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Prolog

Zerbrochene Flügel

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Es gibt diese Tage, an denen man spürt, dass sie etwas Besonderes werden. Dass sie anders sind und sich für immer ins Gedächtnis brennen werden. Wie die Tage, an denen Harry Potter aufwachte und wusste, dass er wieder nach Hogwarts durfte. Wie der Tag, als Frodo beschloss den Ring zu nehmen und auf Reise zu gehen.

Dieser Tag war kein solcher. Es lag nicht in der Luft, noch war es irgendwie durch ein Datum vorherbestimmt. Der Geruch des Leders aus seinem Wagen, den ihm seine Großeltern letzte Woche zum achtzehnten Geburtstag geschenkt hatten, hatte sich während der Fahrt vom Hotel bis hierher in seine Kleidung gefressen. Selbst der leichte Wind, der Wolkenfetzten über einen strahlend blauen Himmel trieb, konnte den Geruch nicht aus seiner Nase vertreiben.

Volljährig.

Ein seltsames Wort.

Irgendwie hatte er erwartet, er würde sich anders fühlen. Aber da war nichts – außer dem Bedauern, als seine Eltern und er von dem zehntägigen Urlaub in St. Ives wieder in Richtung Heimat aufbrachen. Mit einem Zwischenstopp hier in einer kleinen Ortschaft vor Bristol, wo ihm die Mittagssonne auf den Kopf schien.

Das Haus am Ende der Straße sah irgendwie trostlos aus, obwohl es eigentlich vom Bau her wunderschön war. Vielleicht wegen des ganzen Krams, der davorstand und irgendwie nach Plünderung schrie. Das Flatterband machte das Bild auch nicht besser. Warum überhaupt Flatterband, fragte er sich. Die alte Dame, der das Haus gehört hatte, war eines natürlichen Todes gestorben, soweit er wusste. Sie hatte einen Stiefsohn, der jedoch am anderen Ende des Planeten wohnte und mit dem Haus und seinem Inhalt anscheinend nichts anfangen konnte und daher alles verkaufte.

Und genau darum war er hier. Naja, eigentlich nicht direkt er, Sam, sondern seine Eltern. Juliet und Leo Winterbuttom, verheiratet seit zwanzig Jahren. Er war Architekt, sie Professorin für Geschichte und eine leidenschaftliche Sammlerin. Angeblich hatte die alte Dame einige wertvolle Gemälde besessen, was Juliet sich nicht hatte entgehen lassen wollen.

Sam sah zu, wie seine Mutter mit einem Typen im Anzug feilschte, während sein Vater irgendwohin verschwunden war, vermutlich um die Architektur des Hauses zu bewundern. Arbeiter in schmuddeligen Uniformen trugen immer mehr Gegenstände aus dem Haus. Zwei Laster warteten an der Straße und trotz der frühen Stunde stöberten schon ein paar Leute durch die aufgereihten Überbleibsel eines langen Lebens. Sam fand, dass das Ganze den faden Geschmack von Leichenfledderei mit sich brachte.

Er saß auf den Stufen, die zu einer verwitterten Gartenlaube führten, und beobachtete das Geschehen, während über ihm die Sonne erbarmungslos auf den Garten herunterbrannte und das Weingummi in seiner Hand immer klebriger wurde. Die lange Autofahrt saß ihm in den Knochen und bei dem Gedanken, nächste Woche wieder zur Schule zu müssen, hätte er sich am liebsten ans andere Ende der Welt verkrochen. Nicht dass er da nicht schon wäre, jedenfalls sah es hier beinahe so aus, mit den breiten Straßen und der wilden Landschaft, die sich bis zum Horizont und noch weiter zu erstrecken schien.

Im nächsten Moment ertönte ein Schrei, der Sam aus seiner Starre und auf die Füße riss. »Nein!« Zwei der Möbelpacker zehrten ein wild strampelndes Mädchen aus dem Haus. »Lasst mich los!«

Sämtliche Köpfe drehten sich, aber niemand machte Anstalten, dem Mädchen zu Hilfe zu kommen. Der Anzugträger ließ Sams Mutter stehen und eilte mit großen Schritten auf das Gemenge zu. Ehe Sam wirklich kapierte, was er tat, war er selbst schon auf dem Weg zu der kleinen Truppe hinüber.

»Du schon wieder!«, zischte der Anzugträger. »Habe ich dir nicht gesagt, was passiert, wenn du dich hier noch einmal blicken lässt?«

»Muss ich vergessen haben.« Das Mädchen sah aus, als würde sie ihm am liebsten ins Gesicht springen. Sie schien ein paar Jahre jünger als er selber zu sein, vielleicht fünfzehn. Die Haut unter ihrem linken Augen war blau und lila verfärbt, als habe sie jemand geschlagen, und ein Streifen Dreck zierte ihre Wange. Darunter war sie bleich wie Schneewittchen, lediglich ein paar dunkle Sommersprossen waren hier und da in ihr Gesicht getupft, als hätte ein Maler einen Pinsel mit schwarzer Farbe in ihre Richtung geschwungen. Sie wirkte, als habe sie geweint. Ihr Haar war tintenschwarz und zerzaust und hätte dringend eine Dusche gebraucht. Ihre Kleidung war zerknittert und abgetragen und am linken Knie war die Hose aufgerissen; darunter schimmerte eine blutige Schramme. Und ihre Augen … ihre Augen waren dunkelgrau wie Sturmwolken und voller Zorn und Schmerz. Sam spürte wie sein Herz einen Ruck machte, als würde irgendein Teil von ihm unweigerlich zu diesem seltsamen Mädchen hingezogen.

»Nun«, ätzte der Anzugträger. »Dann darf ich dich höflich daran erinnern: Ich sagte, ich würde die Polizei rufen – und meinen herzlichen Glückwunsch: Genau das hat meine Assistentin soeben getan.«

»Ich will nur, was mir gehört!« Das Mädchen fauchte wie eine verletzte Wildkatze.

»Gar nichts hier gehört dir. Meine Mutter hat dich versorgt, weil sie … Himmel, ich weiß nicht, was sie in dir gesehen hat, außer einer wilden Göre, die keine Manieren und keinen Anstand hat, um …« Der Anzugträger wich erschrocken zurück, als der Kopf des Mädchens vorschoss und ihre Zähne lautstark vor seiner Nase aufeinanderschlugen.

»Vorsicht, Ronnyboy«, zischte sie. »Keine Schimpfwörter auf dem Grund und Boden Ihrer alten Lady. Sie wollen doch nicht von Gespenstern heimgesucht werden.«

»Das einzige Gespenst hier bist du!«

»Angst, dass ich Ihnen Ihren Auftritt hier vermiese? Sie haben versucht, Eleonor in ein Heim abzuschieben. Und als sie sich weigerte, haben Sie sie schikaniert, bis sie krank wurde!«

»Sie hätte sich kein Straßenkind ins Haus holen sollen, wer weiß, mit was du sie angesteckt hast!«, brüllte Ronny zurück und rang sichtlich um Fassung.

