Titel
Zu diesem Buch
Prolog
Schritt eins: Trauer
Schritt zwei: Loslassen
Schritt drei: Mehr Unterstützung in Anspruch nehmen
Schritt vier: Große Träume haben
Schritt fünf: Etwas Neues lernen
Schritt sechs: Stell dich deinen Ängsten
Schritt sieben: Akzeptanz
Schritt acht: Leben
Die Autorin
Die Romane von Meghan Quinn bei LYX
Impressum
Who Needs Love Anyway?
Roman
Ins Deutsche übertragen von
Melike Karamustafa
Liebe ist nichts für Feiglinge!
Als Neujahrsvorsatz beginnen Hollyn, Carter, Daisy und Jace mit dem »Dear Life«-Programm, das seinen Teilnehmern helfen will, ihre Leben nach einem Schicksalsschlag wieder in die Hand zu nehmen. Mit der Zeit erkennen die vier Fremden, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie anfänglich dachten, und es entwickeln sich nicht nur echte Freundschaften, sondern auch weitaus stärkere Gefühle. Aber Liebe braucht Mut und Vertrauen und beides müssen die vier erst mühsam wieder lernen.
Vor zweieinhalb Jahren …
»Wag es bloß nicht, die Tür zu öffnen«, ruft Eric, der mir hinterherrennt.
Er schlingt die Arme um meine Taille und drückt seine schönen Lippen an meine Wange. Sein Anflug von Bartstoppeln streift meine Haut auf äußerst angenehme Weise und versetzt meinen Körper in eine heiße Glut.
Er beugt sich vor und flüstert mir ins Ohr: »Glaubst du wirklich, ich lasse meine frisch Angetraute unsere Wohnung betreten, ohne dass ich sie über die Schwelle trage?«
Ich kichere über die Küsse, die er auf meinem Hals verteilt. »Du bist ja sooo altmodisch. Warum geben wir der Sache nicht einen modernen Anstrich, und ich trage dich über die Schwelle?«
Er hält inne und löst sich von mir. Dann hebt er eine Augenbraue, als wollte er sagen mach dir nichts vor, und erwidert: »Twigs, glaubst du wirklich, du könntest einen großen, kräftigen zukünftigen Feuerwehrmann auf deinen zarten Beinen in die Wohnung tragen? Ich könnte dich mit dem kleinen Finger über meinem Kopf herumwirbeln.«
Ich verschränke herausfordernd die Arme vor der Brust. Das Hochzeitskleid schmiegt sich eng an meinen Körper, den Schleier umklammere ich fest mit einer Hand. »Du glaubst also nicht, dass ich dich in die Wohnung tragen kann?«
Eric, dieser gut aussehende Mann mit den blonden Haaren und den dunkelbraunen Augen, betrachtet mich von oben bis unten. Sein typisches Grinsen, mit dem er mich vor sechs Monaten im Sturm erobert hat und das ihn aussehen lässt wie der klassische Typ aus Kalifornien, schmückt sein Gesicht. »Twigs, ich weiß, dass du mich nicht tragen kannst.«
Twigs. So nennt er mich, seitdem wir uns an einem schicksalhaften kalten Dezembernachmittag bei einem Denver-Broncos-Spiel kennengelernt haben, wo wir beide mit Freunden auf einer Tailgate-Party waren, wobei alle auf dem Parkplatz um den geöffneten Kofferraum ihres Autos herumstehen, trinken und essen. Meine Freundinnen und ich warfen uns einen Football – in Kindergröße – zu, und irgendwann bemerkte ich, dass er mich grinsend vom Sitzplatz auf der Kühlerhaube seines Wagens aus beobachtete. Ich werde nie die Entschlossenheit, die er ausstrahlte, und den großspurigen, stolzierenden Gang vergessen, mit dem er auf mich zukam. Er trug eine Broncos-Wintermütze mit Bommel auf dem Kopf, und seine nackte Brust, die er in den Vereinsfarben bemalt hatte, gewährte einen ungehinderten Blick auf seine beeindruckenden Muskeln, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Der Denveraner Wind peitschte über die Berge, sodass ich selbst in meinem Sweatshirt fror. Ich hielt ihn für verrückt – verrückt und verdammt sexy. Er beschwatzte mich so lange, bis ich mich bereit erklärte, mich mit ihm auf ein Date zu verabreden, dabei hatte er mich von der ersten Sekunde an mit seiner lebhaften und offenen Art in seine Bann geschlagen.
Wir verliebten uns bis über beide Ohren ineinander – so sehr, dass wir schon nach ein paar Monaten verlobt waren. Und nun, da ich wieder dieselbe Entschlossenheit und Großspurigkeit an ihm sehe, weiß ich, dass ich die beste Entscheidung meines Lebens getroffen habe.
Eric ist mein Ein und Alles.
Er lockt mich aus meinem Schneckenhaus hervor, bringt mich dazu, mir ständig neue Ziele zu setzen, und gibt mir jeden Tag das Gefühl, in einen sicheren Kokon gehüllt zu sein. Mit ihm bin ich ein neuer, stärkerer Mensch geworden. Er bringt das Beste in mir zum Vorschein.
Jetzt berührt er mein Kinn mit dem Finger und fragt: »Was ist das denn für ein Blick?«
Da ich verdammt dickköpfig bin, gebe ich nicht nach, sondern fordere ihn auf: »Spring auf meinen Rücken.«
Er lacht schallend und wirft den Kopf zurück. »Kommt gar nicht infrage, Twigs. Du würdest unter mir zusammenbrechen, und unsere Hochzeitsnacht möchte ich lieber nicht im Krankenhaus verbringen sondern viel lieber in unserem Bett.«
»Spring auf meinen Rücken«, fordere ich ihn erneut auf und ignoriere ganz einfach, was er gerade gesagt hat.
