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Günther Thömmes

Mit besten Absichten

Roman

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Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Der Limonadenmann (2018); Das Duell der Bierzauberer (2017);

So braut Deutschland, Lieblingsplätze (2016); Der Papstkäufer (2012);

Malz und Totschlag (Hg. 2011); Der Fluch des Bierzauberers (2010);

Das Erbe des Bierzauberers (2009); Der Bierzauberer (2008)

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © MacRein / photocase.de

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-6352-5

Vorbemerkung

Die Atombombe, die Zerstörung der Ozonschicht und das verbleite Benzin waren die größten globalen Umweltkatastrophen des 20. Jahrhunderts.

Es gab einen Mann, der bei allen dreien seine Finger mit im Spiel hatte. Dies ist seine Geschichte.

Gedicht

Ein Johanniswürmchen saß,

seines Demantscheins unbewußt,

im weichen Gras eines Bardenhains.

Leise schlich aus faulem Moos,

sich ein Ungetüm,

eine Kröte, her und schoß

all ihr Gift nach ihm.

Ach, was hab’ ich dir getan?

rief der Wurm ihr zu.

Ei, fuhr ihn das Untier an,

warum glänzest du?

(Gottlieb Konrad Pfeffel, 1736–1809,

deutscher Fabeldichter und Erzähler)

*

»Neid und Eifersucht sind
die Schamteile der menschlichen Seele.«

(Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844–1900, deutscher
Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller)

Vorbemerkung

Dies ist ein Roman.

Die Handlung und die meisten Personen sind frei erfunden.

Alle eventuellen Ähnlichkeiten mit der Realität wären rein zufällig.

1. Kapitel

Die Menschen haben sich immer schon mehr für meine Erfindungen interessiert als für mich.

Damit muss ich wohl leben. So viel zu Beginn.

Der erste Satz ist immer der wichtigste, hat mir mal ein Mann gesagt, der es wissen sollte. Also, hier ist er noch einmal:

»Die Menschen haben sich immer schon mehr für meine Erfindungen interessiert als für mich.«

Gefällt er Ihnen? Wenn ja, lesen Sie bitte weiter.

Guten Tag, darf ich mich vorstellen?

Mein Name ist Fred. Mein Nachname tut nichts zur Sache.

Außer, wenn Sie sich wirklich für mich interessieren.

Ich sitze hier an meinem alten Schreibtisch in Fort Myers, einer schönen Stadt in Florida, in meinem Lieblingsstuhl – ein noch älteres Stück aus Eichenholz und Leder, aus der Zeit des Sezessionskriegs, das ich einmal vor Jahren in einem Antiquitätenshop in Williamsburg erstanden hatte – und denke nach. Über mein Leben, wie es bislang verlaufen ist. Das Gute darin, das weniger Gute, das Fehlende und, ja leider, das Böse darin. Wie aus Freunden Feinde werden können. Bis auf den Tod. Über das Grollen der Natur. Und wie die Erde von einer meiner Erfindungen angeblich Fieber bekam.

Wobei ich vorab klarstellen möchte, dass ich kein böser Mensch bin, niemals war. Dass alles, was geschah, im Grunde eine Verkettung diverser unglücklicher Umstände war. Dazu können Sie sich mit dieser Niederschrift selber ein Bild machen.

Die Fenster zur Veranda meines kleinen, aber komfortablen Häuschens hin sind offen, obwohl es heiß ist, und die Klimaanlage brummt, aber ich möchte zumindest ein paar Geräusche von draußen hören. Hier drinnen ist ja nichts. Ich lebe allein, bin allein, und an diesem Zustand wird sich auch nichts mehr ändern. Ich habe daher viel Zeit zum Nachdenken. Und zum Schreiben.

Vor mir liegt ein wunderbares neues, in schwarzes Leder gebundenes Buch mit 300 leeren Seiten, die ich in den nächsten Monaten füllen möchte. Es riecht gut. Das Leder. Das Papier.

Irgendwie werde ich dabei nicht darum herumkommen, auch über IHN zu schreiben. Wie ich das anstelle, das wird sich hoffentlich im Fluss des Schreibens ergeben. Denn leicht wird es nicht.

Wir waren ja beide enorm erfolgreich. Bei unserer Rivalität ging es auch nicht darum, dass sich ein Mittelmäßiger über das Genie erheben wollte. Zu keiner Zeit.

Nein, es ging nur um Anerkennung.

Wissenschaftliche Anerkennung.

Und den Nobelpreis.

Aber ich greife vor. Vielleicht erzähle ich Ihnen erst mal ein wenig davon, wo ich herkomme, wie ich zu dem geworden bin, weswegen ich berühmt wurde, auch wenn – wie bereits oben erwähnt – heute kaum noch jemand meinen Namen kennt. Ich betrachte es als seltsamen Wink des Schicksals, dass von den drei wichtigen Erfindungen, die ich gemacht habe oder an denen ich zumindest maßgeblich beteiligt war, diejenige am bekanntesten wurde, die am meisten dem Zufall zu verdanken war.

