Über das Buch

Der Zauber der germanischen Sagen.

Woher stammen die Zwerge und Riesen, Walküren und Hexen, die unsere Kindermärchen bevölkern? Was hat Frau Holle mit dem alten Barbarossa im Kyffhäuser zu tun, und wer ist eigentlich der Klabautermann?
Paul Herrmann erzählt von Zauberei, Göttern und Naturgeistern ebenso wie vom Ursprung des Seelenglaubens der Germanen und eröffnet einen Blick auf eine faszinierende, vergessene Welt.

Eintauchen in die vielschichtige Welt der germanischen Mythen

Über Paul Herrmann

Paul Herrmann wurde 1866 in Burg bei Magdeburg geboren. Er studierte an der Universität Straßburg Deutsche Altertumskunde und Alte Sprachen. Zwischen 1904 und 1914 unternahm er mit Unterstützung des Preußischen Unterrichtsministeriums drei Studienreisen nach Island, die vor allem der Erforschung der Kultur- und Sprachgeschichte des Insellandes dienten. 1931 wurde Herrmann zum Mitbegründer der »Vereinigung der Islandfreunde«. Im Ergebnis jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem deutschen Altertum, dem Studium der Mythologie und Sagengeschichte der germanischen Völker sowie der altnordischen Sprache und Literatur veröffentlichte er zwischen 1898 und 1929 eine große Anzahl Bücher zur deutschen und nordischen Mythologie sowie Übersetzungen altnordischer Texte. Für seine Forschungen erhielt Paul Herrmann einen Preis der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Er starb 1930 in Torgau.

Im Aufbau Taschenbuch liegen von ihm vor: »Vom Anfang und Ende der Welt. Deutsche Mythologie« und »Von der Finsternis ins Licht. Nordische Mythologie«.

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Paul Herrmann

Vom Anfang und Ende der Welt

Deutsche Mythologie

Herausgegeben von Thomas Jung

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Vorwort

Einleitung

I Der Seelenglaube

1. Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut

2. Die Seele in Tiergestalt

3. Die Seele in Menschengestalt

4. Der Aufenthaltsort der Seelen

5. Der Seelenkult

6. Zauberei und Hexerei

7. Der Maren- oder Alpglaube

8. Schicksalsgeister

9. Der Mütter- und Matronenkult

II Die Naturverehrung

Die elfischen Geister

1. Elfen und Wichte

2. Zwerge

3. Hausgeister

4. Wassergeister

5. Waldgeister

6. Feldgeister

Die Riesen

1. Name und Art der Riesen

2. Luftriesen

3. Berg- und Waldriesen

4. Wasserriesen

III Der Götterglaube

Mythenansätze und Mythenkreise

1. Der Feuergott

2. Licht und Finsternis. Gestirnmythen

Die Götter

1. Tius

2. Foseti

3. Wodan

4. Donar

5. Balder

Die Göttinnen

Die Erdgöttinnen

1. Die Mutter Erde

2. Nerthus

3. Nehalennia

4. Tanfana

5. Hludana

Die himmlischen Göttinnen

1. Frija

2. Ostara

3. Baduhenna

4. Walküren

5. Schwanjungfrauen

IV Der Kult

1. Gottesdienst, Gebet und Opfer

2. Opferspeise

3. Opferfeuer

4. Der Götterdienst im Wirtschaftsverband

5. Der Götterdienst im Staatsverband

6. Der Götterdienst im täglichen Leben

V Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt

1. Der Anfang der Welt

2. Die Einrichtung der Welt

3. Das Ende der Welt

Abkürzungen und Erläuterungen

Impressum

Vorwort

Von Runen hört ich reden und vom Ritzen der Schrift

Und vernahm auch nütze Lehren

Bei des Hohen Halle, in des Hohen Halle

Hört ich sagen so.

Aus: »Havamal«

Eine deutsche Mythologie heute einem breiten Lesepublikum zu unterbreiten kann nur der Versuch sein, einen in mancher Weise bestehenden Nachholebedarf aufzuheben. Es geht dabei nicht schlechthin um Buchmarktlücken, entstanden durch fast fünfzig Jahre verordneten Verdrängens des Germanentums nach dessen demagogischem Mißbrauch durch den Nationalsozialismus, sondern vielmehr um Lücken im Wissen von unseren Vor-Vätern, von deren Glaubensvorstellungen und Riten nach fast tausendfünfhundert Jahren mehr oder minder erfolgreicher Christianisierung in Deutschland.

Ohne von der Wichtigkeit der Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte ablenken zu wollen, kann doch der Gang in unsere Vor-Geschichte wesentlich zur Konsolidierung eines deutschen Selbstverständnisses, eines neuen Selbstbewußtwerdens beitragen, ein Akt, der sich zugleich in jenen nationen- und völkerübergreifenden Prozeß der Realisierung der großen Utopie eines Gemeinsamen Europas einordnen will und muß. Vielleicht gilt es, noch einmal von neuem »deutsch« denken zu lernen, sich als »Deutscher« zu fühlen; jetzt, da sich die deutsche Geschichte nach zweimaligem totalitärem Versuch, sie aufzuhalten, wieder auf sich selbst zu besinnen scheint, und all das, ohne – dies soll ausdrücklich betont werden – nationalistischer oder chauvinistischer Selbsterhebung Vorschub leisten zu wollen.

Die Gefahr eines neuerlich erstarkenden Rechtsextremismus und Nationalismus ist unübersehbar, doch glauben wir, mit der Auswahl und Überarbeitung des folgenden Textes solche Ideologie in keiner Weise zu nähren; vielleicht läßt sich im Gegenteil manchen Mythen durch die Aufhellung und Erklärung ihrer historisch-sozialen und psychologischen Ursprünge deren Entstellbarkeit nehmen.

Germanen- und Heidentum sind die begrifflichen Eckpfeiler unserer Vorstellungen über unsere Vor-Geschichte. Hinzu kommen die Begriffe Wodanismus und Dämonismus, die das Geistesleben in den germanischen Gegenden charakterisieren sollen. Doch was wissen wir eigentlich über das Damals, und woher wissen wir es?

Stellt sich eine deutsche Mythologie dem Anspruch, sich der Darstellung und Erklärung des Mythos selber zuzuwenden, der im Historischen liegenden, nichtwissenschaftlichen Vorstellungswelt und Verhaltensmuster unserer Vorfahren, so ergibt sich zunächst ein grundlegendes Problem. Betrachten wir den Gegenstand im europäischen Kulturkontext der letzten zwei bis drei Jahrtausende, so finden wir die griechisch-römische Mythologie am reinsten in Homers Epen fixiert, die biblische Mythologie weitestgehend in der »Heiligen Schrift« aufgehoben; von den Germanen ist kaum etwas Derartiges zu finden. So gut wie keine originären schriftlichen Zeugnisse aus damaliger Zeit gibt es von ihnen. Die Schrift als Kommunikationsund Informationsmedium spielte eine mehr als untergeordnete Rolle; das soziale Gedächtnis setzte sich in mündlicher Form fort, als direkte Tradition. Lediglich einzelne Runeninschriften auf Grabsteinen, Waffen und Kult(ur)gegenständen geben uns Kunde von jenen archaischen Glaubensvorstellungen.

