»Hab Geduld. Wir werden blühen. Unsere Zeit wird kommen.«
~ Atros ~
»Echt lieb von dir, dass du mitgekommen bist.« Thekla drückte dem jungen Mann mit dem dunklen kurzen Haar und den eisblauen Augen einen Kuss auf die Wange.
Ivo winkte ab. »So wars ausgemacht.« Er zog einen Mundwinkel nach oben, präsentierte sein typisches schiefes Lächeln und zuckte die Schultern. »Solange wir auf das Fest gehen, können wir von mir aus bis abends hierbleiben. Ich brauche unbedingt Reese’s Peanut Butter Cups! Und Squeeze Cheese!«
»Keine Sorge. Versprochen ist versprochen.« Thekla drehte sich um. »Nele?«
»Hier«, stöhnte ihre kleine Schwester. Sie lief einige Schritte hinter ihnen und nestelte an ihrem Zopf herum. »Müssen wir jetzt lange rumlatschen? Das ist so öde.«
»Ein bisschen«, antwortete Thekla. Sie hatte sich zwar gedacht, dass Nele das Museum für Archäologie nicht sehr interessant finden würde, aber die Hoffnung hatte gesiegt. Etwas Bildung schadete nie. Sie selbst liebte das und freute sich bereits seit über einer Woche auf den Besuch des Museums. Immerhin hatte sie die beiden überzeugt, sie zu begleiten. Wild wuschelte sie ihrer Schwester über den blonden Schopf.
»Lass das!«, nörgelte Nele, kicherte aber dabei. »Jetzt darf ich das neu flechten.«
Ivo mischte sich ein. »Komm, Nele. Ich glaube, da hinten kann man wissenschaftlich experimentieren. Das ist spannender, als nur zu gucken.« Er zwinkerte seiner Freundin zu und schnappte sich die Zwölfjährige. »Wir treffen uns nachher am Ausgang«, rief er und verschwand mit Nele in der Menschenmenge.
Dankbar wollte Thekla ihm einen Handkuss hinterherwerfen, besann sich jedoch eines Besseren, da er es ohnehin nicht sehen würde. Nun hatte sie etwas Zeit, sich all die interessanten Sachen anzusehen, die dieses Museum beherbergte. Und das, ohne dass jemand andauernd herumnörgelte. Nicht selten erntete sie verwunderte Blicke, wenn sie von ihren Interessen erzählte. Welche Neunzehnjährige stand schon auf Museen, verstaubte Bücher und sah sich historische Dokumentarfilme an? So gut wie niemand in Theklas Alter, weshalb sie sich hin und wieder einsam fühlte. Aber die Leidenschaft überwog. Sie hatte nun mal schon immer eine Schwäche für antike Gegenstände gehabt. Sie wollte wissen, welche Geheimnisse die vergangene Zeit verbarg, welche Geschichten Skelette oder sonstige Reliquien ihr verrieten.
Thekla beäugte die beleuchteten Schaukästen, die sich an der gesamten Wand entlangzogen. Es gab alles Mögliche zu entdecken: Vasen aus der römischen Republik, antikes Geschirr, Waffen … teilweise auch nur Fels und Geröll aus verschiedensten Epochen. Interessiert studierte sie alles, las sich die Informationen dazu durch.
Ein Funkeln in einer Vitrine neben ihr weckte ihre Aufmerksamkeit. Ein Stein. Er war etwa so groß wie ihre Faust und trotzdem stach er zwischen den anderen in den nahestehenden Vitrinen deutlich hervor. Wobei nicht er selbst funkelte, sondern das Symbol, das sich in seiner Mitte befand. Sie ging näher heran und beugte sich über das Glas. Verschlungene Linien bildeten einen Knoten und ließen sie an die Unendlichkeit denken, da das Symbol weder Anfang noch Ende besaß. Wenn man wollte, konnte man die Form unaufhörlich nachzeichnen. Es erinnerte sie ein bisschen an eine Schlange, die sich in den Schwanz biss – möglicherweise bedeutete es etwas Medizinisches? Zumindest erinnerte er sie an den Äskulapstab. Er gehörte zu Asklepios, dem Gott der Heilkunde in der griechischen Mythologie. Heute galt er als Zeichen des ärztlichen und pharmazeutischen Standes. Ob der Stein von Heilkünstlern hergestellt worden war?
