Elisabeth Steinkellner, geboren 1981 in Niederösterreich, absolvierte eine Ausbildung zur Sozialpädagogin und studierte Kultur- und Sozialanthropologie in Wien. Sie ist Autorin von Kurzprosa, Lyrik und Kinderbüchern (mit Bildern von Michael Roher) und lebt mit ihrer Familie in Baden bei Wien. Bei Beltz & Gelberg erschien bereits ihr Roman Rabensommer.
Wenn die Frau mit dem grauen Mantel sich in den nächsten zwanzig Sekunden umdreht und eine Brille trägt, werde ich ihm heute begegnen.
Er wird in einem Café sitzen, alleine, am kleinsten Tisch im ganzen Lokal, einem Tisch in einer Fensternische. Das letzte Licht des Tages wird durch die Scheibe fallen, ein Licht, das nicht zum Lesen taugt, deshalb wird die kleine Tischlampe dafür sorgen, Helligkeit zu streuen, gerade genug, um über die Seite des Buches zu reichen, in dem er gerade liest.
Es wird eine von Shakespeares späten Tragödien sein.
Es wird der dritte Band eines Future-Fiction-Wälzers sein.
Es wird ein Buch über die schönsten Tauchparadiese der Welt sein.
Den Ellenbogen auf die Tischplatte aufgestützt, den Kopf in eine Hand gelegt, die andere Hand flach über die Buchseiten ausgestreckt. Ein schmaler silberner Ring wird an seinem Daumen stecken.
Mit der Ringhand wird er sich flüchtig eine Haarsträhne hinters Ohr streichen, obwohl das gar nicht notwendig wäre, weil ihm die Strähne ohnehin im nächsten Moment schon wieder in die Stirn fallen wird, aber im Moment des Zurückstreichens wird er kurz hochsehen, ohne bestimmte Absicht, einfach ziellos zum Fenster hinaus.
Und genau in dem Moment werde ich draußen vorübergehen.
Er wird zwei, drei Sekunden brauchen, um mit seinen Gedanken den Sprung von seiner Lektüre weg ins Hier und Jetzt zu schaffen. Den Sprung zu mir.
Aber dann wird er denken: Moment mal, das ist doch ... Und wird kurz zögern, weil er sich nicht sicher ist, wird schnell die Stirn an die Scheibe und die Hände rund um sein Gesicht legen, um die Helligkeit der Tischlampe abzuschirmen und mich, draußen im fahlen Dämmerlicht, dadurch besser erkennen zu können. Wird sich aber immer noch nicht sicher sein. Und trotzdem klopfen. Von innen an die Scheibe.
Und ich werde das Klopfen hören. Es heraushören aus den Geräuschen um mich herum, heraushören aus den Gesprächen und den Automotoren, aus dem Piepen der Supermarktkassen hinter den sich ständig auf- und zuschiebenden Türen, aus dem Poltern ins Schloss fallender Eingangstore und dem Quietschen von Fahrradbremsen. Und obwohl ich nicht wissen werde, ob das Klopfen mir gilt, werde ich stehen bleiben und mit den Augen dem Geräusch folgen, werde dabei über die Schulter nach hinten sehen müssen, hin zu einem Fenster, hinter dem jemand winkt.
Paulus.
Die Stadt ist grau.
Die Häuser sind grau, der Himmel ist grau.
Ich sehe zu meinen Füßen hinunter und zähle die Schritte. Eins, zwei, drei, vier ... fünfundsechzig ... einhundertzwölf ...
Ich steige über Zigarettenstummel und Hundekacke hinweg, über eine leere Energydrink-Dose und einen Haargummi, über einen Parkschein und einen zerschlissenen Kinderhandschuh, aus dem das weiße Innenfutter quillt. Als ich wieder hochsehe, ist alles immer noch genauso grau wie vorher.
»Mann, was ist eigentlich los mit dir?«, hat Lenz gefragt. Das war vor drei Tagen, als ich mein Zeugnis in die Hand gedrückt bekommen habe und einfach keine Lust hatte, auch nur einen einzigen Blick draufzuwerfen. Weil es mich nicht interessiert hat, einfach absolut nicht interessiert. Also hat Lenz mir meine Noten vorgelesen. Die waren durchschnittlich, glaube ich, aber ich habe gar nicht richtig zugehört. Dann hat Lenz gefragt, ob ich am nächsten Tag zu einer Party mitkommen würde. Ich habe mit den Schultern gezuckt und ins Nichts geschaut. Und da hat er es gesagt: »Mann, was ist eigentlich los mit dir?« Und ich hätte ihm keine Antwort geben können. Selbst wenn ich gewollt hätte.