Ich muss mich wirklich im Zaum halten, denn ich presche schon wieder vor, ohne am Anfang zu beginnen. Der lag in Ohio. Genauer gesagt: in New Carlisle, Ohio, dem 17. Staat der glorreichen Vereinigten Staaten von Amerika. Genau im nördlichsten Mittleren Westen gelegen. Sie merken bereits, unser Land ist so groß, dass es mit einer Himmelsrichtung alleine nicht mehr getan ist. Mindestens zwei, am besten drei Markierungen benötigt beinahe jeder Staat. »Süd-West«, »Mid-West« oder sogar »Mid-Atlantic-Coast« zum Beispiel. Oder halt »Nördlicher Mittlerer Westen«. Sonst kennen sich selbst Einheimische nicht mehr aus und Fremde schon gar nicht. Nicht, dass wir in New Carlisle, Ohio, jemals viele Fremde sahen. Zur Zeit meiner Geburt, ziemlich früh im 20. Jahrhundert, war New Carlisle ein Nest etwas abseits der Landstraße von Springfield nach Dayton, den beiden wichtigsten Orten weit und breit. Die richtig großen Städte Ohios, Columbus im Osten und Cincinnati im Süden, lagen für die meisten Bewohner unseres Nests außer Reichweite, also mindestens 100 Kilometer entfernt. Zum Zeitpunkt meiner Geburt beziehungsweise kurz davor hatte unser Ort gerade zum ersten Mal in seiner Geschichte die 1.000-Einwohner-Grenze überschritten. Was, zusammen mit der 100-Jahr-Feier, das größte Fest ausgelöst hatte, das unser kleines New Carlisle jemals erlebt hatte: die »New Carlisle Hayride«. Ein ganzes Wochenende lang vergnügten sich unsere Familien bei Fiddle Musik, Tanz und Maiskuchen. Alkohol gab es natürlich keinen, vermute ich – ich war ja nicht dabei. Der Verdacht liegt dennoch nahe, dass meine Zeugung in direktem Zusammenhang mit der ersten »Hayride« stand. Die ab dann aufgrund des großen Erfolges in jedem Herbst als eine Art Erntedankfest gefeiert wurde. Was zur Folge hatte, dass die Geburtenrate in jedem Frühsommer ungewöhnlich anschwoll.

Zu Anfang des Jahrhunderts lebten die meisten unserer 1.000 Einwohner von der Landwirtschaft, so wie meine Eltern auch. Was auch hier knochenharte Arbeit und dennoch nur bescheidenen Wohlstand bedeutete. Das Klima Ohios war prinzipiell gut geeignet für den Anbau aller möglichen Getreidesorten; die nassen, verregneten Sommer waren allerdings nichts für mich. Ich mochte viel mehr den Herbst, wenn die Temperaturen zumindest am Tag noch sommerlich, aber die Landschaft schon eher trocken und ein wenig verstaubt waren. Dann ging ich gerne spazieren, durch die Felder und Wiesen, und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Eine lieb gewonnene Angewohnheit übrigens, die ich bis ins hohe Alter beibehalten habe.

Warum meine Eltern mich Fred getauft hatten, blieb mir ein ewiges Rätsel. Üblich in New Carlisle waren biblische Namen oder Ableitungen davon. Tom, Peter, Matthew, Luke, Bart oder so. Wir hatten bei unseren Vorfahren oder unserer Verwandtschaft auch weit und breit keinen Fred. Vielleicht wollten mir meine Eltern einfach alle biblischen Bezüge ersparen, so als hätten sie geahnt, dass ich erstens kein sonderlich religiöser Mensch werden und zweitens einen Beruf ergreifen würde, der mit biblischer Tradition im weiteren und Religion im engeren Sinne absolut nichts zu tun hätte. Ich sollte überhaupt der erste Akademiker in meiner Sippe werden, und mein ungewöhnlicher Vorname kennzeichnete mich daher schon sehr früh für diese Ausnahmestellung.

Mein Vater Joseph, mit deutsch-irischen Wurzeln, hatte meine Mutter Elizabeth, sie war irisch-italienischer Abstammung, erst ein Jahr vor meiner Ankunft in dieser Welt geheiratet. Meine Mutter war eine ernste Frau, fleißig und nüchtern, die am liebsten bodenlange Kleider in gedeckten Farben und eine gleichfarbige Haube trug, aus der seitlich ein paar weiße geklöppelte Spitzen herauslugten; ihre einzige Konzession an irgendeine Art modischer Eitelkeit.

Viele Leute haben in späteren Jahren immer wieder Witze gerissen, weil mein Vater genauso hieß wie ein berühmt-berüchtigter irischer Rebell, der sechs Jahre nach meiner Geburt in Dublin einen bewaffneten Aufstand angeführt hatte und dafür exekutiert worden war. Immer, wenn meine Eltern sich stritten, schrie mein Vater, dass er seinen irischen Namensvetter beneide, weil der sieben Stunden nach seiner Hochzeit – im Gefängnis, wohlgemerkt – bereits tot gewesen war. »Das ist besser, als lebenslänglich mit dir verheiratet zu sein!« Zum Glück stritten sie nicht so oft, denn Bessie, wie meine Mutter allgemein genannt wurde, war im Grunde ihres Herzens ein friedlicher und friedliebender Mensch. Mein Vater in der Regel auch, er hatte allerdings ein erheblich heftigeres Temperament als meine Mutter.

Trotz ihrer europäischen Wurzeln fühlten sich meine Eltern alle beide als vollwertige Amerikaner in bereits zweiter Generation. Dieser Stolz ging sogar so weit, dass sie andere Menschen, die noch nicht so lange wie ihre Familien hier lebten – nämlich schon fast 50 Jahre! –, verachteten und auf sie herabschauten. Dieser Einwanderer-Patriotismus wurde mir praktisch mit der Muttermilch auf den weiteren Lebensweg mitgegeben.