Erst jetzt wandte Thekla den Blick zur Info-Tafel. Das tat sie gern – die Dinge erst selbst ansehen, überlegen, was es damit auf sich hatte, und die Informationen dazu erst später nachlesen.
Bei diesem Stein handelt es sich um einen der in Deutschland selten zu findenden Tillite.
Tillite sind Gesteine, die sich aus Ablagerungen von Gletscherrandbereichen bilden. Entstanden vor dem letzten Eiszeitalter wurden sie zu Festgestein.
Dieses Einzelstück stammt aus dem Schwarzwald. Ein privater Besitzer hat es dem Museum für die Dauer unserer Ausstellung unter dem Hinweis geliehen, dass es in Berlin gefunden worden sei. Aufgrund seiner Beschaffenheit ist jedoch anzunehmen, dass der Stein nicht von hier stammt.
Das sich darauf befindliche Zeichen, ein sogenannter gordischer Knoten, besteht aus Pyromorphit und wurde vermutlich im späten Mittelalter von Menschenhand eingearbeitet und mit einer Mischung aus Harz und Bienenwachs verklebt. Es ist unseres Wissensstandes nach der einzige Stein mit diesem Zeichen, weshalb seine Bedeutung bisher nicht entschlüsselt werden konnte.
Das, was da vor ihr lag, sah aus wie ein normaler Brocken irgendeines hellen Gerölls – wenn da nicht dieses grünlich schimmernde Symbol in seiner Mitte geprangt hätte.
Je länger sie es betrachtete, desto schummriger wurde ihr. Plötzlich spürte sie ein schmerzhaftes Ziehen in ihrer Brust. War das wirklich … Schmerz? Es fühlte sich dumpf an und gleichzeitig kribbelte es von ihren Zehenspitzen bis in ihren Kopf, als würde Adrenalin durch ihre Adern schießen oder als wäre sie kurz vor einer wichtigen Erkenntnis.
Ivos Stimme riss sie aus dieser seltsamen Trance. »Thekla?«
Erschrocken wirbelte sie herum. Er klang atemlos, fast panisch.
»Was ist los?«
»Ich finde Nele nicht mehr. Wir haben uns eine Cola geholt und … dann war sie weg.«
Sofort begann Theklas Herz wild zu pochen und verschiedenste düstere Gedanken rasten durch ihren Kopf. Sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie ein Mann in dunkler Kleidung ihre zarte Schwester packte und in einen Van zerrte. Wut kochte hoch. Darauf, dass Ivo nicht richtig auf Nele aufgepasst hatte. Aber Thekla schob sie eilig beiseite. Jetzt galt es erst einmal, ihre Schwester wiederzufinden. »Wo war das genau?«, fragte sie sachlich.
»Draußen.«
Er schluckte und nahm sie an der Hand. Sie liefen den Flur entlang bis zum Ausgang, an dem ein rundlicher Mann neugierig aus einem Kioskwagen sah. Eine Menschentraube hatte sich dort versammelt und Thekla ahnte nichts Gutes.
»Nele!«, rief sie, ließ Ivo los und drückte sich durch die Menge.
Ivo eilte hinter ihr her, überholte sie schließlich und bahnte ihnen schneller einen Weg, als sie es allein vermocht hätte.
Zeitgleich erblickten sie Nele. Sie saß blinzelnd auf dem Boden und hielt sich Kopf und Knie. Die Flasche Cola musste sie fallen gelassen haben, neben ihr breitete sich eine braune Lache zwischen einem Haufen Scherben aus. Eine Frau hockte bei ihr, die Hand auf ihrer Schulter, und fragte etwas. Jetzt sah Thekla auch das blutige Knie.
Als Nele sie entdeckte, schaute diese schuldbewusst, doch Thekla verspürte keine Wut, lediglich Sorge.
Sie hockte sich vor ihre Schwester und musterte ihr blasses Gesicht. »Was ist passiert? Ivo meinte, du warst plötzlich weg.« Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie die Frau aufstand und sich zurückzog.
