Über dieses Buch

Tirritieren, schabernacken und figurieren – das macht Karlsson am liebsten. Er wohnt auf dem Dach, kann fliegen und ist der beste Freund von Lillebror. Um so entsetzter ist Lillebror, als in der Zeitung ein Bericht über einen fliegenden Spion erscheint. Damit kann nur Karlsson gemeint sein …

Astrid Lindgren (19072002) gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der Welt. Sie hat neben den Brüder Löwenherz viele andere liebenswerte Kinderbuchfiguren geschaffen, wie Pippi Langstrumpf, die Kinder aus Bullerbü oder Ronja Räubertochter, und ihre Geschichten, Märchen und Erzählungen zählen längst zu den Klassikern der Kinderliteratur. Astrid Lindgren wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Alternativen Nobelpreis. Ihr zu Gedenken schuf die schwedische Regierung den »Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis« für Werke, die von dem tief humanistischen Geist geprägt sind, der mit Astrid Lindgren verknüpft ist.

 

Mehr über Astrid Lindgren erfahrt ihr hier.

 

Ilon Wikland, 1930 in Estland geboren, studierte Kunst in Stockholm und London und arbeitet als freie Illustratorin. 1954 begann ihre Zusammenarbeit mit Astrid Lindgren, aus der mehr als dreißig Bücher hervorgegangen sind. Ilon Wikland wurde für ihr Gesamtwerk mit dem Elsa-Beskow-Preis ausgezeichnet und bereits mehrfach für den »Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis« nominiert.

 

Mehr über Ilon Wikland erfahrt ihr hier.

LovelyBooks

Wie hat Dir das Buch ›Der beste Karlsson der Welt‹ gefallen?

Schreib hier Deine Meinung zum Buch

Stöbere in Beiträgen von anderen Lesern

© aboutbooks GmbH
Die im Social Reading Stream dargestellten Inhalte stammen von Nutzern der Social Reading Funktion (User Generated Content).
Für die Nutzung des Social Reading Streams ist ein onlinefähiges Lesegerät mit Webbrowser und eine bestehende Internetverbindung notwendig.

© 1995 Verlag Friedrich Oetinger GmbH (AG Hamburg, HRB 105882), Poppenbütteler Chaussee 53, 22397 Hamburg, USt-ID: DE 260141424, Vertretungsberechtigte Geschäftsführer: Silke Weitendorf, Julia Bielenberg, Telefon: +49 40 607909-02, Telefax: +49 40607-2326, E-Mail: oetinger@verlagsgruppe-oetinger.de, Internet: www.oetinger.de

 

Alle Rechte für die deutschsprachige Ausgabe vorbehalten

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

© Text: Astrid Lindgren 1968 / The Astrid Lindgren Company AB

© Illustrationen: Ilon Wikland 1968 / Design Ilon Wikland AB

Die schwedische Originalausgabe erschien bei Rabén & Sjögren, Stockholm, unter dem Titel Karlsson på taket smyger igen

Die deutsche Ausgabe erschien erstmalig 1969 im Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg

Deutsch von Thyra Dohrenburg

Cover und Illustrationen von Ilon Wikland

Auslandsrechte vertreten durch The Astrid Lindgren Company AB, Lidingö, Schweden. Mehr Informationen unter info@astridlindgren.se

 

 

www.astridlindgren.com

www.astrid-lindgren.de

 

E-Book-Umsetzung: Arhebis Digital Systems, Timisoara, Rumänien, 2019

 

ISBN 978-3-96052-124-2

 

www.oetinger.de

www.oetinger.de/ebooks

Cover

Fußnoten

1

Ein Sackbett machen: Man schlägt das Unterbett hoch, sodass es das Kopfkissen bedeckt. Nun legt man Überlaken und Überdecke hin wie üblich, schlägt das Überlaken oben um und dann auch das Unterlaken, das den Umschlag des Überlakens decken muss. Wer jetzt in das Bett steigt, kann die Beine nicht ausstrecken, weil das untere Laken einen Sack bildet.

2

John Blund, der schwedische Sandmann, kommt mit einem Schirm.

 

 

 

 

 

Lillebror ist das schwedische Wort für Brüderchen.

Jedermann hat das Recht, Karlsson zu sein

Eines Morgens erwachte Lillebror – er war der Jüngste und Kleinste in der Familie – und hörte, wie sich Mama und Papa in der Küche unterhielten. Es klang fast so, als wären sie wegen irgendetwas ärgerlich oder traurig.

