Enrico Schnitzer
Der Patenmörder
Die Wölfe - Band 1
Rediroma-Verlag
Vor ihm liegt sein Scharfschützengewehr. Antonio hat den Lauf auf den Vorsprung des Dachs aufgelegt, damit ihm die Arme vom Halten nicht schwer werden. Unter sich hat er seine Lederjacke ausgebreitet, die Beine weit auseinander gestreckt, um sein Gewicht auf eine möglichst große Fläche zu verteilen. Seine Haltung ist nicht unbequem, trotzdem schlafen ihm allmählich die Gliedmaßen ein.
„Ziel auf die leere Flasche!“, fordert Butch. Der dunkelhäutige Hüne, der neben ihm liegt, sieht durch ein Fernglas.
Antonio sucht den erwähnten Gegenstand und findet ihn auf einer Parkbank. Er atmet tief durch. Seine Haltung verspannt sich, all seine Gedanken richten sich auf das Ziel, sämtliche Geräusche, seine ganze Umgebung blendet er aus. Ein letztes Mal prüft er seine Haltung, ein letztes Mal die Ausrichtung des Gewehrs, dann hält er den Atem an. Sein Zeigefinger legt sich um den Abzug. Er drückt ab. Der Rückschlag des Gewehrs trifft seine Schulter.
In den Mundwinkeln Butchs bildet sich ein Lächeln. „Nicht schlecht. Schaffst du auch den Kronkorken?“
Antonio schaut durch den Sucher an seinem Gewehr. Unter der Parkbank verteilen sich Glasscherben, mitten unter ihnen liegt der Kronkorken. Antonio lädt die Waffe nach. Er übt jetzt schon ein ganzes Jahr, doch noch nie hat er mit dieser Waffe auf einen Kilometer etwas so keines getroffen. Angespannt fährt er sich über die Lippen. Noch ein kleines Stück nach rechts.
Ein starker Wind zieht an seinen Haaren, er fegt über ihn und das Dach hinweg.
Antonio schießt. Der Rückschlag verzieht die Sicht im Sucher. Er muss die Waffe neu ausrichten, um sehen zu können, ob er getroffen hat.
„Mhm, fast. Warte das nächste Mal, bis es Windstill ist“, rät Butch.
Antonio atmet aus. Es ärgert ihn, das nicht bedacht zu haben. Er lädt neu durch.
Butch rutscht vom Dachrand zurück, das Fernglas stellt er auf dem Boden ab. „Lass uns Schluss machen. Sammle die leeren Patronenhülsen ein, dann sieh zu, dass du zum Boxclub kommst. Michael wird dein Training dort fortsetzen.“
Unwillig lässt Antonio den Blick auf den verfehlten Kronkorken gerichtet. Das muss doch zu schaffen sein.
„Hast du mir zugehört?“, fragt Butch.
„Ja!“ Antonio drückt ab. Wieder sucht er die Bank. Als er sie gefunden hat, ist der Kronkorken verschwunden. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.
Butch kommt zu ihm. Der Schatten des großen Mannes legt sich über ihn. Erschrocken richtet Antonio seinen Blick nach oben.
Mit finsterer Miene reißt Butch ihm das Gewehr aus der Hand. „Zisch ab!“
Augenblicklich rutscht Antonio vom Dachrand zurück. Schnell zieht er sich die Jacke über und sammelt die leeren Hülsen ein.
„Die Waffe nehme ich mit, ich hab noch was zu erledigen“, sagt Butch. Er packt das Gewehr in die mitgebrachte Tasche, dann verlässt er das Dach über die Feuerleiter.
Antonio sieht ihm schweigend nach.
Es ist das erste Mal, dass er dem Mann zugeteilt wurde. Bisher hat er ihn nur hin und wieder in Michaels Begleitung gesehen, wenn sie zusammen in der Kantine aßen. Was genau diese Übung hier zu bedeuten hatte, ist ihm ein Rätsel. Für gewöhnlich übt er auf einem Schießstand oder auf dem Dach des Hochhauses seiner Auftraggeber. Dort gibt es auch spezielle Ziele. So einen offenen Schuss in die Stadt hat er das letzte Mal bei der Aufnahmeprüfung abgegeben, als er den Obdachlosen erschießen sollte. Bleibt zu hoffen, dass niemand auf sie aufmerksam geworden ist.
Antonio sammelt die letzten Hülsen ein und packt sie in seine Hosentasche. Er verlässt das Dach auf demselben Weg wie Butch.
Gedankenverloren folgt er der Straße. Immer wieder wandern seine Gedanken zur Kantine im Hochhaus, wo er sein Apartment hat. Das Knurren seines Magens begleitet ihn.
Wie gern hätte er am Morgen etwas gefrühstückt. Auch gestern hat er nichts gegessen. Die Typen aus dem Boxclub haben ihm die Essensmarken für die ganze Woche geklaut. Geld hat er auch keines um sich irgendwo etwas zu kaufen. Aber zum Glück bekommt er heute von seinem Ausbilder neue Marken. Wenn er sie nur schon in den Händen halten würde.
Wie gut, dass es nicht mehr weit ist. Nur noch vier Blocks, dann ist er zu Hause.
Sein Magen zieht sich krampfhaft zusammen, ein Stechen zwingt ihn dazu langsamer zu gehen. Seine Kehle ist rau und wie zugeschnürt. Übelkeit überkommt ihn. Mit aller Kraft drängt er den Brechreiz zurück. Ein trüber Schleier legt sich über seine Augen. Die Welt verschwimmt. Seine Beine wollen ihn nicht mehr tragen, er muss stehen bleiben, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mit den Händen sucht er nach Halt und findet ihn in den Maschen eines Drahtzaunes. Immer wieder atmet er durch, nur langsam will sich das Stechen in seinem Magen beruhigen. Das Schwindelgefühl legt sich, sein Blick klart auf.
Hinter dem Maschendrahtzaun erstreckt sich ein großer Basketballplatz. Etliche Jugendliche lungern dort herum.
Dahinter erhebt sich ein großes Backsteingebäude. Seine alte Schule.
Es ist lange her, seit er selbst Schüler hier war. Damals hatte seine Mutter noch gelebt und er war nicht auf das Wohlwollen seiner Ausbilder angewiesen. Er hat zu dieser Zeit nicht zu schätzen gewusst, wie schön es ist, zur Schule zu gehen. Der Unterricht hat ihn meist gelangweilt und er hat ihn oft geschwänzt.
Jetzt wäre er froh, wenn er nur einen einzigen Tag dort verbringen dürfte. Ein ganz normaler Vierzehnjähriger sein und sich mit Freunden verabreden. Was wäre das für ein Leben?
All die Jungen und Mädchen dort sind so ausgelassen. Immer wieder scherzen sie miteinander. In kleinen Gruppen stehen sie zusammen und unterhalten sich über die Belanglosigkeiten ihres Alltags.
Das ist so ganz anders als seine Welt: Wenn sich überhaupt jemand mit ihm unterhält, dann im Befehlston und nur über seine nächste Aufgabe. Dabei kommt Antonio lediglich ein 'Ja' oder 'Verstanden' über die Lippen. Wirklich gesprochen hat er schon seit Wochen nicht mehr.
Antonios Aufmerksamkeit bleibt an einem blonden Jungen hängen, welcher einem Ball nachläuft. Als sich ihre Blicke treffen hält er inne.
