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DR. DANA RINDERMANN

Mach mich stark!

MIT DEM CLICKER BIS ZUR
HOHEN SCHULE

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HAFTUNGSAUSSCHLUSS

Autor und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.

SICHERHEITSTIPPS

In diesem Buch sind Reiter ohne splittersicheren Kopfschutz abgebildet. Dies ist nicht zur Nachahmung empfohlen. Achten Sie beim Reiten bitte immer auf entsprechende Sicherheitsausrüstung: Reithelm, Reitstiefel/-schuhe, Reithandschuhe und gegebenenfalls eine Sicherheitsweste.

IMPRESSUM

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Covergestaltung: Gerlinde Gröll, www.cadmos.de

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

ISBN: 978-3-8404-1091-9

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DIE AUTORIN

Hallo, ich bin Dr. Dana Rindermann. Ich bin Tierärztin und betreibe eine Fahrpraxis für Pferde-Akupunktur und innovatives Training. Promoviert habe ich über Verhaltensprobleme im Nutztierbereich.

Verhalten ist unglaublich spannend. Darin liegt die Basis für eine effektive Ausbildung und ein tolles Miteinander.

Das Okapi-Training® habe ich entwickelt, um Pferden und ihren Besitzern zu helfen, den Schlüssel zu ihren Fähigkeiten zu finden.

Kladruberstute Jupiter ist sieben. Okapi-Training® ist ihr täglich Brot, seitdem sie vierjährig mit ihrer Ausbildung begann. Sie nutzt es gezielt zum Muskelaufbau, zur Versammlungsarbeit und zur Entwicklung neuer Lektionen. Sie beherrscht alle Lektionen, die du im Übungsteil findest, inklusive Piaffe, isometrischen Squat, Hinlegen und Levade, alles ganz freiwillig und ohne Equipment. Jupiter zeigt dir gerne alle Einzelschritte.

Wir haben zusammen immer Spaß: Die Stute kann Gegenstände nicht nur apportieren, sondern auch werfen. Unser Training mit Objekten hat sich so weit verselbstständigt, dass Jupiter inzwischen mit Wachsstiften Bilder auf Leinwand malen kann. Alles ist möglich – Komm mit auf die Reise!

WAS IST OKAPI-TRAINING®?

Operante Konditionierung ins Alltagstraining produktiv implementieren: Okapi-Training® ist ein effektives, wissenschaftsbasiertes Pferdetraining, bei dem Pferde völlig freiwillig mitarbeiten. Okapi-Training® steht unter Markenschutz. Ausführliche Step-by-Step-Fotoserien zeigen dir, wie du mit deinem Pferd versammelnde Lektionen bis zur Hohen Schule, Tricks, die Dir das Leben leichter machen, und spaßige Übungen erarbeitest.

VORAUSSETZUNGEN

Voraussetzung für die Arbeit mit dem Okapi-Training® ist ein gesundes Pferd, das bereits Grundkenntnisse im Umgang mit dem Menschen hat, und umgekehrt. Wer mit Pferden arbeitet, muss seine eigenen Grenzen, die seines Pferdes und das gegenseitige Maß an vorhandenem Vertrauen einschätzen. Bist du unsicher, ob dein Pferd in der Lage ist, bestimmte Lektionen zu lernen, bitte deinen Tierarzt oder Trainer um Rat.

SICHERHEIT

Pferde sind große, manchmal spontan reagierende Fluchttiere. Sicherheit muss bei der Zusammenarbeit immer an erster Stelle stehen. Alle unsere Fotos sind in gesicherter Umgebung entstanden. In nicht umzäunten Arealen müssen Pferde stets ein Kopfstück tragen.

SPRACHLICHE GLEICHSTELLUNG

Wenn du „der Ausbilder“, „der Reiter“ oder „der Trainer“ liest, ist damit gemeint: „der Ausbilder/die Ausbilderin“, „der Reiter/die Reiterin“ und „der Trainer/die Trainerin“.

Für Flora und Gismo

Hallo, ich bin’s …

…dein Buch zum Okapi-Training®!

Freiwillige Zusammenarbeit mit jedem Pferd: Dafür stehe ich.

Ich wurde gemacht, um dir zu helfen, mit deinem Pferd zusammen alles zu schaffen, was du schon immer trainieren wolltest. Was es auch sei, was dein Pferd lernen soll – irgendwo in mir steckt die Lösung dafür.

Konventionelles Pferdetraining besteht normalerweise darin, dass das Pferd vor allem menschliche Anweisungen befolgt. Weil es das muss. Wie wär’s mit einer Alternative, bei der dein Pferd mit Spaß und Eigeninitiative freiwillig mitarbeitet, und viiiiel schneller lernt? Einer Anleitung, die dir hilft, Schritt für Schritt ein superguter Trainer zu werden?

Kann man ein Pferd dazu trainieren, den Reiter am Aufstieg abzuholen, wenn man es ruft? Einen Schulhalt vom Boden am zaumlosen (!) Pferd formen, dann aufsteigen und dasselbe von oben trainieren? Kann man eine Piaffe in Einzelteilen einüben, die so viel Spaß machen, dass das Pferd später ohne Kopfstück und auf Zuruf piaffiert?

Oh ja – man kann!

Pferdeliebe beginnt mit Wissen. Meine erste Hälfte besteht daher aus wissenschaftsgestützten Hintergrundinformationen rund ums Training und Pferdeverhalten.

Ich zeige dir Neues aus der Forschung: In mir stecken über 150 Literaturquellen darüber, wie Pferde denken und lernen, die ich leicht verständlich und ohne Schnickschnack zusammenfasse. Völlig ehrlich beleuchte ich Techniken der Arbeit mit Pferden: Was funktioniert und wieso? Wie fühlt sich das Pferd dabei? Mit diesem Basiswissen bist du gerüstet, jedes Training zu planen. Wirklich jedes. Danach halte ich 18 Übungskapitel für dich bereit, vom Stillstehen über Piaffe bis zur Levade. Ich habe Hunderte Fotos an Bord, damit du dich Step-by-Step zu deinem Ziel vorarbeiten kannst. Ich erkläre dir ganz genau, wie es geht und welchen Schritt du als Nächstes üben kannst. Dann weißt du immer, was zu tun ist.

