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Wo die wilden Geister wohnen

Band 2

Martina Meier (Hrsg.)

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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

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Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM: www.literaturredaktion.de

Cover gestaltet mit Illustrationen von © mythja und © Anatoliy –

Adobe Stock lizenziert

ISBN: 978-3-86196-949-5 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-86196-988-4 - E-Book

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Inhalt

Das Märchen von Karl und Luise

Liane im Mantel

Mitternachtsschmaus

Die Angst in meinem Schrank

Der Zombie in meiner Klasse

Das Wassergespenst

Das Geheimnis im Keller

Das Geisteraquarium

Bille und der Schulgeist

Scheinwerferlicht

Die Zuckerhexe

Xamantha, das Speichergespenst

Geistertanz

Gruselnacht zu zweit

Die weiße Dame

Fürchte die Nacht, fürchte die Schatten

Wahrer Mut

Esmeraldas Reise

Es gibt Tage, nach denen ist nichts mehr so wie vorher

Caius’ Gespensterprüfung

Das Geisterkind

Ricky, der Hausgeist, und die gelbe Kugel

Gruselnacht auf der Weide

Lichter aus, Gespenster raus

Das unsichtbare Gespenst

Der Knurrhans

Gretels Gruselei

Das Ofengespenst

Lebkuchen im Sommer

Der ruhelose Geist

Grüne Wölfe

Das dunkle Haus

Der Zimmerahorn

Gewissensbisse

Bleib im Haus, wenn es dunkel ist

Die Geisterkatze

Das verwunschene Schloss

Der Einbruch

Noch so ein Ammenmärchen

Mondschatten

Das Turmzimmer

Der graue Schatten

Die goldene Katze

Ein schauriger Geburtstag

Nachtmahr

Nächtliche Jagd

Der kleine Klopfgeist

Wer gruselt sich vor Kulle und Hicks?

Auch Geister fürchten sich

Das Fenster zum Garten

Matilda, der Poltergeist

Post vom kleinen Gespenst

Nachwort

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Das Märchen von Karl und Luise

Es waren einmal zwei Geschwisterkinder, die auf die Namen Karl und Luise hörten. Sie führten ein vergnügtes Leben auf einem kleinen Bauernhof und halfen ihren Eltern bei ihren täglichen Aufgaben. Als sie eines Abends zusammen mit ihrem Vater vom Dorfmarkt kamen, wo sie einen Teil der Rübenernte verkauft hatten, führte ihr Weg sie an einem Wald vorbei, der unheimlich in der Dämmerung lauerte.

Der Vater schenkte ihm keine Beachtung, denn er hatte seinen Karren schon viele Male diese einsame Straße entlanggeführt, doch die Kinder konnten ihren Blick nicht von ihm abwenden. Besonders Karl war so neugierig, dass er vom Wagen sprang, um sich die vielen krummen und laublosen Bäume anzuschauen. Der Vater bemerkte es sofort und hielt das Maultier an, das treuherzig den Wagen zog.

„Komm zurück auf den Wagen, Karl“, sprach er, „die Sonne wird bald untergehen und wir wollen doch zeitig daheim ankommen.“

Doch Karl rührte sich nicht. „Vater“, antwortete er, „hörst du denn nicht die Stimmen, die aus dem Wald dort kommen? Sie hören sich an wie lachende Kinder. Dürfen wir nicht noch ein wenig mit ihnen spielen?“

„Nein“, sagte der Vater streng und blickte mit ernster Miene auf seinen Sohn herab, „ihr dürft diesen Wald auf gar keinen Fall betreten, denn Kinder, die dort hineingehen, kehren nicht wieder zurück. Erst im Frühjahr ist der Nachbarsjunge dort verschwunden, weil er nicht auf seine Eltern hören wollte und den Stimmen im Abendwind gefolgt war. Niemals dürft ihr dorthin gehen!“

Damit kletterte Karl zurück auf den Wagen und sah zusammen mit Luise zu, wie der Wald hinter ihnen kleiner und kleiner wurde. Die fröhlichen Kinderstimmen jedoch folgten ihnen bis nach Hause. Noch spät am Abend, als sie bereits in ihren Betten lagen, konnten die beiden laut und deutlich hören, wie sie kichernd um das Haus tollten. Karl lauschte ihnen aufgeregt und mit angehaltenem Atem, Luise aber bekam es mit der Angst zu tun. Sie zog sich die Bettdecke über den Kopf und hoffte darauf, dass der Spuk bald ein Ende fände. Sie zitterte und bebte, bis der Schlaf sie holte.

Mitten in der Nacht wachte sie wieder auf. Inzwischen war es still im Zimmer und die Stimmen fort. Vorsichtig schaute sie sich um und bemerkte, dass Karl nicht mehr in seinem Bett lag. Leise stand sie auf und suchte nach ihm, doch sie konnte ihn nirgendwo finden. Als sie den Flur betrat, bemerkte sie, dass die Haustür offenstand, und da ahnte Luise, wohin ihr Bruder gegangen war.

So schnell ihre Füße sie tragen konnten, lief sie durch die Nacht. Die Sterne waren von Wolken verdeckt, der Mond in ein Nebelgewand gehüllt und dennoch schimmerte der Sand geheimnisvoll unter ihren nackten Füßen. Der einsame Weg führte sie unaufhaltsam in Richtung des Waldes, denn dort, so wusste sie, würde sie ihren Bruder finden. Am Waldesrand holte sie ihn schließlich ein.

