Band 3 der Reihe »Maggie-Costello-Reihe«
Als die hochkarätige Anwältin Natasha Winthrop eines Nachts in ihrem Haus überfallen und fast vergewaltigt wird, kommt es zum Kampf und sie tötet ihren Angreifer. Zunächst sieht es klar nach Notwehr aus, doch dann gibt es Unstimmigkeiten in Winthrops Bericht. Winthrop behauptet, Opfer einer Verschwörung zu sein, und beauftragt die Fallermittlerin Maggie Costello, herauszufinden, wer dahintersteckt. Aber als sie in Natasha Winthrops Leben nach Indizien gräbt, stößt sie auf Lücken im Lebenslauf. Ist Winthrop doch nicht, wer sie zu sein vorgibt?
Sam Bourne ist das Pseudonym des preisgekrönten britischen Journalisten Jonathan Freedland. Nach Stationen u. a. bei der BBC, der Washington Post, der New York Times, Newsweek und der Los Angeles Times, arbeitet er heute überwiegend als Redakteur und Kolumnist beim Guardian. Er schreibt regelmäßige Beiträge für die New York Times Review of Books und den Jewish Chronicle. Zudem präsentiert er die wöchentliche Radiosendung The Long View bei BBC Radio 4. Freedland ist Autor diverser Sachbücher und Thriller. Mit seinem Thrillerdebüt Die Gerechten war er monatelang Nummer 1 der Sunday-Times-Bestsellerliste mit über einer halben Million verkaufter Exemplare.
SAM BOURNE
DIE
KAMPAGNE
THRILLER
Aus dem Englischen von
Dietmar Schmidt
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2020 by Jonathan Freedland
Titel der englischen Originalausgabe: »To Kill a Man«
Originalverlag: Quercus Editions Ltd., an Hachette UK company
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, Bochum
Titelillustration: © jocic/shutterstock
Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde
unter Verwendung eines Designs von kid-ethic Images
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-0971-2
luebbe.de
lesejury.de
Für Sarah – die Frau in meinem Leben
Später sagte sie der Polizei, ihr sei sofort klar gewesen, dass es ein Mann war. Der Schall der Schritte unmittelbar vor Mitternacht und dieser dumpfe Tritt hätten keinen Raum für Zweifel gelassen, dass ein Mann in ihrem Haus war.
Fast den ganzen Abend habe sie in ein Dokument vertieft am Schreibtisch gesessen. Sie erläuterte, es habe sich um ein »Abschlussmemorandum für den Ausschuss« gehandelt, und nannte in ihrer offiziellen Aussage den offiziellen Namen sowohl des Falles als auch des Komitees. Nicht, dass dies nötig gewesen wäre. Die Kriminalbeamten wussten, wer sie war. Während der Anhörungen, die im Fernsehen übertragen wurden und das Land in Bann schlugen, hatte sie als Chefberaterin für den Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses gearbeitet. Im Anschluss an die Sendungen hatte sie sich vor laufender Kamera den Medien gestellt und war im Zuge dessen zu einer Art Kultfigur geworden: In Washington und in den TV-Kabelnetzen hatte Natasha Winthrop es zu Prominenz gebracht. Nun wurde gemunkelt, sie könnte für ein hohes Amt kandidieren. Vielleicht sogar für das höchste.
Der Polizei teilte sie Dinge mit, die weniger bekannt waren: dass sie zwar für Menschen, die den gegenwärtigen Präsidenten verabscheuten, zu einer Heldin geworden sei, gleichzeitig aber bei denen, die den Mann vergötterten, ebenso extreme Reaktionen hervorrufe. Sie zeigte den Detectives einige Tweets, die an sie gerichtet worden waren, darunter zwei, die im Lauf des gleichen Tages eingetroffen waren: Du sollst verrecken, du Fotze!, lautete der eine; Hey, du Nutte, du lebst ja immer noch!, der andere.
An Geräusche in der Nacht sei sie gewöhnt, sagte sie den Kriminalbeamten. Ihr Haus in Georgetown stamme aus der Kolonialzeit und ächze und knarre vor Erinnerungen. Aber dieses Geräusch, zusammen mit dem leiseren, das darauf folgte, habe keinen Raum für Zweifel gelassen. Das zweite Geräusch wirkte vorsichtiger. Der Mann schien bedacht, den Fehler, Lärm verursacht zu haben, nicht zu wiederholen. In dem sorgfältigen Versuch, die eigene Anwesenheit zu verbergen, verriet sich eine bewusste menschliche Entscheidung – der Polizei gegenüber drückte sie sich allerdings anders aus. Das zweite Geräusch war auch näher gewesen. Und offensichtlich, ohne jeden Hauch eines Zweifels, stammte es von einem Mann.
Ihrer Aussage nach verstrichen nur wenige Sekunden, bis ein Mann vor ihr in der Tür zu ihrem Arbeitszimmer im Erdgeschoss stand. Sie sagte den Detectives, dass er innezuhalten schien, als schätzte er die Situation ein. Er war ganz in Schwarz gekleidet: Schuhe, dunkle Jeans, enge Winterjacke. Eine Skimaske bedeckte sein Gesicht, nur die Augen waren zu sehen. Er habe sie taxiert, fuhr sie fort, und sie habe sein Starren erwidert. Vermutlich dauerte es nicht länger als eine Sekunde, aber das Verschränken ihrer Blicke erschien ihr endlos. Er musterte sie lange, als suchte er nach etwas.
Sie wollte sich bewegen, konnte es aber nicht. Wie erstarrt war sie, ihre Arme und Beine ebenso wie ihre Kehle. Und was in dieser Sekunde am seltsamsten war: Er wirkte genauso erstarrt. Irgendwie gelähmt. Zwei Menschen starrten einander an und standen der Leere gegenüber.
Aber der Moment ging vorüber. Mit zwei raschen Schritten kam er ins Zimmer. Es waren sehr entschlossene Schritte, als käme er, um etwas abzuholen. Sie sagte der Polizei, dass sie einen flüchtigen Augenblick überlegt habe, ob es sich um einen Raubüberfall handle. Ob er hier sei, um eine ihrer Akten zu stehlen. Oder eher ihren Laptop. Angesichts ihrer Arbeit wäre das kaum erstaunlich: Eine Vielzahl von Menschen hätte gern erfahren, was sie wusste.
Sowohl in ihrem ersten, inoffiziellen Gespräch mit einem Polizeibeamten als auch in ihrer unterzeichneten Aussage erwähnte sie, dass sie auf diese Möglichkeit vorbereitet gewesen sei. Nach dem Einbruch in der Kanzlei hatte sie Panikknöpfe einbauen lassen, die mit einer privaten Wachschutzfirma verbunden waren; zwei davon: einen am Bett und einen in der Küche. Aber keinen im Arbeitszimmer. Um Alarm zu schlagen, musste sie an dem Mann vorbei und den Raum verlassen.