Auch Trainer machen mal Fehler und auch die zeige ich ehrlich, damit du sie von vornherein vermeiden kannst. Außerdem habe ich FAQ-Seiten für dich, damit du nachschauen kannst, falls ein individuelles Problem auftaucht. Hier findest du eine Lösung.

Ich mache dich fit, jede Idee mit deinem Pferd umzusetzen, die euch gemeinsam in den Sinn kommt. Schau dir ein Kapitel oder eine Übung an, die dir gefällt, und leg los – heute!

Mach Eselsohren in meine Seiten. Mach dir auf meinen Seiten Notizen. Nimm mich mit in den Stall, panier mich im Sand! So möchte ich aussehen, denn: Ich bin ein Buch für die Praxis.

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(Foto: Alison Marburger)

Inhalt

Unser Draht zum Pferd

Vier Wege ins Gehirn des Pferdes

Ein Pferd so richtig motivieren

Schnelles Lernen

Pferd und Mensch

Muss ich Chef sein?

Hilfengebung: Was machen wir da eigentlich?

Equipment checken

Eine echte Bindung mit dem Pferd

Zeichen geben

Sinnvoll füttern!

Click! Das Marker-Signal

Here we go: Starte mit deinem Pferd!

Die wichtigste Regel, wenn du dein Pferd bestärkst

Man bekommt, was man verstärkt: Jasmin und Martin im Park

Raum und Zeit

Alles hört auf mein Kommando! — Welches Kommando eigentlich?

Equipment

Der Clicker

Targets

Objekte und Farben

Der Targetstick

Der Teppich

Die Belohnung

Die Cordeo

Das Kopfstück

Okapi-Übungen

Erste Übung: Etwas berühren (Target)

Anti-Taschenwühlen-Training: Höflichkeit lernen!

Das Genick wölben

Gehen, Stehen, Rückwärts

Untertreten

Isometrischer Squat – Versammlung im Stehen

Plié und Kompliment

Knien und Liegen

Travers und Schulterherein

Aufstieghilfe

Heben

Apportieren

Spanischer Schritt

Piaffe ohne Zwang

Schulhalt

Levade

Clickern beim Reiten

Dein eigenes Projekt

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Freie Piaffe ohne Zaum—Hierfür verketten wir mehrere Teilschritte, die einzeln geformt wurden. Lust, das zu lernen?

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Mareike Nieschalk mit Nelly und Al-borak

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Nicoline Wiermann mit Assa und Draengur

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Silke Schwaiger und Skári vom Kreiswald

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Hündin Quitte

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Prof. Dr. Helen Louton und Tona

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Gwendolyn Schubert und Pünktchen

Mitwirkende

Mareike Nieschalk ist Diplom-Soziologin, Trainerin B FN, Kinderreitlehrerin FN sowie Reittherapeutin DKThR und hat das Okapi-Training® mitgestaltet. Ihr Deutsches Reitpony Nelly (Braune) ist 17. Durch das Okapi-Training® hat es zu sich selbst gefunden. Fuchs Al-borak ist ein 19-jähriger Quarab. Er trainiert mit Squat und halben Tritten Rücken und Geist. Lewitzermix Cheyenne (nicht im Bild) ist 21 und hält sich mit den Körperübungen beweglich und fit.

Nicoline Wiermann ist Polizistin und Freizeitreiterin. Ihre Isländer Assa (Braune) und Draengur (windfarben) sind 18 und sechs Jahre alt. Nicoline erarbeitet den Squat und Gehorsam. Übungen wie die Aufstieghilfe findet sie im Alltag besonders nützlich.

Silke Schwaiger ist Physiotherapeutin und reitet seit ihrer Kindheit. Silke und der elfjährige Skári vom Kreiswald sind seit sechs Jahren ein eingeschweißtes Team. Durch geduldiges Training lernte er, Silkes speziellen Anforderungen gerecht zu werden, denn Silke sitzt im Rollstuhl. Beide lieben Bodenarbeit und flotte Ausritte im Odenwald.

Hündin Quitte ist neun und ein sportlicher Mops-Mix. Um bestimmte Trainingssituationen zu erklären, ist ein Hund sehr hilfreich, nämlich immer dann, wenn ein Pferd nicht aufs Bild passt. Außerdem ist die Mimik von Hunden für Menschen besonders leicht zu lesen.

Prof. Dr. Helen Louton ist Tierärztin und reitet schwerpunktmäßig in der Arbeitsweise Working Equitation. PRE Stute Tona ist neun und wird in der Dressur- und Trailarbeit ausgebildet. Besonders gern wenden beide das Okapi-Training® für den Squat, an der Aufstieghilfe und in der Zirzensik an. Ob Hund, ob Pferd, ob Frosch oder Okapi – sie alle lassen sich mit Belohnung trainieren.

Musikvermittlerin und Trainerin Gwendolyn Schubert und das sechsjährige Deutsche Part Bred Shetland Pony Pünktchen sind seit vier Jahren ein eingespieltes Team. Wippen, Zirzensik und Medical Training sind Pünktchens Spezialgebiete.

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Jasmin und Martin

WIE IST DAS SO, TRAINIERT ZU WERDEN?

Jasmin und Martin (links), Sandra und Matthias (rechts) stehen uns als menschliche „Versuchskaninchen“ zur Seite. Sie zeigen einzelne Trainingsschritte oder machen Trockenübungen für uns. Jasmin und Martin sind komplette Trainingsneulinge und beschreiben für uns, wie sich belohnungsbasiertes Training anfühlt. Ganz unvoreingenommen haben alle vier für uns Trainingsschritte „nachgeturnt“, mit hochinteressantem Ergebnis.

