Der Feldzug der Alliierten in Italien begann erst im Sommer 1943. Dennoch wurde das Land einer der verlustreichsten Schauplätze des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa. Warum dauerte die Befreiung Italiens fast zwei Jahre, obwohl Mussolinis Regime nach wenigen Tagen gestürzt wurde und sein deutscher Verbündeter bereits sichtlich geschwächt war?
Thomas Vogel erläutert die politischen und strategischen Hintergründe der Auseinandersetzung sowie den Verlauf und Zusammenhang der militärischen Operationen. Nicht zuletzt geht er auf die verbrecherische Seite der Kriegführung ein und thematisiert den Wiederaufstieg der Mafia in Italien infolge des alliierten Sieges.
Die Reihe Kriege der Moderne, herausgegeben vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, macht die jüngsten Erkenntnisse der Forschung einem breiten Publikum zugänglich. Die wichtigsten kriegerischen Konflikte der vergangenen Jahrhunderte werden sowohl im Hinblick auf den Verlauf der Auseinandersetzungen als auch in Bezug auf politische sowie kulturelle Zusammenhänge anschaulich dargestellt und analysiert.
Alle Bände werden von sachkundigen Historikern verfasst und sind mit zahlreichen farbigen Fotos, Grafiken und Karten ausgestattet.
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Die Morgendämmerung taucht Paradiso nördlich von Messina in ein schwaches Licht. Der 17. August 1943 verspricht wieder ein heißer Tag zu werden. Der Hochsommer macht die Kämpfe auf Sizilien zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Nach Wochen gehen sie an der Straße von Messina dem Ende entgegen. Die Evakuierung von über 100 000 deutschen und italienischen Soldaten mit Schiffen und Booten auf das italienische Festland ist fast abgeschlossen. Ein letzter kleiner Brückenkopf um Messina hält sich gegen die Angriffe der Alliierten.
Über der Meerenge mit ihren gefährlichen Strömungen herrscht trügerische Ruhe. Die alliierten Jäger und Bomber, die sonst den Luftraum beherrschen, bleiben seit Kurzem aus. Verlässlich legen sie zu dieser Stunde eine Pause zwischen ihren Nacht- und Tagangriffen ein. Folglich schweigen auch die deutschen und italienischen Flugabwehrgeschütze, die den Fährverkehr bislang gut geschützt haben. Dafür dringt bis Paradiso das Grollen des Artilleriefeuers von der nahen Front, wo deutsche Nachhuten den Gegner auf Abstand halten.
An der Fährstelle bei Paradiso döst eine deutsche Uferwache, bis Motorenlärm sie aufschreckt. Im Dämmerlicht vor der Küste nähern sich drei deutsche Pionier-Sturmboote in schneller Fahrt. Wenig später laufen sie kontrolliert auf den Strand auf. Ihr Führer springt an Land und ruft: »Hallo, Kameraden, kommt mal her und packt mit an!« Unter Anleitung des Feldwebels hilft die Uferwache, die sieben Zentner schweren Boote umzudrehen, damit sie schnell ablegen können.
Keine fünf Minuten später fahren auf der Uferstraße eine Limousine mit offenem Verdeck und dahinter ein »Kübelwagen« mit Funkausstattung vor. Beide Fahrzeuge sind übervoll besetzt und mit Gepäck beladen. Die sauberen Stander auf den Kotflügeln der ansonsten verdreckten Limousine fallen ins Auge. Sie verraten die Ankunft des ranghöchsten deutschen Soldaten auf Sizilien: General der Panzertruppe Hans Valentin Hube, Kommandierender General des XIV. Panzerkorps.
Schon ist der Feldwebel zur Straße hochgeeilt. Während die Limousine vor ihm hält, nimmt er stramme Haltung an. Der Beifahrer, ein junger Hauptmann, springt aus dem Wagen und öffnet die hintere Tür. Etwas steif steigt General Hube aus und klopft sich den Staub aus der Uniformjacke. Beleibt, mit vollem Gesicht und leicht verschmitztem Ausdruck, entspricht er wenig dem Klischeebild vom preußischen General. Der gebürtige Naumburger hat sich einen hervorragenden Ruf als Truppenführer erworben, zuletzt in Stalingrad. Das Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern um den Hals kündet davon. Wegen seiner geradlinigen und umgänglichen Art ist »Papa Hube« bei den Soldaten beliebt. Allerdings gilt er als »linientreu«; sogar das Vertrauen Hitlers besitzt er.
