Bereits erschienen von Axel Weber:

People Business. Headhunter - die Jagd nach dem

Placement

Sukarno and the idea of Indonesia. A history of

Indonesian nationalism

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© 2020 Weber, Axel - Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind Vorbehalten

“Schreiben ist Freiheit”

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 9783752664805

Untuk Naomi Putri & Michelle Putri

Cahaya Hidupku

“While I was being taught at school to see Raffles as a benefactor of humanity through empire, Sukarno was emerging as one of the demons of the third world, his very opposite. He had led his nation in a successful struggle for independence from the Dutch in the thirties and forties, overcoming regionalism and religious factions. He was vilified in the Western press, depicted as endlessly anti-democratic, difficult and tiresome in international affairs, a military enemy in the semi-official war over Sabah and Sarawak, a President of Indonesia who delighted in undermining the conventional certainties that constituted international order. Ultimately, in the sixties, his playing off of one group against another would end in an avowedly anti-Communist military coup and he would find himself penned up, a powerless figurehead, in his own palace. ... Perhaps this is the proof that what we have is not the truth about such men but something already structured in advance.”

Nigel Barley, “In the Footsteps of Stamford Raffles",
S.15

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

“Leaders have devoted themselves to politics, little knowing, it seems, that political Independence disappears without economic Independence, that economic Independence is the foundation of political Independence."

Booker T. Washington

Dieses Buch zu schreiben, war ein persönliches Anliegen. Nachdem ich die englische Ausgabe herausgebracht hatte, wurde ich gefragt, wann das Buch auf Deutsch herauskommt. Ich war immer davon ausgegangen, dass das Interesse an Indonesien vor allem eine internationale Leserschaft anziehen würde. Die Menschen, die mich darauf ansprachen, wollten diese Geschichte auf Deutsch lesen. Grund genug für mich, noch einmal tiefer einzutauchen in die Welt von Sukarno’s Indonesien. Dabei hat sich der Umfang des Buches erweitert, ich habe die Anzahl der Quellen erhöht und somit auch viele historische Details eingeblendet, die in der englischen Ausgabe fehlen. Die englische Ausgabe fokussiert sich auf die ethnologische Symbolik, den zentralen Baustein dieses Textes. Ich komme aber nicht umhin, die Vorgeschichte zu Sukarno als auch sein Ende mit in die Betrachtung zu nehmen, da sie im gesamten Kontext Relevanz haben und erzählt werden müssen. Denn Sukarno war mehr als nur der Staatsgründer Indonesiens: Sukarno war die Inkarnation Indonesiens. Ohne ihn als historische Figur hätte es das Indonesien, wie wir es kennen, nicht gegeben. Denn er war der Ratu Adil, der all diese Strömungen des Archipels zu Einem zusammenfassen konnte. Dass er letzten Endes an den Fliehkräften - dem Militär, der PKI (Partai Komunis Indonesia, Kommunistische Partei Indonesiens) und den muslimischen Parteien - zu Grunde gegangen ist, zeigt, dass die mystische Macht auch auf Java vergänglich ist, selbst wenn sich Politiker zum Präsidenten auf Lebenszeit wählen lassen - wie Sukarno es 1963 hatte tun lassen. Der Abspann Sukarno’s ist für mich genauso wichtig, denn was von 1965 an im Land passierte, war ein Politozid und ein Genozid, den der Westen nicht nur geduldet, sondern für gut befunden und ermöglicht hat. Sukarno war dem Westen ein Dorn im Auge geworden. Und damit nicht genug: im kleinen Nachbarland Ost-Timor hat sich gute zehn Jahre später der Völkermord wiederholt. Es ist unmöglich, die Geschichte Sukarno’s zu erzählen, ohne das Grauen zu erwähnen, dass sein Nachfolger im Land losgetreten hatte. Dass Sukarno die leuchtende Figur der Non-Alignment Movement war, sollte vielen Kritikern des globalen Finanzsystems von heute Motivation sein, an einen großen Staatsmann und Visionär anzuschliessen. Sukarno wurde zum Opfer der gezielten Machtpolitik von Suharto. Zwar gelang es Suharto, das Land mit Hilfe einer immensen Verschuldung bei IMF (Internationaler Währungsfond) und Weltbank auf einen Wachstumskurs zu bringen und es zu einem "Tigerstaat" zu machen. Und die Tigerstaaten waren es, die wir im Westen geliebt haben als Musterschüler, die den Gang aus der Armut geschafft hatten, da sie der Diktatur westlicher Institutionen aus der Hand gefressen hatten. Bis Ende der 1990er Jahre mit der asiatischen Finanzkrise das Haus aus Karten in einen Scherbenhaufen zusammenfiel. Mir liegt es am Herzen zu zeigen, welchen Preis das indonesische Volk hierfür gezahlt hat. Und wie wir wissen, stirbt die Wahrheit immer zuerst. Die Diktatur Suharto’s nutzte eine Propagandamaschine, um die Pogrome, durch die Suharto an die Macht gekommen war, zu rechtfertigen. Die Machenschaften des Westens, angefangen von der CIA, über Henry Kissinger, IMF und Weltbank haben nicht nur Indonesien verändert, sondern eine neue Weltordnung geschaffen. An wenigen Plätzen ist dies besser zu erkennen als in Indonesien. Zu oft erliegen wir der Meinung, dass all das, was wir vom Westen aus der Welt diktieren, auch gut ist für die Welt. In sehr vielen Fällen ist dies jedoch vor allem gut für uns im Westen. Wir nehmen die Opfer in der Ferne hin, solange es uns zum Vorteil verhilft. Dabei erliegen wir unserer eigenen Propaganda, welche die Kolonialisierung und den Raub am Reichtum anderer Völker für gut geheissen hat.