»Doch, jetzt ist Schluss«, sagte Papa. »Schau, was hier in der Zeitung steht, lies selbst!«

»Aber das ist ja schrecklich«, sagte Mama. »Oh, wie schrecklich!«

Lillebror kletterte schleunigst aus dem Bett. Er wollte auch wissen, was da so schrecklich war.

Und das sollte er erfahren! Auf der ersten Seite in der Zeitung stand in großen Buchstaben zu lesen:

FLIEGENDE TONNE – ODER WAS?

Und da stand weiter:

Was ist das für ein rätselhaftes und seltsames Ding, das hier in Stockholm herumfliegt? Die Leute behaupten, eine ungewöhnlich kleine fliegende Tonne oder etwas Ähnliches komme hin und wieder mit kräftig brummendem Motor über die Hausdächer im Vasaviertel gesaust. Das Luftfahrtamt weiß nichts von diesem merkwürdigen Flugverkehr, und daher ist der Verdacht entstanden, dass man es mit einem unheimlichen ausländischen Spion zu tun habe, der hier herumfliegt und schnüffelt. Das muss untersucht werden, und was da herumfliegt, muss eingefangen werden. Ist es so ein kleiner, unheimlicher Spion, so muss er der Polizei übergeben werden, und zwar schnellstens. Wer kann das fliegende Rätsel im Vasaviertel aufklären? Zehntausend Kronen werden hiermit als Belohnung ausgesetzt für denjenigen, dem es gelingt, diesen brummenden Gegenstand einzufangen, was immer es auch sein mag. Man braucht das Ding nur auf der Redaktion dieser Zeitung abzuliefern und kann das Geld in Empfang nehmen.

»Armer Karlsson vom Dach«, sagte Mama. »Die Leute werden ihm das Leben aus dem Leibe jagen.«

Lillebror bekam einen Schrecken und wurde traurig und wütend, alles zugleich.

»Warum kann man Karlsson nicht in Ruhe lassen?«, schrie er. »Er hat ja gar nichts getan. Er wohnt nur oben auf dem Dach in seinem Haus und fliegt ein bisschen herum. Da ist doch nichts Schlimmes dabei?«

»Nein«, sagte Papa. »An Karlsson ist nichts Schlimmes. Er ist nur eben ein bisschen … hm … ungewöhnlich.«

Ja, natürlich war etwas Ungewöhnliches an Karlsson, das musste selbst Lillebror zugeben. Es ist ungewöhnlich, wenn kleine, dicke, motorisierte Männer in kleinen, besonderen Häusern oben auf dem Dach wohnen, Männer mit einem Propeller auf dem Rücken und einem Startknopf auf dem Bauch.

So ein kleiner Mann war Karlsson. Und Karlsson war Lillebrors bester Freund. Er war sogar mehr bester Freund als Krister und Gunilla, die Lillebror doch so sehr mochte und mit denen er spielte, wenn Karlsson plötzlich verschwunden war oder keine Zeit für ihn hatte. Karlsson fand, mit Krister und Gunilla sei nichts los. Er schnaubte jedes Mal, wenn Lillebror von ihnen sprach.

»Nenn bloß nicht diese lächerlichen Knirpse in einem Atemzug mit mir«, sagte er. »Ein schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in seinen besten Jahren – was denkst du, wie viele kleine dumme Jungen so einen besten Freund haben? Was?«

»Keiner außer mir«, sagte Lillebror, und jedes Mal wurde ihm glücklich und warm ums Herz. Was für ein Glück, dass sich Karlsson ausgerechnet auf seinem Dach niedergelassen hatte! Das ganze Vasaviertel war voller solcher alter, hässlicher, vierstöckiger Häuser wie das, in dem Familie Svantesson wohnte, was für ein Glück also, dass Karlsson zufällig ausgerechnet auf ihrem Dach und nirgendwo sonst gelandet war.