»Entschuldigung?« Sam zuckte zusammen, als die Stimme seiner Mutter dicht neben seinem Ohr erklang. »Mr Normann, was geht hier vor?«

»Gar nichts, Mrs Winterbuttom, seien Sie unbesorgt. Ich werde Ihre Gemälde gleich verpacken und auch die Bücher, die Sie wollten.«

»Nein!« Das Mädchen wehrte sich noch mehr gegen die Hände, die sie hielten. »Das dürfen Sie nicht tun! Das sind meine …«

»Schaffen Sie sie mir aus den Augen«, fuhr Ronny die Möbelpacker an. »Wenn du schnell bist, Mädchen, bist du vielleicht weg, ehe die Polizei eintrifft.«

»Bitte, ich will nur meine Kiste, bitte!«

»Hau ab!«

Das Mädchen kämpfte und keuchte. Sam griff nach dem Arm seiner Mutter, ohne wirklich zu wissen, was er sagen sollte. Empörung und Fassungslosigkeit schnürten ihm die Kehle zu. Das Mädchen kam ihm zuvor. Mit einem wütenden Schrei riss sie sich los und stürmte über den Platz. Ziellos sprang sie zwischen den Sachen umher. »Wo ist sie, Ronny?!«, brüllte sie. »Wo?«

»Du bist ja krank!«, schrie Ronny zurück. »Total durchgeknallt!«

In der Ferne näherten sich Polizeisirenen. Sams Mutter begann auf den Anzugträger alias Ronny einzureden, während Sam hilflos dastand und den Blick nicht von dem Mädchen lösen konnte, das von den Möbelpackern durch die Verkaufsstücke gejagt wurde. Ihre Bewegungen wurden immer fahriger. Sie riss ein Buch hoch und drückte es an ihre Brust. Diese Bewegung kostete sie ihren Vorsprung. Einer der Männer packte sie an den Haaren und riss sie zurück. Sam rannte los, setzte über einen Schreibtisch und rammte den Mann wie ein Rugbyspieler. Hart kam er auf dem Boden auf, rappelte sich hoch und schubste einen zweiten Mann von dem Mädchen weg. Leider war der Typ doppelt so breit wie er selber und schon bald lag Sam auf dem Boden und kämpfte gegen einen stählernen Griff an.

Ein schriller Pfiff ertönte. »Genug!«, brüllte eine unbekannte Stimme, dann verschwand das Gewicht von seiner Brust. Sams Mutter zog ihn auf die Füße, ihr Gesicht war kreidebleich. Das Mädchen zappelte im Griff zweier Polizisten, von denen ihr einer gerade die Hände auf den Rücken drehte.

»Hey!« Sam schüttelte seine Mutter ab und stürmte auf die drei zu. »Hey, lassen Sie sie in Ruhe, sie hat nichts gemacht!«

Einer der Männer wehrte ihn ab. »Sie ist eine Ausreißerin, junger Mann.«

»Eine … was?«

»Sie haben schon richtig gehört. Die Kleine ist uns nicht unbekannt, also glauben Sie mir, wir wissen was wir tun.« Der Mann warf ihm einen mitleidigen Blick zu. Armer Junge, sagten seine Augen. Verliebt in ein Straßenkind. »Gehen Sie aus dem Weg.«

»Aber …« Hilflos sah Sam zu, wie der zweite Polizist die Wagentür öffnete. Das Mädchen blickte ihn mit einer Mischung aus Verwirrung und Staunen an. »… aber wo bringen Sie sie denn hin?«

»Erst mal auf die Wache und dann wird sich das Jugendamt um sie kümmern.«

Das Mädchen knickte ein, als wären die Worte des blasierten Typen giftige Pfeile, die sie trafen und ihr jegliche Kraft raubten. »Nein, NEIN!« Ihr Schrei gellte über den Rasen, ihr Blick flog über die Anwesenden auf der Suche nach Hilfe, glitt über Sam hinweg und verlor sich, mitsamt ihren Schreien, als die Autotür hinter ihr zuschlug. Eine unheimliche Stille legte sich über die Anwesenden. Blicke senkten sich. Juliet, die aussah, als würde sie gleich weinen, trat neben ihren Sohn. Sie hielt ein Buch in den Armen. Sam riss es ihr weg und stürmte auf das Auto zu. Ehe die Polizisten reagieren konnten, zog er die Tür auf und legte dem Mädchen das Buch in den Schoß.

»Es tut mir leid«, keuchte er. »Kann ich dir …«

»Hey, junger Mann, was denken Sie sich eigentlich?« Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter.

Sam zerrte die Weingummitüte aus seiner Tasche und warf sie auf das Buch, ehe man ihn wegschob. Das Mädchen saß da wie erstarrt und schaute ihn aus tränennassen Augen an. Jeglicher Fluchtgedanke schien in ihr erloschen. Juliet zog ihren Sohn an sich, fort von den wütenden Polizisten. Sam zitterte vor Wut und Hilflosigkeit. Die Polizisten stiegen ein, Türen schlugen und der Motor sprang mit einem endgültigen Schnurren an. Das Mädchen saß zusammengekauert auf der Rückbank. Alles an ihr schrie nach Hilfe. Sam machte einen Schritt nach vorne, als der Wagen sich in Bewegung setzte. Etwas knackte. Er hob den Fuß und darunter kam ein geflochtenes Lederband zum Vorschein mit einem hölzernen Vogel als Anhänger.

Ein Vogel mit einem zerbrochenen Flügel.

Zwei Jahre später

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Kapitel 1

Frühstücksjagd

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Geschickt wich ich dem heranrasenden Fahrradkurier aus und schaffte es, gleichzeitig um die riesigen Schneepfützen auf Gehweg und Straße herumzubalancieren. Ein eisiger Novemberwind wehte durch Grinsby Town und zupfte an meinen Haaren. Seit gestern schien die Sonne und verwandelte den Graupelschnee, der uns davor beglückt hatte, in graue Matsche, die nur auf meine Füße zu lauern schien.

Das streitende Pärchen hörte man wahrscheinlich noch einen Block weiter. Sie sah aus, als käme sie gerade von einer Model-Agentur, und sein Anzug war mit Sicherheit nicht Second Hand. Eigentlich war der Typ ziemlich süß – mit den Blumen und dem Kaffee und der weißen Tüte, in der hundertprozentig etwas Essbares steckte, vermutlich noch warm und mit zart schmelzender Schokoladenglasur, oder vielleicht sogar eine nach Zimt duftende Köstlichkeit, die man nur in dieser Jahreszeit wirklich genießen konnte. Mein Magen zog sich in schmerzhafter Hoffnung zusammen, aber sie ließ sich nicht beirren und brüllte ihn vor versammelter Mannschaft an, während sie gleichzeitig versuchte, ihm auf ihren Mount-Everest-hohen High Heels möglichst elegant davonzulaufen. Ich folgte ihnen in sicherem Abstand. Vielleicht … vielleicht … ja!

Mit einem »Dann geh doch, wenn du unbedingt willst!« pfefferte der Anzugträger seine Mitbringsel in den nächsten Mülleimer und stürmte davon. Das war mein Stichwort. Ich verließ den gegenüberliegenden Bürgersteig und schlüpfte zwischen zwei Wagen hindurch. Niemand beachtete mich, die wenigen Passanten starrten noch immer der High-Heel-Dame nach oder waren bereits wieder in ihren eigenen Alltagstrott versunken. Der Kaffee war futsch, aber die Tüte konnte ich fast unbeschadet aus dem Müll bergen und auch die Blumen sahen nur ein bisschen ramponiert aus. Jackpot!