»Hollyn.« Mittlerweile klingt sein Ton ernster. »Ich wiege mindestens fünfzig Kilo mehr als du. Ich springe ganz bestimmt nicht auf deinen Rücken.«
Doch ich bleibe hartnäckig. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, gebe ich nicht so schnell auf, und von seinem strengen Blick lasse ich mich ganz bestimmt nicht ins Bockshorn jagen. »Wenn du in deiner Hochzeitsnacht flachgelegt werden willst, springst du jetzt besser auf meinen Rücken und lässt dich von mir in die Wohnung tragen.«
»Hollyn …«
»Eric …«
Es ist ein legendärer Machtkampf. Feuerwehrmann gegen Krankenschwester in der Ausbildung. Muskulöser, gut aussehender Typ gegen schmächtiges Mädchen mit kräftig rotem Haar.
Als er erkennt, dass er gegen meine Sturheit nicht ankommt, fährt er sich ergeben mit der Hand durchs Haar. Die hochgekrempelten Ärmel sitzen eng an seinen Unterarmen, und seine Hosenträger baumeln an den Seiten runter, da er sie von den Schultern gestreift hat. In diesem Moment ist er der absolute Traummann. Und das hier ist seine erste Prüfung als Ehemann. Wird er sie bestehen? Oder gerät er ins Wanken?
»Du wirst dich nicht davon abbringen lassen, oder?«
»Nö«, antworte ich mit noch immer verschränkten Armen.
Er stößt einen langen Atemzug aus, bedeutet mir mit einer Geste, ihm den Rücken zuzuwenden, und sagt: »Dreh dich um, damit ich aufspringen kann.«
Toll und perfekt wie er ist, hat er diese erste Prüfung bestanden.
Da ich die Hände frei haben muss, um einen riesigen zukünftigen Feuerwehrmann über die Schwelle zu tragen, nehme ich meinen Schleier, stelle mich auf die Zehenspitzen und platziere ihn auf Erics Kopf. Ich drapiere ihn so perfekt, dass er über seine Schultern fällt.
»Hinreißend«, scherze ich.
»Das ist nicht witzig.«
»Ich lache ja auch nicht.« Doch er sieht noch mein Grinsen, bevor ich mich in die richtige Position begebe.
»Wenn wir drin sind, wirst du das erst mal gründlich wiedergutmachen müssen.«
Ich schüttele den Kopf und blicke über die Schulter. »Nein, wenn ich dich erfolgreich in die Wohnung getragen habe, zeigst du mir als Erstes, was du mit deiner Zunge anstellen kannst.«
Er hebt eine Augenbraue. »Ach, wirklich?«
»Ja, wirklich. Ich erwarte alles an Zungenkünsten, was du draufhast.«
»Und wenn du es nicht schaffst, mich in die Wohnung zu tragen? Was bekomme ich dann?«
Ich verdrehe die Augen. »Deinen geliebten Handjob.«
»Nein, nein.« Er bewegt seinen Finger abwehrend vor meiner Nase hin und her. »Ich verlange mehr, wenn ich meine besten Zungenmanöver zum Einsatz bringe. Einen Blowjob mit allem Drum und Dran. Inklusive Eiern.«
»Igitt.« Ich verziehe das Gesicht. »Warum stehen Männer nur so darauf, dass man ihre Eier in den Mund nimmt?«
Er zuckt mit den Schultern. »Fühlt sich einfach verdammt gut an. Haben wir einen Deal?«
Ich betrachte ihn eingehend, halte kurz inne und strecke ihm schließlich meine Hand entgegen, um die Wette abzuschließen. Das dürfte überhaupt kein Problem werden. Ich muss wahrscheinlich nur anderthalb Meter mit Eric auf dem Rücken zurücklegen. Ein Kinderspiel!
»Abgemacht«, erwidere ich im Brustton der Überzeugung, denn ich vertraue auf meine Tragekünste.
Er schüttelt mir die Hand und nickt langsam und ungläubig. »Alles klar, Twigs, aber behaupte hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«
»Hör auf, die Sache unnötig in die Länge zu ziehen, und mach schon mal Dehnübungen mit deiner Zunge – es wird Zeit, sich aufzuwärmen.«
Ich mache mich bereit, indem ich beide Füße fest auf den Boden stelle, öffne die Tür, um die Zielgerade vor Augen zu haben, und strecke die Arme aus, damit ich seine Beine packen kann.
Das wäre geschafft.
»Alles klar, los geht’s.«
Seine großen Hände umfassen meine Schultern, und ich wappne mich innerlich. Eine standfeste Haltung ist alles, was ich brauche. Also beuge ich die Knie, sodass ich eine stabile Ausgangsposition einnehme, und mache mich bereit für sein Gewicht.
Sein Gewicht von mehr als hundert Kilo und seinen massiven Männerkörper.
Oh, Scheiße.
Sobald er auf meinen Rücken gesprungen ist, gibt es keine Hoffnung mehr. Meine Haltung ist alles andere als standfest, und meine Beine, die ich zuvor noch als solide Stämme bezeichnet hätte, sind tatsächlich nur spargeldürre Äste, die unter seinem Gewicht erzittern. Statt mich zentimeterweise fortzubewegen, wie ich eigentlich geplant hatte, stehe ich in dem langen, engen Brautkleid und mit meinem Mann – der meinen Schleier trägt – auf dem Rücken da, während sein Gewicht mich immer mehr Richtung Boden drückt. Schließlich geben meine Knie nach, ich taumele nach vorn, durch die Wohnungstür und lande geradewegs auf meinem Gesicht, wobei der neue Teppich an meiner Wange kratzt.
