1 Strigoi: abgeleitet vom lat.: strix; nach einem römischen Ammenmärchen ein blutsaugender Vogel
Ian Delacroix
Catacomb Kittens
In dieser Reihe bisher erschienen:
2101 William Meikle Das Amulett
2102 Roman Sander (Hrsg.) Götter des Grauens
2103 Andreas Ackermann Das Mysterium dunkler Träume
2104 Jörg Kleudgen & Uwe Vöhl Stolzenstein
2105 Andreas Zwengel Kinder des Yig
2106 W. H. Pugmire Der dunkle Fremde
2107 Tobias Reckermann Gotheim an der Ur
2108 Jörg Kleudgen (Hrsg.) Xulhu
2109 Rainer Zuch Planet des dunklen Horizonts
2110 K. R. Sanders & Jörg Kleudgen Die Klinge von Umao Mo
2111 Arthur Gordon Wolf Mr. Munchkin
2112 Arthur Gordon Wolf Red Meadows
2113 Tobias Reckermann Rückkehr nach Gotheim
2114 Erik R. Andara Hinaus durch die zweite Tür
2115 Jörg Kleudgen (Hrsg.) Cthulhu Libria Neo
2116 Adam Hülseweh Das Vexyr von Vettseiffen
2117 Jörg Kleudgen (Hrsg.) Cthulhu Libria Neo 2
2118 Alfred Wallon Salzburger Albträume
2119 Arno Thewlis Der Gott des Krieges
2120 Ian Delacroix Catacomb Kittens
2121 Jörg Kleudgen (Hrsg.) Cthulhu Libria Neo 3
2122 Tobias Reckermann Gotheims Untergang
2123 Michael Buttler Schatten über Hamburg
Ian Delacroix
Catacomb Kittens
Deutsche Übersetzung: Jörg Kleudgen
Diese Reihe erscheint als limitierte und exklusive Sammler-Edition!
Erhältlich nur beim BLITZ-Verlag in einer automatischen Belieferung
ohne Versandkosten und einem Serien-Subskriptionsrabatt.
Infos unter: www.BLITZ-Verlag.de
© 2022 BLITZ-Verlag, Hurster Straße 2a, 51570 Windeck
Redaktion: Jörg Kleudgen
Titelbild: Mario Heyer
Umschlaggestaltung: Mario Heyer
Logo: Mark Freier
Innenillustrationen: Jörg Kleudgen
Satz: Harald Gehlen
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-95719-930-0
Dieser Roman ist als Taschenbuch in unserem Shop erhältlich!
Mailand, Hauptbahnhof, Gegenwart
Manchmal geschehen nachts magische Dinge ...
Michelangelo blickt auf die Uhr. Er ist müde und genervt, und in seinen Augen kann man die Ernüchterung einer ganzen Generation erkennen.
„Verdammt. Wie immer zu spät. Mindestens eine halbe Stunde ...“ Er seufzt. Das Atelier, das er in Brescia betreibt, eine Stunde von Mailand entfernt, wird mehr und mehr zur Belastung. Ein verwitternder Traum, etwas, das seine Zeit und seine Energie verschlingt, und er fragt sich, was es ihm wert ist, wo das Opfer beginnt, das er mehr oder weniger freiwillig auf sich nimmt, oder ob da noch mehr ist.
Als der Zug einfährt, steigt er ein und bahnt sich einen Weg durch die Waggons. Die Sitze sind bis auf den letzten besetzt. Er beobachtet, wie Reisende aus- und andere zusteigen. Es ist der Geruch von Schweiß und Alltag, der in den überfüllten Waggons vorherrscht.
Im ersten Wagen lauscht eine Gruppe Senegalesen in bunten Gewändern der Tribal-Musik eines iPhones. Der Sound ist knisternd und hypnotisch, aber viel zu laut.
Im zweiten Wagen kuschelt ein alterndes Liebespaar wie Teenager, die sich einem Verbot ihrer Eltern widersetzen. Sie machen ihm kichernd Platz, sodass er passieren kann, und dabei bilden sie einen seltsamen Kontrast zu dem Lärm aus dem vorherigen Wagen.
Michelangelo geht an dem Paar vorbei und läuft weiter, bis er die Spitze des Zuges erreicht. Dort findet er fernab der heimlichtuenden Liebenden und dem Lärm des Tribal-Sounds einen Sitzplatz. Er blickt aus dem vor Schmutz beinah undurchsichtigen Fenster und unterdrückt ein Gähnen.
Die Welt gleitet an ihm vorbei. Millionen von Möglichkeiten und vertanen Chancen.
Als der Zug später hält, ist es mitten im Nirgendwo. Jedenfalls sieht es so aus.