Mama und Papa allerdings waren zu Anfang nicht sonderlich erbaut von Karlsson gewesen, und Lillebrors Geschwister, Birger und Betty, mochten ihn zuerst auch nicht. Die ganze Familie – außer Lillebror natürlich – fand, Karlsson sei der grässlichste, verwöhnteste, unausstehlichste und grapschigste Tunichtgut, den man sich nur vorstellen konnte. Aber in der letzten Zeit hatten sie angefangen, sich alle an ihn zu gewöhnen. Sie mochten Karlsson jetzt beinahe gern, und vor allen Dingen sahen sie ein, dass Lillebror ihn brauchte. Betty und Birger waren ja so viel älter als Lillebror, er brauchte einen besten Freund, da er keine gleichaltrigen Geschwister hatte. Zwar hatte er einen eigenen Hund, einen wunderbaren kleinen, der Bimbo hieß, aber nicht einmal das war genug – Lillebror brauchte Karlsson.

»Und ich glaube, Karlsson braucht Lillebror auch«, sagte Mama.

Zuerst hatten Papa und Mama ihn geheim halten wollen. Sie wussten nur zu gut, was es für eine Aufregung geben würde, wenn zum Beispiel das Fernsehen Wind von ihm bekäme oder wenn die illustrierten Zeitungen über »Karlsson bei sich zu Hause« schrieben.

»Haha, das gäbe wirklich einen Riesenspaß«, hatte Birger einmal gesagt, »wenn Karlsson außen auf einer Illustrierten zu sehen wäre, in einem Salon stehend und an einem Strauß rosa Rosen riechend oder so ähnlich.«

»Du bist blöde«, sagte Lillebror darauf. »Karlsson hat keinen Salon, der hat bloß ein kleines, ulkiges Zimmer und keine Rosen.«

Das wusste Birger auch. Er und Betty und Mama und Papa waren einmal – aber nur ein einziges Mal – oben auf dem Dach gewesen und hatten sich Karlssons Haus angesehen. Sie waren vom Hausboden durch die Dachluke geklettert, die der Schornsteinfeger benutzte, und Lillebror hatte ihnen gezeigt, wie pfiffig Karlssons Haus hinter dem Schornstein und dicht an der Brandmauer des Nachbarhauses versteckt lag.

Mama war ganz entsetzt gewesen, als sie aufs Dach kam und die Straße tief dort unter sich liegen sah. Sie wäre beinahe in Ohnmacht gefallen und musste sich am Schornstein festhalten.

»Lillebror, versprichst du mir, dass du niemals allein hier heraufgehst?«, sagte sie.

Lillebror überlegte erst, bevor er es versprach.

»Ja«, sagte er schließlich, »ich gehe niemals allein hier herauf. Aber vielleicht fliege ich manchmal mit Karlsson hierher«, sagte er dann ziemlich leise. Wenn Mama es nicht gehört hatte, dann hatte sie wirklich selbst Schuld. Wie konnte sie übrigens verlangen, dass Lillebror Karlsson niemals besuchte? Sie hatte bestimmt keine Ahnung, wie schön es in Karlssons kleinem ulkigem Zimmer sein konnte, wo es so viel Krimskrams gab.

Aber jetzt würde natürlich alles zu Ende sein, dachte Lillebror verbittert, und bloß wegen dieser dummen Zeitungsschreibereien.

»Du musst Karlsson Bescheid sagen, dass er sich vorsieht«, sagte Papa. »Er darf in der nächsten Zeit nicht so oft herumfliegen. Ihr könnt euch ja in deinem Zimmer aufhalten, wo ihn keiner sieht.«

»Aber ich setz ihn an die Luft, wenn er rumtobt«, sagte Mama.

Sie stellte einen Teller Grütze vor Lillebror auf den Küchentisch, und Bimbo bekam auch ein bisschen in seinen Fressnapf. Papa sagte Auf Wiedersehen und ging ins Büro. Und jetzt stellte sich heraus, dass Mama auch in die Stadt wollte.

»Ich geh nur schnell mal ins Reisebüro und erkundige mich, ob sie nicht irgendeine hübsche Reise für uns haben, jetzt, wo Papa Urlaub kriegt«, sagte sie und gab Lillebror einen Kuss. »Ich bin bald wieder da.«

Und dann war Lillebror allein. Allein mit Bimbo und mit seiner Grütze und mit seinen Gedanken. Und mit der Zeitung. Die hatte er neben sich gelegt und warf ab und zu einen kurzen Blick darauf. Unter dem, was da über Karlsson stand, war ein wunderschönes Bild von einem großen weißen Dampfer, der zu Besuch nach Stockholm gekommen war und im Hafen vor Anker lag. Lillebror schaute ihn sich an. Oh, wie war der schön! Lillebror hätte so ein Schiff gern einmal in Wirklichkeit gesehen oder wäre damit übers Meer gefahren!