Mit einem zufriedenen Grinsen drehte ich mich um und blickte geradewegs in das Gesicht einer Dame mittleren Alters mit Kinderwagen. Ihre Miene war eine Mischung aus Mitleid und Abscheu. Die Halskette an ihrem Hals fing einen der wenigen Lichtstrahlen, die es durch die Wolkendecke schafften, auf und verwandelte ihn in ein teures Funkeln.

Ich versuchte mich für einen Moment mit ihren Augen zu sehen. Da stand ein Mädchen, das gerade Essen aus dem Müll gefischt hatte; nicht auffallend groß oder klein und durch die hagere Gestalt auch nicht gerade hübsch. Außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass ich einen kleinen Streifen Erde an der Wange hatte, weil ich heute Morgen auf dem Weg von Camelot hierher nicht aufgepasst hatte. Die Jeans waren mehr als mitgenommen, und auch wenn Löcher an den Knien im Sommer trendy gewesen waren, bei dieser hier war alle Hoffnung verloren. Mein Pulli war schlicht und schwarz und hatte mal einem Jungen gehört, weswegen er ziemlich formlos an mir herunterhing. Wenigstens hatte er erst ein Loch, das nämlich, weswegen er ausgemustert worden war: ein Riss am Kragen. Damit konnte ich leben.

Das Einzige, was noch in ebenso gutem Zustand wie mein Humor war, waren die Schuhe. Sie waren das Geschenk eines Ladenbesitzers an der Waterloo Road gewesen. Ein paar Kids hatten sich einen Streich daraus gemacht, seine Schuhe anzuprobieren und damit immer wieder nach draußen zu laufen. Als der alte Mr White sie dann zur Ordnung gerufen und um Bezahlung gebeten hatte, hatten sie ihn ausgelacht. Ich war gerade zufällig in der Nähe gewesen, hatte das Ganze mitbekommen und einen Polizisten zur Hilfe geholt, der sich beim Bäcker gegenüber hinter seiner Zeitung gelangweilt hatte. Zum Dank durfte ich mir in Mr Whites Laden ein Paar Schuhe aussuchen. Ich hatte mich für Chucks entschieden, was angesichts des Wetters vermutlich dumm gewesen war, aber ich hatte wirklich nicht wiederstehen können. Also steckten meine Füße jetzt mit dicken Socken in blauen Chucks mit weißen Schäfchen darauf, von denen je eins an den Füßen schwarz war. Ich hatte mich im ersten Moment in sie verliebt.

Die Chucks waren also okay und meine Haare, die waren es auch. Naja gut, eine Wäsche könnten sie wohl vertragen, aber das stand ja für heute Abend auf dem Plan.

Hinter der Dame bewegte sich etwas: Ein kleines Mädchen mit süßen blonden Zöpfen schob sich in mein Blickfeld. Sie hatte eine Puppe unter den Arm geklemmt, die das gleiche dunkelblaue Kleid mit weißen Tupfen trug wie sie selbst, nur ohne den farblich passenden Wintermantel, den sie in einem Akt der Rebellion offen trug. In der Hand hielt sie einen leuchtend roten Schneewittchen-Apfel. Ihre großen Augen waren neugierig auf mich gerichtet und ließen keinen Zweifel daran, dass sie mein Mülleimermanöver gesehen hatte.

»Warum hast du das gemacht?«, fragte sie mit einer hellen Kinderstimme. »Hast du Hunger?«

»Jap«, erwiderte ich ziemlich perplex. »Habe ich.«

Sie sah einen Moment zwischen mir und dem Apfel in ihrer Hand hin und her, dann kam sie auf mich zu und streckte mir das Obst mutig entgegen.

Ihre Mutter schnappte entsetzt nach Luft. »Marie!«

»Hier«, sagte die kleine Marie. »Ich habe auch noch nicht abgebissen, ehrlich.«

»Marie, das ist wirklich lieb von dir«, sagte ich und hockte mich vor das Kind, meine Beute nach wie vor in den Händen. »Aber das ist gar nicht nötig. Iss du den Apfel mal ruhig selber.«

»Wir haben noch welche im Kinderwagen«, erwiderte die Kleine treuherzig. »Ich kann davon einen essen. Aber du hast keinen Kinderwagen.«

»Das ist richtig.«

»Marie Antionette, wie kannst du nur?!«, trompetete die Mutter, die es geschafft hatte, sich aus ihrer Schockstarre zu lösen, und die Kleine jetzt am Arm packte. »Warte, bis ich das deinem Vater erzähle!«

»Aber Mama!«, protestierte die Kleine. »Das nette Mädchen hat Hunger!« Sie wand sich im Griff ihrer Mutter und warf mir blitzschnell den Apfel zu.

Ich konnte gerade noch nach vorne hechten und ihn in der Luft schnappen. Die Blumen streiften unsanft über den Asphalt und ließen ein paar Blütenblätter zurück. Mrs Kinderwagen warf mir einen wütenden Blick zu. Ich reckte ihr den Apfel entschuldigend entgegen, aber sie wich vor mir zurück, als hätte ich Pestbeulen.

»Halten Sie sich gefälligst von meinen Kindern fern, Sie … Sie … Straßen…«

»…kind«, half ich ihr höflich aus, da ihr wohl die Worte fehlten. »Straßenkind ist wohl das Wort, das Sie suchten. Oder war es Ratte?«

Sie starrte mich schockiert an und ergriff die Flucht. Marie winkte mir über die Schulter zu und rief »Bis dann mal«, was ihrer Mutter fast einen Herzinfarkt bescherte.

Ein leises Grinsen stahl sich auf meine Lippen. Ich warf den Apfel einmal in die Luft, fing ihn auf und biss hinein. Süße explodierte auf meiner Zunge und ich unterdrückte ein glückseliges Seufzen. Na, wenigstens die Henkersmahlzeit hatte es in sich, dann kann ich ja jetzt losziehen, um meinen Hals zu riskieren.

Kapitel 2

Meine Karriere als Königin der Einbrecher

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Die Villa war ganz in Weiß gehalten, mit dicken Säulen und einem angrenzenden Turm. Bodentiefe Fenster, elegante Vorhänge, Kieswege durch gepflegte Grünflächen … Und sie war riesig. Ziemlich riesig. Das ganze Grundstück war einfach irrsinnig groß. Ich beobachtete es schon seit gestern, seit ich ihn gesehen hatte. Ich war gerade bei Miss Ming gewesen, einer sehr netten älteren Dame, der ich hin und wieder aushalf, weil sie so Probleme mit ihrem Rheuma hatte. Ich wusste ihr genaues Alter nicht, aber ihr Haar war schneeweiß und ihr Gesicht voller kleiner Falten, die zu tanzen begannen, wenn sie lächelte. Sie lächelte oft. Ihr gehörte das Cháguan, ein kleines Teehaus, in dem es unbeschreiblich gut roch.