Unser Haus war ein klassisches Midwest Farmhaus. Selbst gebaut, aus eigenhändig geschreinerten Holzplanken, nach einem Bauplan, der seit mindestens zwei Generationen in der Region von Farmer zu Farmer weitergereicht wurde. In gemeinsamer Arbeit von Vätern, Brüdern, Onkeln und Freunden wurden diese Häuser in wenigen Wochen errichtet. So auch bei uns, wie mein Vater zu erzählen nicht müde wurde. Er und seine drei Brüder hatten sich einst gegenseitig ihre Häuser gebaut. Einfach, mit zwei Räumen unten und zwei Schlafzimmern oben, die über eine wackelige Holztreppe erreichbar waren. Alle Sitzmöbel waren selbst geschreinert, entsprechend grob war das Holz der Bänke, Stühle und Tische – schließlich waren weder mein Vater noch seine Brüder Möbelschreiner –, sodass niemand von uns ohne Splitter in den Händen und Beinen herumlief. Lediglich die Truhen, Kommoden und Schränke, in denen meine Mutter unsere Kleidung, Küchenutensilien und den Hausrat aufbewahrte, waren fachmännisch hergestellt worden. Unser Haus ließ genug Platz zum Träumen vom scheinbar unaufhaltsamen Fortschritt. Elektrizität im Haus, das sollte es anderswo angeblich bereits geben! Ebenso fließendes Wasser und ein WC, um den Abort hinter dem Haus zu ersetzen. So sahen die Träume meiner Eltern aus.

Nach vorne hinaus, immer Richtung Westen, gab es eine kleine Veranda, auf der mein Vater nach seinem Tagewerk saß und zusah, wie die Sonne hinter unserem Maisfeld versank.

Ich liebte dieses Maisfeld, um darin herumzulaufen, mich zu verstecken, darin meine eigenen Träume zu träumen und zur Erntezeit dort an den Kolben zu knabbern. Ich sollte mich nur nicht erwischen lassen.

Wir waren, wie gesagt, nicht wohlhabend, aber auch nicht richtig arm, lebten sparsam und ernährten uns in erster Linie von dem, was unsere eigene Scholle hergab. Also kam viel Maisbrei auf den Tisch, gestampfte Kartoffeln, selbst gebackenes Weizen- und Maisbrot sowie im Herbst Kürbisse in allen Variationen. Am allerliebsten mochte ich allerdings das Pfirsichkompott meiner Mutter. Da hätte ich die ganze Schüssel alleine aufessen können. Das Gefühl von Hunger kannte ich also nie, das von wirklichem Genuss allerdings auch nur selten. Wir hatten ein paar Hühner und Truthähne, die wir an den hohen Feiertagen verspeisten. Das kam dem Wort »Genuss« noch am nächsten. Und das Pfirsichkompott natürlich.

Ich wuchs auf als Einzelkind, was hier in Ohio, auf dem Land, eher selten war. Wenn ich recht überlege, war ich sogar das einzige Kind in meinem ganzen Bekanntenkreis, das ganz ohne Geschwister war. Den Grund dafür habe ich nie erfahren, aber es wurden während meiner Grundschulzeit in New Carlisle nur selten Witze darüber gemacht in der Art, dass meine Eltern keinen Sex mehr haben wollten, nachdem sie mich gesehen hatten, oder so ähnlich.

Der unbestreitbare Vorteil war jedoch, dass ich immer neue Sachen zum Anziehen hatte und nicht, wie viele meiner Klassenkameraden, in den ausgelatschten Schuhen und geflickten Hosen älterer Geschwister herumlaufen musste.

Seit ich begonnen hatte, ein wenig nachzudenken, und ich mich mit etwa acht Jahren schon sehr erwachsen fühlte, war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich so ganz geschwisterlos unsere kleine Farm irgendwann alleine erben würde. Das ließ mich im weiteren Verlauf meiner Kindheit die latente Einsamkeit eines Einzelkindes verschmerzen.

Obwohl ich die Farm im Grunde genauso verachtete wie meine Eltern. Die ohne Ambitionen, ohne Ehrgeiz und Aussicht, wirklich wohlhabend und erfolgreich zu werden, ihre Scholle bewirtschafteten. Einfach nur, um zu überleben. Das war mir definitiv zu wenig. Ich weiß nicht genau, wann bei mir der Wunsch erwachte, erfolgreicher zu sein, als meine Eltern, besser zu werden, besser zu leben, als ein erbärmlicher kleiner Farmer in Ohio. Es war jedoch einigermaßen früh in meinem Leben.

Ich gehörte zu den Kindern, die während des größten Teils ihrer Kindheit keinen klassischen »besten Freund« hatten. Das lag sicher zu einem Teil an meinem Charakter, den die meisten wohl als jähzornig beschreiben würden. Der, obwohl nicht bösartig, für andere Menschen einigermaßen anstrengend war. Solange ich bekam, was ich wollte, war alles in Ordnung, aber wehe, wenn nicht …

Meine erste »Hayride«, ich war ungefähr sechs Jahre alt, offenbarte mein tückisches Temperament zum ersten Mal. Dabei wollte ich nur tanzen, mit dem schönsten Mädchen der Welt. Ich kannte nicht einmal seinen Namen. Als ich es sah, mit seinen langen blonden Zöpfen und den zarten Füßen, da war ich zum ersten Mal verliebt. Ich zog meine Mutter am Arm und rief:

»Ich will mit diesem Mädchen tanzen. Und sie dann heiraten!«

Alle lachten, was mich beschämte und ärgerte.

»Freddie, du kannst nicht einfach mit einem wildfremden Mädchen tanzen. Das geht nicht.«

Mein Kopf wurde rot, ich blähte mich buchstäblich auf vor Wut, dann begann ich zu schreien und stampfte lautstark und heftig mit den Füßen auf, bis mein Vater einschritt und mich nach Hause brachte. Damit war diese »Hayride« für mich Geschichte. Das Mädchen habe ich nie wiedergesehen, es war offenbar von auswärts zu Besuch in New Carlisle gewesen.