Die stechend blauen Augen des Jungen ziehen Antonio in seinen Bann. Argwöhnisch mustert der Fremde ihn, als wenn er ihm direkt in die Seele blicken kann.
So finster wie möglich versucht Antonio dem Blick standzuhalten, doch es gelingt ihm nicht. Ein seltsam fremdes Gefühl nagt an ihm. Er sieht weg und kramt in der Jacke nach seiner Taschenuhr. Verdammt! Er hat fast eine halbe Stunde für den kurzen Weg gebraucht. Michael wird ihn vierteilen. Ohne noch einen weiteren Moment kostbarer Zeit zu vergeuden rennt Antonio los.
Wenig später steht er vor einer großen Eisentür. Das Herz hämmert ihm gegen den Brustkorb. Hier ist er schon so oft geschlagen worden. Michael nennt das Training, doch bis jetzt hat Antonio nichts dazu gelernt.
Zögernd legt er die Hand auf die Klinke. All seine Sinne sagen ihm 'lauf weg'. Er atmet tief durch, dann zwingt er sich die Tür zu öffnen.
Er tritt in einer große Halle, ein dutzend Boxsäcke hängen von der Decke. In der Mitte stehen zwei umzäunte Ringe, in denen jeweils zwei Jungen mit bandagierten Händen trainieren. Sie tragen Turnschuhe und Shorts, ihre Oberkörper sind nackt.
Außer den vier Jugendlichen ist noch ein Mann hier. Er steht an dem hintersten Boxsack und schlägt mit seinen Fäusten auf ihn ein.
Antonio muss schlucken, als ihn die Vorahnung der Schläge überkommt, die bald ihn treffen werden. Nur zwei Schritte wagt er zu gehen während hinter ihm die Tür ins Schloss fällt.
Der Knall lässt alle Anwesenden in seine Richtung schauen.
Er versucht sich klein zu machen, doch hier gibt es keine Deckung vor ihren Blicken. Obwohl Antonio nicht aufsieht, spürt er ganz deutlich, dass Michael ihn mustert.
„Du bist spät dran!“, sagt er.
Antonio fährt zusammen. Noch immer traut er sich nicht einen weiteren Schritt zu gehen. Ihm fällt auch keine passende Entschuldigung ein, also schweigt er.
„Na wenigstens kommst du mir heute nicht mit irgendwelchen Ausreden. Los, beweg dich und komm her!“
Wie in Trance setzt Antonio seinen Weg fort. Den Blick lässt er auf den Boden gerichtet. Seine Hände sind eiskalt, seine Arme zittern.
„Wie lief es mit Butch? War er zufrieden?“, will sein Ausbilder wissen.
Antonio erreicht ihn. Er kennt die Antwort nicht, also hebt er die Schultern.
Michael rollt mit den Augen. „Zieh deine Jacke und das Hemd aus! Ich will sehen, ob du seit gestern etwas dazu gelernt hast.“
Antonio gehorcht, nach und nach entledigt er sich seiner Sachen.
Michael scheucht unterdessen die zwei Jugendlichen aus dem hintersten Ring und steigt dann selbst hinein.
Antonios Oberkörper ist mit blauen Flecken übersät, ein Großer zieht sich über seinen linken Brustmuskel, ein tief lila gefärbter schlängelt sich über seine Schulter. Etliche weitere verteilen sich in allen möglichen Farben, punktuell über den Rest seines mageren Körpers. Er steigt zu seinem Ausbilder in den Ring.
Ungeduldig mustern ihn die dunklen Augen Michaels. Die schwarzen Haare rahmen das kantige Gesicht. Seine Muskelmasse lässt Michael wie einen Schrank wirken, er ist gut zwei Meter groß. Über seinen Oberkörper zieht sich ein asiatischer Drache, der das mit scharfen Zähnen gespickte Maul weit aufreißt.
Die restlichen Jugendlichen haben ihr Training unterbrochen, sie kommen zusammen und platzieren sich jeder an einer Ringseite. Antonio wirft ihnen abschätzige Blicke zu. Wie er diese schadenfrohen Mistkerle hasste.
„Hey! Sieh mich gefälligst an!“, fordert Michael.
Erschrocken richtet Antonio seine Aufmerksamkeit auf ihn.
Sein Ausbilder hat die Arme vor der Brust verschränkt. Abfällig schüttelt er den Kopf und befiehlt: „Greif mich an!“
Antonio zögert. Gestern hatte Michael seinen ersten Schlag geblockt, bevor Antonio zu einem weiteren Angriff gekommen war, traf ihn schon ein Tritt gegen die Beine und ließ ihn zu Boden gehen.
„Nun mach schon!“, schreit Michael.
Wieder zuckt Antonio zusammen, Angst kriecht ihm den Rücken hinauf und lähmt ihn. Als er sich nicht rührt, macht Michael einen Schritt auf ihn zu.
Instinktiv reißt Antonio die Arme vor das Gesicht und blockt den Angriff ab. Vibrierender Schmerz verteilt sich auf seiner Haut. Ein neuer Hieb trifft ihn am Oberarm, dann einer an der Hüfte. Antonio zieht die Luft scharf ein. Scheu sieht er zu Michael auf. Es ist das erste Mal, dass er nach drei Angriffen seines Ausbilders noch steht, doch vergeblich sucht er im Gesicht des Mannes nach einem anerkennenden Blick.
Michaels Mine ist so ernst wie immer. Er dreht sich einmal um sich selbst.
Sein Tritt trifft Antonio in die Seite. Die Wucht hebt ihn von den Beinen und lässt ihn rücklings auf die Matte fallen. Krampfhaft umschlingt Antonio die getroffene Stelle. Die Luft bleibt ihm weg. Brechreiz steigt ihm in die Kehle, er würgt und hustet.
„Steh auf!“, fordert Michael.
Keuchend sieht Antonio zu ihm auf. Vergeblich versucht er sich nach oben zu drücken. Seine Muskeln wollen ihm nicht gehorchen.
Lauernd beobachtet Michael ihn und legt die Hände an die Hüften. Er seufzt tief, dann sagt er: „Du bist wirklich zu nichts zu gebrauchen! Verschwinde! Deine Essensmarke für heute kannst du vergessen. Wer nicht kämpft, braucht auch nicht essen.“ Michael bedeutet ihm, mit einem Wink seiner Hand, dass er entlassen ist.
Unschlüssig sieht Antonio ihn an.
„Was denn? Schaffst du es nicht mal aus dem Ring raus?“
Antonio versucht aufzustehen, doch es geht nicht.
Michael packt seinen Arm, mit einem Ruck stellt er ihn auf die Füße. „Los, geh mir aus den Augen!“
Antonio beißt sich auf die Unterlippe, Tränen steigen ihm in die Augen. Stumm wendet er sich ab und schlüpft unter der Ringabgrenzung hindurch. Langsam trottet er zu seinen Sachen und zieht sich sein Hemd an.
Die anderen Jungen rücken näher zusammen, sie beginnen zu tuscheln.
„So ein Schwächling.“
„Aus dem wird nie ein richtiger Drache.“
Antonio greift nach seiner Jacke. So schnell ihn seine Beine tragen können, verlässt er die Halle.
Was wissen diese Idioten denn schon? Bei ihnen ist Michael nie so streng. Dieser ganze Kampfsportmist liegt ihm eben nicht. Das wird er nie lernen.
