Unsauberkeit bei Katzen
Ursachen für Unsauberkeit und Markieren verstehen, vorbeugen und helfen
Kosmos
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Inhalt
Einleitung
1 › Ausscheidungsverhalten
Unerwünschtes Ausscheidungsverhalten oder Markierverhalten?
Ursachen
Detektivarbeit
Organische Hintergründe
Die Katzentoilette
Unangenehme Erfahrungen in Zusammenhang mit der Toilette
Die Befindlichkeit der Katze
Weitere Ursachen
Umgang mit der Situation
Möglichkeiten, das Verhalten zu ändern
Umtrainieren
Stubenreinheit
Substratpräferenz
Weitere Maßnahmen
Therapie mit Duftstoffen
Medikamente
Alternative Behandlungen
2 › Markierverhalten
Markieren mit Kot und Urin
Unerwünschtes Markierverhalten
Hintergründe
Vorgehensweise
3 › Fallbeispiele
Fall 1: Paul
Vorbericht
Konsultation
Diagnose
Behandlungsmaßnahmen
Ergebnis
Fall 2: Anton
Vorbericht
Diagnose
Behandlungsmaßnahmen
Ergebnis
Kommentar
Fall 3: Kimi
Vorbericht
Diagnose
Behandlungsmaßnahmen
Vorgehensweise
Ergebnis
Kommentar
Fall 4: Carlo
Vorbericht
Diagnose
Behandlungsmaßnahmen
Ergebnis
Kommentar
4 › Unerwünschtes Verhalten: Vorbeugen und gezielt verändern
Haltungsbedingungen
Gefühle gezielt beeinflussen
Gewöhnung (Habituation)
Sensibilisierung
Systematische Desensibilisierung
Gegenkonditionierung
Reizüberflutung
Erlernen neuer Verhaltensweisen
Belohnung
Strafe
Löschung
Schlusswort
5 › Service
Nützliche Adressen
Zum Weiterlesen
Über die Autorin
Impressum
Einleitung
Im Zusammenleben von Mensch und Katze können auch Verhaltensweisen stören, die eigentlich ganz normal und artgemäß sind. Für manche Katzenhalter ist z. B. das Jagdverhalten von Katzen problematisch oder auch Krallenschärfen. Ganz besonders belastet wird das Zusammenleben aber, wenn Katzen ihre Ausscheidungen an aus menschlicher Sicht ungeeigneten Orten hinterlassen.
Tatsächlich setzen fast alle Katzen mindestens einmal in ihrem Leben Kot oder Urin an einer anderen Stelle als in der Katzentoilette ab. Die zugrunde liegenden Ursachen können außerordentlich vielfältig sein.
Einerseits werden über Kot und Urin Stoffe ausgeschieden, die der Körper nicht mehr braucht. Andererseits können Katzen bei Bedarf Kot und Urin zur Markierung einsetzen und so mithilfe dieser Abfallprodukte Informationen an Artgenossen weitergeben.
Kot und Urin an der falschen Stelle kann also bedeuten, dass die Katze die Katzentoilette aus ganz bestimmten Gründen nicht benutzt oder dass es sich um Markierverhalten handelt. Natürlich kann auch beides zusammen vorkommen. Da sich die Ursachen für Markierverhalten und unerwünschtes Ausscheidungsverhalten unterscheiden, sind auch die Behandlungsmethoden in manchen Punkten verschieden. Daher ist es wichtig herauszufinden, wo genau das Problem liegt.
Manchmal handelt es sich nur um ein einmaliges Ereignis und kommt nie wieder vor. Es kann aber auch der Beginn einer langen Leidensgeschichte für den Halter und für die Katze werden. In vielen Fällen vergehen nicht nur Wochen, sondern Monate oder sogar Jahre, bevor ein Katzenbesitzer den Mut hat, sich professionelle Hilfe zu suchen. Bis dahin kann die Wohnung völlig zerstört sein und der Halter schämt sich, überhaupt jemand hereinzulassen. Hilfe wird oft erst dann gesucht, wenn es einen besonderen Anlass dafür gibt, z. B. eine neue Wohnsituation oder eine neue Beziehung.
Dieses Buch soll betroffenen Katzenhaltern dabei helfen, das Problem möglichst frühzeitig richtig einzuordnen, um dann die Maßnahmen zu finden, die am besten geeignet sind. Je schneller die passenden Schritte unternommen werden, desto leichter kann eine weitere Verschlechterung verhindert bzw. das unerwünschte Verhalten wieder geändert werden.