Die Runen, vermutlich im 2. Jahrhundert v. Chr. von den Kimbern aus einem norditalienisch-etruskischen Mischalphabet des Alpengebiets mitgebracht, dienten den Germanen mehr als ein halbes Jahrtausend hindurch kaum als Schriftzeichen zu Mitteilungszwecken, vielmehr benutzten sie sie bei Orakelprozeduren und zur Ausübung von Zauber und Segen. Die einzelnen Zeichen hatten magischen Symbolwert. Das Runenritzen war zur sakralen Wissenschaft geworden, die der Mythos auf Wodan selbst zurückführte. Es gab Siegrunen, Lebens- und Glücksrunen, Abwehrrunen u. a. »Schreiben« war hier Zaubern, und »Lesen« war Deuten.

Erst mit Beginn der Christianisierung West- und Mitteleuropas durch römisch-katholische, irische und später auch deutsche Missionare im 5. Jahrhundert begann man auch in deutschen Landen mit zunehmend schriftlicher Fixierung von Texten. Dies geschah zumeist in klösterlichen Schreibstuben, in denen nicht nur eine neue Schrift, die lateinische, sondern eben auch der neue christliche Glaube dominierend waren. Nur in den seltensten Fällen, entgegen jedem Verbot, wurden hier alte germanische Zaubersprüche oder Götterund Heldenlieder aufgezeichnet. Bewußt und oftmals auch unbewußt entstanden adaptierte und adoptierte Versionen christlicher und/oder germanischer Mythen. Ergebnis war dann so etwas wie der »Heliand«, eine »germanisierte« Fassung christlicher Heilsgeschichte, oder das »Muspilli«, ein ursprünglich heidnisch-mythisches Weltanschauungsgedicht vom Weltuntergang, das nun nur noch in seiner »christianisierten« Form vorliegt.

Doch sind dies längst nicht die ersten und einzigen Zeugnisse. Zwar gibt es keinen zusammenfassenden Überblick, doch läßt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinen ein buntes Bild unseres heimischen und heidnischen Mythenschatzes zusammensetzen.

Unser heutiges Wissen gewinnen wir aus zeitgenössischen Berichten römischer Offiziere, Inschriften fremder Steinmetze, Straf- und Bußparagraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden und aus Anekdoten christlicher Bekehrungsgeschichten, aus deutschen Zaubersprüchen, nordischen Götterliedern und isländischen Romannotizen und schließlich aus noch heute in ländlichen Regionen von Generation zu Generation weitergegebenen Sagen und mancherorts gepflegten Bräuchen. Auch die Namen der deutschen Wochentage verweisen auf alte germanische Götterverehrungen, wie das Gros der heute noch begangenen kirchlichen Feiertage auf alte heidnische Feste zurückgeht; diese wurden zunächst mit den christlichen zusammengelegt, dann um den neuen religiösen Inhalt erweitert und schließlich völlig überdeckt. So wurde aus dem alten Jul-Fest, der Wintersonnenwendfeier, das Weihnachtsfest, aus dem Fest des Einzugs der Frühlingsgöttin Ostara das spätere christliche Osterfest, die Sommersonnenwendfeier wurde zum Fest Johannes des Täufers. Götter und Göttinnen Walhalls wurden zu christlichen Heilslegenden umgedichtet (z. B. Wodan zu Sankt Martin, Freyr zu Sankt Leonhard, Balder zu Sankt Georg, Freya zu Madonna).

Zu den Zeugnissen aus der Römerzeit, zumeist Kriegsberichte römischer Offiziere, die in germanischen Wäldern den zivilen Bräuchen und militärischen Opferprozessionen der »barbarischen« Stämme gegenüberstanden, gehört als erste überlieferte Aufzeichnung Julius Cäsars Buch über den gallischen Krieg (58–51 v. Chr.) »De bello Gallico«. Cäsar war der erste, der versuchte, die germanische Götterwelt zu begreifen und seine Kenntnisse niederzuschreiben, wenn auch mit vielen Ungenauigkeiten und Irrtümern. Eine wesentlich genauere und bis heute einzigartige zeitgenössische Schilderung germanischen Glaubens und alltäglichen Lebens lieferte um 100 n. Chr. Tacitus in seiner »Germania«. Sie bleibt zugleich die einzige Schrift, die aus heidnischer, das heißt nicht christlich überblendeter Sicht, überkommen ist.

Zu den Zeugnissen aus der Zeit der Bekehrung der Südgermanen (oder Deutschen) und der Angelsachsen im Zeitraum von 400–1000 n. Chr. gehören durchweg kirchlich-theologische Schriften der Geistlichen. Der Frankenkönig Chlodwig vollzog mit seiner Taufe zu Reims im Jahre 496, nach langem innerem Widerstand, den folgenreichsten Akt der ganzen germanischen, ja abendländischen Bekehrungsgeschichte. Von hier aus sollte die Christianisierung der deutschen Stämme und Völkerschaften ihren Ausgang nehmen. Der christliche Glaube wird zur Staatsreligion erhoben; gerade mal hundert Jahre ist es her, daß Kaiser Theodosius I. 380 n. Chr. denselben Akt in Rom vollzog; die katholische Kirche wird für Jahrhunderte zur nicht immer friedvollen Machtstütze des feudalabsolutistischen Systems. Missionare setzten sich in alle Himmelsrichtungen in Bewegung, den neuen Glauben zu verbreiten. Oft genug versuchte man mit blutigen Mitteln, die germanischheidnischen Götter aus dem Volksbewußtsein zu vertreiben, zuweilen aber auch mit geschickten psychologischen Adaptionen der neuen und alten Heilsgeschichte. Die wichtigsten Zeugnisse, aus denen der alte Glaube für uns heute rekonstruierbar ist, sind die Synodalbeschlüsse der katholischen Kirche, die Bußbücher, sogenannte »Poenitentialen«, der alten irischen Mönche und jüngeren angelsächsischen und fränkischen Bischöfe, die Strafsatzungen der Könige, insbesondere die Karls des Großen, die Lebensbeschreibungen der Missionare, sogenannte »Viten«, und der »Indiculus superstitionum« aus dem Jahre 800, ein den Missionaren mitgegebenes dreißig Nummern umfassendes Verzeichnis der abergläubischen Bräuche. Wahrsagen, Heilsmagie, Fruchtbarkeitsmagie, Liebesmagie, Verwünschungen und dergleichen waren noch im späten Mittelalter außerordentlich verbreitet und stellten, wie aus allen Poenitentialen hervorgeht, einen untrennbaren Teil der alltäglichen Praxis der Menschen dar. Das magische Bewußtsein, das aus dem starken Gefühl der Übereinstimmung und des Verwachsenseins des Menschen mit der ihn umgebenden Natur erwächst, und das dadurch bedingte Verhalten waren vom Gesichtspunkt der Geistlichen eine schwere Sünde, und seine Entlarvung nahm in den Bußbüchern einen hervorragenden Platz ein. Die Autoren der Bußbücher erblickten in der Magie einen Rückfall ihrer Pfarrkinder in das Heidentum. Aus den »Viten« geht hervor, daß das Volk in der Gestalt des Missionars und Heiligen einen in Kirchengewänder gekleideten und vom Heiligenschein gekrönten magischen Wundertäter sah.

