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Fußnoten

1

Marx/Engels (1961), Bd. 13, S. 7–11, hier S. 10.

2

Zit. nach Friedrich Engels, »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie«, in: Marx/Engels (1961), Bd. 21, S. 263.

3

Henning und Thomä (2010), S. 217.

4

Ebd., S. 218.

5

Vgl. hier.

Endnoten

1

Die Junghegelianer bildeten eine lockere Verbindung von Hegel-Schülern im weitesten Sinn, etwa David Friedrich Strauß (18081874), Ludwig Feuerbach (18041872, Das Wesen des Christentums, erschienen 1841), Max Stirner (18061856, Der Einzige und sein Eigentum, erschienen 1845) oder die Brüder Bruno (18091882) und Edgar (18201886) Bauer. Sie kritisierten Hegels Verteidigung alles Bestehenden als vernünftig bzw. dessen quasi systemimmanenten Konservativismus. Ihre Kritik lief neben ihrer Hinterfragung des Konstrukts des Staates jedoch vor allem auf eine radikale Religionskritik hinaus, eine Verengung, die Marx und Engels scharf kritisieren.

2

Hegelschen Systems: Gemeint ist hier nicht die Hegel’sche Dialektik als solche, sondern die den Status quo als immer vernünftig herausstellende Grundgeste im Hegel’schen Denken.

3

Strauß: ein Junghegelianer, s. Anm. 1.

4

französische: die Revolution von 1789.

5

Diadochen: Feldherren Alexanders des Großen (356323 v. Chr.), die nach dessen Tod in blutigen Kriegen das von Alexander eroberte Reich unter sich aufteilten.

6

caput mortuum (lat.): ›Totenkopf‹.

7

Exploitation: ›Ausbeutung‹.

8

Wechselreiterei: gegenseitige Akzeptanz von Wechseln, ohne dass diesen Wechseln ein reales Handelsgeschäft zugrunde liegt (also: schwerer Betrug).

9

Efforts (frz.): ›Versuche‹.

10

profaniert: ›entweiht‹.

11

Strauß bis Stirner: Junghegelianer, s. Anm. 1.

12

zu subsumieren: ›unterzuordnen‹.

13

pp (lat., Abk. für perge, perge): ›fahre fort, fahre fort‹, ›und so fort‹.

14

Sankt Max: ironischer Spitzname für Max Stirner, s. Anm. 1.

15

Usurpation: ›ungerechtfertigte Übernahme oder Aneignung‹.

16

orohydrographischen: ›nur das Wassernetz betreffenden‹.

17

Produktivkräfte: nach Marx alle natürlichen, technischen, organisatorischen und geistigen bzw. wissenschaftlichen Gegebenheiten (Technik, Arbeitskraft, Organisation).

18

germanischen Heerverfassung: vermutlich mit Bezug auf Belohnung für den Kampfeinsatz (Vieh, Waffen, Sklaven; Geld war noch ungebräuchlich).

19

korporative: von einem Eigentümer oder einer Gruppe geführtes Eigentum.

20

entlaufnen Leibeignen: entsprechend dem mittelalterlichen Recht bzw. dem Wahlspruch »Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag« durften entflohene Leibeigene nach einem Jahr und einem Tag von ihren Besitzern nicht mehr verfolgt bzw. zurückgefordert werden.

21

borniert: ›beschränkt‹, ›unwillig, Neues zu lernen‹, hier: ›unflexibel‹.

22

Camera obscura: einfache Lochkamera, die durch ein Loch als Ersatz für ein Objektiv bzw. eine Linse ein seitenverkehrtes Bild der Wirklichkeit auf die hintere Wand der Kamera wirft.

23

Sublimate, vgl. Sublimation: ›Wandlung‹, ›Umlenkung‹.

24

Verkehrsform: In einem allgemeinen Sinn ist hier die bürgerliche Gesellschaft gemeint, die das kommerzielle und industrielle Leben einer Entwicklungsstufe umfasst und die durch die vorhandenen Produktivkräfte bedingt wird und sie wiederum bedingt.

25

nur als eine Lokalität: ›auf einen Ort begrenzt‹.

