Cäsar und Tacitus

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Die Deutschen sind keineswegs die ersten Bewohner des jetzt von ihnen eingenommenen Landes.1 Wenigstens drei Racen sind ihnen vorhergegangen.

Die ältesten Spuren des Menschen in Europa finden sich in einigen Schichten Südenglands, deren Alter bis jetzt nicht genau festzustellen ist, die aber wahrscheinlich zwischen die beiden Vergletscherungsperioden der sog. Eiszeit fallen.

Nach der zweiten Gletscherperiode, mit dem allmählich wärmer werdenden Klima, tritt der Mensch über ganz Europa, Nordafrika und Vorderasien bis nach Indien hinein auf, in Gemeinschaft mit den ausgestorbenen großen Dickhäutern (Mammut, gradzahniger Elefant, wolliges Rhinozeros) und Raubtieren (Höhlenlöwe, Höhlenbär) wie mit noch lebenden Tieren (Renntier, Pferd, Hyäne, Löwe, Bison, Auerochs). Die dieser Zeit angehörigen Werkzeuge weisen auf eine sehr niedrige Kulturstufe hin: ganz rohe Steinmesser, birnförmige, steinerne Hacken oder Äxte, die ohne Stiel gebraucht wurden. Schabmesser zum Reinigen von Tierhäuten, Bohrer, alles von Feuerstein, etwa die Entwicklungsstufe der jetzigen Eingebornen Australiens andeutend. Die bis jetzt gefundenen Knochenreste erlauben keinen Schluß auf den Körperbau dieser Menschen, deren weite Verbreitung und überall gleichförmige Kultur auf eine sehr lange Dauer dieser Periode schließen läßt.

Was aus diesen frühpaläolithischen Menschen geworden, wissen wir nicht. In keinem der Länder, wo sie aufgetreten, auch in Indien nicht, sind Menschenracen erhalten, die als ihre Vertreter in der heutigen Menschheit gelten können.

In den Höhlen Englands, Frankreichs, der Schweiz, Belgiens und Süddeutschlands finden sich die Werkzeuge dieser untergegangenen Menschen meist nur in den untersten Schichten des abgelagerten Bodens. Über dieser untersten Kulturschicht, und häufig von ihr getrennt durch eine dickere oder dünnere Lage Tropfstein, findet sich eine zweite, Werkzeuge führende Ablagerung. Diese, einem späteren Zeitabschnitt angehörigen Werkzeuge sind bereits weit geschickter gearbeitet und auch in ihrem Material mannigfacher. Die Steininstrumente sind zwar noch nicht poliert, aber doch schon zweckmäßiger in Anlage und Ausführung; daneben finden sich Pfeil-und Speerspitzen von Stein, Renntierhorn, Knochen; Dolche und Nähnadeln von Bein oder Geweih, Halsgeschmeide von durchbohrten Tierzähnen etc. Auf einzelnen Stücken finden wir teilweise sehr lebendige Zeichnungen von Tieren, Renntieren, Mammut, Auerochse, Seehund, Walfisch, auch Jagdszenen mit nackten Menschen, selbst Anfänge von Skulptur in Horn.

Treten die frühpaläolithischen Menschen in Begleitung von Tieren auf, die vorwiegend südlicher Herkunft waren, so erscheinen neben den spät-paläolithischen Tiere nordischen Ursprungs: zwei noch lebende nordische Bärenarten, der Polarfuchs, Vielfraß, die Schnee-Eule. Mit diesen Tieren sind auch diese Menschen wahrscheinlich von Nordosten her eingewandert, und ihre letzten Reste in der heutigen Welt scheinen die Eskimos zu sein. Die Werkzeuge beider stimmen nicht nur im einzelnen, sondern auch in der Gesamtgruppe vollständig zusammen; die Zeichnungen ebenfalls; die Nahrung beider wird von fast genau denselben Tieren geliefert; die Lebensweise, soweit wir sie für die untergegangene Race feststellen können, stimmt genau zusammen.

Auch diese Eskimos, die bis jetzt nur nördlich von den Pyrenäen und Alpen nachgewiesen, sind vom europäischen Boden verschwunden. Wie die amerikanischen Rothäute noch im vorigen Jahrhundert die Eskimos durch einen unerbittlichen Vernichtungskrieg nach dem äußersten Norden zurückdrängten, so scheint auch in Europa die nun auftretende neue Race sie allmählich zurückgetrieben und endlich ausgerottet zu haben, ohne sich mit ihnen zu vermischen.

