Eric Franklin ist Gründer des Institutes für Franklin-Methode. Er hat die Franklin-Methode® entwickelt und über Jahrzehnte optimiert, ein auf Wissenschaft und Anatomie basierendes Bewegungssystem, das funktionelles Training und dynamisch-neurokognitives-Imaginationstraining miteinander verbindet. Er erwarb seinen Bachelor of Science an der Universität Zürich und seinen Bachelor of Fine Arts an der New York Universitys Tisch School of the Arts.
Als ausgebildeter Sportwissenschaftler, Diplomsportlehrer, Tänzer, Choreograf und Bewegungspädagoge gilt er international als Experte in imaginativer Bewegungspädagogik/DNI und ist als solcher aktives Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Tanzmedizin und -wissenschaft. Das Institut für Franklin-Methode bietet weltweit Workshops, Gastkurse, Vorträge und Ausbildungen in seiner Bewegungspädagogik an.
Eric Franklin ist Autor von 24 Büchern, die bereits in viele verschiedenen Sprachen wie Deutsch, Englisch, Spanisch, Tschechisch, Polnisch, Italienisch, Holländisch, Koreanisch, Mandarin, Chinesisch und Französisch übersetzt wurden. Als gefragter Gastdozent unterrichtete er lange Zeit das Schweizer Kunstturn-Nationalkader, hat unter anderem mit den Akrobaten des Cirque du Soleil gearbeitet, gab Workshops für die Tänzer der Beyoncés World Formation Tour und half zahlreichen Weltklasse-Athleten zu ihren Erfolgen.
Als Gastdozent unterrichtet er an renommierten Orten wie der Universität Wien und New York, an der Juilliard School in New York, Royal Ballet in Dänemark, Rutgers University, Praktika in Moskau, Royal Ballet School und Laban-Institut in London, American Dance Festival und in China als weltweit erster Tanztherapeut.
Besuchen Sie unsere Webseite für weitere Informationen zur Ausbildung, zu Ausbildungsdaten und Ausbildungsorten. Dort finden Sie auch aktuelle Workshop-Angebote mit Eric Franklin, mit Lehrtrainer/innen des Ausbildungsteams und mit Franklin-Methode® Trainer/innen beziehungsweise Bewegungspädagogen/innen. Die vielseitig anwendbaren Franklin-Bälle, Franklin-Poster und weitere Bücher finden Sie in unserem Onlineshop auf www.franklin-methode.ch und www.franklinmethod.com.
Kapitel 1
Die Anfänge der imaginativen
Bewegungspädagogik
Unsere Körperhaltung ist so individuell wie unser Fingerabdruck.
Vor ungefähr 35 000 Jahren fanden die Verzierung des Körpers sowie der Einsatz mentaler Bilder eine plötzliche Verbreitung. Diese Blütezeit der visuellen Sinneswahrnehmung fiel nicht mit einer Erweiterung der Gehirnmasse zusammen, die beim Homo sapiens seit mindestens 90 000 Jahren unverändert geblieben war (White 1989). Das visuelle Denken durchdrang alle Bereiche der kulturellen Entwicklung des Menschen. Es legte den Grundstock für Rituale, bei denen Menschen sich in ihrer Vorstellung in Tiere und Dinge verwandelten, und zwar zu unterschiedlichen Zwecken, wie zum Beispiel, um gesund oder ein besserer Jäger zu werden. Aus diesen Visualisierungsritualen entwickelten sich die Heilkunst und die darstellenden Künste.
Nach Jeanne Achterberg haben mentale Bilder als Methode der Heilkunst ihren Ursprung in der 20 000 Jahre alten Tradition des Schamanismus: »Der Schamane arbeitet im Reich der Vorstellungskraft, und seine Sachkenntnis, die er in diesem Bereich zum Wohle der Gemeinschaft einsetzt, ist anerkannt, seit es Geschichtsschreibung gibt.« (Achterberg, 1985, S. 11) Der Schamane ist nicht nur Magier und Heiler, sondern auch Dramatiker und Künstler. Dr. Julius E. Lips erläutert, dass sich die moderne Schauspielkunst aus kultisch-religiösen Vorführungen und tänzerischen Darbietungen entwickelte, wobei die Schauspieler zunächst Götter personifizierten und gelegentlich in die Rollen von Narren, Clowns und Geschichtenerzählern schlüpften. »Selbst bei den primitivsten Völkern vergnügten sich die Menschen im ›Theater‹. Dies zeigt, dass die tiefsten Wurzeln des Theaters nichts mit komplizierten Bühneneffekten, persönlichem Ruhm oder publikumswirksamen Stücken zu tun haben. Der magische Schlüssel liegt in der Vorstellungskraft.« (Lips, 1956, S. 181)
Unsere Rückschau auf die Ursprünge des Mentaltrainings zur Körperausrichtung wäre nicht vollständig, ohne einen kurzen Blick auf die Zivilisation des alten Ägyptens vor mehr als 4000 Jahren zu werfen. Damals war die Körperhaltung von vorrangiger Bedeutung, was die Darstellung der Pharaonen vermuten lässt: Sie gaben ein Bild perfekter Körperausrichtung ab. (Obwohl ein Pharao im Teenageralter wahrscheinlich eine ebenso schlechte Haltung hatte wie weniger durchlauchte Gleichaltrige.) Warum also dann diese Darstellungen von erhabenen Pharaonen mit perfekter Körperausrichtung? Warum wurde dem ägyptischen Volk diese Darstellungsweise und keine natürlichere geboten, die die großen Maler jener Zeit leicht hätten zustande bringen können?