Eilig läuft er den Flur entlang zum Fahrstuhl. Das Gitter reißt er auf und steigt ein. Für heute hat er genug davon, ein Drache zu sein. Er will nur noch in sein Zimmer. Im Fahrstuhl wählt er den neunten Stock. Mit einem Ruck setzt sich die Kabine in Bewegung.
Jetzt wo er allein ist, wo ihn keine feindseligen Blicke mehr treffen, kommt er nicht mehr gegen die Tränen an. Heiß laufen sie ihm über die Wangen. Er ist kein Schwächling, er hat die Aufnahmeprüfung bestanden und dafür sogar einen Menschen getötet. Hat das nicht gereicht? Antonio ist längst ein Drache, warum behandeln sie ihn nicht endlich so?
Der Fahrstuhl stoppt, zügig setzt Antonio seinen Weg fort. Er folgt dem Flur, von welchem etliche Türen abgehen. Noch im Laufen kramt er seinen Schlüssel aus der Hosentasche. Schon von weitem kann er das Miauen seines Katers hören. Schabende Geräusche gehen von einer der Türen aus. Antonio bleibt vor ihr stehen und schließt auf.
Ein weißer Perser zwängt sich durch den geöffneten Spalt. Schnurrend beginnt er Antonios Beine zu umrunden. Eng schmiegt er seinen mageren Körper an ihn.
Antonio bückt sich nach dem Tier und nimmt es auf den Arm. Mit ihm geht er in sein Einzimmerapartment und knallt die Tür nach sich zu. Den Kater drückt er fest an sich und lehnt sich mit dem Rücken an die Wand. Langsam lässt er sich auf den Boden sinken. „Es tut mir leid, Snowflake. Ich habe heute nichts für dich“, flüstert er dem Kater ins Ohr.
Das Tier miaut und reibt seinen Kopf an ihm.
Langsam versiegen Antonios Tränen, sein Blick schweift umher.
Ein einfacher Kleiderschrank, ein Bett, ein kleiner Tisch, nichts davon gehört ihm. Er ist hier nur geduldet solange er tut, was man ihm befiehlt. „Auf der Straße, war es schlimmer“, versucht Antonio sich einzureden, auch wenn er weiß, dass es nicht stimmt. Hätte er sich damals doch nur nicht darauf eingelassen Bodengänge für diese Drachen zu erledigen. Jetzt wo er schon so viel gesehen hat, wo er selbst schon einen Mann getötet hat, lassen sie ihn nie lebend gehen.
Seine Hand wandert an das Kreuz um seinen Hals. Mit dem Daumen fährt er über den roten Rubin in der Mitte. „Mutter“, flüstert er.
Ich gähne herzhaft während ich meinen Spind aufschließe, um die Schulsachen für den Unterricht zu holen. Es ist einfach unmenschlich schon um Sieben aufstehen zu müssen, nur um pünktlich acht Uhr in der Schule zu sein.
Ich hätte vergangene Nacht nicht bis zwei Uhr aufbleiben und meinem Bruder in der Werkstatt helfen sollen. Aber ich wollte nicht, dass er heute wieder Überstunden schieben muss, denn dann wäre der Ausflug in den Park einmal mehr ins Wasser gefallen.
Ich ziehe die Spindtür auf. Etliche gefaltete Zettel fallen mir entgegen, sie sammeln sich vor meinen Füßen.
Nicht weit entfernt steht eine Gruppe Mädchen. Die Schulbücher fest an sich gepresst, schauen sie mich lachend an, sie spielen mit ihren Haaren. Zwei von ihnen winken mir zu.
Ich verdrehe die Augen und ignoriere sie. Stattdessen befreie ich meine Schulbücher von den anderen vier Zetteln, welche sich darauf türmen.
Was soll ich damit? Ich kenne diese Mädchen nur vom Sehen, habe noch kein einziges Wort mit ihnen gewechselt.
„Na, wie viele sind es heute?“, spricht mich mein Freund Alex an. Er öffnet den Spind neben meinem und schiebt sich die viel zu große Brille auf der Nase zurecht.
„Keine Ahnung“, entgegne ich. Die Zettel lasse ich unbeachtet liegen.
„Willst du nicht lesen, was drin steht?“, fragt Alex. Er bückt sich nach einem der Papierschnipsel.
„Nein.“ Es ist immer dasselbe: Ob ich nicht ihr Freund sein will, wie toll sie mich doch finden, wie hübsch ich bin. Ich weiß das alles, ich brauche ihre Bestätigung nicht und ganz besonders brauche ich keine Freundin, die wie eine Klette an mir klebt.
„Du kannst sie gern haben, wenn du magst. Ich kann damit nichts anfangen.“ Ich hole mein Mathebuch heraus, dann schließe ich den Spind.
Die Mädchen tuscheln, sie beobachten mich noch immer.
Ich schenke ihnen ein Grinsen und werfe ihnen einen Handkuss zu.
Sie kichern, ihre Wangen werden rot.
Warum freuen sie sich denn darüber? Ich will sie doch nur aufziehen. Weiber, ich werde aus ihnen einfach nicht schlau.
„Was soll ich damit, die sind nicht an mich gerichtet. Du bist echt undankbar. Ich hatte noch nie einen Zettel in meinem Spind.“
Ich lächle, als mir eine Idee kommt. „Dann schmeiß ich dir morgen einen von meinen rein.“
„Du Arsch! Das ist doch nicht dasselbe.“
Ein Mädchen mit blonder Lockenmähne hält auf uns zu. Als sie meinen Spind erreicht, bückt sie sich nach den Zetteln. Sie sucht sich einen aus und liest ihn vor: „Du hast so schöne blaue Augen, wollen wir nicht Freunde sein?“ Abfällig schüttelt Anette den Kopf. „Denen fällt auch nichts Neues mehr ein.“ Böse funkelt sie die Mädchen an.
Die Schülerinnen ducken sich unter ihrem strengen Blick. Gegenseitig schubsen sie sich an, dann verschwinden sie in ihrem Klassenzimmern.
„Vielleicht solltest du mit Anette gehen, dann bist du die anderen Weiber los“, flüstert mir Alex zu. Ich schüttle abwehrend mit dem Kopf. Anette ist meine beste Freundin, das reicht mir.
„Was tuschelt ihr da so geheimnisvoll?“, will sie wissen.
Ich winke ab.
Ein schrilles Läuten halt durch die Gänge. Mrs. Miller geht an uns vorbei. In ihrer Hand schüttelt sie eine Glocke, das Zeichen für den Beginn des Unterrichts.
Anette geht zwei Türen weiter, zu den Mädchen, während ich und Alex im Klassenraum der Jungen verschwinden.
Mathe in der ersten Stunde, gibt es etwas Schlimmeres? Mr. Moore am frühen Morgen ertragen müssen, grenzt an Folter. Der steife Mann mit der Glatze, in seinem feinen Anzug, hat heute Henry als Opfer erwählt. Der arme Kerl hat sein Mathebuch vergessen, nun kassiert er dafür den dritten Rohrstockhieb auf den Hintern.
Das Knallen des Stockes lässt uns alle zusammenzucken. Jeder von uns hat sich diese Strafe schon einmal eingehandelt.
Alex trägt noch immer einen dunkelblauen Striemen über dem Handrücken, weil er eine Frage Mr. Moors nicht beantworten konnte.