„Komm zurück nach Hause, Karl“, rief sie keuchend, „ich habe Angst um dich. Bitte vergiss die Stimmen und komm mit mir!“

Aber Karl schüttelte nur den Kopf. „Höre doch nur, Luise, wie viel Spaß sie haben müssen“, antwortete er und staunte über das vergnügte Kinderlachen, das aus dem knorrigen Geäst an ihre Ohren drang.

Luise erschauderte und spähte in die Dunkelheit des Waldes, doch sie vermochte nichts darin zu erkennen. Sie konnte nicht sagen, ob unter den verdrehten Ästen Blätter lagen oder an den knotigen Stämmen Moos wuchs. Vor allem jedoch schienen die Kinder, die immerzu vor Vergnügen kreischten, in der Schwärze so unsichtbar zu sein wie der Wind.

„Bitte, Karl“, flehte sie und ergriff die Hand ihres Bruders, „du hast nicht auf Vater gehört, darum höre bitte auf mich! Lass uns umkehren, denn dieser Ort macht mir Angst!“

Aber Karl schenkte ihr keine Beachtung. Das Geräusch von unbändiger Freude lockte ihn mit eiserner Macht und wie von einem Traum umgarnt betrat er den Wald. Für einen kurzen Augenblick überlegte Luise heimzulaufen, um die Eltern zu wecken und ihnen alles zu erzählen, doch sie ahnte, dass sie Karl nicht wiedersehen würde, wenn sie ihn nun alleinließ.

Missmutig tapste sie hinter ihrem Bruder her und versuchte, ihn trotz der Finsternis nicht aus den Augen zu verlieren.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als sich vor ihnen ein feiner Nebel zusammenzog. Erst schwebte er in dünnen Schwaden über den Boden, dann verdichtete er sich und nahm schließlich die Gestalt eines bleichen Kindes an, dessen Gesicht den beiden sehr wohl bekannt war.

„Geht nicht weiter!“, sprach das Nebelkind mit einer traurigen, flüsternden Stimme. „Kehrt um, wenn euch euer Leben lieb ist!“

Erschrocken klammerte sich Luise an den Arm ihres Bruders, doch Karl ließ sich nicht beirren.

„Ich kenne dich“, antwortete er, „du bist der Nachbarsjunge, der im Frühjahr verschwunden ist. Vater sagt, du hast auch nach den Stimmen gesucht.“

„Ja“, seufzte das Nebelkind, „und schau, was aus mir geworden ist! Ich habe die Kinder lachen gehört und bin ihren Stimmen gefolgt, immer tiefer in den Wald, bis ich einem Wesen in die Arme gelaufen bin, das hier lebt und jagt. Es lauert in der Dunkelheit und wartet nur darauf, dass ihr tief genug in sein Revier vordringt. Das Lachen ist sein Köder und entspringt den geisterhaften Stimmen derer, die es bereits erbeutet hat. Flieht, so lange ihr könnt!“

Karl jedoch schüttelte bloß den Kopf. „Aber hör doch nur!“, entgegnete er noch immer verzaubert. „Die Kinderstimmen lachen so vergnügt. Wie kann etwas anderes als Spiel und Spaß dahinterstecken?“

Da wurde das Nebelkind noch trauriger. „Bitte, Karl“, wimmerte es, „du hast nicht auf deinen Vater gehört und auch nicht auf deine Schwester, deshalb höre auf mich! Verlasst beide den Wald, so schnell ihr könnt, bevor es zu spät ist!“

Doch alles Jammern und Betteln wollte nicht helfen. Noch während es sprach, ließ Karl das Nebelkind hinter sich und stapfte davon. Seufzend löste es sich auf, bis die beiden Kinder einzig von Schwärze und dem immer lauter werdenden Lachen umgeben waren. Je weiter die beiden gingen, desto wilder und vergnügter johlten die Stimmen, bis Karl glaubte, ganz nah zu sein.

Doch plötzlich, als er auf einen am Boden liegenden Zweig trat, erstarb das Lachen und Schreie des Schreckens und der Furcht hallten stattdessen durch das Geäst. Es dauerte nicht lange und die beiden bemerkten, dass sich etwas zwischen den Bäumen bewegte und direkt auf sie zukam. Karl erstarrte und es wäre ihm schlimm ergangen, wenn Luise nicht seine Hand ergriffen und ihn fortgezogen hätte. Gejagt von den geisterhaften Schreien und jenem Wesen, das ihnen unaufhaltsam folgte, rannten die beiden über Stock und Stein davon. Sie erreichten den Waldrand und folgten dem einsamen Weg nach Hause. Nur einmal wagte Luise einen Blick zurückzuwerfen und erahnte von Weitem, wie eine riesige, schuppige Klaue vergeblich nach ihnen tastete und sich dann langsam wieder in den Wald zurückzog.

Zu Hause sperrten sie hastig die Haustür zu, versteckten sich in ihrem Zimmer und erwarteten atemlos das Morgengrauen, das ihnen die Hoffnung gab, endlich gerettet zu sein.

Karl entschuldigte sich bei seiner Schwester für seine Starrköpfigkeit. Er versprach ihr hoch und heilig, nie wieder eine Warnung in den Wind zu schlagen, und Luise wusste, dass er die Wahrheit sagte.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und halten sich bis zu diesem Tage fern von jenem Wald, der unheimlich in der Dämmerung lauert.

