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Swami Nikhilananda: Sri Ramakrishna: Eine Biografie

1. Auflage, 2021

Titel der Originalausgabe:

Swami Nikhilananda: Sri Ramakrishna: A Biography. – 4th Impression. – Madras:

Sri Ramakrishna Math, 1982

Übersetzung mit Erlaubnis des Ramakrishna-Vivekananda-Center New York

Fotos: Ramakrishna-Vivekananda-Center New York

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 9783753487526

Umschlaggestaltung: BoD Books on Demand GmbH

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

„Sri Ramakrishna: Eine Biografie“ bildet die Einleitung zu „The Gospel of Sri Ramakrishna“, das 1942 vom Ramakrishna-Vivekananda Centre in New York, USA, veröffentlicht wurde. Es enthält eine kurze Biografie des Propheten des modernen Indien, das hauptsächlich auf „Life of Sri Ramakrishna“ basiert, einer Veröffentlichung des Advaita Ashrama in Mayavati.1 Enthalten sind auch kurze Erklärungen mehrerer religiöser Denkrichtungen Indiens, die mit Sri Ramakrishnas spirituellen Übungen und Erfahrungen in Zusammenhang stehen.

Der letzte Teil des Buches mit der Überschrift „Nach dem Tod Sri Ramakrishnas“ gibt ein Bild des täglichen Lebens von Sri Ramakrishnas Schülern nach seinem Tod und enthüllt den asketischen Hintergrund der Ramakrishna-Mission.

Sri Ramakrishna wird heute als die große Manifestation der Göttlichkeit in der modernen Zeit betrachtet. Seine verschiedenen spirituellen Erfahrungen, seine Harmonisierung der verschiedenen Konfessionen und der Beweis, den er erbrachte, dass der Mensch seine niedere Natur völlig besiegen kann, kennzeichnen ihn als eine einmalige Gestalt in der spirituellen Weltgeschichte. Sri Ramakrishna ist eine historische Tatsache, der erste Gottmensch, der fotografiert wurde und dessen Worte präzise aufgezeichnet wurden.

Das Erscheinen Sri Ramakrishnas verkörpert das Heranbrechen eines neuen Zeitalters in Indien. Die Freiheitsbewegung der Inder nahm in Dakshineswar ihren Ausgang, unabhängig davon, wie sie sich später entwickelt hat. Die spirituelle Sehnsucht, die dreihundert Millionen Hindus in den letzten dreitausend Jahren hegten, fand in den Erkenntnissen Sri Ramakrishnas ihre Erfüllung. Swami Vivekananda wandte die Lehren seines Meisters für die Bewältigung der vielen Probleme an, von denen die Welt heute geplagt wird und die durch Wissenschaft und Technologie ins Blickfeld geraten sind. Es ist die universelle Lehre Sri Ramakrishnas, die die Menschen überall erwartungsvoll, oft unbewusst suchen, das Licht, das ihren gegenwärtigen Zweifel und ihre Verwirrung beseitigt und Frieden und Wohlwollen unter allen fördert.

Ramakrishna-Vivekananda Centre,

New York,

1. Januar 1953

Nikhilananda


1 [Life of Sri Ramakrishna: compiled from various authentic sources. – Mayavati: Advaita Ashrama; Fußnoten in eckigen Klammern stamen von der Übersetzerin.]

KAPITEL I

DIE FRÜHEN JAHRE

Sri Ramakrishna, der Gottesmann des modernen Indien, wurde in Kamarpukur geboren. Dieses Dorf im Hooghly Distrikt hatte sich während des letzten Jahrhunderts die idyllische Einfachheit der ländlichen Gegend Bengalens bewahrt. Weit weg von der Bahnstrecke gelegen war es unberührt vom Zauber der Stadt. Es gab dort Reisfelder, hohe Palmen, königliche Banyanbäume, einige Seen und zwei Einäscherungsplätze. Südlich des Dorfes floss geruhsam ein Fluss. Ein Mangohain, der vom benachbarten Grundbesitzer für die Öffentlichkeit bestimmt war, wurde oft von den Jungen für ihren mittäglichen Sport genutzt. Eine Hauptstraße führte durchs Dorf zum großen Tempel von Jagannath in Puri. Die meisten Dorfbewohner waren Bauern oder Handwerker, die die vielen durchziehenden heiligen Männer und Pilger versorgten. Die Eintönigkeit des Dorflebens wurde von munteren Festen, der Feier heiliger Tage, dem Singen religiöser Lieder und anderen unschuldigen Vergnügen unterbrochen.

