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Theodor Fontane

Die Poggenpuhls

Theodor Fontane

Die Poggenpuhls

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
1. Auflage, ISBN 978-3-954188-62-8

null-papier.de/408

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Inhaltsverzeichnis

Ers­tes Ka­pi­tel

Zwei­tes Ka­pi­tel

Drit­tes Ka­pi­tel

Vier­tes Ka­pi­tel

Fünf­tes Ka­pi­tel

Sechs­tes Ka­pi­tel

Sie­ben­tes Ka­pi­tel

Ach­tes Ka­pi­tel

Neun­tes Ka­pi­tel

Zehn­tes Ka­pi­tel

Elf­tes Ka­pi­tel

Zwölf­tes Ka­pi­tel

Drei­zehn­tes Ka­pi­tel

Vier­zehn­tes Ka­pi­tel

Fünf­zehn­tes Ka­pi­tel

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Erstes Kapitel

Die Pog­genp­uhls – eine Frau Ma­jo­rin von Pog­genp­uhl mit ih­ren drei Töch­tern The­re­se, So­phie und Ma­non – wohn­ten seit ih­rer vor sie­ben Jah­ren er­folg­ten Über­sie­de­lung von Pom­mersch-Star­gard nach Ber­lin in ei­nem ge­ra­de um jene Zeit fer­tig ge­wor­de­nen, also noch ziem­lich mau­er­feuch­ten Neu­bau der Groß­gör­schen­stra­ße, ei­nem Eck­hau­se, das ei­nem bra­ven und be­hä­bi­gen Man­ne, dem ehe­ma­li­gen Mau­rer­po­lier, jet­zi­gen Ren­tier Au­gust Not­te­b­ohm ge­hör­te. Die­se Groß­gör­schen­stra­ßen-Woh­nung war sei­tens der Pog­genp­uhl­schen Fa­mi­lie nicht zum we­nigs­ten um des kriegs­ge­schicht­li­chen Na­mens der Stra­ße, zu­gleich aber auch um der so­ge­nann­ten »wun­der­vol­len Aus­sicht« wil­len ge­wählt wor­den, die von den Vor­der­fens­tern aus auf die Grab­denk­mä­ler und Erd­be­gräb­nis­se des Mat­thäi­kirch­hofs, von den Hin­ter­fens­tern aus auf ei­ni­ge zur Kulm­stra­ße ge­hö­ri­ge Rück­fron­ten ging, an de­ren ei­ner man, in ab­wech­selnd ro­ten und blau­en Rie­sen­buch­sta­ben, die Wor­te »Schul­zes Bon­bon­fa­brik« le­sen konn­te. Mög­lich, ja so­gar wahr­schein­lich, daß nicht je­dem mit die­ser ei­gen­tüm­li­chen Dop­pelaus­sicht ge­dient ge­we­sen wäre; der Frau von Pog­genp­uhl aber, ei­ner ge­bo­re­nen Püt­ter – aus ei­ner an­ge­se­he­nen, aber ar­men Pre­di­ger­fa­mi­lie stam­mend -, paß­te jede der bei­den Aus­sich­ten gleich gut, die Fron­taus­sicht, weil die et­was sen­ti­men­tal an­ge­leg­te Dame gern vom Ster­ben sprach, die Rück­fron­taus­sicht auf die Kulm­stra­ße aber, weil sie be­stän­dig an Hus­ten litt und al­ler Spar­sam­keit un­ge­ach­tet zu gu­tem Tei­le von Gers­ten­bon­bons und Brust­ka­ra­mel­len leb­te. Je­des­mal, wenn Be­such kam, wur­de denn auch von den großen Vor­zü­gen die­ser Woh­nung ge­spro­chen, de­ren ein­zi­ger wirk­li­cher Vor­zug in ih­rer großen Bil­lig­keit und in der vor meh­re­ren Jah­ren schon durch Ren­tier Not­te­b­ohm ge­mach­ten Zu­si­che­rung be­stand, daß die Frau Ma­jo­rin nie ge­stei­gert wer­den wür­de. »Nein, Frau Ma­jo­rin«, so etwa hat­te sich Not­te­b­ohm da­mals ge­äu­ßert, »was