Ausscheidungsverhalten entwickelt sich schon sehr früh. Sobald die Kätzchen anfangen, das Nest zu verlassen, wählen sie in ihrer Umgebung den Untergrund, der ihnen zum Urin- und Kotabsatz am angenehmsten und am besten geeignet erscheint. Das sind im Allgemeinen Materialien (Substrate), die weich sind, gut aufsaugen und ein Zuscharren ermöglichen, etwas Sandartiges, z. B. Es kommt in diesem Alter zu einer Art Prägung auf den Untergrund, sodass die Tiere im späteren Leben eventuell ein so »erlerntes« Material für ihre Ausscheidungen bevorzugen.
Normales Ausscheidungsverhalten läuft nach einem ganz bestimmten Muster ab: Die Katze wählt dazu einen passenden Platz mit einem tauglichen Untergrund. Sie inspiziert genau die potenziell geeignete Stelle und überprüft ihren Geruch (Platzkontrolle). Dann gräbt sie eine kleine Grube. Anschließend platziert sich die Katze in einer typischen Hockstellung, die sich bei Kater und Katze nicht unterscheidet, über dieser Grube. Dabei krümmt sie den Rücken, streckt den Schwanz waagrecht nach hinten aus, hebt ihn leicht an und setzt dann Urin bzw. Kot in die Grube ab. Danach überprüft sie noch einmal den Geruch der Grube und scharrt sie anschließend mit Kratzbewegungen zu. Nach einer abschließenden Geruchskontrolle verlässt die Katze die Stelle.
Katzen ziehen es vor, Kot und Urin zeitlich und räumlich getrennt voneinander abzusetzen, d. h., der Kot- und Urinabsatz erfolgt nicht gleichzeitig und wenn möglich auch nicht am selben Ort. Im sogenannten Kernterritorium, also im engeren Lebensbereich, werden Ausscheidungen, vor allem Kot, meist vergraben. Dieses Verhalten hat sich wahrscheinlich wegen des Geruchs und aus hygienischen Gründen entwickelt. Es erschwert die Übertragung von Parasiten und Krankheitskeimen. Dieses Zuscharren lernen die Katzenwelpen übrigens nicht von ihrer Mutter. Es ist angeboren, wird aber nicht von allen Tieren gezeigt.
Ausscheidungsverhalten und Markieren kann man vor allem daran unterscheiden, in welcher Körperhaltung und an welchem Ort die Ausscheidung erfolgt. Bei unerwünschtem Ausscheidungsverhalten wählt die Katze vorzugsweise häufig oder sogar ausschließlich gerade nicht die Katzentoilette, sondern andere, meist horizontale Stellen. Dort werden Kot oder Urin oder beides in der für normales Ausscheidungsverhalten typischen Körperhaltung abgesetzt. Oft befinden sich diese Stellen in der Nähe der Katzentoilette, manchmal direkt daneben. Aber auch andere ruhige und vielleicht sogar versteckte Orte sind möglich.
Neben dem Ort, den die Katze benutzt, ist auch die Menge des Urins, der ausgeschieden wird, ein Hinweis. Bei Ausscheidungsverhalten, wenn also die Blase entleert werden soll, werden mehrmals täglich größere Mengen Urin in Form von Pfützen abgesetzt.
Für verändertes Ausscheidungsverhalten und gegen Markierverhalten spricht also, wenn die Katze:
Die Ursachen dafür, dass die Katzentoilette nicht mehr zuverlässig oder überhaupt nicht mehr benutzt wird, sind vielfältig und vielschichtig.
Hinweise auf derartige Hintergründe wären dann in der Lebensgeschichte der Katze zu finden. Eine solche Katze hat schon immer, von Anfang an, Probleme mit der Stubenreinheit gehabt.
Aber auch Katzen, die die Katzentoilette immer zuverlässig benutzt haben, können damit plötzlich aufhören und andere Orte benutzen. Dafür kommen eine ganze Reihe einzelner oder eine Kombination von Gründen infrage. Das können organische Erkrankungen sein oder es kann an der Katzentoilette selbst liegen. Auch unangenehme Erfahrungen, die die Katze bei der Benutzung der Toilette irgendwann gemacht hat, können dafür verantwortlich sein. Nicht selten spielt alles zusammen eine Rolle.