Er versuchte, nur immer den Dampfer anzusehen, aber seine Augen blieben die ganze Zeit an dieser schrecklichen Überschrift hängen:

FLIEGENDE TONNE – ODER WAS?

Lillebror machte sich wirklich Sorgen. Er musste so rasch wie möglich mit Karlsson reden. Andererseits durfte er ihn nicht zu sehr erschrecken, denn wer weiß, ob Karlsson nicht solche Angst bekam, dass er auf und davon flog und nie mehr wiederkam!

Lillebror seufzte. Dann steckte er sich widerwillig einen Löffel Grütze in den Mund. Er schluckte sie nicht herunter, sondern ließ sie auf der Zunge liegen, wie um zu kosten. Lillebror war so ein kleiner, dünner Junge mit schlechtem Appetit, wie es so viele gab. Er stocherte bei Tisch immer in seinem Essen herum, und es dauerte eine Ewigkeit, bis er fertig war.

Besonders gut ist die Grütze nicht, dachte Lillebror. Vielleicht würde sie ein bisschen besser werden, wenn er noch mehr Zucker darüberstreute. Er griff nach der Zuckerschale, aber im selben Augenblick hörte er Motorengebrumm vor dem Küchenfenster, und wupps, kam Karlsson hereingeflogen.

»Heißa hopsa, Lillebror«, rief er, »rat mal, wer der beste Beste Freund der Welt ist, und rat mal, weshalb er gerade jetzt kommt?«

Lillebror schluckte hastig herunter, was er im Mund hatte.

»Der beste Beste Freund der Welt, das bist du, Karlsson! Aber weshalb kommst du gerade jetzt?«

»Dreimal darfst du raten«, erwiderte Karlsson. »Weil ich Sehnsucht nach dir hatte, du kleiner dummer Junge, oder weil ich mich bloß verflogen habe und eigentlich mal kurz um den Königsgarten fliegen wollte oder weil ich merkte, dass es nach Grütze roch? Nun rate mal!«

Lillebrors Gesicht leuchtete auf vor Freude.

»Weil du Sehnsucht nach mir gehabt hast«, schlug er schüchtern vor.

»Falsch«, sagte Karlsson. »Und zum Königsgarten wollte ich auch nicht, das brauchst du also gar nicht erst zu raten.«

Zum Königsgarten, dachte Lillebror, oh, dorthin durfte Karlsson auf keinen Fall fliegen und auch sonst nirgendwohin, wo es von Menschen wimmelte, die ihn sehen konnten, das musste man ihm jetzt endlich klarmachen.

»Hör mal, Karlsson«, begann Lillebror, aber dann stockte er, denn er merkte plötzlich, dass Karlsson ein brummiges Gesicht machte. Er schaute Lillebror verdrossen an und schob schmollend die Lippen vor.

»Hier kommt man ausgehungert her«, sagte er, »aber ist da jemand, der einem einen Stuhl anbietet und einem einen Teller hinstellt, einem ein Lätzchen umbindet und einem einen Haufen Grütze auftut und der sagt, man solle nun einen Löffel für Mama nehmen und einen Löffel für Papa und einen Löffel für Tante Augusta …?«

»Wer ist Tante Augusta?«, fragte Lillebror neugierig.

»Keine Ahnung«, sagte Karlsson.

»Ja, aber dann brauchst du doch für die keinen Löffel zu essen«, meinte Lillebror und lachte.

Aber Karlsson lachte nicht.

»So, das meinst du? So, man soll also verhungern, nur weil man nicht alle Tanten der Welt kennt, die vielleicht weit weg in Tumba oder sonst wo sitzen und maulen.«

Lillebror holte schnell einen Teller und forderte Karlsson auf, sich etwas aus der Grützeschüssel zu nehmen. Und immer noch leicht verdrossen, häufte Karlsson sich etwas auf den Teller. Er häufte und häufte, und zuletzt nahm er den Zeigefinger zu Hilfe, um den Rand sauber zu wischen.