Aus Indonesien und mir ist eine Liebesaffäre geworden. Ich fing damals, bei meinem ersten Besuch 2002, an, mich mit diesem Land im Detail zu beschäftigen. Die einmalige Mischung aus einem Islam, der von hinduistisch-buddhistischer Mystik geprägt ist, auf einer der am dichtesten besiedelten Inseln der Welt, Java, in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist, hat mich seit meinem ersten Besuch nicht mehr losgelassen. Die Faszination des Landes fing mich nicht nur beim Sonnenaufgang an den Tempelanlagen von Borobudur ein; sie setzte sich fort, als ich viele Indonesier kennen lernte, während ich - zur Untermiete in einem typisch indonesischen “Pavillon” - bei Ibu Rini in Jakarta’s noblen Villenviertel Menteng wohnte, und mir die Herzlichkeit der javanischen Gastfreundschaft zu Teil wurde, die ich bis heute nicht vergessen habe, und niemals vergessen werde. Das Lächeln eines Ausländers zaubert ein Lachen auf das Gesicht des Indonesiers. Java ist die Insel der Höflichkeit. Zutiefst beeindruckt hat mich eine Reise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Jakarta in den Ujung Kulon Nationalpark an der Westspitze Javas.1 Das letzte Stück fuhren wir von Labuhan in Banten in einem Boot der Parkranger, organisiert von meinem damaligen Freund Maku Maramis, der einst die Verwaltung des Nationalparks geleitet hatte (nach seinem Studium in Deutschland). Die Anreise war spektakulär, wir fuhren eingequetscht in überfüllten öffentlichen Bussen durch die javanische Nacht und über das dicht besiedelte Land, um dann ein paar Stunden in einem lokalen Hostel ohne fliessend Wasser zu verbringen. So schnell wie die Nacht in den Tropen fällt, so krass laut und hell stellt sich der Morgen ein, und die tropische Sonne sticht in aller Früh bereits senkrecht vom Himmel auf Java hinab. Die Überfahrt mit dem kleinen, schnellen Boot der Parkranger machte all das wieder wett: der Blick auf Krakatau (welchen Einfluss die Explosion des Vulkans auf die Geschehnisse in Indonesien und der Welt hatte, beschreibt Simon Winchester in seinem gleichnamigen und atemberaubenden Buch, siehe Literaturverzeichnis), der Regenwald entlang der Küste, das Meer in der Straße von Sunda. Wir saßen auf dem Dach des Bootes, tranken unglaublich starken, schwarzen javanischen Kaffee und rauchten kretek-Zigaretten, mit Nelken angereicherte Zigaretten mit einem unglaublich süßen Geschmack und Geruch. Dann wurde eine Flasche Arrak herumgereicht. Mit dem Blick auf die Küste und den unberührten Regenwald konnten wir uns vorstellen, wie sich die Entdecker gefühlt haben müssen, als sie zum ersten Mal Land in Indonesien sahen und betraten. Am Strand des Nationalparkes, da wo auch die Hotel-ähnlichen Hütten stehen und die Touristen absteigen, klauen Dir die Affen Dein Handtuch und trinken Deinen Rotwein, wenn Du nicht aufpasst. Das Wild läuft frei herum, und Du fühlst Dich wie auf einer Safari-Anlage. Wir gingen in das warme, flache Wasser, um nach der langen, heißen, holprigen und abenteuerlichen Anreise (im Sinne von “fast nichts Menschliches ist mir fremd”) zu entspannen, als im schnellen tropischen Sonnenuntergang die Flughunde über uns hinweg flogen. Das Wasser war kristallklar, und wir konnten die Fische und den Sand unter uns sehen. Immer noch in einem muslimischen Land, bestachen wir den Kellner, uns die großen und gut gekühlten Flaschen Bier Bintang jeden Abend zu reservieren, denn im Park gab es keinen Nachschub, bis das nächste Ranger Boot Landfall machte. Sehr zum Verdutzen der geführten australischen Reisegruppe riß unser Strom an kaltem Bier abends nicht ab. Was für ein Genuss nach einem heißen Tag. Es gab keine Klimaanlage im National Park. Die berühmten und leider vom Aussterben bedrohten Rhinozerosse von Ujung Kulon, über die Präsident Sukarno 1963 in einem Interview mit der holländischen Presse auf Holländisch sprach, bekamen wir leider nicht zu Gesicht.2

