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Hugo Portisch

RUSSLAND
UND WIR

Eine Beziehung mit
Geschichte und Zukunft

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1. Auflage

© 2020 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München,
eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg

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Gesetzt aus der Palatino, Jules Big, Cera Compact Pro

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

Red Bull Media House GmbH

Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15

5071 Wals bei Salzburg, Österreich

Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

ISBN 978-3-7110-0274-7

eISBN 978-3-7110-5299-5

Inhalt

MEINE VERMESSUNG EINES WELTREICHS

RUSSLAND UND DIE WELT IM WANDEL

ALTE GRENZEN, NEUE GRENZEN

STRASSEN DES HANDELS, STRASSEN DER MACHT

DIE KOSAKEN

WEM GEHÖRT SIBIRIEN?

KOLONIALES STREBEN

MOSKAUS ROHSTOFF-RESERVE

MEINE REISE NACH SIBIRIEN

DER RUSSISCHSTE ALLER BÄUME

SIBIRIENS LEBENSADER

FLUSS DER VERBANNTEN

LANDBRÜCKE NACH AMERIKA

DER MEGA-DEAL DES ZAREN

WIE ALLES ANFING

DIE RUSSISCHE SEELE

DIE HERZEN DER VÖLKER

TIEFE BRÜCHE

MÖRDER UND MÄRTYRER

NEUES ALTES WERTE-FUNDAMENT

ATEMBERAUBENDE »AUFERSTEHUNG«

TRADITION – DIE NEUE LEITKULTUR

DIE UKRAINE –
EIN SCHWELENDER KONFLIKT

POLITIK AM HEILIGEN BERG

PILGER PUTIN

GOTT, GEHEIMDIENST, GERÜCHTE

DIE SLAWISCHE GEMEINSCHAFT

EITELKEITEN, KRIEGSGEPLÄNKEL

FEIND IM EIGENEN LAND

WILLE ZUM FRIEDEN

MACHTWECHSEL OHNE DRAMA

GORBATSCHOWS FELDZUG

EIN MACHTSYSTEM GEHT UNTER

GRIFF NACH DER KRIM

DAS SEWASTOPOL-CHAOS

SEIDE UND PORZELLAN

SIBIRISCHER GEHEIMPAKT

WO DIE FAHNE IST, IST RUSSLAND

FESTGESCHRIEBENE GRENZE

MEINE REISE NACH HEIHE

RUSSLAND BLEIBT IM SPIEL

PUTIN UND DIE FREIHEIT

DAS DRAMA KURSK

DIE ROLLE DER OLIGARCHEN

PRÄSIDENT AUF LEBENSZEIT

ENDLICH EINEN NORMALEN STAAT

RUSSLANDS NEUER MUT

DANKSAGUNG

MEINE VERMESSUNG
EINES WELTREICHS

Ich war zu Besuch in China. Acht Wochen lang habe ich nur Chinesen gesehen. Beim Abflug saß ich im Flughafen Peking in der Wartehalle. Fünf Europäer kamen auf mich zu, ein Pilot, ein Co-Pilot, drei Stewardessen. Es waren Russen. Aber alle fünf waren Europäer. Mich packte ein Gefühl der Solidarität. Sie kamen mit einer Aeroflot-Maschine aus Moskau. Ein täglicher Flug. Eine Erinnerung – Russland grenzt an China, mit einer viertausend Kilometer langen Grenze. Das heißt: Europa grenzt an China, denn Russland ist Europa. An dieser Grenze stand der norwegische Forscher Fridtjof Nansen und sah vom Grenzfluss Amur hinüber nach China. Danach schrieb er in seinen Erinnerungen: »Wenn China einmal erwacht, wird Russland Europa zu Hilfe rufen müssen.«

Ich hatte viele Gespräche mit Russen in Sibirien. Viele waren besorgt, und auf die Frage, was sie besorgt machte, benützten sie beide Hände, um ihre Augen flach zu ziehen – die Chinesen.