Michelangelo kann nichts Ungewöhnliches erkennen, aber über den Feldern liegt eine dicke Nebelschicht, und darüber schwebt das Blau der Nacht, wie ein auf den Kopf gestellter Ozean.
Die Musik wird zu einem fernen Wehklagen.
Der Klang.
Vor ihm erstreckt sich eine riesige Fläche mit wogendem Gras. Felder von etwas, Felder des Nichts. Es ist schwer zu glauben, dass sie nur wenige Kilometer von den Beton- und Wolkenkratzern von Mailand entfernt liegen.
Michelangelo gibt der Schläfrigkeit nach und schließt die Augen.
So wie sich das Nichts dem Beton nähert ...
Plötzlich ist er hellwach.
Die Tribal-Musik ist verebbt. Der Zug ist leer.
Die Halos der Neonlichter über dem Mailänder Hauptbahnhof begrüßen ihn.
Michelangelo steigt aus.
Der Hauptbahnhof ist auch um Mitternacht nie gänzlich leer. Einige Nachzügler und Obdachlose verharren im Schein des Kunstlichts, das die schmutzigen Bahnsteige beleuchtet.
Michelangelo blickt zum Himmel hinauf. Seine Augen spiegeln einen pechschwarzen sternenlosen Himmel wider, eine Kuppel von Dunkelheit und Schatten.
Er schwankt am Bahnhof entlang. Der Schein aus den Fenstern der zahlreichen geschlossenen, aber beleuchteten Geschäfte reizt seine Wahrnehmung. Um der Verführung zu entgehen, läuft er die Treppe hinunter, die zur U-Bahn führt. Eiserne Gitter halten das Licht der Oberwelt fern.
Nervös blickt er wieder auf die Uhr an seinem Handgelenk. Two Minutes to Midnight von Iron Maiden summt es in seinem Kopf. Michelangelo muss zuerst die Linie 2, die Grüne Linie, nach Loreto nehmen und dann in die Linie 1 umsteigen, die erste, die in den Sechzigerjahren in Mailand gebaut wurde.
Er eilt weiter in der Hoffnung, noch den letzten Zug zu erwischen.
Der U-Bahnsteig ist menschenleer.
Es ist kalt und nass. Er zuckt mit den Achseln und sucht in seinem dunklen Mantel nach etwas Geborgenheit. In einer unbewussten Geste neigt er den Kopf und fährt sich mit der Hand durch sein lichter werdendes Haar. Manche Frauen haben gesagt, er sei ein hübscher Mann, aber er hat nie etwas darum gegeben.
Michelangelo will jetzt einfach nur nach Hause, duschen und unter die Bettdecke kriechen und alles und jeden vergessen. Er hat gelernt, dass der Morgen ein Geist ist, der seine Schleier zu früh lüftet.
Das raue Schleifen von Metall ersetzt das Wiegenlied der Musik. Der Nachtzug fährt ein. Drei Waggons, die exakt in der Mitte des Bahnsteigs halten.
Michelangelo zwängt sich zwischen den Türen hindurch, die sich gleich wieder schließen wollen und ihn beinah einklemmen. Er lässt sich auf den erstbesten freien Sitzplatz fallen. Er sitzt, aber er hat keine Zeit, die Augen zu schließen. Seine Gedanken wandern, dann beginnt er zu zählen. Vier Haltestellen später steigt er wieder aus dem Zug und geht zur Linie 1.
Das seltsame Gefühl, der letzte Mensch auf der Erde zu sein, drängt sich ihm auf. Wie in einem expressionistischen deutschen Schwarz-weiß-Film sieht er sich aus einer anderen Perspektive, eine melancholische Version von Himmel über Berlin mitten in Mailand.
Es ist nur ein Moment, nur Sekunden, aber das Gefühl der Einsamkeit verstärkt sich noch. Michelangelo hat es aufgegeben, zu zählen, wie viele Wochen, ja, Monate es her ist, seitdem er das letzte Mal eine Frau berührt hat. Vielleicht sind es sogar Jahre, wenn er an seine letzte langfristige Beziehung zurückdenkt.
Die Erinnerung an Giorgia mit ihren lockigen jettschwarzen Haaren und grünen Augen rührt sich in seinem Hinterkopf, aber er verdrängt sie. Er will in diesen nächtlichen Stunden nicht mit den Geistern der Vergangenheit flirten.
Er fällt zurück in die Gegenwart, in der eine harsche Radiointerferenz zu vernehmen ist. Die digitale LED-Anzeige am Bahnsteig besagt, dass der nächste Zug in vier Minuten eintrifft.
Michelangelo blickt in den Tunnel zu seiner Linken und atmet tief aus. Sein Atem erzeugt ein kratzendes Echo.