Um das Jahr 800, als die Bekehrung der Deutschen mit der Taufe der letzten Friesen und Sachsen einen gewissen Abschluß gefunden hatte, tat sich den christlichen Glaubensboten eine neue, bis dahin kaum bekannte germanische Heidenwelt auf. Die dänischen Buchenwälder, die schwedische Seenplatte, die tief eingeschnittenen norwegischen Felsenfjorde waren seit unvordenklicher Zeit von germanischen Bauern und Schiffern besiedelt, und ihre kühnen Seefahrer, die allbekannten Wikinger, beherrschten früh die Ostsee, dann auch die Nordsee. Kriege, Handel und Siedlungsbewegungen mit dem mitteleuropäischen Festland führten zu einem sich verstärkenden Kulturaustausch. In Skandinavien hatte sich das germanische Heidentum länger ungestört bewahren können, es war ausgeprägter und wurde seit dem 10. Jahrhundert schriftlich überliefert. Noch bevor die Missionare mit der Christianisierung ansetzen konnten, entstanden die relativ umfangreichen, wenn auch keineswegs einheitlichen Zeugnisse der nordischen Literatur, die isländischen Sagas, hier zum Beispiel der »Älteren Edda«, der norwegisch-isländischen Skaldendichtung sowie die Aufzeichnungen des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus (um 1200). Der mythologische Gesichtskreis der nordischen Sagas und Skaldendichtung unterscheidet sich jedoch in vielem von dem der Süd- beziehungsweise »Festland«-Germanen, kann also in unserer deutschen – hier als südgermanisch begriffenen – Mythologie keine Beachtung finden.

Die Volksüberlieferung germanischen Glaubens vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart fand zunächst im Mittelalter Ausdruck in der brutalen Verfolgung heidnischer Bräuche und Riten durch die katholische Kirche. Was jetzt an Fakten und Anekdoten niedergeschrieben wurde, diente der Entlarvung von Magie und Aberglauben, diente der Verfolgung Ungläubiger und untreuer Kirchendiener. Geistliche »Experten« des heimischen Glaubens schufen unglaublich präzise Werke einer Dämonologie, die ihren öffentlichen Niederschlag in dem immer üppiger emporschießenden Hexenwahn fand. 1484 durch die Bulle Innozenz’ VIII. und 1489 durch den Hexenhammer, den »Malleus maleficarum«, kirchlich anerkannt, sollte dieser Wahn bis zum letzten Hexenprozeß 1783 in Deutschland zu furchtbaren Exzessen und nachhaltiger Geistesverwirrung des einfachen Volkes führen.

Der heidnische Mythos hinterließ aber auch freundlichere Spuren, namentlich in der Poesie, in den Fastnachtspielen und Volksliedern, beides kam ungefähr gleichzeitig im 14. Jahrhundert in Deutschland auf, und in den später entstehenden Lieder-, Märchen- und Sagensammlungen. Eine gewisse Ausnahmestellung nimmt hier das Nibelungenlied ein. Um 1200 am Hof des Bischofs zu Passau aufgezeichnet, vereinigt es zwei seit dem 6. Jahrhundert überlieferte Sagen, beide durchsetzt mit vielerlei fabelartigen und mythologischen Elementen, zu einer Erzählung, korrekter zu einem Heldenepos. Grundlage für die beiden einzelnen Sagen, die Siegfried- und die Burgundersage, sind tatsächliche historische Ereignisse aus dem 3./4. Jahrhundert, von der Volksphantasie gedeutet, verändert, zum überlieferten Kulturgut geronnen.

Soviel zu den Quellen unseres Wissens – weiteres findet man im nachfolgenden Text und seinem weiten literarischen Kontext. – Zurück zum Mythos, zur Mythologie.

Sagen lassen, ähnlich wie Märchen, nur Rückschlüsse auf die ursprünglichen Mythen zu. Märchen sind, wie Franz Fühmann es beschreibt, ihrem Wesen nach gesunkene Mythen, Endfassungen von Mythenstories, aber in einer Qualität, die schon nicht mehr Mythos ist. Im Märchen ist der Widerspruch getilgt, der Mythos aber gibt ihn wieder und weist auf die urtiefe Verwurzelung der Menschennatur im Reich all dessen, was Leben heißt.

Zum Mythos gehört nicht nur die literarische Fassung, sondern auch die Formung im Bild, in anderen Kunstformen, im Ritus und Volksbrauch einschließlich des Aberglaubens, ja auch die Wiederkehr eines Mythos in jedermanns Träumen bei Tag und Nacht. Denn ein jeder von uns trägt Mythen in sich, in jenem Raum, den die Psychologie das »kollektive Unbewußte« nennt und von einer Art Mythenkonzentrat durchwoben glaubt, vererbten Urtypen von Menschenhaltung, die, wenn sie in den Träumen, in Phantasien, in Dichtungen, in Visionen ins Bewußtsein treten, dort als immer wiederkehrende, allen Völkern aus ihrer gemeinsamen Wegstrecke vertraute Urgestalten erscheinen, als Archetypen wie etwa denen des alten Weisen, der Großen Mutter, des Schattens, der Schlange, des Göttlichen Kindes, aber auch Urtopographien wie Paradiesgarten, Waldsee und Höllenfeuer.

Wer waren sie – die eigentlichen Träger und frühen Vermittler all der Mythen, die uns bekannt geworden sind; woher kamen sie?