Wie oft habe ich mir vorgestellt, den Spieß umzudrehen, dem Kerl zu zeigen, wie weh so ein Rohrstockhieb tut.
Der letzte Schlag verklingt, Henry darf sich setzen, wenn er nur noch sitzen könnte. Der arme Kerl rutscht auf seinem Stuhl hin und her und findet keine schmerzfreie Position mehr.
Mr. Moor kommt in meine Sitzreihe, er sammelt die Hausaufgaben ein und teilt die Klassenarbeit der letzten Woche aus.
Ich gebe meinen Zettel ab und nehme die Arbeit entgegen.
Heute hat er nichts zu beanstanden.
Mathe fällt mir zum Glück leicht. Mit dickem Rotstift ist auf meiner Arbeit ein A- geschrieben.
Als Mr. Moore hinter mir verschwindet, schiebe ich mein Heft hoch. Darunter habe ich meinen Zeichenblock versteckt. So lange Mr. Moore mit dem Verteilen der Arbeiten beschäftigt ist, kann ich meine Zeichnung vervollständigen.
Den Kopf des Wolfes habe ich schon fertig, nun arbeite ich den Flügel aus, der wie Flammen von ihm abstehen soll.
Ein großer Schatten fällt auf mein Blatt.
Erschrocken schaue ich auf.
Ein Stockhieb trifft meinen Handrücken, ein brennendes Mal entsteht. Ich beiße die Zähne fest zusammen, um nicht aufschreien zu müssen und reibe über die wunde Haut.
„Was ist das?“, will Mr. Moore wissen. Er nimmt sich die Zeichnung. Einen Moment lang sieht er sie an, dann zeigt er sie allen Schülern. „Kunst, meine Herren! Wir haben einen Künstler unter uns!“, ruft er spöttisch.
Als wenn der Kerl Ahnung davon hat.
Finster mustere ich ihn, eine passende Antwort liegt mir auf den Lippen, als einer der Jungen hinter mir ruft: „Das sieht toll aus Enrico!“
„Ja, zeichnest du mir einen Drachen?“, ruft sein Banknachbar.
„Bekomme ich die Zeichnung, wenn du sie fertig hast?“, will ein Dritter wissen.
Ich drehe mich nach ihnen um. „Was für einen Drachen willst du denn haben?“
„Einen mit weit aufgerissenem Maul und scharfen Krallen!“
„Ruhe!“, brüllt der Lehrer. „Dreh dich um! Hände auf den Tisch!“
Augenblicklich verstummen alle Gespräche.
Ich wende mich Mr. Moore zu. „Muss das wirklich sein?“ Sein strenger Blick lässt mir keine Wahl. Gehorsam lege ich die Hände mit der Innenseite nach oben auf den Tisch.
Mr. Moore hebt den Rohrstock, er holt weit aus und schlägt mit aller Kraft zu.
Im letzten Moment ziehe ich meine Finger weg.
Der Stock knallt auf die Tischplatte und bricht in der Mitte, das kurze Ende fliegt ihm entgegen.
Grinsend sehe ich zu ihm auf. „Daneben!“, sage ich herausfordernd. Das wollte ich schon immer machen. Ich lache ihn frech an.
Mr. Moor wird rot.
Ein Raunen geht durch die Bankreihen, die Schüler beginnen zu tuscheln.
„Das wird ein Nachspiel für dich haben, junger Mann!“, schreit Mr. Moor. Der abgebrochene Stab zittert unter seinem festen Griff.
„Ja, ist gut!“, entgegne ich. Es ist nicht das erste Mal, dass mir eine Strafe aufgebrummt wird. Für diese Aktion nehme ich das gern in Kauf.
„Geh mir aus den Augen!“, befiehlt er.
Gehorsam erhebe ich mich, schiebe meinen Stuhl an den Tisch und setze mich in Bewegung. Im Vorbeigehen greife ich mir die Zeichnung, die er noch immer in der Hand hält, dann verlasse ich den Raum.
Die Gespräche meiner Mitschüler werden lauter. Sie sehen mir nach.
„Ruhe! Seid still!“, schreit der alte Mann.
Ich lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen.
Der Rohrstock-Zwischenfall ist auch in der Mittagspause noch Gesprächsthema Nummer eins auf dem Schulhof. In allen Ecken kann ich meine Mitschüler darüber tuscheln hören. Selbst das Lehrpersonal erwähnt immer wieder meinen Namen. Egal, wo ich hinkomme, alle Blicke richten sich auf mich.
Wenn ich das meinem großen Bruder erzähle, wird der sich sicher kaputtlachen.
Mit den Gedanken an den versprochenen Tag im Park laufe ich zu meinen Freunden, als mich einer der Jungs aus der Zehnten anspricht: „River, warte mal!“
Ich bleibe stehen. Ein Basketball schießt auf mich zu, ich schaffe es gerade noch, die Hände hoch zu nehmen, um ihn vor meinem Gesicht abzufangen. Irritiert betrachte ich Taylor.
Der Kerl ist gut einen Kopf größer als ich, er trägt das Trikot der Schulbasketballmannschaft, deren Kapitän er ist. Sein Blick ist anerkennend auf mich gerichtet. „Gute Reaktion! Komm mal hier rüber!“, ruft er.
Ich gehe zu ihm.
„Stimmt es, dass du den Moore heute verarscht hast?“, fragt Taylor.
„Der ist selbst schuld, wenn er nicht schnell genug zuschlagen kann“, entgegne ich und zucke mit den Schultern.
„Respekt! Das hat sich bisher nicht mal einer von uns getraut.“ Taylor schlägt mir auf die Schulter.
Ich lächle stolz.
„Komm, spiel doch eine Runde bei uns mit!“ Ist das sein Ernst? Das durfte bisher noch keiner aus der Neun.
Ich bin mir nicht sicher, ob das Angebot ehrlich gemeint ist.
Taylor lächelt und ich bekomme das Gefühl seinen Worten vertrauen zu können.
„Klar, warum nicht? Aber ich bin darin nicht besonders gut“, gebe ich zu. Es ist lange her, dass sich mein Bruder die Zeit genommen hat, mit mir Basketball zu spielen. Allein habe ich ewig keine Körbe mehr geworfen.
„Keine Sorge, das bringen wir dir schon bei.“ Taylor legt mir seine Hand auf die Schulter, er schiebt mich zu seinen Freunden. Sie kommen alle zusammen und verteilen sich um mich.
Ich bin der Kleinste in ihrer Mitte. In ihrem Schatten komme ich mir verloren vor.
„Das ist der Knirps, an dem sich der Moore den Rohrstock zerbrochen hat. Sag mal, wie heißt du eigentlich mit Vornamen?“, fragt Taylor.
„Enrico.“
„Okay, Enrico, du spielst bei uns mit!“, sagt einer der anderen Jungen. Über seinem Trikot hat er ein rotes Band geschnürt, wie die Hälfte der Mannschaft, sicher um die beiden Teams auseinander halten zu können.
Ich nicke, dann verteilen sich alle auf dem Spielfeld.
Das Spiel beginnt.
Ich komme nicht mal in die Nähe des Balls.
Sie alle sind viel schneller als ich. Trotzdem macht es Spaß, mit ihnen zu wetteifern. Die beliebtesten Jungen der Schule und ich mitten unter ihnen, das glaubt mir morgen keiner mehr.