die­ses an­geht, so kön­nen Frau Ma­jo­rin ganz ru­hig sein und die Fräu­leins auch. Gott, wenn ich so al­les be­den­ke … ver­zei­hen Frau Ma­jo­rin, das Ma­non­chen war ja noch ein Quack, als Sie da­mals, zu Mi­chae­li, hier ein­zo­gen …, un als Sie dann Neu­jahr run­ter­ka­men und die ers­te Mie­te brach­ten und al­les noch leer stand von we­gen der nas­sen Wän­de, was aber ein Un­sinn is, da sag­te ich zu mei­ner Frau, denn wir hat­ten es da­mals noch nich: ›Li­ne‹, sag­te ich, ›das is Hand­geld und bringt uns Glück.‹ Und hat auch wirk­lich. Denn von das­sel­be Vier­tel­jahr an war nie was leer, un im­mer re­pu­tier­li­che Leu­te – das muß ich sa­gen … Und dann, Frau Ma­jo­rin, wie werd ich denn gra­de bei Ih­nen mit so was an­fan­gen … ich mei­ne mit das Stei­gern. Ich war ja doch auch mit da­bei; Don­ner­wet­ter, es war eine ganz ver­fluch­te Ge­schich­te. Hier sitzt mir noch die Ku­gel; aber der Dok­tor sagt: sie wür­de schon mal raus­fal­len und dann hätt ich ein An­den­ken.« Und da­mit schloß Not­te­b­ohm eine Rede, wie er sie län­ger nie ge­hal­ten und wie sie die gute Frau Ma­jo­rin nie freund­li­che­ren Ohres ge­hört hat­te. Das mit dem »Da­bei­ge­we­sen­sein« aber be­zog sich auf Gra­ve­lot­te, wo Ma­jor von Pog­genp­uhl, spät ge­gen Abend, als die pom­mer­sche Di­vi­si­on her­an­kam, an der Spit­ze sei­nes Ba­tail­lons, in dem auch Not­te­b­ohm stand, eh­ren­voll ge­fal­len war. Er, der Ma­jor, hin­ter­ließ nichts als einen gu­ten al­ten Na­men und drei blan­ke Krö­nungs­ta­ler, die man in sei­nem Por­te­mon­naie fand und spä­ter sei­ner Wit­we be­hän­dig­te. Die­se drei Krö­nungs­ta­ler wa­ren, wie das Erbe der Fa­mi­lie, so selbst­ver­ständ­lich auch der Stolz der­sel­ben, und als sech­zehn Jah­re spä­ter die erst et­li­che Mo­na­te nach dem Tode des Va­ters ge­bo­re­ne jüngs­te Toch­ter Ma­non kon­fir­miert wer­den soll­te, wa­ren aus den drei Krö­nungs­ta­lern – die bis da­hin zu kon­ser­vie­ren kei­ne Klei­nig­keit ge­we­sen war – drei Bro­schen an­ge­fer­tigt und an die drei Töch­ter zur Erin­ne­rung an die­sen Ein­seg­nungs­tag über­reicht wor­den. Al­les un­ter geist­li­cher Mit­wir­kung und Bei­hil­fe. Denn Ge­ne­ral­su­per­in­ten­dent Schwarz, der die Fa­mi­lie lieb­te, war am Abend des Kon­fir­ma­ti­ons­ta­ges in die Pog­genp­uhl­sche Woh­nung ge­kom­men und hat­te hier die in Ge­gen­wart ei­ni­ger al­ter Ka­me­ra­den und Freun­de statt­fin­den­de Bro­schen­über­rei­chung fast zu ei­ner kirch­li­chen Ze­re­mo­nie, je­den­falls aber zu ei­ner Fei­er er­ho­ben, die so­gar dem et­was gro­ben und ge­gen die »Adel­spacka­ge« stark ein­ge­nom­me­nen Por­tier Ne­be­lung im­po­niert und ihn, wenn auch nicht ge­ra­de­zu be­kehrt, so doch den wohl­wol­len­den Ge­sin­nun­gen sei­nes Haus- und Bro­therrn Not­te­b­ohm um et­was nä­her ge­führt hat­te.