Diese neue Race kam, wenigstens im westlichen Europa, von Süden; sie drang wahrscheinlich von Afrika nach Europa zur Zeit, wo beide Weltteile sowohl bei Gibraltar wie bei Sizilien noch durch Land verbunden waren. Sie stand auf einer bedeutend höheren Kulturstufe als ihre Vorgänger. Sie kannte den Ackerbau; sie hatte Haustiere (Hund, Pferd, Schaf, Ziege, Schwein, Rindvieh). Sie kannte die Handtöpferei, das Spinnen und Weben. Ihre Werkzeuge waren zwar noch von Stein, aber schon mit großer Sorgfalt gearbeitet und meistenteils glatt geschliffen (sie werden als neolithische von denen der früheren Perioden unterschieden). Die Äxte haben Stiele und werden damit zum ersten Mal zum Holzfällen brauchbar; damit wird es möglich, Baumstämme zu Booten auszuhöhlen, auf denen man zu den jetzt durch allmähliche Bodensenkung vom Festland getrennten britischen Inseln überfahren konnte.

Im Gegensatz zu ihren Vorgängern bestatteten sie ihre Toten sorgfältig; es sind uns daher Skelette und Schädel genug erhalten, um über ihren Körperbau urteilen zu können. Die langen Schädel, die kleine Statur (Durchschnitt der Weiber etwa 1,46, der Männer 1,65 Meter), die niedrige Stirn, die Adlernase, die starken Brauen und schwachen Backenknochen und mäßig entwickelten Kinnbacken weisen auf eine Race hin, als deren letzte heutige Vertreter die Basken erscheinen. Die neolithischen Einwohner nicht nur Spaniens, sondern auch Frankreichs, Britanniens und des ganzen Gebiets mindestens bis an den Rhein, sind nach aller Wahrscheinlichkeit iberischer Race gewesen. Auch Italien wurde vor Ankunft der Arier von einer ähnlichen kleinen, schwarzhaarigen Race bewohnt, über deren nähere oder entferntere Verwandtschaft zu den Basken heute schwer zu entscheiden ist.

Virchow verfolgt diese langen Baskenschädel bis tief nach Norddeutschland und Dänemark hinein; und die ältesten neolithischen Pfahlbauten des nördlichen Alpenabhangs gehören ihnen ebenfalls an.

Andrerseits erklärt Schaaffhausen eine Reihe nächst des Rheins gefundener Schädel für entschieden finnisch, speziell lappisch, und kennt die älteste Geschichte als nördliche Grenznachbarn der Deutschen in Skandinavien, der Litauer und Slawen in Rußland nur Finnen. Diese beiden kleinen, dunkelhaarigen Racen, die eine von jenseits des Mittelmeers, die andre direkt aus Asien nördlich vom Kaspischen Meer her eingewandert, scheinen hiernach in Deutschland zusammengestoßen zu sein. Unter welchen Umständen, bleibt vollständig im dunkeln.

Auf diese verschiednen Einwanderungen folgt endlich, auch noch in vorgeschichtlicher Zeit, die des letzten großen Hauptstamms, der Arier, der Völker, deren Sprachen sich um die altertümlichste unter ihnen, um das Sanskrit, gruppieren. Die frühesten Einwanderer waren die Griechen und Lateiner, die die beiden südöstlichen Halbinseln Europas in Besitz nahmen; daneben wohl die jetzt verschollenen Skythen, Bewohner der Steppen nördlich des Schwarzen Meers, dem medisch-persischen Stamm wohl zunächst verwandt. Dann folgten die Kelten. Von ihrem Wanderzug wissen wir nur, daß er nördlich des Schwarzen Meers erfolgte und durch Deutschland ging. Ihre vordersten Massen drangen nach Frankreich, eroberten das Land bis an die Garonne und unterwarfen selbst einen Teil des westlichen und mittleren Spaniens. Das Meer hier, der Widerstand der Iberer dort brachte sie zum Stehen, während hinter ihnen von beiden Seiten der Donau her andre keltische Stämme noch nachdrängten. Hier, am äußersten Ozean und an den Donauquellen, kennt sie Herodot. Sie müssen aber schon bedeutend früher eingewandert sein. Die Gräber und sonstigen Funde aus Frankreich und Belgien beweisen, daß die Kelten, als sie das Land in Besitz nahmen, noch keine metallnen Werkzeuge kannten; dagegen treten sie in Britannien von Anfang an mit Bronzewerkzeugen auf. Zwischen der Eroberung Galliens und dem Zug nach Britannien muß also eine gewisse Zeit verflossen sein, während deren die Kelten durch Handelsverbindungen mit Italien und Marseille die Bronze kennenlernten und bei sich einführten.