In Ägypten war eine gute Körperausrichtung lebenswichtig. Einmal jährlich verwandelte der Nil das Land in einen schwarzen, schlammigen Sumpf, der die Grundstücksgrenzen verwischte. Die ägyptischen Bauern hätten sich beschwert, wenn ihre Parzellen kleiner geworden wären, weil das »Ausrichtungskorps« (oder wie auch immer es genannt wurde) die Grenzschnüre falsch zog. Dieser Verlust von Land musste um jeden Preis vermieden werden, zumal man nicht das ganze Jahr über Getreide anbauen konnte. Ordnung und eine perfekte Ausrichtung waren gefragt. Die Pharaonen waren daher das Abbild perfekter Körperausrichtung (oder sollten es zumindest gewesen sein). Den Pharao in irgendeiner anderen Haltung darzustellen, etwa beim Abnagen eines Hähnchenschenkels in gemütlicher Liegeposition, war anstößig. (Tatsächlich gab es eine solch »revolutionäre« Periode, doch sie währte nur 20 von 3000 Jahren.) Ob sitzend oder stehend, die Pharaonen mussten Vorbilder guter Körperhaltung sein – stark, jedoch ruhig und kontrolliert wirkend sowie bereit, Ordnung im Chaos zu schaffen (siehe Abbildung oben).
Ein Beispiel guter Körperausrichtung.
Auch die Pyramiden waren mit unvorstellbarer Perfektion ausgerichtet – eine Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass es damals keine Vermessungswerkzeuge gab. Der folgende Auszug aus meinen Notizen zu einer Vorlesung von Robert Thomas am 13. März 1995 liefert ein wundervolles Bild: »Nur zweimal im Jahr geschieht es, dass beim Abu-Simbel-Tempel, der früher am Ufer des Nils gelegen war, ein Streifen Sonnenlicht die Augen von vier Statuen, sechzig Meter im Berghang gelegen, streift. Um solche erstaunlichen architektonischen Leistungen zu vollbringen, muss man eine große Vorstellungskraft und Visualisierungsgabe besitzen.«
Indische Frauen beim Tragen von gewaschener Kleidung auf ihrem Kopf.
Richten wir unseren Blick auf die andere Seite des Mittelmeeres, so werden wir feststellen, dass Mnemotechniken (so bezeichnet nach Mnemosyne, der griechischen Göttin der Erinnerung), die mit mentalen Bildern arbeiteten, wohl von dem griechischen Dichter Simonides (556–468 v. Chr.) erfunden worden waren, zumindest wenn man dem römischen Redner Cicero (16–43 v. Chr.) Glauben schenken darf. Die Griechen und die Römer haben offensichtlich mit mentalen Bildern gearbeitet, um sich den Text ihrer Reden merken zu können. In der Antike spielte die Körperhaltung eine wichtige Rolle, denn sie markierte den gesellschaftlichen Status. In den Uffizien in Florenz sind unzählige griechische und römische Büsten und Skulpturen ausgestellt, bei denen die Haltung im Vordergrund steht. Auch in der Renaissance war dieses Thema von zentraler Bedeutung. Michelangelos (1475–1564) Skulptur David (1504), die in der Galleria dell’Accademia in Florenz steht, ist ein ausgezeichnetes Beispiel für eine entspannte, zentrierte und ausdrucksstarke Körperhaltung.
Auf dem Weg nach Süden trugen afrikanische und indische Frauen seit Jahrtausenden Lasten auf ihrem Kopf. Entgegen der landläufigen Meinung ist dies nicht unbedingt effizienter oder weniger anstrengend als das Tragen von Lasten auf dem Rücken. Ist die Körperhaltung nicht nahezu perfekt, kann es zu Schäden an der Wirbelsäule kommen (siehe Lloyd et al. 2010). Ich werde nie vergessen, wie ich indische Frauen sah, die ihre frisch gewaschene Kleidung in Blechbehältern, die sie auf ihren Köpfen balancierten, mühelos eine ziemlich rutschige Böschung hinauftrugen. Dies gelingt sicherlich nur mit einer fein abgestimmten Körperausrichtung, die für diese Frauen ganz selbstverständlich zu sein scheint (siehe rechte Abbildung auf Seite 16).
Es geht uns in diesem Kapitel also um die Kraft der Imagination, die mit den darstellenden Künsten eng verbunden zu sein scheint. Nachfolgend erhalten Sie Hintergrundinformationen über die Entstehung der Wissenschaft, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Imagination und Bewegung beschäftigt, eine Art »Who’s Who« der Ideokinesiologie (Imagination im Zusammenhang mit Bewegung).
Auf den folgenden Seiten untersuchen wir einige Methoden zur Verbesserung der Körperhaltung und der Körperausrichtung. Es geht nicht darum, die einzig richtige Methode zu finden, sondern darum, wie zahlreiche unterschiedliche Herangehensweisen unseren Sinn für eine gute Körperausrichtung schärfen können.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte Heinrich Kosnick, ein Münchner Pianist, eine Visualisierungsmethode, um die Fähigkeiten seiner Schüler zu fördern. Er nannte seine Visualisierungsübungen eine »psychophysiologische« Methode und empfahl, sie im Liegen durchzuführen. Seine mentalen Bilder stellten sich als so wirkungsvoll heraus, dass er zwei Bücher über dieses Thema schrieb: Lebenssteigerung (Life-Enhancement, Busoni, 1927) und Gestaltung durch Gestalt (Shaping Through Form, Busoni, 1971). Busoni war ein angesehener Pianist und Klavierlehrer, der seiner Arbeit eine wissenschaftliche Grundlage geben wollte. Kosnick wies darauf hin, dass fundierte Anatomiekenntnisse eine Voraussetzung dafür seien, ein Gespür für das richtige Funktionieren des menschlichen Körpers zu bekommen. Außerdem stellt er heraus, dass ein zielgerichteter Wille zu einer Verbesserung der Bewegungen führe. Margrit Bäumlein-Schurter, eine Schülerin Kosnicks, schrieb dazu ein Übungsbuch mit dem Titel Übungen zur Konzentration (1966).