Eric zermalmt mich fast, während er hysterisch lacht und seine tiefe Stimme durch unsere gerade erst bezogene Wohnung hallt. »Ich hab’s dir doch gesagt, Twigs«, reibt er mir lachend unter die Nase. »Verdammt, ich freu mich schon die ganze Zeit auf einen guten Blowjob. Super, dass ich die Wette gewonnen hab.«
Mein Bedürfnis, mich unter dem Tüll meines Kleides zu vergraben, ist groß, aber stattdessen meldet sich meine praktische Seite zu Wort. Seine Schadenfreude ist vollkommen fehl am Platz.
Ich drehe den Kopf und schaue zu ihm auf, wobei der Teppich noch einmal über mein Gesicht reibt. »Was soll das denn heißen?«, frage ich und schaue mich im Raum um. »Du hast schließlich verloren.«
Er rollt sich von mir runter und nimmt meinen erbärmlichen Versuch, ihn zu tragen, genauer unter die Lupe. Ich liege ausgebreitet wie ein Mordopfer auf dem Asphalt, während er versucht, meine Aussage anzufechten. »Ähm, ich bin mir sicher, dass ich gewonnen hab, Schatz. Du konntest mich nicht mal eine Sekunde lang tragen.«
»Bei der Wette ging es darum, dich über die Schwelle zu tragen. Sind wir oder sind wir nicht in der Wohnung?«
Als ihn die Erkenntnis trifft, flucht er lautstark. »Nichts da! Ich lasse dich bestimmt nicht wegen irgendwelcher Haarspaltereien den Sieg davontragen, Twigs. Du hast mich nicht getragen. Du bist gefallen.«
»Mit dir auf dem Rücken, was genau genommen Tragen gleichkommt … Aaalso, mach deine Zunge bereit.«
»Auf gar keinen Fall.« Er lacht, tritt die Tür zu und setzt sich rittlings auf mich. Seine durchdringenden braunen Augen ruhen auf mir; keiner von uns beiden lacht mehr. »Wie wäre es hiermit? Da es unsere Hochzeitsnacht ist, haben wir einfach auf jede erdenkliche Art Sex, bis wir uns nicht mehr rühren können. Damit einigen wir uns auf ein Unentschieden.«
Mein Herz schlägt mit einem Mal schneller. »Beinhaltet das auch deine Zungenkünste?«
»Das dürfte keine Umstände machen, meine Schöne. Ich fühle mich so oder so als Gewinner. Und jetzt sollten wir dich aus deinem Kleid befreien. Ich will unbedingt wissen, was du darunter für mich versteckt hältst.«
Genau auf diesen Moment habe ich gewartet: wenn mein Mann – mein Mann – mir in die Augen sieht. Der einzigen Frau, die er in seinem Leben will und braucht, vollkommen zufrieden und so verliebt, dass ich weiß, dass es für immer hält. Als Paar sind wir unzertrennlich.
Unsere Liebe wird von einer unzerstörbaren Rüstung geschützt. Ich bin mir bewusst, dass wir verdammt jung geheiratet haben; aber sich in seinen Seelenverwandten zu verlieben hat etwas für sich. Es gibt nichts, was zwischen uns kommen kann, und das macht mich zur glücklichsten Frau der Welt.
Vor zwei Monaten …
»Keine Bewegung, Alter, sonst puste ich dir das Gesicht weg.«
»Hör zu, ich hab’s nicht getan. Nimm die Waffe runter, dreh dich um und hau ab.«
»Gib mir einen guten Grund, warum ich dir keine Kugel zwischen die Augen jagen sollte.«
Seufzend stütze ich mit dem Controller in der Hand die Unterarme auf die Beine und drehe mich zu meinem Teamkollegen um. »Alter, wir sind verdammt noch mal im selben Team. Warum willst du mich erschießen?«
»Einfach nur, weil ich es kann«, antwortet er und schießt meinem Spieler in den Kopf, wodurch mein Bildschirm rot wird.
»Du bist so ein Idiot.« Ich lehne mich an das kalte Leder meiner Couch, trinke einen Schluck Bier und starre meinen besten Kumpel Ethan, der es offenbar verdammt witzig findet, mich zu erschießen, finster an.
Da wir direkt nach der Highschool für dasselbe Team rekrutiert wurden und in den kleinen Ligen zusammen groß geworden sind, stehen wir uns sehr nahe. Vor zwei Jahren wurde ihm angeboten, Kyle Sanders bei den Colorado Miners zu ersetzen, der ausfiel, weil er sich den Meniskus gerissen hatte. Kyle ist nie wieder zurückgekehrt, sodass Ethan zum Stammspieler wurde. Ich bin ihm letztes Jahr gefolgt und habe als Shortstop angefangen.
Meine erste Saison war ganz anders, als ich erwartet hatte. Es hat sich angefühlt wie ein einziger Wirbelwind aus Aufmerksamkeit, Medienpräsenz und Erfolg. Da mir in fünfundfünfzig Spielen die meisten Treffer in Folge gelungen sind, die ein Rookie – also ein Spieler in seinem ersten Profijahr – jemals erzielt hat, habe ich es direkt in die Stammmannschaft geschafft und wurde für die Auszeichnung Rookie of the Year nominiert. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, habe ich keine Ahnung, wie mir das gelungen ist. Ich bin mit dem Ball einfach so umgegangen, wie ich es kenne und liebe. Es kam mir fast zu simpel vor.