Ich war gerade dabei gewesen, das Fenster neu zu dekorieren, als der Junge aus dem Geschäft auf der anderen Straßenseite gekommen war. Er hatte kurz innegehalten und in den wolkenverhangenen Himmel geblinzelt wie ein Vampir, der das erste Mal ans Tageslicht geht. Sein Haar war völlig zerzaust, als wäre er eben erst aufgestanden, und dunkelbraun, wie der Stamm meines Lieblingsbaumes, und sein Gesicht kantig, wie aus Stein gehauen. Er hatte diese stolze »Also ich werde dem Typen, der da auf sein Smartphone starrend auf mich zuläuft, sicher nicht ausweichen«-Haltung, die mich direkt genervt hatte. Er war recht groß, sah aber nicht gerade stark oder durchtrainiert aus. Allerdings auch nicht, als würde er den ganzen Tag auf der Couch liegen und Fish and Chips futtern. Er trug Jeans und Winterstiefel und einen Kapuzenpulli auf dem in großen Buchstaben stand »I did the kessel run in under 12 parsecs«.

Sein Gesicht hatte ich sofort wiedererkannt. Ein Gesicht, das ich niemals vergessen würde. Er hatte sich in den letzten Jahren verändert, war gewachsen und auch seine Haare waren anders. Außerdem hatte er abgenommen. Aber selbst in tausend Jahren würde ich ihn wiedererkennen. Bei seinem Anblick hatte ich direkt den Geschmack des klebrigen Weingummis wieder auf der Zunge gehabt. Ich kannte seinen Namen nicht, aber im Stillen hatte ich ihn Ernie getauft. Eine Stunde hatte ich ihn verfolgt bis hierher, an den Rand von Grinsby Town, wo der Wald begann, den ich mein Zuhause nannte.

Ich machte es mir auf meinem Beobachtungsposten bequem und fischte die Papiertüte aus meiner Jackentasche. Zimtsterne! Jackpot! Die High-Heel-Frau hatte sich definitiv etwas entgehen lassen. Was der Typ wohl angestellt hatte? Ich vergrub die Zähne in meiner Lieblingsköstlichkeit und seufzte leise. Etwas Gutes hatte der Winter: Schneeflockengeruch und Zimtsterne.

Als die Sonne schläfrig blinzelte und der Himmel ein dickes Wolkenkleid übergeworfen hatte, das mich vor Blicken schützen würde, schlich ich mich auf das Gelände. Ich war völlig durchgefroren, und wenn ich nicht aufpasste, würden mir alle meine Finger erfroren von der Hand abfallen. Vorsichtig sah ich mich um. Es gab hier zwei Hunde. Einen Beagle mit unfassbar süßen Schlappohren und etwas Größeres, Dunkleres, dessen Rasse ich nicht bestimmen konnte. Aber er sah aus, als könne er gut zubeißen. Der Beagle hieß Frodo, das wusste ich mittlerweile, weil Ernie seinen Namen ziemlich oft hatte brüllen müssen. Gut erzogen schien der Knirps nicht gerade. Ich hatte Leckerlis eingepackt und hoffte darauf, dass die beiden bestechlich waren.

Zum Glück hatte es nicht geschneit, sodass ich mir keine Sorgen um Fußspuren machten musste. Stille lag über der Nachbarschaft. Nur der Wald sang leise um mich herum sein Lied. Geduckt schlüpfte ich unter den Ästen hindurch auf den Zaun der Pferdeweide zu. Ich nutzte die Schatten, obwohl im Haus längst alles dunkel war, und vermied den knirschenden Kies. Lautlos schlich ich um das Haus herum und zu der unscheinbaren Hintertür. Vielleicht war sie ja offen … nein. Schade. Ich griff nach dem kleinen Schlüssel, den ich an einem Lederband um den Hals trug. Mein Herz klopfte wie verrückt. Der Schlüssel war warm und ließ sich mühelos in das Schloss schieben. Ich zögerte eine winzige Sekunde, erwartete, dass es nicht klappen würde, dann drehte ich den Schlüssel im Schloss. Mit einem Klicken sprang die Tür auf.

Ich stieß die Luft aus, von der ich gar nicht bemerkt hatte, dass ich sie angehalten hatte, während eine Gänsehaut mir über den Rücken huschte. Hastig stopfte ich den Schlüssel wieder unter meinen Pullover und versuchte zu vergessen, dass er da war. Das Ding war mir unheimlich. Nicht nur, dass er einfach so auf meinem Kopfkissen gelegen hatte, als ich eines Nachts nach Hause gekommen war. Viel unheimlicher war das, was er tat. Ich hatte noch keine Tür gefunden, die dieser Schlüssel nicht öffnen konnte, und ich hatte es an vielen probiert. An sehr vielen. Es machte mir Angst, größere Angst, als ich zugeben wollte, aber irgendwie war es auch so ziemlich das Coolste, was mir je passiert war.

Ich zwängte mich durch die nur einen Spalt breit geöffnete Tür in die dämmerige Dunkelheit und tapste durch das Haus. Dem Wenigen zufolge, was ich erkennen konnte, wohnten hier nicht gerade arme Leute, aber protzig war es auch nicht. Große schwere Möbel, ein wunderschöner steinerner Kamin, in dem noch ein bisschen Glut leuchtete, und ein Fernseher so groß wie mein Bett. Doch was ich eigentlich suchte, fand ich nicht. Seufzend verharrte ich am Fuß der Treppe und lauschte. Ein wortloses Flüstern schwebte zu mir herab und umwehte mich wie ein Atemzug. Ich kannte das schon, hatte es oft gehört in Räumen voll mit Büchern und doch nie verstanden. Es war, wie das Wispern der Bäume, eine Sprache, aber ohne Worte. Ich fühlte, wie etwas in mir, das ich selber nicht benennen konnte, darauf antwortete. Ich setzte gerade den Fuß auf die erste Treppenstufe, da erschien oben am Geländer ein Kopf.

Ich erstarrte.

Der Beagle sah mich, bellte und stürzte mit fliegenden Ohren zu mir herunter. Ein frustriertes Zischen stolperte über meine Lippen, dann war das Tier schon da und sprang an mir hoch. »Scchhh«, flüsterte ich. »Ganz ruhig, Frodo. Sei leise okay?« Gut, dass er nur einmal gebellt hatte und sich jetzt auf ein überdrehtes Hecheln beschränkte. Ich streichelte das süße Tier ausgiebig, das sich prompt auf den Rücken fallen ließ und mir seinen Bauch entgegenreckte. Na, das ist ja mal ein Wachhund. Im Haus regte sich immer noch nichts. Sollte ich umkehren? Ich biss auf meiner Unterlippe herum. Noch war ja nichts geschehen. Außerdem traute ich mir durchaus zu, aus diesem Haus auch wieder abzuhauen, ohne geschnappt zu werden. Das wortlose Flüstern kroch über meine Haut und lockte mich die Stufen hinauf. Die Entscheidung fiel recht schnell.

Ich gab dem Hund ein Leckerli, das er laut krachend zerbiss, und schlich die Treppe hoch. Frodo folgte mir schwanzwedelnd. Sein Hecheln war so laut, dass ich Angst hatte alles andere zu überhören, aber er ließ sich nicht verscheuchen. Ich folgte dem Flüstern einen langen Flur entlang und war dankbar für die strukturierte Architektur des Gebäudes. Fehlte noch, dass hier so ein verrückter Architekt ein Labyrinth aus Gängen gezimmert hätte!