Etwa zur selben Zeit, in der Kosnick seine Methode entwickelte, nutzte die Amerikanerin Mabel Todd, Autorin des Buches The Thinking Body (1972), ihre große Begabung und ihr Wissen über die Funktionsweise des menschlichen Körpers, um bei sich selbst und ihren Schülern erstaunliche Veränderungen herbeizuführen. Wenn ihre Unterrichtsmethode ebenso profund ist wie dieses Werk, dann muss es eine tiefgreifende Erfahrung gewesen sein, mit ihr arbeiten zu dürfen. Im Zusammenhang mit ihrer Methode sprach sie auch von »structural hygiene«. Ihre Bücher, darunter Early Writings: 1920–1934 (1977) und The Hidden You (1953), heben hervor, wie viel Eleganz dem menschlichen Körper eigen ist und dass er die Fähigkeit besitzt, sich entsprechend unserem Willen zu verändern. Todd, die am Columbia University Teachers College lehrte, hatte nach einem schweren Unfall selbst Bewegungsprobleme. Es schien, als ob ihre damaligen Ärzte nicht viel für sie tun konnten, und doch gelang es ihr, mithilfe von mentalen Bildern ihre Bewegungsfähigkeit vollständig wiederzuerlangen. Auf sie geht die Position »hook lying« (liegen wie ein Haken) oder die konstruktive Ruheposition (»constructive rest position«) zurück, eine der Übungspositionen bei der Arbeit mit mentalen Bildern (siehe »Die konstruktive Ruheposition« in Kapitel 6).
Bei ihrer Arbeit mit Tänzern erforschte und erweiterte Lulu Sweigard Mabel Todds Ideen. Sie definierte Ideokinese als »wiederholte Ideation eines Bewegungsablaufs ohne willentliche körperliche Anstrengung« (Sweigard, 1978, S. 187). 1929 veranlasste sie im Rahmen ihrer 1939 veröffentlichten Doktorarbeit eine Studie über die Auswirkungen von Visualisierungsübungen auf die Körperausrichtung, um festzustellen, ob die Muskelaktivität mittels Ideokinese so verändert werden könne, dass messbare Veränderungen in der Ausrichtung des Skeletts eintreten könnten. 15 Wochen lang führte Sweigard wöchentlich 30-minütige Sitzungen mit Studenten durch und entdeckte neun Bewegungslinien, entlang derer die meisten Veränderungen bewirkt werden können.
Bei der folgenden Beschreibung der Bewegungslinien und ihrer Auswirkungen erhalten Sie hier und da Hinweise auf die in diesem Buch erwähnten Visualisierungsübungen.
Für weitere Informationen über diese neun Linien empfehle ich Sweigards Buch Human Movement Potential: Its Ideokinetic Facilitation (1974).
Durch ihren direkten Eins-zu-eins-Ansatz hoffte Sweigard, die als normal angesehene durchschnittliche Beweglichkeit zu steigern. Sie bezeichnete ihre Methode als Ausbildung, weniger als Heilmethode. Die Ideokinese war für Sweigard keine Entspannungstechnik, sondern eine Methode, die Muskelarbeit im Bereich der Gelenke zu harmonisieren.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Entspannung und Anspannung zusammengehören. Zwar ist es für eine ausgeglichene Muskelaktivität erforderlich, dass bestimmte Muskelgruppen entspannt werden, andere Muskelgruppen müssen allerdings angespannt werden. Bei verspannten Schultern sollte man nicht nur seine Schultern entspannen, sondern den Muskeltonus in den Hauptstützmuskeln und Körperorganen erhöhen; nur so lassen sich langfristig Schulterverspannungen verringern. Muskeln verspannen sich häufig, um Schwachpunkte an anderen Stellen des Körpers zu kompensieren. Zwar zielen einige mentale Bilder darauf ab, die Muskelspannung entweder zu erhöhen oder zu verringern, doch im Allgemeinen besteht das Ziel des Visualisierens in einer komplexen Umverteilung der Muskelspannung, um so eine gleichmäßige Belastung der Gelenke zu erreichen. Sweigard (1974) schreibt hierzu: »Die wesentliche, freiwillige Leistung des zentralen Nervensystems ist die Vorstellung der Bewegung. Durch Konzentration auf die bildliche Vorstellung von Bewegung wählt das zentrale Nervensystem die wirksamste neuromuskuläre Kombination für seine Leistung aus, und zwar angeborene Reflexe und Rückmeldemechanismen.« (Sweigard, 1978, S. 6)
Ein imaginativer Reißverschluss, der sich vor dem Becken schließt
Nach Bäumlein-Schurter (1966) beginnt der Prozess der Neuausrichtung mit Entspannungsarbeit, gefolgt vom Aufbau des lebenserhaltenden Muskeltonus. Diese Ideen unterscheiden sich von denen Sweigards, zumindest in der Theorie. Von Anfang an ist die ideokinetische Methode darauf ausgerichtet, erschlaffte Muskeln zu aktivieren und gleichzeitig verspannte Muskeln zu lockern. Das Ziel besteht darin, schon zu Beginn des Trainings eine ausgewogene Muskeltätigkeit zu erreichen. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass die meisten Anfänger besser mit mentalen Bildern zur Entspannung zurechtkommen (»Die Schultern schmelzen wie Eis«, »Der Rücken breitet sich auf dem Boden aus«) als mit solchen zur Muskelaktivierung (»Die zentrale Achse verlängert sich nach oben«). Doch für erfahrene Übende stellen Spannung und Entspannung zwei Seiten einer Medaille dar: Ein mentales Bild zur Lösung von Spannungen aktiviert gleichzeitig schlaffe Muskeln; ein die Muskeln aktivierendes mentales Bild lockert gleichzeitig verspannte Muskeln. Die praktische Anwendung der Ideokinese und die Arbeit von Kosnick/Bäumlein-Schurter sind sich also ähnlicher, als man aufgrund der dahinterstehenden Theorien vermuten würde.