Es dauerte bis zu meiner Pubertät, bis ich meine seltenen, aber doch recht heftigen, unkontrollierten Wutausbrüche so in den Griff bekam, dass sie meinen Eltern und mir keine Sorgen mehr bereiteten.

Der Junge, den man am ehesten als meinen besten Freund hätte bezeichnen können, zumindest als ich sehr klein war, hieß Herbert und hatte deutsche Eltern. Nein, nicht nur Eltern, die aus Deutschland eingewandert waren, sondern Deutsche durch und durch. Ich verstand das damals natürlich noch nicht, wenn mein Vater, der ja auch zu einem Viertel deutscher Abstammung war, über diese »Bindestrich-Amerikaner« schimpfte.

»›Deutsch-Amerikaner‹, ›Italo-Amerikaner‹, so ein Mist! Entweder wir lassen uns auf unsere neue Heimat ein oder wir bleiben gleich in Europa.«

Es gab nur wenige Deutsche in New Carlisle, die meisten Auswanderer nach Ohio hatten sich in Cincinnati niedergelassen. Aber diese wenigen lebten hier offenbar ihr Leben weiter wie in der Alten Welt. Sogar die Gottesdienste fanden in deutscher Sprache statt. So war, selbst in der direkten Nachbarschaft, keine Freundschaft möglich. Herbert und ich waren etwa gleich alt, und bevor wir schulpflichtig wurden – eine Neuerung, die uns von der weit verbreiteten Kinderarbeit befreien sollte –, spielten wir gemeinsam in unseren Gärten und Feldern, bewarfen uns mit Matsch und jagten die Nachbarskatzen.

Und wir dichteten kleine Spottverse in deutscher Sprache, denn Herbert brachte mir ein paar Worte in dieser seltsamen Sprache bei. Nicht viel, aber genug, um uns gemeinsam über den dicken Paul, die spindeldürre Mary oder den dummen Tom lustig zu machen.

Ich verstand damals nicht, dass drüben in Europa Krieg herrschte, aber wir dabei neutral waren. Erst als die USA in den Krieg eintraten, änderte sich unter dem Einfluss unserer Eltern mein Verhältnis zu Herbert. Die Schäfers wurden ab nun geächtet, ihre kleine Kirche gezwungen, Gottesdienste auf Englisch abzuhalten, und nicht wenige Einwohner wünschten sie ganz zum Teufel. Mittlerweile war ich eingeschult worden, und so vermisste ich Herbert auch nicht. Er starb recht jung an einer Herzschwäche, Folge einer Parasiten-Erkrankung. Trichinen waren damals bei den Deutsch-Amerikanern weit verbreitet, mein Vater erklärte mir das mit erhobenem Zeigefinger in langen Tiraden, in denen sich immer diese eine Aussage wiederholte:

»Achte auf das, was du zu dir nimmst! Die verdammten Hunnen fressen alle zu viel rohes Schweinefleisch, kein Wunder, dass die alle krank werden.«

Dieses Hohelied einer klassischen amerikanischen Ernährung, die auf Mais, Gemüse, Kartoffeln, Weißbrot und Geflügel basierte, hat sich mir tief ein- und meinen Lebensstil mitgeprägt. Zu dieser Zeit kannte ich Makkaroni mit Käse noch nicht.

Meine Mutter hingegen bekreuzigte sich jedes Mal, wenn mein Vater »verdammt« sagte, was in jenen Tagen recht oft geschah.

Aber auch ohne dicke Freunde fühlte ich mich gut aufgehoben im Kreis der etwa gleichaltrigen Kinder unserer kleinen Stadt. Ich lief so mit als einfaches Durchschnittskind, ohne groß positiv oder negativ aufzufallen. Das genügte mir vollauf. Ich lernte schnell, mich zurückzuziehen, wenn ein Anfall im Anflug war, der ja meist nicht lange dauerte. Wir verbrachten die meiste Zeit im Freien, spielten Ball oder Verstecken in den Feldern, neckten die Mädchen oder rauften herum. Alles sehr ländlich, sehr harmlos und weitgehend ungefährlich.

Wenn man mich fragen würde, ob ich eine glückliche Kindheit gehabt hatte, würde ich ohne zu zögern mit Ja antworten.

Regelmäßig nahrhaftes Essen auf dem Tisch, ein Vater, der daheim nicht prügelte, Kleidung ohne allzu viele Flicken und Zeit zum Herumstreunen. Mehr brauchte es damals nicht zum Glücklichsein. Auf der anderen Seite der Welt tobte gerade ein Krieg, der Millionen Menschenleben kostete, und auch die USA würden bald mitmischen, da durfte man nicht zu wählerisch sein.

Am besten beschreibe ich einfach einmal zwei wichtige Institutionen bei uns, damit Sie eine Idee bekommen, wie ich aufwuchs: die Kirche und die Schule.

Sehr wichtig war selbstverständlich die Kirche. Unsere war immer, solange ich zurückdenken kann, die »Church of the Brethren« (»Kirche der Geschwister«) gewesen. Das war eine recht strenge Variante des Protestantismus, die vor Jahrzehnten aus Deutschland von Einwanderern mitgebracht worden war, aber natürlich wurden die Gottesdienste seit Langem schon in englischer Sprache abgehalten. »Streng« bedeutete, dass sogar die in Amerika übliche häusliche Gewalt untersagt war, ebenso wie natürlich Alkohol und Tabakgenuss. Daher hielt mein Vater sich immer im Zaum, denn alle Verstöße dagegen machten schnell die Runde im Ort. Die Sozialkontrolle in New Carlisle funktionierte einwandfrei.