FUCHSI, DAS BUCHPFERD

Kennst du das? Du kaufst ein Buch und möchtest deinem Pferd die darin gezeigten Lektionen auch beibringen, findest jedoch den Anfang nicht? Oder, noch schlimmer: Das Warum und das Wie bleiben Betriebsgeheimnis? Der Autor hat scheinbar ein „Beibring-Gen“, das du nicht hast? Die Pferde im Buch haben womöglich spezielle Eignung oder sind leichter trainierbar als dein eigenes Pferd? Unsinn! Jedes gesunde Pferd kann alles lernen.

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Sandra und Matthias

Das wollen wir anhand von Fuchsi beweisen. Extra für dieses Buch steht sie uns zur Verfügung. Zu Beginn ist der elfjährigen Quarter-Horse-Stute das Okapi-Training® völlig unbekannt. Fuchsis Training begann, während dieses Buch geschrieben wurde, um unterwegs sowohl Fehler, als auch ihren Erfolg und ihre Entwicklung zu zeigen. Sie ist freundlich und zugewandt, aber schreckhaft. Nach einer Western-Vorgeschichte schult sie derzeit um auf Klassische Dressur. Zu Beginn beschränkte sich ihr Repertoire auf Schritt, Trab, Galopp in der Reithalle. Fuchsi ist das „Pferd von nebenan“, und wurde ausgewählt, weil sie, wie es scheint, das ungeeignetste Pferd von allen war: Fuchsis Besitzer sagte, sie sei „eine liebe, aber wenig lernfähige Stute mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Eintagsfliege“. Mit der Kamera verfolgten wir ihren Trainingsverlauf ab Tag eins. „Wenn es mit ihr geht“, fanden wir, „dann geht es wirklich mit jedem Pferd!“

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Fuchsi

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Unser Draht zum Pferd

Was möchtest du mit deinem Pferd erreichen? Hinlegen, Schulhalt, endlich mal entspannt aufs Pferd aufsteigen? Mit der richtigen Trainingsstrategie klappt alles – ganz einfacher Lernerfolg, Schritt für Schritt.

Was wünschst du dir, wenn du mit deinem Pferd arbeitest?

„Ich wünsche mir körperliche Fitness für mein Pferd, aber ich will es nicht zur Arbeit zwingen.“ „Mein Pferd soll während unserer Zusammenarbeit richtig Spaß haben!“

„Eine Verbindung zwischen uns, bei der einer den anderen wirklich versteht – das wäre großartig!“ Nun, das ist möglich! Das Okapi-Training® schlägt eine Brücke zwischen euch und respektiert das Tierwohl deines Partners. Gemeinsam Spaß haben, auch bei Lektionen auf höchstem Niveau.

VIER WEGE INS GEHIRN DES PFERDES

Gutes Pferdetraining berücksichtigt immer die körperlichen und mentalen Eigenschaften des Pferdes. Ein toller Trainer ist jemand, der zügig merkt, ob seine Strategie funktioniert oder nicht, und sie schnell anpasst und der jederzeit Rücksicht auf das Pferd nimmt. Ab jetzt wirst du dieser Trainer sein. Wenn wir Pferde ausbilden, tun wir dabei im Grunde genommen ständig zwei Dinge: Wir bringen dem Pferd bei, eine Sache mehr bzw. häufiger zu tun oder aber weniger bzw. seltener. Dafür stehen uns insgesamt vier Methoden zur Verfügung: Wir können dem Pferd etwas geben, das angenehm ist, oder unangenehm. Oder wir entziehen etwas Angenehmes oder etwas Unangenehmes. Alles, was wir mit einem anderen Lebewesen trainieren, lässt sich auf diese vier Elemente reduzieren. Wirklich alles. Das Angenehme kann Futter sein, Aufmerksamkeit, Sozialkontakt, Freizeit etc.

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Vier Wege ins Gehirn des Pferdes

Ändert ein Pferd sein Verhalten absichtlich, um etwas zu bekommen oder zu vermeiden, wird dies operante Konditionierung [1]1 genannt. Darauf gehen wir später noch näher ein.

ETWAS HÄUFIGER ODER MEHR TUN: POSITIVE VERSTÄRKUNG

Wird ein Pferd darauf trainiert, etwas stärker oder öfter zu tun, sagt man Verstärkung dazu. Setzen wir dabei z. B. Futter ein, das unser Pferd haben möchte, ist dies eine positive Verstärkung. „Positiv“ sagt man deshalb, weil etwas hinzugegeben wird. Wenn dein Pferd beim Satteln länger stillsteht und du es dafür mit Futter belohnst, ist das positive Verstärkung.

Positive Verstärkung kommt auch im Menschenalltag dauernd vor, ohne dass wir es so richtig mitkriegen. Stell dir vor, du planst etwas und unterhältst dich mit einem Freund darüber:

„Weißt du, was ich nachher mache?“ –

„Nein, was?“

„Also, Folgendes …“

Du hättest auch einfach sofort erzählen können, was du vorhast. Stattdessen holst du dir eine Verstärkung ab, nämlich das Interesse deines Freundes. Du erzeugst Neugier bei deinem Gegenüber, das fühlt sich gut an. Interesse oder Aufmerksamkeit von Mitmenschen, die einen motivieren, nennt man soziale Verstärker2 [2].

Pferden geben wir natürlich mehr als nur Aufmerksamkeit. Wir geben ihnen etwas, das sie sehr gern haben wollen, nämlich Futter. Mit positiver Verstärkung werden Pferde schon viel länger trainiert, als man denkt. Bereits 1593 wurde „Marocco, das tanzende Pferd“ erstmalig schriftlich erwähnt. Das kleine Wunderpferd konnte Geld zählen, bestimmte Personen im Publikum finden und vor diesen niederknien und erklomm sogar den Turm der Old St Paul’s Cathedral. Mr. Banks, Maroccos Besitzer, lenkte sein Pferd mithilfe dezenter Minisignale zur gewünschten Person in der Menge [2]. Historische Aufzeichnungen von 1607 beschreiben die Ausbildung von Marocco.