Barbara Clark war zunächst Patientin, dann Schülerin von Mabel Todd. Sie schrieb drei Sachbücher (Clark, 1963, 1968, 1975; am ersten Buch waren mehrere ihrer Schüler, darunter auch André Bernard, beteiligt). In den 1990er-Jahren verfasste Pamela Matt von der Fakultät für Tanz an der Arizona State University ein Buch, das einen ausgezeichneten Überblick über Clarks Beitrag auf diesem Gebiet gibt (1993). Clark entwickelte einige sehr wertvolle Übungen, die helfen, sich die zentrale Achse des Körpers besser bewusst zu machen, was für eine Verbesserung der Körperausrichtung wesentlich ist.
Ein Schüler Clarks, André Bernard, begann 1965 als Dozent am Dance Department of NYU School of the Arts (New Yorker Kunsthochschule, Fakultät für Tanz); dort begegnete ich ihm 1979 zum ersten Mal. Bernard hat ein Talent dafür, die anatomische Vorstellungsfähigkeit der Studenten mit seinen Händen zu unterstützen; man spricht in diesem Zusammenhang von taktiler Unterstützung. Die Bilder scheinen geradezu aus seinen Händen zu fließen. Seine tiefe, sonore Stimme unterstützt den Gesamteindruck eines jeden Bildes und eignet sich besonders für den Unterricht in der konstruktiven Ruhe. Bernard nannte Barbara Clark einmal »einen Menschen, der mit einer einfachen Begrifflichkeit und elementaren, ursprünglichen Vorstellungsbildern arbeitet; ihre mentalen Bilder sind wie ein Gemälde von Picasso« (Vorlesungsnotizen, 1982). Sowohl Clark als auch Bernard unterrichteten Tänzer und Schauspieler, darunter auch Marilyn Monroe, die übrigens Clarks schriftstellerisches Wirken unterstützte (Matt, 1993).
Viele weitere, hervorragende Lehrkräfte wurden von Barbara Clark ausgebildet; einer von ihnen war John Rolland (vgl. zum Beispiel Rolland, 1984). Rolland gab Kurse in Körperausrichtung beim Vermont Movement Workshop; 1981 wurde er eingeladen, am Modern Dance Department der staatlichen Hochschule für Theater in Amsterdam (jetzt School for New Dance Development) zu unterrichten.
Die Übung »Um die eigene Körperachse kreisen« (siehe links) führte ich häufig mit dem Schweizer Kunstturn-Nationalkader durch. Es zeigte sich, dass Sprungkraft allein – und davon hatten die Kunstturner reichlich – nicht zu gelungenen Doppeldrehungen in der Luft führt. Eine klare Vorstellung der eigenen Körperachse verbraucht weniger Kraft und verbessert die Drehungen.
Während ihrer Tanzausbildung entdeckte Joan Skinner, die mit der Martha Graham Dance Company, der Cunningham Dance Company und vielen anderen auftrat, dass vieles von dem, was sie gelernt hatte, zu einem angestrengt wirkenden Tanzstil führte und Verspannungen und Schmerzen hervorrief. Nachdem sie einige Jahre für sich selbst die Alexander-Technik ausprobiert hatte, entwickelte sie eine neue Trainingsmethode, basierend auf dem Wissen des eigenen Körpers. In einer radikalen Abkehr vom traditionellen Tanztraining konnte es bei ihr vorkommen, dass die Tänzer auf dem Boden lagen und ganz in ein mentales Bild versunken waren oder mit einem ganzheitlichen Vorstellungsbild nach Haiku-Art improvisierten (Haiku sind kurze japanische Gedichte, die eine bestimmte Stimmung hervorrufen). Skinners Methode, die sie »Releasing« (Loslassen) nannte, verwendet poetische Vorstellungsbilder und bietet eine gute Grundlage für mühelos kontrollierte Bewegungen. Über das Releasing sagte Stephanie Skura, Choreografin und Lehrerin dieser Methode, Folgendes: »Loslassen ist eine wesentliche Vorbereitung darauf, dass ein mentales Bild uns wirklich bewegt. Releasing hat nichts mit sanften Bewegungen zu tun; es geht um ein fortwährendes Im-Fluss-Sein, ohne an irgendetwas festzuhalten. Eine gute Körperausrichtung entsteht nicht dadurch, dass wir uns auf irgendeine Mitte konzentrieren, sondern dadurch, dass wir die Energie in uns, durch uns hindurch und um uns herum fließen lassen. Dies ist keine mechanische Energielehre des Industriezeitalters; es ist auch nichts Endgültiges, das man herstellen, speichern und aufbrauchen kann. Man empfindet sich als Teil einer umfassenderen Energie.« (Notiz eines persönlichen Gesprächs im Juli 1993)
Das hinter der Releasing-Theorie stehende Konzept erinnert mich an den griechischen Philosophen Heraklit, der um 500 v. Chr. in Ephesus lebte und behauptete, dass alle Dinge sich in ständiger Bewegung befänden. Er sagte, dass Einheit nur durch ständige Veränderung möglich sei, und verdeutlichte dies am Beispiel eines Flusses: »An denjenigen, die immer wieder in denselben Fluss steigen, fließt jedes Mal anderes Wasser vorbei« (zitiert nach Encyclopaedia Brittanica, 1966, »Heracleitus«, S. 386). Allerdings unterliegen nicht alle Dinge ständiger Veränderung. Felsen und Gebirge können zeitweilig unverändert bleiben, aber zu gegebener Zeit werden auch sie sich verändern.
