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Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung

Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung

Theoretisch-praktische Schriften

Tectum Verlag

Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung

Theoretisch-praktische Schriften

© Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019

ePub: 978-3-8288-7415-2

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4412-4 im Tectum Verlag erschienen.)

 

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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Frieden schaffen mit anderen Waffen!

Inhalt

Einführung

I Gegen die herrschenden Strömungen

Bewegung, Bewegung! Zur Kritik eingefahrener Vorstellungen vom Krieg

II Die Initiativen der anderen

Der Osten macht ernst: Über die militärische und politische Bedeutung der einseitigen Truppenreduzierungen der UdSSR und ihrer Verbündeten

III „Neue“ Kriege im Visier

Problematische politologische Projektion

IV Über Ursachen von Kriegen

Der Krieg: Menschenschicksal oder Sozialprodukt?

Was zum Krieg führt: Unterschiedliche Variablen

V Für eine vertrauensbildende Verteidigung

Stabilitätskalküle: Mittel und Zweck

Vertrauensbildende Verteidigung: Universalität

Aus der Werkstatt: Entwurfskalküle und ihre Entfaltung

VI Militärinterventionen in der Analyse

Test im Irak: Eine Expedition und die Chancen ihrer Repetition

Zur Entwicklung der Interventionitis

VII Über Waffengänge der Zukunft

Diskussion von gefährlichen Tendenzen

VIII Aus dem militärischen Lexikon

„Überlebensfähigkeit“

IX Kurze Kritik zweier Projekte

Eine Mesalliance

Der Autor

Einführung

Dies ist eine kleine Auswahl meiner Schriften – gleichsam die Spitze des Eisbergs. Der Fokus ist so eindeutig wie unerbittlich. Es geht um ein zentrales Thema: die Natur des Krieges und die Möglichkeiten seiner Vermeidung. Die Beiträge stammen aus über drei Jahrzehnten.

Ausgeblendet wurden Arbeiten auf anderen Interessengebieten – etwa der Soziologie des Arbeitsrechts, der Gewerkschaften und der Parteien. Auch die Beschäftigung mit der Machtstruktur des Nationalsozialismus oder deutscher Militärgeschichte sowie mit der Erforschung von Damen- und Herrenmode fand keinen Platz.

Der Reigen der Beiträge wird (Kapitel I) mit einer Studie eröffnet, die eine immanente Kritik der auf den Landkrieg bezogenen militärischen Konzeptionsentwicklung in der NATO während des Kalten Krieges liefert.

Diese Kritik geschieht von der Position einer Denkschule aus, deren unterschiedliche Ausprägungen unter dem Begriff „Alternative Verteidigung“ bekannt wurden. Es ging um die Entwicklung einer – im Vergleich zur NATO – stabileren und weniger provokativen Defensive für Mitteleuropa: offener für Entspannung und Abrüstung. Um Politik mit militärischen Mitteln, wie Horst Afheldt, der spiritus rector der Denkrichtung, es damals ausdrückte.

Diese Botschaft schien jedoch eher im Osten als im Westen anzukommen. Dafür spricht die von Michail Sergejewitsch Gorbatschow 1988 eingeleitete, Abrüstung und defensive Umrüstung verknüpfende Reform der konventionellen Streitkräfte des Warschauer Paktes (Kapitel II).

Dabei erscheint bemerkenswert, dass nach intensiven Explorationen in Moskau der US-amerikanische Politikwissenschaftler Matthew Evangelista zu dem Ergebnis gelangt ist, der wohl wichtigste Berater Gorbatschows bei besagtem Reformunternehmen, Andrej Andrejewitsch Kokoschin, sei aus einer ganz bestimmten Richtung beeinflusst worden:

„Untersehers work became particularly influential in Kokoshins thinking“ (Evangelista 2002: 314). Zum Verständnis: Ich war langjähriger Vorsitzender der Studiengruppe Alternative Sicherheitspolitik (SAS) und zeichnete für die Entwicklung und fortlaufende Anpassung einer umfassenden Defensivkonzeption, die unter der Bezeichnung „Vertrauensbildende Verteidigung“ beträchtliche Aufmerksamkeit genoss, alleinverantwortlich.