Früheste Kenntnisse zu den Ur-Germanen und ihrer Herkunft lassen sich nur über linguistische Abstraktionen der Herauslösung einer urgermanischen Sprache aus einer hypothetisch angenommenen indo-europäischen Spracheinheit erschließen. Dieser Prozeß der Herauslösung und Konsolidierung einer gemeinsamen Vorstufe der heutigen germanischen Sprachen ist wahrscheinlich in den letzten beiden Jahrtausenden vor unserer Zeitrechnung erfolgt. Darauf lassen früheste Runeninschriften und Lehnwörter in benachbarten Sprachen schließen. Das Germanische wird uns heute nur in Form einzelner Stammessprachen faßbar. Die moderne Vor- und Frühgeschichtsforschung stellt zugleich die Annahme einer ethnischen Einheit der Germanen in Frage. Über die Herausbildung der einzelnen Stämme gibt es bis heute nicht mehr als unbewiesene Theorien. Weniges gilt als gesichert: 1200–800 v. Chr. besiedeln sie die Gebiete bis an die Weichselmündung, von der Nord- und Ostseeküste, einschließlich Dänemarks und Südschwedens, bis zum Nordrand der deutschen Mittelgebirge.

Die zunächst in Südskandinavien anzutreffenden Nordgermanen besiedeln später selbst Island. Zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert v. Chr. stoßen die germanischen Stämme gegen Osten und Südosten vor, teilweise bis zu den Alpen, ihre Plätze werden von den Burgunden, Vandalen und um die Zeitenwende von den Goten, die später bis nach Südspanien wandern, eingenommen. Diese erste Germanenwanderung der vorrömischen Eisenzeit endet im 1. Jahrhundert unserer Zeit. Mit Beginn des 3. Jahrhunderts treten an die Stelle der früheren kleinen Stammesgebilde jetzt aus militärischen und ökonomischen Gründen größere lockere Kriegsbündnisse. Im Rahmen weiterer Integrationsprozesse werden immer größere Stammesverbände begründet. Aus ihnen gehen die späteren Großstämme der Alemannen, Thüringer, Franken, Bayern, Sachsen und Friesen hervor. Mit dem Ende des 4. Jahrhunderts kam es dann immer wieder zu großen Umwälzungen und Wanderungsbewegungen, den großen »Völkerwanderungen« der germanischen beziehungsweise deutschen Völkerschaften. Im 8. Jahrhundert begann die große Ausdehnung nach Osten, nachdem im 6. Jahrhundert das deutsche Sprachgebiet relativ klein geworden war. Während der deutschen Ostexpansion wurden die Gebiete östlich von Elbe und Saale erobert, die dort ansässigen Slawen unterworfen, Schleswig, die Ostseeküste, Böhmen, Siebenbürgen, Teile der Slowakei und Österreich besiedelt.

Auf einzelne Stammesnamen sowie deren Konsolidierungsund Wanderungsgeschichte kann hier nicht weiter eingegangen werden. Auch entspricht der hier verwendete Terminus »Festlandgermanen« für die späteren Deutschen als Kontrast zu den Nordgermanen Skandinaviens nicht den entsprechenden einschlägigen Theorien, soll in unserer Darstellung jedoch genügen.

Gewiß haben die unterschiedlichen Lebensräume – bei den Nordgermanen die des rauhen und kalten Nordens und bei den Festlandgermanen die doch etwas milderen mitteldeutschen Wald-, Seen- und Mittelgebirgsgebiete – Einflüsse auf die Lebensweise wie auf die damit verbundenen Vorstellungswelten, gerade wenn man bedenkt, daß die Religion in frühester Zeit eine magische Naturverehrung war. Somit muß man bei vielen Übereinstimmungen in den Grundvorstellungen doch von einem Unterschied zwischen der nordischen und der deutschen Mythologie ausgehen. Wenn im Titel dieses Buches von einer deutschen Mythologie gesprochen wird, so macht es sich notwendig, diese Begriffsabgrenzung zumindest in Ansätzen zu begründen.

Zunächst noch erscheint die nordische Götterwelt ärmer als die deutsche; erst um 500 beginnt ein reger Sagen- und Mythenaustausch beziehungsweise deren »Wanderung« von Süd nach Nord. Fast alle mythischen Grundvorstellungen entstammen dem Deutschen (lediglich die Mythen um Bragi, Loki, dem Fenriswolf, Heimdall und einige Eigenschaften von Odin, Thor und Tyr sind rein nordisch und werden also in unserem Text nicht vorkommen). Jedoch erscheinen beim heutigen Vergleich die Göttersagen und Mythologien des Nordens wesentlich bildreicher, umfänglicher und poetischer – man denke an die ausführlichen Beschreibungen der Weltschöpfung, Einrichtung mit Walhall, Weltesche u. a. sowie den Untergang in der »Götterdämmerung«. Grund dafür ist, daß die Veränderungen, Zusammenfügungen und Vertiefungen der alten Stoffe, die die Norweger, Dänen und Isländer vorgenommen haben, das Werk von Dichtern sind und daher als Kunst-Werke zu gelten haben. Somit sind die nordischen Edda-Lieder weniger Volksglauben als Kunst, mehr Phantasie als lebendige Religion.

Eine deutliche Scheidung ist wichtig, um eine deutsche Mythologie zu schaffen; auch wenn es schwerfällt, die Kenntnisse, die Schönheit und Abgeschlossenheit der Bilder der Edda nicht mitzudenken. Behalten wir letzteres als wissenschaftliches Vergleichsmedium im Auge und stellen uns die Aufgabe der Nachreichung dieser »Komplementär-Mythen«.

Auf der Suche nach Material oder einer Vorlage für die Neuherausgabe einer germanischen beziehungsweise deutschen Mythologie fand sich eine erstaunliche Vielzahl von mehr oder weniger seriösen Ausgaben, entstanden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Noch vor der Jahrhundertwende erlebte die deutsche Sprachwissenschaft einen ersten großen Aufschwung und erlangte gesellschaftliche Anerkennung als Wissenschaft. Eine Sprachwissenschaft, die sich der historisch-vergleichenden Methode bediente, das heißt, die durch diachronen Sprachvergleich verschiedener Entwicklungsstufen der deutschen Sprache versuchte, deren Ursprünge und Entwicklung bis in die Gegenwart zu erschließen und zu beschreiben. In dieser Zeit entstanden ausnahmsweise viele Wörterbücher zu den einzelnen Etappen deutscher Sprachentwicklung vom Indogermanischen über das Alt-, Mittel- und Frühneuhochdeutsch bis zum damalig aktuellen Stand ebenso wie dazugehörige Grammatiken und regionalsprachige Wörterbücher. Als hervorragendstes Werk ist das »Deutsche Wörterbuch« der Brüder Grimm zu nennen.