All die Liebe und Freundlichkeit, die ich vor Ort erlebte, kontrastierte mit der Ausbeutung, dem Haß und der Gewalt, die das Land während der Kolonialzeit durch die Holländer, der Besetzung durch die Japaner und dann unter Suharto erlebt hat. Um zu verstehen, was ich jeden Tag sah, fing ich an, mich mit diesem Land und seiner Geschichte zu beschäftigen. Unsere Liebesgeschichte ging tiefer, ich wollte alles über meine neue Beziehung wissen - keine mystischen Geheimnisse mehr. Ich stöberte durch die Bookshops, um alle die Bücher zu kaufen, die es damals nur in Indonesien gab.

Jeder Bule (Indonesisch für “weisser Ausländer”) läuft Gefahr, der Magie Indonesiens und seiner Menschen zu erliegen, und seine Objektivität zu verlieren. So ist es auch mir ergangen. Mein Blick auf dieses Land war immer der des Ausländers, immer der des Faszinierten, nie der des Betroffenen. Und Du läufst dabei Gefahr, dass das passiert, wenn ein Ausländer über ein anderes Land schreibt: egal wie sehr Du glaubst, das Land, seine Menschen und deren Kultur verstanden zu haben, so ist die Brille, durch die Du dies siehst, immer Deine eigene, nie die der betrachteten Kultur. Das, was Du siehst, sagt genauso viel über Dich selbst aus wie über das Gesehene. Damit laufe ich automatisch Gefahr, Indonesien aus meiner Sicht zu romantisieren. Vor diesem Hintergrund war es mir wichtig, so viele Quellenangaben wie möglich in den Text mit einzubauen. Der Leser wird feststellen, wo ich den Quellen widerspreche und eine andere Meinung habe.