Wie sich von selbst ver­steht, war auch die Pog­genp­uhl­sche Woh­nungs­ein­rich­tung ein Aus­druck der Ver­hält­nis­se, dar­in die Fa­mi­lie nun mal leb­te; von Plüschmö­beln exis­tier­te nichts und von Tep­pi­chen nur ein klei­ner Schmie­de­ber­ger, der mit schwar­zen, et­was aus­ge­fus­sel­ten Woll­fran­sen vor dem Sofa der zu­nächst am Kor­ri­dor ge­le­ge­nen und schon des­halb als Empfangs­sa­lon die­nen­den »gu­ten Stu­be« lag. Ent­spre­chend die­sem Tep­pi­che wa­ren auch die schma­len, hier und dort ge­stopf­ten Gar­di­nen; al­les aber war sehr sau­ber und or­dent­lich ge­hal­ten, und ein mut­maß­lich aus ei­nem al­ten mär­ki­schen Her­ren­hau­se her­stam­men­der, ganz vor kur­z­em erst auf ei­ner Auk­ti­on er­stan­de­ner, weiß­la­ckier­ter Pfei­ler­spie­gel mit ein­ge­leg­ter Gold­leis­te lieh der ärm­li­chen Ein­rich­tung trotz ih­res Zu­sam­men­ge­sucht­seins oder viel­leicht auch um des­sen wil­len et­was von ei­ner er­lö­schen­den, aber doch im­mer­hin mal da­ge­we­se­nen Feu­da­li­tät.

Über dem Sofa der­sel­ben »gu­ten Stu­be« hing ein großes Öl­bild­nis (Knie­stück) des Ritt­meis­ters von Pog­genp­uhl vom Sohr­schen Husa­ren­re­gi­ment, der 1813 bei Groß­gör­schen ein Carré ge­sprengt und da­für den Pour le méri­te er­hal­ten hat­te – der ein­zi­ge Pog­genp­uhl, der je in der Ka­val­le­rie ge­stan­den. Das halb wohl­wol­len­de, halb mar­tia­li­sche Ge­sicht des Ritt­meis­ters sah auf eine fla­che Glas­scha­le her­nie­der, drin im Som­mer Au­ri­keln und ein Ver­giß­mein­nicht­kranz, im Win­ter Vi­si­ten­kar­ten zu lie­gen pfleg­ten. An der an­dern Wand aber, ge­nau dem Ritt­meis­ter ge­gen­über, stand ein Schreib­tisch mit ei­nem klei­nen er­höh­ten Mit­tel­bau, drauf, um bei Be­su­chen eine Art Gast­lich­keit üben zu kön­nen, eine hal­be Fla­sche Kap­wein mit Li­queur­gläs­chen thron­te, bei­des, Fla­sche wie Gläs­chen, auf ei­nem gold­ge­rän­der­ten Tel­ler, der be­stän­dig klap­per­te.

Ne­ben die­ser »gu­ten Stu­be« lag die ein­fens­te­ri­ge Wohn­stu­be, dar­an sich nach hin­ten zu das so­ge­nann­te »Ber­li­ner Zim­mer« an­schloß, ein blo­ßer Durch­gang, wenn auch im üb­ri­gen ge­räu­mig, an des­sen Längs­wand drei Bet­ten stan­den, nur drei, trotz­dem es eine vier­glied­ri­ge Fa­mi­lie war. Die vier­te La­ger­stät­te, von mehr am­bu­lan­tem Cha­rak­ter, war ein mit Rohr über­floch­te­nes So­fa­ge­stell, drauf sich, wo­chen­weis wech­selnd, eine der zwei jün­ge­ren Schwes­tern ein­zu­rich­ten hat­te.

Hin­ter die­sem »Ber­li­ner Saal« (Not­te­b­ohm selbst hat­te den Grund­riß dazu ent­wor­fen) lag die Kü­che mit­samt dem Hän­ge­bo­den. Hier haus­te das alte Dienst­mäd­chen Frie­de­ri­ke, eine treue See­le, die noch den gnä­di­gen Herrn ge­kannt und als Ver­trau­te der Frau Ma­jo­rin al­les Glück und Un­glück des Hau­ses und zu­letzt auch die Über­sie­de­lung von Star­gard nach Ber­lin mit durch­ge­macht hat­te.