Zugleich war es eine Zeit, in der das Deutsche Reich neuerlich begründet wurde, man dabei nach seinen geschichtlichen Ursprüngen suchte, bemüht war, möglichst reine Traditionslinien zu beschreiben. Die literarische »Weltflucht« und Besinnung auf das goldene Mittelalter und auf die Märchen und Mythen aus heldenhaft verklärter Vorzeit durch die Romantiker hatte ihren Höhepunkt bereits hinter sich. Volkslied-, Märchen- und Sagensammlungen gab es jetzt zur Genüge, auch hier sei an die Brüder Grimm und ihre »Kinder- und Hausmärchen« erinnert.

Anfang des neuen Jahrhunderts gab es dann auch mehr als ein Dutzend germanischer und deutscher Mythologien; vielfach waren dies jedoch »gesamtgermanische« Mythologien. Vorweg sei auch hier wieder der Name Jakob Grimm genannt, dessen mehrbändige Ausgabe, entstanden zwischen 1835 und 1878, vielfach faktologische Grundlage anderer Werke und Ausgaben von Zeitgenossen war. Wissenschaftler wie Simrock, Mannhardt, Golther, Mogk, E. H. Meyer, H. I. Schlender und P. Herrmann haben Anerkennung gefunden. Wie auch unsere Ausgabe sind all die anderen zumeist wissenschaftlich angelegten Werke das Ergebnis von historisch-vergleichender Sprachwissenschaft im Zusammenwirken mit ethnologischer und – heute würde man sagen – sozio-kultureller Forschung. Natürlich mag die Wissenschaftsentwicklung, insbesondere auf letzterem Gebiet, viele neue und vielleicht auch wesentlich andere Forschungsergebnisse erbracht haben – unsere Ausgabe möchte nur ein bescheidener Beitrag für ein neuerlich zu eröffnendes und öffentliches Nachdenken über unsere fernere Vergangenheit und unser unbewußtes Verknüpftsein mit damaligen Denk- und Verhaltensmustern sein.

Bei der Materialsuche, dies sei hier ebenfalls vermerkt, fanden sich natürlich auch eine gewisse Anzahl von »Mythologien«, die unter literarischem oder gar wissenschaftlichem Vorwand versuchten, mit »Bearbeitungen« germanisch-mythischen Kulturguts, oftmals zu regelrechten Umdeutungen und Verfälschungen ausgewachsen, die »kulturelle und völkische Überlegenheit« der germanischen beziehungsweise der »arischen Rasse« zu beweisen und damit einen gefährlich fanatischen Nationalismus vorbereiten halfen und späterhin auch unmittelbar propagierten.

Zum Ende des Ersten Weltkrieges machte es sich notwendig, die »Volksseele« wieder für das deutsche Vaterland zu mobilisieren; germanisches Kriegertum und unbeugbarer Siegeswille selbst in der Niederlage wurden beschworen, hierfür eignete sich besonders der Mythos der Götterdämmerung. Die Pervertierungen des Germanentums, die zum Wahn aufgepeitschten Mythen, durch den Nationalsozialismus auf das Volksbewußtsein, auf die Architektur und alle bildenden Künste, ja auf alle künstlerischen Genres übertragen, davon zu sprechen kann hier nicht ausreichend Platz sein. Doch gerade die sprachlichen Zeugnisse sind es, die von der fatalen Manipulation eines ganzen Volkes durch perfektionierte Ideologiemechanismen, wie während der zwölf schwarzen Jahre des deutschen Faschismus, künden. »Arisch«, ein Begriff, auf dem ein ganzes Theoriegebäude beruhte, einem Volk seine »schicksalhafte« Überlegenheit einzureden, ist ursprünglich ein linguistischer Terminus, der eine indogermanisch-persische Sprachgemeinschaft bezeichnete und bereits ein halbes Jahrhundert, bevor Alfred Rosenberg ihn auf den Höhepunkt brachte, als Grundlage für Rassentheorien verschiedener »Wissenschaftler« dienen sollte. »Arisch« grenzte »nicht-arisch« aus, bevor der Begriff seit 1935 durch »nordisch« oder »deutschblütig« ersetzt wurde. Der »Volksfeind« war längst gezeichnet. Von der »Nordrasse« ausgehend, wurde ein Menschenideal geschaffen, das von »Artfreude und Blutstolz des heldischen Menschen« geprägt war und sich der »Ethik des Kampfes« sowie seinem »selbstgewählten Führer willig unterwarf«.

»Germanische Demokratie« und »schicksalhafte Gefolgschaft« wurden zu Schlagworten … wohin diese und andere Sprach-, Denk- und, in deren Folge, Verhaltensregelungen führten, wissen wir.

Daß eine derartig mißbrauchbare und mißbrauchte Vor-Geschichte und Kultur auf Antipathie beim folgenden Regime und dessen Ideologie-Funktionären stoßen mußte, ist nicht gerade unverständlich.

Mit der vorliegenden Neuherausgabe von Paul Herrmanns Buch, in zweiter Auflage 1906 erschienen, hoffen wir, einen Text ausgewählt zu haben, der allen Anforderungen an möglichst wissenschaftliche Objektivität, zumindest zum damaligen Forschungsstand, sowie an weitestgehende Ideologiefreiheit – soweit Wissenschaft überhaupt ideologiefrei sein kann – Genüge tut. Er ist der erste und nach bisherigem Wissen auch einzige, der in aller Konsequenz eine Unterscheidung von nordischer und deutscher Mythologie realisierte.

Wir haben uns vorbehalten, Passagen herauszunehmen, die keinen eigentlichen Wissens- oder Informationsgehalt für den Leser haben, die zu weit vom Gegenstand abschweifen und außerhalb heutigen allgemeinen Verständnisses liegen und ohne wissenschaftliche oder einschlägige historische Vorkenntnisse für den Leser nur schwer erschließbar wären. Des weiteren wurden Textstellen gestrichen, die entsprechend dem damaligen Geschlechterrollenverständnis zwar begreiflich sind, aber heute längst düsterster Vergangenheit angehören sollten. Auch ein »wissenschaftlicher« Versuch über rassentheoretische Schlüsse, der die Existenz von Zwergen in urgermanischen Wäldern glauben machen will, wurde gestrichen.

Die Orthographie und Grammatik wurden im wesentlichen beibehalten, nur allzu befremdliche Abweichungen vom heutigen Sprachgebrauch wurden angepaßt.

Dieses Buch will ein Versuch sein, uns die Glaubensvorstellungen unserer Vorväter und -mütter begreiflich und vertraut zu machen. Es will aufspüren, was davon bis in unsere Tage überliefert ist. Es will Verständnis für manchen Aberglauben wecken, Erklärung finden für manches Märchen und manchen Brauch, sie uns als unserer kulturellen Identität zugehörig begreifen lehren und sie so in unsere gemeinsame Zukunft hinüberretten.