Inzwischen ist die Saison beendet, und ich sitze in meiner schönen Wohnung mitten in Denver, habe die Auszeichnung abgeräumt und genügend Anfragen für Sponsorenverträge, um einen einundzwanzigjährigen Idioten in ein aufgeblasenes Arschloch zu verwandeln.
Aber das passt nicht zu mir.
Ich werde immer bescheiden sein, immer dankbar, und ich werde in Sachen Geld immer auf Nummer sicher gehen. Eine einfache Herkunft sorgt dafür, dass man die Dinge mehr wertschätzt. Und beides trifft auf mich zu.
»Weißt du, warum ich deinen bemitleidenswerten Arsch weggefegt hab?«, fragt Ethan und nimmt einen Schluck Bier.
»Weil du ein Idiot bist und gesehen hast, dass ich der Spielmacher in unserem Team war?«
»Nein.« Er nimmt noch einen Schluck Bier. Wenn gerade keine Saison ist, trinkt man automatisch mehr. Im Frühling trainieren wir dann alles wieder ab. Er zeigt mit der Flasche auf mich und fährt fort: »Weil du mich an einem Freitag zur Rushhour die 470 West hast runterfahren lassen, um dir Benzin zu bringen, nur weil du eine Schrottkiste ohne funktionierende Tankanzeige hast.«
Das stimmt in der Tat. Ich fahre einen verrosteten Jeep Cherokee. Das ewige Stop-and-Go im Straßenverkehr hat meinem Wagen den Rest gegeben, sodass ich es nicht mehr rechtzeitig zur Tankstelle geschafft habe. Ich weiß sehr wohl, wann mein Auto Benzin braucht. Ich muss immer dann auffüllen, wenn die Tankuhr auf ein Viertel sinkt. Alles, was darunterliegt, ist Russisches Roulette. Der ewige Verkehr in Denver hat dafür gesorgt, dass die Tankanzeige auf ein Viertel gesunken ist, bis mein Wagen schließlich stehen blieb und ich keine andere Wahl hatte, als Ethan anzurufen.
»Ich hab dich an dem Abend zum Essen eingeladen, Alter. Wir sind quitt.«
Ethan schüttelt den Kopf und hält mit der Flasche an den Lippen inne, um mich anzusehen. »Nichts kann wiedergutmachen, dass ich in der Rushhour über die 470 West fahren musste. Absolut gar nichts.«
»Wer ist jetzt ein Idiot, hm?«
»Du kannst mich mal.« Ethan lacht. »Und wo wir gerade über Abendessen reden – willst du die Pizza gleich bestellen?«
»Habe ich schon übers Handy gemacht.«
»Hast du etwa mit schwarzen Oliven bestellt? Du weißt, dass ich die Dinger hasse.«
Ich zucke mit den Schultern, als könnte ich mich nicht erinnern, obwohl ich ganz genau weiß, dass ich keine bestellt habe.
»Alter«, jammert er. Ich breche in schallendes Gelächter aus, als er mir gegen die Schulter boxt.
Ding-dong.
Während ich zur Tür gehe, ruft Ethan mir hinterher: »Hast du echt schwarze Oliven bestellt? Du weißt, dass man die Dinger unmöglich von der Pizza runtergekratzt bekommt.«
»Nein, hab ich nicht. Gott, du bist heute wirklich ein Idiot.«
Kopfschüttelnd nehme ich mein Portemonnaie von der Küchenanrichte und gehe in den Flur. Während ich die Tür öffne, zähle ich das Bargeld ab. »Zweiundzwanzig fünfzig, richtig?« Ich blicke auf, sehe aber weder eine Pizza noch eine Warmhaltetruhe und auch keinen Lieferanten.
Stattdessen stehe ich einer Frau gegenüber.
Und zwar nicht irgendeiner Frau, sondern Rebecca.
Der Barkeeperin aus Phoenix.
Der Barkeeperin, mit der ich viele lange orgastische Nächte erlebt habe.
Der Barkeeperin, mit der ich fest zusammen war, bis ich in die Oberliga aufgestiegen bin und sie Schluss gemacht hat.
Der Barkeeperin, die mich letztes Jahr, vor sieben Monaten, ein Mal besucht hat.
Der Barkeeperin, die mir nun einen ziemlich ausladenden Bauch entgegenstreckt – einen ausladenden schwangeren Bauch.
Verdammt.
Sie begrüßt mich mit trauriger Miene, ohne mir in die Augen zu sehen. »Hi, Jace.«
Ich schlucke schwer. Auf meiner Stirn bildet sich Schweiß, während ich plötzlich das Gefühl habe, einen tonnenschweren Stein im Magen zu haben. Es kann nur einen Grund geben, aus dem sie hier ist.
»Rebecca … Was machst du denn hier?« Was für eine dumme Frage. Schließlich ist es mehr als offensichtlich, was sie mir mitteilen will, aber mir fehlen die Worte.
Sie blickt zu mir auf und erklärt ohne Umschweife: »Es ist deins.«
Ja, das habe ich mir schon gedacht.
Ich fasse mir ungläubig an die Stirn. Mein Mund ist auf einmal so trocken wie Wüstensand, und meine Kehle fühlt sich an wie zusammengeschnürt.
Ein paar Sekunden sagen wir beide nichts.
Ethan kommt dazu. »Alter, bezahl sie einfach und … Wow.« Er hält inne und betrachtet Rebecca. »Äh, das ist definitiv keine Pizza.«
Sie starrt Ethan über meine Schulter hinweg finster an und erklärt: »Nein, das ist ein Baby.«
»Huch.« Ethan klopft mir auf die Schulter. »Äh, ich hol mir noch ein Bier. Für dich ’ne Flasche Whisky, Kumpel?« Er verschwindet, ohne meine Antwort abzuwarten.