Über seine Eltern sagte Sri Ramakrishna einmal: „Meine Mutter war die Verkörperung von Rechtschaffenheit und Freundlichkeit. Sie wusste nicht viel über die weltliche Lebensart. Sie konnte nichts verheimlichen und sagte, was sie dachte. Die Leute liebten sie für ihre Offenherzigkeit. Mein Vater, ein orthodoxer Brahmane, nahm nie Geschenke von den Shudras an. Er verbrachte viel Zeit mit Verehrung und Meditation, mit der Wiederholung von Gottes Namen und dem Singen Seines Lobs. Jedes Mal, wenn er in seinen täglichen Gebeten die Göttin Gayatri anrief, wurde seine Brust rot, und es rannen ihm Tränen über die Wangen. Seine Freizeit verbrachte er damit, für die Familiengottheit Raghuvir Girlanden zu winden.

Die Eltern Sri Ramakrishnas, Khudiram Chattopadhyaya und Chandra Devi, heirateten 1799. Zu dieser Zeit lebte Khudiram im Dorf seiner Vorfahren Dereypore, das nicht weit von Kamarpukur entfernt liegt. Ihr erster Sohn Ramkumar wurde 1805 geboren und ihre erste Tochter Katyayani 1810. 1814 wurde Khudiram von seinem Grundherrn befohlen, vor Gericht ein falsches Zeugnis gegen einen Nachbarn abzulegen. Als er sich weigerte, brachte der Grundherr eine falsche Anklage gegen ihn vor und entzog ihm seinen Familienbesitz. Auf diese Weise enteignet, kam Khudiram auf Einladung eines anderen Grundbesitzers ins stille Dorf Kamarpukur, wo er Unterkunft und etwa einen Morgen fruchtbares Land erhielt. Die Ernte von diesem kleinen Grundstück reichte für die einfachen Bedürfnisse seiner Familie aus. Hier lebte er in Einfachheit, Würde und Zufriedenheit.

Zehn Jahre nachdem Khudiram nach Kamarpukur gekommen war, machte er zu Fuß eine Pilgerreise nach Rameswaram im äußersten Süden Indiens. Zwei Jahre später wurde sein zweiter Sohn geboren, dem er den Namen Rameswar gab. 1835, im Alter von sechzig, machte er erneut eine Pilgerreise, diesmal nach Gaya. Seit alter Zeit strömen Hindus aus allen Himmelsrichtungen Indiens hierher, um ihre Pflicht ihren Ahnen gegenüber zu erfüllen, indem sie ihnen Essen und Trinken beim heiligen Fußabdruck des Herrn Vishnu darbringen.2 An diesem heiligen Ort träumte Khudiram, dass der Herr Vishnu ihm versprach, als sein Sohn geboren zu werden. Auch Chandra Devi hatte vor dem Siva-Tempel in Kamarpukur eine Vision, die ihr die Geburt eines heiligen Kindes anzeigte. Als der Ehemann nach Hause zurückkehrte, erfuhr er, dass sie schwanger war.

Am 18. Februar 1836 wurde das Kind, das später als Ramakrishna bekannt wurde, geboren. In Erinnerung an den Traum in Gaya wurde ihm der Name Gadadhar (Träger der Keule) gegeben, was ein Beiname von Vishnu ist. Drei Jahre später wurde noch eine kleine Schwester geboren.

DIE KINDHEIT

Gadadhar wuchs zu einem gesunden und umtriebigen Jungen heran, der voller Späße und lieblichem Schalk war. Er war intelligent und frühreif und hatte ein außerordentlich gutes Gedächtnis. Auf dem Schoß seines Vaters lernte er die Namen seiner Vorfahren und die Lieder für die Götter und Göttinnen auswendig. In der Dorfschule wurde er in Lesen und Schreiben unterrichtet. Aber seine größte Freude war es, den Rezitationen der Geschichten aus der Hindu-Mythologie und den Epen zuzuhören. Diese erzählte er dann zur großen Freude der Dorfbewohner aus dem Gedächtnis. Er malte gern und lernte von den Töpfern die Kunst, Statuen von Göttern und Göttinnen zu modellieren. Aber er hegte eine große Abneigung gegen das Rechnen.

Karmapukur

Im Alter von sechs oder sieben erlebte Gadadhar seine erste spirituelle Ekstase. Eines Tages im Juni oder Juli, als er einen schmalen Weg zwischen den Reisfeldern entlangging und den Puffreis aß, den er in einem Korb trug, blickte er zum Himmel hinauf und sah eine schöne, dunkle Gewitterwolke. Als sie sich ausbreitete und schnell den ganzen Himmel bedeckte, flog ein Schwarm schneeweißer Kraniche vor ihr vorbei. Die Schönheit des Kontrastes überwältigte den Jungen. Er fiel bewusstlos zu Boden, und der Puffreis wurde in alle Richtungen verstreut. Dorfbewohner fanden ihn und trugen ihn in ihren Armen nach Hause. Gadadhar sagte später, dass er in diesem Zustand eine unbeschreibliche Freude erfahren hatte.

