Händler war glücklich wie ein Kind, mit den Händen schlug er sich zitternd gegen die Oberschenkel.

Der Schmuggler nickte nur anerkennend. In den Augen des Neffen gönnte er dem anderen seinen Triumph nur für eine unhöflich kurze Zeit, indem er das Dach allzu rasch verließ, während der Papagei immer undeutlicher sprach, ohne etwas zu sagen.