Doch bevor sie Gelegenheit erhielt, sich auch nur zu bewegen, war er bei ihr, schlug ihr mit der flachen Hand gegen die linke Schulter, und schon lag sie am Boden. Und er war auf ihr. Sie sagte den Detectives, die Bewegung sei ihr eingeübt vorgekommen, eine Überwältigungstaktik. In diesem Moment habe sie gedacht: Das macht er nicht zum ersten Mal.
Sofort zerrte er an ihren Kleidern. Eine Hand blieb an ihrer Schulter, mit der anderen öffnete er ihren Gürtel und den Reißverschluss ihrer Hose. Sie versuchte, sich wegzudrehen, aber es gelang ihr nicht: Er war zu kräftig für sie.
Sie beschrieb, wie er sie mit den Knien am Boden festhielt; das eine hatte so hart gegen ihre Hüfte gedrückt, dass sie einen Knochenbruch befürchtete. Er war ihr so nahe, dass sie ihn riechen konnte. In seinen Kleidern hing die Feuchtigkeit von draußen, dieser Geruch von nassem Hund, der vom Regen durchtränkter Wolle anhaftet.
In ihrer Aussage beschrieb sie, dass er die ganze Zeit die Skimaske anbehielt, sodass sie nur seine Augen erkennen konnte. Sie hatte den Eindruck, dass er weder alt noch jung war, sondern irgendwo in der Mitte; vielleicht ein paar Jahre älter als sie. Achtunddreißig oder neununddreißig. Einmal verrutschte seine Maske, und sie glaubte zu sehen, dass er dunkle Haare hatte und seine Wangen stoppelig waren.
Später würde sie ihr Bestes tun, um zu beschreiben, was die Polizei stets als den »Kampf« bezeichnete, auch wenn ihr das Wort fehl am Platz erschien. Sie erinnerte sich, dass sie mehrmals die freie Hand, die rechte Hand, erhoben hatte, um ihm ins Gesicht zu schlagen. Nicht um ihm die Maske herunterzureißen, sondern um ihm wehzutun. Sie wusste noch, dass er das Gesicht verzog, als sie ihm die Fingernägel in den Hals bohrte. Sie kratzte ihn so fest, dass seine Haut aufriss. Zu spüren, wie das Gewebe unter ihren Nägeln nachgab, überraschte sie.
»Das ist gut«, hörte sie ihn murmeln. »Das gefällt mir.«
Bei diesen Worten, berichtete sie den Detectives, habe sie eine Welle der Übelkeit überrollt.
Sie versuchte den Bericht über das, was als Nächstes geschah, so kurz zu halten wie möglich, obwohl die Polizisten sämtliche Einzelheiten von ihr erfahren wollten. Wie er sie mit den Knien festhielt, sodass sie sich nicht rühren konnte, wie er ihr die Jeans herunterzog, wie sein Atem ihr ins Gesicht strömte. Wohin er seine Finger steckte. Wie viele. Was er tat.
Als sie zu erklären versuchte, wie sie reagiert hatte – als sie ihren Gedankenprozess erläutern wollte –, geriet sie ins Stottern. Gedanke sei nicht das passende Wort, es habe keinen Gedanken gegeben, mehr brachte sie nicht heraus. Nichts davon sei in ihrem Kopf abgelaufen. Ihr Körper habe ihr die Entscheidung abgenommen.
Sie hatte sich gewunden, um ihn abzuschütteln, und den Rücken gerade genug gewölbt, um sich vom Boden zu heben. (Sie sagte zu den Detectives, sie habe sich gefragt, ob er ihr die Bewegung bewusst gestattete, weil ihre Körper sich dadurch näher kamen und sie für ihn zugänglicher wurde. Dass er es für ein Zeichen irgendwelchen Einvernehmens gehalten oder es sogar – Gott behüte – genossen haben könnte, so als schmiegte sie sich an ihn. Schon der Gedanke widerte sie an. Doch zugleich war ihr dieser potenzielle Eindruck als nützlich erschienen.)
Sein Atem ging nun schwerer und schneller, seine Konzentration – und ja, sie war sich im Klaren, dass es ein merkwürdiges Wort war, aber genau dieser Begriff kam ihr in den Sinn –, seine Konzentration galt ganz seiner Invasion ihres Körpers. Er schien nicht darauf zu achten, was sie mit dem rechten Arm tat, der die Schreibtischplatte erreichen konnte. Er bemerkte nicht, dass sie sich mit den Fingern daran festkrallte und verzweifelt über die Fläche scharrte.
Schon bald gelangte sie mit den Fingern höher und fand die Kante ihres Laptops. Nun war sie fast am Ziel.
Von seiner überlegenen Kraft nach wie vor an Ort und Stelle gebannt, erreichte sie mit der Hand endlich, wonach sie suchte: das kühle, harte Metall des schwersten Gegenstands auf ihrem Schreibtisch. Er war nicht größer als eine Faust, eine kleine und nicht sonderlich bemerkenswerte Büste Ciceros. In ihrer Aussage erklärte sie, die Büste sei das Geschenk eines Ex-Freundes gewesen, während einer Dienstreise nach Rom in einem kitschigen Souvenirladen gekauft. (Für Natasha: Siehe, ein großer Jurist von gestern – für eine große Juristin von heute.)
Sie zögerte nicht, sie plante nicht. Ohne nachzudenken, ergriff sie die Büste, vergewisserte sich, dass sie ihr fest in der Hand lag, und senkte sie langsam, bis sie auf gleicher Höhe mit seiner Schläfe war. Er sah die Büste nicht. Er war zu sehr auf sich konzentriert.
Sie holte aus, verharrte eine Sekunde, und als wäre ihre Hand ein Katapultarm, schlug sie so schnell zu, wie sie nur konnte. Mit voller Wucht traf sie ihn seitlich am Schädel. Metall prallte gegen Knochen.
Das resultierende Geräusch war laut und erschien ihr doch leiser als die Stille, die darauf folgte: eine plötzliche Stille nach dem Lärm des Kampfes, dem Atmen, dem Winden und dem Schmerz, eine Stille, die den Raum und auch den Rest des Hauses füllte.
Sein Kopf sackte sofort nach vorn, sein Gesicht landete auf ihrem.
Ihre Haut wurde feucht und glitschig. Sie sagte der Polizei, zuerst habe sie angenommen, dass es sein Blut wäre.
Langsam öffnete sie die Hand, und die Büste entglitt ihren Fingern. Sie versuchte, sich unter ihm hervorzuwinden, aber er lag noch immer auf ihr, ein totes Gewicht. Ihr Gesicht wurde feuchter. Mit der freien Hand tupfte sie sich die Haut ab, und als sie ihre Finger anblickte, sah sie, dass die warme Feuchtigkeit wasserklar war. Der Polizei sagte sie, dass sie an einen Mordfall denken musste, den sie einige Jahre zuvor vor Gericht gebracht hatte. Daher wusste sie, um was es sich handelte: Liquor cerebrospinalis, Gehirnwasser. Noch wenige Sekunden zuvor hatte die Flüssigkeit das Gehirn des Mannes in seinem Schädel abgepolstert.