»Deine Mama ist goldig«, sagte Karlsson, »es ist nur schade, dass sie so fürchterlich geizig ist. Viel Grütze habe ich im Laufe meines Lebens gesehen, aber nie so wenig.«

Er kippte die Zuckerschale über seinem Teller aus und fing an. In den nächsten Minuten hörte man in der Küche nichts als das schlürfende Schmatzen, das entsteht, wenn jemand in rasender Eile Grütze isst.

»Für einen Löffel für Tante Augusta reichte es leider nicht mehr«, sagte Karlsson und wischte sich den Mund. »Aber wie ich sehe, sind hier Wecken! Ruhig, ganz ruhig, Tante Augustachen, bleib ganz ruhig da sitzen in Tumba, ich kann ja stattdessen zwei Wecken verdrücken! Oder vielleicht auch drei – oder vier – oder fünf!«

Während Karlsson Zimtwecken aß, grübelte Lillebror darüber nach, wie er ihn am besten warnen könnte. Vielleicht war es das Beste, er ließ es ihn selber lesen, dachte Lillebror und schob Karlsson etwas zögernd die Zeitung hin.

»Guck mal auf der ersten Seite«, sagte er finster, und das tat Karlsson. Sehr interessiert guckte er, und dann setzte er einen kleinen, dicken Zeigefinger auf das Bild mit dem weißen Dampfer.

»Oje, oje, jetzt ist wieder ein Dampfer umgekippt«, sagte er. »Nichts als Unglück und Unglück.«

»Ach, du hältst ja die Zeitung verkehrt rum«, sagte Lillebror.

Er hatte schon lange den Verdacht gehabt, dass Karlsson nicht so besonders gut lesen konnte. Aber Lillebror war ein gutherziger kleiner Kerl, der niemanden betrüben wollte, am allerwenigsten Karlsson. Daher sagte er nicht: »Haha, du kannst ja nicht lesen«, sondern drehte die Zeitung und das Schiff richtig herum, damit Karlsson sah, dass kein Schiffsunglück passiert war.

»Hier steht aber was über ein anderes Unglück«, sagte Lillebror. »Hör mal zu!«

Und dann las er Karlsson laut von der fliegenden Tonne und dem kleinen, unheimlichen Spion vor, der gefangen werden müsse, und von der Belohnung und all das.

»Man braucht das Ding nur auf der Redaktion dieser Zeitung abzuliefern und kann das Geld in Empfang nehmen«, schloss er mit einem Seufzer.

Aber Karlsson seufzte nicht, er jubelte. »Hoho«, schrie er und hopste ein paarmal eifrig und fröhlich hoch, »hoho, der kleine unheimliche Spion ist schon so gut wie geschnappt. Ruf die Redaktion der Zeitung an und sag ihnen, ich liefere das Ding schon heute Nachmittag ab.«

»Was meinst du damit?«, fragte Lillebror erschrocken.

»Der beste Spionfänger der Welt, rat mal, wer das ist«, sagte Karlsson und zeigte stolz auf sich selbst. »Der Unterzeichnete: Karlsson. Wenn ich erst mit meinem großen Schmetterlingsnetz angerast komme! Sollte dieser kleine, unheimliche Spion wirklich hier im Vasaviertel herumfliegen, dann hab ich ihn noch vor Abend in meinem Kescher, darauf kannst du dich verlassen. Übrigens, hast du irgendeinen Koffer, in dem die Zehntausend Platz haben?«

Lillebror seufzte wieder. Die Sache schien noch verzwickter zu werden, als er gedacht hatte. Karlsson begriff ja nichts.

»Lieber Karlsson, hast du nicht verstanden, dass du die fliegende Tonne bist? Du bist es, den sie fangen wollen, das musst du doch begreifen!«

Karlsson hielt mitten in einem Freudensprung inne. In ihm gurgelte es, als hätte er plötzlich etwas in die falsche Kehle bekommen, und er starrte Lillebror bitterböse an.

»Fliegende Tonne!«, schrie er. »Nennst du mich eine fliegende Tonne? Und da soll man dein bester Freund sein, pfui!«

Er reckte sich, um womöglich ein bisschen größer zu wirken, und gleichzeitig zog er den Bauch ein, so weit er konnte.

»Du hast vielleicht noch nicht gemerkt«, sagte er von oben herab, »dass ich ein schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in meinen besten Jahren bin? Das hast du wohl noch nicht bemerkt, was?«

»Doch, Karlsson, doch, doch, Karlsson«, stammelte Lillebror. »Aber ich kann doch nichts dafür, was sie in der Zeitung schreiben. Du bist gemeint, da kannst du sicher sein.«

Karlsson wurde immer wütender.