Techniken wie Belohnung durch Futter, verschiedene Arten der operanten Konditionierung, Target und Signalkontrolle kamen bei Maroccos Training zum Einsatz, alles Methoden, die heute noch angewendet werden. Auf diese Begriffe gehen wir später genauer ein.

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Klein anfangen, schaffbar planen:
Fuchsis erster Trainingstag. Sie lernt, ein Hütchen zu berühren. Click!

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APOPO HeroRAT Zac auf der Suche nach Landminen.

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Wer die HeroRATs unterstützen will, kann dies tun unter: https://www.apopo.org/en/adopt © APOPO

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Trainierte Riesen-Hamsterratte Julius bei der Detektion von Tuberkulose.

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Marocco und Mr. Banks (aus: Rimbauld (Hrsg.): Maroccus Extaticus or Bankes bay horse in a trance.) (Foto: gemeinfrei)

Positive Verstärkung ist ein Quell der Möglichkeiten, wenn man weiß, wie man sie nutzt. Schau dir Silke und Skári an: Ihre gemeinsame Arbeit kommt ohne Zwänge aus (Abb. hier unten und auf S. 19). Der Elfjährige ist ein hervorragendes Geländepferd und trägt Silke, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, überall hin. Belohnungsbasiert kann man Tieren praktisch alles beibringen. Nicht nur Diensthunde werden ebenfalls mit positiver Verstärkung ausgebildet. Unglaubliches leistet auch eine ganz andere Tierart: Die Gambia-Riesenhamsterratte (Abb. Seite 17 rechts oben und unten). Diese Nager können Landminen aufspüren und Tuberkulose in Laborproben identifizieren, beides vielfach schneller als der Mensch. Über 100.000 Landminen wurden mithilfe der sogenannten APOPO HeroRATs sicher entschärft. 14.000 Tuberkulosefälle, die bei Labortests durchgerutscht waren, wurden durch die Helden-Ratten gefunden [3]. Ihre Trainingsmethode: positive Verstärkung. Spürt die Hamsterratte die korrekte Geruchsprobe (TNT oder Tuberkulose-Bakterien) auf, wird sie mit Futter belohnt [4]. Belohnungsbasiertes Training ist effektiv und dauerhaft, auch bei Pferden, die Menschen helfen. 2001 trainierte Alexandra Kurland, Vorreiterin des Clickertrainings mit Pferden, ein Miniature Horse zum Blindenführpony. Der Vorteil: Ponys haben eine dreimal so hohe Lebenserwartung wie Blindenhunde. Die Stute Panda (Abb. hier rechts) ersetzt Ann, ihrer Besitzerin, bis zum heutigen Tag die Augen [5]. Panda kann alles, was ein Blindenhund kann, zeigt Stufen, Türen und Straßenkreuzungen an und lotst ihre blinde Besitzerin sicher durch die Stadt [6].

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Silke lotst Skári frei ins Kompliment.

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Silke hat Skári nach dem Anreiten zwanglos selbst ausgebildet.

Welche Effekte hat positive Verstärkung?

• Schnellerer Lernerfolg, der besser hängen bleibt. Wenn du mehr von deinem Pferd willst als bloßes Ausweichen, geht das Training mit positiver Verstärkung schneller und dein Pferd lernt nachhaltiger [7] als mit Druck. Eine Studie verglich Ponys, die durch Drohgebärden oder Belohnung [7] trainiert wurden. Die Belohnungsgruppe verstand die Übung viel schneller. In der Drohgebärdegruppe gab es einzelne Pferde, die die richtige Reaktion überhaupt nicht erlernten. Und wieso? Weil Stress das Lernen blockiert. Übrigens: Was Pferde positiv verstärkt erlernen, vergessen sie nicht mehr, auch nicht nach Jahren [8].

• Freude beim Pferd. Arbeit mit Belohnung ist die einzige Trainingsmethode, die echte Freude hervorruft [9]. Es gibt nichts Schöneres, als ein Pferd, das während der gemeinsamen Arbeit Glück ausstrahlt oder in der Lektion sogar freudig brummelt.

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Blinden-Pony Panda führt Ann sicher durch eine Baustelle. © A.Kurland

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In jedem Pferd steckt Großartiges. Hilf ihm, es zu herauszulassen – Indem du Verstärker richtig nutzt.

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Es darf Spaß machen! Nicoline und Assa üben an der Aufstieghilfe.

• Freude beim Trainer. Wer sich auf Belohnungsbasiertes Training einlässt, merkt schnell: Das macht Spaß. Die positive Emotion begünstigt den Lernfortschritt von Pferd und Mensch, sodass sich schnell Erfolge einstellen.

• Positiver emotionaler Status und Motivation. Training anhand von Belohnung führt dazu, dass dein Pferd gern mit dir zusammen ist [7], statt nur auf Befehle zu warten. Mit positiver Verstärkung trainierte Pferde sind nachweislich motivierter [10]. Körperhaltung und Ohrenspiel zeigen die positive Einstellung [11]. Eine Studie verglich das Verladen von Jungpferden unter Belohnung oder unter Zwang: Eine Gruppe bekam Futter, die andere Druck mittels Peitsche. Die Futtergruppe zeigte schon beim ersten Verladeversuch mehr neugieriges Interesse am Anhänger. Die Peitschengruppe trat bereits innerhalb einer Minute häufiger zur Seite oder nach hinten [12]. Der Trainer mit der Peitsche brauchte gar nur eine Minute, um eine „Anti-Anhänger-Einstellung“ beim Pferd zu erzeugen. Manchmal reicht also eine einzige traumatisierende Erfahrung aus, um bei Pferden eine dauerhafte Aversion zu wecken [13].

• Aufbau einer echten Bindung. Zwei Lebewesen, die eine Verbindung haben, wollen in der Nähe des anderen sein. Wer echte Freundschaft sucht, ist hier richtig: Mit Belohnung trainierte Pferde suchen wesentlich stärker den Kontakt zum Trainer [11, 14].