Der Feldwebel beendet gerade seine Meldung, als ihm die schwarze Handprothese Hubes auffällt: Richtig, der General hat ja im letzten Weltkrieg seinen linken Arm verloren! – Da hat sich Hube schon seinen Leuten zugewendet: »Na, dann wollen wir mal!« Mit seinem Adjutanten besteigt er ein Sturmboot. »Also, Männer, alles Gute und auf Wiedersehen drüben!«, ruft er den Soldaten zu. Dann salutiert er zum endgültigen Abschied von Sizilien.
Ein letztes Mal sind alle Hände nötig, um die Boote ins Wasser zu schieben und abzustoßen. Gleichzeitig lassen die Bootsführer die Motoren an. Sobald die Wassertiefe ausreicht, senken sie die Propeller ab. Die Boote nehmen Fahrt auf und formieren sich in Kiellinie. Bald jagen sie in Höchstfahrt Catona an der Küste Kalabriens entgegen. Müde kauert Hube in seinem Boot. »Halb sechs, gute Zeit!« murmelt er mit Blick auf seine Uhr. Obwohl er Sizilien aufgeben muss, ist er zufrieden. Bis zuletzt hielten seine Divisionen die alliierte Übermacht in Schach. Mit Geschick und Glück hat er sie nun evakuiert. Der »Führer« wird ihm dankbar sein, weil dadurch eine Chance besteht, das italienische Festland zu verteidigen. Und die NS-Propaganda bekommt ihren Helden, weil er selbst bis zuletzt auf Sizilien ausgehalten hat.
Der Feldzug auf Sizilien wird zum Muster für den nachfolgenden Krieg auf dem Festland, denn immer wieder können sich die Deutschen einer vernichtenden Niederlage entziehen. Obwohl Italien nach dem Sturz von Diktator Benito Mussolini im September 1943 aus dem Bündnis mit Deutschland ausschert, erfüllen sich die Hoffnungen der Alliierten auf einen schnellen Sieg nicht. Ihr Weg nach Norden durch die gebirgige Apennin-Halbinsel wird mühsam und verlustreich. Fast zwei Jahre lang erlebt das Land Tod und Zerstörung durch Krieg und deutsche Besatzung. Erst Ende April 1945 streckt die Wehrmacht auf diesem Kriegsschauplatz die Waffen.
Die Anzeichen, dass die verbündeten »Achsenmächte« Deutschland, Italien und Japan den Krieg verlieren würden, mehrten sich zur Jahreswende 1942/43. Den Siegeszug der Japaner im Pazifik hatten die Amerikaner schon im zweiten Halbjahr 1942 gestoppt. In Stalingrad erlebte soeben die deutsche 6. Armee neben verbündeten Armeen aus Ungarn, Italien und Rumänien ihren Untergang. Und in Nordafrika befand sich Generalfeldmarschall Erwin Rommel mit seiner Deutsch-Italienischen Panzerarmee seit dem Herbst 1942 auf dem Rückzug vor der britischen 8. Armee unter General Sir Bernard L. Montgomery. Um Rommel in die Zange zu nehmen, war zudem am 8. November 1942 US-Lieutenant General Dwight D. Eisenhower mit einer amerikanisch-britischen Armee an der Küste Marokkos und Algeriens gelandet (Operation »Torch«, d. h. ›Fackel‹).
In dieser kritischen Lage für die »Achse« stand es um das deutsch-italienische Bündnis nicht gut. In beiden Ländern war es wenig populär, das Verhältnis teils noch durch die Gegnerschaft im Ersten Weltkrieg getrübt. Umso mehr hing es von der persönlichen Verbundenheit von Hitler und Mussolini ab, des deutschen »Führers« und des italienischen Duce. Wegen der politischen Eigenmächtigkeit beider Diktatoren konnte jedoch von einer strategischen Allianz keine Rede sein. In Berlin war man enttäuscht vom wirtschaftlichen und militärischen Leistungsvermögen Italiens, das weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Zunehmend gaben die Deutschen den Ton im Bündnis an, mussten aber auf die Gefühle der Italiener Rücksicht nehmen, um nicht Mussolinis Herrschaft zu gefährden, die wegen seiner kriegerischen Misserfolge bereits angeschlagen war. Denn Italien blieb als Verbündeter für Hitler aus strategischen Gründen unverzichtbar. In Nordafrika behaupteten sich Italiener und Deutsche immerhin zweieinhalb Jahre lang, bevor ihr gemeinsamer Feldzug mit einem zweiten »Stalingrad« endete: 270 000 deutsche und italienische Soldaten gingen in alliierte Gefangenschaft, als die Heeresgruppe Afrika am 12./13. Mai 1943 bei Tunis kapitulieren musste.