26

englischer Ökonom: gemeint ist Adam Smith (17231790), der vom Prinzip der »unsichtbaren Hand« sprach (alle Mitglieder eines Gemeinwesens befördern die positive Entwicklung dieses Gemeinwesens immer und unbewusst).

27

Weltgeistes: für Hegel ein zentraler Begriff bzw. eine grundlegende Annahme: Die Geschichte sei ein Zu-sich-selbst-Kommen des Weltgeistes über verschiedene Stufen.

28

Sparren (umgangsspr.): ›einen Sparren locker haben‹, ›verrückt sein‹.

29

Selbstbewusstsein […] Geist vom Geist: möglicherweise eine Anspielung auf die berühmte Passage aus Hegels Phänomenologie des Geistes kurz vor dem Abschnitt über »Herrschaft und Knechtschaft« im Abschnitt »Die Wahrheit der Gewißheit seiner [des Geistes] selbst«: »Indem ein Selbstbewußtsein der Gegenstand ist, ist er ebensowohl Ich wie Gegenstand. – Hiermit ist schon der Begriff des Geistes für uns vorhanden. Was für das Bewußtsein weiter wird, ist die Erfahrung, was der Geist ist, diese absolute Substanz, welche in der vollkommenen Freiheit und Selbständigkeit ihres Gegensatzes, nämlich verschiedener für sich seiender Selbstbewußtsein[e], die Einheit derselben ist; Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist. Das Bewußtsein hat erst in dem Selbstbewußtsein, als dem Begriffe des Geistes, seinen Wendungspunkt, auf dem es aus dem farbigen Scheine des sinnlichen Diesseits und aus der leeren Nacht des übersinnlichen Jenseits in den geistigen Tag der Gegenwart einschreitet.« (G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Stuttgart 1987, S. 139) – auf jeden Fall aber als Bezug auf Hegel und die Junghegelianer zu werten.

30

apotheosiert: ›(als Person) vergöttlicht‹.

31

Kastenwesen: Zuordnung einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe nur aufgrund der Geburt (die eigene Kaste kann nie verlassen werden).

32

Deduktionen, hier: ›Ableitungen von Gesetzen‹.

33

exploitiert: ›ausgebeutet‹.

34

aparten, hier: ›eigenen‹, ›abgelegenen‹.

35

disponiert: ›stellt zur Verfügung‹.

36

konzeptiven, hier: ›ein Konzept bzw. etwas Neues entwickelnden‹.

37

rezeptiv, hier: ›nur aufnehmend‹.

38

Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Stuttgart 2016, S. 605: »Bis hierher ist das Bewußtsein gekommen, und dies sind die Hauptmomente der Form, in welcher das Prinzip der Freiheit sich verwirklicht hat, denn die Philosophiegeschichte ist nichts als die Entwicklung des Begriffes der Freiheit. […] Wir haben diesen Fortgang des Begriffs allein betrachtet und haben dem Reize entsagen müssen, das Glück, die Perioden der Blüte der Völker, die Schönheit und Größe der Individuen, das Interesse ihres Schicksals in Leid und Freud näher zu schildern. Der Philosoph hat es nur mit dem Glanze der Idee zu tun. […] Daß die Weltgeschichte dieser Entwicklungsgang und das Werden des Geistes ist, unter dem wechselnden Schauspiele ihrer Geschichten – dies ist die wahrhafte Theodizee, die Rechtfertigung Gottes in der Geschichte.«

39

Rat der Wächter: Platon beschreibt die Herrscher eines ›gerechten‹ Staates als Wächter; siehe Platon, Der Staat, übers. und hrsg. von Gernot Krapinger, Stuttgart 2017, S. 139147.

40

Shopkeeper (engl.): ›Ladeninhaber‹.

41

Subsumtion: ›Unterordnung‹.

42

commerçants (frz.): ›Geschäftsmänner.

43

Emeuten: ›Aufstände‹, ›Aufruhr‹.

44

exploitiert: ›ausbeutet‹.

45

prädestiniert, hier: ›im Vorhinein festgelegt‹, ›unveränderbar‹.

46

Irruptionen: ›Überfälle‹, ›Einbrüche‹.

47

Phönizier: semitisches Volk des Altertums, das in Stadtstaaten lebte und besonders für seinen Handel und seinen Schiffbau berühmt war.

48

Alexanders: s. Anm. 5.