Um das Problem in den Griff zu bekommen, ist echte Detektivarbeit gefragt. In einem Haushalt mit mehreren Katzen muss als Erstes geklärt werden, wer der Übeltäter ist oder ob es sogar mehrere sind. Ein eindeutiger Beweis wäre, wenn man das oder die Tiere dabei gesehen hat. Aber wenn man eine Katze nie dabei beobachtet hat, ist das leider kein Beweis für ihre Unschuld.
Um einen Übeltäter zu identifizieren, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ein eindeutiger Nachweis, der allerdings technisch aufwendig ist, wären Videoaufnahmen. Dazu wird eine Videokamera installiert, die durch einen Bewegungsmelder ausgelöst wird und so die verunreinigte Stelle überwacht. Eine weitere Möglichkeit wäre, den Urin anzufärben, indem man der Katze Fluorescin® verabreicht. Allerdings hinterlässt Fluorescin® intensive, schwer zu entfernende gelbe Flecke. Man kann auch die Katzen vorübergehend so halten, dass immer nur eine bestimmte Katze während einiger Tage Zugang zu den betroffen Stellen hat. Dabei kann es jedoch vorkommen, dass die verantwortliche Katze aufgrund der veränderten sozialen Situation ihr Verhalten ändert. Das wäre also eine mögliche Fehlerquelle.
Um herauszufinden, wer für den Absatz von Kot verantwortlich ist, kann man den Stuhl anfärben, indem man dem Futter Lebensmittelfarbstoff oder Rote-Beete-Saft beifügt.
Versuche, unerwünschtes Verhalten zu ändern, sind zum Scheitern verurteilt, wenn man vorher nicht überprüft, ob organische Erkrankungen daran mitbeteiligt oder die Ursache dafür sind. Daher ist eine tierärztliche Untersuchung der betreffenden Katze(n) unerlässlich. Mit der Behandlung des unerwünschten Verhaltens beginnt man sinnvollerweise erst, wenn organische Ursachen ausgeschlossen sind oder angemessen behandelt werden.
Eine Vielzahl von organischen Veränderungen kann das Ausscheidungsverhalten beeinflussen. In erster Linie sind das natürlich Erkrankungen von Niere, Blase und Harnleiter sowie Magen und Darm. Es müssen aber nicht nur Blasenentzündungen und Blasen- oder Nierensteine sowie Magen-Darm-Probleme ausgeschlossen werden. Auch verschiedene Stoffwechselerkrankungen können eine Ursache sein. Bei Diabetes z. B. besteht ein erhöhter Flüssigkeitsbedarf. Die Tiere trinken mehr, produzieren folglich mehr Urin und das Ausscheidungsverhalten verändert sich dementsprechend.
Grundsätzlich können außerdem Schmerzen jeglicher Art Auswirkung auf das Ausscheidungsverhalten haben. Das gilt sowohl für den schmerzhaften Urinabsatz bei einer Blasenentzündung wie auch für Schmerzen, die bei Durchfall, bei zu festem Kot oder bei schmerzhaften Prozessen im Enddarm auftreten können. Außerdem kann die spezielle Rückenhaltung, die während des Ausscheidungsprozesses eingenommen wird, bei Erkrankungen im Bereich der Wirbelsäule Schmerzen auslösen.
Leider ordnen Katzen Schmerzerfahrungen nicht unbedingt ihrem eigenen Körper zu, sondern oft dem Ort, an dem sie die Schmerzen erleben. Daher kann eine Katze, die auf einmal Schmerzen beim Besuch der Katzentoilette hatte, diese in Zukunft meiden und versuchen, einen Ort zu finden, an dem Urinieren oder Kot-Absetzen nicht wehtut.
Auch zunehmendes Alter kann Veränderungen verursachen, die den zuverlässigen Toilettenbesuch beeinträchtigen. So können abnehmende körperliche Fähigkeiten bewirken, dass die Katze die Toilette nicht rechtzeitig erreichen oder nicht mehr hineinklettern kann. Oder sie will nicht mehr hineinklettern, weil sie dabei Schmerzen hat. Nachlassende Sinnesleistungen können dazu führen, dass die Katze das Klo nicht mehr zuverlässig findet oder nicht mehr eindeutig erkennt.
Verhältnismäßig einfach ist zu beurteilen, inwieweit die angebotenen Katzentoiletten die artspezifischen Ansprüche von Katzen ausreichend berücksichtigen. Dazu überprüft man Form, Größe und Sauberkeit der einzelnen Toiletten sowie den Ort, an dem sich die Toilette befindet, und die Art der Streu.
