Max Dreyer

Die Siedler von Hohenmoor

Ein Buch des Zornes und der Zuversicht
Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
goodpress@okpublishing.info
EAN 4064066111502

Inhaltsverzeichnis


Die Baracke
Der Herr von Moorhof und die Siedler
Nieder mit dem Würger!
Frei und gut ist dasselbe
Frau Tilde
Die fremde Frau
Der Torfmeister
Winternot
„Prost!“
Lona und die Landarbeiter
Besuch in der Baracke
Die Gutsherren
Achim
Märzenglanz — Herzentanz
Die Goldberge
Orgelklänge
Ausstand
Feurio
Heil dir, du deutsche Jugend!
Über Gräber vorwärts
Verstehen!
Krisen
Die Schlacht an der Katzbach
Heimweh
Vor dem Sturm
Kampf
Blut auf der Heide
Feier
Ingeborg
Die Liebenden
Das Haus
Freunde in der Not
Und die Not nimmt überhand
Das Richtfest

Die Baracke

Inhaltsverzeichnis

Er schritt durch die Winternacht über die Heide. Von Kristall war die Mondwelt, die Luft klirrte und klang.

Nach der Hügelkette, die ihm zur Seite blieb, sah er hinauf, „die Goldberge“ hießen die Höhen — Geheimnisse schliefen in ihrem Schoß.

Nun ließ er seinen Weg und stieg auf die Gipfel. Hier stand er und blickte ins Land, auf das Reich seines Schaffens.

Sein Reich — eben hatte er den letzten Kampf bestanden, es sich und den Seinen zu gewinnen. Er kam aus der Kreisstadt. Nach endlosen Verhandlungen war es ihm heute gelungen, deren Väter, die trägen, die übelwollenden, die argwöhnischen Gemüter sich zu beugen. Die verfallene Ziegelei, die niemand kaufen, niemand pachten wollte, war samt dem Gelände jetzt ihm und seiner Siedler-Mannschaft gesichert. Damit erst war das ganze Siedlungswerk auf festen Grund gestellt.

Die Ziegelei mit ihren Tonfeldern, auf der anderen Seite das Moor und sein Torfstich, ein Stück Kiefernwald, bereit, die Balken und Bretter zu liefern, reichlich Kulturboden und weites Heideland zum Urbarmachen — was brauchte man mehr zum Bauen und Hausen!

Die Brust schwoll ihm, tief tranken seine Lungen die mondhelle Luft.

Im Osten strahlte die See, vom Himmel beleuchtet bis an den Saum des Horizonts. Kein Schiff war zu sehen, kein Dampfer, kein Segler — das tote deutsche Meer.

Da zuckte es schmerzhaft durch ihn hin, und er wandte sich wieder landeinwärts. Schritt herab von der Höhe, schritt wieder seinen Weg über die Heide. Er warf den Druck von sich, seine Sehnen federten wie im Marsch. Das Lied der deutschen Jugend, das durch die Seelen zog, kam ihm in den gestrafften Sinn, und er sang sich die Worte:

Wir sind die Jungen, in Not gestählt,

in Schmerzen geworden, in Schmerzen erwählt.

Deutsche Erde, die uns erschuf,

deutsche Erde, uns gilt dein Ruf.

Wir sind geweiht, wir schließen die Reih’n!

Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen! In unserm Sinnen

du bist der Ausgang, du das Beginnen.

Nicht einen Bissen von deutschem Korn,

nicht einen Tropfen aus deutschem Born,

Deutschland, daß wir nicht dächten dein!

Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft,

jede Faser gestrafft und gerafft,

wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,

siehst du die nächtigen Wolken lohen?

Wir sind des Frührots lachender Schein!

Frei sollst du sein!

Wir sind die Jungen — die Herzen fliegen!

Wir sind die Jungen, wir stürmen, wir siegen!

Unter die Füße den tückischen Haß,

seine Ketten zerspringen wie Glas.