Jetzt war sie davon bedeckt. Ihrer Polizeiaussage zufolge war das der Augenblick, in dem sie begriff, dass der Mann tot war und sie ihn getötet hatte.
Sie sagte der Polizei, dass sie einige Mühe gehabt habe, seine Leiche von sich zu wälzen, dass sein Gewicht zuzunehmen schien, während das Fleisch reglos auf ihr lag. Sie hatte ihre Arme, ihre Knie, ihren Torso einsetzen müssen, bis endlich die Leiche von ihr herunterrollte und auf dem Rücken liegen blieb. Erst da sah sie den feuchten Fleck auf seinem Hosenboden und begriff, dass der Schließmuskel versagt hatte.
In ihrer schriftlichen Aussage erklärte Natasha Winthrop, dass sie nun erst die Skimaske abgezogen und dem Mann ins Gesicht geblickt habe. Sie fügte nicht hinzu, dass sie erst jetzt in vollem Umfang erfasste, was sie getan hatte.
»Maggie, wie zum Teufel geht es Ihnen?«
»Mir geht es gut, Senator. Mir geht es gut. Wie geht es Ihnen? Sind Sie okay?«
»Darauf können Sie wetten, Maggie! Darauf können Sie Ihr Leben verwetten. Kommen Sie. Nehmen Sie Platz. Gleich hier. Genau. Toll. Also, lassen Sie sich mal gut anschauen. Es ist eine Weile her, was?«
Maggie Costello merkte, wie ihr Kiefer und ihre Wangen den traditionellsten aller Washingtoner Gesichtsausdrücke bildeten: das eingefrorene Grinsen. Dass sie lächelte, wurde von ihr erwartet. Diese Verpflichtung schloss ostentative Dankbarkeit ein. Hier war sie und bekam einen Termin, ein Gespräch unter vier Augen, ein Frühstückstreffen – wenn auch ohne Frühstück – mit dem Spitzenkandidaten ihrer Partei für die US-Präsidentschaft, einem Mann, der auf der ganzen Welt anerkannt und in den USA (wenigstens auf ihrer Seite des politischen Spektrums) geliebt wurde. Siebzig Jahre war er alt und arbeitete schon fast ein halbes Jahrhundert in Washington. Senator Tom Harrison war eine lebende Legende.
Natürlich sollte sie dankbar sein: Der Mann mochte durchaus der nächste US-Präsident werden, und er hatte sie um ein Gespräch gebeten, nicht umgekehrt. Solch eine Konstellation war so selten, dass Maggie sie eigentlich genießen, sich in ihr sonnen sollte. Wäre Washington ein Dschungel gewesen, und bei Gott, hier herrschte hin und wieder durchaus die nötige feuchte Hitze, so war dies der kostbare Augenblick, in dem der Alpha-Gorilla vor ihr das Haupt neigte. Also ja, sie sollte verdammt noch mal lächeln.
Sie behielt das Grinsen bei, während Harrison sein Wunderwerk vollbrachte. Ohne auch nur einen Notizzettel vor sich zählte er die Glanzpunkte ihres Lebenslaufs auf: die Arbeit, die sie unter den letzten beiden Präsidenten für das Weiße Haus vollbracht hatte – bereitwillig für den einen, für den anderen alles andere als das. Jeden ihrer Erfolge erwähnte er, vor allem die Katastrophen, die sie abgewendet hatte, und das keineswegs, weil er glaubte, sie könnte etwa vergessen haben, was sie in den vergangenen paar Jahren so getrieben hatte. Allerdings gab es in dieser Stadt etliche Männer, die gegenüber einer Frau wie ihr bei der ersten Gelegenheit auf ihren eigenen Lebenslauf zu sprechen gekommen wären. Er ging die Liste nur deshalb durch, damit sie wusste, wie genau er ihre Leistungen kannte.
»Ich muss schon sagen, Maggie, Sie sind eine meiner Heldinnen. Und das ist mein Ernst.«
Er klopfte sich aufs Herz und schüttelte den Kopf, als wäre er von der Aufrichtigkeit seiner Empfindungen überwältigt. »Ich meine, was Sie bei dieser Geschichte mit den Bücherverbrennungen gemacht haben? Gottverdammt noch mal, das war schon was. Und ich will gar nicht davon anfangen, wie Sie den Präsidenten bloßgestellt haben und …«
»Danke, Senator!«
»Nein! Wir sollten Ihnen danken. Mein Gott, was Sie für Amerika getan haben. Für die ganze Welt! Das ist riesig, Maggie. Riesig, und das sage ich aus tiefstem Herzen.«
»Vielen Dank!«
»Aber – und ich hoffe, das freut Sie – ich will gar nicht über Ihre Feuerwehreinsätze reden, Ihr Troubleshooting, das Sie, verstehen Sie mich nicht falsch, so gut beherrschen. Niemand in dieser Stadt macht es besser. Niemand.« Er bedachte sie mit seinem längsten, offensten Blick. Am Ende war sie es, die wegsehen musste.
»Aber deswegen habe ich Sie nicht gerufen. Ich brauche keine Feuerwehr in meinem Team.« Mit jenem leisen Lachen in der Stimme, das jedem Amerikaner so vertraut war wie das Klingeln der eigenen Türglocke, fügte er hinzu: »Ich habe nicht vor, allzu viele Brände zu legen.«
»Okay.«
»Na ja, einigen will ich schon einheizen! Aber Sie wissen, was ich meine, Maggie. Denn«, und bei diesem Wort trat ein Singsang in seine Stimme, der die Rolle eines unhörbaren Trommelwirbels übernahm, »ich erinnere mich, was Sie ursprünglich in diese Stadt geführt hat.«
»Wirklich?« Sie unterdrückte den Drang hinzuzufügen: Ich nämlich nicht.