Kapitel III ist der sich in den 1990er Jahren entwickelnden Annahme gewidmet, nach der im Zuge der konfliktträchtigen Globalisierung die Zukunft den angeblich „neuen“ Kriegen, also hauptsächlich innerstaatlichen Auseinandersetzungen, gehören würde. Womit zwischenstaatliche Kriege, an deren Vermeidung sich die alternative Schule wesentlich abgearbeitet hatte, an Relevanz verlieren müssten. Die entsprechende Argumentation wird präsentiert und anschließend empirisch fundierter Kritik ausgesetzt.

In Kapitel IV geht es um die Ursachen von Kriegen: um den philosophischen und psychologischen Hintergrund ihrer Erforschung sowie um die Systematik des Wirkungsgeflechts, das den Prozess von Kriegsentscheidungen prägt.

Kapitel V stellt das Konstrukt der Vertrauensbildenden Verteidigung in den Mittelpunkt. Es geht um eine Entfaltung der in diesem Zusammenhang wichtigen militärisch-sicherheitspolitischen Stabilitätskalküle, um die Beantwortung der Frage nach einer möglichen universellen Geltung dieses Denkansatzes sowie schließlich um einen Blick in die Werkstatt des Designers konkreter alternativer Strukturen (wohl nur für Spezialisten).

Dabei stehen die Landstreitkräfte im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die anderen Teilstreitkräfte bleiben ausgeblendet. Zu notieren ist allerdings, dass – im Gegensatz zu weiteren an der Debatte teilnehmenden Autoren oder Teams – nur die Studiengruppe auch elaborierte Entwürfe zu Marine und Luftwaffe vorlegte (Bebermeyer/Unterseher 1989, Unterseher 1989).

Das Kapitel VI ist den Militärinterventionen gewidmet, die nach der Jahrtausendwende ihre Konjunktur hatten. (Die Propheten der „neuen“ Kriege verhalfen solchen Abenteuern zu Legitimität.) In einer Fallstudie wird der Bush-Krieg gegen den Irak aufs Korn genommen. Gefolgt von einer kleinen Analyse, die generelle Trends der ‚Interventionitis‘ herausarbeitet und auch deren Motive beleuchtet.

In Kapitel VII finden sich Gedanken zu künftigen Kriegsgefahren: zum einen zur Wiederkehr des Staates als Hauptakteur, der sich allerdings ‚vor Ort‘ Erfüllungsgehilfen sucht, und zum anderen mit Blick auf die Problematik erneuten nuklearen Wettrüstens vor dem Hintergrund sich zuspitzender Großmachtkonkurrenz.

Außerhalb des Reigens dieser Beiträge, die sich durchaus als Ganzheit denken lassen, steht ein differenzierter lexikalischer Artikel (Kapitel XIII) – als Beispiel für andere entsprechende Arbeiten aus meiner Feder.

Kapitel IX schließlich enthält eine ältere Glosse, die systematische Kritik an verfehlter Rüstungspolitik mit einer Prise Sarkasmus würzt. Die Aktualität noch im Jahre 2020 ist offenkundig.

Literatur

Bebermeyer, H. /Unterseher, L. 1989: Wider die Großmannssucht zur See. Das Profil einer defensiven Marine, in: SAS (Hg.), Vertrauensbildende Verteidigung, Gerlingen, S. 165–187.

Evangelista, M. 2002: Unarmed Forces. The Transnational Movement to End the Cold War, Ithaca, N.Y.

Unterseher, L. 1989: Umrisse einer stabilen Luftverteidigung, in: SAS (Hg.), a.a.O., S. 187–203.

I

Gegen die herrschenden Strömungen

Bewegung, Bewegung!
Zur Kritik eingefahrener Vorstellungen vom Krieg

– erschienen in Sicherheit und Frieden, 2/1987 –

Dieser Beitrag gründet sich auf die altfränkische Überzeugung, dass militärische Maßnahmen, die zwecks Abschreckung, also Kriegsverhinderung, angedroht werden, notfalls auch durchführbar sein müssen.