In Gesprächen mit Indonesiern, die ich aus meinem Umfeld kenne, habe ich einen verbalen Faktencheck durchgeführt. Ich wollte wissen, wie sie Sukarno heute sehen, wie sie Suharto erlebt haben. Dabei wurde klar, dass Sukarno noch immer (und vielleicht wieder mehr denn je) der verehrte “elder statesman” ist, an den die Menschen glauben, und der für ein Indonesien ganz am Anfang seines Weges steht, für die Unschuldigkeit einer neuen Nation. Für einen Politiker, dem die Menschen glauben konnten. Sukarno hatte Indonesien im Sinn, Suharto seinen eigenen Vorteil.

Sukarno’s Erbe ist massiv: es ist die Schaffung eines riesigen Landes mit friedlichen Mitteln. Sukarno war der Visionär, der es möglich gemacht hat. Die Menschenrechtsverletzungen, das Morden und die Inhaftierung politischer Gegner, der Ausverkauf des Landes und die maßlose Korruption der “Neuen Ordnung” unter Suharto haben Indonesien zu einem Unrechtsstaat gemacht und die Korruption, den Amtsmissbrauch als auch die Vetternwirtschaft etabliert. Bis heute versuchen Politik und Gesellschaft die Missstände von damals aufzuarbeiten. Amnesty International hat zum 55. jährigen Jahrestag des Putsches davon gesprochen, dass “the fear of communism in Indonesia stemmed from anti-PKI propaganda and the ‘manipulation of history’ under president Soeharto’s 32-year tenure from 1967 to 1998.” Bis heute bleiben kritische Publikationen im Land verboten, und selbst die aktuelle Regierung hat keine eindeutige Aussage zu den Schuldigen und den Pogromen von damals getan.3 Diese Verzerrung der historischen Realität macht eine objektive Aufarbeitung unmöglich; die Opfer und Hinterbliebenen der Opfer leiden weiter. Und es leidet auch das Bild von Sukarno, dem missverstandenen Gründer einer großen Nation.

Axel Weber
Frankfurt am Main, 2020


1 Christoph Ransmayr hat seine Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf Java in seiner Kurzgeschichte "Der Weg nach Surabaya” treffend beschrieben. Wiedergegeben in Seemann, 2000, S.323-330.

2 Lost Jakarta, https://www.youtube.com/watch?v=TuMquBUsG5Y

3 Activists, historians seek freedom to uncover 1965 putsch. https://www.thejakartapost.com/news/2020/09/30/activists-historians-seek-freedom-to-uncover-1965-putsch.html

TEIL I

Zeitachse Sukarno

"Vom Anfang bis zum Ende seiner Karriere war Sukarno gezwungen, die Institutionen, die er jeweils benötigte, selbst zu schaffen. Er war ein Amateur, ein Emporkömmling, ein Eklektiker und ein Autodidakt. Er spielte alles nach dem Gehör”4

Clifford Geertz

06.06.1901 Sukarno wird in Surabaya geboren

1916 Wohnt im Haus von Tjokroaminoto, einem der Anführer der Sarekat Dagan Islam, und späterem Schwiegervater

1921 Spaltung der Sarekat Islam, aus der sich später die Kommunistische Partei Indonesiens bildet

1925 Gründung eines politischen Studentenclubs in Bandung während des Studiums der Ingenieurwissenschaften, Vorläufer der PNI

1927 Gründung der Nationalistischen Partei Indonesiens (PNI, Partai Nasional Indonesia), dessen Vorsitzender Sukarno wird