»Man braucht das Ding nur auf der Redaktion der Zeitung abzuliefern!«, rief er erbittert. »Das Ding!«, brüllte er. »Wer mich ein Ding nennt, der kriegt eins zwischen die Augen, dass ihm die Nase abfliegt.«

Er machte ein paar kleine, drohende Hopser auf Lillebror zu. Das hätte er nicht tun sollen, denn jetzt wurde Bimbo lebendig. Bimbo wollte es nicht zulassen, dass einer sein Herrchen so anschnauzte.

»Nein, Bimbo, lass Karlsson in Ruhe«, sagte Lillebror, und Bimbo zog sich wieder zurück. Er knurrte nur ein bisschen, damit Karlsson verstand, wie er über ihn dachte.

Karlsson setzte sich auf einen Hocker, finster und derart beleidigt, dass es nur so um ihn rauchte.

»Ich mach nicht mit«, sagte er, »ich mach einfach nicht mit, wenn du so gemein bist und mich ein Ding nennst und deine Bluthunde auf mich hetzt.«

Lillebror war verzweifelt. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte.

»Ich kann doch nichts dafür, was in der Zeitung steht«, murmelte er.

Dann schwieg er. Karlsson schwieg auch. Er saß schmollend auf seinem Hocker. In der Küche herrschte eine beklemmende Stille.

Da lachte Karlsson plötzlich laut heraus. Er schoss von seinem Hocker hoch und knuffte Lillebror aus Spaß in den Bauch.

»Wenn ich aber ein Ding bin«, sagte er, »dann bin ich wenigstens das beste Ding der Welt, zehntausend Kronen wert! Hast du dir das mal überlegt?«

Lillebror fing ebenfalls an zu lachen. Oh, wie war es wunderbar, dass Karlsson wieder vergnügt war!

»Ja, das bist du ja tatsächlich«, sagte Lillebror begeistert. »Du bist zehntausend Kronen wert, und das sind bestimmt nicht viele!«

»Niemand auf der ganzen Welt«, versicherte Karlsson. »So ein kleines, mageres Ding wie du zum Beispiel, du bist nicht mehr wert als höchstens eins fünfundzwanzig, das möchte ich wetten!«

Er drehte an seinem Startknopf und stieg jauchzend hoch ins Zimmer hinauf und flog mit fröhlichem Gejohle ein paar Ehrenrunden um die Deckenlampe.

»Hoho«, rief er, »hier kommt der Zehntausend-Kronen-Karlsson, hoho!«

Lillebror beschloss, sich nicht mehr um das alles zu kümmern. Karlsson war ja in Wirklichkeit gar kein Spion, und die Polizei konnte ihn doch nicht einfach festnehmen, nur weil er Karlsson war. Das befürchteten Papa und Mama auch sicher nicht, das sah er plötzlich ein. Sie befürchteten natürlich, dass Karlsson sich nicht länger verheimlichen ließ, falls man eine Treibjagd auf ihn machte. Aber etwas wirklich Schlimmes würde ihm trotzdem nicht geschehen, das glaubte Lillebror nicht.

»Keine Angst, Karlsson«, sagte er tröstend. »Man kann dir gar nichts anhaben, nur weil du du bist.«

»Nein, jedermann hat das Recht, Karlsson zu sein«, versicherte Karlsson. »Bis jetzt gibt es allerdings nur ein einziges kleines, feines, gerade richtig dickes Exemplar.«

Sie hatten sich jetzt in Lillebrors Zimmer verzogen, und Karlsson schaute sich erwartungsvoll um.

»Hast du nicht irgendeine Dampfmaschine, die wir explodieren können, oder irgendwas anderes, was ordentlich knallt? Knallen muss es tüchtig, und lustig will ich’s haben, sonst mach ich nicht mit«, sagte er, doch im selben Augenblick sah er die Tüte auf Lillebrors Tisch, und er fiel darüber her wie ein Habicht. Mama hatte sie gestern Abend dort hingelegt. Sie enthielt einen großen, schönen Pfirsich, und dieser Pfirsich schimmerte jetzt zwischen Karlssons kleinen, dicken Fingern.