Bevor ich reagieren kann, ergreift Rebecca wieder das Wort. »Es ist definitiv von dir.«
Schon wieder etwas, das ich längst weiß. Rebecca ist nicht der Typ, der wahllos durch irgendwelche Betten hüpft, also besteht kein Zweifel, dass das Baby von mir ist.
Noch immer schockiert fährt sie fort: »Ich werde sie nicht behalten. Ich dachte, ich könnte es alleine durchziehen, aber das kann ich nicht. Es tut mir leid, aber nach der Geburt gehört sie dir.«
Sie?
Ohne mir auch nur eine Sekunde Zeit zu geben, um zu verdauen, was sie da gerade von sich gegeben hat, spricht Rebecca weiter und jagt meine Gedanken in eine Abwärtsspirale. »In zweieinhalb Monaten ist es so weit. Überleg dir, was du tun willst. Das ist meine neue Nummer.« Sie reicht mir ein Stück Papier, doch ich kann es nicht mal ansehen. Der Zettel scheint zentnerschwer von der Verantwortung, die er mit sich bringt. »Ruf mich an, wenn dir nicht mehr ach, du Scheiße ins Gesicht geschrieben steht und du bereit bist zu reden. Ich übernachte hier in Denver bei einer Freundin.« Sie tritt einen Schritt zurück, wobei sie ihren runden Bauch hält, und sagt aufrichtig: »Ich will nichts von dir, Jace. Weder deine Liebe, noch deine Zuneigung, dein Geld oder deinen Ruhm. Ich will nur, dass du ihr ein sicheres Zuhause bietest. Denn ich weiß, dass ich das momentan nicht kann.«
Ihr …
Ich habe eine Tochter?
Ich habe eine verdammte Tochter?
Und Rebecca will, dass ich ihr ein sicheres Zuhause biete. Wie zum Teufel soll ich das denn anstellen, wenn ich das halbe Jahr über unterwegs bin?
Was zur Hölle …
Vor einem Monat …
»Daisy Beauregard.«
Ich stehe stramm, als ich meinen Namen höre, während ich das Kreuzworträtsel fest gegen meine Brust drücke und den pinkfarbenen Stift in der anderen Hand halte. »Das bin ich.«
»Bitte kommen Sie mit.«
Schnell greife ich nach meiner Handtasche und der Wasserflasche und folge der Frau durch eine große Doppeltür mit elektronischem Schloss. Auf der anderen Seite werde ich von einem sterilen Flur mit Neonbeleuchtung begrüßt. Das entfernte Geräusch von piepsenden Monitoren erfüllt die Luft, als ich zu einer verschlossenen Tür mit der Zahl 213 geführt werde.
»Dr. Mendez ist gleich bei Ihnen.«
Ich nicke und trete nervös auf der Stelle, während ich warte. Als ich mich ein wenig näher zur Tür vorbeuge, höre ich ein stetiges Piepsen auf der anderen Seite, das mich beruhigt und zeitweise die drei Bilder vertreibt, die in den letzten Stunden durch meinen Kopf gegangen sind.
Der angsterfüllte Blick in ihren Augen.
Ihre auf einer Seite hängenden Gesichtszüge.
Der Anblick, wie sie völlig leblos von ihrem Stuhl auf den Boden fällt.
Wieder spüre ich das Brennen in den Augen, und mir stockt der Atem. Sie ist mein Ein und Alles. Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun würde, ohne ihren Rat, ohne ihre warmen Umarmungen, ohne ihre bedingungslose Liebe.
»Daisy?« Als ich aufblicke, sehe ich einen Mann in weißem Kittel. Auf dem Schild an seiner Brust steht sein Name. Dr. Jake Mendez.
»Ja, das bin ich«, erwidere ich leise und zittrig.
»Daisy, ich bin Dr. Mendez.« Er reicht mir die Hand, und ich schüttele sie kurz. Statt etwas zu sagen, nicke ich nur, und er fährt fort. »Wie Sie bereits wissen, hatte Ihre Großmutter einen Schlaganfall. Wir haben ein CT durchgeführt und festgestellt, dass eine Arterie, die ihr Gehirn mit Blut versorgt, verstopft ist.«
»Oh Gott!«, stoße ich aus und bedecke unwillkürlich meinen Mund mit einer Hand.
Dr. Mendez drückt sanft meine Schulter, um mich zu beruhigen. »Ehrlich gesagt waren wir ziemlich froh darüber, dass wir eine verstopfte Arterie gefunden haben. Es gibt nämlich zwei Sorten von Schlaganfällen: hämorrhagische und ischämische. Hämorrhagisch bedeutet, dass eine Gehirnblutung besteht, die man nur sehr schwer ohne Langzeitschäden stoppen kann. Ihre Großmutter hatte einen ischämischen Schlaganfall, was bedeutet, dass eine verstopfte Arterie den Blutfluss zum Gehirn unterbunden hat. Dadurch ist keine Operation notwendig, was in ihrem hohen Alter von Vorteil ist. Wir haben ihr intravenös ein gerinnungshemmendes Mittel verabreicht, wodurch sich die Blockade lösen sollte.«
»Dann wird sie also wieder gesund?« Ich schlucke schwer.
»Momentan steht sie noch unter Beobachtung. Sie hat sich bei dem Sturz die Hüfte gebrochen, was eine intensive Reha erforderlich macht. Eventuell wird sie aufgrund des Schlaganfalls Bewegungseinschränkungen auf der linken Körperseite haben.«
»Sie ist gelähmt?«, frage ich, und erneut keimt Angst in mir auf.