Wie es begann

Vor dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland gab es unter den Militärplanern alternative Vorstellungen über die künftige Verteidigung und damit auch einen Krieg in Mitteleuropa. Die Position der überwiegenden Mehrheit ist durch das Stichwort „Himmeroder Denkschrift“ zu kennzeichnen (Rautenberg/Wiggershaus 1977); Minderheitsmeinung war im Wesentlichen die des Obersten a.D. Bogislaw von Bonin (Brill 1986).

Dieser pommersche Generalstäbler entwickelte – in offenbar naivem Glauben an den neu-alten Primat der Politik – eine Verteidigungskonzeption, die folgende drei Kernaussagen der damaligen Adenauer-Regierung sinngemäß zu berücksichtigen beanspruchte:

Erstens: Die „Soffjets“ stehen vor der Tür!

Zweitens: Wir können uns auf die Verbündeten verlassen!

Drittens: „Wiedervereinigung“ ist das oberste Ziel deutscher Politik!

Für von Bonin folgten aus diesen Prämissen die Notwendigkeit des schnellen Aufbaus einer deutschen Verteidigung aus noch tauglichen alten Kadern, das Erfordernis einer betont defensiven Struktur, um die Sowjetunion nicht zu provozieren und die Perspektive der Wiedervereinigung offenzuhalten, sowie die Möglichkeit, alliierte mobile Reserven als Teil der Abwehr einzuplanen, zumindest solange die deutschen „Schildkräfte“ noch relativ schwach sein würden.

Konkret sah das Konzept ein grenznah ansetzendes, lückenloses und gestaffeltes Verteidigungssystem von etwa 50 bis 70 Kilometern Tiefe vor, das sich im Wesentlichen auf panzerabwehrstarke Spezialverbände (mit hoher sekundärer Resistenz gegen Infanterieangriffe) sowie auf relativ kleine mobile Reserven, vor allem Panzerverbände und Artillerie, stützen sollte, die für besonders gefährdete Räume als doppelte Sicherung vorgesehen waren.

Auf taktischer Ebene beanspruchte von Bonin für seine Defensivstruktur hohe Widerstandskraft: bedingt zum einen durch Auflockerung gut getarnter, gedeckter Stellungen und zum anderen durch beträchtliche Flexibilität ‚vor Ort‘, d.h. die Möglichkeit der begrenzten Verdichtung (Bonin 1954).

Die militärische Philosophie war offenbar: Durch zäh-flexible, lückenlose Resistenz lassen sich auch massivste Vorstöße eines panzerstarken Angreifers – kumulativ – so sehr zermürben und fesseln, ja teilweise schlagen, dass der Verteidiger zum Schutz gegen drohende Durchbrüche mit relativ knappen operativ beweglichen Eingreifverbänden auskommen kann, was die willkommene politische Nebenwirkung hat, die Verteidigung in ihrem Gesamtaufzug möglichst wenig provokativ halten zu können.

Der hier – notgedrungen – nur kurz skizzierte Bonin-Plan ist aus vielerlei Gründen zurückgewiesen worden. Wir lassen dahingestellt, ob – wie gelegentlich behauptet – die westlichen Verbündeten ihn der Bundesregierung ausgeredet haben, und es tut an dieser Stelle auch nichts zur Sache, ob die illusionslose – nicht gegnerische (!) – Haltung von Bonins gegenüber der Inneren Führung viel zur Ablehnung seines Planes beigetragen hat. Von Belang ist in diesem Zusammenhang nur die militärische bzw. militärpolitische Kritik jener Offiziere, die damals obsiegten.

General Heusinger, der Vorgesetzte von Bonins im Amt Blank, hielt im Rückblick den „so genannten Bonin-Plan“ für militärisch äußerst riskant, „weil ein Durchbruch der russischen Panzermassen bei entsprechender Schwerpunktbildung auch durch einen von Bonin geplanten Sperrgürtel nicht zu verhindern gewesen wäre“ (zit. n. Brill: 155f).