1929 Festnahme durch die Holländer; 2 Jahre Haft

1932 Entlassung aus dem Gefängnis; Sukarno arbeitet unter anderem Namen als Vorsitzender der Nationalistischen Partei

1933 Erneute Verhaftung und Verbannung nach Flores ohne Gerichtsverfahren

1938 Sukarno leidet an Malaria und wird ins Exil nach Bengkulu geschickt, welches noch mehr von Malaria heimgesucht wird als Flores

1942 Befreiung durch die japanischen Besatzungstruppen und Ernennung zum Vorsitz einer Reihe von Massenorganisationen

01.06.1945 Sukarno’s Pancasila-Rede

15.08.1945 Japan ergibt sich - Ende des Zweiten Weltkrieges in Asien

17.08.1945 Sukarno ruft zusammen mit Mohammad Hatta die Unabhängigkeit Indonesiens aus und übernimmt die Führung der revolutionären Republik und leitet den Krieg gegen die Holländer

1948 Die kommunistische Revolte von Madiun wird blutig niedergeschlagen

1949 Sukarno wird erster Präsident des unabhängigen Indonesiens

17.08.1950 Mit einer neuen Verfassung wird die Republik Indonesien ausgerufen

April 1955 Asien-Afrika-Konferenz von Bandung (Non-Aligned Movement), bei der Sukarno Zhou Enlai, Nehru, Nasser, Tito und andere Staatsoberhäupter trifft

18.05.1958 Allen Pope wird über Ambon abgeschossen; in den USA geben die Dulles Brüder zu, gescheitert zu sein mit ihren Bemühungen, Sukarno abzusetzen

05.07.1959 Beginn der “Guided Democracy”: zusammen mit dem Militär führt Sukarno wieder die Verfassung von 1945 ein; Zentralisierung der Macht von Premierminister und Präsident in einer Person

1960 Sukarno löst das Parlament auf, verbietet Oppositionsparteien und errichtet eine autokratische Präsidentenherrschaft

1962 Die Asienspiele finden in Jakarta statt; Sukarno lädt die V.R. China und Israel aus; Indonesien übernimmt die Verwaltung für West Papua

1963 Sukarno lässt sich zum Präsidenten auf Lebenszeit wählen

30.09. - 01.10.1965 Gescheiterter Coup und erfolgreicher Gegencoup durch Suharto; im Nachgang größter Massenmord in der Geschichte Indonesiens mit bis zu einer Millionen Toten; Ende der PKI