Finn Lorenzen ist Literaturwissenschaftler und Autor. Er wurde 1989 in Kappeln in Schleswig-Holstein geboren und wuchs in Süderbrarup auf. An der Universität Bremen studierte er Germanistik und Kulturwissenschaft sowie Transnationale Literaturwissenschaft. Seinen spielerischen, verträumten Umgang mit der deutschen Sprache hat er durch Lyrikveröffentlichungen in diversen Anthologien bereits angedeutet, ehe er seine Aufmerksamkeit der Welt der Prosa zuwandte. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau in Neuss.

*

Liane im Mantel

Enja lag im Bett und starrte an die Decke ihres Zimmers. Die Uhr auf dem Nachttisch neben ihr machte andauernd Geräusche. Da konnte Enja gar nicht schlafen. Die ganze Zeit überlegte sie hin und her, wie am nächsten Morgen denn die Matheprüfung werden würde. Sie hatte die ganze Woche geübt, aber war immer noch richtig nervös. Plötzlich hörte sie ein Rascheln von draußen.

„Es ist nichts, Enja!“, sagte sie zu sich selbst. „Es ist nur der Wind, der durch die Blätter rauscht.“

Doch das Rascheln wollte nicht aufhören. Und dann wurde das Rascheln lauter und auf einmal krachte es. Panisch kroch Enja unter das Bett. War das ein Monster? Würde es sie nun mit in seinen Bau nehmen und dann als Abendbrot verspeisen? Enja hatte ganz große Angst, als sie Gestöhne von draußen hörte. War das ein Yeti? Oder doch ein Monster mit 25 Augen? Oder war es ein Geist … oder ein Vampir, der ihr das Blut aussaugen wollte? Enjas Gedanken wurden immer gruseliger.

Bis das Rascheln abrupt aufhörte. War das Monster weggegangen? Ganz, ganz langsam, kroch Enja wieder unter dem Bett hervor und huschte an das Fenster. Wie in Zeitlupe schob sie die Gardinen vor dem Fenster weg und starrte hinaus.

Und erschrak ganz fürchterlich.

Draußen flog ein Mantel herum, ohne dass ihn jemand trug. Enja konnte keinen Kopf, keine Arme oder Beine sehen. Ausgerechnet schien heute ein Vollmond und der Mantel tanzte wild in der Luft herum. „Ach du meine Güte!“, murmelte Enja zu sich selbst. Der tanzende Mantel war ja noch schlimmer als all ihre gruseligsten Gedanken. Viel schlimmer als eine Hexe oder ein Vampir.

Schnell ließ Enja die Gardinen fallen, doch der Mantel hatte sie schon entdeckt. Enja rannte zu der Tür, um schnell zu ihren Eltern zu rennen. Das war immerhin ja jetzt ein Notfall. Doch der Mantel war schneller. Er flog durch das angewinkelte Fenster in ihr Zimmer hinein und vor ihre Zimmertür. Was sollte Enja jetzt nur machen? Der Mantel versperrte ihr ja den Weg in die rettenden Arme ihrer Eltern. Schnell schnappte sie sich ihre Lampe vom Nachttisch. Sie brauchte ja eine Waffe gegen dieses Monster.

Aber bevor Enja die Lampe auf den Mantel schlagen konnte, rief eine kleine Stimme: „Halt! Nicht schmeißen.“ Plötzlich fiel der Mantel zu Boden und ein kleines durchsichtiges Gespenst kam zum Vorschein. Das Gespenst war ein Mädchen und hatte lange Zöpfe.

„Du bist ja ein Geist!“, rief Enja ängstlich. „Was machst du in meinem Zimmer?“

„Ich habe mich verlaufen“, meinte das Gespenst. „Ich wollte nur ein bisschen die Stadt erkunden und dann bin ich in diesen Mantel geflogen und wusste nicht mehr, wo ich bin.“

Enja presste sich ängstlich an ihr Bett. Vor ihr stand wirklich ein echter Geist! Das konnte doch gar nicht wahr sein. Träumte sie etwa? Aber als Enja sich unmerklich in den Arm kniff, war das Geistermädchen immer noch vor ihren Augen. Doch es schien genauso viel Angst vor Enja zu haben, wie sie vor ihm hatte. Enja sah sich den Geist genau an. Er schien genauso alt zu sein wie Enja.

„Ich heiße Liane“, meinte das Geistermädchen schüchtern, nachdem beide Mädchen sich von dem Schreck erholt hatten.

Enja verlor langsam die Angst und meinte lächelnd: „Ich bin Enja … Wo ist denn dein Zuhause?“

Liane schüttelte den Kopf unwissend. „Ich weiß es nicht. Ich wohne auf der Gespensterseite. Dort wohne ich in einem Haus mit einem grünen Dach.“

„Und wie bist du hierhergekommen?“, fragte Enja sie.

„Ich wollte die Menschenwelt einmal sehen und bin durch die Tür zur Menschenwelt gegangen. Doch jetzt finde ich sie nicht mehr.“ Kleine Tränen rollten Lianes Wange herunter und sie schaute ganz traurig. Liane tat Enja leid. Sie wollte ihr gerne helfen, jetzt, da sie wusste, dass Liane überhaupt nicht so war, wie sie sich ein Gespenst vorgestellt hatte. Doch sie wusste ja auch nicht, wo die Tür war.