Unser Gebet, unser Feldgeschrei:

Frei sollst du sein!

Wir machen dich frei!

Er war am Ziel. Die Baracke, die an den kiefernbestandenen Hang sich lehnte, war sein Quartier.

Der Bretterbau lag dunkel, die Kameraden hatten nicht mehr auf ihn gewartet. Er klopfte im Dreischlag, der Mann, der die Wache hatte, war gleich zur Hand, steckte eine Kerze an und öffnete ihm.

„Guten Abend, Runge, oder Guten Morgen!“ grüßte der Eintretende.

„Guten Abend, Herr Hauptmann.“

„Wir haben jetzt auch die Ziegelei.“

„Das ist famost!“ In dem verschlafenen viereckigen Gesicht des Wachmannes tanzten freudig die kleinen Augen wie feurige Punkte.

Dann berichtete er „nichts zu melden, Herr Hauptmann“, und jeder ging in sein Losament. Der Wachthabende in das kleine Gemach rechts vom Eingang, Hauptmann Horst Oldefeld in sein Zimmer, das gegenüber lag.

Ein kahler, niedriger, einfenstriger Raum, in dem nichts als ein Tisch, zwei Stühle und ein eiserner Ofen stand. Das Bett war ein Bretterverschlag an der Wand, mit Strohsack und wollener Decke. Lag es sich hart und kalt darin, hatte er die Bannworte bereit: Schützengraben und Champagne! Durch Dreck geschleift — in Dreck verkrustet! Und er kuschelte sich ein voll unbändigen Behagens.

Morgens war er der erste auf. Holte sich die große blecherne Waschschüssel voll Schnee, und rieb sich mit der himmlischen Frische ab von Kopf zu Füßen. Dann im Mantel an den Tisch zum Schreibwerk, und er dampfte von Wärme in dem ausgekühlten Raum.

Nicht lange, da trat der Hauptmann Dankwart Hamerslag bei ihm ein. Hart, ernst, wortkarg. Das Lid über dem rechten Auge infolge eines Kopfschusses halb gesenkt, der linke Arm steif, ein Granatsplitter stak noch in der Schulter.

„Morgen, Junge“, grüßte ihn Horst. „Also die Städter hätten wir jetzt auch erschlagen.“

„Hörte schon.“

„Endlich die freie Bahn! Nun geht’s aber auch mit heidi! Heut werden also Bäume gefällt.“

„Ja.“

„Ich will selbst den ganzen Tag dabei sein. Du übernimmst dann das Bureau.“

„Gern. Nur —“

„Was?“

„Ich bin mit meiner technischen Berechnung noch nicht durch —“

„Für die Kraftanlage?“

„Ja.“

„Das geht natürlich vor. Dann muß Gisbert den Schreibkram hier machen. Ich wollte die beiden Jungen sonst mit rausnehmen.“

Die beiden Jungen waren die Oberleutnants Gisbert Hegendorf und Kunz Rutenberg. Sie schliefen und hausten in einem Gelaß.

Gisbert in seinem Verschlag war der erste, der sich rührte. Langsam fanden seine schweren Traumaugen den Weg in den Morgen. Die langen Finger tasteten, der Wirklichkeit ungewiß, wie fragend nach dem Kopf, dann zuversichtlich geworden, fuhren sie glättend über das weiche blonde Haar. Und nun reckten sich die schlanken Glieder ins Wache, ins Leben.

Kunz schlief noch fest. Wie ein kleiner Junge lag er, den harten, kurzgeschorenen Kopf in den runden Arm geborgen. Zu Füßen seines Lagers hatte Muz sich hingerollt, ein junger Schäferhund, nicht ganz rein von Rasse, aber um so reiner von Gesinnung, wie sein Herr kritischer Schärfe der Betrachtung zu wehren liebte.

Gisbert streckte die langen Beine in den kalten Weltenraum und rief: „Kunz!“ Kunz machte den Arm noch runder und schlief weiter.