»Ich war … Ich weiß nicht, Ivo hat was zu trinken geholt und dann bin ich einfach gestolpert. Aber wegen der Flasche hats ziemlich laut gescheppert. Die Leute machen ein Drama daraus, als wäre hier gerade Was-weiß-ich-was los gewesen. Ein Glück bist du da.«
»Sie war ohnmächtig«, mischte sich ein älterer Herr ein und deutete mit seinem Gehstock auf Nele. »Fast, als wäre sie gar nicht da gewesen und dann – zack – ist eine Frau über ihre Beine gestolpert, kaum dass sie lag.«
Eine Frau, vielleicht die, die gestolpert war, nickte. »Als wäre sie aus dem Nichts gekommen.«
Thekla war sich unsicher, ob sie sich bedanken sollte oder sich darüber aufregen, dass dieser Mann noch immer da stand und sie gemeinsam mit der Fremden neugierig anstarrte. Also wandte sie sich an Nele und fragte: »Stimmt das? Warst du echt ohnmächtig?«
Sie zuckte die Schultern. »Na ja, mir war schwarz vor Augen. Weiß nicht genau.«
»Komm, wir fahren besser nach Hause«, meinte Ivo und half ihr beim Aufstehen. Nun löste sich die Traube auf. Einige wirkten beinahe deprimiert, weil es nichts Spannendes zu sehen gab.
»Keine Toten hier«, rief Thekla deshalb und fuchtelte unwirsch mit der Hand. »Gehen Sie endlich!«
Manche blieben stehen, als hätte sie nichts gesagt, einige wiederum eilten beschämt davon.
Thekla kümmerte sich nicht darum, sondern hakte ihre Schwester auf der einen Seite unter, während Ivo die andere stützte.
»Leute, ich bin nicht schwer krank«, maulte Nele. »Ich hab einfach nichts getrunken heute. Habs vergessen und es ist sauwarm.«
Thekla sog scharf die Luft ein. »Du hast bei der Hitze vergessen, was zu trinken? Dann ist es ja kein Wunder!«
»Wo bist du überhaupt hin verschwunden?«, fragte Ivo. »In der einen Sekunde standest du neben mir, in der nächsten warst du weg.«
Plötzlich fiel Thekla ein, dass sie wütend auf Ivo sein müsste. Probehalber funkelte sie ihn böse an und er zuckte auch ordnungsgemäß zusammen, doch das passende Gefühl dazu wollte sich nicht mehr einstellen. Wahrscheinlich überwog die Erleichterung, dass Nele weder verschleppt noch schwer verletzt worden war – und das nagende Gefühl, selbst versagt zu haben.
Nele blieb unvermittelt stehen, drehte sich um und sah zum Museum zurück. »Ich weiß es nicht«, entgegnete sie verwirrt.
Thekla tauschte einen Blick mit Ivo, der ebenso ratlos schaute, wie sie sich fühlte. »Du weißt es nicht?«, echote sie.
Nele schüttelte den Kopf, hakte sich jedoch freiwillig wieder unter und ließ sich in die U-Bahn-Station hinabführen. »Nein. Es war genauso, wie Ivo gesagt hat. Wir standen da beim Kiosk nebeneinander und dann …« Für einen Moment kaute sie nachdenklich auf der Lippe. »… dann bin ich gestolpert und lag da.«
»Das ist komisch. Ich habe dich wirklich überall gesucht«, murmelte Ivo. »Es war wirklich, als wärst du einfach verschwunden …«
Nele schlang die Arme um sich, als würde sie sich selbst festhalten wollen.