So wohn­ten die Pog­genp­uhls und ga­ben der Welt den Be­weis, daß man auch in ganz klei­nen Ver­hält­nis­sen, wenn man nur die rech­te Ge­sin­nung und dann frei­lich auch die nö­ti­ge Ge­schick­lich­keit mit­brin­ge, zu­frie­den und bei­na­he stan­des­ge­mäß le­ben kön­ne, was selbst von Por­tier Ne­be­lung, al­ler­dings un­ter Kopf­schüt­teln und mit ei­ni­gem Wi­der­stre­ben, zu­ge­ge­ben wur­de. Sämt­li­che Pog­genp­uhls – die Mut­ter frei­lich we­ni­ger – be­sa­ßen die schö­ne Gabe, nie zu kla­gen, wa­ren le­bensklug und rech­ne­ten gut, ohne daß sich bei die­sem Rech­nen et­was stö­rend Be­rech­nen­des ge­zeigt hät­te.

Da­rin wa­ren sich die drei Schwes­tern gleich, trotz­dem ihre sons­ti­gen Cha­rak­tere sehr ver­schie­den wa­ren.

The­re­se, schon drei­ßig, konn­te (was denn auch red­lich ge­sch­ah) auf den ers­ten Blick für un­prak­tisch gel­ten und schi­en von al­ler­hand klei­nen Küns­ten ei­gent­lich nur die eine, sich in ei­nem Schau­kel­stuh­le ge­fäl­lig zu wie­gen, ge­lernt zu ha­ben; in Wirk­lich­keit aber war sie ge­ra­de­so le­bensklug wie die bei­den jün­ge­ren Schwes­tern und be­bau­te nur ein sehr andres Feld. Es war ihr, das stand ihr fest, ih­rer gan­zen Na­tur nach die Auf­ga­be zu­ge­fal­len, die Pog­genp­uhl­sche Fah­ne hoch­zu­hal­ten und sich mehr, als es durch die Schwes­tern ge­sch­ah, in die Welt, in die die Pog­genp­uhls nun mal ge­hör­ten, ein­zu­rei­hen. In den Ge­ne­rals- und Mi­nis­ter­fa­mi­li­en der Beh­ren- und Wil­helm­stra­ße war sie denn auch hei­misch und er­ziel­te hier al­le­mal große Zu­stim­mung und Er­fol­ge, wenn sie beim Tee von ih­ren jün­ge­ren Schwes­tern und de­ren Er­leb­nis­sen in der »sein­wol­len­den Ari­sto­kra­tie« spöt­tisch lä­chelnd be­rich­te­te. Selbst der alte Kom­man­die­ren­de, der, im gan­zen ge­nom­men, längst auf­ge­hört hat­te, sich durch ir­gend et­was Ir­di­sches noch be­son­ders im­po­nie­ren zu las­sen, kam dann in eine ver­gnüg­lich lie­bens­wür­di­ge Hei­ter­keit, und der der Ge­ne­rals­fa­mi­lie be­freun­de­te, schräg ge­gen­über woh­nen­de Un­ter­staats­se­kre­tär, trotz­dem er sel­ber von al­ler­neus­tem Adel war (oder viel­leicht auch eben des­halb), zeig­te sich dann je­des­mal hin­ge­ris­sen von der fei­nen Ma­li­ce1 des ar­men, aber stan­des­be­wuß­ten Fräu­leins. Eine wei­te­re Fol­ge die­ser ge­sell­schaft­li­chen Tri­um­phe war es, daß The­re­se, wenn es ir­gend et­was zu bit­ten gab, auch tat­säch­lich bit­ten durf­te, wo­bei sie, wie be­merkt wer­den muß, nie für sich selbst oder aber, klug ab­wä­gend, im­mer nur um sol­che Din­ge pe­ti­tio­nier­te, die man mü­he­los ge­wäh­ren konn­te, was dann dem Ge­wäh­ren­den eine ganz spe­zi­el­le Be­frie­di­gung ge­währ­te.