Selbst wenn er sich gewünscht hätte, einmal Alkohol zu trinken, hätte er bei meiner Mutter auf Granit gebissen. Sie war Temperenzlerin und gehörte einer Gruppe Frauen an – aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten, sogar die Frauen des Bankiers und des Bürgermeisters waren dabei –, die einmal in der Woche Aufstellung vor dem Saloon nahmen und eine geschlagene Stunde lang fromme Lieder sangen, um die verruchte Trinkerei anzuprangern und die Trinker zu bekehren. Meist vergeblich. Ihr Einsatz wurde aber dennoch eines Tages damit belohnt, dass in Ohio die Prohibition kurz nach dem Ende des unseligen Weltkriegs sogar einige Monate früher als im Rest des Landes begann.

Dreimal in der Woche gingen wir zur Kirche, einem einfachen, schmalen mintgrünen Holzbau mit einem windschiefen Turm, bei dem die Farbe abblätterte; daheim gebetet wurde jedoch täglich. Für mich immer eine gute Gelegenheit, meine Gedanken fliegen zu lassen, mir neue Experimente auszudenken – aber halt, ich greife schon wieder vor …

Und da war noch die Newton High School in Pleasant Hill, die ich nach der Grundschule besuchte. Genauer gesagt, ging ich auf die Newton Junior High School. Die nach den Vorstellungen meiner Mutter auch die letzte Schule war, die ich in meinem Leben besuchen sollte. Bevor ich den Hof übernahm. Mein Vater war glücklicherweise anderer Meinung. Erst viele Jahre später fiel mir auf, dass es in den meisten Familien andersherum gelaufen war: dass die Mutter das fortschrittliche Element in der Familie war und sich damit oft gegen den Vater stellte. Nun, wir waren eben anders.

Pleasant Hill war etwa 25 Meilen entfernt von New Carlisle, ich hätte also einen weiten Schulweg gehabt. Wenn es nicht den Fortschritt gegeben hätte. Ich war zehn Jahre alt, und auf den Straßen New Carlisles, ebenso wie in Pleasant Hill, fuhren die ersten Automobile herum. Und es gab tatsächlich bereits Schulbusse, sonst wäre der tägliche Weg nach Pleasant Hill nicht zu schaffen gewesen. Vergessen Sie aber bitte alle modernen Vorstellungen von gelben, perfekt motorisierten Schulbussen. Unserer war eine Mischung aus Blechauto und altmodischer hölzerner Kutsche, er hatte hinter dem Fahrersitz einen schweren gusseisernen Kanonenofen stehen, der am Boden fest verschraubt war und dessen verrußtes schwarzes Kaminrohr durch ein provisorisches Loch zum Dach hinausragte. In einer hinteren Ecke des Busses war Brennholz fein säuberlich aufgestapelt. Einer von uns ungefähr zwölf Schülern, die regelmäßig mitfuhren, musste im Winter während der Fahrt hin und her rennen, um den Ofen am Laufen und das Businnere einigermaßen warm zu halten.

Riesige, laut knatternde und tuckernde Ungetüme waren das, die sich ihren Weg über die staubigen Landstraßen oder nach den häufigen heftigen Regengüssen und Sommergewittern durch knietiefen Schlamm bahnten. Während wir in unserem klapprigen Vehikel dahintuckerten, hatten wir täglich Gelegenheit, den spannenden Wettstreit der sündhaft teuren, in unseren Augen unerschwinglichen Automobile mitsamt ihren reichen Fahrern und Fahrerinnen zu beobachten. Obwohl es nur wenig Automobilverkehr gab, passierten trotzdem hin und wieder Unfälle, aber viel häufiger kam es zu gefährlich aussehenden Beinahezusammenstößen, nach denen die Fahrer sich anbrüllten und gelegentlich aus ihren Cabriolets heraussprangen, um sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen.

Besonders unterhaltsam wurde es, wenn der Motor des Busses ausfiel oder es kein Benzin gab, was durchaus öfter vorkam. Dann klappte der Fahrer die Frontscheibe weg und spannte tatsächlich zwei Pferde vor den Bus, der zu diesem Zweck sogar eine provisorische Deichsel besaß. Der Schulweg dauerte dadurch etwa doppelt so lang, sodass ab und zu ein Lehrer oder eine Lehrerin nach Schulschluss mit uns zurück nach New Carlisle fuhr, um während der Rückfahrt das durch die verlängerte Hinfahrt Versäumte nachzuholen.

Die Schule war so groß, dass dort tatsächlich die Schüler in nach Alter gestaffelten verschiedenen Klassen und Räumen unterrichtet wurden! Das war der größte Unterschied zur Elementary School. In New Carlisle gab es nur einen einzigen Klassenraum. Pleasant Hill war ein wenig größer als New Carlisle, weswegen es auch die Highschool hatte, ansonsten bestand es, genau wie mein Heimatort, aus verstaubten, dreckigen Straßen, langweiligen Geschäften und zwei schlecht beleumundeten Kneipen, denen nachgesagt wurde, dass sie es mit der Prohibition nicht gar zu ernst nahmen. Regelmäßige Razzien waren daher dort an der Tagesordnung.

Die Schule ödete mich bald genauso an wie der Kirchgang. Wir lernten nur das Allernotwendigste, um dann später Mechaniker, Buchhalter oder Verkäufer zu werden. Mehr war nicht vorgesehen für die Jungen und Mädchen der Newton High School. Ihr Namensgeber würde in seinem Grab in Westminster Abbey rotieren, wenn er die Ambitionslosigkeit unserer Lehrer erlebt hätte. Obwohl, in der Regel genügte diese mittelmäßige Schulausbildung tatsächlich, um im späteren Leben bestehen zu können. Ich sollte eine der rühmlichen Ausnahmen werden, nachdem ich von der Junior High auf die richtige High School gewechselt war, wobei dieser Entscheidung ein heftiger Streit in unserem Haus vorausgegangen war.