Katzen setzen Kot und Urin vorzugsweise an getrennten und sauberen Stellen ab. Das kann man eigentlich auch gut verstehen: Immerhin müssen Katzen ja direkt in das Klo hineintreten! Aus diesem Grund suchen sich gerade besonders reinliche Tiere schnell einen anderen Ort, wenn das Klo nicht ihren Ansprüchen genügt. Im Grund sind sie also nicht unsauber, sondern tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Sie brauchen eine saubere Toilette.
Eine Katze sollte daher von vornherein auf jeden Fall mindestens zwei Toiletten an verschiedenen Stellen zur Verfügung haben. Zwei Toiletten, die dicht nebeneinanderstehen, zählen für die Katze als eine einzige. Bei mehr als einer Katze muss die Anzahl der Toiletten entsprechend erhöht sein. In einem Haushalt mit vielen Katzen muss man ausprobieren, was machbar ist. Wenn die Toiletten häufig, bei Bedarf sogar mehrmals täglich gereinigt werden, kann man die Anzahl der Toiletten insgesamt geringer halten.
Eine Katzentoilette sollte so groß sein, dass die Katze bequem hinein- und hinauskommt. Sie sollte außerdem ausreichend Platz dafür bieten, dass das zur Ausscheidung gehörende Verhalten auch komplett und unbehindert ausgeführt werden kann. So wird z. B. der Schwanz dabei nach hinten gestreckt – bei Katzentoiletten mit Deckel ist das erfahrungsgemäß kaum möglich. Der Vorteil für Menschen, dass der Geruch im Gehäuse verbleibt, kann im Hinblick auf das Verhalten der Katze eher ein Nachteil sein: Aufgrund des intensiveren Geruchs kann die Toilette der Katze womöglich schneller schmutzig und damit unbenutzbar erscheinen. Es ist außerdem kein artgerechtes, normales Verhalten für eine Katze, Kot und Urin in einer Höhle abzusetzen. Als Fluchttiere brauchen Katzen eigentlich immer einen guten Überblick über ihre Umgebung mit der Möglichkeit zur Flucht.
Neben der Art der Toilette und der Sauberkeit ist der Ort, an dem sich die Toilette befindet, wichtig. Eine Katzentoilette sollte an einem ruhigen, geschützten Ort stehen, wo die Katze bei ihrer Verrichtung ungestört ist. Der Zugang zur Toilette sollte außerdem jederzeit leicht möglich sein.
Auch die Katzenstreu ist von Bedeutung. Abhängig von früheren Erfahrungen kann eine bestimmte Katzenstreu bevorzugt, eine andere abgelehnt werden. Nicht alle Katzen akzeptieren hier Veränderungen ohne Weiteres. Besonders Geruchszusätze werden von den meisten Katzen weit weniger geschätzt als von Menschen.
Die folgenden Verhaltensweisen können darauf hinweisen, dass die Toilette selbst das Problem sein könnte:
Auch unangenehme Erlebnisse jeder Art im Zusammenhang mit der Toilette, der Katzenstreu oder mit dem Ausscheidungsvorgang selbst können zur Folge haben, dass das Katzenklo gemieden und andere Stellen aufgesucht werden.
Auch Stress in jeder Form hat Einfluss auf die Befindlichkeit der Katze. Vor allem für sensible und/oder ängstliche Katzen kann jede Art von Veränderung in ihrer Umwelt ein Stressfaktor sein und zu unerwünschtem Verhalten führen.
Nicht immer ist der zeitliche Zusammenhang offensichtlich. Das zeigt das folgende Beispiel: Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich bei Katzen eine sogenannte psychogene Blasenentzündung entwickeln kann. Das ist eine Blasenentzündung, die nicht von Bakterien ausgelöst wird, sondern durch Stress. Es kann also Folgendes passieren: Die Katze ist Stressoren ausgesetzt, z. B. weil es in der Familie Streit gibt oder ein Familienmitglied krank ist. Auf diesen Stress reagiert die Katze nach einiger Zeit mit einer psychogenen Blasenentzündung. Das führt irgendwann zu Schmerzerfahrungen beim Urinieren, und die Katze beginnt, die Toilette zu meiden. Die wirkliche Ursache, der ursprüngliche Stressor, ist zu diesem Zeitpunkt vielleicht überhaupt nicht mehr vorhanden.