Inzwischen drängten die hinteren Keltenvölker, selbst von den Deutschen gedrängt, immer stärker nach; vorn waren die Auswege versperrt, und so entstand ein Rückstrom in südöstlicher Richtung, wie wir ihn später bei den germanischen und slawischen Völkerzügen wiederfinden. Keltenstämme überstiegen die Alpen, überzogen Italien, die thrakische Halbinsel und Griechenland, und fanden teils ihren Untergang, teils faste Sitze in der Po-Niederung und in Kleinasien. Die Masse des Stammes finden wir um jene Zeit (-400 bis -3002) in Gallien bis zur Garonne, in Britannien und Irland und nördlich der Alpen, zu beiden Seiten der Donau, bis an den Main und das Riesengebirge, wo nicht darüber hinaus. Denn, wenn auch die keltischen Berg-und Flußnamen in Norddeutschland weniger häufig und unbestritten sind als im Süden, so ist doch nicht anzunehmen, daß die Kelten den schwierigeren Weg durch das gebirgige Süddeutschland allein gewählt haben sollen, ohne zugleich den bequemeren durch die offene norddeutsche Ebene zu benutzen.

Die keltische Einwanderung verdrängte die vorgefundnen Einwohner nur zum Teil; namentlich im Süden und Westen Galliens machten diese auch jetzt noch die Mehrzahl der Bevölkerung aus, wenn auch als unterdrückte Race, und haben der jetzigen Bevölkerung ihren Körperbau vererbt. Daß sowohl Kelten wie auch Germanen in ihren neuen Sitzen über eine vorgefundne dunkelhaarige Bevölkerung herrschten, geht aus der bei beiden bestehenden Sitte des Gelbfärbens der Haare mit Seife hervor. Helles Haar war Zeichen der herrschenden Race, und wo dies infolge von Racenmischung verlorenging, da mußte eben die Seife nachhelfen.

Den Kelten folgten die Deutschen; und hier können wir den Zeitpunkt der Einwanderung wenigstens annähernd mit einiger Wahrscheinlichkeit bestimmen. Sie begann schwerlich lange vor dem Jahre -400 und war zur Zeit Cäsars noch nicht ganz vollendet.

Um das Jahr -325 gibt uns Pytheas’ Reisebericht die erste authentische Kunde von Deutschen. Er fuhr von Marseille nach der Bernsteinküste und erwähnt dort Guttonen und Teutonen, unzweifelhaft deutsche Völker. Wo aber lag die Bernsteinküste? Die gewöhnliche Vorstellung kennt freilich nur die ostpreußische, und wenn als Nachbarn jener Küste Guttonen genannt werden, so stimmt das allerdings. Aber die von Pytheas gegebnen Abmessungen stimmen nicht zu dieser Gegend, während sie ziemlich gut passen für die große Bucht der Nordsee zwischen der norddeutschen Küste und der cimbrischen Halbinsel. Dorthin passen auch die ebenfalls als Nachbarn genannten Teutonen. Dort – an der Westseite Schleswigs und Jütlands – ist auch eine Bernsteinküste; Ringkjöbing treibt heute noch einen ziemlichen Handel mit dort gefundenem Bernstein. Auch erscheint es äußerst unwahrscheinlich, daß Pytheas so früh schon so weit in ganz unbekannte Gewässer vorgedrungen sei, und noch mehr, daß in seinen so sorgfältigen Angaben die verwickelte Fahrt vom Kattegat bis Ostpreußen nicht nur ganz unerwähnt geblieben ist, sondern überhaupt nicht in sie hineinpaßt. Man müßte sich also ganz entschieden für die zuerst von Lelewel ausgesprochne Ansicht erklären, daß die Bernsteinküste des Pytheas an der Nordsee zu suchen sei, wäre es nicht wegen des Namens der Guttonen, die nur an die Ostsee gehören können. Dieses letzte Hindernis wegzuräumen, hat Müllenhoff einen Schritt getan; er hält die Lesart: Guttonen für verfälscht aus: Teutonen.

Um 180 vor unsrer Zeitrechnung treten Bastarner, unzweifelhafte Deutsche, an der Unterdonau auf und erscheinen wenige Jahre später als Söldner Im Heere des makedonischen Königs Perseus gegen die Römer – die ersten Landsknechte. Es sind wilde Krieger:

»Männer, nicht zum Ackerbau geschickt oder zur Schiffahrt, oder die von Herden ihren Unterhalt suchen, die im Gegenteil nur ein Werk und eine Kunst pflegen: stets zu kämpfen und zu überwinden, was sich ihnen entgegenstellt.«