»Keine Angst«, tröstete Thekla. »Niemand kann einfach verschwinden. Das ist unmöglich. Es wird euch in der Panik und dem Stress nur so vorgekommen sein.«
Thekla lag auf dem Bett und beobachtete die am Fenster vorbeiziehenden Wolken. In Gedanken ließ sie den Tag Revue passieren. Bis auf den irritierenden Abschluss und ihr schlechtes Gewissen deshalb war es ein schöner Ausflug gewesen. Aus irgendeinem Grund ging ihr der Stein, dieser Tillit, nicht mehr aus dem Kopf. Mit den Fingern malte sie das Symbol auf die Scheibe und fuhr die endlosen Linien nach. Schließlich schnappte sie sich ihr Handy und betrachtete die Bilder, die sie mit dem ihrer Meinung nach peinlichen Selfiestick von ihnen gemacht hatte. Sie standen alle drei vor dem Eingang des Museums, doch während Thekla das Bild betrachtete, bemerkte sie, dass etwas damit nicht stimmte. Es stellte sich nicht richtig scharf … und flackerte Nele etwa? Irritiert blinzelte Thekla, kniff die Augen zusammen. Nele flackerte noch einmal, dann war das Bild wieder normal. Vielleicht ein Zeichen aus ihrem Inneren – dass sie besser hätte auf Nele aufpassen müssen …
»Nele, Thekla! Essen ist fertig!«, riss die Stimme ihrer Mutter sie aus den Gedanken. Der Duft von leckerer Tomatensoße stieg ihr in die Nase und sie schwang hastig die Beine aus dem Bett. Als sie den Flur der Fünf-Zimmer-Wohnung betrat, rannte sie beinahe Nele über den Haufen, stoppte aber rechtzeitig und schlenderte hinter ihr her. Vorbei an der beigefarbenen Wand und der Garderobe im Landhaus-Stil. Sie war groß, genügte aber nicht annähernd für vier Personen, weshalb die Schuhe im halben Flur verteilt lagen.
»Einmal am Tag auf die Fresse fliegen reicht, danke!«, meinte Nele und sog dann genussvoll die Luft ein, während sie auf ihren weißen Söckchen über die abgezogenen Holzdielen lief. »Mhm, das riecht so gut!« Sie hatte recht, es roch himmlisch.
Thekla bog ins Wohnzimmer ein, das zugleich als Esszimmer fungierte. Das bunte Bild an der Wand beim Tisch – leider nur eins von Ikea, eine Fotokopie eines Kunstwerkes – verlieh dem Raum etwas Freundliches und Gemütliches, ebenso wie die Altbaufenster mit Blick auf den begrünten Innenhof. Natürlich hingen auch Familienbilder im Wohn- und Esszimmer. Eines von ihrem Urlaub in Prag, auf dem sie gemeinsam auf der Karlsbrücke standen und lachten, hatten ihre Eltern in A5 drucken lassen und über das Sofa gehängt.
Der ausladende Holztisch war mit weißen Kerzen dekoriert und grünen Tellern gedeckt. Ihr Vater saß bereits und ihre Mutter tat allen auf.
Thekla und Nele setzten sich nebeneinander und schnappten sich ihre Portionen, ehe auch Carolin Wolff Platz nahm.
»Und, wie ist euer Tag gewesen?«, fragte sie und drehte die Spaghetti auf die Gabel.
Thekla bereitete sich auf eine Beichte darüber vor, dass sie nicht gut auf ihre Schwester aufgepasst hatte. Sie hatte zwar nicht die strengsten Eltern, aber das würde sie nicht begeistern. »Ganz gut, bis auf –«
»Kein ›bis auf‹, es war alles super«, unterbrach Nele sie und warf ihr einen Blick zu, der sagte: ›Bring dich meinetwegen nicht in Schwierigkeiten‹. Oder sie wollte schlicht nicht, dass Mama und Papa sich sorgten. »Nicht sonderlich aufregend, aber gut.«
»Was habt ihr denn unternommen?«, hakte Carolin nach.
Erneut antwortete Nele, bevor Thekla die Chance bekam, etwas zu sagen. »Wir sind im Museum gewesen. Wie gesagt, nicht aufregend, aber okay. Und ihr?«
Carolin nahm die Serviette, tupfte sich den Mund ab und lehnte sich auf dem Holzstuhl zurück. »Na, Thekla fand es bestimmt mehr als okay.« Sie zwinkerte ihr zu. »Aber so ganz glaube ich euch nicht. Was war los?«
Augenblicklich spürte Thekla, wie ihr Herzschlag an Intensität zunahm. »Nele ist gestolpert«, flunkerte sie schneller, als sie darüber nachdenken konnte.
Carolin runzelte die Stirn, Nele hingegen nickte eifrig.
»Bin ich, aber ist schon alles wieder gut. Ich humpel auch nicht oder so«, bestätigte sie. »Und wie war euer Tag?«
Nachhaken – immer eine schlaue Technik, um von sich selbst abzulenken. Thekla schmunzelte.