Was ist los mit dir, wenn du keine Ahnung hast, wer du bist oder sein möchtest, welche Zukunftspläne du hast oder was du dir wünschen würdest, käme die berühmte gute Fee vorbei.
Wenn alle um dich herum reden und du die meiste Zeit schweigst, fast so, als würdest du gar nicht ihre Sprache sprechen.
Wenn in deinem Kopf der Film ganz anders läuft, an anderen Schauplätzen und mit anderen Dialogen. Die sich richtiger anfühlen. Richtiger als: dich jedes Wochenende in der einzigen Bar im Umkreis von zwanzig Kilometern zu besaufen und dann am Montag in der Schule von nichts anderem zu reden als davon, wie bedient du warst, mit wem du herumgemacht hast und wen du eigentlich gern flachgelegt hättest.
Wenn du viel lieber mit jemandem ans Meer fahren würdest, zum Tauchen vielleicht, um danach am Strand zu sitzen und nichts weiter zu tun, als den sich brechenden Wellen zuzuhören.
Wenn du an den meisten Tagen das Gefühl hast, aus der Zeit gefallen zu sein oder von einem anderen Planeten zu kommen und ein Gehirn zu besitzen, das in jeder Hinsicht anders programmiert ist als das derjenigen, die du kennst.
Erklär das mal jemandem: das Gefühl, ständig an deinem Leben vorbeizuleben, weil der Film einfach nicht stimmt. Das Gefühl, die meiste Zeit konturlos zu sein, wie Nebelschwaden. Oder Dunst.
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Ich schleudere die Zeitschrift, in der ich gerade gelesen habe, quer durchs Zimmer, sie prallt an der Wand ab und rutscht unter mein Bett. Da kann sie meinetwegen liegen bleiben bis nach meiner Gehirnamputation.
Mein Handy piept.
Ines: heute um 10 im blue cat?
Kurz überlege ich, wer am Montag immer auflegt. Vielleicht Marco? Jedenfalls nicht Enno.
sorry, schreib ich, kann heute leider nicht
Sie: du kannst nicht? ach komm ...
Ich antworte nicht.
Sie, zehn Minuten später: hallooo ... lebst du noch??
Die Minestrone zu Mittag war so wässrig, dass ich jetzt schon wieder hungrig bin.
Ich hasse es, wenn Papa kocht.
Ein junger Mann im Anzug rempelt mich an, murmelt eine Entschuldigung und will weiter, aber der Mops, den er im Schlepptau hat, bleibt stehen und glotzt mich an. Der Typ zerrt an der Leine und flucht, auf seiner Stirn steht dick und fett Herrgottnochmal, ich hasse diesen verdammten Köter geschrieben. Vielleicht Frauchens aktueller Liebhaber, der sich in der ersten Phase der Verliebtheit noch von seiner besten Seite zeigen will und sogar Gassigehen mit dem vierbeinigen Konkurrenten auf sich nimmt? Der Mops ist cool, aber der Anzugtyp nun mal der Boss, er zieht so fest an der Leine, dass der Hund ein kleines Stück auf seinen Pfoten über den nassen Asphalt geschleift wird und schließlich mithopst, mitmopst, um nicht auf die Schnauze zu fallen.
Kurz sehe ich ihnen hinterher, ein seltsames Paar, die beiden, dann springt mein Blick wieder um, und ich scanne weiter die Fenster der Cafés, die Hauseingänge und die Wartehäuschen der Bushaltestellen. Wie auf Autopilot gehe ich durch die Stadt, ohne jeden Plan, nur das Ziel ganz klar vor Augen: Paulus irgendwo erspähen. Und jedes Mal, wenn ich irgendwo braune Locken entdecke, gibt es diesen winzigen Moment. Den zwischen Entdeckung und Enttäuschung. In dem so was wie eine eiskalte Flutwelle über mich hinwegschwappt und mich für ein paar Sekunden unter Wasser drückt.