Thomas Jung

Einleitung

Während man früher einseitig glaubte, daß alle heidnische Religion sich aus der Naturbetrachtung entwickelt habe, nimmt man heute oft ebenso einseitig an, daß alles religiöse Denken aus dem Seelenglauben abzuleiten sei. Die Religion hat viele Quellen, und jeder Versuch, alle Erscheinungen der Religion auf eine Quelle zurückzuführen, muß gezwungen und unnatürlich erscheinen. Man könnte ebensogut den Ozean von e i n e m Flusse wie die Religion von einer Quelle ableiten. Zwei Schichten von mythischen Vorstellungen lassen sich mit Sicherheit bei den Indogermanen bloßlegen, S e e l e n v e r e h r u n g und N a t u r v e r e h r u n g; beide berühren sich oft auf das engste und verschmelzen zu einem Gebilde, so daß sie nicht scharf auseinanderzuhalten sind. Die großen, mächtigen Götter, die Repräsentanten von Naturmächten, sind von einem Gewimmel niedriger, mißgestalteter Wesen umgeben, die an der Schwelle des Hauses nisten und durch die Luft schwirren. Neben den feierlichen Opfern und Gebräuchen des höheren Kults findet sich, nicht in getrenntem Nebeneinander, sondern unlöslich verwachsen mit ihnen, der niedere Kult der Beschwörungen und des Zauberns, die abergläubische Beobachtung der kleinlichsten Vorschriften. Die moderne Ethnologie eröffnet einen Blick in die fernste vorgeschichtliche Zeit, wo von einer Ausprägung indogermanischen Wesens noch nicht die Rede sein kann, und zeigt uns, daß auch hier eine fortschreitende Entwicklung vom Rohsten zum Höchsten stattgefunden hat. Seelenverehrung und Naturverehrung mußten in ihrem letzten Ziele zu der Vorstellung führen, daß die ganze Natur belebt sei. Es ist möglich, vielleicht wahrscheinlich, daß eben dieses die Stelle ist, wo die beiden getrennten Quellen sich in einem Strome vereinigten. Aber auch die Vorstellung ist noch nicht widerlegt, daß die trübe Quelle des Seelenglaubens die ältere ist, aus der die reinere der Naturvergötterung sich ablöste, um schließlich doch wiederholt mit ihr in Berührung zu geraten. Galt nach der Auffassung des Seelenglaubens die ganze Außenwelt, vom Himmel an bis zum kleinsten Gegenstande, für beseelt, d. h. als der Sitz von Geistern, so konnten die Naturerscheinungen allmählich immer mehr und mehr selbständig betrachtet werden und ihren gespensterhaften Untergrund verlieren. Bei allen Völkern findet sich der Glaube an ein Fortleben der Seele, aber nur bei höher beanlagten der Glaube an Götter als die idealisierten Abbilder von Naturerscheinungen oder die leitenden Mächte in den großen Naturbegebenheiten. Nicht auf deutschem, nicht einmal auf indogermanischem Boden kann die Frage entschieden werden, ob der Seelenglaube oder die Naturverehrung älter ist. Es genügt, beide Vorstellungen gesondert zu behandeln und darauf zu achten, wo beide ineinander übergehen. Da der Seelenglaube unfraglich niedriger und roher ist, soll mit ihm begonnen werden. Den zweiten Hauptteil nimmt die Darstellung der Naturverehrung ein, und hier gilt es, vom Einfachen zum Entwickelten, vom Naturgeister- und Dämonenglauben zum Götterglauben aufzusteigen.

I
Der Seelenglaube

In dem Gefühle des Menschen von der Unsicherheit seines Lebens ist ein Ursprung der Religion zu suchen. Die Furcht hat zuerst die Götter in die Welt gebracht, sagt schon STATIUS, und noch heute stimmt ihm mancher einseitige Forscher unbedingt bei. Was ist das Leben, das zu gewissen Zeiten, aber keineswegs immer im Menschen ist? Das ist die große Frage, die sich der Menschheit aufdrängte und die auch wir mit all unserem Wissen nicht erschöpfend zu beantworten vermögen. Die Majestät des Todes ließ den Menschen zuerst erschauern, hier stand er etwas Unerklärlichem gegenüber, das mit Gewalt sein Denken aufrütteln mußte. Der Tote, den er vor sich sieht, ist derselbe, der immer bei ihm gewesen, und doch ein anderer; die Augen, die sonst des Wildes Spuren folgten, sind geschlossen; die Arme, die den Bogen spannten, streng und straff, hängen schlaff herunter. Es ist ein ungemein feiner Zug in dem Prometheusfragmente des jungen GOETHE, daß selbst Pandora, das vollkommenste unter den Geschöpfen des Titanen, des Lebens Weh und des Todes geheimnisvolle Macht empfindet und in den bangen Ruf ausbricht: Was ist das? der Tod? Die Erscheinung des Todes trat mit erschütterndem Ernste und mit einer überraschenden Bedrohung in den engsten Lebenskreis des Menschen ein. Was war es, das dem Körper jetzt fehlte? Anfänglich mochte man das Blut dafür halten, aber bald gewahrte man, daß es sichtbar in Fäulnis überging; oder das Herz konnte es sein, aber der Leib vermoderte und mit ihm das Herz. Das, was mit dem Tode entschwand, mußte etwas vom toten Leibe Verschiedenes sein, was nicht mit den Augen wahrzunehmen war, und das war der Atem, der jetzt aufhörte und sich von dem Körper getrennt hatte. Mit dem Aufhören des Atmens war das Leben dahin. Ausatmen, aushauchen, den letzten Atemzug tun ist in vielen Sprachen das Wort für sterben. Wo aber und was war der Atem, der früher in dem Körper war? Er stirbt nicht mit dem Körper, fällt nicht der Auflösung anheim wie Blut, Herz, Gehirn und Gebein, er mußte weiterleben, auch nachdem er den Leib verlassen hatte. Eine besondere Stütze erhielt die Vorstellung vom Fortbestehen des im Tode scheinbar aus dem Körper entwichenen Lebensprinzips durch die Erscheinung des Traumes. Der Körper des Schlafenden liegt da wie der des Toten, noch tätig aber ist und weiter lebt die Seele, sagt CICERO. Welche Wirkung das Traumleben auf den einfachen Menschen ausübt, hat GRILLPARZER in seinem dramatischen Märchen »Der Traum ein Leben« packend veranschaulicht. Wenn der Schlafende aus dem Traum erwacht, muß er sich erst besinnen, ob die Erlebnisse der Nacht wirklich Tatsachen gewesen sind. Der Mensch im Naturzustande vermag nicht zwischen subjektiv und objektiv, zwischen Einbildung und Wirklichkeit scharf zu unterscheiden. Im Traume vermag er entfernte Gegenden aufzusuchen, er vermag sich an Dingen zu ergötzen, die längst hinter ihm oder in weiter Ferne vor ihm liegen. Angehörige erscheinen wieder, die längst verstorben sind, um zu raten und zu warnen; Feinde beunruhigen den Schläfer und quälen ihn wie zu Lebzeiten.