»Oh ja, Maggie. Ich bin schon lange dabei. Und ich erinnere mich, dass ein gewisser Bewohner des Oval Office Sie als Spezialistin für Außenpolitik eingestellt hat, korrigieren Sie mich, sollte ich mich irren. Sehen Sie …« – er tippte sich an die Schläfe –, »Sie sollten nicht glauben, was Sie in der New York Times lesen, diesen ganzen Bullshit von wegen ›Senator von vorgestern‹. Ich habe noch immer das beste Gedächtnis unseres Metiers. Ich bin schon so lange dabei, Maggie, dass ich noch Wörter wie Metier benutze, und deshalb weiß ich auch: In die Regierung geholt wurden Sie wegen Ihrer Erfolge im Nahen Osten. Maggie Costello, die Friedensstifterin.«
»Das ist lange her.«
»Nicht so sehr lange. Für eine Frau Ihres Alters ist noch nichts lange her. Wie alt sind Sie, dreiunddreißig? Vierunddreißig? Mein Stab sieht mich böse an. Wieso? Verstößt es mittlerweile schon gegen das Gesetz, das Alter einer Frau zu erwähnen? Jetzt ist es aber mal gut. Craig, holen Sie mir ein Soda oder so was. Maggie, irre ich mich?«
»In Bezug auf mein Alter oder auf Jerusalem?«
»Jerusalem. So etwas machen Sie doch, richtig? Diplomatie, Schlichtungen, NGO-Hintergrund, Vereinte Nationen? Das ist Ihr Ding.«
»War es.«
»Ich fange damit an, weil wir einen Riesenhaufen Mist werden beseitigen müssen, sobald wir diese Meute in die Wüste geschickt haben, das können Sie mir glauben. Und damit meine ich M-I-S-T in Großbuchstaben. Was diese Leute auf der ganzen Welt angerichtet haben, bei unseren Freunden, bei unseren Verbündeten? Ich brauche Ihnen das nicht zu erklären. Sie lesen Zeitung, Sie wissen Bescheid. Süßer Jesus, Sie wissen es.«
Obwohl sie es nicht wollte, spürte Maggie, wie ihr schwindlig wurde, als strömte ihr ein warmer Nebel in den Kopf, der gleich davonschweben könnte.
Dass jemand in ihr etwas anderes als eine Krisenmanagerin sah, hatte sie so lange nicht mehr erlebt, dass sie kaum wusste, was sie antworten sollte. Sicher, genau das hatte sie immer gewollt: als eine Person mit Erfahrung betrachtet zu werden, statt kaum mehr denn nur eine bessere Notrufnummer zu sein.
»Also denken Sie an das National Security Council, ist das richtig?« Sie bemühte sich, in ruhigem Ton zu sprechen. »Auch wenn wir natürlich nichts als gegeben betrachten – aber wenn Sie gewinnen, entweder Außenministerium oder NSC?«
»Wie Sie sagen, wir betrachten nichts als gegeben, Maggie. Gar nichts. Wir messen nicht die Fenster aus, bevor wir ins Weiße Haus eingezogen sind. Das ist eine Regel. Selbstzufriedenheit bringt einen um in diesem Spiel. Sie bringt einen um. Wir nehmen nichts als gegeben hin, bis meine Hand auf der Bibel liegt und ich den Eid ablege – und nicht einmal dann! Ellen rollt jetzt meinetwegen mit den Augen. Tut mir leid, Maggie. Einige von ihnen haben es schon vorher gehört. Aber es ist mir ernst damit. Keine Selbstzufriedenheit.«
»Sicher. Aber dem nationalen Sicherheitsteam anzugehören?«
»Wie bitte?«
»Ich. Meine Rolle. Dass ich dem nationalen Sicherheitsteam angehören werde.«
»So sehe ich Sie, Maggie. Sie sind zäh. Das sagen alle. So sind wir eben, was, Maggie? Irische Kämpfernaturen. Mein Urgroßvater mütterlicherseits. Donegal. Habe ich Ihnen gesagt, dass ich vor ein paar Jahren dort war, als ich dem Ausschuss für Internationale Beziehungen vorsaß? Sie haben den roten Teppich ausgerollt, das kann ich Ihnen sagen. ›Der verlorene Sohn kehrt heim.‹ Macht man das für Sie auch, wenn Sie nach Hause kommen? Natürlich macht man das. Sie sind ein Rockstar. Tun Sie bloß nicht bescheiden.«
Maggie zögerte, ein Innehalten, das ihr vertraut war. Einerseits wollte sie nicht auf dem Punkt herumreiten, wollte nicht pedantisch oder als öde Wortklauberin erscheinen oder als zu anspruchsvoll. Andererseits erkannte sie die ausweichende Antwort eines Politikers, wenn sie eine hörte.
So sehe ich Sie bedeutete nicht das Gleiche wie Ja.
»Also ist das ein Ja? Designiertes Mitglied im nationalen Sicherheitsteam?«
Harrison seufzte leise, aber er fasste sich schnell und blitzte sie mit seinen blendend weißen Zähnen an. Er hatte sie anscheinend kürzlich frisch bleichen lassen, zweifellos wegen des anstehenden Wahlkampfs. »Schauen Sie, am liebsten würde ich Ihnen so viel Spielraum geben wie möglich. Freie Hand.« Er legte das ganze Gesicht in Falten. »Ich möchte Sie nicht mit einem engen kleinen Titel festlegen. Ihnen Grenzen setzen. Dazu sind Sie zu groß.«
Sie lächelte und rief sich ins Bewusstsein, dass in Washington ein Kompliment nur mit großer Vorsicht angenommen werden sollte. Fast immer handelte es sich um ein Ablenkungsmanöver oder einen Trostpreis, ein Zeichen, dass man das eigentliche Ziel verfehlt hatte.
»Sie wollen, dass ich für andere Dinge frei bin.«
»Ich möchte, dass Sie während des ganzen Wahlkampfs Autorität haben.«
»Falls uns irgendetwas um die Ohren fliegt.«
»Genau. Sie haben es begriffen.«
»Also Troubleshooterin.«
»Ja! Ich meine, nein. Ganz und gar nicht.«
»Es ist okay. Wenn es Ihnen darum geht, brauchen Sie es nur zu sagen.«
»Nein, verstehen Sie mich nicht falsch. So meine ich das nicht … aber andererseits … Sehen Sie, jetzt haben Sie mich ganz durcheinandergebracht. Ich wette, das hören Sie von vielen, hm? Nein, im Ernst, Maggie. Ich schätze Ihre Erfahrung auf dem Gebiet der Außenpolitik. Wirklich. Aber wenn wir in Turbulenzen geraten – und ich habe nicht vor, es so weit kommen zu lassen, glauben Sie mir –, aber wenn wir unruhige Luftmassen durchfliegen müssen, dann möchte ich mich gern an den Navigationsoffizier meines Vertrauens wenden können. Und das könnten dann sehr gut Sie sein, Maggie. Ich sage Ihnen nur, was Sie schon wissen. Sprechen Sie mit jedem in der Stadt, und er wird es Ihnen sagen: ›Wenn man in die Grube fällt, dann will man Maggie Costello an seiner Seite haben – denn, bei Gott, sie holt einen da wieder raus.‹«
Danach ging es um den Stand des Wettlaufs zum Amt; er habe sich bereits die wichtigsten Unterstützer gesichert, und jetzt sähen die Dinge, klopf auf Holz, schon sehr gut aus. Er vergewisserte sich, dass sie trotz ihrer irischen Herkunft im Besitz der vollen US-Bürgerrechte war. Maggie bestätigte es. Ja, sie sei bereits vor Jahren eingebürgert worden und habe vom FBI die Ermächtigung erhalten, für die vorherigen Regierungen zu arbeiten. Daher sollte es kein Problem sein, auch für die nächste tätig zu sein. Beide lächelten sie über das Selbstvertrauen – natürlich ohne Selbstgefälligkeit – dieser Aussage.