Es gibt ein Pariser Memorandum aus dem Jahr 1989 über die bestehenden und die zu erwartenden Verhältnisse des Westens mit Russland. In dem Memorandum sind fast alle Fragen gestellt und beantwortet. Für den Westen gibt es nur die Verständigung mit Russland, nichts anderes ist vorgesehen, es ist der einzige Weg für beide Seiten. Horst Teltschik ist der gleichen Meinung. Er war der engste Berater des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Er ist heute bemüht, die Verständigung mit Russland wiederherzustellen. Auch für ihn ist es der einzige Weg für Europas Zukunft.

Die Verständigung – die hängt von Wladimir Putin ab. Er hat seine Ziele schon oft ausreichend formuliert: Russlands Macht und Größe so wiederherzustellen, wie sie einst die Sowjetunion ausgezeichnet haben.

Das Programm hatte er bereits in seiner Amtszeit als Ministerpräsident unter Boris Jelzin umzusetzen begonnen: Er zog in den Krieg, als die Tschetschenen sich von Russland lösen wollten. Er zog in den Krieg, als Georgien zwei Provinzen Russlands für sich beanspruchte. Er stellte dem ukrainischen Präsidenten ein Ultimatum, als dieser ein Ansuchen um enge Kooperation und schließlich einen Beitritt der Ukraine und ein Arbeitsübereinkommen mit der Europäischen Union unterzeichnete. Er musste es zurückziehen, seinen Posten aufgeben und floh nach Russland. Er hatte auch die Absicht, die Ukraine in die NATO zu führen. Eine Absicht, die seine Freunde in Georgien geteilt hatten. Wenn beide Länder der NATO beigetreten wären, hätte kein Matrose von der russischen Schwarzmeerflotte mehr russischen Boden betreten können, überall auf dem Land wären sie in der NATO. Für Putin war es eine rote Linie, die quer durch die Ukraine führte. Der Donbass gehört zur Ukraine. Der Donbass ist für Russland, was für Deutschland das Ruhrgebiet darstellt. Reiche Kohlengruben, und über diesen wichtige Stahlwerke. Hier wurden und werden unter anderem auch die russischen Langstreckenraketen erzeugt.

Das hatten die Ukrainer nicht gründlich überlegt. Als Erstes beschloss Putin, die Halbinsel Krim nach Russland »heimzuholen«. Über Nacht landeten russische Soldaten auf der Krim – ihre Uniformen trugen keinerlei russische Hoheitszeichen, ihre Militärautos hatten ihre Nummernschilder demontiert. Es sollte eine offiziell nicht erkennbare Annexion der Krim durch Russland werden. Kurz danach kam es in der Ostukraine im Donbassgebiet zum Aufstand. Auch dort erhoben sich russische Partisanenverbände ohne russische Uniformen und begannen Kämpfe mit der regulären ukrainischen Armee. Es gelang nicht, diesen Aufstand stillzulegen, obwohl sich die deutsche Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Hollande bemühten, zwischen den Aufständischen und den Russen zu verhandeln. Es wurde eine Art Waffenstillstand ausgehandelt und unterzeichnet, in der weißrussischen Hauptstadt Minsk, aber es gelang nicht, die ausgehandelten Bedingungen umzusetzen.

Die Vorgänge lassen erkennen, was Putin unter keinen Umständen zulassen wollte: ein Abdriften der Ukraine nach Europa. Nein, unter Putin darf kein weiterer bisher russisch dominierter Boden mehr Russland entweichen. Die drei baltischen Staaten hatten die erste Gelegenheit genutzt und sich für selbstständig erklärt. In Litauen hatte Russland versucht, das Land mit Gewalt am Verlassen des russischen Orbits zu hindern.