„Wie sah denn die Umgebung bei dieser Tür aus?“, fragte Enja. Vielleicht kannte sie die Gegend ja.

Liane überlegte.

„Na ja … dort war so ein großer Baum. Und ein Spielplatz und eine Kirche mit einer Turmuhr, die ganz laut geschlagen hat, als ich durch die Tür gekommen bin.

Und dort war auch ein großes Schild auf dem stand: Rosalie Grundschule.

„Aber das ist doch die Schule, auf die ich gehe!“, meinte Enja da. Sie hatte dort noch nie eine Tür gesehen, aber vielleicht war die Tür für Menschen ja unsichtbar. „Wenn du möchtest, zeige ich dir, wo dieser Ort ist.“

Sofort strahlte Liane. „Das würdest du wirklich tun für mich?“

„Na klar. Du musst doch wieder zurück zu deiner Familie!“

Liane freute sich total und lief sofort zum Fenster. Mit einer Bewegung sprang sie heraus und blieb schwebend in der Luft vor dem Fenster stehen. Doch Enja kam auf einmal ein Gedanke. „Wie soll ich denn mitkommen? Meine Eltern würden es sofort merken, wenn ich mich aus der Wohnung schleiche.“

Liane wurde nachdenklich. Doch ein paar Sekunden später grinste sie. „Ich trage dich. Dann kannst du mir zeigen, wo die Tür ist, und ich bringe dich danach sofort nach Hause. Dann weiß ich ja, wo ich hinmuss.“

Enja nickte. Das war eine tolle Idee. Sie wollte schon immer mal fliegen und jetzt konnte sie sogar einem echten Gespenst helfen nach Hause zu kommen.

Liane nahm Enjas Hand und flog los. Mühelos flogen sie über die Stadt, die erleuchtet wurde von den vielen Sternen am Himmel.

„Dort drüben ist die Schule!“, rief Enja plötzlich. Sie hatte den großen Spielplatz entdeckt und die riesige Turmuhr. Es war schon ganz schön spät, denn die Uhr schlug zur 23. Stunde.

Liane wurde langsamer und steuerte auf die Schule zu. Innerhalb von ein paar Sekunden landeten sie sicher auf dem Spielplatz. Liane fing an, die Büsche zu durchsuchen, und Enja half ihr, obwohl sie im Dunkeln fast nichts sehen konnte.

„Ich hab’s gefunden!“, rief Liane plötzlich und zeigte auf eine grüne Tür, die man hinter den Büschen kaum erkennen konnte. Liane rannte auf Enja zu und umarmte sie. Obwohl Liane ein durchsichtiges Gespenst war, fühlte sich ihr Körper warm an und Enja spürte die Umarmung. „Vielen, vielen Dank! Du hast mir so geholfen. Jetzt bring ich dich noch schnell nach Hause und dann mach ich mich mal auf den Weg zu meinem Zuhause.“ Enja nickte freudig, denn sie freute sich sehr, dass sie Liane helfen konnte.

Kurze Zeit später waren sie wieder in Enjas Zimmer und Liane war schon wieder in der Luft vorm Fenster.

„Noch einmal vielen Dank für deine Hilfe. Du bist echt die beste Freundin, die ich je hatte“, meinte Liane lächelnd.

Enja grinste überglücklich. „Du bist auch das netteste Gespenst, das ich je getroffen habe. Kommst du mich mal wieder besuchen?“

Liane nickte. „Na klar, jetzt weiß ich ja, wo die Tür und wo dein Haus ist.“ Liane winkte noch einmal und dann verschwand sie in der dunklen Nacht. Enja legte sich glücklich in ihr Bett und konnte endlich einschlafen.

Jetzt hatte sie keine Angst mehr vor der Matheprüfung. Aber das Beste war, dass sie Liane kennengelernt hatte und endlich wusste, dass es richtig nette Geister gab, vor denen man sich nicht fürchten musste. Und Liane war ein wirklich tolles Gespenst.

Marie-Sophie Raich, 2003 geboren, besucht ein Gymnasium in Dresden. Sie schreibt seit der dritten Klasse Gedichte und Geschichten. 2018 wurde sie beim bundesweiten Tom-Sawyer-Wettbewerb mit dem zweiten Platz für ihre Kurzgeschichte Granatäpfel ausgezeichnet und 2019 gewann sie den dritten Preis des A.-E.-Johann- Preises. Wenn sie nicht gerade schreibt, liest sie Kurzgeschichten und Fantasy oder spielt Klavier.

*

Mitternachtsschmaus

Die Sommersonne war längst untergegangen – und selbst die Dämmerung legte sich endlich schlafen, als die Verandatür des alten Hauses leise geöffnet wurde. Lena lauschte noch einmal, bevor sie hinaus in den Garten schlüpfte, doch ihre Eltern und Geschwister schliefen tief und fest. Sie huschte den Gartenweg entlang bis zum hinteren Gartentor. Vor dort aus führte sie ein kleiner Pfad im Nu zum Waldrand, wo sie sich zwischen zwei Büschen hindurchdrückte, um im dunklen Wald zu landen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen kannte Lena keine Angst vor der Dunkelheit. Aber dafür gab es gute Gründe. Und heute war sie auf dem Weg zu einer sehr speziellen Verabredung.