Maggie fiel auf, dass der zukünftige Präsident kein einziges Mal über seine Vision für das Land in den nächsten vier Jahren sprach oder programmatische Grundsätze andeutete, weder innen- noch außenpolitischer Art. Dem am nächsten kam noch die Bemerkung, dass dem Nachfolger des amtierenden Präsidenten, wer immer das sei, umfangreiche Aufräumarbeiten bevorstünden. Er müsste das Chaos beseitigen, das der Amtsinhaber verursacht habe und täglich noch verursache. Angesichts der verheerenden letzten Jahre erschien Maggie dieser Ansatz als ausreichend. Allein den angerichteten Schaden zu reparieren war eine Herkulesaufgabe.
Mitarbeiter gingen während des ganzen Gesprächs ein und aus, aber nun blieb jemand mit angespannter Miene an der Tür stehen, die besagte: Jetzt meine ich es ernst – Sie müssen langsam fertig werden. Harrison stand auf, unterdrückte ein leises Ächzen wegen der Anstrengung, schüttelte Maggie die Hand und ging zur Tür. Maggie hatte sich gebückt und in die Handtasche gegriffen, als sie zusammenfuhr, denn sie spürte zwei Hände auf ihren Schultern, die sie leicht nach hinten zogen. Im nächsten Moment atmete ihr jemand ins Ohr, und Harrison flüsterte: »Kann es nicht erwarten, Sie an Bord zu nehmen.«
Unwillkürlich erstarrte sie, und genauso instinktiv zog sie den Hintern ein, als wollte sie verhindern, dass er sie dort kniff oder schlug. Nichts geschah, aber ihr Körper war darauf vorbereitet. Als sie über ihre Schulter sah, war der Politiker schon zur Tür heraus, umgeben von einer Schar aus Mitarbeitern, darunter, wie sie nun bemerkte, mehrere Frauen, von denen wenigstens zwei noch in den Zwanzigern waren.
Kann es nicht erwarten, Sie an Bord zu nehmen. In gewisser Weise eine unschuldige Bemerkung, wie ein männlicher Boss sie machte, um zukünftigen Angestellten zu schmeicheln; egal ob Mann oder Frau. Hinzukommen, dem Team angehören, in die Gang eintreten. Aber es auf diese Weise zu sagen, geflüstert, ins Ohr gehaucht, hatte einen anderen Beiklang. Einen, der in etwa auf Folgendes hinauslief: Kann es nicht erwarten, Sie zu nehmen.
Bei diesem Tonfall, und weil die Bemerkung sich nur an sie gerichtet hatte, absichtlich außer Hörweite der übrigen Teamangehörigen, klang sogar das »an Bord« irgendwie sexuell, als wäre es ein Euphemismus für etwas anderes. An Bord, am Bett, im Bett. Kann es nicht erwarten, Sie zu nehmen.
Die Gedanken galoppierten im Wettlauf, während sie erstarrt im Besprechungsraum stand. Ihr Gesicht war heiß; sie war rot geworden.
Im nächsten Moment überfiel Maggie die Erkenntnis, dass sie nichts gesagt hatte – dass sie stumm dagestanden, kein einziges Wort, nicht einmal einen Laut des Protests herausgebracht hatte. Mit dem Begreifen kam Wut. Nicht primär auf ihn, den möglichen, ja wahrscheinlichen nächsten US-Präsidenten, sondern auf sich selbst. Wie konnte es sein, dass sie nichts sagte? Wieso hatte sie ihm erlaubt, sie so übergriffig anzufassen, sie fast zu massieren? Was für ein Beispiel hatte sie damit den beiden jungen Frauen in seinem Gefolge gegeben? Hatte sie ihnen durch ihr Schweigen nicht gesagt, dass man nichts tun könne, dass Widerstand unmöglich sei, dass sie es einfach über sich ergehen lassen müssten? Wenn sogar Maggie Costello, eine anerkannte Mitspielerin des Washingtoner Geschehens mit wohlverdientem Ruf, nicht zurückschlagen konnte, welche Hoffnung hatten dann erst sie?
Als sie ihre Handtasche ergriffen hatte und zur Tür ging, setzte die Gegenreaktion ein: Vielleicht übertrieb sie es einfach. Es war eine freundliche Geste gewesen. Eine kleine Schultermassage, schwerlich das Ende der Welt. Und er ist ein alter Mann aus einer anderen Zeit. Als er aufwuchs, waren Männer eben so; niemand hat ihnen je gesagt, dass sie sich falsch verhielten. Außerdem mögen die Leute freundliche, menschliche Politiker, nicht wahr? Beschweren wir uns nicht ständig, wenn sie zu roboterhaft sind, zu sehr Manager, zu schulmeisterlich? Was er getan hat, unterscheidet sich nicht von einem Schulterklopfen und einem ermutigenden Wort: Gut, Sie dabeizuhaben. Komm darüber hinweg.
Im Fahrstuhl nach unten ließ sie die beiden inneren Stimmen die Sache ausfechten, und als Maggie wieder draußen auf der Straße stand, bestand ihr Hauptgedanke in dem Unglauben, dass sie schon wieder diesen inneren Streit durchlitt. Wie oft hatte sie das während ihrer Karriere schon durchgemacht, im Laufe ihres Lebens? Eine kleine unbedeutende Geste oder Bemerkung, die einen aus dem Gleichgewicht brachte, sogar erschütterte, aber nicht so stark beeinträchtigte, dass man deswegen etwas unternahm. Diese Episode, die in der Grauzone blieb und einen ohne klare Vorstellung zurückließ, was zu tun war.
Sie winkte ein Taxi heran und wollte schon eine E-Mail an die Wahlkampfleitung schicken, in der sie dankend ablehnte. Doch sie überlegte es sich. Vorschnell: Wenn sie das tat, würden sie annehmen, dass sie damit auf das reagierte, was gerade geschehen war. Allein daraus schon würde sich etwas entwickeln. Im Augenblick wollte sie aber nicht, dass sich etwas daraus entwickelte. Nicht zuletzt, weil Tom Harrison vielleicht die Wahl gewann und sie weiterhin in dieser Stadt zu Mittag essen wollte.
Stattdessen öffnete sie eine WhatsApp-Nachricht von ihrer Schwester, eingetroffen vor fast einer Stunde, als sie noch in der Sitzung war.