Seither konzentriert sich Putin darauf, Russlands Macht und Ansehen in der Welt wiederherzustellen. Eine passende Gelegenheit dazu bot sich im Mittleren Osten, im Anschluss an die Bekämpfung der Terrororganisation Islamischer Staat auf dem Boden des Irak und Syriens. Hier scheute sich Putin nicht, auch militärisch einzugreifen. Russische Truppen, vor allem die Luftwaffe, unterstützt von einem russischen Flugzeugträger, bekämpften zunächst gemeinsam mit den USA und der Türkei den IS, doch in der Endphase verhalfen die Russen nur noch dem Regime Assad in Syrien dazu, die eigenen Aufständischen niederzukämpfen und der Türkei zu helfen, die von kurdischen Kämpfern an der Seite der Amerikaner eroberten Gebiete des IS unter Kontrolle zu bringen. Putin lud den türkischen Präsidenten Erdogan nach Sotschi ein und schmiedete dort ein russisch-türkisches Bündnis. Ziel war es, der Türkei möglichst freie Hand gegen die Kurden zu geben und eine Zone des gemeinsamen Einflusses Russlands, der Türkei und des Iran zu schaffen.

Damit hat Putin auch sein zweites Ziel – Russlands Macht und Größe auch international wiederherzustellen – zumindest teilweise erreicht. Russland konnte im Mittleren Osten als Friedensmacher auftreten und zum ersten Mal in seiner Geschichte sich auch permanent in dem Gebiet als Führungsmacht einbringen.

All das wird von Kennern der Lage, wie etwa von Horst Teltschik, dem engen Berater des deutschen Kanzlers Helmut Kohl, aber auch vom früheren Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, als russischer Versuch gewertet, mit der Europäischen Union und den USA gleichzuziehen. Gorbatschow, der der Wiedervereinigung Deutschlands zugestimmt und damit die DDR preisgegeben hatte, stellt sich vorbehaltlos hinter Putin und dessen Anspruch auf Gleichberechtigung Russlands mit Europa.

Es war aber auch Putin selbst, der die Möglichkeit einer Verbindung Russlands mit der NATO und noch mehr mit der Europäischen Union ins Spiel brachte. Er sei durchaus dafür, eine enge Kooperation mit dem Westen, insbesondere mit der EU, zu erwägen. Andererseits würde es auch im Interesse der Europäischen Union sein, die Verständigung mit Russland zu suchen. Seit der Aufkündigung des Atomvertrags mit dem Iran durch Präsident Trump und Trumps Rückzug aus Afghanistan und dem Mittleren Osten bleibt den Europäern vermutlich nur, gemeinsam mit Russland, als eigene Ordnungsmacht aufzutreten. Etwas, was die EU bei der Entstehung des Islamischen Staates eindeutig versäumt hat. Damals war es klar, dass nur ein gemeinsames Auftreten des Westens den IS immerhin noch rechtzeitig in die Schranken verweisen konnte. Aber keiner der großen europäischen Staaten – Deutschland, Frankreich, England – hatte die Idee, mit eigenen Streitkräften im Nahen Osten einzugreifen. Europa hätte damit seinen Anspruch auf Mitsprache zur Regelung örtlicher Konflikte nicht nur im Nahen Osten deutlich anmelden können. Jetzt können sie nur noch nachziehen, müssen Russland den Vortritt lassen. Damit aber ist Russland zum entscheidenden Partner Europas geworden – zumindest, was die Probleme im unmittelbaren Vorfeld Europas betrifft.

RUSSLAND UND DIE WELT IM WANDEL

Das nächste Ringen um Einfluss und Mitbestimmung wird ein noch größeres Problem betreffen, nämlich Afrika. Seit dem Anschwellen der Flüchtlingskrise, insbesondere durch die Migration Zehntausender Afrikaner, liegt es auf der Hand, dass damit für Europa ein Problem entsteht, das sich nicht so leicht bewältigen lassen wird. Das heißt: Wer Europa retten will, muss Afrika retten.