Gisbert prustete von der Waschschüssel auf: „Kunz!“ Kunz knurrte und schmatzte und schnalzte nach einem Schimpfwort, gurgelte es zurück und schnarchte wieder ein.

Jetzt aber trat Muz in Tätigkeit. Erhob sich, zog sich lang und länger die Hinterfüße aus dem Leib und schleifte sich so zu dem Lager des Unerbittlichen. Wie tröstend legte er die Schnauze auf die Schlafdecke und ließ den Schwanz pendeln gleich einem Perpendikel. Es ist Zeit, es ist Zeit, es ist Zeit — und allmählich immer lebhafter: es ist hohe, hohe Zeit! es ist hohe, hohe Zeit!

Diese leise Weckuhr brachte den Schläfer zuverlässig zur Besinnung. Seine Finger fühlten sich zu dem weichen Ohr der Uhr, streichelten das samtene Fell, sie bekamen ihre Regsamkeit und lösten den ganzen Leib aus seiner Starre. Und jetzt landete Kunz Rutenberg mit schnellem Sprung aus dem Bett auf dem harten Dasein und schimpfte sich hier vollends bodenständig.

„Bande,“ rief er, „Bande!“ Und gähnte und schalt. „Was wollt ihr eigentlich von mir, was hab ich eigentlich bei euch zu suchen — ihr Eisenfresser der Pflicht — ihr Barackenheilige — ihr Kartoffelsuppenspartaner — ihr Strohsackasketen — ihr Flagellanten der Arbeit — was soll ich bei euch — in eurer Arche düsterster Enthaltsamkeit!“

Die gekeuchten Worte gaben den Takt, nach dem er sich wusch und sich frottierte.

„Das Licht ist, was ich liebe — das Licht ist, was ich suche — Geigen sollen schwirren — prickelnde, knisternde Weisen will ich — Farbenfunken sollen sprühen — über duftendes Frauenhaar — das perlende Leben will ich, aus dem Glas, von den Lippen — nicht die dunkle, hundekalte, muffige Öde eures elend ungehobelten Bretterstalls!“

Er schnob gewaltig.

Gisbert lächelte schweigend hinein in seine langen, feinen, edel gebogenen Züge. Dieses Geschmetter in den Morgen brachte ihm an sich keine Überraschung. Damit pflegte Kunz, der hurtige, Tag für Tag sich den Mund auszuspülen. Was dem stilleren Stubengenossen eine leise Freude gab, war die scheinbare Unerschöpflichkeit des Sprachschatzes, der täglich neue Gaben ausschüttete.

Kunz war zuerst mit dem Anzug fertig und drängte nun zum Tageswerk. Er nannte das — um sich vor sich selber treu zu bleiben — den Tag schupsen, daß er eher zu Ende gehe.

Gisberts sorgliche Genauigkeit bekam jetzt von ihm die Peitsche, und bald standen auch die beiden bei Horst im Zimmer. Hier hörten sie gleich von dem Erwerb der Ziegelei, der die Erlösung brachte. Niemand strahlte froher als Kunz. Und wie leuchteten die Augen bei diesem Sybariten des Wortes, als er hörte, daß er mit zu der harten Arbeit des Baumfällens ausersehen sei.

Mit dem Glockenschlag versammelten sich alle in der Halle zum Frühstück, alle Siedler, Führer und Mannschaft gemeinsam — es waren im ganzen ihrer dreiundzwanzig.

Sie saßen ohne irgendwelche Rangordnung durcheinander. Der kameradschaftliche Grundsatz herrschte durchaus vor. Freiwillig hatten die Männer sich zusammengefunden zu schwerem, ernstem, gemeinsamem Werk, von dem sie meinten, es könnte vorbildlich sein. Von dem sie hofften, es könnte Hilfe bringen dem armen, ach so bedürftigen Vaterland — geringe nur durch die Leistung selbst, doch größere durch das Beispiel. Ein Werk, in dem eine Freudigkeit des Glaubens atmete, ein gehobener Wille.