11.03.1966 Der Wendepunkt in Indonesien’s Geschichte: "Supersemar” beendet Sukarno’s Karriere

1967 Machtübernahme durch das Militär und Rücktritt Sukarno’s am 22.02.1967

März 1968 Suharto übernimmt die volle Macht; Sukarno unter Hausarrest gestellt

21.06.1970 Tod Sukarnos


4 Geertz 1991, S. 123.

Who is who

“Ich bin Indonesien."5

Sukarno

Sukarno 06.06.1901, Blitar bis
21.06.1970, Jakarta; Gründer
und erster Präsident Indonesiens; Visionär
Suharto 08.06.1921, Kemusuk, Yogyakarta bis 27.01.2008,
Jakarta; verantwortlich für den
Massenmord an einer
Millionen Indonesiern und
dann zweiter Präsident
Indonesiens
Adam Malik 22.07.1917 Pematang Siantar
bis 05.09.1984, Bandung;
1959-1963 Botschafter in der
UdSSR und Polen; 1978-1983
Vizepräsident; davor ab 1966
Außenminister; Spion und
Marionette der CIA
Oemar Siad Tjokroaminoto
aka H.O.S. Cokroaminoto
16.08.1882 - 17.12.1934;
indonesischer Nationalist und
Gründer der Islamischen
Handelsorganisation Sarekt
Dagang Islam;
ehemals
Schwiegervater von Sukarno
Mohammed Hatta 12.08.1902, Bukittinggi bis 14.03.1980, Jakarta.
Mitbegründer Indonesiens.
Vizepräsident und
Premierminister von
Indonesien. Nach 1966 Berater
von Suharto.
Abdul Haris Nasution 03.12.1918 bis 06.12.2000, Jakarta. Neben Suharto und
Sudirman der einzige
Fünf-Sterne-General
Indonesiens; Überlebender des
Coups von 1965. Danach als
einflussreicher Politiker tätig.
Autor von “Der Guerillakrieg.
Grundlagen der
Guerillakriegführung aus der
Sicht des indonesischen
Verteidigungssystems in
Vergangenheit und Zukunft”
Sudirman 24.01.1916 bis 29.01.1950;
erster Kommandant der
Indonesian National Armed
Forces sowie Nationalheld und
Unabhängigkeitskämpfer
Subandrio 15.09.1914, Kepanjen bis
03.07.2004, Jakarta. Sukarno’s
Außenminister und
stellvertretender
Premierminister. Nach dem
Putsch von 1965 für 29 Jahre
inhaftiert. 1995 aus dem
Gefängnis entlassen.
Mustafa Sjarif
Supardjo
Einer der Anführer des Coups
von 1965; 1967 hingerichtet
Untung 03.07.1926, Sruni, bis
September 1967.
Kommandant der Palastgarde
von Sukarno.
Mitverantwortlicher für den
Coup von 1965. 1967
hingerichtet
Omar Dhani 23.01.1924 bis 24.07.2009.
Kommandant der Indonesian
Air Force von 1962 bis 1965.
Linksgerichteter Unterstützer
Sukarno’s. 1995 aus dem
Gefängnis entlassen.
Hamengku
Buwono IX.
12.04.1912, Yogyakarta, bis
02.10.1988, Washington, D.C.
1940 - 1988 2. Sultan von
Yogyakarta.
Wirtschaftsminister und von
1973 bis 1978 Vizepräsident.
Teil des einflussreichen
Triumvirates zusammen mit
Malik und Suharto
Achmad Yani 19.06.1922 bis 01.10.1965.
Getöteter General der G30 S
Bewegung
Sutan Sjahrir 05.03.1909 bis 09.04.1966.
Nationalistischer
Intellektueller, Anführer des
Unabhängigkeitskampfes,
erster Premierminister
Indonesiens. Inhaftiert von
Sukarno, 1965 entlassen, um
sich in der Schweiz
medizinisch behandeln zu
lassen.
Agus Salim 08.10.1884, Bukittinggi bis
04.11.1954, Jakarta.
Gründungsmitglied
Indonesiens, Mitgestalter der
Verfassung von 1945 sowie
Außenminister von 1947-1949
Aidit 30.07.1923 bis 23.11.1965
(ermordet durch das Militär);
Vorsitzender der PKI von 1951
bis 1965.

5 Der Spiegel. Indonesien / Sukarno. Nummer ab. Vom 27.02.1967. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46394457.html

Abkürzungsverzeichnis

NAM Non-Aligned Movement; Bewegung
der Blockfreien Staaten
PKI Partai Komunis Indonesia;
Kommunistische Partei Indonesiens
PNI Partai Nasional Indonesia; Sukarno’s Partei
CIA Central Intelligence Agency;
Auslandsgeheimdienst der USA
IMF International Monetary Fund;
Internationaler Währungsfond
TNI Tentara Nasional Indonesia;
Indonesian National Military; im Text
einfach “Militär”
TNI-AD TNI Angkatan Darat; Indonesian
National Military Land Force
TNI-AL TNI Angkatan Laut; Indonesian
National Military Naval Force
TNI-AU TNI Angkatan Udara; Indonesian
National Military Air Force
SI Sarekat Islam; Islamische
Vereinigung, davor Sarekat Dagang
Islam, Islamische
Handelsvereinigung
SOBSI Sentral Organisasi Buruh Seluruh
Indonesia; Central All Indonesians
Workers Organisation, ein Affiliate
der PKI
Masyumi Majelis Syuro Muslimin Indonesia,
Konsultativrat der Muslime
Indonesiens, als Gremium von den
Japanern 1943 gegründet, von
1945-1960 politische Partei
KKN Korupsi, Kolusi, Nepotisme
VOC Vereenigde Oostindische
Compagnie
G30S Gerakan 30 September (PKI)
(PKI)