Gadadhar war sieben Jahre alt, als sein Vater starb. Dieses Ereignis traf ihn zutiefst. Der Junge erkannte zum ersten Mal, dass das irdische Leben unbeständig ist. Von anderen unbeobachtet schlüpfte er in den Mangohain oder auf einen der Einäscherungsplätze und verbrachte dort Stunden in Gedanken versunken. Er half auch seiner Mutter mehr im Haushalt. Er widmete dem Lesen und Zuhören der religiösen Geschichten aus den Puranas mehr Aufmerksamkeit. Und er begann, sich für die Wandermönche und frommen Pilger zu interessieren, die auf dem Weg nach Puri waren und in Kamarpukur Halt machten. Diese Heiligen, die Hüter des spirituellen Erbes Indiens und die lebendigen Zeugen des Ideals der Entsagung der Welt und der allumfassenden Gottesliebe, unterhielten den kleinen Jungen mit Geschichten aus den hinduistischen Epen, von Heiligen und Propheten und auch mit den Geschichten ihrer eigenen Erlebnisse. Er holte im Gegenzug Wasser und Brennmaterial für sie und diente ihnen auf verschiedene Weise. Währenddessen beobachtete er ihre Meditation und Verehrung.

Als Gadadhar neun war, erhielt er die heilige Brahmanenschnur. Mit dieser Zeremonie wurden ihm die Befugnisse seiner brahmanischen Abstammung übertragen, was auch die Verehrung der Familiengottheit Raghuvir einschloss und ihm die vielen strengen Vorschriften des brahmanischen Lebens auferlegte. Während der Einweihungsfeier schockierte er seine Verwandten, weil er von seinem Kindermädchen, das eine Shudra war, eine gekochte Mahlzeit annahm. Sein Vater hätte so etwas nicht im Traum getan. Aber Gadadhar hatte der Frau im Scherz einmal versprochen, dass er etwas von ihr Gekochtes essen würde, und jetzt erfüllte er sein Versprechen. Die Frau war fromm und aufrichtig religiös, und das war für den Jungen wichtiger als die gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

Gadadhar durfte jetzt Raghuvir verehren. Damit begann seine erste Unterweisung in Meditation. Er verehrte Ihn so sehr aus ganzem Herzen und ganzer Seele, dass die steinerne Statue ihm bald als der lebendige Herr des Weltalls erschien. Seine Neigung, sich in Kontemplation zu verlieren, wurde in dieser Zeit zum ersten Mal bemerkt. Hinter seiner jungenhaften Unbeschwertheit wurde eine Vertiefung seines spirituellen Wesens erkennbar.

Etwa um diese Zeit wurde für die Sivaratri-Nacht, die der Verehrung Sivas geweiht ist, ein Schauspiel vorbereitet. Der Hauptdarsteller, der die Rolle von Siva spielen sollte, wurde plötzlich krank, und Gadadhar wurde dazu überredet, an seiner Stelle zu spielen. Während Freunde ihn für die Rolle einkleideten, seinen Körper mit Asche beschmierten, seine Locken verfilzten, ihm einen Dreizack in die Hand gaben und Rudraksha-Perlen um seinen Hals legten, machte der Junge einen geistesabwesenden Eindruck. Er ging mit langsamen, gemäßigten Schritten auf die Bühne, wobei seine Freunde ihn stützten. Er sah wie das lebende Bild Sivas aus. Die Zuschauer applaudierten laut, was seiner Begabung als Schauspieler galt, entdeckten aber bald, dass er sich wirklich in Meditation verloren hatte. Sein Antlitz strahlte, und Tränen flossen aus seinen Augen. Er war der äußeren Welt abhandengekommen. Die Wirkung dieser Szene auf die Zuschauer war gewaltig. Die Leute fühlten sich wie von einer Vision Sivas gesegnet. Die Aufführung musste beendet werden, und die Stimmung des Jungen hielt bis zum nächsten Morgen an.

Jetzt baute Gadadhar mit seinen jungen Freunden eine Schauspieltruppe auf. Die Bühne wurde im Mangohain aufgestellt. Die Themen wurden aus den Geschichten des Ramayana und Mahabharata ausgewählt. Gadadhar kannte fast alle Rollen auswendig, da er sie von professionellen Schauspielern gehört hatte. Sein Lieblingsthema war die Episode in Vrindavan aus Krishnas Leben, die die erlesenen Liebesgeschichten von Krishna und den Milchmädchen und Kuhhirten schildert. Gadadhar spielte Radha oder Krishna und verlor sich oft in dem Charakter, den er darstellte. Seine natürliche weibliche Anmut steigerte den dramatischen Effekt. Im Mangohain erschallten die lauten Kirtans der Jungen. Verloren in Singen und Fröhlichkeit wurde Gadadhar die regelmäßige Schule gleichgültig.