Die Folgen der Niederlagen von Stalingrad und Tunis belasteten das schwierige Verhältnis zwischen den Verbündeten zusätzlich. Der Verlust Libyens, ihrer letzten Kolonie, ernüchterte viele Italiener, die an Mussolinis Versprechen von einem neuen Römischen Reich geglaubt hatten. Nicht zuletzt wegen der zunehmenden alliierten Luftangriffe, die ohne wirksame Gegenwehr blieben, machte sich in Italien Kriegsmüdigkeit breit. So geriet Mussolinis Regime ins Wanken, während dem Land eine alliierte Invasion aus Nordafrika drohte. In Berlin war man alarmiert und traf im Mai 1943 Vorkehrungen für den Fall, dass Italien das Bündnis verlassen würde. Gleichzeitig wurden der politische Druck auf Rom und die deutsche Präsenz in Italien erhöht, um das Land im Bündnis zu halten und stärker in die deutsche Kriegführung einzuspannen. Die wachsende antideutsche Stimmung in Italien mahnte dabei zur Vorsicht.
Der deutsche Oberbefehlshaber Süd, Generalfeldmarschall Albert Kesselring, war mit seinen Truppen in Italien formell dem italienischen Oberkommando unterstellt, wurde aber im späten Frühjahr 1943 immer mehr zum »starken Mann« im Land, wo er über eine beachtliche Anzahl deutscher Divisionen gebot. Einige wurden aus dem Rückstau der Truppen formiert, die für Tunesien bestimmt gewesen waren. Andere verlegte man aus dem besetzten Frankreich nach Italien. Das setzte Hitler hinter Mussolinis Rücken durch, weil er mit dem Abfall Italiens vom Bündnis rechnete und den Italienern nicht zutraute, ihr Land zu verteidigen. Die strategische Rechnung der Alliierten schien daher aufzugehen. Das Land war offensichtlich kriegsmüde, seine Armee schwer angeschlagen, sein faschistisches Regime am Ende. Zum Schutz der deutschen Südflanke musste die Wehrmacht bereits andere Positionen schwächen. Doch wurden die Deutschen in Italien stärker und waren dabei, das Ruder dort zu übernehmen.
Briten und Amerikaner feierten im Mai 1943 in Nordafrika ihren ersten gemeinsamen Triumph. Dessen Wurzeln reichten bis Ende 1941 zurück, als der britische Premier Winston S. Churchill und US-Präsident Franklin D. Roosevelt ihre globale Strategie vereinbart hatten. Vorrangig sollte Deutschland bekämpft werden (Germany first!), erst in zweiter Linie Japan. Die Alliierten konnten sich aber nur schwer auf eine Strategie gegen ihren Hauptgegner einigen. Die Amerikaner wollten ihn auf direktem Weg über Westeuropa angreifen, um die drohende Niederlage der Sowjetunion zu verhindern. Denn längst drängte Stalin auf die Eröffnung einer »zweiten Front« gegen Deutschland.
In London hatte man dafür Verständnis, lehnte aber einen direkten Angriff auf Deutschland entschieden ab. Churchill hielt die noch im Aufbau befindliche alliierte Militärmacht für zu schwach, zumal eine anspruchsvolle amphibische Landungsoperation erforderlich sein würde. Deshalb verfolgte er eine indirekte Strategie gegen den soft underbelly (›weichen Unterleib‹) des deutschen Machtbereichs im Süden. Als nach dem Fall Tobruks im Juni 1942 die britische Position in Ägypten wackelte, gab Roosevelt in der Strategiefrage nach. So beschlossen die Westalliierten, noch 1942 mit der Operation »Torch« eine »zweite Front« zu eröffnen, wenngleich vorerst nur in Nordafrika.