Die Tür, hinter der das Wispern immer lauter wurde, war nur angelehnt. Silbernes Mondlicht hatte ein Loch in die Wolkendecke gerissen und fiel durch bodentiefe Fenster. Den Raum zu betreten fühlte sich ein bisschen an wie nach Hause kommen, obwohl ich noch nie zuvor hier gewesen war. Der Geruch der Bücher war allgegenwärtig. Schweres altes Papier und dicke Bände. Die Regale zogen sich durch den ganzen Raum, bildeten Gänge und Winkel. Unter einem der Fenster standen zwei gemütliche Sessel, an einer anderen Wand eine Couch, über und über bedeckt mit Kissen und von einem handgezimmerten Regal eingefasst. Ich spürte, wie meine Mundwinkel nach oben zuckten und ein Lächeln bildeten. Meine Finger glitten über die Buchrücken und das Wispern kroch über meine Nägel bis in meine Arme hinein, wanderte zu meinem Herzen. Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf. Grüne Wälder und weite Ebenen. Felsen, die kristallklare Teiche umschlossen, und Schlösser unter einem ewigen Himmel. Ein Regenbogen, der …

Das Geräusch einer Tür ließ mich zusammenzucken, augenblicklich erstarben die Bilder und das Flüstern verstummte. Ich huschte hinter eins der Regale, spähte aus den Fenstern und suchte einen Fluchtweg für den Notfall. Frodo, der bis eben noch treu an meiner Seite gewesen war, gab ein freudiges Bellen von sich. Im nächsten Moment öffnete sich die Tür zu der Bücherei, die ich nach meinem Eintreten wieder angelehnt hatte, und Frodo rannte kläffend auf eine dunkle Gestalt im Türrahmen zu.

»Scchhh, Frodo, sei leise!«

Mein Herz machte einen Satz. Der Schatten war niemand anderes als Ernie, ich erkannte seine Stimme und in dem silbernen Licht auch seine blonden Haare. Ich spähte hinter dem Regal hervor.

Er ging eben in die Hocke und beruhigte den Hund. »Anni schläft doch. Und wir wollen sie nicht wecken, hm? Ihr geht’s doch heute nicht so gut. Also müssen wir ganz leise sein.«

So, Ernie hat also eine Freundin. Warum genau berührt mich das noch gleich? Schön zu wissen, dass es ihm gut geht. Bestens versorgt mit all dem, was ich nicht habe. Ich scheuchte meine fiesen Vampirmottengedanken fort, ehe sie mich aussaugen und zu einer Dummheit treiben konnten. Am Fenster links von mir klopften zart die Äste eines Baumes. Wenn ich den erst mal erreichte, war ich so gut wie weg. Naja, es sei denn, ich brach mir den Hals, das wäre dann ein sehr unrühmliches Ende meiner Kariere als Königin der Einbrecher. Warum bin ich nur hergekommen, das ist doch Irrsinn! Aber dieser winzige Funke Hoffnung, der in mir aufgeglommen war, als ich ihn gesehen hatte, hatte sich unerbittlich in mein Tun gebrannt und mich hergetrieben. Alles, was ich wollte, war, die kleinen Teile meiner Vergangenheit wiederzufinden und in Sicherheit zu bringen.

»Na, komm schon, Kleiner. Was hast du denn?« Ernie versuchte Frodo zur Tür zu locken, aber der kleine Verräter zögerte und sah genau in meine Richtung. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte irgendwie mit den Schatten zu verschmelzen, aber leider war das hier kein Wolfgang-Hohlbein-Roman und ich keine Elfenprinzessin. Schade aber auch.

Ernie trat ein paar Schritte in den Raum hinein. »Hallo?« Im nächsten Moment lachte er los. »Oh man, wie bescheuert.« Er gluckste in sich hinein und ich musste die Lippen fest zusammenkneifen, um nicht ebenfalls loszulachen. Wenn der wüsste.

Unwillkürlich fragte ich mich, ob er mich erkennen würde, schob den Gedanken aber sofort beiseite. Er hatte mit Sicherheit keine Sekunde mehr an mich verschwendet. Ich hörte, wie er noch einen Schritt in den Raum machte. Blitzschnell huschte ich zur Seite und zum nächsten Regal. Mein Herz klopfte wie verrückt. Ernies Schritte stockten. Sein Misstrauen war plötzlich fast greifbar. Mist! Mist! MIST!

»Lieber Herr Einbrecher, wenn Sie sich in die Bücherei verlaufen haben, spricht das nicht gerade für ihren Orientierungssinn. Das Silbergeschirr ist unten im Salon.« Ernies Stimme entfernte sich und kam dann wieder näher. Er befand sich irgendwo links, zwischen mir und dem Fenster. Mist! Mist! MIST!

Ich tastete mich an dem Regal entlang Richtung Tür. Vielleicht konnte ich schnell rausschlüpfen, während er … Meine Finger streiften einen Buchrücken. Plötzlich sah ich einen dichten Wald aus grünen Bäumen, die rings um ein verfallenes Schloss wuchsen. Moos besetzte die Türme, Efeu rankte daran empor bis zu den sterbenden steinernen Spitzen. Bunte Blumen zierten die Reste der Mauern und eine Gestalt im langen Mantel schlich vorsichtig durch die Trümmer.

»Gefahr«, zischte eine Stimme. »Sie kommen!«

Ich riss meine Hand zurück und holte tief Luft. Augenblicklich erstarben Ernies Schritte. Er hatte mich gehört. Mein Herzschlag dröhnte in meinen Ohren. Die Tür war viel zu weit weg, das Fenster unerreichbar. Sollte ich einfach losrennen? Im nächsten Moment knurrte etwas leise hinter mir. Ich fuhr so hastig herum, dass ich beinahe gestolpert wäre. Der zweite Hund stand vor mir, sein Kopf war auf Höhe meines Bauchnabels. Ohne wirklich nachzudenken, hielt ich ihm kurz die Hand vor die Schnauze und streichelte dann seinen Kopf. Einen Moment glaubte ich, er würde mir die Hand abbeißen, doch er ließ sich die Berührung gefallen.

»Argos? Bist du das?«

Ernies Stimme war so nahe, dass ich einen erschrockenen Satz bis fast an die Zimmerdecke machte. Frodo kam freudig um die Ecke gesaust, prallte gegen meine Beine und sprang an seinem Freund hoch. Schritte näherten sich. Ich huschte weiter, brachte Regal für Regal zwischen mich und diesen Jungen, ehe ich mit zitternden Beinen innehielt.

»Du hast mir ja einen Schrecken eingejagt«, lachte Ernie. »Na, kommt, ihr zwei. Genug Abenteuer für heute Nacht.«

Die Schritte entfernten sich, dann fiel die Tür ins Schloss. Im selben Moment floss jede Konsistenz aus meinen Beinen zu einem See der Erleichterung zusammen. Ich rutschte an dem Regal hinab und lehnte mich aufseufzend dagegen. Nein, Meisterdiebin war definitiv nicht meine Berufung!

 

Kapitel 3

Mein geheimes Camelot

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Ich blieb die ganze Nacht in der Bibliothek und verschwand mit den ersten Farben der Dämmerung im Wald. Es dauerte eine Weile, bis ich mein Zuhause erreichte, und wie fast immer tauchte es urplötzlich zwischen den Bäumen auf, als hätte eine gute Fee gerade jetzt beschlossen, es dort hinzusetzen. Das Baumhaus schwebte in den Ästen hoch über dem Boden, nur erreichbar durch zwei Strickleitern. Oder die Fähigkeiten eines Eichhörnchens. Da ich die in mir bisher noch nicht entdeckt hatte, nahm ich die Strickleiter.