Und weiter: „Eine Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland wäre damit allein von einer erfolgreichen Gegenoffensive der Alliierten abhängig gewesen. Ob diese dazu bereit gewesen wären, nachdem die deutschen Kräfte im Sperrgürtel überrannt waren, erscheint mir sehr zweifelhaft! Ich hatte hierfür nur allzu deutliche Hinweise.“ Zudem: „Die Deutschen wären mit diesem Plan zu Hiwis der Alliierten geworden. Die von uns angestrebte Gleichberechtigung wäre nicht erreicht! Wir hätten nur die Waffen für eine begrenzte Aufgabe erhalten und keinerlei Mitwirkung bei der militärischen Entschlussfassung und Führung erreicht.“

Heusinger meinte ferner, dass der Boninsche „Sperrgürtel … bereits in Friedenszeiten eine erhebliche Belastung und Unruhe bei der Bevölkerung ausgelöst“ haben würde. „… mit großen Sperr- und Sprenganlagen hätte er versehen sein müssen … und das zu einem Zeitpunkt, wo man eine Wiedervereinigung Deutschlands nicht für unmöglich hielt. Die Demarkationslinie wäre damals schon zur Grenzlinie geworden.“

General de Maizière, im Amt Blank einer der jüngeren Stäbler, gab – ebenfalls im Rückblick – folgende militärische Kritik der Mehrheitsfraktion zu Protokoll:

„Soweit ich mich erinnere, sah das operative Konzept von Bonins einen durchlaufenden Panzerabwehr- und hindernisstarken Sperrriegel an der Grenze zur DDR vor. Es basierte also auf dem Gedanken einer statischen Verteidigung. Das deutsche operative Denken hat sich aber immer auf den Grundsatz der operativen Beweglichkeit gestützt. In der neueren Militärgeschichte haben statische Verteidigungsriegel, ja sogar ausgebaute Festungslinien, das zu verteidigende Gebiet nicht vor dem Zugriff eines Angreifers bewahren können.

Sperrriegel – sie mögen noch so feuerstark sein – können durch eine Feuerkonzentration des Angreifers auf engem Raum örtlich immer zerschlagen werden. Luftlandetruppen sind in der Lage, einen Riegel in der Luft zu überspringen und von hinten zu öffnen. Richtig verstandene Verteidigung heißt flexibles Reagieren auf den Angriffsplan des Gegners unter Festhalten bestimmter Geländeräume und rechtzeitige Konzentration der eigenen Kräfte zum Gegenangriff an selbst gewählten operativen und taktischen Schwerpunkten“ (zit. ebd.: 157f).

Der Bonin-Plan, in der Ausarbeitung vom Juli 1954, war bis 1986 „streng geheim“. Die Kritiker, sie waren übrigens für diese Klassifizierung mitverantwortlich, haben den Plan von Anfang an verfälscht dargestellt und dann gemeinschaftlich an ihrer Version festgehalten. Von einem sichtbar-massiven Befestigungsgürtel, schmal und deswegen leicht zu durchstoßen oder zu überspringen, kann zum Beispiel bei genauer Kenntnis des Konzeptes nicht die Rede sein! Und auch das Etikett „Statik“ erscheint so nicht begründet: Vielmehr ging es um eine argumentativ wohlfundierte Akzentverlagerung – von starken operativen Elementen hin zu flexibler taktischer Widerstandskraft.

Neben der absichtlichen Verfremdung der ungeliebten Alternative fällt ein etwas sonderbarer Umgang mit den „Lehren der Geschichte“ auf: Mit der Totschlagsformel „Statik funktioniert nicht“ wird die Einsicht in die Erfolge tiefgestaffelter, flexibler Verteidigung (mit Anlehnung an aufgelockerte, „unsichtbare“ Befestigungssysteme) zugedeckt – als hätte es die leistungsstarke Abwehr der Finnen im Winterkrieg 1939/40 und deren abschreckende Androhung im Jahre 1944 nie gegeben, als seien die gelungenen Verteidigungsschlachten von Alam Halfa (1942) und Kursk (1943) usw. Märchen.