Einer meiner Mannschaftskollegen erobert sich den Ball, er wirft ihn weit über die Köpfe aller hinweg und versenkt ihn sicher im Korb. Der Ball springt auf den Boden und rollt bis an den Zaun.
„Ich hole ihn!“, rufe ich und laufe ihm nach.
Als ich ihn aufhebe, fällt mir ein Junge hinter dem Maschendraht auf.
Seine smaragdgrünen Augen mustern mich. Matt und müde schaut er mich an. Seine schwarzen Haare sind verschwitzt, sie kleben ihm im Gesicht. Er atmet schwer und ist leichenblass. Seine Gestalt ist dürr, die Wangen eingefallen. Als er sich meines Blickes bewusst wird, schaut er finster.
Ich lächle ihn an, doch seine Gesichtszüge hellen sich nicht auf.
Was für ein seltsamer Kerl. Seine Klamotten sind komplett schwarz: Die Stoffhose, das Hemd, die Lederjacke. Die Farbe lässt ihn noch dürrer wirken. Warum hat er überhaupt so dickes Zeug an, in dieser Mittagshitze? Kein Wunder, dass ihm der Schweiß aus den Haaren tropft.
Dunkel kann ich mich erinnern, ihn hier schon mal gesehen zu haben. Dabei geht er gar nicht auf unsere Schule und die nächste ist zehn Busstationen entfernt.
Er wendet den Blick ab und sieht auf seine Taschenuhr, seine Augen weiten sich. Wo er die wohl her hat? So etwas Teures tragen doch nur Erwachsene bei sich.
Als ich ihn ansprechen will, läuft er los. Mein Blick fällt auf die Rückseite seiner Lederjacke.
Ein roter Drache ist dort aufwendig hineingearbeitet. Wie toll! So eine hätte ich auch gern. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, sollte ich ihn unbedingt fragen, wo er sie gekauft hat.
„Enrico, was brauchst du so lange?"
„Wir wollen weiter spielen!"
„Wo bleibt der Ball?", rufen sie.
„Ich komme ja schon." Ich laufe zum Spielfeld zurück, doch als ich vor dem Kapitän stehen bleibe, kann ich nicht anders, als dem Jungen noch einmal hinterher zu schauen.
„Kennst du den etwa?“, fragt Taylor.
„Nein, du?
„Nicht wirklich, aber er ist hier mal zur Schule gegangen.“
„Wirklich? Er ist mir nie aufgefallen.“
„Kein Wunder, die meiste Zeit war er eh nicht da und wenn, hat er kein Wort gesprochen, mit niemandem.“
Die Mannschaft wird auf unser Gespräch aufmerksam. Sie kommen zusammen und verteilen sich um uns.
„Der Typ ist seltsam, oder?“, fragt Einer von ihnen.
„Man erzählt sich, er gehört einer Gang an“, sagt ein Anderer.
Einer Gang? Der? Ist er dafür nicht zu jung und zu schmächtig?
„Halt dich besser von ihm fern. Der Kerl hat sicher Dreck am Stecken“, rät der Kapitän. Ich schaue noch einmal in die Straße, in die der Junge verschwunden ist.
Gefährlich? Das halbe Hemd? Kann ich mir nicht vorstellen.
„Los kommt, noch ein kurzes Spiel, bevor die Pause zu Ende ist“, ruft der Kapitän. „Du auch, Enrico!“
Die Pause und der Tag mit meinen neuen Freunden gehen viel zu schnell vorbei. Irgendwann finde ich mich vor dem großen Schulgebäude wieder. Alex hat heute Schlagzeugunterricht, Anette muss arbeiten und die Basketballer haben noch zwei Stunden. So warte ich ganz allein auf meinen Bruder, der sich heute wieder viel Zeit lässt.
Als er endlich in Sichtweite kommt, schauen seine blauen Augen grimmig, seine ganze Haltung ist angespannt. Bis er mich erreicht, sieht er an mir vorbei und auch als er bei mir ist, würdigt er mich nur eines kurzen Blickes. „Kein Wort will ich von dir hören!“, sagt er und geht an mir vorbei. Ohne anzuhalten, verschwindet er im Schulgebäude.
Ein ungutes Gefühl gräbt sich in meinen Magen. Ich schlucke schwer und sehe ihm nach.
Mr. Moore spielt also seine Trumpfkarte aus. Meine Eltern kann er nicht rufen lassen, da ich keine mehr habe, aber meinen älteren Bruder schon.
Was wird Raphael wohl zu dem Vorfall sagen? Ich habe angenommen wir können herzhaft darüber lachen, so wie ich es den ganzen Tag mit meinen Mitschülern getan habe.
Seufzend setze ich mich auf die Steintreppen vor dem Gebäude. Das versaut uns sicher den Ausflug in den Park.
Dämlicher Mr. Moore, kann er seine Niederlage nicht einmal auf sich sitzen lassen? Was muss er uns auch immer schlagen?
Ich betrachte meinen Handrücken, über den sich noch immer ein tiefroter Striemen zieht. Soll ich mir das immerzu gefallen lassen? Manchmal wirft er sogar seinen Schlüsselbund nach uns. Einmal hat er mein rechtes Auge damit nur um Haaresbreite verfehlt.
Ich habe doch nichts weiter gemacht, als meine Hände im richtigen Moment wegzuziehen. Ob Raphael das auch so sehen wird?
Ich schaue zur Tür. Mein Bruder ist noch immer nicht zurück, das dauert vielleicht lange. Gibt es denn so viel über mich zu sagen?
Ich schaue am Gebäude nach oben zur Uhr. Er ist da jetzt schon eine halbe Stunde drin. Ob Raphael meinetwegen Probleme bekommt? Seine Vormundschaft für mich steht sowieso auf wackligen Beinen.
Ich hätte die Strafe einfach über mich ergehen lassen sollen. Seufzend sehe ich die Straße entlang.
In der Ferne glänzt der große See in mitten des Central Parks. Die Sonne brennt heiß vom Himmel, die Luft über dem Asphalt flimmert.
Endlich öffnet sich die Tür. Mein Bruder kommt die Treppen hinunter. Sein Blick ist nachdenklich.
Ich kann nicht einschätzen, wie die Sache für mich ausgegangen ist. Rasch erhebe ich mich. „Und?“, frage ich.
Der feste Blick meines Bruders lässt mich erschaudern. Er holt weit aus und schlägt mir mit der flachen Hand ins Gesicht. „Was fällt dir ein, deinen Lehrer zu demütigen!“, schimpft er.
Ich reibe mir über die getroffene Wange. Schuldbewusst senke ich den Blick und suche nach einer passenden Antwort: „Vater hat immer gesagt, ich soll mich wehren, wenn mich jemand angreift.“
Unseren toten Vater ins Gespräch zu bringen, kocht ihn immer weich, doch heute bleibt Raphael ernst. „Das galt nicht für deinen Lehrer, sondern dem Nachbarsjungen, der dich verprügelt hat.“
„Soll ich mich also von dem Kerl verprügeln lassen, nur, weil er erwachsen ist?“
Raphael überlegt einen Moment, er verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich reiß mir den Arsch auf, damit du zur Schule gehen kannst und nicht ins Heim musst. Halt wenigstens noch ein Jahr lang die Füße still und mach deinen Abschluss. Ich will mir nicht auch noch über deine Zukunft Sorgen machen müssen.“
Reumütig schweige ich. Ich weiß wie hart er arbeitet, damit wir zusammen bleiben können. Er hat sogar die Schule geschmissen, um Geld zu verdienen.