1849 ging der älteste Sohn Ramkumar nach Kalkutta, um die finanzielle Situation der Familie zu verbessern. Gadadhar war an der Schwelle zum Jugendlichen. Er war zum Liebling der Dorffrauen geworden. Sie liebten es, ihn sprechen, singen oder aus den heiligen Büchern rezitieren zu hören. Sie liebten sein Geschick, Stimmen zu imitieren. Mit ihrem weiblichen Instinkt erkannten sie die innere Reinheit und Arglosigkeit dieses Jungen mit der klaren Haut, dem fließenden Haar, den strahlenden Augen, dem lächelnden Gesicht und dem unerschöpflichen Schalk. Die frommen älteren Frauen betrachteten ihn als Gopala, das Baby Krishna, und die jüngeren sahen in ihm den jugendlichen Krishna von Vrindavan. Er selbst idealisierte die Liebe der Gopis für Krishna so sehr, dass er sich manchmal danach sehnte, als Frau geboren zu werden, wenn er wiedergeboren werden musste, um Sri Krishna aus ganzem Herzen und mit ganzer Seele lieben zu können.

GADADHAR KOMMT NACH KALKUTTA

Im Alter von sechzehn wurde Gadadhar von seinem älteren Bruder Ramkumar nach Kalkutta beordert. Er wollte, dass er ihm bei seinen priesterlichen Pflichten half. Ramkumar hatte eine Bildungsanstalt für Sanskrit eröffnet, um sein Einkommen aufzubessern, und beabsichtigte, seinen jüngeren Bruder allmählich für Bildung zu interessieren. Gadadhar widmete sich mit Herz und Seele seiner neuen Pflicht als Familienpriester für einige Familien in Kalkutta. Sein Gottesdienst unterschied sich sehr von dem der berufsmäßigen Priester. Er verbrachte Stunden damit, die Götterstatuen zu schmücken und Hymnen und fromme Lieder zu singen. Mit Liebe führte er die anderen Pflichten seines Amtes aus. Die Leute waren von seiner Leidenschaft beeindruckt. Aber seinen Studien widmete er nur wenig Aufmerksamkeit.

Ramkumar stellte sich zunächst nicht seinem temperamentvollen Bruder entgegen. Er wollte, dass Gadadhar sich an das Stadtleben gewöhnte. Aber eines Tages beschloss er, den Jungen vor seiner Gleichgültigkeit für die Welt zu warnen. Schließlich musste Gadadhar in der nahen Zukunft als Familienvater seinen Lebensunterhalt durch die Ausübung seiner brahmanischen Pflichten verdienen, und dazu war eine gründliche Kenntnis der hinduistischen Gesetze, der Astrologie und ähnlicher Themen nötig. Er ermahnte Gadadhar freundlich und bat ihn, sich mehr seinen Studien zu widmen. Aber der Junge antwortete lebhaft: „Bruder, was soll ich mit einer Ausbildung anfangen, die nur dem Broterwerb dient? Ich würde viel lieber diese Weisheit erlangen, die mein Herz erleuchtet und mich für immer zufriedenstellt.“

EINE AUSBILDUNG FÜR DEN BROTERWERB

Die Qual der inneren Seele Indiens fand in diesen leidenschaftlichen Worten des jungen Gadadhar ihren Ausdruck. Denn was sah sein schlichtes Auge um sich herum in Kalkutta, das zu dieser Zeit die indische Hauptstadt3 und das Zentrum der modernen Kultur und Gelehrsamkeit war? Gier und Lust beherrschten die höheren Gesellschaftsschichten, und die gelegentlichen religiösen Praktiken waren nur äußere Formen, von denen sich die Seele schon lange verabschiedet hatte. Gadadhar hatte in Kamarpukur bei den einfachen und frommen Dorfbewohnern nie etwas Derartiges gesehen. Die Sadhus und Wandermönche, denen er in seiner Kindheit gedient hatte, hatten ihm ein völlig anderes Indien offenbart. Er war von ihrer Hingabe und Reinheit, ihrer Selbstkontrolle und Entsagung beeindruckt gewesen. Er hatte von ihnen und von seiner eigenen Intuition gelernt, dass das Ideal des Lebens die Erkenntnis Gottes ist, wie die alten Weisen Indiens es gelehrt hatten.