So war The­re­se von Pog­genp­uhl.

Sehr an­ders er­wie­sen sich die bei­den jün­ge­ren Schwes­tern, die, den Ver­hält­nis­sen und der mo­der­nen Welt sich an­be­que­mend, bei ih­rem Tun so­zu­sa­gen in Com­pa­gnie gin­gen.

So­phie, die zwei­te, war die Haupt­stüt­ze der Fa­mi­lie, weil sie das be­saß, was die Pog­genp­uhls bis da­hin nicht aus­ge­zeich­net hat­te: Ta­len­te. Mög­lich, daß die­se Ta­len­te bei güns­ti­ge­ren Le­bens­ver­hält­nis­sen ei­ni­ger­ma­ßen zwei­fel­voll an­ge­se­hen und mehr oder we­ni­ger als »un­stan­des­ge­mäß« emp­fun­den wor­den wä­ren, bei der be­drück­ten Lage je­doch, in der sich die Pog­genp­uhls be­fan­den, wa­ren die­se na­tür­li­chen Ga­ben Tag für Tag ein Glück und Se­gen für die Fa­mi­lie. Selbst The­re­se gab dies in ih­ren ru­hi­ge­ren Mo­men­ten zu. So­phie – auch äu­ßer­lich von den Schwes­tern ver­schie­den, sie hat­te ein freund­li­ches Pu­del­ge­sicht mit Löck­chen – konn­te ei­gent­lich al­les; sie war mu­si­ka­lisch, zeich­ne­te, mal­te, dich­te­te zu Ge­burts­ta­gen und Pol­ter­aben­den und konn­te einen Ha­sen spi­cken; aber al­les dies, so­viel es war, hät­te für die Fa­mi­lie doch nur die hal­be Be­deu­tung ge­habt, wenn nicht ne­ben ihr her noch die jüngs­te Schwes­ter ge­we­sen wäre, Ma­non, das Nest­häk­chen.

Ma­non, jetzt sieb­zehn, war, im Ge­gen­sat­ze zu So­phie, ganz ohne Be­ga­bung, be­saß aber da­für die Gabe, sich über­all be­liebt zu ma­chen, vor al­lem in Ban­kier­häu­sern, un­ter de­nen sie die nicht­christ­li­chen be­vor­zug­te, so na­ment­lich das hoch­an­ge­se­he­ne Haus Bar­ten­stein. Bei dem Kin­der­se­gen der Mehr­zahl die­ser Häu­ser war nie Man­gel an an­ge­hen­den Back­fi­schen, die mit den An­fän­gen ir­gend­ei­ner Kunst oder Wis­sen­schaft be­kannt ge­macht wer­den soll­ten, und ein über die ver­schie­dens­ten Dis­zi­pli­nen an­ge­streng­tes län­ge­res oder kür­ze­res Ge­spräch en­de­te re­gel­mä­ßig mit der leicht hin­ge­wor­fe­nen Be­mer­kung Ma­n­ons: »Ich hal­te es für mög­lich, daß mei­ne Schwes­ter So­phie da aus­hel­fen kann«, eine Be­mer­kung, die sie gern ma­chen durf­te, weil So­phie tat­säch­lich vor nichts er­schrak, nicht ein­mal vor Phy­sik und Spek­tral­ana­ly­se.