Vorsichtig suchte sie sich ihren Weg zwischen Moos und Wurzeln, denn obwohl der Mond schien, drang nur wenig Licht durch das volle Laub der Bäume. „Mist“, schimpfte sie verhalten, als sie sich den großen Zeh an einem kleinen Baumstumpf stieß.

„Mist“, wisperte es hinter ihr.

Lena fuhr herum. „Wer ist da?“, zischte sie, bekam aber keine Antwort darauf. Nur das sanfte Flüstern der Blätter erfüllte die Stille der Nacht und ab und zu knackte hier und dort ein trockener Zweig. Hatte sie sich das Wispern nur eingebildet? Sie schüttelte den Kopf und stapfte weiter in den Wald hinein. Hier gab es nur die wilden Tiere, die in der Nacht nach Futter suchten, und es gab keinen Grund, sich vor ihnen zu fürchten. „Alles nur Einbildung, jawohl!“

„Jawoll“, raunte es. Die Härchen auf Lenas bloßen Armen sträubten sich, als ein gespenstisches Kichern durch die Dunkelheit wehte. „Das ist überhaupt nicht witzig. Komm sofort raus und zeig dich.“ Wieder antwortete niemand und sie ging weiter, hielt aber die Ohren gespitzt. Deshalb entging ihr nicht, dass es hinter ihr öfter und lauter knackte. Lautlos wie ein Geist war ihr Verfolger schon einmal nicht.

Blitzschnell drehte sie sich um – und für einen Moment sah sie etwas Weißes zwischen den Baumstämmen aufblitzen. Da war wirklich jemand!

„Hallo?“ Zu ihrem Ärger antwortete wieder niemand. „Es ist ganz schön dumm, hier allein herumzulaufen. In diesem Wald kann es ganz schön gefährlich sein, also pass bloß auf.“

Wieder ertönte ein Kichern, gefolgt von einem Geräusch, das Lena erst gar nicht erkannte. War das wirklich ein Rasseln wie von einer Metallkette? So langsam fand sie das Ganze ein wenig gruselig und sie lief schneller, um den unheimlichen Verfolger abzuschütteln. Dieser ließ jedoch nicht locker und das klagende Geheul wurde schriller. Lena schaute sich zu ihm um, was man auf der Flucht niemals tun sollte. Prompt stolperte sie über eine Wurzel. Sie rollte herum, schob sich rückwärts bis zum nächsten Baum, wo sie sitzen blieb, um den schaurigen Witzbold im Blick zu haben. Ein weiteres Mal tauchte etwas Weißes kurz hinter einem der Stämme auf, doch es verschwand sofort wieder, nur ein giftgrünes Leuchten verriet, wo der Verfolger lauerte.

Lena rappelte sich vom Boden auf und ballte die Fäuste. „Ich warne dich zum letzten Mal. Hier wohnen wilde Geister, die keinen Spaß verstehen, wenn sich jemand über sie lustig macht. Du hörst also besser auf mit diesem Quatsch!“

Das vergnügte Glucksen war kaum zu hören, aber Lena stemmte empört die Arme in die Seiten. War das etwa ...

Sie zuckte zusammen, als etwas Eiskaltes ihren Arm streifte. Die nebelhafte Gestalt, die neben ihr aufgetaucht war, hätte ungefähr Lenas Größe haben können. Heute zog sie es allerdings vor, den eigenen Kopf wie eine Handtasche spazieren zu tragen, wobei sie ihn, am blonden Pferdeschwanz gepackt, vergnügt vor und zurück schwenkte.

„Überlass ihn uns“, wisperte es aus Kniehöhe. Als Lena den Blick senkte, zwinkerte ihr der Kopf von dort unten schelmisch zu. Dann schwebte die Spukgestalt in Richtung des Verfolgers davon, doch sie war nicht allein. Mindestens sechs weiße Schemen folgten ihr wie Nebelfetzen zu der Stelle, wo sich jemand immer noch die allergrößte Mühe gab, der nächtlichen Spaziergängerin einen ordentlichen Schrecken einzujagen.

„Buh-Lotte, warte“, setzte Lena an, unterbrach sich aber gleich wieder, weil sie von einem weiteren kalten Lufthauch getroffen wurde. Dieser Geist war ein absolutes Ebenbild der ersten Erscheinung, nur dass er zu Lenas Erleichterung den Kopf dort trug, wo er ihrer Meinung nach hingehörte.

„Hallo, Buh-Liese, ich dachte schon, ich komme zu spät.“ Menschenmädchen und Geistermädchen lächelten sich an. „Ich bin unterwegs aufgehalten worden, aber euren Spuk-Geburtstag zu verpassen, wäre wirklich unverzeihlich gewesen.“

Ein wilder Entsetzensschrei unterbrach ihre friedliche Unterhaltung und sie beobachteten mit einigem Interesse, wie eine Gestalt aus einem Gebüsch stürzte. Der weiße Umhang flog davon, was Lena mit einem empörten Brummen quittierte. Ein Bettlaken! Der Blödmann war tatsächlich mit Laken und Taschenlampe hinter ihr her geschlichen.

„Du siehst so zufrieden aus. Kennst du den Übeltäter etwa?“

Lena schnaubte. „Das werde ich morgen noch einmal prüfen, aber ich könnte schwören, dass es Max ist.“ Auf den fragenden Blick von Buh-Liese fügte sie mit einem Augenrollen hinzu: „Einer meiner beiden Brüder. Er findet, dass Mädchen Angsthasen sind, und versucht deshalb andauernd, mich zu erschrecken. Du glaubst gar nicht, wie schwierig Brüder sein können.“ Sie zuckte mit den Schultern.