Darin stand nur: Wow! Angehängt war ein Videoclip, den Maggie schon kannte, denn seit Ende vergangener Woche wurde er wie verrückt geteilt. Aber dass Liz ihn an sie weitergeben wollte, weckte dennoch Maggies Interesse. Obwohl sie es Liz niemals ins Gesicht gesagt hätte, diente ihre Schwester ihr als einköpfige weibliche Fokusgruppe, als verlässliche Sprecherin für die wirkliche Welt. Als Lehrerin und Mutter zweier Kinder, die in Atlanta wohnte, hatte Liz das politische Tagesgeschäft nie kennengelernt, geschweige denn zu ihrer Existenz gemacht. Dieser Umstand hatte in Maggies Kopf ein Arbeitsprinzip erschaffen, das ihr mittlerweile wie ein politisches Naturgesetz erschien: Wenn etwas – die Botschaft eines Kandidaten oder ein politischer Skandal – Liz erreicht hatte, dann wusste jeder im Land davon. Dann war es wirklich zu den Menschen durchgedrungen.
Maggie klickte das Video an, zum vierten Mal. Sie wollte es mit den Augen ihrer Schwester betrachten und war neugierig, was Liz darin gesehen hatte. Bereits zwei Millionen Mal, informierte das Smartphone sie, war der zweiundvierzigsekündige Videoclip aufgerufen worden. Er zeigte eine Frau Mitte dreißig mit kurzen dunklen Haaren und zwingenden grünen Augen. Maggie las die Kommentare, die darunter gepostet waren, einschließlich dem eines Journalisten, der zu den Ersten gehört hatte, die das Video teilten, mit diesen Worten:
Wenn unsere Politik kaputt ist, und das ist sie, müssen wir uns vielleicht woanders umschauen als bei der konventionellen Politik und den konventionellen Politikern. Vielleicht wird es Zeit, uns jemanden zu suchen, der frisch und unbefleckt ist. Jemanden, der andere inspiriert und ein echtes menschliches Wesen ist. Jemanden wie Natasha Winthrop.
Nachdem sie den Notruf gewählt hatte, rührte Natasha Winthrop sich kaum. Minute um Minute stand sie in ihrem Arbeitszimmer und starrte auf den reglosen Körper auf dem Fußboden. Sein Anblick lähmte sie.
Ihr Entsetzen erschien ihr jetzt womöglich größer, als es gewesen war, während er noch lebte. Da hatte sie wenigstens noch unter Adrenalin gestanden. Jetzt sank der Pegel und hinterließ blanke Furcht. Sie konnte den Blick nicht von dem Mann zu ihren Füßen nehmen, nicht von dessen weit offen stehenden Augen. Das war das Merkwürdigste: Sie war allein im Haus, aber nicht ganz allein. Sie war mit ihm hier.
Die Stimme der Vernunft, die innere Stimme, der sie gewöhnlich am meisten vertraute, sagte ihr, dass »er« nun ein »Es« sei. Dass seine Leiche keine Gefahr mehr darstelle, dass sie ihr kein Leid zufügen konnte. Aber sie hörte nicht auf diese Stimme. Sie konnte sie kaum hören. Die Stimme wurde übertönt von der nackten Angst, die durch ihre Adern pumpte.
Die Angst setzte sich aus mehreren Komponenten zusammen. Angst vor einem Leichnam, ganz gewiss. Wenn sie mehr Strafrecht behandelt hätte, dachte sie, mehr Mordfälle bearbeitet, hätte sie sich vielleicht schon vor Jahren an solch einen Anblick gewöhnt. Aber für sie war allein die Gegenwart eines Toten absolut entsetzlich. Hinzu kam die urtümliche Angst vor einem Eindringling im eigenen Haus, gleich hier im selben Zimmer. Diese Angst war nicht abgeflaut, bloß weil der Einbrecher tot war. Nach wie vor beherrschte sie die Angst vor dem, was er ihr antun wollte, was er ihr angetan hatte. Sein Gesicht war noch immer da. Sie konnte es ansehen.
Zweimal stellte sie sich vor, wie er erneut die Oberhand gewinnen würde, als wäre sein regloser Zustand etwas Vorübergehendes, als könnte er sich aufrappeln und weitermachen. Vielleicht war es bloß ein Trick, damit sie in ihrer Wachsamkeit nachließ. Vielleicht verschaffte es ihm einen zusätzlichen Kick, sich totzustellen.
Auf seltsame Weise glaubte sie nicht, dass sie ihn getötet hatte. Er war ein kräftiger, gewalttätiger Mann. Monströs war er. Dass sie ihn besiegt haben sollte, leuchtete ihr nicht ein. Sicher, sie war fit: Sie konnte ohne große Schwierigkeiten zehn Kilometer rennen. Sie war relativ hochgewachsen.
Aber die Vorstellung, dass sie einen Mann wie ihn überwältigt haben sollte – einen Mann wie ihn in die Knie gezwungen und getötet … Wie sollte so etwas möglich sein? Dafür musste es eine andere Erklärung geben; eine abweichende Tatsache, die ihr nur nicht bekannt war.
Stundenlang blieb sie gelähmt, wie sie war; zumindest kam es ihr so vor. Sie bewegte sich erst, als ihr bewusst wurde, dass ihre Bluse nass war, weil er seine Spuren auf ihr hinterlassen hatte. Sie empfand den unbändigen Drang, das Kleidungsstück auszuziehen, sich auf der Stelle davon zu befreien. Sie knöpfte die Bluse auf und streifte sie ab.
Da schaltete sich die Stimme der Vernunft, die Juristenstimme, ein und befahl ihr, innezuhalten. Sie musste bleiben, wie sie war. Sie durfte nicht die geringste Kleinigkeit ändern. Die Polizei musste die Bluse an ihr vorfinden, unverfälscht … kontaminiert. Sie musste den Polizisten zeigen, was geschehen war. Die Bluse war Beweismaterial. Eine Spur.
Eine Erinnerung stieg in ihr auf, die Erinnerung an eine Kollegin, die vor einer Gruppe von Anwältinnen einen Vortrag über Vergewaltigungsfälle gehalten hatte und später zu einer Freundin geworden war. Sie hatte ausgeführt, dass zahlreiche Vergewaltiger sexuelle Funktionsstörungen an den Tag legten. Entweder könnten sie keine Erektion bekommen, und wenn doch, neigten sie zu vorzeitigem Samenerguss.
»Das Seltsame ist, dass es ihnen offenbar egal ist«, hatte ihre Freundin der Gruppe erklärt, die gebannt zuhörte. »Für sie ist die Penetration nicht das Wichtigste.« Der große Kick kam für solche Leute anscheinend erst später, wenn sie sich vor Augen führten, was sie getan hatten, und masturbierten: Insbesondere genossen sie dabei die Ängste, die ihr Opfer ausgestanden hatte. Diese Angst war, was sie erregte. Natasha schauderte es bei der Erinnerung an den Vortrag.
Und dann kam er, der laute dumpfe Schlag. Ein einzelnes Geräusch. Hier ist noch jemand, dachte sie. Sie rührte sich nicht. Sie wartete auf ein zweites Geräusch, das Knarren einer Bohle über ihr, die ihr die Richtung verriet, in die der zweite Einbrecher ging. Dann wüsste sie sicher, wer hier war und wie nah er war.
Als es ertönte, war das Geräusch deutlich und konstant. Wiederholte sich dreimal. Aber es kam aus der falschen Richtung. Es schien von draußen zu kommen.