„Überlegen sie etwa mich von der Schule zu werfen?“, frage ich.
„Nein, aber du darfst einen ganzen Monat den Schulhof fegen. Außerdem bist du in letzter Zeit ständig aufgefallen und abgesehen von Mathe, in jedem Fach um eine Note abgesackt. Ich kann dir kein College bezahlen, Enrico, du musst versuchen ein Stipendium zu bekommen.“
Geht das wieder los. Es ist mir zu anstrengend in jedem Fach ein A zu schreiben. Ich will auch noch ein bisschen was vom Leben haben und nicht immer nur lernen. Reicht ein B+ nicht aus? Außerdem, wer sagt denn, dass ich unbedingt aufs College muss? „Ich könnte auch einfach Mechaniker werden, wie du“, schlage ich vor.
„Nein! Du lernst was Anständiges! Damit du später eine Familie ernähren kannst!“
Dieses Thema haben wir bestimmt schon hundert Mal diskutiert. Dabei bringt er uns doch auch mit seinem Job durch. Warum muss ich es unbedingt sein, der irgendwann viel Geld verdient?
Der finstere Blick meines Bruders lässt keine Diskussion zu. „Gehen wir heim!“
„Aber wir wollten doch in den Park!“, protestiere ich.
„Ich muss arbeiten.“
Was? Wir haben gestern extra bis zwei Uhr gearbeitet, damit er heute einen freien Tag hat.
„Schau nicht so entsetzt. Mit der Sonderschicht haben wir endlich genug Geld zusammen, um das Dach reparieren zu können.“
Na toll! Das Dach ist mir egal. Dann stelle ich halt beim nächsten Regen noch einen Topf auf. Die Zeit mit meinem Bruder ist mir viel mehr wert, als ein trockenes Haus.
„War ja klar, dass du dein Versprechen wieder nicht hältst“, murre ich und stopfe meine Hände in die Hosentaschen. Während des Laufens trete ich einen Kieselstein vor mir her.
„Wir holen das am Wochenende nach.“
Gleichgültig zucke ich mit den Schultern. Als wenn er nicht auch am Wochenende arbeiten würde. Warum nimmt er sich nicht einen Schlafsack und übernachtet gleich in der Werkstatt? Verdammtes Geld, wenn wir doch nur genug davon hätten. Vielleicht hat er ja Recht und ich sollte etwas lernen, womit ich reich werde. Banker oder so. Dann reiß ich unsere alte Hütte ab und baue uns ein anständiges Haus.
Das erste Licht des Tages weckt Antonio. Er sitzt noch immer an der Wand und hat die Beine angewinkelt.
Auf seinem Schoß hat sich Snoflake eingerollt, er schnurrt leise.
Antonio wischt sich den Schlaf aus den Augen.
Sein Kater hebt den Kopf, er brummt erst leise, dann faucht er. In großen Sprüngen verschwindet er unter dem Bett. Nur seine gelben Augen leuchten aus der Dunkelheit hervor.
Auf dem Flur bewegen sich Schritte, sie kommen immer näher bis sie vor der Tür verstummen. Ein Klopfen ist zu hören. „Antonio, bist du wach?“ Butch? Die Stimme klingt nach dem Mann, mit dem Antonio gestern auf dem Dach war.
„Ja?“, entgegnet er.
„Dann komm ins Büro! Ich hab´ einen Job für dich.“
„Ist gut!“ Antonio erhebt sich, er streckt seine verspannten Glieder.
Butchs Schritte verlieren sich auf dem Flur.
Als kein Laut mehr zu hören ist, kommt Snowflake unter dem Bett hervor. Er schmiegt seinen mageren Körper an Antonio und folgt ihm, wohin er auch geht.
Noch auf dem Weg zum Kleiderschrank entledigt sich Antonio seiner Klamotten. Aus seiner Hose kramt er den Schlüssel, dann faltet er seine Sachen ordentlich zusammen. Er legt sie auf das Fensterbrett und holt sich neue aus dem Schrank. Während er sie sich überstreift, miaut der Kater kläglich.
„Keine Sorge, Snowflake, heute bringe ich dir etwas Leckeres mit und wenn ich es stehlen muss. Versprochen!“ Er streichelt dem Kater noch einmal durch das weiche Fell, dann verlässt er sein Apartment.
Dem Flur folgt er bis zu einer Bürotür, die bereits offen steht.
An einem Schreibtisch, gut fünf Schritte entfernt, sitzt Butch, den Blick in irgendwelche Unterlagen vertieft. Er deutet auf eine Sporttasche, die auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch steht. „Bring das in den Park zum Denkmal. Dort wirst du dich um zehn Uhr mit einem Kunden treffen. Achte darauf, dass sich keiner den Inhalt ansieht, auch du nicht! Bis zehn Uhr hast du frei, aber sieh zu, dass du nach der Übergabe sofort wieder her kommst. Es gibt noch mehr zu tun.“
Ein Botengang, um diese Uhrzeit? Wie ungewöhnlich, normalerweise erledigt Antonio solche Dinge in der Nacht.
Er geht zum Schreibtisch und hebt die Tasche vom Stuhl. Sie ist so leicht, dass er kaum glauben kann, dass sich darin etwas befindet. Aber es ist nicht seine Aufgabe sich darüber Gedanken zu machen.
Mit der Tasche verlässt er das Büro.
„Antonio!”
Er bleibt stehen und sieht durch den Türspalt zurück.
„Schau bei Gelegenheit in der kleinen Tasche rechts außen nach.”
Die rechte Tasche? Mit der Hand tastet Antonio hinter sich. Ja, irgendetwas ist da.
Er zieht den Reißverschluss auf, ein kleiner Beutel kommt zum Vorschein. Kekse? Butch hat ihm Schokoladenkekse eingepackt?
Ungläubig betrachtet er den Beutel, sein Blick geht zurück ins Büro.
Butch schaut auch jetzt nicht auf, dafür hat er ein zufriedenes Lächeln im Gesicht.
Der Tag beginnt reichlich seltsam, trotzdem Antonio kann nicht anders, als über beide Ohren zu strahlen. Er öffnet den Beutel und fischt gleich zwei Kekse heraus. Im Ganzen schiebt er sich den Ersten in den Mund und bekommt ihn kaum zerbissen. Etwas Süßes hatte er schon lange nicht mehr. Wie gut das schmeckt. Er hat ihn kaum hinunter gezwungen, da schiebt er sich schon den nächsten nach. Das stechende Gefühl in seinem Magen wird erträglicher.
Zufrieden setzt er sich in Bewegung und steuert den Fahrstuhl an.
...~*~...
Die ersten Sonnenstrahlen blenden mich. Ist es schon Zeit zum Aufstehen?
Die Zeiger meines Weckers stehen auf halb Sechs. So früh noch?
Ich drehe mich auf die andere Seite, doch es gelingt mir nicht mehr einzuschlafen.
Ob mein Bruder inzwischen nach Hause gekommen ist? Als ich kurz vor zwölf ins Bett bin, war er noch nicht zurück.