Mit elf wollte ich Meeresforscher werden. Mir gefiel die Vorstellung, unter Wasser nach noch unbekannten Lebewesen zu suchen. Ich hatte dieses Bild im Kopf, dass ich ganz alleine auf Tauchgang gehen und mich einfach ziellos durchs Meer treiben lassen würde. Ich dachte, unter Wasser gibt es keine Geräusche. »Im Meer sind die Geräusche nicht im Ohr, sondern ganz tief drinnen im Kopf«, habe ich damals zu meiner Mutter gesagt und die hat mich erstaunt angesehen. Wie sie mich so oft erstaunt angesehen hat. Als würde sie einfach nicht begreifen, wer ich bin. Manchmal umarmt sie mich dann kurz und seufzt. Sie seufzt lautlos und glaubt, ich kriege es nicht mit. Egal. Die Wahrheit ist jedenfalls, dass ich keine Ahnung habe, wie das mit den Geräuschen wirklich ist. Ich war noch nie in meinem Leben tauchen. Noch nicht einmal schnorcheln. Ich war überhaupt noch nie am Meer.
Als die sich ausbreitende Nässe in meinen viel zu leichten und offenbar irgendwo löchrigen Schuhen sich nicht mehr ignorieren lässt, ändert der Autopilot dann doch seine Route und schickt mich zurück. Lotst mich in eine Sackgasse, an deren Ende mich eine heruntergekommene braune Fassade erwartet. In geschwungenen Buchstaben steht Bohème darauf, der Schriftzug leuchtet in der Dunkelheit, nur beim mittleren è sind die Lämpchen ausgefallen, und wenn man nur flüchtig hinsieht, glaubt man, Boh ne zu lesen.
Das Tor ächzt, als ich es öffne. Niemand zu sehen an der Rezeption, aber ich habe den Schlüssel ohnehin eingesteckt. Zwei Stufen auf einmal nehmend, steige ich die vier Stockwerke hinauf bis zu Tür Nummer sechsunddreißig. Mein Zimmer liegt direkt unter dem Dach, es war das billigste, das sie hatten, Klo und Bad sind auf dem Gang. Das Hotel ist klein und ein bisschen schäbig, aber trotzdem gemütlich, und die Bettwäsche hat zwar ein paar Brandlöcher, riecht aber gewaschen und frisch. Ich hätte auch in eine Jugendherberge gehen oder Couchsurfen können, dann hätte ich Geld gespart. Hätte das Zimmer allerdings auch teilen müssen. Und Paulus nicht mitbringen können.
Habe ich denn wirklich geglaubt, ihn mitbringen zu können?
Als ich vom Klo rauskomme, warten zwei Mädchen vor der Tür und schauen mich groß an. Ich habe sie bisher noch nie gesehen, ihre Stimmen aber schon durch die dünnen Wände gehört. Die Mädchen sind offenbar Zwillinge, vielleicht zehn oder elf, an ihren Handgelenken baumeln haufenweise Armbänder in allen möglichen Leuchtfarben, die kenne ich, solche trägt meine kleine Schwester auch. Ich sage »Hi« und die beiden beginnen zu kichern. Als ich den Gang entlang zu meiner Zimmertür gehe, höre ich sie hinter mir flüstern.
In meinem Zimmer ist es schon dunkel, es gibt nur ein winziges Fenster, das kaum Licht hereinfallen lässt, ich öffne es, und sofort strömt kalte Luft herein.
Am Himmel kreisen irgendwelche Vögel. Man kann sie rufen hören, wenn man sich darauf konzentriert, aber sobald man auch nur für einen Moment unkonzentriert ist, werden ihre Stimmen sofort von den Geräuschen der Stadt verschluckt.
Sinjas Gesicht blinkt auf dem Display meines Handys.
Eine Weile ignoriere ich das Klingeln, schließlich hebe ich doch ab.
»Hey, Antonia«, sagt sie.
»Hallo.«
»Na? Wie geht’s dir?«
Statt etwas zu erwidern, beginne ich zu husten.
»Also ... du kannst dir ja sicher denken, warum ich anrufe, oder?«
Ich will etwas sagen, aber es kommt kein Ton.
Aus dem Telefon ein Rauschen, wie wenn jemand Wasser in ein Spülbecken lässt.
»Wollen wir uns morgen treffen?«, fragt sie. »Im Stadtpark, beim Tempel?«
Mir steckt etwas Großes im Hals, das sich nicht hinunterschlucken lässt.
Ich nicke ins Telefon.
Sie scheint es gehört zu haben. Sinja eben.
»Am Vormittag, so um elf?«, schlägt sie vor.
»Okay«, krächze ich, »also bis morgen.« Und lege auf.