Die Vorstellung des Fließens ist entscheidend, um zu einer dynamischen Körperausrichtung zu gelangen. Unsere Vorstellungskraft führt nicht nur zu einer bestimmten Körperhaltung, sondern kann unserem Körper auch zu einer besseren Ausrichtung verhelfen. Faszinierend daran ist: Etwas Fließendes kann nicht angehalten werden, weil es sonst nichts Fließendes mehr ist; so gesehen kann auch Körperausrichtung nichts Starres sein. Wenn Sie zu verstehen lernen, dass Ihre Körperausrichtung etwas Fließendes ist und sich sogar auf der Ebene der Zellen oder der Moleküle ständig verändert, sind Sie in der Lage, auf dieses Fließen Einfluss zu nehmen. Durch die Arbeit mit mentalen Bildern können Sie Ihre Körperausrichtung jederzeit effizienter gestalten, allerdings ohne sie unverändert beibehalten zu können. Wären Sie gezwungen, den Fluss zu unterbinden, käme es zu einer muskulären Verspannung, auch wenn Sie sich gerade in einer, biomechanisch gesehen, gut ausgerichteten Körperhaltung befänden. Die Bausteine unseres Körpers, die Zellen, sind mit Flüssigkeit gefüllt und von ihr umgeben. Fließende Bewegungen gehören daher von Natur aus zum menschlichen Körper.
Tänzer, Pilates- und Yogalehrer und in jüngster Zeit auch Athleten machen die Erfahrung, dass verschiedene körperorientierte Schulen äußerst nützlich sind, um ihre tänzerischen Fertigkeiten beziehungsweise ihre Bewegungen zu verbessern. Bei folgenden nützlichen Techniken werden in bestimmten Kontexten mentale Bilder, meist nicht metaphorischer Art, verwendet, wobei diese Techniken aber nicht grundsätzlich auf der Imagination beruhen, wie es bei der Ideokinese und der Releasing-Methode nach Skinner der Fall ist.
Nach Donald Weed, einem Lehrer der Alexander-Technik, kristallisieren sich bei der Alexander-Technik zwei grundlegende Erkenntnisse heraus: »(1) Bei jeder Bewegung, die wir ausführen, verändert sich die Beziehung unseres Kopfes zu unserem Körper. Diese Veränderung geht der eigentlichen Bewegung voraus und begleitet sie; sie ist entweder hilfreich oder hinderlich. (2) Unser Bewusstsein hat die Fähigkeit, sämtliche Systeme, auch die natürlichen, außer Kraft zu setzen.« (Weed, 1990, S. 26)
Die Anweisungen der Alexander-Technik, bei denen sich der Kopf nach oben und nach vorn bewegt und der Rücken sich weiten darf, passen gut zu den mentalen Bildern, die Todd und Sweigard einsetzen. Das Alexander’sche Konzept der Hemmung, das heißt zu den üblichen mentalen und körperlichen Reaktionen Nein zu sagen, ist auch für die Arbeit mit mentalen Bildern von entscheidender Bedeutung.
Um ein mentales Bild nutzbringend einzusetzen, müssen Sie als Erstes Ihren Kopf von allen störenden Gedanken befreien. Imagination funktioniert nicht, wenn Sie nervös sind, jede Menge Gedanken in Ihrem Kopf umherschwirren und Sie sich dann ein paar mentale Bilder ausdenken. Das ist sinnlos. Sie müssen sich öffnen und für neue Möglichkeiten Ihres Körpers empfänglich sein. Sie brauchen auch nicht auf jeden Impuls, der Ihre Gedanken oder Muskeln erreicht, zu reagieren. (Ein Muskelimpuls ist für Sie körperlich spürbar, noch ehe Sie wissen, was Sie eigentlich tun wollen.) Sie sollten nämlich lernen, so wenig wie möglich auf einen irrationalen Impuls, etwas tun zu müssen, zu reagieren. Dann erst werden Sie in die Lage versetzt zu entscheiden, wie Sie eine Bewegung ausführen wollen, und zwar indem Sie sich das Beste der zur Verfügung stehenden Bewegungsmuster aussuchen. Das geeignete Bewegungsmuster kann man nur in einem entspannten Zustand finden, das heißt in einem Zustand, in dem Bewegungsmuster, die sich Ihnen spontan aufdrängen, ignoriert, übergangen oder blockiert werden können.
Das autogene Training wurde von dem deutschen Arzt Dr. I. H. Schultz (Schultz 1982) entwickelt und dient dazu, Spannungen zu lösen, den Herzschlag zu verlangsamen und andere physiologische Zustände des Körpers zu verändern. Die hierbei verwendeten mentalen Bilder, wie zum Beispiel schwere Beine, eine kühle Stirn und ein ruhiger Herzschlag, entspannen und beruhigen Körper und Geist. Im autogenen Training wird auch das Reden mit sich selbst in Form von positiven Affirmationen eingesetzt. Es ist interessant, mentale Bilder zur Entspannung des Körpers nach Schultz, Kosnick und Sweigard miteinander zu vergleichen. Schultz leitet seine Schüler an, ein Gefühl der Schwere in ihren Beinen zu spüren. Sweigard verwendet das Bild, dass der Körper wie ein Anzug sei, der in sich zusammenfalle, und Kosnick – so berichtet seine Schülerin Bäumlein-Schurter – lässt den Körper nach unten in den Boden sinken.