• Kontrollierbares Reha-Training. Bei der Arbeit ohne Zwang reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, über den Schmerz hinaus zu arbeiten. Bei belohnungsbasiertem Training lernt der Mensch, sein Pferd besser zu lesen – und einzuschätzen, bis wohin er mit seinem Pferd gehen kann.

• Kenntnisse erforderlich. Die Arbeit mit positiver Verstärkung erfordert etwas Selbstdisziplin und Grundwissen. Die Aussicht auf Belohnung kann, zu Anfang, beim Pferd so viel Vorfreude erzeugen, dass es versuchen könnte, in der Tasche zu wühlen. Keine Sorge: Deswegen starten wir zuallererst mit dem Höflichkeitstraining.

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Keine Angst vor Futterbelohnung! Höflichkeit ist trainierbar.

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Du erinnerst dich: Fuchsi galt als lernschwach. Nach zehn gemeinsamen Monaten bastelt sie hier am Terre-à-terre.

Und: Pferdetraining jeglicher Art funktioniert nur dann, wenn der Mensch verständlich (und pünktlich!) Feedback gibt, damit das Pferd weiß, was es machen soll. Wie das geht? Zeigen wir dir!

• Völlig neue Kommunikation. Wenn du positive Verstärkung lernst, vergrößert sich dein Wissen über das Lernverhalten des Pferdes immens. Ganz einfach deswegen, weil diese nur funktioniert, wenn du deinem Pferd mitteilst, was das Ziel ist. Dadurch verbessert sich die Übermittlung von Informationen zwischen beiden Spezies. Weg von: „Verstehst du mich, oder soll ich lauter schreien?“, hin zu: „Wir kommunizieren miteinander“. Wir gestatten unseren Pferden, sich zu entfalten und auszudrücken.

Abgesehen von fantastischen Lektionen ist dies das Beste an belohnungsbasiertem Training: Unsere Pferde entwickeln mit der Zeit eine eigene Sprache für uns. Weil wir sie endlich hören.

• Kreative Arbeit. Pferde, die mit positiver Verstärkung lernen, zeigen mehr Trial-and-Error-Verhalten („Versuch und Irrtum“) [10], probieren also mehr aus. Das Pferd bringt sich kreativ in die Zusammenarbeit ein, statt nur aufs Ausweichen zu warten. Auch der Mensch wird kreativer. Je tiefer du in die Materie eintauchst, desto häufiger wirst du neue Wege finden, eine Lektion beizubringen.

ETWAS HÄUFIGER ODER MEHR TUN: NEGATIVE VERSTÄRKUNG

Eine andere Methode, ein Pferd dazu zu bringen, etwas zu tun, ist ein unangenehmer Reiz, dem das Pferd mit seiner Reaktion entgehen möchte. Dies nennt sich negative Verstärkung. „Negativ“, weil etwas weggenommen wird, zum Beispiel Druck. Eine unangenehme Empfindung durch Einwirkung auf das Gewebe also. Das Pferd reagiert, der Druck geht weg. Wer einem Jungpferd die Schenkelhilfen beibringt, bekommt eine Reaktion, wenn er die Fersen in die Seiten drückt. Das Pferd läuft los, der Reiter entfernt den Druck. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Pferd bei der nächsten Bewegung der Fersen wieder losgeht, wird dadurch größer [15].

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„Ich kann das alleine!“ – Wir formen Lektionen Schritt für Schritt. Der Körper bekommt ausdrücklich Zeit, dem Geist zu folgen.

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Werfen: Diese Übung kann mit Zwang nicht trainiert werden.

Ganz recht, diese Form der Pferdeausbildung ist auch heute noch weitgehend Standard [16]. Auch wenn es gern als „Verbindungsstück“ zwischen Mensch und Pferd bezeichnet wird, ist auch das Gebiss stets eine negative Verstärkung [17]. Für ein erfolgreiches Pferdetraining ist es wichtig, unser Tun ehrlich zu benennen und die Art, mit der wir auf das Pferd einwirken, korrekt einzuordnen. Ganz gleich, wie weich meine Hand auch ist: Das Gebiss bleibt ein hartes Objekt auf Zunge und Zahnfleisch meines Pferdes, das mehr oder weniger starken Druck auf Zunge, Unterkiefer oder die Haut der Maulwinkel ausübt (Abb. S. 26 oben). Pferde sind grundsätzlich sensibel gegenüber unbequemen Stimuli und weichen schnell aus [19]. Unannehmlichkeiten im Pferdetraining haben jedoch den Effekt, dass sich auch die innere Einstellung des Pferdes verändert. Je nachdem, wie unangenehm etwas ist, wird das Verlangen, der Situation zu entkommen, immer größer, und die Wahrscheinlichkeit, dass das Tier eine Lektion lernt wie gewünscht, wird immer kleiner [20].

Welche Wirkung hat negative Verstärkung?

• Schnelle Reaktion. Sie ist der Grund dafür, dass fast alle Reiter auf der ganzen Welt so arbeiten: Unangenehmes tun – das Pferd weicht aus – Unangenehmes fällt weg – Vorgang abgeschlossen. Wenn nur die Bewegung im Vordergrund steht, hat Druck (z. B. das Pferd wegtreiben) oftmals eine schnelle Wirkung. Betrachten wir das Longieren: Um hier rein mit positiver Verstärkung zu arbeiten, könnte man z. B. einen Kreis aus Hütchen aufbauen und das Pferd belohnen, wenn es um diesen herumgeht. Verglichen mit der gängigen Methode (Pferd nach außen treiben) ist dies durchaus zeitaufwendiger, dafür ist der Lerneffekt auch größer (Abb. S. 26 unten).