Unter unseren Lehrern auf der High School war Mr. Winterfield ebenso eine Ausnahme wie ich unter den Schülern. Er war ein hagerer, trockener Junggeselle mit Schnauzbart und stets unordentlicher Kleidung, pomadisiertem Haar und ernster, stocksteifer Körperhaltung. Einzig in den Momenten, in denen er seine Fachgebiete präsentieren konnte, im Unterricht also, blühte er auf. Seine Wangen röteten sich, und er bot jedem Menschen mit Verve Paroli, der seine Fächer nicht ernst nahm. Denn er unterrichtete Chemie und Physik, zwei sehr wenig angesehene Fächer im provinziellen Amerika jener Tage. Ein trauriger Zustand. Das sollte sich aber in den nächsten Jahren drastisch ändern, nicht nur für mich, sondern für unsere gesamte Gesellschaft. Für die ganze Welt.

Mr. Winterfield war es auch, der nach einigen Monaten versuchte, mich für eine fremde Sprache zu begeistern. Obwohl das nun gar nicht sein Metier war. Aber irgendwie hatte er mitbekommen, dass mein Vater deutsche Wurzeln hatte, ohne dass er von dessen mittlerweile entstandenen Abneigung gegen alles Deutsche wusste.

»Deutsch ist immer noch die Wissenschaftssprache, lieber Fred«, versuchte er, mir seine Begeisterung zu erklären. »Du zeigst Interesse und Talent für meine Fachgebiete. Deswegen sage ich dir: Man kann nicht früh genug mit dem Erlernen einer fremden Sprache beginnen. Und jeder zweite Nobelpreis in Chemie oder Physik geht immer noch nach Deutschland, obwohl die Hunnen den Krieg verloren haben!«

Ich wusste weder etwas vom Krieg noch was »Hunnen« waren. Es war jedoch ein Begriff, den auch mein Vater ab und zu verwendete. Mr. Winterfield fuhr fort: »Auch wenn unser Präsident nun den Isolationismus für die zeitgemäße Außenpolitik hält, wir brauchen den internationalen Austausch, die Zusammenarbeit der Wissenschaftler aus aller Welt. Ich selber bin nur ein kleines Licht, ein unbedeutender Lehrer an einer unbedeutenden Schule, aber selbst hier sollte die Fackel der Wissenschaft weitergegeben werden. Ich möchte dich daher gerne erleuchten.« Ich verstand überhaupt nichts, »Isolationismus« hörte sich nach Einsamkeit an, und Fackeln trugen wir im Frühjahr und im Herbst, wenn wir in New Carlisle unsere Sonnwendfeiern veranstalteten. Trotz all dieser Unkenntnis ließ ich mich jedoch darauf ein, von Mr. Winterfield heimlich ein paar Deutschstunden zu erhalten, damit ich mehr von dem verstand, was in seinen vielen Chemiebüchern drinstand, die tatsächlich fast alle in deutscher Sprache geschrieben waren.

Vom ersten Tag an liebte ich den Chemieunterricht, kein Wunder bei meinen Vorkenntnissen! Mehr dazu erzähle ich im nächsten Kapitel, auch wenn ich da ein wenig hin und her springe in der Zeit. Bald schon fand ich heraus, wo ich trotz meines jungen Alters allerlei Chemikalien günstig kaufen konnte – bei unserem schusseligen Apotheker Mr. Finch –, mit denen ich dann zu Hause all die tollen Experimente aus dem Unterricht Mr. Winterfields nachstellte und noch viel mehr! Natrium, Kalium, Kaliumpermanganat, Schwefel und Phosphor bedeuteten mir viel mehr als meine Klassenkameraden. Zum Glück für mich und meine Eltern schaffte ich es, dass trotz all meiner Versuche unser Haus in dieser Zeit keinen Schaden nahm. Der »offizielle« Chemieunterricht bei Mr. Winterfield begann für mich mit 14 Jahren. Was unterm Strich bedeutete, dass es vier Jahre insgesamt waren, denn die Highschool beendete ich, wie von meinen Eltern nicht anders erwartet, mit 18 Jahren. Mit einem doch recht passablen Zeugnis und Bestnoten in den Fächern, die Mr. Winterfield unterrichtete. Wie Mr. Winterfield überhaupt der einzige Mensch gewesen war, der mir die Highschool nicht verleidet hatte. Ich hatte anscheinend nicht nur Interesse, sondern auch Talent sowohl zur Chemie als auch zur Physik, Deutsch sprach ich mittlerweile tatsächlich ganz passabel, solange es um Belange der Chemie und der Physik ging, und nicht lange nach Mr. Winterfields Eintritt in mein Leben empfahl mir dieser auch, diese meine Talente bei der Wahl meines zukünftigen Berufes zu berücksichtigen.

Eine Freundin hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehabt. Ich ging also völlig ungeküsst von der Highschool ab und war auch sicher nicht der Einzige. Gelüste hatten sich schon entwickelt bei mir in den Jahren davor. Ich hatte auch nichts unversucht gelassen. Aber Ohio war nicht nur trocken – alkoholischerseits –, sondern auch sehr, sehr prüde in diesen Tagen, religiös und konservativ, da ließen einen die Mädchen nicht so schnell ran. Nicht mal zum Hinschauen. Dieses Privileg hatten nur die Sieger, die Footballhelden und Erfolgsmenschen. Ich war keines von beiden. Das sollte sich glücklicherweise später ein wenig ändern und ich die eine oder andere Gelegenheit erhalten, das Versäumte nachzuholen.