Die funktionelle Entspannung ist eine körperorientierte Therapie und wurde in Deutschland von Marianne Fuchs entwickelt. Sie geht zurück auf die deutsche Mensendieck-Methode. Die Ziele der funktionellen Entspannung bestehen darin, beim Ausatmen das eigene Gewicht, den Puls sowie Bewegungen zu erspüren, um optimal mit dem eigenen Körper umgehen zu lernen. Hierbei setzt Fuchs mentale Bilder in vielfältiger Weise ein. Bei der funktionellen Entspannung werden mit einer Reihe von Visualisierungsübungen die 15 inneren Körperräume »erinnert«. Diese Räume sowie ein Bewusstsein für unser Knochengerüst sind für eine aufrechte Haltung sehr wichtig. Fuchs (Fuchs, 1984) weist auch darauf hin, dass falsche Bewegungen und Haltungsmuster, die durch negative Emotionen entstanden sind, nur durch positive Gefühle und Bilder aufgelöst werden können.
Bei der von Moshé Feldenkrais entwickelten Feldenkrais-Methode gibt es keine richtige oder falsche Haltung. Diese Methode arbeitet mit folgenden Fragen: Was für einen Körperbau haben Sie? Wo sind Sie? Was tun Sie gerade? Was wollen Sie tun? Die Feldenkrais-Methode verwendet Bewegungsübungen (einige davon sind erstaunlich einfach), um unsere Beweglichkeit und unsere Bewegungsmuster zu verändern. Kursteilnehmer werden manchmal angeleitet, eine Bewegung auf der einen Körperseite auszuführen, sie aber nur auf der anderen Seite zu visualisieren, oder sich eine bestimmte Bewegung erst mehrmals vorzustellen, bevor sie sie tatsächlich ausführen. Layna Verin schreibt, dass die Feldenkrais-Methode erfolgreich sei, weil man sensibler unterscheiden lerne, indem man sich eine Bewegungsabfolge ausdenke, die ohne sensible Wahrnehmung nicht möglich sei, und indem einem der kurze Augenblick bewusst werde, der zwischen der Vorbereitung auf eine Bewegung und ihrer tatsächlichen Ausführung liege – ein kurzes Intervall, in dem man die eigene Fähigkeit zur Unterscheidung und zur Veränderung üben könne (siehe Verin, 1980, S. 84).
Die Schule für Body-Mind-Centering wurde 1973 von Bonnie Cohen und Mitarbeitern gegründet; sie lehrt Bewegung auf der Grundlage anatomischer, physiologischer und entwicklungsbedingter Prinzipien. Cohen, die Künstlerin, Tänzerin und Schauspielerin war, erhielt ihre Zulassung als Ergotherapeutin und Neurophysiologin von den Bobaths (Entwicklungskörpertherapeuten) in England. Sie bildete sich auch in neuromuskulärer Reedukation (eine andere Bezeichnung für Todds Arbeit mit mentalen Bildern) bei André Bernard weiter; des Weiteren lernte sie Zero Balancing (»die Kunst, das Nervensystem zu trainieren«), Körperarbeit nach Fritz Smith und Katsugen Undo bei Haruchi Noguchi in Japan.
Imagination ist Teil des Body-Mind-Centering und wird im Bereich der Muskulatur, des Körperbaus, der Atmung, der Verdauung, des Blutkreislaufs, des Nerven- und Hormonsystems angewendet. Ausführlich wird die Entwicklung im Kindesalter berücksichtigt; früh erlernte Bewegungsabläufe wie Kriechen, Krabbeln und Drehen werden zu den Entwicklungsphasen im Tierreich in Beziehung gesetzt. Bonnie Cohen veröffentlichte 1994 eine Sammlung von Artikeln, die zuvor in der Zeitschrift Contact Quarterly veröffentlicht wurden (Cohen, 1994).
Das Wort Yoga kommt aus dem Sanskrit und bedeutet »vereinen« oder »Verbindung«, ähnlich dem lateinischen Wort yugum und dem deutschen Wort »Joch«. Es bedeutet das Zusammenfügen (vereinen) oder das Verbinden des menschlichen Bewusstseins mit etwas Höherem, Transzendentem, etwas Ewigem (Rishabhchand, 1953). Die bekannteste aller Yogaschriften ist die vor 2500 Jahren geschriebene Bhagavad-Gita (Loblied Gottes). Bereits zu jener Zeit galt Yoga als antike Tradition. Bestimmte Überzeugungen und Yogapraktiken werden auch in der im 3. Jahrtausend v. Chr. verfassten Rig-Veda-Schrift erwähnt, die als ältestes Schriftstück im indogermanischen Sprachraum gilt (siehe Feuerstein, 1996). Yoga ist für uns von besonderem Interesse, da hier zum ersten Mal Körperausrichtung und Imagination schriftlich beschrieben werden. Sowohl im Hatha-Yoga als auch im tantrischen Vajrayana-Buddhismus, der in Tibet verbreitet ist, werden mentale Bilder verwendet, um erhöhte Konzentrations- beziehungsweise Meditationszustände zu erreichen (siehe Feuerstein, 1996, S. 86). Auf einer Stufe dieser spirituellen Praktik werden die Gottheiten zusammen mit ihren entsprechenden Umgebungen, den Mandalas (Kreisen), visualisiert. Einzelheiten zur Visualisierung ergeben sich aus mündlichen Anweisungen und speziellen Handbüchern. Viele der Anweisungen weisen Ähnlichkeiten mit modernen Ansätzen der Sportpsychologie auf, wo es darum geht, die Konzentration der Sportler zu verbessern.