Ich beschließe nachzusehen und stehe auf. Mein Weg zum Kleiderschrank wird durch etliche Bücher blockiert, die von meinem Schreibtisch gefallen sind. Ich muss über sie steigen, um mir frische Sachen zu holen. Zum Glück kann ich noch ein Hemd und eine Hose finden. Am Wochenende müssen wir unbedingt Waschen. Wenn Raphael auch dann wieder arbeiten muss, werde ich wohl allein den ganzen Tag in der Waschküche verbringen. Schon der Kram aus meinem Zimmer wird mich Stunden kosten.
Ich gehe in den Flur. Obwohl ich versuche, so leise wie möglich zu sein, knarren die alten Dielen. Vor der rechten Wand steht ein großer Eimer, in dem sich das Regenwasser des letzten Sommergewitters gesammelt hat. Den müssen wir endlich mal ausleeren, auf der Oberfläche haben sich bereits grüne Algen angesiedelt, ein fauliger Geruch kommt aus seiner Richtung. Schnell wende ich den Blick ab und habe ihn im selben Moment vergessen.
Langsam schleiche ich zum Schlafzimmer meines Bruders.
Die Tür steht gerade weit genug offen, um Raphael quer auf seinem Bett liegend zu sehen. Er hat noch seine dreckige Arbeitskleidung an, selbst seine Hände und sein Gesicht sind ölverschmiert. Ich will nicht wissen, wie sein Bettzeug darunter aussieht. Das kann er auf jeden Fall selbst waschen. Wann er wohl gestern Abend heim gekommen ist? Es hat sicher keinen Sinn ihn zu wecken, zumindest nicht ohne einen guten Grund.
Ich gehe weiter in die Küche und werde von einem widerlichen Gestank empfangen. Töpfe und Teller, dreckiges Besteck, alles türmt sich aufeinander. Wann haben wir eigentlich das letzte Mal abgewaschen? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Meistens kramen wir nur eine Pfanne oder einen Teller heraus und spülen den ab.
Auf dem Herd steht ein Topf, der gestern Abend noch nicht dort war. Ich schaue hinein.
Der Boden ist schwarz. In der ganzen Küche riecht es verbrannt. Ich öffne das Fenster.
Kühle Morgenluft flutet den Raum, die Sonne leuchtend rot am Himmel. Es wird sicher wieder ein strahlend schöner Tag.
Wenn ich Raphael nur dazu bringen könnte, wenigstens heute Nachmittag keine zweite Schicht einzulegen und einfach mit mir in den Park zu kommen. Sein lautes Schnarchen ist selbst hier zu hören. Er braucht endlich mal einen freien Tag.
Ob wir irgendwo noch eine saubere Pfanne haben? In der Einzigen, die ich in diesem Chaos finden kann, tummeln sich noch die Überreste der letzten Mahlzeit, was es war, kann ich nicht mehr erkennen.
Ich kratze die Reste heraus, spüle die Pfanne aus und stelle sie auf den Ofen. Den muss ich ja auch noch anheizen.
Als ich mich nach der Luke in der Mitte bücke und sie öffne, kommt mir ein ganzer Schwall Asche entgegen, sie verteilt sich rauchend auf dem Küchenboden.
Wie lange hat Raphael den nicht mehr ausgeleert? Mal ehrlich, wenigstens das könnte er hin und wieder tun.
Ich kehre die Asche auf, dann fülle ich den Ofen mit Holz und feuere ihn ein. Während die Flammen einige Zeit brauchen werden, um die Kochplatte zu erhitzen, wende ich mich unserem Vorratsschrank zu.
Der einzige Ort im Haus, der aufgeräumt und gut gefüllt ist. Eier, Milch, Wurst, ich nehme von allem etwas.
Zwei Omeletts werde ich braten, das ist eines der wenigen Dinge, die ich wirklich gut kochen kann. Ich stelle alles auf den Tisch.
Aus dem Stapel mit dem Geschirr suche ich mir zwei Teller und Besteck, die ich sauber wasche. Ein Glas finde ich noch im Schrank und fülle es mit Milch. Für Raphael stelle ich einen Topf Wasser auf den Herd, er wird sicher einen Kaffee brauchen.
Nachdem ich auch die Omeletts gebraten und alles auf die Teller verteilt habe, betrachte ich mein Werk.
Das sieht gut aus. Seit langem wieder ein richtiges Frühstück.
Vom Tisch wandert meine Aufmerksamkeit zum Zimmer meines Bruders. Er schnarcht noch immer, nur seine Haltung hat sich verändert. Er liegt nun auf dem Bauch, mit dem Kopf in der Decke vergraben, sein Kissen liegt auf dem Boden.
Ich schmunzle und gehe zu ihm. „Raph!“, spreche ich ihn an. Ich rüttle an seiner Schulter.
Er brummt und rollt von einer auf die andere Seite.
„Komm schon, Bruderherz, wach auf. Ich hab´ Frühstück gemacht!“, versuche ich es noch einmal.
„Geh weg, Enrico! Ich bin erst um vier Uhr ins Bett“, nuschelt er.
Ich schaue zum Wecker auf Raphaels Nachttisch. Es ist gerade mal sechs Uhr. Sinnlos ihn nach kaum zwei Stunden Schlaf aus dem Bett zu bekommen.
Ich lasse es sein und kehre zum Frühstückstisch zurück.
Raphaels Schnarchen wird zunehmend lauter.
Ich stütze meinen Kopf in die Hand und stochere in meinem Omelett herum. Der Appetit ist mir vergangen. Wozu mache ich mir überhaupt noch die Mühe? Wahrscheinlich werden wir nie wieder zusammen am Tisch sitzen.
Mein Blick fällt auf ein Bild, das auf der Anrichte im Flur steht. Es zeigt uns alle Vier, im Garten vor unserem Haus. Dad hat seinen Arm um Raphael gelegt, er lächelt in die Kamera, während ich auf dem Arm unserer Mutter sitze. Das ist schon so lange her, dass ich mich kaum noch an den Tag erinnern kann.
Ich wende meine Aufmerksamkeit davon ab und stehe auf. Den Teller nehme ich mit. Mein Omelett lege ich auf Raphaels, dann werfe ich den Teller in die Spüle.
Obwohl es noch viel zu früh ist, hole ich meine Schultasche und verlasse das Haus.
...~*~...
Den letzten Keks schiebt sich Antonio in den Mund, die leere Tüte wirft er in einen der Mülleimer im Park. Hier, in mitten von gepflegten Grünanlagen, beginnt seine erste freie Zeit seit langem. Wohin soll er als erstes gehen, was unternehmen? Mit den Händen in den Hosentaschen schlendert er den Weg entlang, bis er an einem Basketballplatz vorbei kommt.
Ein einsamer Ball liegt dort. Antonio sieht sich nach allen Seiten um. Hier sitzt nur ein Pärchen auf einer Bank und ein alter Herr führt seinen Hund spazieren.
Basketball hat er nicht mehr gespielt, seit er ein Drache geworden ist.
Noch einmal sieht Antonio sich um, doch niemand ist zu sehen, dem der Ball gehören könnte. Gut so, dann ist der ab heute seiner.
Antonio läuft auf den Platz, die Tasche stellt er behutsam ab, seine Jacke zieht er aus und wirft sie darüber, dann holt er sich den Ball.
Dieser sieht doch noch ganz in Ordnung aus. Zweimal prellt Antonio ihn gegen den Boden, zweimal springt er kräftig zurück.