»Eine temporäre Lähmung mit möglichen Langzeitschäden – sie wird also vielleicht Schwierigkeiten haben, ihren linken Arm oder ihre linke Hand zu gebrauchen. Vielleicht stellen Sie auch eine Bewegungseinschränkung der linken Gesichtshälfte fest. Zu diesem Zeitpunkt lässt sich schwer einschätzen, welche Schäden dauerhaft zurückbleiben.«
»Aber sie wird wieder gesund?«
»Momentan ist sie stabil, aber sie hat eine lange Genesungszeit vor sich.« Er atmet durch, bevor er fortfährt: »Habe ich es richtig verstanden, dass Sie zurzeit in einer Zweizimmerwohnung mit ihr leben?«
»Ja, Sir. Wir kümmern uns schon umeinander, solange ich denken kann.«
»Das ist äußerst bewundernswert.« Die Art, wie er die Hände in seine Kitteltaschen schiebt, lässt mich vermuten, dass mir das, was er als Nächstes sagen will, nicht gefallen wird. »In Anbetracht des Zustandes, des Alters und der intensiven Therapie, die Ihrer Großmutter bevorsteht, ist es besser, wenn sie zunächst in einer Rehaklinik und dann in einem Pflegeheim unterkommt.«
»Ein Pflegeheim?« Ich schüttele den Kopf. »Das ist nicht nötig, ich kann mich um sie kümmern.«
Dr. Mendez holt ein weiteres Mal tief Luft. »Ich bezweifele nicht, dass Sie sich um sie kümmern können, Daisy. Allein unsere Unterhaltung zeigt mir, dass Sie eine liebende und fürsorgliche Enkelin sind, aber sie braucht rund um die Uhr Betreuung.«
»Das kann ich bewerkstelligen«, sage ich schnell.
»Was ist mit Ihrem Job, Ihren Freunden und anderen Familienmitgliedern? Ihre Großmutter zu pflegen würde Ihr gesamtes Leben bestimmen. Sie sind jung, Sie sollten gerade erst am Anfang stehen, entdecken, was die Welt zu bieten hat.«
»Ich habe weder einen Job noch Freunde«, erwidere ich und klammere mich verzweifelt an die eine Sache, die immer eine Konstante in meinem Leben war.
Meine Großmutter.
Sie hat mir ab der zweiten Klasse Hausunterricht erteilt. Mich versorgt, mich wie ihre eigene Tochter behandelt. Den Großteil meines bisherigen Lebens habe ich damit zugebracht, mit ihr in unserer kleinen Wohnung Zeit der Sehnsucht und Musicals anzuschauen, Patchwork-Decken zu nähen, Körbe zu flechten und zu backen. Sie ist meine beste Freundin, meine Heldin, mein Ein und Alles. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie täte.
Sie darf mich nicht verlassen.
Ich weiß nicht, wie ich alleine klarkommen soll. Ich weiß nicht, wie ich außerhalb der Blase leben soll, die meine Großmutter für mich erschaffen hat. Ich will nicht ausbrechen. Dafür bin ich noch nicht bereit und ganz und gar nicht vorbereitet.
»Daisy, ich sage ja nicht, dass Sie jetzt eine Entscheidung treffen müssen, aber höchstwahrscheinlich bleibt Ihnen keine andere Wahl. Wenn wir bestmögliche Erfolge bei ihr erzielen wollen, nachdem sie das Krankenhaus verlassen hat, sollten Sie sich nach Pflegeheimen oder betreuten Wohneinrichtungen für Senioren umschauen, die Ihrer Großmutter gefallen könnten. Vielleicht irgendwas an der Westküste, damit sie einen Ausblick auf die Berge hat.« Er tätschelt mir die Schulter und fügt hinzu: »Ich komme wieder, um nach ihr zu sehen. Sie schläft gerade, aber Sie können gern in ihr Zimmer gehen und bei ihr bleiben.«
Niedergeschlagen wie ich bin, nicke ich nur und danke ihm.
Höchstwahrscheinlich bleibt Ihnen keine andere Wahl …
Die unerwünschten Worte graben sich tief in mein Gehirn, verfolgen mich mit ihrer folgenschweren Bedeutung, mit der Erkenntnis, dass sich die heimelige Atmosphäre, die ich so lange gewöhnt war, bald verändern wird. Und zwar drastisch.
Wie kann das nur sein? Vor zwei Tagen war Sie noch eine lebhafte, lustige alte Dame. Wie soll ich das, was Dr. Mendez gesagt hat, mit der starken und widerstandsfähigen Frau, die ich kenne und liebe, in Einklang bringen?
Meine Großmutter.
Mir steigen Tränen in die Augen und lassen die trostlose Krankenhaustür vor meinen Augen verschwimmen. Sie hatte einen Schlaganfall. Sie hat sich die Hüfte gebrochen. Sie könnte vorübergehend linksseitig gelähmt sein. Eventuell bleibt uns keine Wahl zu entscheiden, wo sie in Zukunft wohnt. Was wiederum bedeutet … Mein Leben wird auf den Kopf gestellt. Der winzige Kokon, in dem ich gelebt habe, seit ich sieben war, löst sich auf, bevor mir Flügel gewachsen sind.
Ich wusste, dass dieser Zeitpunkt irgendwann kommen würde. Aber ich bin noch nicht bereit, auf eigenen Beinen zu stehen. Ich weiß nichts über die Welt da draußen, abgesehen von der Tatsache, dass sie ungeheuer Angst einflößend ist.
Vor einer Woche …
Ich schiebe das Visier meines Helms runter, werfe einen Blick über die Schulter und lenke mein Motorrad auf die Straße, wobei ich den Motor unter mir rumpeln höre.
Feierabend.
Ich muss so weit wie möglich von hier weg.