In den Vereinigten Staaten ist Hatha-Yoga die bekannteste und die am häufigsten praktizierte Form des Yoga (Hatha kommt aus dem Sanskrit und bedeutet »Kraft« oder »kräftig«). Hatha-Yoga basiert auf der Annahme, dass der menschliche Körper nicht eine Masse lebender Materie ist, sondern eine mystische Brücke zwischen dem spirituellen und dem physischen Wesen darstellt (siehe Rishabhchand, 1953). Einige Positionen, die Asanas, dienen dazu, die Vitalitätsströme, das sogenannte Prana, anzuregen und zu erhalten sowie Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit zu verbessern. Atemübungen, genannt Pranayama, reinigen und stärken das Nervensystem und beruhigen den Geist, indem sie den Fluss der Lebensenergie steuern und stabilisieren. Die grundlegenden Texte des Hatha-Yogas sind die Yoga-Sutras von Patanjali, die ungefähr im 2. Jahrhundert v. Chr. verfasst wurden. Diese Texte beschreiben Entspannung als wesentliche Voraussetzung beim Üben in verschiedenen Positionen, die stabil und angenehm sein sollten und bei denen sich, ganz nebenbei, Verspannungen lösen sollten. Die Körperausrichtung sollte ohne Anspannung und mühelos verbessert werden können; generell zeugt Mühelosigkeit von einer guten Körperausrichtung.
Letztendlich ähneln die Begriffe in der Rig-Veda-Schrift den modernen Theorien in der Imaginationspädagogik. Nach vedantischer Ansicht habe der Verstand selbst (wie auch die Sinne) nur eine begrenzte Macht, der seine eigenen Repräsentationen, Konstruktionen und Bezüge herstelle und sie der Realität aufzwinge (siehe Aurobindo, 1970, S. 211). Ein mentales Bild ist eine geistige Repräsentation einer körperlichen Handlung, eines Gefühlszustands, einer zukünftigen oder vergangenen Situation. Unsere Vorstellung ist subjektiv und nicht absolut, sonst würde jeder die Welt auf die gleiche Art und Weise wahrnehmen und die gleiche Meinung und Gefühlsreaktion auf Dinge und Situationen haben, was offensichtlich nicht der Fall ist. Der erste Schritt, um gut mit dem Imaginieren zurechtzukommen, besteht darin, die Relativität der eigenen Repräsentationen zu erkennen und sich die Freiheit zu nehmen, das Bild, also die mentale Repräsentation, den eigenen Zielen (im Zusammenhang mit der Haltung, der Bewegung oder einem anderen Bereich) anzupassen.
Joseph Pilates (1883–1967) wurde in Deutschland geboren, wo er in den 1920er-Jahren ein Trainingsprogramm entwickelte. In seiner Kindheit war er häufig krank und war nun entschlossen, seinen Körper zu kräftigen und seine Gesundheit insgesamt zu verbessern. Er hatte Erfahrungen mit Yoga, der Zen-Meditation und den Kampfsportarten gemacht, und seine Übungen waren innovativ, weil sie die Harmonie zwischen Denken und Muskulatur hervorhoben. Pilates nutzte die Imagination, um die Bewegungen gut gesteuert auszulösen. Im Jahr 1926 eröffnete er ein Studio in New York City, und 1945 veröffentlichte er sein Buch Return to Life Through Contrology, in dem er die seinen Übungen zugrunde liegende Philosophie beschrieb. Einige seiner Schüler eröffneten eigene Studios, wobei sie die Methode noch verfeinerten, und so verbreiteten sich Pilates’ Übungen vor allem bei denjenigen, die sich beruflich mit Bewegung beschäftigten. In den 1990er-Jahren erlebte die Geist-Körper-Fitnessbewegung einen Aufschwung und Pilates wurde weithin bekannt.
Körperausrichtung und Imagination sind Schlüsselelemente bei Pilates. Sweigards Reißverschluss-Bild wird verwendet, um über die Aktivierung der schrägen Bauchmuskeln die Körpermitte zu kräftigen. Sweigard selbst wäre möglicherweise mit einer derartigen Verwendung ihres Bildes nicht einverstanden gewesen, weil es sich bei Pilates um eine willentliche und nicht nur imaginäre Aktivität handelt. Pilates ist ein ausgereiftes Trainingsprogramm und nutzt die Imagination, um einen klaren Fokus zu schaffen, das Maß an Anstrengung zu modulieren und während der Übungen in Bewegung zu kommen.
Alle zuvor erwähnten Methoden sind außerordentlich originell und kreativ. Was sie – auf die eine oder andere Art – miteinander verbindet, ist der Einsatz von mentalen Bildern als Katalysator zur Veränderung. Ich beende dieses Kapitel mit Erläuterungen zu meiner eigenen Methode im Zusammenhang mit der Körperausrichtung, der sogenannten Franklin-Methode, die ich seit vielen Jahren unterrichte und auf der dieses Buch basiert.
Das Ziel einer dynamischen Körperausrichtung besteht darin, den Körper gesund zu erhalten und Bewegungseffizienz zu erreichen. In meiner langjährigen Unterrichtstätigkeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Antrainieren einer »korrekten« Haltung selten zu einer besseren Beweglichkeit führt, sondern sie eher erschwert. Unser gesamter Körper ist ein Zusammenspiel aus koordinierten Bewegungen wie in einer Symphonie. Wenn wir uns bewegen, finden kleinste Anpassungen und Verschiebungen statt, von denen einige für das bloße Auge sichtbar, andere dagegen nicht sichtbar sind. Jeder Teil des Körpers, der sich dieser komplexen Koordination aufgrund einer rigiden Vorstellung von Haltung widersetzt, beeinflusst die Leistung des gesamten Systems.
In gewisser Weise wird Ihre ideale Haltung ständig neu geschaffen. Das ideale Zusammenspiel zwischen Gliedmaßen, Gelenken, Schwerkraft, beweglicher Teile, Bindegewebe und Muskeln muss von Ihrem Gehirn und Ihrem Nervensystem ständig neu gefunden und gesteuert werden. Ein statisches Körperausrichtungskonzept verhindert feine Anpassungen, die für koordinierte Bewegungen entscheidend sind. Die komplexe Matrix Ihres Stützsystems wechselt ständig von einer Position in die andere. Mit anderen Worten: das Zusammenspiel von Muskeln, das für Position A perfekt ist, ist es nicht für Position B.