Buh-Liese lachte. „Da hast du recht, aber Schwestern können auch sehr anstrengend sein.“ Sie verdrehte die Augen, als in der Ferne ein besonders schrilles Gekicher von Buh-Lotte zu hören war. „Komm, die scheuchen deinen Bruder sicher nach Hause. Lass uns schon mal von der Spuk-Torte kosten, bevor sie zurück sind.“ Sie winkte Lena zu, ihr zu folgen, und die beiden liefen zur alten Ruine, die gut versteckt mitten im Wald lag.

Sie besuchte ihre geisterhaften Freunde, so oft es ihr möglich war, aber Geisterspeisen wurden nur selten aufgetischt, wenn ein Mensch anwesend war.

Besonders appetitlich sahen sie dann auch für Lena nicht aus, sondern wirkten auf sie eher wie Gebilde aus grünem, gelbem oder schmutzig-weißem Badeschaum. Sie schluckte und fand die Vorstellung, etwas davon zu probieren, viel gruseliger als den Auftritt ihres Bruders.

Buh-Liese legte ihr eiskaltes Händchen auf Lenas Schulter. „Du musst das nicht tun. Wir wissen alle, dass du tapfer und unerschrocken bist. Das ist keine Mutprobe für menschliche Weicheier, sondern unsere Party zum hundertzehnten Spuktag, auf der es auch was zum Futtern gibt. Na ja, jedenfalls für die Geister unter den Gästen.“ Sie zwinkerte ihr aufmunternd zu.

„Ich werde auf gar keinen Fall kneifen und zumindest einmal davon probieren. Buh-Lotte hat gesagt, dass es nichts Köstlicheres gibt.“

Buh-Liese lachte. „Und sie muss es wissen, denn wenn es nach ihr ginge, würde es jede Nacht Gespenster-Kuchen geben. Du weißt doch noch, was du tun musst, damit du die Speisen wirklich schmecken kannst?“

„Aber klaro.“ Lena nickte und grinste ihre Geisterfreundin an. „Augen schließen und genießen. Her mit der Geisterstunden-Torte.“ Sie nahm einen Bissen, kaute, schluckte und riss die Augen weit auf. „Hmmm, lecker! Marshmallow-Torte mit Himbeersahne! Davon brauche ich unbedingt mehr.“

Kichernd machten sich die beiden darüber her, bis auch die anderen Geister eintrafen und mit wildem Geheul über den reich gedeckten Tisch herfielen. Lena heulte genauso ausgelassen wie die Gespenster und rief laut: „Was für ein Mitternachtsschmaus!“

Anathea Westen (Pseudonym), geboren 1965, lebt mit ihren Hunden im idyllischen Kreis Lippe im Nordosten von Nordrhein-Westfalen. Hauptberuflich arbeitet sie im Export und liebt den Austausch mit den internationalen Kontakten. Geschichten von ihr wurden bereits in mehreren Anthologien veröffentlicht.

*

Die Angst in meinem Schrank

„Was ist los, mein Engel?“, fragte seine Mutter ihm beim Abendessen, als er zum wiederholten Male die Nudeln im Teller hin und her schob. Kilian blickte auf und bemerkte, dass auch sein Vater ihn mittlerweile besorgt musterte.

„Die Hausaufgaben, die wir bekommen haben, waren echt schwer. Ich habe Angst, dass Frau Lieber denkt, ich hätte im Unterricht nicht aufgepasst, sie wird immer so schnell böse.“ Das war nur die halbe Wahrheit, die ganze Geschichte wollte er nicht erzählen.

„Wir reden einfach mal mit dieser Frau Lieber, da gab es ja schon öfters Probleme. Du weißt, dass wir dir immer helfen können?“, fragte sein Vater.

Kilian nickte und aß auf. Er fühlte sich nicht wirklich besser. In Wirklichkeit war es nicht nur das. Er schlief sehr schlecht in letzter Zeit und wusste genau, woran das lag. Als er vor ein paar Wochen nachts aufgewacht war, hatte er etwas in seinem Zimmer gesehen. Da es dunkel war, konnte er nicht viel erkennen, nur ein paar Umrisse. Und er war sich sicher, dass es nicht seine Eltern waren, da er Papas Schnarchen ein paar Zimmer weiter hören konnte und Mama zu der Zeit auf Geschäftsreise war. Die Gestalt stand in der Nähe vom Fenster, als ob sie dort wartete. Kilian wagte es kaum, zu atmen, traute sich noch weniger, sich zu bewegen. Als ob seine Muskeln so hart wie Stein wären und jemand etwas sehr Schweres auf seine Brust gelegt hätte. Irgendwann bewegte sich die Gestalt und verschwand in seinem Schrank. Zuerst dachte Kilian, er habe sich das alles eingebildet oder sogar geträumt. Aber diese bizarren Geschehnisse geschahen immer öfters. Er suchte sogar sein Zimmer nach irgendwelchen Beweisen oder Spuren ab, vergeblich. In seinem Schrank hatte er lediglich seine Klamotten gefunden. Diese Gestalt ließ ihm keine Ruhe. Und deswegen fiel es ihm immer schwerer, abends einzuschlafen. Doch er hatte auch nichts seinen Eltern gesagt, weil er Angst hatte, dass sie ihm nicht glauben würden. Er stand vom Tisch auf und räumte seinen Teller weg, bevor er in sein Zimmer ging. Kilian wollte nicht schnell einschlafen, weswegen er sich ein Buch über Abenteurer durchlas. Als es irgendwann sehr spät wurde, guckte seine Mutter kurz in sein Zimmer rein und war überrascht, ihn noch wach vorzufinden. Auf ihre Aufforderung hin löschte er das Licht und döste weg.