Als ich das Haus das erste Mal gesehen hatte, war es mir wie ein Traum vorgekommen. Misstrauisch war ich hinaufgeklettert und hatte mich in der hölzernen Oase umgesehen. Wer hat es gebaut? Warum nutzt es niemand? Warum steht es mitten im Wald? Wie alt ist es?

Fragen, auf die ich nie eine Antwort gefunden hatte. Das Haus wirkte beinahe, als wäre es aus dem Baum herausgewachsen. Äste saßen in den Wänden, die trotzdem eindeutig Bretterformen aufwiesen – Handwerk und Natur miteinander verschmolzen. Es sah wunderschön aus und war außerdem recht praktisch, weil sich so kleine Regale bildeten. Und doch waren die Fragezeichen in meinem Kopf recht gewaltig.

Und noch etwas war seltsam: Die Temperatur innerhalb der hölzernen Wände veränderte sich nicht. Als ich das Baumhaus vor etwa einem Jahr, im tiefsten Winter entdeckt hatte, war der Wald fast im Schnee erstickt und ich halb erfroren. Doch oben im Baumhaus war es angenehm warm gewesen. Und dort befand sich definitiv nirgendwo eine versteckte Fußbodenheizung. Eigentlich befand sich dort gar nichts, außer zwei hölzernen Kisten und einem kleinen Schrank, alles leer, nicht einmal eine Spinne hatte ich dort gefunden (Gut so, ich hasse Spinnen!).

Ich trat meinen üblichen Erkundungsgang an, überprüfte kurz, ob jemand hier gewesen war, und zog dann an dem versteckten Seil, mit dem ich die Strickleiter zu mir herunterholte. Oben angekommen atmete ich erleichtert auf, schlüpfte aus meinen Schuhen, um keinen Schneematsch zu verteilen, und nahm den altersschwachen Rucksack ab, in dem ich die gestohlenen Bücher transportiert hatte. Sie waren nicht wirklich gestohlen, immerhin hatten sie schon einmal mir gehört. Ich war unheimlich froh, sie zurückzuhaben, eine Erinnerung an Eleonore, an ihre Stimme und an eine Zeit vor dieser hier. Behutsam holte ich meine Schätze aus dem Rucksack und betrachtete die Umschläge. Eigentlich hatte ich irgendwie gehofft, sie nicht in der Villa zu finden; gehofft, dass die Winterbuttoms sich vielleicht doch nicht an fremdem Eigentum vergriffen hätten. Andererseits … sie wussten es ja nicht, ahnten nicht, dass Eleonore sie mir versprochen hatte. Ein Versprechen, das ihr ätzender Sohn für sie gebrochen hatte. Ich blinzelte die Tränen fort. »Jetzt reiß dich zusammen, Hope«, brummte ich. »Sei froh, dass du sie wiederhast, und gut.«

Goldsommer und Peter Pan schob ich in eine Nische in der Wand, aber Robin Hood nahm ich mit auf mein Bett. Es bestand aus einem Dutzend Decken und einer löcherigen Matratze, bei deren Transport hier hoch ich mir fast den Rücken gebrochen hatte. Sie hatte vor einem Hochhaus gelegen, zusammen mit einer alten Couch und anderem Zeug, das für mich unmöglich zu transportieren gewesen war. Aber ich mochte meinen Rücken und mein Rücken schätzte nun mal etwas Weicheres als den Fußboden zum Übernachten. Ich besaß jetzt sogar so etwas wie Vorhänge, eigentlich waren es T-Shirts, die mir zu klein waren und die ich grob mit etwas Garn, von Miss Ming, zusammengenäht hatte; und einen schrecklich hässlichen Teppich in einer Farbe, die ich nicht definieren konnte. Vermutlich ein Unfall des Projekts Ich-färbe-jetzt-meinen-Teppich um. Naja, aber er war dick und weich und somit toll.

Das Baumhaus selbst bestand aus einem großen Raum, in dem ich mühelos stehen konnte. Eine Art Galerie lief einmal außen herum und unter dem spitzen Dach war eine Nische eingebaut, wo man sitzen und in den Himmel blicken konnte. In jedem Vorsprung, jeder Ritze in den Wänden, hatte ich Bücher untergebracht und weitere stapelten sich auf dem Boden und in einer Kiste. Bücher waren heutzutage beinahe leichter zu bekommen als etwas Warmes zu essen. Sie standen in Telefonzellen und an Bahnhöfen. Ich nahm sie mit, wo immer ich konnte.

Das Baumhaus war mein Geheimversteck, mein Zuhause, meine Burg, mein Camelot. Seufzend betrachtete ich die Robin Hood-Ausgabe in meiner Hand. Die Seiten waren leicht gewellt, weil … Hastig verdrängte ich den Gedanken, bis er an der hintersten Wand meines Gehirns in tausend Scherben zersplitterte. Aber der Schmerz war schneller, wand sich schlangengleich durch mich hindurch und biss mich mit giftigen Fangzähnen ins Herz. »Verraten«, flüsterte es in meinem Kopf und nichts konnte diese Stimme zum Verstummen bringen. Ernies Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Er war dort gewesen. Urplötzlich. Und er hatte mich mit diesem Blick angesehen, der mich noch monatelang verfolgt hatte. Ich hatte darauf gewartet, dass er kam und mich aus diesem schrecklichen Haus holte, in das mich diese ätzende Schnepfe vom Jugendamt gesteckt hatte. Aber er war nicht gekommen. Und irgendwann hatte ich das Warten sattgehabt und war abgehauen. Ich war quer durch England gezogen, von einem Schlafplatz zum anderen. Einen ganzen Winter hatte ich in einer Blockhütte an einem wunderschönen See gelebt, bis die Besitzer plötzlich aufgetaucht waren. Hin und wieder hatte ich einen Job gefunden und hatte eine Weile bleiben können, bis doch wieder irgendetwas geschah, was mich zum Weiterziehen zwang. Bis ich schließlich Camelot gefunden hatte.

Ich rollte mich auf meinem Bett zusammen. Tränen tropften auf die rauen Decken. Ich umklammerte das Buch mit beiden Armen und lauschte dem Flüstern, bis der Schlaf mich fand.

***

In meinem Traum lief ich über eine grüne hügelige Landschaft, auf der Schmetterlinge tanzten. Der Himmel war so leuchtend blau, wie ich es noch nie gesehen hatte. Meine Füße, die in ledernen Stiefel steckten, ganz ähnlich denen aus den Waldläufer-Romanen, sanken tief im Gras ein. Neben mir rannte jemand, doch ich konnte ihn nicht genau erkennen, ich wusste nur, dass er dort hingehörte. An meine Seite. Im Traum tat dieser Gedanke nicht weh. Dann veränderte sich die Landschaft: Hecken tauchten vor uns auf, formten ein riesiges Labyrinth, an dessen Eingang eine Statue stand, die irgendwie … seltsam undeutlich war.