Ich blättere in der Zeitung, die ich heute Morgen von der Straße aufgelesen habe. Irgendein Lokalblatt. Eine aus dem fünften Stock gesprungene Katze, ein geknackter Zigarettenautomat, ein neu eröffnetes Seniorenwohnheim, Weltbewegendes eben. Schließlich lande ich bei den Kinoanzeigen, studiere Titel und Anfangszeiten und entscheide mich spontan für einen Film, von dem ich noch nie gehört habe. Um halb neun im Arthouse-Kino. Das klingt gut. Das klingt nach Paulus.
Ich schlage die Zeitung zu und stelle mich ans Fenster. Gegenüber ist ein Hochhaus, die Zimmer sind von Neonlicht geflutet, wahrscheinlich alles Büroräume. Ich kann direkt auf deren Terrasse schauen.
Wenn in den nächsten zehn Minuten jemand rauskommt, um Luft zu schnappen oder eine zu rauchen, wird Paulus heute Abend im Kino sein. Selbe Uhrzeit, selber Film. Er wird sich reinschleichen, wenn es schon dunkel ist, wenn die Werbung und die Filmvorschauen vorbei sind und der Film gerade begonnen hat. Er wird sich auf den Platz schräg hinter mir setzen und seine Jacke auf den freien Sitz neben sich legen.
Es wird ein rot-blau gestreifter Retro-Anorak sein.
Es wird eine gestrickte Alpakajacke aus dem Weltladen sein.
Es wird ein schwarzer Ledermantel sein.
Dann wird er seine Brille, die er immer nur ins Kino oder Theater mitnimmt, kurz mit dem Stoff seines T-Shirts putzen, sie sich aufsetzen, den Blick auf die Leinwand richten wollen – und dabei mit den Augen an mir hängen bleiben. Das gibt’s doch nicht! Er wird sich zur Seite lehnen, um mein Gesicht besser sehen zu können, und dann, wenn er sicher ist, dass das wirklich ich bin, wird er sich kurzerhand so weit nach vorne beugen, bis sein Kinn beinahe auf meiner Schulter liegt. Und mir ins Ohr flüstern: Weißt du noch, diese verdammte kaputte Klimaanlage im Zug?
Meine Mutter raucht nur sonntags. Sie sitzt dann den ganzen Vormittag in ihrem Morgenmantel in der Küche, trinkt Kaffee, hört Radio und raucht lange, dünne Zigaretten. Dabei sieht sie mit diesem besonderen Blick zum Fenster hinaus. Diesem Blick mit dem Traumschleier. Als wüsste sie nicht, ob sie schon wach ist oder noch träumt. Als ich gestern mit meinem gepackten Rucksack in der Küchentür stand und verkündete: »Ich fahr für ein paar Tage weg«, sah mein Vater von seiner Zeitung hoch und zuerst mich, dann meine Mutter verständnislos an. Die hatte gerade die Tasse zum Mund geführt, die Lippen schon an den Rand gelegt, und hielt mitten in der Bewegung inne. »Wohin?«, fragte sie und der Traumschleier lichtete sich abrupt. Ich sagte: »Mal schauen.« Mein Vater zog die Stirn in Falten, aber bevor er etwas einwenden konnte, meinte ich: »Ich bin fast siebzehn und es sind Ferien. Ich kann ja wohl mal ein paar Tage lang einfach in der Gegend herumfahren.« »Sicher kannst du das«, sagte er schließlich und klang dabei ein wenig überrumpelt, aber dennoch gefasst, und dann sagte er noch: »Viel Spaß.« Vielleicht war er froh, dass sein Sohn endlich mal was tat, das Jungs in meinem Alter eben so tun, herumfahren und Abenteuer erleben, die Welt erobern, was ganz Normales halt. Meine Mutter machte große Augen, mit denen blickte sie zwischen mir und meinem Vater hin und her. Der setzte seine Der-Junge-wird-schon-wissen-was-er-tut-Miene auf, und meine Mutter stellte ihre Tasse zurück auf den Tisch, ohne daraus getrunken zu haben, erhob sich, kam zu mir und umarmte mich. Viel zu lange und melodramatisch. Sie roch nach einem typischen Sonntagmorgen. »Melde dich«, bat sie, und ich konnte spüren, dass mein überraschender Aufbruch sie beide gewaltig durcheinanderbrachte.
Mama steckt den Kopf in mein Zimmer. »Bist du so lieb und besorgst noch Milch, bevor die Geschäfte zumachen?«
Ich sehe nicht vom Bildschirm meines Laptops hoch.
»Hallo! Antonia!«, ruft sie. »Tauchst du mal kurz auf?«
Als Quasi-Antwort ein unbestimmtes Kopfwiegen meinerseits.