Was die Kritiker bei ihren intellektuellen Anstrengungen getrieben hat? Da ist zum einen das Misstrauen gegenüber den Verbündeten, und da entwickelt sich zum anderen – in der Perspektive des baldigen NATO-Beitritts – ein recht kräftiges militärisches Statusinteresse. Etwa nach dem Motto: Mitspracherecht gibt es nur, wenn man über möglichst viele „ordentliche“ Großverbände mit Gegenangriffsfähigkeit verfügt. Nur dann wird man wieder respektiert.

Für den Aufbau solcher Kräfte ist durchaus einige Zeit zu veranschlagen, so nah ist die rote Gefahr nun auch wieder nicht, und die Perspektive baldiger Wiedervereinigung erscheint so vage, dass man sich über die möglicherweise negativen Auswirkungen des Aufbaus provokativer Streitkräfteelemente nicht allzu große Sorgen macht.

So wird im Wesentlichen die Strukturkonzeption der „Himmeroder Denkschrift“ von 1950 mit ihrem starken Akzent auf schweren, (gegen)angriffsfähigen Großverbänden beibehalten.

Dies gilt freilich nicht für die damit verbundene militärische Abschreckungsphilosophie, die eine Androhung weitreichender Operationen gen Osten vorsah. Ganz wie von Bonin wollte man auf bundesdeutschem Territorium vorne verteidigen und ggf. nur die Integrität des eigenen Gebietes wiederherstellen, allerdings mit – milde ausgedrückt – etwas doppeldeutigen Mitteln.

In den Worten von General Uhle-Wettler: „Die offensive Konzeption Himmerods ist … längst aufgegeben, de facto war sie wohl schon tot, noch bevor der erste Soldat Ende 1955 seine Uniform anzog. … Ein Gegenschlag, wie er in Himmerod skizziert wurde, könnte … den umfassenden Atomkrieg auslösen. … Mit der offensiven Konzeption fiel jedoch nicht die dazugehörende Heeresstruktur. … So haben wir von 1955 bis heute mit zunehmender Ausschließlichkeit ein Heer entwickelt, das am besten für weitreichende Angriffsoperationen in offenem Gelände geeignet wäre, indessen aber in zentraleuropäischem Gelände die (Vorne-)Verteidigung durchführen soll“ (Uhle-Wettler 1980: 75).

Anders ausgedrückt: Politisch war und ist nur eine Vorneverteidigung legitimierbar, die kalkulierte großzügige Raumaufgabe ebenso ausschließt wie nach „drüben“ gerichtete Risikostrategien; militärisch haben wir es aber mit einer Struktur zu tun, die solche Optionen prinzipiell nicht ausschließt.

In gleicher Münze heimzahlen

Wie hat sich das so früh etablierte Konzept forcierten Bewegungskrieges bis heute entwickelt? Bevor wir diese Frage in groben Zügen beantworten, sei ein Blick auf die andere Seite geworfen, denn zum Kriegführen gehören mindestens zwei. Vom Warschauer Pakt als potentiellem Aggressor wird immer wieder und fast unisono Folgendes gesagt:

Krieg in Mitteleuropa beginnt, weil unser Gegenüber ihn anfängt. Die andere Seite wird überraschend, fast aus dem Stand, zuschlagen, oder – wenn die eigenen Kräfte dazu als unzureichend erachtet werden – die schwerfällige Kommunikation in der NATO ausnutzen und uns täuschen. Als plausibel vorgestellt wird etwa die Nutzung einer – tatsächlichen oder angeblichen – blockinternen Krise zur Mobilisierung von Truppen, die dann blitzartig gen Westen dirigiert werden könnten.