Die Perspektive

“Indonesia is the world's third-largest democracy. And we also have the world's largest Muslim population. This demonstrates that democracy and Islam are not incompatible. Terrorism is not associated with any religion."

Joko Widodo

Indonesien ist immer Fernweh, Sehnsucht, Heimat. So befremdlich der Ruf des Muezzin von einer der vielen Moscheen in Jakarta anfangs war, so wurde er im Laufe der Zeit so selbstverständlich wie die Kirchenglocken in dem Ort, in dem ich heute wohne. Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal nach Jakarta reiste, begegnete ich einem Land, das vier Jahre nach dem Abdanken Suharto’s eine junge Demokratie geworden war und sich mit seiner neu gewonnenen Freiheit beschäftigte. Ein riesiges Land, welches in der aktuellen Presse Deutschlands und der Auseinandersetzung mit den regelmäßigen Entwicklungen in der Region viel zu wenig Beachtung findet. Dabei war dies einmal anders: vom Ende des 18. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war das "Niederländische Indien” eine der bekanntesten Regionen Asiens in Deutschland. Dies hatte zur Folge, dass sich beinahe die gesamte deutsche Geisteswelt, von Goethe über Vicky Baum bis hin zu Karl Marx, mit diesem “Land” beschäftigte.6 Die Abwesenheit Indonesiens in der aktuellen Berichterstattung war (und ist) für mich unverständlich, denn mit 268 Millionen Einwohnern ist Indonesien nicht nur das viertgrößte Land der Erde, sondern auch das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung und die drittgrößte Demokratie sowie mit Abstand das größte Land in Südostasien. Es gibt kein anderes, vergleichbares Land in dieser Größe, welches ähnlich wenig Beachtung findet.

Indonesien ist kein islamischer, arabischer Staat; diese Differenzierung ist wichtig und notwendig, denn im Land leben Christen, Hindus, Buddhisten, Konfuzianisten und Muslime meist friedlich nebeneinander. Die Verfassung schreibt den Glauben an einen Gott vor, lässt aber offen, welcher Gott das ist. Indonesien ist kein einfach zu kategoriesierendes Land. Getrieben von der Mystik und Zweideutigkeit Javas entzieht sich das Land eines klaren "Jas” oder “Neins.” Die Javaner sind zu höflich, um Dir direkt mit einem Nein zu begegnen. Oftmals heißt das dann mit einem lachenden Gesicht belum, "noch nicht”, was uns Europäer in den Glauben versetzt, dass es bald passieren würde - dies hat der Javaner nie gemeint. Für uns Europäer ist das oft unverständlich, und wir haben Probleme, die wahre Bedeutung des Gesagten zu verstehen. Die Javaner reden leise und höflich, und haben dabei immer ein lächelndes Gesicht. Ich musste lernen, mit der Kultur und Sprache des Landes umzugehen. Das Land, das mir dann begegnete, und dem ich mich öffnete, indem ich meine Vorurteile über Bord warf und mich treiben ließ in der Mystik und Logik des Archipels, zeigte sich von seiner realen Seite. Ich verliebte mich in das Land und die Kultur seiner Menschen wie in eine mystische Sirene, die mich in ihren Bann gerufen hatte und mich nicht mehr los ließ. Die Beschäftigung mit dem kulturell Fremden spielte eine große Rolle, und im Mittelpunkt stand Jakarta. Jakarta ist keine Touristenstadt, es ist keine Kulisse für den Traum Asiens. Jakarta ist harte Realität, es gibt dort wenig, was sich für den klassischen Touristen ausschlachten lässt. Es ist eine spezielle Stadt, ein Ort, geprägt von mehr als 34 Millionen Menschen im Ballungsgebiet “Jabotabek”, Jakarta, Bogor, Tangerang, Bekasi. Es ist ein Ort, in den Du Dich verliebst, wenn Du angekommen bist, wenn Du aufgehört hast, auf der Durchreise zu sein. Die Liebe zu Jakarta ist sehr schwer in Worte zu fassen, ist Jakarta doch Gemütszustand, der sich in Essen, Gerüchen und visueller Dramatik am besten verstehen lässt. “From high up, Jakarta was a spread of trees and red tile roofs. But the Jakarta map showed only a few main roads. These were the roads along which the traffic flowed, past the new skyscrapers and the parks and the monuments. The city was contained within these roads. Jakarta was a city without a focus, a cluster of urban kampongs or villages, and these villages preserved the haphazard structure of country villages. No street map could record the twists and turns of lanes and alleys.”7 Gegensätze zwischen Armut und Reichtum, Religion und westlicher Offenheit prägen das Stadtbild und das Leben in der Stadt. Die Stadt ist authentisch und will nichts sein, was sie nicht ist. Ein Buch bringt diesen Gemütszustand am besten zum Ausdruck und auf den Punkt: “Jakarta Inside Out” vom ausgezeichneten Filmemacher Daniel Ziv.