Mama seufzt. Kommt ins Zimmer und setzt sich auf den Rand meines Bettes. »Bitte. Ich muss noch mal in die Praxis, um sieben kommt die Mütterrunde zur Beratung.«
Bin leider gerade sehr beschäftigt, muss nämlich Postings checken, die mich eigentlich genau null interessieren.
Ich spüre Mamas Blick auf mir. Wenn sie mich so ansieht, mit diesem Gemisch aus Mitgefühl und Ratlosigkeit, da könnte ich kotzen.
»Ist es wegen morgen? Du weißt ja, dass morgen ...«
»Ich weiß, welcher Tag morgen ist«, fahre ich sie an.
Sie schweigt. Beginnt nach einer Weile wieder: »Weißt du, Papa und ich haben uns überlegt ...«
Mir ist nach Finger in die Ohren und lalalalala.
»... also natürlich wollen wir dir die Schonfrist geben, die du brauchst, aber glaubst du nicht ...«
»Schonfrist?«
Jetzt brülle ich.
»So nennst du das also? Und du und Papa, ihr seid also wieder voll auf der Häppi-peppi-und-juhu-das-Leben-geht-doch-weiter-Schiene? Hat euch ja ganz schön gut hingebogen, eure Psycho-Tante.«
Mir ist klar, dass ich sie damit zum Weinen bringe. Wie auf Knopfdruck. Sie schluchzt lautlos in die aufgewirbelte Wut hinein.
Ich weiß, dass ich nicht fair bin. Weil wir natürlich alle kämpfen, jeder auf seine Weise. Trotzdem beruhigt es mich irgendwie, ihre Fassade einstürzen zu sehen. Ungerührt starre ich auf meinen Bildschirm, während sie sich die Tränen von den Wangen wischt.
Schließlich steht sie auf und verlässt mein Zimmer. Schlägt die Tür nicht zu, lässt sie nicht vorwurfsvoll offen stehen, sondern schließt sie einfach ganz normal.
Ich logge mich aus und ziehe die Vorhänge vors Fenster, draußen ist es dunkel. Dann lasse ich mich auf mein Bett fallen und schließe die Augen.
Piep.
Schwerfällig angle ich nach meinem Telefon.
ich spring am abend für marco ein, kommst du vorbei? schön war das übrigens, in der früh von dir geweckt zu werden ...
Heute früh. Ein angenehmes Kribbeln breitet sich in meinem Körper aus. Obwohl früh gar nicht stimmt, es war schon halb elf, als ich an sein Fenster geklopft habe, aber Enno kann problemlos bis drei am Nachmittag schlafen, also muss es sich für ihn richtig morgendlich angefühlt haben.
Die Haustür fällt ins Schloss und meine Gedanken kehren schlagartig zu Mama zurück. Bin gespannt, wann sie mich endgültig satthat und mal so richtig anschreit. Mich vielleicht sogar rauswirft.
In Wahrheit weiß ich, dass sie das nie, nie, nie tun würde.
Kann ich also für alle Ewigkeit so gemein zu ihr sein.
Die Rezeptionistin lutscht ständig Bonbons, ich habe sie bis jetzt noch nie ohne Bonbon im Mund gesehen. Die Bonbons stehen in einem Glas auf dem Tresen, wahrscheinlich greift sie ohne nachzudenken ständig hinein. Sie heißt Vero, das hat sie mir schon gestern verraten und erklärt, dass ich mich jederzeit an sie wenden könne, egal, worum es geht, Tag und Nacht. Falls ich einen Fön brauche oder eine Flasche Wasser. Oder nachts nicht schlafen könne und quatschen wolle. Sie war echt cool und hat einfach so getan, als wäre alles ganz normal, obwohl ich mich angestellt habe wie der erste Mensch, gestern Nachmittag bei meiner Ankunft:
»Ich, äh, suche ein Zimmer, haben Sie vielleicht eines frei?«
»Einzelzimmer?«
»Äh, na ja, also, vielleicht bringe ich ... äh ... ja, doch. Einzelzimmer.«
»Sicher? «
»Definitiv, ja. Und das billigste, das Sie haben, wenn’s geht. «
»Okay. Deinen Pass bräuchte ich dann noch. «
»Pass, äh ... Ach so, ja, das ist jetzt blöd, weil den hab ich gar nicht mit ...«
»Hm ... Du bist doch schon achtzehn, oder?«
»Ähm, nein, sechzehn. Fast siebzehn.«
»Aha. Also achtzehn.«
War ja das erste Mal, dass ich alleine in einem Hotel eingecheckt habe.