Als Ramkumar Gadadhar tadelte, dass er eine Ausbildung für den Lebensunterhalt versäumte, erinnerte seine innere Stimme den Jungen daran, dass das Vermächtnis seiner Vorfahren – das Vermächtnis von Rama, Krishna, Buddha, Sankara, Ramanuja, Chaitanya – nicht in weltlicher Sicherheit bestand, sondern in der Erkenntnis Gottes. Und diese edlen Weisen waren die wahren Repräsentanten der hinduistischen Gesellschaft. Jeder von ihnen saß sozusagen auf dem Kamm der Welle, die im turbulenten Kurs des nationalen Lebens Indiens auf jeden Tiefpunkt folgte. Alle bewiesen, dass der Lebensstrom Indiens die Spiritualität ist. Diese Wahrheit wurde Gadadhar durch diese innere Vision enthüllt, die Vergangenheit und Zukunft auf einmal erfasste, ungehindert von den Hindernissen von Zeit und Raum. Aber er war sich nicht bewusst, dass die Geschichte in seinem Geburtsland sich während der vergangenen hundert Jahre grundlegend gewandelt hatte.

Die hinduistische Gesellschaft war im 18. Jahrhundert durch eine Zeit des Verfalls gegangen. Es war die Dämmerung der islamischen Herrschaft. In allen Bereichen gab es Anarchie und Verwirrung. Abergläubische Praktiken bestimmten das religiöse Leben der Leute. Riten und Rituale galten als die Essenz der Spiritualität. Gierige Priester wurden zu Verwaltern des Himmels. Die wahre Philosophie wurde von dogmatischen Meinungen verdrängt. Die Gelehrten fanden Vergnügen an sinnlosen Streitereien.

1757 schufen englische Kaufleute die Grundlage für die britische Herrschaft in Indien. Schrittweise wurde die Regierung systematisch aufgebaut und die Gesetzlosigkeit unterdrückt. Die Hindus waren sehr von der militärischen Macht und dem politischen Scharfsinn der neuen Herrscher beeindruckt. Im Gefolge der Händler kamen die englischen Pädagogen, Sozialreformer und christlichen Missionare, die alle eine Kultur mitbrachten, die dem hinduistischen Geist völlig fremd war. In verschiedenen Landesteilen wurden Bildungseinrichtungen und christliche Kirchen errichtet. Den jungen Hindus wurde der berauschende Wein der westlichen Kultur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts angeboten, und die tranken ihn bis zum letzten Tropfen.

Die erste Wirkung des Tranks auf die gebildeten Hindus war, dass der altehrwürdige Glaube und die Traditionen der Hindu-Gesellschaft völlig in Vergessenheit gerieten. Sie gelangten zu der Überzeugung, dass es keine transzendente Wahrheit gab. Die Welt, die mit den Sinnen wahrgenommen wird, war alles, was existierte. Gott und Religion waren Illusionen des ungebildeten Geistes. Wahre Erkenntnis konnte man nur aus der Analyse der Natur herleiten. Somit kamen der Atheismus und Agnostizismus in Mode. Die Jugendlichen Indiens, die in englischen Schulen unterrichtet wurden, empfanden Schadenfreude, wenn sie offen die Sitten und Traditionen ihrer Gesellschaft brachen. Sie schufen das Kastensystem und die Ernährungsvorschriften ab. Sozialreform, die Verbreitung weltlicher Bildung, die Wiederverheiratung von Witwen, die Abschaffung früher Eheschließungen – sie hielten das für das Allheilmittel für den degenerierten Zustand der Hindu-Gesellschaft.

Die christlichen Missionare gaben dem Veränderungsprozess noch den letzten Schliff. Sie verhöhnten die Götterstatuen und Rituale des Hinduismus als Überbleibsel eines barbarischen Zeitalters. Sie versuchten, die Inder davon zu überzeugen, dass die Lehren ihrer Heiligen und Seher die Ursache für den Untergang Indiens waren, dass ihre Veden, Puranas und andere Schriften voller Aberglauben seien. Sie behauptete, dass das Christentum der weißen Rasse zu Stellung und Macht in dieser Welt verholfen habe und Glück in der nächsten verheißen würde. Deshalb sei das Christentum die beste aller Religionen. Viele intelligente junge Hindus konvertierten. Der Mann auf der Straße war verwirrt. Die Mehrzahl der Gebildeten entwickelte eine materialistische Gesinnung. Alle, die in der Nähe von Kalkutta oder in den anderen Hochburgen der westlichen Kultur lebten, wurden von den neuen Ungewissheiten und dem neuen Glauben angesteckt, selbst jene, die versuchten, an den orthodoxen Traditionen der hinduistischen Gesellschaft festzuhalten.