So war die Rol­len­ver­tei­lung im Hau­se Pog­genp­uhl, aus der sich, wie schon an­ge­deu­tet, al­ler­lei fi­nan­zi­el­le Vor­tei­le her­aus­stell­ten, Vor­tei­le, die zu­zei­ten nicht un­be­trächt­lich über die klei­ne Pen­si­on hin­aus­wuch­sen, die den ei­ser­nen Ein­nah­me­be­stand der Fa­mi­lie bil­de­te. Sämt­li­che drei jun­ge Da­men ver­ga­ben sich da­bei nicht das ge­rings­te, wa­ren viel­mehr (be­son­ders die zwei jün­ge­ren) eben­so leicht­le­big wie dank­bar, ver­mie­den es takt­voll, in ge­schmack­lo­se Hul­di­gun­gen oder gar in Schmei­che­lei zu ver­fal­len, und stan­den über­all in Ach­tung und An­se­hen, weil ihr Tun, und das war die Haupt­sa­che, von ei­ner großen per­sön­li­chen Selbst­lo­sig­keit be­glei­tet war. Sie brauch­ten we­nig, wuß­ten sich, zu­mal auf dem Ge­bie­te der Toi­let­te - was aber ein ge­fäl­li­ges Er­schei­nen nicht hin­der­te -, mit ei­nem Mi­ni­mum zu be­hel­fen und leb­ten in ih­ren Ge­dan­ken und Hoff­nun­gen ei­gent­lich nur für die »zwei Jun­gens«, ihre Brü­der, Wen­de­lin und Leo, von de­nen je­ner schon ein äl­te­rer Pre­mier über drei­ßig, die­ser ein jun­ger Dachs von kaum zwei­und­zwan­zig war. Bei­de, wie sich das von selbst ver­stand, wa­ren in das hin­ter­pom­mer­sche, neu­er­dings üb­ri­gens nach West­preu­ßen ver­leg­te Re­gi­ment ein­ge­tre­ten, drin schon ihr Va­ter sei­ne Lauf­bahn be­gon­nen und am denk­wür­di­gen 18. Au­gust in Ruhm und Ehre be­schlos­sen hat­te.

Die­sen Ruhm der Fa­mi­lie wo­mög­lich noch zu stei­gern war das, was die schwes­ter­li­che Tri­as mit al­len Mit­teln an­streb­te.

Hin­sicht­lich Wen­del­ins, der ih­rem ei­ge­nen Be­mü­hen in al­len Stücken ent­ge­gen­kam, be­son­ders auch dar­in, daß er zu spa­ren ver­stand, hin­sicht­lich die­ses äl­te­ren Bru­ders un­ter­lag das Er­rei­chen höchs­ter Zie­le kaum ei­nem Zwei­fel. Er war klug, nüch­tern, ehr­gei­zig, und so­viel durch Auf­hor­chen in dem mi­li­tär-ex­zel­lenz­li­chen Hau­se zur Kennt­nis The­re­sens ge­kom­men war, konn­te sich’s bei Wen­de­lin ei­gent­lich nur noch dar­um han­deln, ob er dem­nächst in das Kriegs­mi­nis­te­ri­um oder in den Ge­ne­ral­stab ab­kom­man­diert wer­den wür­de. Nicht so glück­lich stand es mit Leo, der, we­ni­ger be­an­lagt als der äl­te­re Bru­der, nur der »Schnei­dig­keit« zu­streb­te. Zwei Duel­le, von de­nen das eine ei­nem Ge­richts­re­fe­ren­da­ri­us einen Schuß durch bei­de Ba­cken und den Ver­lust et­li­cher Ober­zäh­ne ein­ge­tra­gen hat­te, schie­nen ein ra­sches Sich­nä­hern an sein Schnei­dig­keit­s­ide­al zu ver­ber­gen und hät­ten eben­so­gut wie Wen­del­ins Ta­len­te zu großen Hoff­nun­gen be­rech­ti­gen dür­fen, wenn nicht das Ge­s­penst der Ent­las­sung we­gen be­stän­dig an­wach­sen­der Schul­den im­mer ne­ben­her ge­schrit­ten wäre. Leo, der Lieb­ling al­ler, war zu­gleich das Angst­kind, und im­mer wie­der zu hel­fen und ihn vor ei­ner Ka­ta­stro­phe zu be­wah­ren, dar­auf war al­les Dich­ten und Trach­ten ge­rich­tet. Kein Op­fer er­schi­en zu groß, und wenn die Mut­ter auch ge­le­gent­lich den Kopf schüt­tel­te, für die Töch­ter un­ter­lag es kei­nem Zwei­fel, daß Leo, »wenn es nur mög­lich war, ihn bis zu dem ent­spre­chen­den Zeit­punkt zu hal­ten«, die nächs­te große Rus­sen­schlacht, das Zorn­dorf der Zu­kunft, durch ent­schei­den­des Ein­grei­fen ge­win­nen wür­de.