Mitten in der Nacht wurde er durch das Knarren seiner Schranktür wach. Es war so weit! Die Gestalt kehrte zurück! Er merkte, wie seine Muskeln wieder zu Stein wurden, und versuchte, langsam zu atmen. Kilian wusste, dass diese merkwürdigen Geschehnisse nicht ewig so weitergehen konnten. Er erinnerte sich, wie sein Vater ihm beim Abendessen seine Hilfe angeboten hatte. Doch er wollte sich jetzt nicht bewegen. Und dann dachte er an das Buch, dass er zum Einschlafen gelesen hatte. Das Buch voller Abenteurer, die Mut bewiesen hatten und in fremde Länder aufgebrochen waren zu aufregenden Expeditionen. Vielleicht war diese fremde Gestalt seine eigene Expedition. Was wäre, wenn diese Gestalt einfach nur auf ihn wartete? Er wollte auch mutig sein. Er wollte auch ein Abenteuer erleben. Langsam löste er sich aus seiner Starre und knipste das Licht an.

Das Licht war sehr grell und blendete ihn zuerst. Er kniff die Augen ein wenig zusammen, bis er sich an den sanften Schein gewöhnt hatte. Jetzt sah er die Gestalt. Sie war nicht wirklich ein Mensch, aber auch kein Tier. Sie war so groß wie er und hatte eine fellartige Haut, die teils durchsichtig, teil in verschiedenen Farben schillerte. Zwei dunkle, neugierige Augen schauten ihn an. Das Wesen stand aufrecht am Fenster auf zwei Beinen. Es hatte Hände, die an Pranken erinnerten, und zwei große Füße. Ohren und Nase waren durch seine fellartige Haut im Gesicht versteckt. Sie starrten sich an, bis das Wesen ihn anlächelte.

„Bist du ein Monster?“, fragte Kilian, der sich an die klassischen Geschichten erinnerte von den Monstern, die in den Schränken wohnten.

„Wie sieht ein Monster denn für dich aus?“, fragte das Wesen ihn mit einer erstaunlich sanften Stimme.

„Es sieht total scheußlich aus und macht einem Angst“, antwortete er nach einer Weile.

„Mache ich dir Angst?“

Kilian betrachtete sein Gegenüber und blickte auf das schillernde Fell und die neugierigen Augen. „Nein“, entschied er nach einer Weile und das Wesen lächelte ihn wieder an. So langsam entspannte Kilian sich und konnte normal atmen. Das Wesen kam näher und setzte sich auf die Bettkante.

„Und wer bist du?“, fragte Kilian schließlich.

„Ich bin in den Nächten da, in denen du dir Sorgen um deine Hausaufgaben machst. In den Nächten, in denen du am Tag zuvor durch eine dunkle Gasse gehen musstest, eine gruselige Geschichte gelesen hast oder am Tag danach eine wichtige Arbeit schreiben musst. Ich bin deine Angst, Kilian“, beendete das Wesen seinen Satz und sah ihn aufmerksam an.

Er wusste gar nicht, was er sagen sollte, denn er verstand es auch nicht ganz. „Und du bist immer da?“, fragte er.

„Manchmal, aber auch nicht immer. Oft verschwinde ich einfach“.

„Wie ein Geist?“, fragte Kilian.

Das Wesen – oder vielmehr die Angst – lächelte bei dem Vergleich. „Ja, wenn du es so vergleichen willst.“

„Und wieso wohnst du dann in meinem Kleiderschrank?“

„Nun, irgendwo muss ich doch wohnen, oder?“

Kilian nickte, ein Zuhause brauchte schließlich jeder. „Und wieso wohnst du nur bei mir?“, fragte er.

„Weil ich deine Angst bin, Kilian. Es gibt so viele Menschen, wie es uns Wesen gibt. Jeder Mensch hat seine eigenen Ängste. Und das ist auch gut so. Niemand wird furchtlos auf dieser Welt geboren. Wir leben im Verborgenen, weil viele Menschen sich für uns schämen oder sich nicht gerne an uns erinnern. Aber wir sind wichtig. Um zu lernen, um sich zu entwickeln. Manche lernen, mit uns umzugehen, aber manche knipsen niemals ihr Licht an und lernen uns nie kennen.“

„Aber Mama und Papa haben vor nichts Angst, denn die sind ja erwachsen!“, schlussfolgerte Kilian stolz.

„Doch, auch Erwachsene haben Angst, musst du wissen. Genau genommen – jeder. Und das ist vollkommen natürlich.“

Kilian schaute die Angst an. Er hatte keine Angst mehr. Er war sogar ein bisschen stolz, dass er sein Licht angemacht hatte. Er lächelte seine Angst an und seine Angst lächelte zurück. „Wirst du für immer in meinem Schrank bleiben?“, fragte er.