Aber die Seele Indiens sollte durch eine spirituelle Erweckung wiederbelebt werden. Wir hören den ersten Ruf dieser Wiedergeburt in der beherzten Erwiderung des jungen Gadadhar: „Bruder, was soll ich mit einer Bildung anfangen, die nur dem Broterwerb dient?“

Ramkumar konnte schwerlich die Bedeutung der Antwort seines jungen Bruders verstehen. Er beschrieb das glückliche, leichte Leben der Gelehrten in der Gesellschaft von Kalkutta in leuchtenden Farben. Aber Gadadhar spürte intuitiv, dass die Gelehrten wie die Aasgeier sind, die sich mit den Flügeln ihres uninspirierten Verstandes hoch in die Lüfte schwingen und die Augen auf das Aas von Gier und Verlangen gerichtet haben, um eine seiner lebhaften Beschreibungen zu benutzen. So beharrte er auf seinem Standpunkt, und Ramkumar musste nachgeben.


2 [In einem alten Tempel in Gaya wird der Fußabdruck Vishnus verehrt.]

3 [Kalkutta war die Hauptstadt von Britisch-Indien.]

KAPITEL II

PRIESTER IM TEMPEL IN DAKSHINESWAR

Tempelgarten von Dakshineswar vom Ganges aus gesehen mit den zwölf Siva- Tempeln, dem Chandni dazwischen, links Sri Ramakrishnas Zimmer, die beiden Nahabats jeweils ganz rechts und links, im Hintergrund der Kali-Tempel

Zu jener Zeit lebte in Kalkutta eine reiche Witwe namens Rani Rasmani. Sie gehörte der Shudra-Kaste an und war weit und breit nicht nur für ihre Geschäftstüchtigkeit, ihren Mut und ihre Intelligenz, sondern auch für ihre Großherzigkeit, Frömmigkeit und Hingabe an Gott bekannt. Ihr Schwiegersohn Mathur Mohan unterstützte sie bei der Verwaltung ihres großen Vermögens.

1847 kaufte die Rani in Dakshineswar, einem Dorf etwa vier Meilen nördlich von Kalkutta gelegen, zwanzig Morgen Land. Dort legte sie einen Tempelgarten an und ließ mehrere Tempel errichten. Ihr Ishta, ihre gewählte Gottheit, war die Göttliche Mutter Kali.

Der Tempelgarten erstreckt sich direkt am Ostufer des Ganges. Im nördlichen Bereich und in einem Teil des östlichen Bereichs gibt es einen Obstgarten, Blumengärten und zwei kleine Wasserspeicher. Der südliche Bereich ist mit Ziegel und Mörtel gepflastert. Der Besucher, der mit dem Boot ankommt, steigt die Stufen eines beeindruckenden Bade-Ghats hinauf, der zum Chandni, einer bedachten Terrasse, hinaufführt. Auf jeder Seite von ihr steht eine Reihe von sechs Siva-Tempeln. Östlich von der Terrasse und den Siva-Tempeln befindet sich ein großer gepflasterter, rechteckiger Hof, der sich nach Norden und Süden erstreckt. Zwei Tempel stehen inmitten dieses Hofes, der größere im Süden, nach Süden gerichtet und der Kali geweiht, und der kleinere in Richtung des Ganges, Radhakanta (Krishna, dem Gemahl Radhas) geweiht. Neun Kuppelspitzen überragen den Kali-Tempel. Vor ihm steht die geräumige Musikhalle (Natmandir), eine Terrasse, die von imposanten Säulen gestützt wird. In der nordwestlichen und südwestlichen Ecke des Tempelbereichs gibt es zwei Musiktürme (Nahabats), von denen zu verschiedenen Tageszeiten Musik erschallt, besonders bei Sonnenaufgang, zur Mittagszeit und bei Sonnenuntergang, wenn der Gottesdienst in den Tempeln gefeiert wird. Drei Seiten des gepflasterten Hofes – alle, außer die im Westen – werden von Küchen, Lagerräumen, Speisesälen und den Unterkünften für die Tempelbedienstete und Gäste gesäumt.

Das Zimmer im nordwestlichen Winkel, gleich hinter dem letzten Siva-Tempel, ist für uns von besonderem Interesse, denn hier hat Sri Ramakrishna einen beträchtlichen Teil seines Lebens verbracht. Im Westen dieses Zimmers gibt es eine halbrunde Veranda, von der aus man den Fluss überblickt. Vor der Veranda verläuft ein Fußweg von Norden nach Süden. Jenseits des Wegs liegt ein großer Garten, und unter dem Garten fließt der Ganges. Im Obstgarten nördlich der Gebäude liegt das Panchavati, der Banyan- und der Belbaum, die mit Sri Ramakrishnas spirituellen Übungen in Verbindung stehen. Außerhalb, im Norden des Tempelbereichs, steht der Bungalow (Kuthi), den die Mitglieder von Rani Rasmanis Familie benutzten, wenn sie den Garten besuchten. Und im Norden des Tempelgartens, durch eine hohe Mauer von ihm abgetrennt, lieg ein Pulvermagazin der Britischen Regierung.