Die Haltung zu korrigieren, indem man gesagt bekommt, welche Muskeln aktiviert werden sollen, basiert auf der Annahme, dass jeder die gleichen Muskeln zum gleichen Zeitpunkt einsetzt, um den Körper entsprechend auszurichten. Dies hat sich als nicht wissenschaftlich fundiert erwiesen (siehe die Kapitel 11, 12 und 13). Statt bestimmte Positionen zu lehren, sollte man das Trainieren einer guten Körperausrichtung mit einem Bewegungsbild verbinden. Es gibt zwar Gemeinsamkeiten, aber Haltung ist wie ein Fingerabdruck. Wenn wir uns auf einen einzelnen Muskel oder ein einzelnes Gelenk fokussieren, tun wir dies, um die Effizienzsteigerung an einer einzelnen Stelle des Körpers in das gesamte Bewegungsverhalten zu integrieren.
Dynamische Körperausrichtung ist Bewegung. Um Stabilität beim Bewegen zu schaffen, bedarf es bestimmter Schwingungen, feiner Bewegungen, die die Wirkung der Kräfte, die gerade mitspielen (zum Beispiel Schwerkraft und Muskulatur), abmildern. Anders ausgedrückt: Ein elastischer Körper strahlt eine größere Ruhe aus.
Im folgenden Kapitel untersuchen wir, wie verschiedene Haltungsmodelle in Ihnen das Verständnis für eine dynamische Körperausrichtung wecken können.
Schon im antiken Griechenland, in Rom und Ägypten war Körperhaltung ein wichtiges Thema. In der Moderne haben Mabel Todd und andere Experten hervorgehoben, wie wichtig eine gute Körperausrichtung für effiziente Bewegungen und die Gesundheit insgesamt ist. Mabel Todds Schülerin Lulu Sweigard veranlasste schon früh eine Studie über die Auswirkungen von Imagination auf die Körperausrichtung. Sie wollte herausfinden, ob die Muskeln mittels Vorstellungsübungen neu koordiniert werden konnten, um messbare Veränderungen in der Körperausrichtung zu erzielen. Ihre Studie führte dazu, dass neun Bewegungslinien benannt wurden, entlang derer die Körperhaltung verbessert werden kann.
Kapitel 2
Haltungsmodelle und dynamische
Körperausrichtung
Ihre Beweglichkeit ist nur so gut, wie es Ihre Körperhaltung
zulässt. Ihre Körperhaltung ist nur so gut wie Ihre
Bewegungsökonomie.
In diesem Kapitel geht es nicht darum, eine eindeutige und statische Definition von Körperhaltung und -ausrichtung zu entwickeln, sondern unser Gespür für eine gute Haltung zu verbessern und Möglichkeiten kennenzulernen, wie wir eine bessere, dynamische Körperausrichtung erlangen. Es gibt viele verschiedene Arten, wie wir zu einer guten Ausrichtung gelangen können, und jede dieser Arten verhilft uns zu neuen Einsichten, so als würden wir durch verschiedenfarbige Brillengläser schauen. Einen Moment lang nehmen wir unsere Körperausrichtung wie eine Perlenkette wahr, im nächsten Augenblick als hängendes Mobile. Bald werden Sie feststellen, wie Ihre Knochen sich in einem dreidimensionalen Spannungsverhältnis befinden, um eine bestmögliche Beweglichkeit zu erreichen. Ihre gewohnheitsmäßige Haltung ist, wie sie ist; meist nehmen Sie unbewusst eine bestimmte Haltung ein. Wenn Sie dann allerdings feststellen, dass es auch andere, effizientere Arten von Körperhaltung gibt, sind Sie offen für eine Veränderung. Indem Sie sich mit verschiedenen Haltungsmodellen beschäftigen, erkennen Sie leichter, welches Ihre eigenen Haltungs- und Bewegungsmuster sind und ob diese Ihnen nützen oder schaden.
Werfen wir einen kurzen Blick in die Vergangenheit und betrachten wir Körperhaltung aus historischer und anthropologischer Sicht. Der früheste Nachweis für ein systematisches Körpertraining hinsichtlich einer besseren Körperhaltung stammt aus dem antiken Griechenland beziehungsweise von den Olympischen Spielen.
Jeder einzelne Muskel Ihres Körpers existiert nur, weil er eine wichtige Funktion hat; er wurde und wird als Teil des Ganzen gebraucht, um Bewegung zu ermöglichen. Dies war schon immer so, noch bevor es codierte Trainingsprogramme gab. Die Menschen waren auch ohne entsprechende Fitnessprogramme in Form. Stehen, gehen, rennen, sitzen, aufstehen, sich hinsetzen, klettern, tragen, drücken und ziehen waren ein ausreichendes Training für jeden Muskel und jede Sehne des Körpers. Gehen ist wahrscheinlich die am häufigsten vorkommende Bewegungsart, die unser gesamtes Muskel-Skelett-System aktiviert. Aus dieser Sicht stellen alle Fitnessprogramme, die es heutzutage gibt, bestimmte Ansichten darüber dar, wie man die gleichen Ergebnisse erzielen kann wie mit den seit Jahrtausenden üblichen Bewegungen.
Unser jahrtausendealtes Wissen scheint vergessen, sobald wir dazu angehalten werden, bestimmte Muskeln anzuspannen, um korrekt zu gehen und zu stehen. Wenn die Natur es nicht vorgesehen hätte, dass wir unsere Muskeln bewegen können, ohne dass wir willentlich mitwirken, würden diese Muskeln erst gar nicht existieren. Die Evolution, die von Funktionalität angetrieben wird, hätte sie abgeschafft.
Wenn Sie die Imaginationsübungen durchführen, werden Sie feststellen, dass Sie bereits mit einfachen