Ich höre schon aus fünf Metern Entfernung, wie sie krachend auf das Bonbon beißt. Als ich an ihr vorbeigehe, sieht sie hoch.
»Ah, hallo, Simon, gehst du weg?«
Ich nicke, stehe dann ein wenig unschlüssig vor ihr. Sie trägt große rote Ohrringe in Form von Kirschen und erinnert mich auch sonst irgendwie an Obst. Vielleicht, weil sie ihre Lippen himbeerrot bemalt hat, kiwigrüne Armreifen und bananengelben Nagellack trägt und irgendwie sehr fröhlich wirkt.
Sie lächelt. »Schlüssel?«
Ich ziehe die Augenbrauen hoch und tue ahnungslos. »Hm?«
»Den Schlüssel musst du immer bei mir abgeben, wenn du gehst«, erklärt sie. »Und wenn du zurückkommst, holst du ihn dir wieder von mir, die Rezeption ist rund um die Uhr besetzt.«
»Ach so ... ja«, murmle ich, fasse an meine Jackentasche und zögere.
Sie lächelt mich an, scheint schließlich mein Zögern zu bemerken.
»Oder willst du ihn etwa mitnehmen?«
Mit schiefem Grinsen ziehe ich die Schultern hoch, sie mustert mich kurz mit neugierigem Blick.
»Okay«, meint sie dann gut gelaunt, »wenn es dir so wichtig ist, den Klunker mit dir herumzuschleppen ...«
Der Schlüssel ist tatsächlich ein riesiges Teil, also nicht der Schlüssel an sich, nur der schwere, runde Messinganhänger, der an ihm baumelt.
»Aber offiziell hast du diese Erlaubnis nie von mir bekommen, okay?«
Sie lächelt verschwörerisch.
Mein Versuch, ebenso verschwörerisch dreinzuschauen, geht offenbar schief, denn ihr platzt ein Lachen heraus. Wahrscheinlich war mein Blick eher der eines unterbelichteten Geheimagenten in so einem CIA-Verarsche-Film. Mit rotem Kopf wende ich mich zum Gehen, aber da fragt sie noch: »Sag mal, was treibst du denn eigentlich so die ganze Zeit hier?«
»Ähm ...«, beginne ich.
Vollkommen überrumpelt von der Frage.
»Na ja, ich ... sehe mir die Stadt an?« Als hätte sie mir eine Quizfrage gestellt.
»Schon klar, aber was hast du denn bis jetzt gesehen?«
Darauf weiß ich nun wirklich nichts zu sagen. Keine Ahnung, was es hier zu sehen gibt, ich habe bisher nicht einen einzigen Gedanken an Sehenswürdigkeiten, Museen, einen Dom oder irgend so ein Zeug verschwendet. Bin einfach durch die Straßen gestreunt. Suchend. Schauend. Hoffend. Das war’s.
»Noch nicht viel. Hast du vielleicht Tipps?« Gut gerettet.
»Was interessiert dich denn? Museen? Oder mehr das Nachtleben?« Sie grinst.
Ich zucke mit den Schultern. »Alles.«
Sie greift unter den Tresen und fischt etwas hervor, faltet dann einen kleinen Stadtplan vor mir auseinander.
»Also, wenn du meine persönlichen Tipps hören willst: Der Teich am Rosenhügel ist gerade zugefroren, da kann man super eislaufen.«
Mit einem Kugelschreiber malt sie ein kleines Kreuz auf den Plan.
»Obwohl ...« Sie zögert. »Da bräuchtest du Schlittschuhe, dort gibt’s nämlich keinen Verleih.«
Sie scheint zu überlegen, wie ich an Schuhe kommen könnte, aber ich schüttle schnell den Kopf und behaupte, dass eislaufen eh nicht so mein Fall sei.
»Okay.« Sie wendet sich wieder dem Plan zu und macht ein weiteres Kreuz darauf. »In der Sengerstraße, der Blaue Pfau. Ist mein Lieblingscafé. Und in der Mensa an der Uni bekommst du ein Mittagessen für sechs Euro.« Auch das zeichnet sie mir ein.
In meinem Kopf fällt plötzlich ein Groschen: Natürlich, die Uni! Wieso ist mir das nicht früher eingefallen? Was war es bloß, das Paulus studiert? Geschichte? Geografie? Kunst?
»Gibt es hier nur eine Uni?«, erkundige ich mich und versuche, es möglichst beiläufig klingen zu lassen.