Auch beim Einsatz negativer Verstärkung muss man wissen, was man tut. Ob das immer der Fall ist, sei dahingestellt: Eine Befragung von 350 Reitern konnte zeigen, dass nur rund ein Viertel der Teilnehmer ein klares Verständnis davon hatte, wann Pferde ausweichen und wie man Druck korrekt dosiert einsetzt [21]. „Das kann doch nicht sein“, dachte ich, und befragte daraufhin 50 zufällig ausgewählte Pferdebesitzer. Es zeigte sich, dass den meisten gar nicht bewusst ist, wie viel ihrer Einwirkung tatsächlich aus unangenehmen Reizen besteht, und dass oftmals Impulse, die deswegen wirken, weil sie dem Pferd unangenehm sind, beschönigt werden (z. B. wird „Touchieren“ gesagt statt „Gerte einsetzen“). Ich roch Lunte und befragte 30 mit mir befreundete Tierärzte, die, berufsbedingt, ständigen Pferdekontakt haben und privat ebenfalls reiten. Weniger als die Hälfte konnte negative Verstärkung und positive Strafe korrekt erläutern, obwohl keiner von ihnen mit Belohnung arbeitete.

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Kein Kappzaum. Keine Gerte. Piaffe, ohne Druck, nur mit Halfter, auf Stimmzeichen – und das Pferd zeigt ein Spielgesicht! Wie das genau geht, findest du Step-by-Step im Übungsteil.

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Zügel- und Schenkelhilfen sind für das Pferd unangenehme Reize. Wären sie dem Pferd egal, hätten sie keine Wirkung: Das Pferd würde nicht weiterlaufen oder abwenden.

• Keine Eigeninitiative. Pferde, die nur das Ausweichen kennen, probieren irgendwann nichts mehr aus. Je nach Anspruch an das Pferd ist dieser Zustand vielleicht sogar gewollt. Die Zusammenarbeit wird dabei jedoch unkreativ. Der Reiter könnte annehmen, sein Pferd sei dumm, weil es nichts mehr anbietet [22], oder desinteressiert, dabei ist diese Passivität antrainiert.

• Erzeugung von Stress oder Meiden des Trainers. In manchen Vergleichsuntersuchungen schien die negative Verstärkung die Pferde kaum zu stören [23], in anderen führte sie dazu, dass die Pferde Angst bekamen und der Trainer gemieden wurde [7]. Ein Vergleich zweier Gruppen von Stuten in einer einfachen Trail-Aufgabe zeigte, dass mit Druck trainierte Pferde eine verspannte, abwartende Haltung gegenüber dem Trainer einnahmen und regelmäßig die Ohren anlegten. Mit Belohnung trainierte Pferde zeigten sich bei den gleichen Aufgaben freundlich motiviert und suchten viel mehr Kontakt zum Trainer [11].

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„Longieren“ ohne unangenehme Reize: Pünktchen folgt dem Bällchen am Stick.

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Kernstärke – So richtig interessant wird das Training, wenn wir Lektionen formen, die man mit Zwang gar nicht erreichen kann. Pünktchen im isometrischen Squat.

• Mögliches Übersehen von Problemen. Auf Druck basierende Arbeit kann dazu führen, dass der Mensch die körperliche oder mentale Ermüdung des Pferdes übersieht, weil das Pferd sozusagen das kleinere Übel wählt und lieber gehorcht, „… oder sonst …!“. Negative Verstärkung hat das Potenzial, Stress zu überlagern und das Wohlbefinden des Pferdes zu stören [10].

• Exaktheit erforderlich. Der Mensch verpasst gerne mal den Moment, in dem er den Druck nachlassen muss [21]. Jedes Pferd mit kahlen Stellen an den Seiten hat einen Reiter, dem für das Prinzip der negativen Verstärkung das Bewusstsein fehlt. Solch ein Reiter drückt aus Gewohnheit weiter mit dem Bein, obwohl das Pferd bereits läuft. Aus der negativen Verstärkung wird …

• … Strafe. Lässt der Reiter den Druck nicht nach, wird das Pferd über kurz oder lang die gewünschte Sache seltener tun, statt häufiger [24]. Viele Abwehrreaktionen nehmen hier ihren Anfang. Der gefährlichste Effekt dauernder Strafe ist Aggression gegen den Menschen [9]. Suboptimales Timing im Nachgeben von Druck ist der Grund für die meisten Konflikte zwischen Reiter und Pferd [25]. Ständige Strafe hemmt den Lernfortschritt des Pferdes und schädigt die Beziehung zwischen Mensch und Pferd, daher raten Experten dazu, sie zu vermeiden [26].

• Einseitigkeit. Beim Pferdebesitzer führt ausschließliches Training mit negativer Verstärkung zu einer gewissen Starre, sodass er gar nicht in der Lage ist, zu erkennen, ob oder wann ein Tier bei der Zusammenarbeit Freude empfindet [27]. Die Art und Weise, in der Pferde trainiert werden, hat Langzeitauswirkungen [7]: Zwei Gruppen von Ponys lernten das Rückwärtsgehen, eine mit Karottenpellets, die andere durch Wedeln mit der Gerte. Nach bereits drei kleinen Übungseinheiten von wenigen Minuten bekamen die negativ verstärkten Ponys Herzklopfen und zeigten Stress und Abwehrreaktionen. Die Pelletsgruppe zeigte beides nicht. Nur fünf Übungseinheiten führten dazu, dass die Gertengruppe den Trainer mied und sich misstrauisch verhielt. Die Pelletsgruppe suchte während und nach dem Training Kontakt zu den Trainern.

Besonders interessant: Bei einem Wiedersehen nach fünf Monaten waren die Effekte noch da. Auch kurze Trainingsintervalle beeinflussen also die Bindung zum Menschen stark. Was wir Unangenehmes tun, bleibt dem Pferd unangenehm in Erinnerung – na klar!

Meinem Pferd macht Druck bestimmt nichts aus!

Bezüglich unangenehmer Reize wie Schenkeldruck oder Zügelzug hört man häufig Gegenargumente wie dieses: „Das bisschen. Das stört meinen Alfie nicht.“ Hier hilft ein sachlicher Blick auf den Effekt, den der unangenehme Reiz hat: Würde Alfie der Schenkeldruck „nichts ausmachen“, würde er nicht daraufhin sein Verhalten ändern, z. B. schneller laufen oder sich biegen. Ein Pferd, dem ein Reiz egal ist, reagiert auch nicht. So einfach ist das. Wenn wir mit negativer Verstärkung arbeiten, müssen wir deren Effekte verantworten.