Eine Invasion in Italien war für die Alliierten nicht sofort ausgemacht. Erst auf der Gipfelkonferenz von Casablanca im Januar 1943 stellten sie die Weichen dafür. Vor allem die Briten wollten einen Erfolg im Mittelmeerraum weiter ausbauen, war doch die alliierte Hauptmacht dort vorerst gebunden. Ein Angriff auf Sizilien oder Sardinien verhieß den schnellen Zusammenbruch Italiens, was wiederum ein Eingreifen der Deutschen erwarten ließ, die dazu ihre Ostfront schwächen müssten. Dagegen sahen die Amerikaner im Mittelmeerraum weiter eine strategische Sackgasse und stimmten einer Eroberung Siziliens nur widerwillig zu. Das Unternehmen erhielt den Decknamen »Husky«. Im Gegenzug billigten die Briten den Plan einer Invasion in Nordfrankreich für 1944 (Operation »Overlord«) und versprachen eine stärkere Beteiligung am Pazifikkrieg. Den Schlusspunkt in Casablanca setzte Roosevelt mit seiner Forderung nach »bedingungsloser Kapitulation« (unconditional surrender) der Achsenmächte.
Die militärische Zusammenarbeit von Amerikanern und Briten war damals weit gediehen. Längst besaßen sie einen gemeinsamen höchsten militärischen Planungs- und Führungsstab: Die Combined Chiefs of Staff (CCS) in Washington waren Roosevelt und Churchill direkt verantwortlich und begleiteten beide auf alle großen Konferenzen. Nie zuvor hatten Verbündete ihre militärische Führung derart oberhalb der nationalen Ebene integriert. Auch deshalb siegten die Alliierten am Ende über die »Achse«, die nichts Vergleichbares zustande brachte. Den CCS direkt unterstellt war General Eisenhower. Sein alliiertes Hauptquartier für den Mittelmeerraum (Allied Forces Headquarters; AFHQ) richtete sich zur Jahreswende 1942/43 in Algier ein. Die verantwortlichen Positionen dort wurden mit amerikanischen oder mit britischen Offizieren besetzt.
Im Februar 1943 machte dann die Vergrößerung der Allied Forces um Montgomerys Armee den Umbau der Kommandostruktur notwendig. Gewinner des Umbaus waren die Briten. Sie hatten sich zuletzt besser geschlagen als die unerfahrenen Amerikaner; zudem stellten sie nun den größten Teil der Allied Forces. So konnten sie die britische Führung der drei neuen Kommandobereiche der Land-, See- und Luftstreitkräfte durchsetzen. Erstere wurden in der 18. Heeresgruppe (18th Army Group) unter General Sir Harold Alexander zusammengefasst, dem neuen Stellvertreter Eisenhowers. Nach dem Ende der Kämpfe in Tunesien wurde Alexanders Oberkommando aufgelöst, aber schon im Juli 1943 als 15. Heeresgruppe (15th Army Group) wieder in Dienst gestellt, um bei der Operation »Husky« die Landstreitkräfte zu führen.
Im Mai 1943 trafen sich Roosevelt und Churchill erneut in Washington, um die Weichen für die Zeit nach »Husky« zu stellen. Churchills Vorschlag, einen Erfolg in Sizilien auf dem Festland auszubauen, stieß auf reservierte Amerikaner, die die Operation »Overlord« gefährdet sahen. Eisenhower durfte daher lediglich Vorschläge für die Fortführung des Krieges in Italien erarbeiten, je nachdem, wie sich »Husky« entwickelte. Er musste sogar damit rechnen, bereits im Herbst 1943 Truppen für »Overlord« abzustellen. Das konnte die Zuversicht im AFHQ kurz vor »Husky« aber nicht schmälern. Der Sieg in Nordafrika hatte die Moral der Truppe gestärkt; an Material wusste man sich dem Gegner überlegen. Der gemeinsame Kampf im letzten halben Jahr hatte Amerikaner und Briten miteinander vertraut gemacht. Bislang war es im Wesentlichen nach dem Willen der Briten gegangen, in der Strategiefrage wie in der Führung der Allied Forces. Die Amerikaner nahmen noch die Rolle des Juniorpartners ein, hatten aber dazugelernt und wurden selbstbewusster.