»Aber er ist ja nicht Gar­de du Corps«, sag­te die Mama.

»Nein. Aber das ist auch gleich­gül­tig. Die nächs­te Schlacht bei Zorn­dorf wird durch In­fan­te­rie ge­won­nen wer­den.«


  1. bos­haf­te Äu­ße­rung  <<<

Zweites Kapitel

Es war ein Win­ter­tag, der drit­te Ja­nu­ar.

Eben kam Frie­de­ri­ke von ih­rem re­gel­mä­ßi­gen Mor­gen­ein­kauf zu­rück, einen Korb mit Früh­stücks­sem­meln in der einen, einen Topf mit Milch in der an­dern Hand, bei­des, Sem­meln und Milch, aus dem Kel­ler ge­gen­über. Die Fin­ger, trotz wol­le­ner Hand­schu­he, wa­ren ihr bei der Käl­te klamm ge­wor­den, und so nahm sie denn beim Ein­tre­ten in ihre Kü­che den Tee­kes­sel aus dem Koch­loch und wärm­te sich an der Glut. Aber nicht lan­ge, denn sie hat­te sich, weil sie ge­gen Mor­gen noch ein­mal ein­ge­schla­fen war, um eine hal­be Stun­de ver­spä­tet, was na­tür­lich wie­der ein­ge­bracht wer­den muß­te.

So mach­te sie sich denn eif­rig an ihre vom Brett ge­nom­me­ne Kaf­fee­müh­le, schüt­te­te, so daß sie nach­her nur noch auf­zu­gie­ßen brauch­te, das brau­ne Pul­ver in den Beu­tel und ging nun, nach­dem sie schließ­lich noch den Tee­kes­sel wie­der in die Glut ge­stellt hat­te, mit ih­rem Holz­korb (des­sen Bo­den üb­ri­gens je­den Au­gen­blick her­aus­zu­fal­len droh­te) nach vorn, um da das ein­fens­te­ri­ge Wohn­zim­mer zu hei­zen. Hier knie­te sie vor dem Ofen nie­der und bau­te Holz und Preß­koh­len so kunst­ge­recht auf, daß es nur ei­nes ein­zi­gen Schwe­fel­hol­zes, al­ler­dings un­ter Zutat ei­nes aus Zei­tungs­pa­pier zu­sam­men­ge­dreh­ten Zop­fes, be­durf­te, den künst­li­chen Bau in Brand zu set­zen.

Kei­ne hal­be Mi­nu­te ver­ging, so be­gann es im Ofen auch wirk­lich zu knacken und zu knis­tern, und als Frie­de­ri­ke nun wuß­te, daß es bren­nen wür­de, stand sie von ih­rem Ofen­platz wie­der auf, um sich ih­rer zwei­ten Mor­ge­n­auf­ga­be, dem Staub­ab­wi­schen, zu un­ter­zie­hen. Hier­bei, weil das, was sie leis­te­te, die drei Fräu­leins doch nie zu­frie­den­stell­te, ver­fuhr sie, so ge­wis­sen­haft sie sonst war, ziem­lich oben­hin und be­schränk­te sich dar­auf, eine über dem Sofa hän­gen­de Bil­der­rei­he, die Leo, trotz­dem es Zeit­ge­nos­sen wa­ren, die »Ah­nen­ga­le­rie des Hau­ses Pog­genp­uhl« zu nen­nen pfleg­te, leid­lich blank zu put­zen. Drei oder vier die­ser Bil­der wa­ren Pho­to­gra­phien in Ka­bi­nett­for­mat; die äl­te­ren aber ge­hör­ten noch der Da­guer­reo­ty­p­zeit an und wa­ren so ver­bli­chen, daß sie nur bei be­son­ders güns­ti­ger Be­leuch­tung noch auf ih­ren Kunst­wert hin ge­prüft wer­den konn­ten.