Sie brauchte einen langen Augenblick – zehn, fünfzehn Sekunden –, um zu begreifen, dass sie gehört hatte, wie jemand an die Tür klopfte. Erst als ihr das, mit einem Bruchteil der normalen Geschwindigkeit, bewusst geworden war, vernahm sie das Klopfen erneut. Und eine Stimme. »Miss Winthorpe? Miss Winthorpe, hören Sie mich? Hier ist die Polizei.«
Da sank ihr Adrenalinspiegel noch weiter. Bis hierhin, begriff sie, hatte sie sich in einem Zustand erhöhter Aufmerksamkeit befunden und noch die kleinste Kleinigkeit wahrgenommen. Sie sah sich als ein Tier, bei dem sich jedes einzelne Haar seines Fells aufgestellt hatte, dessen Nüstern zuckten, bei dem jede Nervenendung auf das leiseste Geräusch, den schwächsten Geruch oder das geringfügigste Gefahrensignal achtete. Jetzt aber, wo noch jemand im Haus war – um ihr zu helfen –, ließ ihre Wachsamkeit nach und gestattete dem Adrenalinpegel abzusacken. Die Folge war völlige Erschöpfung.
Sie sah zu, wie eine Vielzahl unterschiedlicher Leute eintraf und das Haus immer voller wurde. Sie konnte ihre Namen nicht aufnehmen, und wie immer hatten sie Schwierigkeiten mit ihrem Namen. »Ich heiße Winthrop«, hörte sie sich mehrmals sagen. »Nicht Winthorpe. Winthrop.«
Was ihr jedoch auffiel, von Anfang an: eine Unschlüssigkeit in ihren Gesichtern, die ihr verriet, dass die Situation vom kriminalistischen Standpunkt her unangenehm kompliziert war. Sie sah es an den beiden Streifenbeamtinnen, die zuerst ans Haus kamen: zwei junge Frauen, eine Afroamerikanerin und eine Latina, beide schwer bewaffnet. Sie schienen unsicher, wie sie Natasha ansprechen sollten. Sollten sie den mitfühlenden Tonfall anschlagen, den sie zweifellos in der Ausbildung lernten und welcher Situationen vorbehalten war, in denen sie es mit Opfern von sexualisierter Gewalt, von Vergewaltigung zu tun hatten? Sollten sie Natasha hinsetzen, ihr eine Tasse Kaffee machen und sie bei der Hand nehmen? Oder sollten sie formell und vorsichtig bleiben, denn immerhin hatten sie es mit einer Frau zu tun, die für eine Leiche auf dem Fußboden verantwortlich war?
Sie lösten das Dilemma, indem sie so gut wie nichts sagten. Jedenfalls nicht zu Natasha. Stattdessen sprachen sie in ihre Funkgeräte, redeten mit »Dispatch« und einer Vielzahl anderer Stimmen, die aus dem Rauschen und Knistern drangen.
Sie beobachteten sie aber: Sie stellten sicher, dass sie nichts anrührte und nirgendwohin ging.
Nicht lange, und im Haus wimmelte es von Menschen. Manche trugen volle forensische Ausstattung: Latexhandschuhe und Schuhüberzieher aus Papier. Als gingen sie gleich in den OP. Natasha wurde aus dem Arbeitszimmer geführt. Aber die Leiche – er – blieb dort zurück.
Unter den verschiedenen Detectives und vorgesetzten Streifenbeamten war eine Frau, deren alleinige Aufgabe darin bestand, sich um Natasha zu kümmern.
Sie hieß Sandra und stellte sich als Betreuerin vor, aber jemand anders bezeichnete sie als Sexual Offences Investigative Techniques Officer, eine Spezialistin für die Untersuchung von Sexualstraftaten. Sandra war tüchtig und effizient, hatte aber eine angemessen weiche Stimme und erklärte, was geschehen musste, einen Schritt nach dem anderen. Oft beendete sie einen Satz mit »Können Sie das für mich tun?« oder »Ist das für Sie in Ordnung, Natasha?«.
Als Erstes brachte Sandra sie ins Schlafzimmer, damit sie sich umziehen konnte, langsam und sehr vorsichtig. Sowie Natasha ein Kleidungsstück ablegte, nahm Sandra es entgegen und steckte es in seinen eigenen Plastikbeutel mit Druckverschluss. Sie trug dabei Latexhandschuhe und erläuterte, dass jedes einzelne Stück einen winzigen Fleck mit DNA aufweisen könnte, mit dem man den »Angreifer« identifizieren würde.
Sie benutzte dieses Wort. Allmählich dämmerte es Natasha, dass der Tatort des Vergewaltigungsversuchs an ihr nicht das Arbeitszimmer im Erdgeschoss war – der Schauplatz des Verbrechens war vielmehr ihr eigener Körper.
Normalerweise hätte die Vorstellung, sich vor einer Fremden auszuziehen – und zwar vollständig –, Natasha aus der Fassung gebracht. (Allerdings nicht so sehr wie manch andere Frau: Wenn man sich einmal in einem Internat in Massachusetts das Zimmer mit fünf anderen Mädchen geteilt hat, stellt Privatsphäre ein eher relatives Konzept dar.) Sie war jedoch zu betäubt, um sich zu widersetzen.
Einmal fragte Natasha, ob sie das Bad benutzen dürfe.
»Ich weiß, dass das wirklich schwierig ist, aber es wäre besser, wenn Sie noch ein wenig einhalten würden, bis ein Arzt Sie untersucht hat«, sagte Sandra. »Schaffen Sie das für mich?«
Sandra redete mit ihr, als wäre Natasha erst sieben. Normalerweise hätte sie die Polizistin dafür heruntergeputzt. Jetzt aber tat Natasha, was ihr gesagt wurde, langsam und benommen. Als hätte sie an sich selbst den Schalter auf »Energiesparmodus« umgelegt.
Am Ende wurde sie, nun in einer sackartigen Jogginghose und einer weiten Fleecejacke, nach unten geführt. Das Erdgeschoss war unvertraut: Bereiche waren mit Band abgesperrt, allerorts fuhrwerkten Beamte in weißen Kriminaltechnikeranzügen, und über allem lag das Geknister von Polizeifunkgeräten. Natasha setzte sich auf den Platz, den Sandra ihr zuwies.
Sie konnte nicht sagen, wie viel Zeit verstrich. Es konnten Minuten, es mochten Stunden gewesen sein. Sie merkte, dass ihre Bewegungen sich genauso verlangsamt hatten wie ihre Auffassung dessen, was um sie herum vorging. Sie fühlte sich gedämpft. Trotzdem fiel ihr eines ins Auge.
Sie beobachtete zwei Polizeibeamte – eine der beiden Frauen, die zuerst eingetroffen waren, und einen höheren Detective – in ein Gespräch vertieft.