Antonio sieht zum Korb. Er geht die wenigen Schritte bis zur Dreipunkte-Linie. Der Korb ist jetzt gut sechseinhalb Meter von ihm entfernt. Das ist sicher zu weit weg, aber früher hat er auch von hier getroffen. Schulterzuckend versucht er es einfach.
Sein Körper erinnert sich an die Bewegungen. Antonio visiert den Korb an und wirft. Der Ball fliegt weit, trifft den Rand, prallt ab und kommt zurückgerollt. Noch etwas zu wenig Schwung. Antonio holt sich den Ball, versucht es noch mal und noch mal. Immer wieder verfehlt er den Korb nur knapp. Verdammt, dass muss doch zu schaffen sein. Seinen fünften Wurf versenkt er endlich. Jubelnd springt er in die Luft. Er holt sich den Ball und trippelt ihn bis zum Korb. Kurz vor ihm springt er hoch und hält sich mit einer Hand am Rand fest, mit der Anderen wirft er den Ball hinein. Wie lange hat er das schon nicht mehr gemacht? Ein Strahlen erhellt seine sonst so finsteren Gesichtszüge.
„Hier treibst du dich also rum? Schwänzt wohl immer noch gern die Schule, was?”, spricht ihn eine Jungenstimme an.
Antonio lässt den Korb los. Er landet auf seinen Knien und bleibt auf ihnen hocken. Suchend sieht er sich nach dem anderen Jungen um.
Der Kerl lehnt am Zaun, der den Platz eingrenzt, er hat die Arme verschränkt. Seine Lippen ziert ein spöttisches Grinsen, seine eisblauen Augen funkeln zufrieden.
Den Typ hat er doch gestern schon gesehen, an seiner alten Schule. Antonio wendet seinen Blick ab und versucht wieder aufzustehen, doch seine Knie brennen fürchterlich. Er schiebt die Stoffhose von seinen Beinen. Blutstropfen bilden sich auf seiner Haut.
Schritte kommen auf ihn zu, der Blonde bleibt vor ihm stehen, er reicht ihm die Hand.
Antonio schlägt sie weg, allein steht er wieder auf.
„Hey, ich wollte nicht, dass du fällst“, sagt der Blonde und legt die Hände hinter den Kopf.
Antonios Blick bleibt finster, doch der Kerl lässt sich davon nicht beeindrucken.
Einen Moment lang sehen sie sich stumm an, bis der Blonde seine Aufmerksamkeit auf Antonios Tasche und die Jacke richtet. „Du hast die Jacke ja wieder mit? Darf ich sie mal anprobieren?“ Er setzt sich in Bewegungen.
Augenblicklich schießt Antonio die Warnung Butchs in den Kopf. Er eilt dem Jungen nach. Als dieser sich nach der Jacke bückt, stößt er ihn grob zur Seite.
Der Fremde verliert den Halt, er fällt rückwärts auf den harten Spielfeldboden.
„Pfoten weg!“, brüllt Antonio.
„Ich will sie dir doch nicht klauen, sondern nur den Drachen auf der Rückseite anschauen.“
„Wozu?“
„Er gefällt mir eben. Wo hast du die Jacke gekauft?“ Der Blonde steht auf.
Lebt der Kerl hinter dem Mond? So eine bekommt man nur, wenn man das Aufnahmeritual bei den Red Dragons besteht. Gerade noch kann sich Antonio zurückhalten, seine Gedanken auszusprechen.
„Die kann man nicht kaufen.“
„Hast du sie selbst gemacht?“
„Nein, sie war ein Geschenk!“ Das scheint ihm noch die plausibelste Antwort zu sein.
„Aha, darf ich sie jetzt anprobieren?“ Als Antonio nicht antwortet, hebt der Blonde die Jacke auf und zieht sie sich einfach über. „Na, wie sehe ich darin aus?“ Die Ärmel reichen weit über seine Hände hinaus, seine Schultern gehen in dem Leder unter.
„Sie ist dir zu groß.“
„Ja, leider!“ Der Fremde streift sich die Jacke von den Armen und gibt sie zurück.
Antonio nimmt sie an sich und wirft sie achtlos wieder in die Ecke.
Der Blonde bückt sich nach dem Ball, er jongliert ihn in der Hand und dreht ihn an, dann setzt er ihn sich auf die Fingerspitze. „Hast du Lust auf ein Match? Der Verlierer spendiert dem Gewinner ein Eis.“
„Ich habe kein Geld!“, sagt Antonio schnell. Alles was er braucht, bekommt er von den Drachen, meistens zumindest. Eigenes Geld hat er lange nicht mehr in der Hand gehabt.
„Dann spielen wir eben nur so. Du fängst an!“
Irritiert sieht Antonio ihn an. Ist das Eis jetzt nicht mehr wichtig? Warum hat er dann erst darum wetten wollen?
„Komm schon, wir werfen abwechselnd Körbe, wer zuerst Zehn hat, gewinnt!“
Das klingt leicht. Antonio nickt und folgt dem Blonden bis knapp zwei Meter vor den Korb.
Von so nah will er werfen? Ist das nicht ein bisschen zu einfach? Fragend betrachtet Antonio den Fremden, dessen Blick auf den Korb gerichtet ist. Es ist ihm also wirklich ernst mit der Entfernung?
Antonio zuckt mit den Schultern und wirft den Ball. Er fällt in den Korb.
Die eisblauen Augen des Blonden weiten sich. „Anfängerglück!“
Von wegen! Aus der Entfernung wäre es seltsam, wenn Antonio einen der zehn Würfe versauen würde. Als der Blonde mit dem Ball zurückkommt, verschränkt Antonio die Arme vor der Brust, er tritt einen Schritt beiseite. Mal sehen, ob der Kerl so gut ist, wie seine große Klappe vermuten lässt.
Seine Haltung ist verkrampft, er visiert den Korb an und wirft.
Der Ball springt mit Schwung an die Platte dahinter und prallt zurück.
Ein flüchtiges Lächeln huscht Antonio über die Lippen.
Der Blonde brummt in sich hinein, dann macht er ihm Platz.
Wieder versenkt Antonio den Ball ohne Probleme im Korb.
Die Gesichtszüge des Fremden Jungen versteinern. „Da gibt’s doch `nen Trick dabei, oder?“, fragt er.
„Ja, zielen“, entgegnet Antonio.
„Klugscheißer!“
Der Blonde ist dran, seine Haltung ist dieses Mal noch verkrampfter, sein zweiter Wurf verfehlt den Korb um einen ganzen Meter.
Antonio muss schmunzeln.
Der Kerl hat wirklich so gar keine Ahnung von diesem Spiel.
„Sag nichts!“, murrt der Blonde.
Auch seinen dritten Wurf versenkt Antonio im Korb.
„Das gibt’s doch nicht! Wie machst du das?“
Antonio zuckt mit den Schultern. Das weiß er selbst nicht so genau. Alles, was mit Zielen zu tun hat, liegt ihm einfach. Um was es dabei geht, spielt eigentlich keine Rolle. Selbst beim Dart trifft er stets die Mitte. Es liegt ihm im Blut.
...~*~...
Das gibt es doch nicht! So langsam geht mir der Kerl auf die Nerven. Wie kann es sein, dass er mit jedem Wurf einen Treffer landet? Fünf Mal hintereinander. Wenn ich meinen jetzt nicht versenke, hat er schon gewonnen.