»Ja«, erklärt Vero, »es ist ja nur eine kleine Stadt.«
Sie faltet den Plan zusammen und händigt ihn mir aus.
Ob Vero Paulus wohl kennt? Vielleicht studieren die beiden ja zufällig zusammen?
»Wohnst du schon länger hier?«, frage ich vorsichtig.
Vero nickt. »Seit sechs Jahren. Aber nicht mehr lange. Vor dem Sommer will ich mein Studium beenden und dann ziehe ich zu meinem Freund nach Spanien.«
»Spanien. Cool.«
»Oooh ja!« Sie strahlt.
Ich wende mich zum Gehen. »Ich will ins Kino.«
»Okay, viel Spaß«, ruft sie mir hinterher und winkt.
Draußen weht ein eisiger Wind, ich zippe meine Jacke zu.
Wenn Vero ihr Studium schon bald beendet, ist sie auf jeden Fall ein paar Jahre älter als Paulus. Also kennt sie ihn wahrscheinlich nicht. Mist.
Ich trödle so lange herum, bis alle Geschäfte zugemacht haben und mir nur noch der Supermarkt am Bahnhof bleibt, der bis halb neun offen hat. Ich nehme das Fahrrad, sonst macht auch der mir noch vor der Nase zu. Die Kälte sticht schon nach kurzer Zeit wie Nadeln in meine Haut und die Handschuhe liegen zu Hause. Na toll.
Als ich ankomme, muss ich meine Finger kurz mit heißem Atem auftauen, damit ich sie überhaupt bewegen und das Rad abschließen kann.
Drinnen hüllt mich warme Luft ein. Es riecht nach Seife, weil dieser lächerliche Putzwagen, der mich immer an einen fahrbaren Rasenmäher erinnert, unterwegs ist. Auf diesem Ding sitzen immer nur die männlichen Angestellten, noch nie habe ich eine Frau damit herumkurven gesehen. Ich latsche absichtlich durch die nasse Putzspur und verziere sie mit ein paar schmutzig braunen Abdrücken meines Profils, so kann sich der Typ auf dem Gefährt noch ein bisschen länger seinem Testosteronrausch hingeben.
Als ich am Knabbergebäck-Regal vorbeikomme, greife ich kurzerhand nach zwei Packungen Chips. Einmal Paprika, einmal Meersalz. Erst als die Kassiererin »Sechs Euro zwanzig« verlangt, merke ich, dass ich nur einen Fünfer einstecken habe. Für einen Moment überlege ich, ob ich die Milch dalassen soll. Dann entscheide ich mich widerwillig für die Paprika-Chips.
Auf dem Rückweg fahre ich Umwege, vorbei am Blue Cat. Durch die Scheibe sehe ich Enno an den Plattentellern und bremse ab.
Reingehen? Aber die Milch muss schließlich heim. Und wenn Enno auflegt, hat er eh kaum Zeit für mich. Und auf irgendjemanden sonst habe ich heute keine Lust, nicht mal auf Ines.
Ich hieve mich zurück in den Sattel.
Also Fluch der Karibik um 21:05 Uhr.
Der Saal ist fast leer, nur da und dort lugen ein paar Hinterköpfe über die Lehnen. Ich schaffe es kaum, still zu sitzen und mich nicht ständig nach allen Seiten umzusehen. Nach der Werbung gehen die Lichter aus und die Trailershow beginnt.
Niemand betritt mehr den Saal.
Filmstart.
Die Minuten verstreichen und die Enttäuschung löst die Nervosität ab. Mein Puls wird langsamer.
Das war’s dann. Kein Kinn, das sich von hinten auf meine Schulter legt, kein Flüstern an meinem Ohr.
Lustlos starre ich auf die Leinwand. Ich weiß jetzt schon, dass der Film schlecht sein wird.
Ich rutsche tiefer in meinen Sitz und lasse mich von den Bildern und Geräuschen berieseln, ohne wirklich da zu sein.
»Johnny Depp?«, fragt Mama.
Wie alt muss der eigentlich schon sein, wenn sogar Mama ihn kennt?
Bitte, bitte setz dich jetzt nicht zu mir.
»Kann ich mitschauen?«
Nein, verdammt.
Sie lässt sich neben mich in die Couch sinken, immerhin mit etwas Abstand, greift ungefragt in die Chipstüte zwischen uns und fasst sich eine ganze Ladung heraus. Ich verkneife mir zu erwähnen, dass das meine Chips sind. Und dass es sich für eine Ernährungsberaterin eigentlich nicht gehört, so herzhaft Chips zu mampfen.