SIVA

In den zwölf Siva-Tempeln sind die Wahrzeichen des großen Gottes der Entsagung in Seinen verschiedenen Aspekten aufgestellt, die täglich mit den entsprechenden Riten verehrt werden. Siva benötigt nur wenige Dinge für seine Verehrung. Weiße Blumen, Belblätter und ein wenig Wasser aus dem Ganges, die ihm hingebungsvoll dargebracht werden, genügen, um die freundliche Gottheit zufrieden zu stellen und von Ihm die Gunst der Befreiung zu erlangen.

RADHAKANTA

Der Tempel von Radhakanta (Krishna), der auch als der Vishnu-Tempel bekannt ist, enthält die Statuen von Radha und Krishna, das Symbol der Vereinigung mit Gott durch ekstatische Liebe. Die beiden Statuen stehen auf einem Podest und schauen nach Westen. Der Boden ist mit Marmor gepflastert. Von der Decke der Veranda hängen Lüster, die mit roten Tüchern bedeckt sind, um sie vor Staub zu schützen. Leinwände schirmen die Statuen von den Strahlen der untergehenden Sonne ab. In der Nähe der Schwelle zum inneren Schrein steht eine kleine Messingschale mit heiligem Wasser. Hingebungsvolle Besucher trinken ehrfürchtig einige Tropfen aus diesem Gefäß.

KALI

Der Haupttempel ist der Göttlichen Mutter Kali geweiht, die hier als Bhavatarini, die Retterin des Weltalls, verehrt wird. Auch der Boden dieses Tempels ist mit Marmor gepflastert. Die Basaltstatue der Mutter, die in prachtvollen goldenen Brokat gekleidet ist, steht auf der weißen Marmorstatue Ihres göttlichen Gemahls Siva, der ausgestreckt daliegt. Er versinnbildlicht das Absolute. An den Füßen der Göttin sind, abgesehen von anderem Schmuck, goldene Fußspangen. Ihre Arme sind mit Goldschmuck geschmückt, der mit Edelsteinen bestückt ist. Sie trägt Halsketten aus Gold und Perlen, eine goldene Girlande aus Menschenschädeln und einen Gürtel aus menschlichen Armen. Sie trägt eine Goldkrone, goldene Ohrringe und einen goldenen Nasenring mit einem Perltropfen.

Die Statue der Kali im Kali-Tempel von Dakshineswar

Sie hat vier Arme. Die untere linke Hand hält einen abgetrennten Menschenschädel und die obere Hand fasst einen blutüberströmten Säbel. Mit einer rechten Hand bietet Sie Ihren Kindern Wohltaten an, mit der beschwichtigt Sie ihre Ängste. Ihre majestätische Haltung kann kaum beschrieben werden. Sie kombiniert den Schrecken der Vernichtung mit der Zusicherung mütterlicher Zärtlichkeit. Denn Sie ist die kosmische Kraft, die Gesamtheit des Universums, eine glorreiche Harmonie der Gegensatzpaare. Sie teilt den Tod aus, während Sie erschafft und bewahrt. Sie hat drei Augen, wobei das dritte Auge das Symbol für die göttliche Weisheit ist. Sie erschrecken die Bösen und verströmen Mitleid für Ihre Verehrer.

Die ganze symbolische Welt wird im Tempelgarten repräsentiert – die Dreiheit aus Mutter Natur (Kali), dem Absoluten (Siva) und der Liebe (Radhakanta), der Bogen, der Himmel und Erde umspannt. Die schreckliche Göttin des Tantra [Kali], der bezaubernde Flötenspieler des Bhagavata [Krishna] und das in sich selbst vertiefte Absolute der Veden leben zusammen und erschaffen die größte Synthese der Religionen. Alle Aspekte der Wirklichkeit sind hier repräsentiert. Aber von diesem göttlichen Haushalt ist Kali der Drehpunkt, die hoheitliche Herrin. Sie ist Prakriti, die Erzeugerin, die Natur, die Vernichterin und die Schöpferin. Für jene, die Augen haben zu sehen, ist Sie sogar noch etwas Größeres und Tieferes. Sie ist die universale Mutter, „meine Mutter“, wie Ramakrishna sagen würde, die Allmächtige, die sich Ihren Kindern unter verschiedenen Aspekten und göttlichen Inkarnationen offenbart, die sichtbare Göttin, die den Auserwählten zur unsichtbaren Wirklichkeit führt. Und wenn es Ihr gefällt, beseitigt Sie die letzte Spur des Egos von den erschaffenen Wesen und taucht es ins Bewusstsein des Absoluten, in die unterschiedslose Gottheit ein. Durch Ihre Gnade „verliert sich das endliche Ich im unermesslichen Ich – AtmanBrahman“.4

Rani Rasmani gab ein Vermögen für die Anlage des Tempelgartens aus und ein weiteres für seine Einweihung, die am 31. Mai 1855 stattfand.