„Vielleicht werde ich eine Weile unter deinem Bett wohnen“, überlegte seine Angst, „oder ich mache es mir hinter deiner Tür etwas gemütlich. Du musst wissen, dass ich irgendwann verschwinden werde, aber nur mein Körper. Denn irgendwann werden deine Ängste weniger und somit auch ich. Auf gewisse Weise werde ich trotzdem immer bei dir bleiben, musst du wissen.“

Das beruhigte Kilian komischerweise. Er gähnte und kuschelte sich in sein Bett.

Seine Angst guckte ihn, beugte sich zu seinem Nachttischchen und löschte das Licht. „Es wird Zeit“, sagte sie und richtete sich auf.

Kilian sah im Dunkeln, wie seine Angst seine Schranktür öffnete und darin verschwand. Langsam überkam ihm der Schlaf und er schlief vollkommen friedlich ein. Mit der Gewissheit, dass seine Angst bei ihm war.

Klara Dinant: geboren in Lüttich und größtenteils aufgewachsen in Eupen, der deutschsprachigen Region in Belgien, wo sie noch immer wohnt. Die Autorin ist 20 Jahre alt und beschäftigt sich kreativ in ihrer Freizeit, was bedeutet, dass sie gerne zeichnet oder liest. Sie liebt es, zu schreiben, das aber leider viel zu selten. Außerdem wirkt sie seit mehreren Jahren in einer Jugendorganisation als Leiterin mit.

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Der Zombie in meiner Klasse

Aufmerksam richte ich meinen Blick auf meine Klassenlehrerin, die gerade dabei ist, uns eine neue Schülerin vorzustellen. Ihr Name ist Mara und sie ist erst gestern in die Stadt hergezogen. Sie hat sehr helle, blonde Haare, welche sorgsam in zwei Zöpfe geflochten wurden. Ein schwarzes Kleidchen ziert ihren Körper, welches bis zu ihren Knien geht. Ich weiß nicht, wieso, jedoch habe ich ein komisches Gefühl bei ihr. Mein Bauchgefühl täuscht mich nie, weswegen ich beschließe, herauszufinden, was für ein Geheimnis Mara mit sich trägt.

Wie es der Zufall will, ist der einzige freie Platz in unserem Klassenzimmer neben mir, weshalb Mara keine andere Wahl hat, als neben mir Platz zu nehmen. Mit schweren Schritten kommt sie also in meine Richtung, woraufhin ich Mara misstrauisch beobachte. Ihr langsamer und schleppender Gang weist darauf hin, dass sie ein Zombie sein könnte. Jedoch will ich mir ganz sicher sein, dass meine Vermutung stimmt. Lächelnd stelle ich mich ihr also vor, damit wir uns anfreunden können. So finde ich bestimmt schneller raus, ob ich mit meiner Theorie richtig liege.

Als sie neben mir Platz nimmt, fällt mir besonders der starke Geruch ihres Parfums auf. Es riecht sommerlich und erfrischend. Bei genauerem Nachdenken erinnere ich mich daran, dass Zombies dafür bekannt sind, fürchterlich zu stinken, sodass man sich wegen des Gestanks sogar die Nase zuhalten muss. Vielleicht trägt Mara also das Parfüm nur, um ihren widerlichen Gestank zu verstecken. Möglicherweise möchte sie nicht, dass jemand erfährt, dass sie ein Zombie ist.

Mein Blick wandert wieder zu Mara, die gerade dabei ist, einige Stifte aus ihrem Federmäppchen auf unserem Tisch auszubreiten. Auch ihre Haut sieht sehr blass aus, sodass man denken könnte, sie lebe nicht mehr. Vor allem mit dem schwarzen Kleid sticht der schon fast weiße Ton ihrer Haut hervor und bildet somit einen starken Kontrast. Tiefe Augenringe haben sich unter ihren Augen gebildet, die auch sehr typisch für Zombies sind. Sie sind so dunkel, dass man denken könnte, dass Mara nächtelang nicht geschlafen hat. Soweit ich weiß, können Zombies überhaupt nicht schlafen oder träumen. Immer mehr Sachen deuten also darauf hin, dass ich recht habe und Mara kein Mensch, sondern ein Zombie ist. Mara scheint meinen brennenden Blick auf sich gespürt zu haben und dreht ihr Gesicht fragend in meine Richtung. Dabei kann ich klar und deutlich ihre Augen erkennen. Alle Zombies haben graue Augen, weshalb ich testen möchte, ob auch Mara graue Augen hat. Maras Augen sind definitiv grau, was auch darauf hinweist, dass sie ein Zombie ist.

Mara muss einfach ein Zombie sein. Schließlich treffen alle typischen Merkmale eines Zombies auf sie zu. Ihr Gang, die blasse Haut, graue Augen und selbstverständlich die tiefen Augenringe. Im Unterricht verabrede ich mich deswegen mit Mara. Ich möchte einfach unbedingt wissen, ob meine neue Klassenkameradin ein untotes Wesen ist. Und wenn man schon die Gelegenheit hat, sich mit einem Zombie anzufreunden, sollte man diese auch nutzen.

Wir laufen nach der Schule zu mir nach Hause, wo meine Mama schon auf mich wartet. Bis das Essen fertig ist, gehen wir hoch in mein Zimmer und machen es uns auf meinem Bett gemütlich.