Das Auge einer Überwachungskamera scannt den Bahnsteig wie ein Paar Alienaugen ab, die die Vergangenheit aufzeichneten.
Michelangelo vergräbt seine Hände tiefer in den Taschen. Er dreht sich um und blickt die schmalen Gehsteige hinunter. Ihn erschreckt der Gedanke, was in den Tiefen dieser düsteren Tunnel lauern könnte. Ein unwiderstehliches Gefühl zieht ihn näher zur Kante.
Michelangelo macht einen Schritt, dann stoppt er.
Eine innere Stimme spricht zu ihm, subtil flüstert sie seinem Unterbewusstsein etwas zu und kontrolliert seine Gliedmaßen wie die einer Marionette.
Das Kratzen gewinnt an Intensität. Es wird von einem Zischen begleitet, das einen mechanischen Klang wie wirbelnde Turbinen imitiert. Das Flüstern wird lauter, misstönend, aber stark genug, ihn weiterzulocken.
Michelangelo dreht sich auf dem Absatz um und hat ein Déjà-vu. Er sieht den gleichen Bahnsteig am Tag, als Menschenmassen wie ein Volk von Ameisen vorbeihuschen, um pünktlich, zu spät oder gar nicht an ihr Ziel zu gelangen. Dann geht das Bild der Menge in eine düstere Nacht über, und der Bahnsteig zeigt sich wieder in finsterer Verlassenheit.
Michelangelo hat eine Vision von verschwitzten, in Käfigen eingesperrten Körpern in synthetischen Stoffen. Der Geruch lullt ihn ein und versetzt ihn in einen Zustand des Halbschlafs. Es ist der Tribut an den täglichen Stress ...
Mailand.
Brescia.
Mailand.
Ein immer wiederkehrender Ablauf, der sich im Gegensatz zu den vorbeiziehenden Gesichtern und den vielen gescheiterten Offenbarungen nie ändern wird.
Michelangelo kämpft gegen den Wunsch an, sich umzudrehen und in den Tunnel zu laufen, aber der Zwang lässt ihm keine andere Wahl.
Rechts schimmert das Fenster eines Elektronikmarktes, ein paar Meter reizen die Ammoniak- und Uringerüche einer Personaltoilette die Nasenschleimhäute.
Michelangelo blickt nach unten und versucht, das Auge der Überwachungskamera, die Gerüche und das Gefühl der Einsamkeit, das sich an ihn klammert, zu ignorieren.
Ein Schritt.
Ein weiterer.
Die seltsamen Geräusche hören abrupt auf. Totenstille.
Eine Reihe langer weißer Klauen baumelt in der Dunkelheit. Der Geruch von verrottendem Fleisch liegt in der Luft. Die Schönheit des Todes ...
Michelangelo öffnet seinen Mund zu einem Schrei, und der Ton verebbt.
Ein winziges Auge blinzelt in der Dunkelheit.
Das Auge der Kamera sieht ...
Neugierde ...
... kostete die Katze das Leben.
We are the hollow men
We are the stuffed men
Leaning together
Headpiece filled with straw.
(T. S. Eliot, The Hollow Men, I)
Irgendwo in Mailand, ein Vorort, die Wälder, zeitlos
Sonnenuntergang.
Es ist ein impressionistisches Gemälde verdrehter Lichter, das sich ins Gesichtsfeld drängt. Auf der Suche nach einem einzigartigen Zauber von Licht und Schatten zeichnet es auf der Weite der von Gras und Unkraut bedeckten Felder Schattenrisse.
Die Sonne wirbelt in einem letzten Tanz aus Lila, Indigo und Orange, ohne einen Bogen zu beschreiben, dicht über dem Horizont, bevor sie ihren Herrschaftsanspruch über den Himmel aufgibt. Einige zerbrechliche Farbnuancen jagen einander noch hinterher, bevor sie die letzten Reste des Universums aufzehren und die Herrschaft der Schatten und des Mondes verkünden.
Felder.
Auf den ersten Blick kann das Auge die unendliche Weite von Feldern kaum fassen. Felder, die gierig den Beton verschlingen und der Wildnis Raum verschaffen. Bäume, die wie mit einer Schere ausgeschnitten wirken, wie von unsicherer Hand geführt. Feierlich, statuenhaft, hieratisch. Die Bäume sind Wächter in Warteschleife.
Bewegt man seinen Blick über die Wand der Bäume hinweg, kann man die Strada 66 sehen. Eine Zunge aus Asphalt, auf der Fahrzeuge und Menschen jeden Tag einen Kampf ausfechten. Die Hitze hämmert auf sie herab und bannt die Fahrer in ihre Blechbüchsen. Sie sind auf dem Heimweg zu einem Ameisennest aus kubistischen Wolkenkratzern, in denen menschliches Leben keimt und wieder verrottet.