Fortan kam Ramakrishna – wir werden Gadadhar von jetzt an bei seinem bekannten Namen nennen5 – mit seinem älteren Bruder Ramkumar, der zum Priester des Kali-Tempels ernannt worden war, in den Tempelgarten. Sri Ramakrishna war zunächst nicht damit einverstanden, dass Ramkumar für die Shudra Rasmani arbeitete. Das Beispiel ihres orthodoxen Vaters war Sri Ramakrishna noch frisch im Gedächtnis. Er hatte auch etwas dagegen, die gekochten Opfergaben des Tempels zu essen, da nach orthodoxem hinduistischem Brauch solches Essen der Gottheit nur im Haus eines Brahmanen dargebracht werden kann. Aber die heilige Atmosphäre im Tempelbereich, die Einsamkeit des ihn umgebenden Waldes, die liebevolle Sorge seines Bruders, der Respekt, der ihm von Rani Ramani und Mathur Babu entgegengebracht wurde, die lebende Gegenwart der Göttin Kali im Tempel und vor allem die Nähe des heiligen Ganges, den Sri Ramakrishna immer hoch in Ehren hielt, ließen ihn allmählich seine Missbilligung überwinden, und er begann, sich dort heimisch zu fühlen.

Mathur, der Schwiegersohn von Rani Rasmani

In sehr kurzer Zeit zog Sri Ramakrishna die Aufmerksamkeit von Mathur Babu auf sich, der vom religiösen Eifer des jungen Mannes beeindruckt war und wollte, dass er sich am Gottesdienst im Kali-Tempel beteiligte. Aber Sri Ramakrishna liebte seine Freiheit und war an keiner weltlichen Karriere interessiert. Der Beruf des Priesters in einem Tempel, der von einer reichen Frau gegründet war, sagte ihm nicht zu. Zudem zögerte er, die Verantwortung für den Schmuck und das Geschmeide des Tempels zu übernehmen. Mathur musste auf eine geeignete Gelegenheit warten.

Zu dieser Zeit kam ein sechzehnjähriger Junge nach Dakshineswar, der eine bedeutende Rolle in Sri Ramakrishnas Leben spielen sollte. Hriday war ein entfernter Neffe6 von Sri Ramakrsihna und stammte aus Sihore, einem Dorf nicht weit von Kamarpukur entfernt, und war sein Jugendfreund gewesen. Klug, besonders tatkräftig und sehr geistesgegenwärtig wurde er zum Schatten seines Onkels und war immer bereit, ihm zu helfen, selbst auf Kosten seiner persönlichen Bequemlichkeit, wie wir noch sehen werden. Er war dazu bestimmt, ein stiller Augenzeuge vieler spiritueller Erlebnisse Sri Ramakrishnas zu sein und während der stürmischen Tage seiner spirituellen Übungen für seinen Körper zu sorgen. Hriday kam auf der Suche nach Arbeit nach Dakshineswar, und Sri Ramakrishna war froh, ihn zu sehen.

Sri Ramakrishna konnte dem Zureden Mathur Babus nicht wiederstehen und trat schließlich in den Tempeldienst ein mit der Bedingung, dass Hriday gebeten wurde, ihm zu helfen. Seine erste Aufgabe war, die Statue Kalis zu bekleiden und zu schmücken.

Einmal ließ der Priester des Radhakanta-Tempels versehentlich die Statue Krishnas auf den Boden fallen, und ein Bein brach ab. Die Gelehrten rieten der Rani, eine neue Statue aufstellen zu lassen, da die Verehrung einer Statue mit einem gebrochenen Glied den Regeln der Schriften widersprach. Aber die Rani mochte die Statue und bat Sri Ramakrishna um seine Meinung. In Gedanken versunken sagte er: „Diese Lösung ist lächerlich. Wenn ein Schwiegersohn der Rani sich ein Bein bräche, würde sie ihn dann ausmustern und einen anderen an seine Stelle setzen? Würde sie nicht vielmehr dafür sorgen, dass er behandelt wird? Warum sollte sie in diesem Fall nicht dasselbe tun? Die Statue soll repariert und wie zuvor verehrt werden.“ Das war eine einfache und unkomplizierte Lösung, und sie wurde von der Rani akzeptiert. Sri Ramakrishna selbst reparierte den Bruch. Der Priester wurde wegen seiner Unachtsamkeit entlassen, und auf Mathur Babus innige Bitte hin nahm Sri Ramakrishna die Aufgabe des Priesters im Radhakanta-Tempel an.

SRI RAMAKRISHNA ALS PRIESTER