49

tingiert: ›gefärbt‹.

50

Akkaparements: ›wucherische Aufkäufe‹.

51

Navigationsgesetze, genauer ›Navigationsakte‹: eine Gesetzesinitiative des englischen Parlaments zur Regulierung von Schifffahrt und Seehandel. Das erste der Gesetze trat am 1. Dezember 1651 in Kraft (und wurde zur Grundlage des britischen Merkantilismus).

52

Differentialzölle: ›Unterscheidungszölle‹: Zollabgaben (Zollansätze) werden nicht für alle Nationen in gleicher Höhe festgelegt, sondern bestimmte Flaggen (Nationen) entrichten geringere Abgaben als andere. Die Zölle dienten dazu, die Schifffahrt, die Industrie und den Handel des eigenen Landes zu begünstigen.

53

Agiotage: ›Spekulationsgeschäft durch Ausnutzung von Börsenschwankungen‹.

54

1640: gemeint ist der blutige Englische Bürgerkrieg (English Civil War) von 1642 bis 1649 zwischen den Anhängern König Karls I. (»Cavaliers«) und denen des englischen Parlaments (»Roundheads«), der Oliver Cromwell (15991658) als Lordprotektor an die Macht brachte.

55

1688: gemeint ist die im Gegensatz zum Bürgerkrieg sogenannte Glorreiche Revolution (Glorious Revolution) von 1688/1689, in der die Gegner des königlichen Absolutismus in England den seit Beginn des 17. Jahrhunderts geführten Machtkampf mit dem Stuartkönigtum endgültig für sich entschieden. Mit der Bill of Rights wurde die Grundlage für die heutige britische Verfassung gelegt (König und Parlament zusammen).

56

Palliativ: ›Linderung und Reduzierung der Folgen‹ (vgl. »Palliativ-Medizin«).

57

aparte, hier: ›auf eigene Bereiche bezogene‹.

58

plus ou moins (frz.): ›mehr oder weniger‹.

59

Possessio: ›Besitznahme‹, ›Besitzergreifung‹.

60

Mobiliareigentum: ›Gesamtheit der Möbel und Einrichtungsgegenstände einer Behausung‹, in diesem Sinne also bewegliches Eigentum.

61

jus utendi et abutendi (lat.): ›Recht der freien Verfügung zu Gebrauch oder Missbrauch einer Sache‹.

62

abuti (lat.): ›willkürlicher Missbrauch‹.

63

industrie extractive: ›(mineralgewinnende) Industrie‹.

64

persönlichem Individuum: Als persönliches Individuum nimmt sich der Mensch als autonomes Subjekt wahr, seine Abhängigkeit von gesellschaftlichen Verhältnissen – als Klassenindividuum – erfährt er als äußerliche, zufällige Einschränkung des Seins.

65

zufälligem Individuum: vor der Aufteilung in persönliches Individuum und Klassenindividuum.

66

plus ou moins (frz.): ›mehr oder weniger‹.

67

malgré eux (frz.): ›trotz diesen‹, ›trotzdem‹.

68

à son tour: ›ihrerseits‹

69

eklatieren: ›platzen‹, ›zersplittern‹.

70

Roturier: ›Nichtadeliger‹.

Vorrede

Die Menschen haben sich bisher stets falsche Vorstellungen über sich selbst gemacht, von dem, was sie sind oder sein sollen. Nach ihren Vorstellungen von Gott, von dem Normalmenschen usw. haben sie ihre Verhältnisse eingerichtet. Die Ausgeburten ihres Kopfes sind ihnen über den Kopf gewachsen. Vor ihren Geschöpfen haben sie, die Schöpfer, sich gebeugt. Befreien wir sie von den Hirngespinsten, den Ideen, den Dogmen, den eingebildeten Wesen, unter deren Joch sie verkümmern. Rebellieren wir gegen diese Herrschaft der Gedanken. Lehren wir sie, diese Einbildungen mit Gedanken vertauschen, die dem Wesen des Menschen entsprechen, sagt der Eine, sich kritisch zu ihnen verhalten, sagt der Andere, sie sich aus dem Kopf schlagen, sagt der Dritte, und – die bestehende Wirklichkeit wird zusammenbrechen.