Darf ich positive und negative Verstärkung kombinieren?

Trainierst du eine Lektion mittels positiver Verstärkung, solltest du auf negative Verstärkung verzichten. Arbeitet man mit Belohnung und fügt unangenehme Reize hinzu, sinkt die Motivation. In der Wissenschaft spricht man von „vergifteter Hilfengebung“ [34]. Derart trainierte Tiere werden unsicher und zögern mehr [35]. Die freiwillige Mitarbeit wird immer stärker gehemmt, der Lernprozess wird gebremst.

Das Hinzufügen unangenehmer Reize ins Belohnungstraining macht den Lernprozess keinesfalls schneller, im Gegenteil! Die Wissenschaft zeigt: „Zuckerbrot und Peitsche“ ist lernhemmend.

Erst mit der Gerte auf die Pferdebrust zu pitschen, und später das Pferd für das Rückwärtsgehen mit Futter zu belohnen, führt dazu, dass das Pferd das Vertrauen in den Trainer verliert. Damit das Pferd ohne Vorbehalte lernen kann, wählen wir lieber ein weniger unangenehmes Zeichen, z. B. den Finger sanft gegen die Pferdebrust drücken. Wir wollen bewusst darauf achten, so viel wie möglich mit angenehmen oder für das Pferd akzeptablen Reizen auszukommen. Auch versehentliches Strafen, wie z. B. ein Rucken am Halfter, sollte vermieden werden. Das gilt auch, wenn wir unter Stress stehen, uns beobachtet oder geprüft fühlen oder in Eile sind: Unangenehme Einwirkung auf das Pferd wirft uns im Training zurück. Negative Verstärkung durch positive zu ersetzen, ist aber jederzeit möglich. Dies erhöht das Wohlbefinden während der Arbeit [19]. Ein Beispiel: Rosalie frischt ihre Führ-Übungen auf. Früher hat sie hauptsächlich am Strick gezogen, um Alfie anzuhalten. Jetzt clickt sie und belohnt ein gutes Anhalten, wenn Alfie aufgrund ihrer Körpersprache bremst. Sie hat unangenehme durch angenehme Reize ersetzt. Du siehst: Für belohnungsbasiertes Training musst du nicht dein Leben ändern. Aber du kannst es dadurch verbessern.

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Wir respektieren die Emotionen des Pferdes. Das Pferd hat die Wahl, ob es mitarbeiten möchte. Du wirst sehen: Sobald es die Wahl hat, sagt es immer häufiger: JA!.

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„Ich zeige dir, wie stark ich bin!“ Fuchsi im isometrischen Squat.

ETWAS WENIGER TUN ODER GANZ UNTERLASSEN: STRAFE

Trainiert man so, dass ein Verhalten weniger oder gar nicht mehr auftritt, nennt man dies Strafe. So harsch das Wort auch klingt, es ist der Fachbegriff für das Wenigerwerden eines Verhaltens. Auch bei der Strafe gibt es zwei Arten. Wir können, einerseits, ein Verhalten beenden bzw. reduzieren, indem wir positive Strafe [9] einsetzen. „Positiv“ sagt man deshalb, weil etwas (Achtung!) Unangenehmes hinzugefügt wird, z. B. ein Klaps. Der Begriff verwirrt, denn er klingt nach etwas Nettem, obwohl er das nicht ist. Eine zweite Möglichkeit, ein Pferd dazu zu bringen, ein Verhalten zu beenden, ist die negative Strafe.„Negativ“ deswegen, weil hierbei etwas weggenommen wird, das das Pferd gern mag, z.B. bekommt das Pferd eine erwartete Belohnung nicht. Der Begriff klingt sehr unangenehm, doch im Gegensatz zur positiven Strafe (z. B. Klaps) empfindet das Pferd hierbei keine Angst oder Schmerz. Es ist enttäuscht bis gefrustet, weil die Belohnung ausbleibt. Ob bewusst oder unbewusst: Wer mit Belohnung trainiert, setzt auch negative Strafe ein. Nämlich immer dann, wenn er eine Belohnung zurückhält, weil das Ziel noch nicht erreicht ist [36].

Aufgrund des Frusts wollen wir jedoch versuchen, auch das Maß an negativer Strafe gering zu halten. Ob man positive Strafe (Unangenehmes hinzufügen) in der Arbeit mit dem Pferd wirklich braucht, ist diskutierbar. Wird ein Pferd beim Warten an einer Straße aufgeregt und versucht, sich loszureißen, ist es wichtig, ihm das rasch zu verbieten. So mancher mag hier am Halfter rucken. Zum Glück braucht man, wenn man sein Pferd gründlich und exakt mit Belohnung trainiert, nur äußerst selten positive Strafe, da das Pferd extrem aufmerksam wird und dann z. B. ein Stehsignal gut durchkommt. Wird ein Pferd physisch bestraft, muss es verstehen können, wofür eigentlich, sonst ist kein Lerneffekt zu erwarten. Im alltäglichen Training hat ständige Strafe keinen Platz, da sie Furcht erzeugt und das Lernen blockiert.

Wie wirkt positive Strafe?

Im günstigsten Fall beeindruckt das Pferd die positive Strafe (Unangenehmes hinzufügen) so stark, dass es sein Verhalten abbricht. Oder aber man erhält:

• Kaum langfristige Wirksamkeit. Unerwünschtes Verhalten wird zwar zeitweise unterdrückt, aber nicht abtrainiert [37].

• Angstreaktionen. Sie können sich schnell etablieren, und man bekommt sie schwer wieder heraus [38].

• Ein introvertiertes Pferd. Ein Pferd, das ständig Angst hat, ist nicht kreativ. Vielleicht kennst du selbst solche Pferde. Sie noch einmal „hinter dem Ofen hervorzulocken“, ist häufig schwierig.