Eine Weile schauen wir zusammen fern.
Jack Sparrow ist völlig durchgeknallt, aber ziemlich cool.
»Dieser Sparrow ist cool«, kommentiert Mama und grinst.
Mann. In diesem Augenblick hat er massiv an Coolness eingebüßt.
»Danke für die Milch, Antonia«, sagt sie dann sanft und sieht mich von der Seite an.
Ich nicke, ohne zu ihr zu schauen.
War ja klar, dass sie keine Sekunde lang an diesem Film interessiert war. Sondern Frieden schließen wollte.
Wozu auch streiten.
Wir sind ohnehin mit demselben Schiff untergegangen.
Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, denn der Filmvorführer weckt mich und schickt mich hinaus in die eiskalte Nacht.
Mein Atem bildet dichte Rauchwolken, ein wenig benommen vergrabe ich die Hände in den Taschen meines Parkas und stapfe los.
Wenn es zu schneien beginnt, bevor ich das Hotel erreicht habe, wird Paulus plötzlich um eine Ecke biegen und fast in mich hineinlaufen. Im Licht einer Straßenlaterne werden wir uns ins Gesicht sehen und einander erkennen. Hi, wird er sagen und ganz überrascht sein. Und ich werde ebenfalls überrascht tun, als hätte ich gar nicht daran gedacht, ihm hier womöglich zu begegnen. Werde erklären, dass ich einfach ein paar Tage wegfahren wollte, Ferien und so, ein paar Städte abklappern, in denen ich noch nie war. Und dann werde ich etwas Witziges sagen, obwohl mir sonst meist nichts Witziges einfällt, aber diesmal wird es klappen, und Paulus wird darüber lachen. Und mich auf ein Bier zu sich einladen. Klar, wenn ich schon mal in der Stadt bin. Und ich werde sagen: Okay, warum nicht.
In seiner Wohnung wird es nach kalter Asche riechen, denn Paulus raucht ziemlich viel.
In seiner Wohnung wird es nach angebrannten Zwiebeln riechen, weil er sich zu Mittag ein Omelett gebraten hat.
In seiner Wohnung wird es nach ihm riechen, einer Mischung aus seinem Rasierschaum, seinem Schweiß und dem Geruch seiner Möbel.
Ich werde durch die Zimmer gehen, überall werden Fotos an den Wänden kleben und plötzlich werde ich mich auf einem dieser Fotos erkennen. Und das Bild wird genau so aussehen, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Mein Lachen wird echt und ausgelassen sein, statt unsicher und verkniffen.
Und da wird Paulus plötzlich hinter mir stehen, so dicht, dass unsere T-Shirts aneinanderstreifen, und fragen: Woran erinnerst du dich gerade?
An einem Imbissstand kaufe ich mir einen Kebab mit extraviel Chilisoße. Esse ihn nicht wie sonst im Gehen, sondern lasse mich bei der Bushaltestelle gegenüber auf einem Sitzplatz nieder.
Um Zeit zu schinden. Zeit, in der es zu schneien beginnen könnte.
Um diese Uhrzeit sind nur noch vereinzelt Leute unterwegs, wahrscheinlich fährt auch kein Bus mehr hier vorbei. Die Chilischärfe brennt auf meiner Zunge und in meinem Rachen, gierig sauge ich die kalte Luft ein, um das Brennen zu verscheuchen.
Als der Kebab weg ist, bleibe ich weiter da hocken.
Erst als ich bemerke, dass mich der Imbissverkäufer misstrauisch mustert, stehe ich auf und trabe zurück zum Hotel.
Vero sitzt in dem kleinen Zimmer hinter dem Rezeptionsbereich und liest. Als ich an ihr vorbeikomme, sieht sie hoch. »Und, wie war’s?«
»Geht so.« Schulterzucken.
Sie lächelt mich abwartend an.
Ich könnte mich jetzt wie ein normaler Mensch verhalten und ihr erzählen, worum es in dem Film gegangen ist, zumindest soweit ich es mitbekommen habe. Oder sie einfach geradeheraus fragen, ob sie Paulus kennt. Oder ihr erklären, was für ein unglaublicher Idiot ich bin und wie bescheuert die Idee doch war, in diese Stadt zu kommen und auf eine Begegnung zu hoffen, die jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung widerspricht.
Aber anstatt irgendwas davon zu sagen, lächle ich nur kurz und murmle: »Ich geh dann ins Bett, gute Nacht.«
»Gute Nacht!« Ihre Stimme klingt fröhlich wie immer.