Diese Absicht hat vermutlich China nicht. Dennoch haben die Chinesen das Potenzial Afrikas erkannt und sehen darin einen wichtigen Partner sowohl als Abnehmer als auch als Zulieferer von wichtigen Rohstoffen. Jedenfalls ist es erstaunlich, in welchem Ausmaß China versucht, Afrika zu erschließen. Fast allen afrikanischen Staaten hat Peking großzügige Kredite gewährt, einschließlich hoher Direktzahlungen an die dortigen Machthaber als auch zur Verrechnung für die sofort einsetzende Wirtschaftsentwicklung. Fast überall in Afrika hat China begonnen, Eisenbahnen und Autostraßen zu bauen. Eigentlich ähnlich dem Prinzip, wie einst die USA ihren Marshallplan zum Aufbau Europas zum Tragen brachten. Alle Materialien, die zum Ausbau von Eisenbahnstrecken und dem Straßenbau in Afrika gebraucht werden, sendet China nach Afrika und gewährt sie den Afrikanern auf Kredit. Das heißt, sie müssen im Moment nichts bezahlen. Die Hilfe hat China noch erweitert: Es schickt nicht nur die Materialien, es entsendet auch die Arbeitskräfte, nämlich Tausende chinesische Arbeiter, die die neuen Transportwege selbst errichten, offenbar weil die Chinesen das den einheimischen Kräften in Afrika nicht zutrauen. Das ist erstaunlich, denn auf diese Weise bekommen die afrikanischen Völker im Moment nichts, was ihnen sofort helfen würde, kein Geld und keine Lebensmittel, auch werden sie an den Arbeiten selbst nicht beteiligt. China bezahlt sich in Afrika selbst. Welchen Nutzen die neuen Eisenbahnen und die Straßen einst für die einheimische Bevölkerung haben werden, bleibt abzuwarten. Fast ist zu erwarten, dass auch auf den Bahnen und den Straßen Waggons und Autos aus China verkehren werden.

Interessanterweise hat Europa den Konkurrenzkampf mit den Chinesen um Afrika nicht aufgenommen. Ganz anders als Putins Russland – die Russen versuchen, den chinesischen Einfluss in Afrika zurückzudrängen und selbst in die Entwicklung der afrikanischen Staaten zu investieren. Obwohl der Vorteil solcher russischer Investitionen nicht unbedingt auf der Hand liegt. Das war früher einmal anders. In den 70er- und 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts konkurrierte die Sowjetunion mit China um politischen Einfluss in Afrika, doch damals hatten sie ein Ziel: Diese Staaten sollten Vasallenstaaten Chinas oder der Sowjetunion werden. Es galt, das eigene Einflussgebiet zu erweitern und möglichst die eigene Art des Kommunismus zu verbreiten. Das scheint heute weder in China noch in Russland Vorrang zu haben. Dennoch artet die Afrikahilfe beider Staaten zumindest zu einem Kampf um neue Absatzgebiete und Rohstoffquellen aus.

Auch das sollte von Europa nicht nur neugierig verfolgt werden, auch auf diesem Gebiet sollte Europa seine eigenen wirtschaftlichen Stärken zum Tragen bringen. Auch Afrika ist so wie der Nahe Osten ein europäisches Vorfeld, um das sich Europa um seiner selbst willen zu kümmern hätte.

ALTE GRENZEN, NEUE GRENZEN

Aber in Europa wird es schon bald nicht mehr ohne Einverständnis und Abmachungen mit Russland weitergehen. Es liegt auf der Hand, dass die EU und Russland aufeinander angewiesen sind und es zunehmend sein werden. Was Putin von Europa erwartet, hat er schon mehrfach formuliert: Russland möchte einbezogen werden in ein europäisches Sicherheitsnetz, in dem es sich vor neuen Expansionen aus dem europäischen Raum gesichert vorkommen möchte. Das Vorpreschen der NATO bis jeweils an die russische Grenze im Baltikum und in Ostmitteleuropa ist in den Augen Moskaus zweifellos provokativ und bedenklich. Es ist erstaunlich, dass die Russen sich bisher an die von ihnen selbst verkündete Politik der Nichteinmischung bei ihren Nachbarn halten – eine Politik, die von Jelzin und Gorbatschow erstaunlicherweise bedingungslos eingehalten worden ist und von Putin weiterhin eingehalten wird. Jeder der einst von der Sowjetunion dominierten oder gar der Sowjetunion zugehörigen Staaten konnte sich freiwillig der NATO anschließen, ohne von Russland in irgendeiner Weise sanktioniert zu werden. Nur bei der Ukraine hat das nicht mehr ganz so geklappt. Und da wird es in Zukunft auch feste Zusicherungen und Absprachen geben müssen. Dafür aber ist Europa noch nicht gut gerüstet.