Mein herrischer Onkel, dieser erbärmliche Idiot, treibt mich an meine Grenzen. Nur noch ein paar Tausend Dollar mehr, bis ich ihm das Geld für die Kochausbildung zurückzahlen und mein eigenes Restaurant eröffnen kann. Bis dahin bin ich verpflichtet, ihm in seinem italienischen Restaurant zu helfen, wo ich beschissenes billiges Essen für die Denveraner zubereite, die keinen Wert auf gescheites Essen legen. Wenn es um Essen geht, muss es für mich nicht immer Haute Cuisine sein, aber genauso wenig lasse ich meine Kreationen einfach so in einen Bottich Fett plumpsen und Feierabend.
Ich habe hart gearbeitet, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin, und dafür einen Pakt mit dem Teufel – auch bekannt als mein Onkel – geschlossen, denn ich empfinde es als absolute Hölle, mich Tag für Tag genau an seine Rezepte halten zu müssen. Aber ich brauchte das Geld, und er hatte es, deshalb habe ich zugestimmt, während der Ausbildung und noch Jahre danach unter seinem wachsamen Blick zu arbeiten, um meine Schulden abzuzahlen. Ich habe viele Überstunden gemacht, um so viel wie möglich zu sparen. Dabei kommt es mir zugute, dass ich ein Händchen dafür habe, mein Geld durch Wetten auf Freundschaftsspiele unterschiedlichster Sportarten zu verdoppeln und zu verdreifachen, wodurch sich meine Ersparnisse immer wieder erhöhen. Ich schließe allerdings nur dann eine Wette ab, wenn ich weiß, dass ich Geld damit machen kann. Ich habe noch kein einziges Mal verloren.
Ich biege nach rechts auf den Highway ab und fahre unter dem Sternenhimmel durch die kühle Nacht. Dank der Tatsache, dass Denver zur lebenswertesten Stadt der USA ernannt wurde, sind die Mietpreise dermaßen in die Höhe geschossen, dass mir nur eine Wohnoption bleibt: in einem umgebauten Lagerhaus auf der Delaware Street neben der Autobahn. Die Miete ist spottbillig, und da ich sie mir mit meiner Freundin Sasha teile, bleibt am Ende des Monats noch mehr zum Sparen übrig.
Vor mir leuchten rote Ampeln auf, und ich bremse langsam ab. Shit! Ich lehne mich zurück, stelle meinen Stahlkappenstiefel auf der Straße ab und verfluche die verdammte Stadt und ihren gottverdammten Verkehr.
Ich hole mein Handy raus, verbinde es über Bluetooth mit dem Helm und rufe meinen besten Freund Fitzy an. Während ich mich zentimeterweise weiter durch den Verkehr vorarbeite, warte ich darauf, dass er abnimmt.
»Alter, bist du endlich auf dem Weg?«, meldet sich Fitzy ungeduldig.
Ich kenne Gerald Fitzsimmons, alias Fitzy, schon seit der Grundschule, daher ist seine Ungeduld nichts Neues für mich. Bei ihm muss immer alles sofort passieren.
»Ich muss noch kurz zu mir nach Hause, Klamotten wechseln, dann komme ich vorbei.«
»Vergiss das Umziehen, das Spiel beginnt in zehn Minuten. Komm einfach direkt.«
»Ich stinke wie ein Schwein«, kontere ich. »Ich dusche nur schnell und ziehe mir was Frisches an – falls sich dieser Verkehr jemals auflösen sollte.«
»Dann benimm dich wie ein Schwein und fahr auf dem Seitenstreifen. So weit kannst du doch gar nicht von deiner Ausfahrt entfernt sein.«
Er hat recht.
»Es ist die nächste.«
»Dann nimm den verdammten Seitenstreifen, und komm endlich.«
Da ich mich noch nie gern an Regeln gehalten habe, folge ich seinem Rat und fahre auf die Standspur. Es ist mir egal, ob dort ein Polizist auf mich wartet, um mir den Marsch zu blasen. Den Strafzettel kann ich einfach auf den Stapel der Ordnungswidrigkeiten legen, die sich auf meiner Küchenanrichte angesammelt haben.
»Du willst mich nur dahaben, damit ich Chicken Wings mache.« Ich werfe einen Blick in den Seitenspiegel und mache mich auf blinkendes Blaulicht gefasst, was allerdings ausbleibt.
Fitzy hält kurz inne, bevor er zugibt: »Klar will ich dich deswegen hier haben. Und vergiss das Bier nicht.«
»Du bist ein Arsch.« Ich lache und nehme die Ausfahrt gleich neben meinem Wohnhaus.
»Ich bin der Arsch mit dem Fünfzig-Zoll-Flachbildschirm mit Bild im Bild. Das ist mehr, als du von deiner TV-VCR-Combo auf dem Ausklapptisch behaupten kannst.«
Es ist peinlich, wie präzise seine Beschreibung auf meine nicht gerade brandneue Media-Ausstattung zutrifft.
»Na ja, ich habe ja auch keinen Daddy, der das alles finanziert.«
»Soll ich den Mann davon abhalten, mir das ganze Zeug zu kaufen, weil ihn Schuldgefühle plagen, dass er mich vor zwanzig Jahren im Stich gelassen hat? Kommt gar nicht infrage. Er darf mir gerne so viel elektronischen Schnickschnack schenken, wie er will.«
Fitzys Dad war ein echter Mistkerl, als er noch jünger war. Eines Nachts ist er einfach abgehauen und nie wiedergekommen. Wir haben uns gegenseitig bemitleidet, verlassen worden zu sein. Aber Fitzy hatte wenigstens seine Mom, ich dagegen nur Onkel Chuck. Man sollte meinen, dass er mich nach so vielen Jahren, Urlauben und Familientreffen wie einen richtigen Sohn behandeln und es mir nicht so schwer machen würde. Aber nein, er erinnert mich jeden Tag aufs Neue daran, was für eine Last ich immer für ihn war und dass ich in seiner Schuld stehe, weil er sich »bereit erklärt« hat, mir ein Dach über dem Kopf zu bieten und mir bereits ab meinem sechzehnten Lebensjahr das College zu finanzieren. Er hat einen Mann aus mir gemacht. Zumindest glaubt er das. Aber in Wirklichkeit hat er mich zu einem genauso verbitterten Bastard werden lassen, wie er selbst einer ist.