Es ist die Nahaufnahme, die wirklich wichtig ist, die unendliche Weite der Felder.
Das Bild zeigt kein verlorenes Paradies. Es ist keine pastorale Leinwand oder eine Allegorie der Natur, sondern es sind die Farben eines düsteren Limbos oder einer erhabenen Unterwelt.
Die nahe gelegene Metropole ist nur noch zu erspüren, aber der emotionale Eindruck ist zu stark, als dass es sich um eine Fata Morgana handeln könnte. Hier sind die Wildnis und ihre Urkräfte am Werk. Die Zivilisation und ihre Regeln sind seit Ewigkeiten außer Kraft gesetzt.
Im Hintergrund ist ein verwilderter Pfad zu sehen. Unter dem Kuss der sterbenden Sonne rollt der dunkle Schemen eines schmutzigen Lastwagens vorbei.
Die graue Plane auf der Rückseite des Lkw absorbiert die brennende Glut und reproduziert ein Abbild ihrer wirklichen Farben.
Die Silhouetten mehrerer Menschen kriechen und tanzen um den alten Lastwagen herum, sich windende Figuren, die nach fleischlicher Lust verlangen. Aus dem Inneren des Lastwagens dringen schreckliche Geräusche. Gutturales Zischen, Knurren und feuchtes Klatschen. Ein harsches Kratzen wie von Fingernägeln auf einer Schiefertafel und seltsam gurgelnde Geräusche ertönen, dort wo die Plane über das Heck drapiert ist. Etwas dort drinnen scheint begierig darauf zu drängen, ans Licht zu gelangen.
Die drei Männer am Lkw zeigen sich von den Geräuschen und Bewegungen im Inneren nicht beeindruckt.
Nach einem letzten Aufbäumen der Sonne schwindet das orange Licht, und am Himmel bleiben kaum beschreibliche Muster zurück. Kleckse von Lila und Blau, Funken, die bereit sind, den Himmel anzuzünden. Nach kurzer Rast kommt endgültig die Nacht, die Farben nehmen den ihnen zugedachten Platz am Himmel ein.
Die drei Männer bewegen sich im trügerischen Licht des Sonnenuntergangs vorwärts, der Lastwagen folgt ihnen schwankend.
Plötzlich materialisieren Dutzende weitere Menschen und drängen sich vor dem Lastwagen auf dem Feld. Sie tanzen, sie schreien, sie lachen.
Die Art und Weise, in der sich ihre Körper bewegen und umhertaumeln, ist irgendwie unnatürlich. Sie erinnert an unheimliche Bilder von alten Hexenritualen. Aber da ist noch etwas Anderes, etwas Wildes und Brutales in ihrem Anblick. Ihre Gesten sind unzusammenhängend, ihre Gliedmaßen scheinen zu viele Gelenke zu besitzen. Die Figuren ähneln nichts Menschlichem, aber es ist schwer, dies aus der Ferne zu beurteilen.
Drei weitere Männer stapfen nach vorne. Ihre Schritte sind langsam, aber zielsicher, beinah hypnotisch.
Die Menschen vor dem Lastwagen tragen verschlissene Gewänder. Graue, schwarze und tiefbraun gefärbte Stoffe beherrschen das Bild und greifen die Leere des regennassen Himmels auf.
Die Menschen haben vorspringende Kieferknochen und markante Stirnen. Auf ihren Gesichtern steht eine stumpfe, lustvolle Entschlossenheit. Ihre Augen reflektieren die Schande der Nächte, die sie in kahlen Räumen verbracht haben, während das flackernde Licht der Straßenlaternen sich in Pfützen auf der verlassenen Straße vor dem Fenster spiegelte.
Zwei Männer treten aus der Gruppe heraus. Einer der beiden ist stämmig. Er trägt ein Bündel Brennholz auf seinen Schultern. Ein Pferdeschwanz aus grauen Haaren schlägt gegen seinen Nacken. Der andere Mann ist größer und dicker, mit einem langen Gesicht und einer Hasenscharte. Er hat zwei Hühner am Hals gepackt.
Sie sehen aus wie Statuen, zwei Brüder auf einer Leinwand.
Es gibt da noch einen anderen Mann, der sich an der Seite hält. Sein Gesicht ist im Halbdunkel bedeckt, seine rechte Hand hinter dem Rücken versteckt, macht er provokante Gesten.
Die Versammelten bewegen ihre Lippen mit halb offenem Mund, ihre Zähne schleifen übereinander. Aus ihren schiefen Mündern dringen seltsame Litaneien und gutturale Laute.
Sie singen düstere Wiegenlieder des Verfalls.