Russland gilt im Westen zum Teil immer noch als ein möglicher Widersacher, ein potenzieller Störenfried, als eine nicht befreundete Macht. Und es wird noch einige Anstrengungen kosten, diese potenzielle Gegnerschaft abzulegen. Dazu gehört in erster Linie die Erkenntnis, dass Russland eben kein fremdes, sondern ein europäisches Land ist. Etwas, was der französische Staatspräsident General de Gaulle immer schon richtig einzustufen wusste. Wenn de Gaulle von Europa sprach, meinte er immer ausdrücklich das Gebiet »zwischen dem Atlantik und dem Ural«. Das umfasste zwar nur das europäische Russland, aber immerhin erkannte er Russland als europäisches Land. Auch heute gilt es zu erkennen, dass Europa dank Russland nicht am Ural endet, sondern bis an die chinesische Grenze reicht. Europa endet bei Wladiwostok an den Gestaden des Pazifischen Ozeans. Auch daran wird man sich gewöhnen müssen.

Dass Putin gerade im Fall der Ukraine so heftig reagierte, hat schon einen besonderen Grund. Russland hätte es nämlich ohne die Ukraine wahrscheinlich nie gegeben. Die slawische Völkerschaft, die sich rund um das Jahr 1000 zusammenfand, sammelte sich zunächst an den Flüssen Wolga und Dnepr, aber ohne sich als eigenes Volk zu verstehen oder gar eine eigene staatliche Organisation anzustreben.

STRASSEN DES HANDELS, STRASSEN DER MACHT

Auf den beiden Flüssen drangen von Norden her Skandinavier, die über die Ostsee kamen, nach Süden vor. Ihr Ziel war es, über die Flussverbindungen bis an das Byzantinische Reich, bis nach Konstantinopel vorzustoßen. Um diese Zeit galt Konstantinopel als Ostrom. Das heißt als der östliche Teil des bis dahin den ganzen Mittelmeerraum dominierenden Römischen Reiches. Als dieses zusammenbrach, etablierte sich in Konstantinopel ein neuer römischer Kaiser, ein eigener Herrscher über den östlichen Teil des Römischen Reiches.

Und Konstantinopel hatte das geografische Glück, genau an den wichtigsten Handelsrouten der damaligen Zeit zwischen Europa und Asien ebenso wie zwischen Europa und Afrika zu liegen. Der wichtige Fernhandel zwischen Europa und Asien, besonders mit China, wurde über Konstantinopel abgewickelt. Und hier endete in Wirklichkeit die Seidenstraße, jene gewaltige Karawanenverbindung zwischen China und Europa. Die wertvollen und in Europa ungemein geschätzten Seidenstoffe und das ebenfalls in Europa sehr bewunderte Porzellan wurden in Konstantinopel zum Tausch und zum Verkauf angeboten. Wer Seide und Porzellan erwerben wollte, der musste nach Konstantinopel. So wurde Konstantinopel ein Hauptziel für den europäischen Fernhandel, das nahmen schon die Wikinger zur Kenntnis, und mit ihnen und nach ihnen all die Völkerschaften aus dem Raum der Ostsee. Und diese skandinavischen Völker bemühten sich um die Erschließung von Handelsrouten von und bis Konstantinopel.