Das bemerkenswerteste Ereignis meiner Highschoolzeit war – im Nachhinein sehe ich es als typisch für mein ganzes späteres Leben – eines, bei dem ich nicht vor Ort gewesen war. Und deswegen davon berichten kann. Es gab nämlich, ich war im dritten Jahr in der Newton High, einen furchtbaren Verkehrsunfall, bei dem unser Schulbus ein Automobil rammte und eine lange, steile Böschung hinunterpurzelte. Drei Kinder starben, eines davon, weil es vom herabstürzenden Kanonenofen erschlagen wurde, sechs weitere wurden verletzt, und auch der unglückliche Autofahrer, der den Unfall verursacht hatte, überlebte den Zusammenstoß nicht. Unfälle mit Schulbussen waren nicht einmal selten damals, gingen aber meist glimpflich aus. Dieser indes nicht. Und wo war ich abgeblieben an diesem Unglückstag? Ich lag zu Hause im Bett mit einer fiebrigen Erkältung. Zwei der drei Kinder, die bei dem Unfall gestorben waren, waren Freunde von mir gewesen. Nicht wirklich enge Freunde, denn die hatte ich ja nicht, aber doch Jungen aus unserer Clique, die den Begriff »Freund« zumindest ansatzweise verdient gehabt hatten. Jim und Bill hatten auf unseren Stammplätzen im Bus gesessen, wo ich auch gesessen hätte, wäre ich gesund gewesen. Das dritte tote Kind war in einer jüngeren Klasse gewesen. Die Tragödie erschütterte das ganze Land. Auch ich war sehr traurig über den Verlust meiner Kameraden. Und doch hatte ich Glück im Unglück gehabt. Oder war ich vom Schicksal lediglich übersehen worden?

Dieses Gefühl, übersehen zu werden, sollte sich in den nächsten Jahrzehnten noch häufiger einstellen.

2. Kapitel

Nun möchte ich, wie vorher bereits angekündigt, kurz auf mein allererstes Hobby zurückkommen. Ein Hobby, das später meine berufliche Leidenschaft, ja sogar mein Leben werden sollte: die Chemie.

Alles begann mit Seife. Ganz banaler Seife.

Bei uns einfachen Leuten, die jeden Dollar, jeden Cent dreimal umdrehen mussten, bevor sie ihn ausgaben, war Seife etwas rätselhaft Kostbares. Zumindest hatte ich als Kind diesen Eindruck. Rund um diese Kostbarkeit kursierten so viele Bauernregeln, Alltagsweisheiten und Sprich-wörter, das musste etwas ganz Besonderes sein. All diese Sprüche sollten uns dazu anhalten, mit dieser wertvollen Ressource entsprechend sparsam umzugehen.

»Tauche deine Seife nie ins Waschwasser!«

»Ist der Seifennapf schön trocken, kannst länger auf der Seife hocken.«

Oder als Ultima ratio, als letzte Reinigungsmöglichkeit einzusetzen, wenn alles andere versagt hatte:

»Nimm Bimsstein, Bürste, Scheuergras, danach erst wird die Seife nass.«

Irgendwann befanden wir uns im Krieg, der irgendwo weit weg, drüben in Europa, tobte. Und obwohl er so weit weg war, begann bei gewissen Rohstoffen die Rationierung, man wollte wohl nur auf Nummer sicher gehen im Kriegsministerium. Fette und Öle gehörten auf jeden Fall dazu. Und Seife, die dadurch noch kostbarer wurde.

Ich weiß noch ganz genau, wie ich dazu kam, mich für die Herstellung von Seife zu interessieren. Es war bei einem der uns benachbarten Höfe, wo ich rumstrolchte und mal hier, mal dort in die Scheunen und Schuppen hineinlugte. Da war ich ungefähr zwölf Jahre alt und der Krieg länger vorbei, nicht aber die Knappheit mancher Rohstoffe. Fast jeder Mann im Ort brutzelte und kochte daher irgendetwas aus, meist aus Gründen der Sparsamkeit. Die Trinker destillierten ihren Moon­shine-Schnaps aus Mais oder Rüben. Die Geschäftstüchtigen machten im Grunde das Gleiche, verkauften ihre Erzeugnisse aber unter der Hand an die Trinker weiter, die nicht selbst produzierten. Wobei die ganze Trinkerei ja nicht nur der Prohibition wegen unter der Hand lief, offiziell und von Seiten unserer strengen Kirche aus waren ja alle sowieso Temperenzler, mehr oder weniger. Aber einige wenige Männer machten Seife. Was mich als Kind beziehungsweise Jugendlicher – der Begriff »Teenager« kam erst 30 Jahre später auf – viel mehr faszinierte. Es stank und brodelte, aber nicht so, dass mir davon schlecht wurde.

Ganz besonders stank es bei Mister Neish, nur einen Steinwurf von unserer Farm entfernt. Bobby Neish hatte eine wirklich wild aussehende Apparatur in der Scheune stehen, die er auch gerne herzeigte, auch den kleinen Jungs aus der Nachbarschaft wie mir. »Schau, ich habe nichts zu verbergen, Seife zu kochen, ist ja nicht verboten«, sagte er schmunzelnd.

»Was ist denn das: Seife kochen?«, fragte ich arglos. »Seife kauft man doch im Drugstore.«

Bobby lachte. »Wenn dein Dad sich das leisten kann? Ich mache es lieber selbst. Es ist ganz einfach.«

Wir gingen zu einem Topf, der auf einem kleinen Feuer stand und dessen Inhalt vor sich hin köchelte. Er schaute hinein, während ich mir einen kleinen Schemel davorstellte, hinaufkletterte und mir währenddessen mit einer Hand die Nase zuhielt.