• Latente Aggression [39] oder negative Assoziation mit dem Menschen. In dem Fall kann man nicht mehr effektiv mit dem Pferd arbeiten [9].

• „Über die Uhr drehen“. Manche Elemente des Pferdesports werden systematisch unter Strafe eingeübt. Ein Beispiel ist der Sliding Stop in der Westerndisziplin Reining. Das Manöver wird häufig anhand eines sich wiederholenden Wechselspiels von negativer Verstärkung und positiver Strafe trainiert [40]. Ein solches Vorgehen kommt auch in anderen Reitsportdisziplinen zur Anwendung. Besitzer und Trainer müssen dies verantworten. In jeder Reitsportdisziplin werden, auch heute noch, im Wettbewerb Strafmittel toleriert: Wo vermeintliche Erfordernisse des Reitsports die Reitkunst übersteigen, kommen Ausbinder, Hebel und Knebel zum Einsatz. Diese zwingen das Pferd zur „Annahme der Hilfen“. Es herrscht ein beklagenswerter Erfindungsreichtum, oft gepaart mit Unkenntnis der Anwendung, was die Installation von Zwangsmitteln angeht, die das Pferd strafen, wenn es der Zügelhilfe nicht nachkommen will oder kann (Abb. unten).

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Viel braucht es nicht für gutes Training: einen Plan, genaue Selbstbeobachtung und ein paar Karotten – Pünktchen hebt ab.

• Negative Einstellung zum Pferd. Auf den Menschen wirkt die Strafe ebenfalls: Straft er ein Pferd und dies unterbricht sein Verhalten, ist das für den Menschen ein kurzfristiger Erfolg. Er fühlt sich dadurch wirksam und mächtig. Dieses Gefühl verstärkt sein Tun [20]. Deshalb wendet er seine Technik häufiger an, ohne zu reflektieren, ob ihn das Ganze langfristig seinem Ziel näherbringt. Schlimmstenfalls sieht er sein Pferd nur noch dann als brav, wenn es gerade nicht bestraft werden muss, und beginnt, darauf zu lauern, dass das Pferd den nächsten Fehler begeht [41]. Unbewusst „vererben“ solche Pferdebesitzer diese Gefühlswelt an die nächste Generation. Durch übermäßige Strafe machen viele Pferde komplett „dicht“ und reagieren einfach gar nicht mehr. Das nennt man erlernte Hilflosigkeit [42]: „Nichts, was du tust, kann die Situation ändern.“ Eine Umfrage unter 900 kanadischen Pferdebegeisterten zeigte, dass zwar fast jedem klar war, dass Pferde Schmerz empfinden – dass dieser Schmerz die Ursache für Konfliktverhalten sein könnte, war jedoch den Wenigsten bewusst [43].

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Ausbinder sind Strafmittel, sie reduzieren das Verhalten „Kopf hochnehmen“.

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Übernommene negative Attitüde gegenüber dem Pferd.

Ist Maßregelung Erziehung?

Erziehung bedeutet, auf die Entwicklung und auf das Verhalten von jemandem Einfluss zu nehmen. Das kann auf vielerlei Art geschehen. Ein gut erzogenes Pferd kann viel mehr, als bei Strafe ein Verhalten abzubrechen. Es hält Abstand zu dir. Es kann stillstehen, schubst nicht und wühlt nicht in deinen Taschen. All dies lässt sich mit belohnungsbasiertem Training dauerhaft festigen.

Jetzt kennst du vier Methoden, um ein Verhalten zu verstärken oder zu verringern: Etwas Angenehmes oder etwas Unangenehmes, Hinzufügen oder Wegnehmen. Alle vier Möglichkeiten sind Varianten der operanten Konditionierung.

Wir wenden hauptsächlich positive Verstärkung an. Fortan sagen wir einfach „Bestärken” dazu.

Positive Verstärkung

Es wird etwas hinzugefügt, das angenehm ist.

image Das Pferd empfindet Freude.

image Das Verhalten wird häufiger.

Beispiel: Dein Pferd betritt die Anhängerklappe. Du gibst ihm Futter. Mit der Zeit wird es die Klappe schneller betreten.

Positive Strafe

Es wird etwas hinzugefügt, das unangenehm ist.

image Das Pferd empfindet Stress, Schmerz oder Angst.

image Das Verhalten wird seltener.

Beispiel: Beim Führen wird das Pferd zu schnell. Der Besitzer ruckt am Halfter. Erneutes Beschleunigen wird weniger wahrscheinlich.

Negative Verstärkung

Es wird etwas entfernt, das unangenehm ist.

image Das Pferd empfindet Erleichterung, wenn der unangenehme Reiz verschwindet.

image Das Verhalten wird häufiger.

Beispiel: Nach dem Losgehen wird der Schenkeldruck nachgelassen. Das Nachlassen ist Erleichterung für das Pferd. Mit der Zeit wird auf Schenkeldruck das Pferd schneller losgehen.

Negative Strafe

Es wird etwas entfernt, das angenehm ist.

image Das Pferd empfindet Frust.

image Das Verhalten wird seltener.

Beispiel: Beim Striegeln des Halses erwidert das Pferd die Fellpflege, seine Zähne auf deinem Rücken tun aber weh. Du hörst auf, zu striegeln. Dass das Pferd wieder Fellpflege anbietet, wird weniger wahrscheinlich.

Auch die negative Strafe kommt vor. Nämlich immer dann, wenn eine Belohnung noch zurückgehalten wird.

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Solltest du planen, die Übungen statt mit Belohnung durch Druck zu trainieren oder Belohnung nur sporadisch einzusetzen: Tu’s nicht. Beim Okapi-Training® kann das Pferd sich völlig sicher fühlen. Wenn wir manchmal belohnen und manchmal Unangenehmes tun, handeln wir unfair und das Training stagniert. Entweder bist du dabei – oder nicht.

EMPOWERMENT FÜR DEIN PFERD

Großartige Bewegungen freiwillig trainieren – das ist unser Mantra.