Es bedarf für die Liebe zu Jakarta einer Abenteuerlust, die der Gefahr des menschlich Fremden ins Gesicht zu schauen vermag. Jakarta ist Chaos, es ist schmutzig, unethisch. Das Verruchte spielt eine genauso große Rolle wie die Religion. Jakarta ist Mystik und eine Stadt, deresgleichen es auf der Welt kein zweites Mal gibt.

Indonesien befindet sich auch auf Grund seiner geopolitischen Lage an einem zentralen Ort, der für das Weltgeschehen von Bedeutung ist. Wir sprechen nicht nur von der Lage an der Straße von Malakka, durch die ein Großteil des Welthandels führt, sondern auch vom Südchinesischen Meer, seinen Inseln, Rohstoffen und Schifffahrtsrouten. Der Streit um die dort liegenden Inseln zwischen den verschiedenen Anrainerstaaten und der Volksrepublik China hat das Potential, zu einem globalen Konflikt zu werden, je nachdem in welcher Art und Weise Peking seinen Imperialismus und völkerrechtswidrigen Expansionskurs dort vorantreiben wird, und wie die Reaktion der USA und der anderen Anrainerstaaten aussehen wird.8 Die Indonesier liegen hierbei vor allem im Klinsch mit China im Bezug auf die Natuna Inseln und die Hoheitsgewässer rund um die Inseln.

Gerade wenn wir über territoriale Ansprüche in der Region sprechen, stellt sich die Frage, wie aus der ehemaligen niederländischen Ostindien-Kompanie ein Nationalstaat wurde: Indonesien als politische Einheit existierte zu Zeiten der holländischen Besatzung nicht. Das Königreich Majapahit vom 13. bis zum 16. Jahrhundert hatte eine ähnliche Dimension wie das heutige Indonesien, war als hinduistische Thalassokratie jedoch komplett anders organisiert. Schon damals lag die Hauptstadt des Reiches auf Java, in Trowulan in der Nähe des heutigen Surabaya.

Den Holländern als imperialistischen Kolonialherren war wenig daran gelegen - noch war es ihnen gelungen - aus dem warenwirtschaftlichen Selbstbedienungsladen der VOC (Vereenigde Oostindische Compagnie) staatliche Strukturen zu schaffen, so wie es die Engländer in Indien getan und geschafft hatten.9 Die Holländer hatten viel zu 10besetzenbefreien11