Plötzlich schlug mein Herz wie verrückt. Ich wusste, dass es wichtig war, dort hineinzugehen, aber der Eingang zu dem Labyrinth wirkte bedrohlich und erzählte von den Gefahren, die darin lauerten. Der Himmel verdunkelte sich über den Hecken und ein Blitz zuckte durch die Wolken. »Tu es nicht«, flüsterte eine Stimme. »Lauf, kleines Mädchen, lauf!«

Die Stimme fraß sich wie eiskalter Hagel durch meine Haut, brannte und zehrte an meinen Nerven. Zögernd machte ich einen Schritt nach vorne und ein tiefes Knurren drang aus dem Inneren des Labyrinths. Jemand legte mir eine schwere Hand auf die Schulter und ich fuhr mit einem Schrei herum. Das Wesen vor mir war in einen zerfledderten Mantel gekleidet, Dunkelheit waberte um die Formen, die irgendwie asymmetrisch wirkten, und statt des Gesichts war da ein unendliches schwarzes Nichts mit glühenden Augen voller Boshaftigkeit.

Schweißgebadet schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Mein Herz raste wie wild und eine tiefe, bitterböse Angst saß mir in den Knochen. Es dauerte einen Moment, bis ich die Decken beiseite schlagen und aufstehen konnte. Mein Körper fühlte sich an, als wäre ich ewig lange gerannt. Ich trat auf die Galerie und schöpfte eisiges Wasser aus dem Eimer, der dort stand. Mein Atem bildete feinen Dampf in der Luft. Es hatte geschneit. Eine dünne weiche Decke lag auf den Ästen und ließ sie wunderschön aussehen. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, hatte ich den halben Tag verschlafen, mein Magen knurrte heftig und erinnerte mich daran, dass ich seit dem Croissant nichts zu mir genommen hatte. Fröstelnd trat ich zurück ins Innere des Baumhauses und hielt nach meiner Jacke Ausschau.

Doch irgendetwas stimmte nicht. Ein Blick nach unten ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Auf dem Boden glitzerten Fußspuren aus purem Eis.

Kapitel 4

Auf zur Weltherrschaft

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Die nächsten Tage waren kalt und glitzernd grau und weiß. Eine Woche war seit der seltsamen Nacht vergangen. Ich war fast jede Nacht in die Villa eingestiegen und hatte noch ein paar meiner Bücher mitgenommen. Aber das, welches ich wirklich suchte, hatte ich nicht finden können, und der Gedanke, dass es für immer verloren sein könnte, zerriss mich beinahe.

Der Traum war nicht wiedergekommen, aber es hatte zwei Tage gedauert, bis ich das Herzrasen losgeworden war, und auch jetzt auf dem Weg in die Stadt blickte ich immer wieder über die Schulter. Ein seltsames Gefühl klebte an meiner Haut und ich konnte es nicht abschütteln.

Kurz vor meinem Ziel begann es leicht zu schneien, feine Flocken verfingen sich in meiner Haarmähne, die schon wieder nach einer Dusche rief. Das Cháguan lag zwischen einer Modeboutique und einem Bioladen, wirkte irgendwie klein und schief, aber trotzdem wunderschön. Miss Ming sah auf, als ich den Laden betrat, und verzog das Gesicht zu einem faltigen Lächeln. Die Blumen, die ich ihr gestern noch gebrachte hatte, bevor ich zur Villa aufgebrochen war, standen in einer filigranen Vase neben der Kasse und der Anblick rührte mich.

»Hallo, Hope.« Ihre Stimme war leise und sanft. Ich hatte sie noch nie schreien gehört. Sie trippelte auf mich zu und streckte die Hand nach mir aus. Ihr Lächeln wich Besorgnis. »Was ist denn passiert?«

Erschrocken tastete ich über mein Gesicht, als würden die Emotionen dann an meinen Fingern kleben bleiben. »Nichts, nur ein Albtraum …« Okay, wahrscheinlich war es mehr, aber wie soll ich das denn erklären? Das Eis war innerhalb von Sekunden geschmolzen und jeder Spuk so schnell verschwunden, dass ich schon fast fürchtete/hoffte/wünschte, mich getäuscht zu haben.

»In China sagt man: ›Wende dich stets der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich‹«, zitierte Miss Ming. »Hier, trink diesen Tee und erzähl mir von deinem Traum oder sag mir, warum du neulich einfach davongestürmt bist.«

»Ich würde eigentlich lieber arbeiten statt reden. Am besten irgendetwas Hochkompliziertes, wo ich meinen Kopf ausschalten kann. Die Weltherrschaft oder so.«

»Ich fürchte, so etwas kann ich dir hier nicht bieten. Aber ich habe eine neue Teelieferung bekommen, kümmerst du dich darum?« Mein Bauch meldete sich, ehe ich antworten konnte, und Miss Ming zog die Brauen zusammen. »Wann hast du zuletzt gegessen, hm?« Ich wollte sie nicht anlügen, also schwieg ich, während mir das Blut langsam in die Wangen kroch und meinen Blick zu Boden zwang. »Wirst du mich wieder anschreien, dass du keine Almosen willst, wenn ich dir ein Brot mache?«

»Ich … Tut mir leid.«

»Und danach kannst du mir bei der Abrechnung helfen, ich glaube, ich übersehe da irgendetwas.«

»Zahlen sind nicht gerade mein Ding.«

Miss Ming zwinkerte mir zu. »Die kommen aber vor der Weltherrschaft.«

 

Kapitel 5

Der Tag, an dem ein Nerd Kamikaze Jane vom Dach fing

Vignette

Noch in derselben Nacht stieg ich wieder in die Villa ein. Ich eilte die Treppe hinauf, übersprang die knarrende Stufe, die ich mittlerweile kannte, und schlüpfte in das Bücherzimmer. Es war stockfinster, die Vorhänge waren zugezogen. Seltsam, das war in den letzten Nächten nicht so. Etwas knarrte. Die feinen Härchen in meinem Nacken richteten sich auf. Hier stimmt etwas nicht. Ich wollte zurück, doch es war schon zu spät.

Die Tür flog zu, etwas stürzte auf mich zu und warf mich zu Boden. Heißer Hundeatem traf mein Gesicht und im nächsten Moment schnappte etwas um mein Handgelenk. Ich trat um mich und traf. Jemand stöhnte auf, doch schon zog sich die Schlinge auch um mein zweites Handgelenk und riss meine Arme nach oben. Ich zog, so fest ich konnte, aber nichts rührte sich. Panik wallte in mir hoch, die Dunkelheit kroch aus allen Ecken und hüllte mich ein. Ich hörte, wie sich links etwas bewegte, trat zu und traf erneut. Aber im nächsten Moment schnürte sich auch etwas um meine Beine. Jemand erhob sich mit einem tiefen Atemzug, als ob er Schmerzen hätte, dann flackerte Licht auf und brannte sich in meine Netzhaut.

Vor mir stand Ernie, der sich gerade eine seltsame Brille vom Kopf zog und in eins der Regale legte. Seine Haare standen in alle Richtungen ab, er war ganz in Schwarz gekleidet und hatte einen Kratzer auf der Wange, der vermutlich von mir stammte. Seine Augen hatten die Farbe von geschmolzener Schokolade und in ihnen lag ein Funken Lebensfreude, den man bei nicht vielen Leuten fand. Und da war kein Mitleid. Nur Neugier. Trotzdem … es tat weh.