»Man benötigt drei ganz simple Zutaten, um Seife zu produzieren«, dozierte Bobby. »Fett, Lauge und Salz. Mehr nicht.«

Ich staunte. »So einfach ist das?«

Mister Neish nickte.

»Willst du es lernen?«

Ich nickte ebenfalls.

Es dauerte allerdings ein paar Wochen, bis ich meinen Vater so weit hatte, dass wir uns alles anschafften, was man zum Seifensieden benötigte: ein paar feuerfeste Töpfe, ein paar Tiegel, Siebe und weiteres Handwerkszeug.

Natürlich hatte ich zu der Zeit, als mein Dad und ich damit begannen, nicht die leiseste Ahnung von wirklicher Chemie, wie Seife chemisch aufgebaut ist, was da für Reaktionen ablaufen und so weiter. Aber ich interessierte mich brennend dafür zuzuschauen, wenn etwas brodelte und kochte, wenn man Zutaten hinzugab, wenn etwas ausgefällt wurde oder extrem schäumte. Das war einfach spannend.

In meiner kurzen Lehrzeit bei Bobby Neish erlernte ich die handwerklichen Grundlagen. Wie man das Fett und die Lauge zusammenbrachte, aufkochte und das Salz hinzufügte, um die Seife von der Unterlauge zu trennen. Ich mochte den Anblick, wenn sich aus dem brodelnden Gemisch der Seifenkern herauslöste und nach oben schwamm. Den fischten wir dann heraus, bearbeiteten ihn weiter und schnitzten kleinere Teile heraus, bis wir einen Haufen handlicher Seifenstücke vor uns liegen hatten.

Über die Art und Qualität der Zutaten lernte ich noch nichts, was auch daran lag, dass Bobby immer nur die gleiche Art Seife herstellte. Mit Natronlauge aus der Apotheke und Maiskeimöl, selbst gepresst aus dem Mais von unserem Feld. Es blieb meiner eigenen Fantasie und Kreativität überlassen, da hinzuzulernen. Ich lernte schnell.

Und so dauerte es auch nicht lange, ich war ungefähr 13 Jahre alt, bis mein Dad mich alleine arbeiten ließ in der Seifenproduktion. Dieses Hobby hatte den unbestreitbaren Vorteil, dass ich es ohne Hilfe ausüben konnte. Niemand war da, über den man sich ärgern musste; niemand, der meinen fatalen Drang zum Jähzorn reizen konnte. Alleine mit meinem Hobby und meinen Ideen: So fühlte ich mich von Anfang an am wohlsten.

Bobby wusste alles, was handwerklich notwendig war, um Seife herzustellen, aber wenig über die Qualitäten der Rohstoffe, weil er das nahm, was da war. Also musste ich mir den Unterschied zwischen pflanzlichem und tierischem Fett selbst beibringen. Dabei beging ich auch einen Diebstahl, den ersten und letzten meines Lebens. Der große Brocken geräucherter Schweinespeck, der bei Mullers, zwei Straßen entfernt von meinem Elternhaus, durch das offene Fenster sichtbar war, zog mich magisch an. Fast glaubte ich, das würzige Aroma sogar auf diese Entfernung riechen zu können, als ich mich noch auf der Straße außerhalb des Mullerschen Grundstücks befand. Das war natürlich Einbildung. Keine Einbildung war jedoch, dass es mich hier, jetzt und sofort nach diesem Speck verlangte. So etwas Köstliches kam bei uns nur sehr selten auf den Tisch.

Kurz Ausschau halten, ob niemand in der Nähe war, ein schneller Sprung auf die Fensterbank, ein Griff – und schwups, den Speck in meine Tasche zu stecken war dabei eins. Niemand sah mich, und Mrs. Muller bezichtigte am Abend sicher den oder die Falschen des Diebstahls, vielleicht ihre Katzen?

Glücklich, mit dem Speck in der Tasche, schlenderte ich Richtung unseres Hauses, während ich überlegte, wo ich den Speck am besten verzehren könnte, ohne dabei erwischt zu werden. Der beste Platz, so fand ich, war letzten Endes unsere eigene Scheune, wo ich auch unsere Seifenproduktion betrieb. Während ich die ersten Stücke dieser Delikatesse mit meinem Klappmesser – damals ein Muss für Jungen meines Alters – abschnitt und mir in den Mund steckte, kam mir die Idee, die Schwarte, so gerne ich sie auch aß und ablutschte, versuchsweise zu einem kleinen Seifensud zu verwenden. Erst Jahre später lernte ich, dass ich damit einen für professionelle Seifensieder selbstverständlichen Schritt gemacht hatte. Aber ich hatte ja niemanden, der mir das genauer erklären konnte. Ich war ein Autodidakt reinsten Wassers.

Diese Seife, aus Schweinespeck gemacht, und obwohl nur eine kleine Menge, wurde großartig! Das Beste, was mir je aus diesem Tiegel herausgekommen war. Ich beschloss, diese Seife für eine besondere Gelegenheit aufzuheben und dann meiner Mutter zu schenken. Als Nebeneffekt stellte ich fest, dass man anscheinend Schweinespeck besser zu Seife verarbeitete, als ihn zu essen.

Mein zweiter Entschluss des Tages war, ab sofort nach Möglichkeit nur noch mit tierischem Fett zu arbeiten. Was meinen Horizont neben der Chemie auch in Richtung Biologie beziehungsweise Zoologie beträchtlich erweiterte.