Sie erstattete ihm Bericht und las aus ihrem Notizbuch vor. Der Detective hörte ihr aufmerksam zu und nickte dabei.
Vielleicht lag es an ihrem Beruf, aber Natasha verstand, Situationen wie diese einzuordnen. Vor Gericht war es immer nützlich, wenn man merkte, ob jemand etwas hörte, das ihm neu oder für ihn heikel war. Und genau das sah sie jetzt. Augenblicklich, ganz ungeachtet dessen, wie benebelt ihr Gehirn vom Schock war, sah sie, dass dieses Gespräch zwischen den beiden Polizeibeamten keine Routineangelegenheit darstellte.
Die junge Polizistin berichtete ihrem Vorgesetzten etwas Wichtiges und Erstaunliches. So viel stand beiden ins Gesicht geschrieben. In den Augen des Detectives zeigte sich zuerst Überraschung, dann Interesse, schließlich eine Art Genugtuung, als hätten sich seine Vermutungen in einem entscheidenden Punkt als richtig erwiesen.
In diesem Moment war Natasha sicher, dass die Polizei etwas gefunden hatte. Und ohne zu wissen, wie oder wieso oder worum es sich handelte, wusste sie, dass es bei den Ermittlern den Verdacht erweckt hatte, sie habe ihnen nicht die ganze Geschichte erzählt.
Der 7-Uhr-45-Besprechung saß der Mann vor, der allgemein – bei seinen Kritikern, Kollegen und vielleicht sogar im engsten Familienkreis – als Ratface bekannt war. Sein offizieller Titel lautete Assistant Chief of Police of the Metropolitan Police Department for Washington, D. C. (Investigative Services), aber jeder im Raum nannte ihn Ratface. Der Spitzname besaß weder eine verborgene Bedeutung, noch spielte er auf etwas an; er war wörtlich gemeint: Der Assistant Chief hatte ein Gesicht wie eine Ratte.
Gewöhnlich war die Besprechung langweilig, eine Vorlesestunde. Die sieben Distriktleiter des Departments brachten die Kollegen auf den aktuellen Stand zu laufenden Ermittlungen und neuen Fällen, die sich im Lauf der Nacht ergeben hatten. Als wäre die Aufstellung von Fällen eine Einkaufsliste, betete jeder der sieben sie mit einer Monotonie herunter, die andeutete, jeder einzelne Stichpunkt sei Routinesache und erfordere keine weitere Diskussion. Die Sitzung diente der Kontrolle ihrer Arbeit, und naturgemäß legten es alle Teilnehmer darauf an, ihre Arbeit so wenig Kontrolle auszusetzen wie möglich.
Idealerweise gar keiner.
Die Leiterin des Vierten Distrikts hatte ihre Liste gerade abgearbeitet und verkündet, die Untersuchung des mutmaßlichen Brandanschlags auf ein Gemeindezentrum, durchgeführt mit den Kollegen vom Fire and Emergency Medical Services Department, gehe »in gewohntem Tempo« voran – was bedeutete, dass keine Fortschritte erzielt wurden –, als ihr Amtskollege vom Zweiten Distrikt, welcher Georgetown einschloss, sich räusperte.
Ratface nahm es zum Anlass, mit dem Stuhl nach vorn zu rücken. Lautstark.
Er beugte sich vor, seine Körpersprache verriet besonderes Interesse. Der Distriktleiter sah auf, bemerkte die Bewegung, griff nach einem Kuli und kritzelte etwas auf seine Liste. 7-Uhr-45-Veteranen vermuteten, dass er hastig seine Reihenfolge angepasst hatte.
Entsprechend begann er: »Georgetown: mutmaßlicher Vergewaltigungsversuch an weiblicher Weißer, sechsunddreißig, der zum Tod des Angreifers führte. Opfer wurde in der Nacht medizinischer Untersuchung unterzogen und wird heute Morgen vernommen. Dupont Circle: Straßenraub mit gefährlicher Körperverletzung durch Messer–«
»Moment.« Ratface vereitelte den Versuch, zum nächsten Punkt überzugehen. »Könnten wir bitte den Namen des Opfers erfahren?«
Widerstrebend antwortete der Bezirksleiter: »Natasha Winthrop.«
Der Raum quittierte diese Neuigkeit mit einer Mischung aus Keuchen, einem Pfiff und der Erklärung eines älteren Beamten: »Fuck Jesus!«
»Den vollständigen Bericht bitte«, sagte Ratface.
Eine kurze Schilderung der nächtlichen Ereignisse folgte, untermalt von einigem ungläubigen Kopfschütteln sowohl über die Vorstellung, dass eine junge Anwältin einen Mann mit bloßen Händen getötet haben sollte, als auch die Tatsache, dass fragliche Anwältin auf bestem Weg war, zur landesweiten Berühmtheit zu werden.
»Wer leitet die Ermittlungen?«, fragte Ratface. Zur Antwort erhielt er: Da der Vorfall sich erst vor wenigen Stunden ereignet hatte, konnte das Morddezernat noch nicht übernehmen. Zwei Beamte des zuständigen Distrikts bearbeiteten den Fall, unterstützt von einer Spezialistin für Sexualverbrechen.
Ratface verzog das Gesicht. Er biss auf seinen Kugelschreiber und starrte in die Runde, während er, wie seine Kollegen annahmen, innerlich abwog, was seinem Ehrgeiz, Polizeichef der Landeshauptstadt zu werden, nützte und was nicht. Die gleichen Abwägungen, die er zu jeder Minute eines jeden Arbeitstages traf, an Abenden und an Wochenenden. Schließlich ergriff er das Wort.
»Wie wir alle wissen, ist diese Person sehr bekannt. Jeder einzelne Aspekt unserer Arbeit wird genauestens beobachtet werden. Presse, soziale Netzwerke. Die feministische Gemeinde im Besonderen wird sehr rasch mit einer Bewertung zur Hand sein, wie wir einen Vergewaltigungsfall untersuchen.«
»Ein falscher Schritt, und wir haben das OPC am Hals«, warf ein Kollege ein (vielleicht als Auflehnung gegen die Zimperlichkeit von »feministische Gemeinde«). Natasha Winthrop hatte mehrere Fälle vertreten, in die das Office of Police Complaints involviert war, das sich bei Beschwerden gegen die Polizei einschaltete. Das Nicken, das auf die Bemerkung folgte, deutete an, dass der Kollege nicht unrecht hatte. Natasha war einmal die Anwältin der Wahl gewesen für jene Personen, denen von der Polizei etwas angehängt wurde, die verprügelt oder sogar getötet worden waren. Jeder im Raum begriff: Es wäre nicht sonderlich schlau, einer Natasha Winthrop etwas anzuhängen.
Ratface kaute wieder an seinem Kuli, dann erteilte er einen Befehl: »Die ermittelnden Beamten geben die Ermittlungen ab. Der Fall muss auf Distriktleiterebene untersucht werden. Täglicher Bericht direkt an mich.«