Und dann passierte etwas Seltsames. Es war fast, als würde ich durch seine Augen sehen. Ich sah ein Mädchen in abgewetzten Jeans, durchnässten Chucks und einem Pulli, der kaum verbergen konnte, wie dünn sie darunter war. Keine Jacke, keine Mütze, ihre Haut war von der Kälte gerötet oder vielleicht auch von ihrem Gerangel gerade eben. Die langen schwarzen Haare umrahmten ihr Gesicht und fingen die Farbe ihrer grauen Augen auf, die ihn riesengroß und mit trotzigem Schrecken musterten.

Ich sah mich.

Erschrocken sog ich die Luft ein und wich, so weit es ging, vor ihm zurück. Das Bild verschwand.

Ernie legte den Kopf schief. »Alles klar?«

»Lass mich sofort los!«

»Erst, wenn du mir ein paar Fragen beantwortest.« Behutsam ging er vor mir in die Hocke und hielt sich die Rippen. »Du hast einen ganz schönen Rums.«

Ich sah nach oben. Meine Hände waren mit Plastikhandschellen gefesselt und hingen an einem einfachen Seil, das er oben an einem der Regale befestigt hatte. Das Ganze war eine miese, fiese Falle und ich war genau hineingetappt, ich dumme, unvorsichtige …

»Du kannst noch so fest ziehen, das hält, glaub mir.« Ernie streckte die Hand aus und kraulte den großen Hund neben sich hinter den Ohren. »Du bist ziemlich gut. Eigentlich schlägt Argos bei jedem Fremden direkt an. Wie hast du ihn ausgetrickst?«

»Einehmende Persönlichkeit?«, schlug ich vor. Was sollte das? Was wollte er von mir? Die Polizei rufen? Mir einen moralischen Vortrag über die Verwerflichkeit meiner Taten halten? Oder machte es ihm einfach Spaß, Mädchen mitten in der Nacht aufzulauern?

»Ich werde dir nichts tun«, sagte er in meine Gedanken hinein. »Ehrlich nicht.«

»Kannst du Gedanken lesen?«

»Klar, ich bin ein Vampir, sieht man das nicht?« Er zog die Oberlippe hoch und entblößte ebenmäßige Zähne.

»Tschuldige, Edward, ohne dein Glitzerpulver habe ich dich doch tatsächlich nicht erkannt«, spottete ich und versuchte mir mein Herzklopfen nicht anmerken zu lassen. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem ehrlichen Lächeln, das seine Augen aufleuchten ließ. Ich stellte fest, dass ich das Lächeln erwidern wollte und verpasste mir eine innerliche Ohrfeige. Was soll das? Reiß dich gefälligst zusammen, Hope, du sitzt in der Patsche! Keine Zeit für Schmetterlinge im Bauch! »Wie hast du mich erwischt?«, fragte ich stattdessen.

»Das war Zufall. Du warst vorher schon hier, oder? In der Nacht, in der ich die Hunde gesucht habe? Ich hatte gleich so ein komisches Gefühl, dachte aber, das wäre nur Einbildung. Und dann hab ich dich morgens vom Haus in den Wald rennen sehen. Oder besser gesagt: Ich habe eine Gestalt rennen sehen. Erkannt hab ich dich nicht. Die Nächte darauf habe ich mich auf die Lauer gelegt.«

»Das heißt, du wusstest, dass ich hier war? Und hast nichts gesagt?« Fassungslos starrte ich ihn an. »Warum?«

Ernie zuckte mit den Schultern. »Schätze, ich war neugierig.«

»Worauf?«

»Auf dich.« Sein Blick wurde so intensiv, dass ich am liebsten davongerannt wäre. Ich rüttelte ein weiteres Mal an meinen Fesseln, allerdings eher halbherzig. Langsam begannen meine Fingerspitzen zu kribbeln. Ernie ließ mich nicht aus den Augen. »Ich mach dich los, wenn du mir versprichst nicht abzuhauen.«

»Warum sollte ich das tun?«

»Weil ich höflich frage?«, antwortete er.

»Ich könnte schreien.«

»Und meine Eltern auf den Plan rufen, die womöglich die Polizei rufen würden? Ich glaube nicht.«

Verdammt! Dieser blöde eingebildete Schnösel! »Was immer du für Spielchen spielst, ich bin keine gute Spielgefährtin«, gab ich zurück.

»Keine Spiele. Nur reden, versprochen. Ich werde dich nicht anfassen, wenn es das ist, was dir Angst macht. Auch wenn es mir schwerfallen wird.« Er schenkte mir ein Machogrinsen, das ich ihm nicht abkaufte.

»Schön«, knurrte ich. »Mach mich los.«

»Versprichst du es?«, beharrte er.

»Was?«

»Dass du nicht weglaufen wirst.«

»Eine halbe Stunde lang«, bot ich an.

»Das reicht nicht.«

»Hör zu, Ernie«, zischte ich. »Ich weiß nicht, wer du bist und was das soll, aber ich bin keine Showeinlage! Wenn du dich langweilst, geh ins Kino!«

Ernie legte den Kopf schief und betrachtete mich eine ganze Weile, so als könne er geradewegs durch meinen kaputten Pulli und die ungewaschene Haut hindurch in mein Herz sehen. Doch wenn er da etwas zu finden hoffte, täuschte er sich. Es war nicht viel übrig geblieben seit den vergangenen Jahren. Nur ein Haufen Scherben. Eine weitere war eben hinzugekommen.

Er erkannte mich wirklich nicht.

Naja, warum auch. Sein Leben war damals ja nicht grundlegend auf den Kopf gestellt worden. Trotzdem … er hatte mich so angesehen, dass ich dachte … Aber anscheinend hatte ich keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wütend biss ich mir auf die Unterlippe.

Schweigend stand er auf, ignorierte, dass ich vor ihm zurückzuckte, und öffnete die Handschellen. Blöder Idiot! Blut schoss kribbelnd zurück in meine Finger, als würde es sich freuen wieder zirkulieren zu dürfen. Behutsam ließ er sich mir gegenüber im Schneidersitz nieder. Ich musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen, rieb mir die Handgelenke und befreite meine Beine von dem bunten Springseil, das als Fessel gedient hatte. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und davongerannt, doch irgendetwas … hielt mich hier.

»Mein Name ist Robinson Alexandre Isaac Leonardo.«

»Wie bitte?«, fragte ich verdutzt und vergaß für einen Moment meine Misere.

»Meine Mum ist Malerin, daher der Leonardo. Isaac, weil ich am selben Tag wie Isaac Newton geboren bin. Alexandre von Alexandre Dumas – dem französischen Schriftsteller, der unter anderem Die drei Musketiere geschrieben hat – und naja, Robinson ist klar, oder?«

»Das sind ziemlich viele große Namen.«

»Du kannst mich Sam nennen«, meinte er.

»Sam?«

»Ja.«

»Warum ausgerechnet Sam?«, wollte ich wissen.

»Ich mag den Namen. Und er wiegt nicht so schwer wie die anderen. Außerdem ist es eine Abkürzung«, erklärte er.

»Wofür?«

»Das verrate ich dir nicht«, sagte er.

»Du lügst.«

»Das zu behaupten, ist nicht gerade nett von dir.« Er legte die Handgelenke locker auf die Knie wie bei einem entspannten Kaffeekränzchen. »Sagst du mir jetzt, wie du heißt?«

»Hope.« Ich wusste selber nicht, warum ich es ihm sagte, aber er nickte, als hätte er es schon immer gewusst, während seine Augen sich weiteten.