Als ich an der üblichen Stelle vor meinem Wohnhaus parke, bemerke ich, dass Sashas Auto nicht auf dem Parkplatz steht. Mit meiner Tasche über der Schulter nehme ich auf dem Weg zu unserem Apartment zwei Stufen auf einmal. Ich habe vor, so schnell zu duschen wie noch nie in meinem Leben.
»Hey, bin jetzt zu Hause. In zehn Minuten bin ich bei dir.«
»Mach besser fünf draus«, erwidert Fitzy verärgert. »Beeil dich, verdammt noch mal.«
Nachdem ich meine spärlich eingerichtete Wohnung betreten und das Licht eingeschaltet habe, fällt mein Blick auf einen Zettel, der auf dem Ausziehtisch im behelfsmäßigen Essbereich liegt. Als ich mich kurz umschaue und bemerke, dass der alberne Firlefanz weg ist, den Sasha in dem trostlosen Raum verteilt hat, dämmert mir langsam, dass hier irgendwas nicht stimmt. Ich lege meinen Helm ab und gehe schwankend und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zum Esstisch hinüber.
Die Handschrift auf der Notiz ist Sashas. Sie hinterlässt sonst nie Nachrichten …
Eilig falte ich das kleine Stück Papier auseinander und lese.
Carter,
es tut mir leid. Vielleicht kann ich eines Tages meine Schulden bei dir begleichen.
S.
Schulden begleichen? Wovon zur Hölle redet sie? Ist das ihre Art, mit mir Schluss zu machen? Indem sie mir einen verdammten Zettel hinterlässt? Das kann doch nicht wahr sein.
Verwirrt lese ich die Notiz auf ein Neues. Auch wenn sie nicht wirklich lang ist, fällt es mir schwer, mir einen Reim auf all das zu machen. Sie will ihre Schulden begleichen. Welche Schulden?
Schulden für …
Meine Gedanken überschlagen sich, mein Magen dreht sich um, kalter Schweiß breitet sich auf meiner Haut aus, und ein dumpfes Gefühl legt sich auf meine Brust.
Das kann nicht sein …
Sie ist die Einzige, die davon weiß, die Einzige, die Zugang hat.
Ungläubig eile ich ins Schlafzimmer, reiße die unterste Schublade der Kommode auf und öffne die Kiste, die ich ganz nach hinten geschoben habe.
Gähnende Leere. Darin hatte ich all das Geld aufbewahrt, das ich in den letzten Jahren beim Wetten gewonnen habe. Mehr als zehntausend Dollar sind verdammt noch mal einfach weg. Jeder einzelne Schein.
Ich habe kein Vertrauen in Banken, daher habe ich mein Gespartes nie dort angelegt. Meine Wohnung habe ich für einen sichereren Ort gehalten. Ein fataler Irrtum.
»Scheiße!«, brülle ich, schleudere die Kiste durch das Zimmer und fahre mir durch die Haare. »Scheiße! Scheiße! Scheiße!«
Alles weg. Meine Freiheit, mein Ausweg aus dem Dilemma, die einzige Chance, die ich je hatte, mich aus den eisernen Fängen meines Onkels zu befreien.
Das Zimmer um mich herum verdunkelt sich, ich sehe nur noch rot. Das darf verdammt noch mal nicht wahr sein. Es kann nicht sein, dass Sasha sich alles genommen hat, wofür ich jemals gearbeitet habe, und mich mit nichts als einer heruntergekommenen Wohnung mit marodem Mobiliar zurücklässt.
Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche und wähle ihre Nummer, werde aber sofort zur Mailbox weitergeleitet. Also schicke ich ihr eine Nachricht, in der ich sie bitte, mich sofort zurückzurufen. Doch tief in meinem Inneren weiß ich, dass ich niemals einen Antwort von ihr erhalten werde.
Es kann einfach nicht sein, dass sie mir alles gestohlen hat. Es kann nicht sein, dass sie mich meiner Freiheit beraubt hat. Die heiß ersehnte Freiheit, für die ich mich seit Jahren so krummlege. Das kann nicht sein.
Bitte … lass es nicht wahr sein.
Während ich auf dem Bett sitze und den Kopf in die Hände stütze, flattert ein dumpfer Pulsschlag in meinem Hals. Ich bin vollkommen erledigt. Anders kann man es nicht ausdrücken.
»Scheiße …« Das Wort entwischt meinen Lippen, hängt schwer in der Luft. Der Drang, auf die Backsteinwand einzuschlagen, breitet sich in mir aus, brennt mir in den Armen. Der tief verwurzelte Zorn, den ich seit so vielen Jahren in mir trage, beginnt mit trotziger Macht in mir zu tosen.
Es. Darf. Nicht. Wahr. Sein.
Warum? Warum zur Hölle tut sie so was? Ich dachte, zwischen uns wäre alles gut. Und jetzt ist sie einfach so … verschwunden? Genau wie meine Freiheit, die – einfach so – mit einem Wimpernschlag verschwunden ist.