Wenn die andere Seite den Krieg beginnt, wird sie ihn mit einem Feuerschlag eröffnen, der – hochselektiv – die gesamte Tiefe des zu verteidigenden Raumes umfasst. Potentielle Ziele sind Atomwaffenträger und -depots, sonstige Munitionslager, Ansammlungen von militärischem Großgerät, Kommandozentralen und Knotenpunkte der Kommunikation, Empfangsstationen für atlantische Reserven usw. An dem Feuerschlag beteiligen sich koordiniert weitreichende Artillerie, Boden-Boden-Raketen, Jagdbomber, aber auch vorher eingesickerte Kommandotruppen („spetsnaz“).

Synchronisiert mit dem Feuerschlag haben die Landstreitkräfte der anderen Seite schnell in die Tiefe des zu verteidigenden Raumes vorzustoßen. Dabei versuchen sie, Lücken in der Abwehr auszunutzen, die „Arbeit“ des initialen Schlages zu vollenden, überraschte westliche Truppen einzuschließen oder erst noch anmarschierende NATO-Verbände in Begegnungsgefechten zu werfen, auf die sie speziell vorbereitet sind und bei denen der Verteidiger seines Heimvorteils beraubt ist (Dick 1985: 664).

Im Zentrum der Angriffsoperationen der Landstreitkräfte steht nach wie vor der Kampfpanzer. Der stoßkräftige Kampfpanzer ist eingebunden in ein Konzert der „verbundenen Waffen“ – von mechanisierter Infanterie, gepanzerter Begleitartillerie, Kampfhubschraubern, vorauseilenden Luftsturmkräften usw. – jeweils in lageabhängiger Dosierung.

Interessante Frage: Wie erscheint – umgekehrt – die NATO in der offiziellen Sicht der anderen Seite? Antwort: Ganz genauso. Drüben ist das westliche Bündnis der potentielle Aggressor, der unter Täuschung über seine wahren Absichten plötzlich einen Krieg vom Zaun bricht, in dem er Feuer gegen die Tiefe des Warschauer Paktes richtet und seine panzerstarken Landstreitkräfte in der Manier der „verbundenen Waffen“ in die Weite östlicher Räume schickt. Doch Propaganda beiseite: Wie sieht die Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland sich selbst? Antwort: Es gibt immer noch erhebliche Ähnlichkeiten mit der anderen Feldpostnummer.

Zwar wird ausgeschlossen, dass die NATO den Krieg anfängt, doch wenn dieser einmal begonnen hat, geht es um überraschende Bildung von Gegenschwerpunkten, um selektives Feuer gegen die Tiefe des gegenüberliegenden Raumes (nicht zu vergessen: weitreichende Einsätze amerikanischer Special Forces) und um extrem schnelle Operationen panzerstarker, die Leistungskraft unterschiedlicher Truppengattungen geschickt integrierender Landstreitkräfte unter Ausnutzung von Lücken und Schwachstellen im Dispositiv des Angreifers.

Allerdings: Um nennenswerte Territorialgewinne auf der anderen Seite der Demarkationslinie soll es den westlichen Verbänden nicht gehen; ihre Stoßkraft und Beweglichkeit soll vor allem zum flankierenden Schlagen der Angriffskräfte „in kurzen Haken“ und zur Wiederherstellung der Integrität des eigenen Gebietes eingesetzt werden.

Im Prinzip müssen die mobilen Gegenangriffsverbände schneller sein als die eindringenden Angriffsformationen. Nur so glaubt man, das wesentliche Privileg des Angreifers, nämlich das der initialen Schwerpunktbildung, durch Gegenkonzentration neutralisieren zu können. In diesem Zusammenhang mag es vorkommen, dass der Verteidiger möglichst geschwind und friktionsarm einzelne oder mehrere Brigaden längs der Demarkationslinie bewegen muss, um drohenden Einbrüchen zuvorzukommen bzw. diese zu bereinigen.

Eine derartige Reallokation von Kräften ist – wie wir noch sehen werden – mit Tücken behaftet. Sie erscheint aber vor allem dann notwendig, wenn im Sinne der politisch gebotenen Vorneverteidigung die zur Defensive aufmarschierten NATO-Verbände in einem Abstand von etwa 30 bis 50 Kilometern zur deutsch-deutschen Grenze quasi linear aufgereiht werden.