»Ach … Bei mir gabs nichts Besonderes eigentlich. Es war ein ganz normaler Wahnsinnstag im Amt. Papierkram ohne Ende. Hast du was Spannenderes zu erzählen, Schatz?« Sie wandte sich an ihren Mann, der sich gerade eine zweite Portion auf den Teller schichtete und anschließend über den ergrauten Dreitagebart fuhr.
»Ich hab heute die Artikel geschrieben, die ich in den letzten Tagen recherchiert hatte. Mindestens einer davon wird sicher eine Bombenschlagzeile! Ähnlich wie ›Auto fuhr gegen Baum - tot‹.«
Nele kicherte, während ihre Mutter den Kopf schüttelte und die Augen verdrehte. »Sebastian! Der war schon nicht mehr flach, der war unterirdisch«, stöhnte sie. »Hör auf, dein Talent immer so unter den Scheffel zu stellen. Ich finde deine Berichte sehr gut, auch wenn sie nie von schönen Dingen handeln.«
Damit hatte sie mehr als recht. Als Kriminalreporter für eine Berliner Zeitung schrieb Theklas Vater Sebastian oft über grausame Begebenheiten.
»Entschuldige, Schatz. Aber ich rege mich tierisch darüber auf, dass ich den letzten Schei-, ich meine, Unsinn schreiben muss, wenn auf der Welt so viel Wichtigeres passiert. Zum Glück ist das bald vorbei, wenn ich wieder einen anderen Auftraggeber habe.«
»Ja«, seufzte Carolin, »stimmt schon.«
Wie so oft begann sie bereits, die Teller abzuräumen. Zumindest ihren und den von Nele, denn Thekla und ihr Vater hatten ihr Mahl bisher nicht beendet.
»Ich esse noch!«, beschwerte er sich kauend.
»Du weißt, was ich davon halte, wenn nach dem Essen alle brav und still sitzen bleiben müssen. Unsere Kinder sollen einen freien Willen haben, das hast du selbst gesagt«, konterte sie nur und räumte unbeirrt weiter ab – jetzt fielen ihr zwei Gläser zum Opfer.
Sebastian stöhnte entnervt auf und als Carolin sich umdrehte, äffte er sie mit vollem Mund tonlos nach und schielte dabei, sodass Nele gluckste und auch Thekla lachen musste.
Irritiert drehte sich Carolin um. »Was ist?«
»Nichts«, sagten Nele und Thekla im Chor.
Carolin kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und wandte sich gespielt empört an ihren Mann. »Sebastian Wolff! Was tun Sie da genau hinter meinem Rücken, hm?«
»Ich esse nur«, beteuerte er und fügte dann charmant hinzu: »Und es schmeckt großartig, denn ich habe die beste Frau der Welt geheiratet, die außerdem die weltbeste Köchin ist.«
»Schleimer«, antwortete sie und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann stellte sie zwei neue Gläser und eine Flasche Rotwein auf den Tisch und setzte sich wieder.
Unterdessen hatten alle anderen aufgegessen. Thekla lehnte sich zufrieden zurück und strich über ihren gefüllten Bauch. Der Tag hatte sie ermüdet. Sie war so schläfrig, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Thekla hielt sich die Hand vor den Mund und gähnte.
»Geh doch ins Bett, wenn du müde bist, Schatz«, sagte Carolin und goss sich und ihrem Mann ein. »Du wolltest dich morgen irgendwo bewerben, oder? Hattest du davon nicht gestern Abend erzählt? Was war das gleich? Da solltest du jedenfalls nicht übermüdet sein.«
Thekla wusste, dass ihre Eltern nicht viel von der Idee eines Praktikums im Antiquariat hielten und hofften, dass sie später etwas lernen würde, von dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Carolins Meinung nach konnte man von dem, was Thekla gern tat, nicht leben. Aber sie musste ihrer Mutter zugutehalten, dass sie versuchte, ihr möglichst viel Freiraum zu lassen, zumindest bisher. »Ja, morgen bewerbe ich mich im Antiquariat Castano. Ich komme erst abends nach Hause, weil ich mich danach mit Ivo treffe. Also nicht wundern. Und ja, ich glaub, ich geh jetzt echt ins Bett.«
»Wir wundern uns nicht«, winkte ihr Vater ab und trank einen Schluck Rotwein. »Aber ich fände es gut, wenn du was Anständiges lernst, Mädel. Mach dein Praktikum, probier dich aus, aber überleg mal, ob nicht auch was anderes infrage käme. Gibt viele tolle Berufe auf der Welt.«
Carolin nickte. »Du kannst jederzeit auch bei mir fragen, ich kann da sicher was für dich drehen. Es ist gar nicht so öde beim Amt, wie du immer denkst.«
Thekla rollte die Augen. »Mama … Du hast eben erst davon erzählt, wie langweilig dein Tag war.«
»Ah, ah, ah! Ich habe nur gesagt, dass nichts Besonderes passiert ist!«
»Ich zitiere: Papierkram ohne Ende.«
Seufzend schüttelte Carolin den Kopf, während sich Sebastian zu einem Schmunzeln hinreißen ließ.