Diese unschuldigen und kindlichen Phantasien bilden den Kern der neuern junghegelschen Philosophie,1 die in Deutschland nicht nur von dem Publikum mit Entsetzen und Ehrfurcht empfangen, sondern auch von den philosophischen Heroen selbst mit dem feierlichen Bewusstsein der weltumstürzenden Gefährlichkeit und der verbrecherischen Rücksichtslosigkeit ausgegeben wird. Der erste Band dieser Publikation hat den Zweck, diese Schafe, die sich für Wölfe halten und dafür gehalten werden, zu entlarven, zu zeigen, wie sie die Vorstellungen der deutschen Bürger nur philosophisch nachblöken, wie die Prahlereien dieser philosophischen Ausleger nur die Erbärmlichkeit der wirklichen deutschen Zustände widerspiegeln. Sie hat den Zweck, den philosophischen Kampf mit den Schatten der Wirklichkeit, der dem träumerischen und duseligen deutschen Volk zusagt, zu blamieren und um den Kredit zu bringen.

Ein wackrer Mann bildete sich einmal ein, die Menschen ertränken nur im Wasser, weil sie vom Gedanken der Schwere besessen wären. Schlügen sie sich diese Vorstellung aus dem Kopfe, etwa indem sie dieselbe für eine abergläubige, für eine religiöse Vorstellung erklärten, so seien sie über alle Wassersgefahr erhaben. Sein Leben lang bekämpfte er die Illusion der Schwere, von deren schädlichen Folgen jede Statistik ihm neue und zahlreiche Beweise lieferte. Der wackre Mann war der Typus der neuen deutschen revolutionären Philosophen.

I Feuerbach

Gegensatz von materialistischer und idealistischer Anschauung

[Einleitung]

Wie deutsche Ideologen melden, hat Deutschland in den letzten Jahren eine Umwälzung ohnegleichen durchgemacht. Der Verwesungsprozess des Hegelschen Systems,2 der mit Strauß3 begann, hat sich zu einer Weltgärung entwickelt, in welche alle »Mächte der Vergangenheit« hineingerissen sind. In dem allgemeinen Chaos haben sich gewaltige Reiche gebildet, um alsbald wieder unterzugehen, sind Heroen momentan aufgetaucht, um von kühneren und mächtigeren Nebenbuhlern wieder in die Finsternis zurückgeschleudert zu werden. Es war eine Revolution, wogegen die französische4 ein Kinderspiel ist, ein Weltkampf, vor dem die Kämpfe der Diadochen5 kleinlich erscheinen. Die Prinzipien verdrängten, die Gedankenhelden überstürzten einander mit unerhörter Hast, und in den drei Jahren 1842–[18]45 wurde in Deutschland mehr aufgeräumt als sonst in drei Jahrhunderten.

Alles dies soll sich im reinen Gedanken zugetragen haben.

Es handelt sich allerdings um ein interessantes Ereignis: um den Verfaulungsprozess des absoluten Geistes. Nach Erlöschen des letzten Lebensfunkens traten die verschiedenen Bestandteile dieses caput mortuum6 in Dekomposition, gingen neue Verbindungen ein und bildeten neue Substanzen. Die philosophischen Industriellen, die bisher von der Exploitation7 des absoluten Geistes gelebt hatten, warfen sich jetzt auf die neuen Verbindungen. Jeder betrieb den Verschleiß des ihm zugefallenen Anteils mit möglichster Emsigkeit. Es konnte dies nicht abgehen ohne Konkurrenz. Sie wurde anfangs ziemlich bürgerlich und solide geführt. Später, als der deutsche Markt überführt war und die Ware trotz aller Mühe auf dem Weltmarkt keinen Anklang fand, wurde das Geschäft nach gewöhnlicher deutscher Manier verdorben durch fabrikmäßige und Scheinproduktion, Verschlechterung der Qualität, Sophistikation des Rohstoffs, Verfälschung der Etiketten, Scheinkäufe, Wechselreiterei8 und ein aller reellen Grundlage entbehrendes Kreditsystem. Die Konkurrenz lief in einen erbitterten Kampf aus, der uns jetzt als welthistorischer Umschwung, als Erzeuger der gewaltigsten Resultate und Errungenschaften angepriesen und konstruiert wird.