Seelenglaube und Traumleben berühren sich also nahe; der Tod wie der Traum mußten den Menschen auf das Dasein und die Fortdauer der Seele führen. Beim Tode verläßt die Seele den Körper für immer und schweift als Geist umher. Erscheint der Verstorbene dem Schläfer, so muß es seine Seele, sein anderes Ich, sein Trug- und Ebenbild sein, das mit dem Träumenden in Verbindung tritt. Mit dieser Vorstellung, wo die fremde Seele handelnd gedacht ist, hängt eine andere unmittelbar zusammen: Im Schlafe verläßt die Seele den Leib nur auf kurze Zeit; sie selbst ist jetzt die handelnde, sie kann Freud und Leid erfahren, mit Personen und Gegenständen verkehren, die ihr lieb sind oder ihr Angst und Furcht einflößen. Je mehr der Mensch von der Wirklichkeit der Erlebnisse des Traumlebens überzeugt war, um so erklärlicher wird uns das Grauen, mit dem er diesem Rätsel gegenüberstand. Sein erstes Bestreben mußte sein, diese verwirrenden und beängstigenden Erscheinungen von sich fernzuhalten: Abwehr wird der Anfang des Kults gewesen sein. Auch beim Eintritte des Todes war das Grauen das naturgemäße Gefühl. Die Seele mußte widerwillig den Leib verlassen haben, feindlich mußte die Stimmung sein, in der sie vom Körper geschieden war; sie mußte nach der grausamen Logik des Naturmenschen auch dem Überlebenden zu schaden suchen: so entstand die Seelenabwehr. War aber die Seele persönlich gedacht, so mußte sie auch an den bescheidenen Freuden des Lebens teilnehmen; Essen und Trinken und was sonst den Menschen im Leben ergötzte, mußte auch die Seele gern haben, und so entstand die Totenpflege. Die Aufgabe, den Verkehr mit den Seelen und Geistern zu vermitteln und dadurch über Leben und Gesundheit der Stammesgenossen zu wachen, mußte einer Person übertragen werden, die zugleich Arzt, Medizinmann und Zauberer war. Er mußte mit seinem Amte die Fähigkeit verbinden, die rätselvollen Vorgänge erklären zu können. So entstand die Traumdeuterei, die bis auf unsere Tage in Blüte steht, und da die Seele im Traume Dinge erlebt, die noch der Zukunft angehören, steht an der Schwelle des Glaubens neben dem Zauber auch die Weissagung.

Da die Furcht das erregende Moment gewesen war, ist der ganze Seelenglaube mehr oder weniger in dumpfem Aberglauben und scheuer Gespensterfurcht befangen: sämtliche Naturerscheinungen sind Äußerungen des Zornes oder Wohlwollens der Toten. Himmel und Erde, Wald und Feld, Berg und Tal, das irdische Wasser und das himmlische Wasser der Wolke, alles ist beseelt von Scharen von Geistern.

1. Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut

Das ist in den allgemeinsten Zügen die Seelentheorie, wie sie allen Völkern eigen ist, in der das Leben, der Geist, der Atem, Träume und Visionen in einen gewissen Zusammenhang gebracht werden, um das eine durch das andere zu erklären. Selbst in den Sprachen der zivilisierten Völker finden wir noch ihre Spuren. Noch heute sagen wir: er ist außer sich, er kommt zu sich, und wenn er wirklich tot bleibt, bestätigen wir, er ist nicht mehr zu sich gekommen; in dem ersten Falle bezeichnen wir mit »er« den geistigen, in dem anderen den leiblichen Menschen. Wenn das Volk sagt, »er« geht um, meint es seinen Geist. In einer gesunden oder kranken Haut stecken, aus der Haut fahren, sind bekannte Redensarten. Das Wort Geist, das Bewegliche, bedeutet vielleicht den erregten und bewegten Lufthauch; west- und ostgerm. Seele gehört zu griech. »beweglich, regsam« und hängt mit dem Namen für See, got. saiws, zusammen: es ist nicht ausgeschlossen, für Seele an den sich bewegenden Atem zu denken. Ostgerm. ǫnd gehört zur Wurzel anan und vergleicht sich lat. an-ima Luft, Wind, Atem. Auf dieselbe Wurzel geht auch ahd. ano, der Ahne, zurück. Der Ahn ist der Totliegende, Verstorbene, der ausgeatmet hat; auch nhd. »ahnen«, voraussehen, kann zu der Wurzel an gehören. Man faßte also die als Atem den Leib verlassende Seele als Wind, als Lufthauch auf. Darum glaubt man noch heute, daß sich beim Verscheiden eines Menschen die Luft im Sterbezimmer mit leisem Wehen bewege, daß großer Sturm entstünde, wenn sich jemand erhängt habe, daß man ein Fenster oder eine Tür für die Seele öffnen müsse, wenn sie den Leib verlasse, und daß man eine Tür nicht stark zuschlagen dürfe, sonst klemme man die Seele ein.

Die Seele konnte auch als Rauch, Dunst und Nebel aufgefaßt werden; denn bei kaltem Wetter sah man für einen Augenblick den Atem als eine schwache Wolke, die zwar für das Auge alsbald wieder verschwand, von deren Gegenwart man sich aber durch das Gefühl überzeugen konnte. Auch beim Gähnen scheint der Glaube gewesen zu sein, daß aus dem weitgeöffneten Munde die Seele entfliehen könnte; heute gebietet der Anstand, die Hand vor den Mund zu halten, einstmals tat man es, um das Entweichen des Seelenhauches zu verhindern.

Nachdem die Seele als der vom Körper entströmende Atem aufgefaßt war, wurde sie später um ihrer Feinheit und Unbemerkbarkeit willen mit einem Schatten verglichen. Der Geist oder das Gespenst, das der Träumende sieht, gleicht einem Schatten; während des Schlafes verläßt die Seele den Körper, wie während der Nacht der Schatten den Körper verläßt. Darum ist Schatten ein fast überall sich findender Ausdruck für Seele. Die Furcht vor den Schattenbildern schuf bei den Deutschen schemenhafte Gespenster (ags. scucca, ahd. scema); hagu, wovon Hagen gebildet ist, bedeutet die geisterhafte Erscheinung, Hagen ist das Gespenst vor allen andern; selbst die Hexe ist nichts anderes wie »die Schädigerin, die ein Gespenst ist«. Im Volksrätsel vom Schatten klagt der Schatten des Abgeschiedenen seinem verlorenen Menschenkörper nach:

Da du lebtest, lebte auch ich,

Da hättest du gerne gefangen mich.