»Na gut, Süße«, gab Carolin nach. »Denk einfach darüber nach, wir zwingen dich zu nichts. Wir wollen nur das Beste für dich, weißt du?«
»Ja, ich weiß, Mama. Aber jetzt gehe ich ins Bett. Wer weiß, vielleicht gefällt es mir im Antiquariat ja auch gar nicht.«
Zufrieden lächelte Carolin. »Schlaf gut und träum was Schönes.«
»Danke, ihr nachher auch.«
Nele grinste nur und meinte: »Lusche! Wer zuerst im Bett liegt, kriegt nämlich keine Geschichte vorgelesen, jedenfalls nicht von mir.«
Das war ein alter Witz zwischen ihnen. Thekla hatte Nele, als sie etwa fünf Jahre alt war, immer gesagt: »Wer zuerst ins Bett geht, bekommt eine Geschichte vorgelesen.« Das hatte meist gut funktioniert. Nele war dann schleunigst im Bett verschwunden, damit Thekla ihr etwas vorlas.
»Du wirst auch gleich schlafen, junge Dame!«, mahnte Carolin.
Nele brummte leise etwas Unverständliches und stand auf. »Ich geh schon mal rüber, will sowieso noch was am Laptop gucken.«
Diesmal war es ihr Vater, der das Wort erhob. »Aber nicht so lange.« Allerdings zwinkerte er dabei, was so viel hieß wie: ›Ich werde auch nicht schimpfen, wenn du doch länger wach bleibst‹.
Thekla lächelte, als Nele Mama und Papa einen Kuss auf die Stirn gab und ihr dann in den Flur folgte. Sie selbst fühlte sich mit über achtzehn zu erwachsen für Gutenachtküsse. Es gab höchstens mal einen auf die Wange zur Begrüßung – wenn es unbedingt sein musste.
Das Badezimmer lag zwischen Theklas Schlafzimmer und dem ihrer Eltern. Neben der Garderobe im Flur gab es glücklicherweise eine Gästetoilette, falls das Bad mal besetzt war. Wie früher rannte Nele zuerst ins Bad und rief: »Erste! Ha!« Sie wollte gerade die Tür zumachen, doch Thekla hielt sie auf.
»Nichts da. Ich guck dir beim Zähneputzen schon nichts ab. Ich bin hundemüde. Also husch, rutsch mal ein Stück.«
Nele verdrehte die Augen, ließ ihre Schwester aber ohne weitere Proteste gewähren.
Thekla kämmte sich das dunkle glatte Haar, das ihr genau bis zur Schulter reichte, wusch sich und putzte die Zähne. Dann wünschte sie Nele eine gute Nacht und verzog sich gähnend.
Ihr Zimmer bot genug Platz für sie und die Dinge, die ihr wichtig waren. Da sie gern las, hatte sie drei weiße, gut befüllte Bücherregale im Zimmer. Davor stand ein gemütlicher Lesesessel, auf dem sie es sich oft bequem machte. Aber heute nicht mehr. Heute wankte sie nur zur Kommode ganz links, die sie als Kleiderschrank nutzte, angelte einen Schlafanzug heraus, schlüpfte hinein und verschwand dann in ihr kuscheliges Bett.
Sie stellte den Wecker, zog sich die Decke übers Kinn und schloss die Augen. Ohne dass sie es wollte, ließ sie den Tag Revue passieren. Sie dachte an den Stein, den Tillit mit dem gordischen Knoten, und zog in Gedanken erneut das Muster nach. Unaufhörlich fuhr sie die verschlungenen Linien entlang, die niemals endeten, bis der Schlaf sie einholte.