Aber die­se »Ah­nen­ga­le­rie« war doch nicht al­les, was hier hing. Un­mit­tel­bar über ihr prä­sen­tier­te sich noch ein Öl­bild von ei­ni­gem Um­fang, eine Kunst­schöp­fung drit­ten oder vier­ten Ran­ges, die den his­to­risch be­deu­tends­ten Mo­ment aus dem Le­ben der Fa­mi­lie dar­stell­te. Das meis­te, was man dar­auf se­hen konn­te, war frei­lich nur Pul­ver­qualm, aber in­mit­ten des­sel­ben er­kann­te man doch ziem­lich deut­lich noch eine Kir­che samt Kirch­hof, auf welch letz­te­rem ein ver­zwei­fel­ter Nacht­kampf zu to­ben schi­en.

Es war der Über­fall von Hoch­kirch, die Ös­ter­rei­cher bes­tens »ajus­tiert«, die ar­men Preu­ßen in ei­nem pi­toya­blen Be­klei­dungs­zu­stan­de. Ganz in Front aber stand ein äl­te­rer Of­fi­zier in Un­ter­kleid und Wes­te, von Stie­feln kei­ne Rede, da­für ein Ge­wehr in der Hand. Die­ser Alte war Ma­jor Bal­tha­sar von Pog­genp­uhl, der den Kirch­hof eine hal­be Stun­de hielt, bis er mit un­ter den To­ten lag. Eben die­ses Bild, wohl in Wür­di­gung sei­nes Fa­mi­li­en­af­fek­ti­ons­wer­tes, war denn auch in einen brei­ten und statt­li­chen Barock­rah­men ge­faßt, wäh­rend die bloß un­ter Glas ge­brach­ten Licht­bil­der nichts als eine Gold­b­or­te zeig­ten.

Alle Mit­glie­der der Fa­mi­lie, selbst der in Kunst­sa­chen et­was skep­ti­sche Leo mit ein­be­grif­fen, über­tru­gen ihre Pie­tät ge­gen den »Hoch­kir­cher« – wie der Hoch­kirch-Ma­jor zur Un­ter­schei­dung von vie­len an­dern Ma­jors der Fa­mi­lie ge­nannt wur­de – auch auf die bild­li­che Dar­stel­lung sei­ner ruhm­rei­chen Ak­ti­on, und nur Frie­de­ri­ke, so­sehr sie den Fa­mi­li­en­kul­tus mit­mach­te, stand mit dem al­ten, halb an­ge­klei­de­ten Hel­den auf ei­ner Art Kriegs­fuß. Es hat­te dies ein­fach dar­in sei­nen Grund, daß ihr ob­lag, mit ih­rem al­ten, wie Spinn­web aus­se­hen­den Staublap­pen doch min­des­tens je­den drit­ten Tag ein­mal über den über­all Berg und Tal zei­gen­den Barock­rah­men hin­zu­fah­ren, bei wel­cher Ge­le­gen­heit dann das Bild, wenn auch nicht ge­ra­de­zu re­gel­mä­ßig, so doch sehr, sehr oft von der Wand her­ab­glitt und über die Leh­ne weg auf das Sofa fiel. Es wur­de dann je­des­mal bei­sei­te ge­stellt und nach dem Früh­stück wie­der ein­ge­gipst, was al­les in­des­sen nicht recht half und auch nicht hel­fen konn­te, Denn die gan­ze Wand­stel­le war schon zu schad­haft, und über ein klei­nes, so brach der ein­ge­gips­te Na­gel wie­der aus, und das Bild glitt her­ab.

»Gott«, sag­te Frie­de­ri­ke, »daß er da so ge­stan­den hat, nu ja, das war ja viel­leicht ganz gut. Aber nu so ge­ma­len … es sitzt nich und sitzt nich.«

Und nach­dem sie dies Selbst­ge­spräch ge­führt und die Ofen­tür, was im­mer das letz­te war, wie­der fest zu­ge­schraubt hat­te, tat sie Hand­fe­ger und Wisch­tuch wie­der in den Holz­korb und trat lei­se durch die lan­ge Schlaf­stu­be hin ih­ren Rück­zug in die Kü­che an. Es war aber nicht mehr nö­tig, da­bei so vor­sich­tig zu sein, denn alle vier Da­men wa­ren be­reits wach, und Ma­non hat­te so­gar den einen nach dem Hof hin­aus­füh­ren­den Fens­ter­flü­­­­­­­­­­­­­­­