Nun bist du tot, nun hast du mich,

Und daß ich sterbe, was hilft es dich?

Wer am Silvesterabend seinen Schatten ohne Kopf sieht, stirbt im nächsten Jahre. Wer am Weihnachtsabend seinen Schatten doppelt erblickt, stirbt im nächsten Jahre. In der St. Markusnacht (25. April) kann man an der Kirchentüre die Schatten derer sehen, die demnächst sterben werden. – In Luthers Tischreden heißt es: Wenn ein Übeltäter zum Richtplatze geführt wird, soll ihm die Erde seines Schattens weggestochen oder weggestoßen werden und er selbst darauf des Landes verwiesen werden. Ein Edelmann im Gefolge Kaiser MAXIMILIANS I. sollte in der Nacht einen Gefährten erstochen haben; sein blutiges Schwert war neben der Leiche gefunden. Der Angeschuldigte schwor, sein Schlafgemach jene Nacht nicht verlassen zu haben, und konnte nicht überwiesen werden. Man nahm an, der Teufel müßte die Schattengestalt des Angeklagten angenommen und die Tat verübt haben. Darum ward er gegen die Sonne geführt und hinter ihm seinem Schatten der Kopf abgestoßen. Diese Scheinhinrichtung, am Schatten vollzogen, wurde einer am Verbrecher ausgeübten für gleich gehalten. »Swaz ich im tuon, daz sol er mînem schatten tuon«, ist ein oberdeutsches Rechtssprichwort.

Da der Schatten dem Körper stets nachfolgt, wurde er als eine besondere rätselhafte Gestalt, als ein besonderer Geist gefaßt, der um das Wohl des Körpers liebend besorgt ist. So entwickelte sich der Glaube an die Schattengeister, Schutzgeister, die dem Menschen angeboren sind: sie begleiten ihn von der Geburt bis zum Grabe, warnen ihn in Gefahren sichtbar oder flößen ihm ein gewisses vorahnendes Vermögen ein. Diese Vorstellung, die allgemein heidnisch ist, wurde von der katholischen Kirche übernommen: alle Länder, alle Menschen haben Schutzheilige.

Tot und erkaltet liegt der Leichnam da, ohne jede Wärme, alle Tätigkeit und alles Leben ist erstarrt. Seitdem der Mensch an der Opferflamme des Zauberers die Wirkungen von Wärme und Kälte kennengelernt hatte, lag es nahe, im lebendigen Leibe ein sanft loderndes Feuer anzunehmen, das den Körper beseelt und belebt, wie das verborgene Feuer die dunklen Reibhölzer und den geschliffenen Stein. Die Auffassung der Seele als Licht, Feuer ist daher jünger. Bekannt ist der Ausdruck, »einem das Lebenslicht ausblasen«. Wir pflegen noch heute den Kindern am Geburtstage so viele Lichter um den Festkuchen zu stellen und anzuzünden, wie sie Jahre zählen. In dem Märchen »Gevatter Tod« wird eine unterirdische Höhle erwähnt, worin tausend und tausend Lichter in unübersehbarer Reihe brennen. Das sind die Leben der Menschen, einige noch in großen Kerzen leuchtend, andere schon zu kleinen Endchen heruntergebrannt; aber auch eine lange Kerze kann umfallen oder umgestülpt werden.

Nach der rohsten Auffassung ist der eigentliche Sitz der Seele das warme, feuchte Blut; nach seinem Ausströmen verläßt die Seele den Menschen. Blutsverwandte Menschen sind auch seelenverwandt: die das Blut aus demselben Blut haben, haben auch die Seele aus derselben Seele. Auch nach freier Wahl glaubt man die Blutsverwandtschaft erzeugen zu können, durch gegenseitige Aufnahme des Blutes, durch Blutmischung. Wer einen Teil des lebendigen Blutes mit einem zweiten tauscht, wird dessen wirklich blutsverwandter Bruder.

Bei den wilden Völkern ist der Blutbund noch heute üblich; HERODOT erwähnt ihn bei den Skythen, TACITUS als armenisch-iberische Sitte. Auch bei den Deutschen finden sich dunkle Spuren dieser uralten Vorstellung. In dem mittelalterlichen Volksbuche »Der Römer Taten« wird der Hergang auf das genaueste beschrieben: Ein Ritter schlägt einem andern vor, mit ihm einen Bund zu schließen, und sagt: Ein jeder von uns wird aus seinem rechten Arme Blut fließen lassen; ich werde dann dein Blut trinken und du meines, damit keiner den andern weder im Glück noch im Unglück verlasse, und was der eine von uns gewinne, der andere zur Hälfte mitbesitze. Im »Walthariliede« erneuern der Held des Gedichtes und König Gunther das »blutige Bündnis«. In den Teufelsbündnissen des Mittelalters spielt das Blut eine wesentliche Rolle. Das Schreiben mit Blut ist natürlich eine Zutat, die bei Verdunkelung des ursprünglichen Sinnes der Handlung wie so oft zur Hauptsache wurde. Auch den Hexen wird ein Blutzeichen aufgedrückt, wenn sie mit dem Teufel ein Bündnis eingehen. Im 16. Jahrhundert gestand eine Hexe zu Köln, daß sie der Teufel auf der Stirn geritzt und damit gekennzeichnet habe.

2. Die Seele in Tiergestalt

Die Seele, die den Leib verlassen hat, ist zum Geist geworden. Menschen, denen die Rufe der Vierfüßler und Vögel wie menschliche Sprache erscheinen und ihre Handlungen, wie wenn sie von menschlichen Gedanken geleitet wären, schreiben ganz logisch den Tieren so gut wie den Menschen Seelen zu. Wie das Tier gleich dem Menschen von Mut, Kraft und Schlauheit beseelt ist, muß es auch von einer Seele belebt sein, die nach dem körperlichen Tode ihr Dasein fortsetzt. Diese Seele kann auch ein menschliches Wesen bewohnt haben, und somit kann das Geschöpf ihr eigner Ahne oder ein einst vertrauter Freund sein. Hierin beruht die Vorstellung, daß, da alles in der Welt lebendig ist, auch alles Lebendige seine Gestalt wechseln, sich verwandeln kann. Der Mensch kann auf einige Zeit zum Tiere werden, das Lebendige kann auch zum Steine oder Baume werden, scheinbar starr und leblos erscheinen, aber dennoch seine lebendige Menschheit im Innersten der unbeweglichen Masse bewahren. Die Märchen und die mythischen Sagen der kultiviertesten Völker bezeugen diesen Totemismus allerorten.

Unter den Tieren, in die sich die Seele verwandelt, nimmt die Schlange einen hervorragenden Platz ein. Ihr geräuschloses