Bauen, bauen wollen wir — aufbauen — was gibt es, das freier wäre, das mehr in die Höhe ginge, das dem Göttlichen näher käme!

Und in lebendiger Gemeinsamkeit schaffen wir — einer so nützlich, so nötig, so unentbehrlich wie der andere — alle uns gleich durch die gleiche Pflicht, den gleichen Stolz, die gleiche Liebe zu dem, was wir schaffen — wie Glieder eines lebenden Wesens, das denkt und sorgt und wirkt!

Heimstätten bauen wir, aus deutscher Erde, auf deutschem Land. So unglückselig arm ist das Vaterland geworden, nur eins ist sein Reichtum, das sind seine Kinder. Die drängen zu ihm hin, die schmiegen sich an seine Brust, sie wollen, sie müssen bei ihm bleiben. Wie sie alle kommen, wie sie sich mehren, es fehlen die Herde sie zu wärmen und zu hüten. Deutsche Herde wollen wir bauen! Helfen wollen wir, daß kein Deutscher heimatlos sei im deutschen Land.

Als wir in Wohlfahrt lebten, in übermütigem, gedankenlosem Glück, haben wir so manche Strecken deutschen Bodens nicht geachtet oder gar verachtet, haben wir über Ödland die Achseln gezuckt.

Nun bietet diese arme Erde sich dar, auch sie möchte nützen und helfen. Und ist sie noch arm, da solche Kraft in ihr lebt? Uns liegt es ob, die Kraft zu lösen und zu mehren, durch unserer Hirne, unserer Hände, unserer Herzen Walten und Wirken. Ist das nicht wie Schöpfung? Ist das nicht Gottesnähe? Ein andächtiges, ein tiefes, ein heiliges Werk.

Etwas von dieser Weihe lag auf jedem der Männer, die solchem tiefinnerlichen Dienst an der deutschen Erde sich ergeben hatten.

Der Herr von Moorhof und die Siedler

Inhaltsverzeichnis

Sie waren zum Teil Regimentskameraden vom Kriege her, alle aber hatten sie dann einem Freikorps angehört, das gegen die spartakistischen Umtriebe sich einsetzte.

Gerade dieser Küstenstrich hatte schwere Erschütterungen gesehen. Mehr noch als anderswo hatten sich hier Verbrecherhorden mit den Schwarmgeistern gemischt. Auf den Gütern vornehmlich gab es Raub, Brand und Mord.

Da wurde ein Kommando hierhergelegt, Horst Oldefeld der Führer, Dankwart Hamerslag als Offizier ihm zur Seite, Gisbert und Kunz standen als Gemeine mit im Glied. Es waren dreißig Mann. Ihr Hauptquartier hatten sie in Moorhof, dessen Herr, Baron von Borkhus war es, der ihnen dann das Hauptgelände für die Siedelung zuwies.

Das war ein alter Recke und Haudegen, der geborene Häuptling — hätten die Raubgesellen ihn nicht angeschossen bei ihrem Überfall, er würde ganz allein mit seinen Leuten die Landschaft von dem Gesindel reingefegt haben.

So war das geschehen, das mit dem Überfall, dem schwere Tat entsprang.

Zwei Autos rattern auf den Hof, bespickt mit Matrosen und Abenteurern in Marineuniform. Vorne flattert die rote Fahne. Sie springen aus dem Wagen, an die fünfzehn Mann, schwingen ihre Handgranaten, besetzen die Türen von Haus und Stallungen.

Der Führer ein junger, schlanker Mensch mit geistigem Gesicht, schwarzen, kaltfanatischen Augen und schmalem höhnischen Mund. Er und zwei Begleiter, die Pistole in der Hand, die Granaten im Gürtel, begeben sich ins Herrenhaus.

Die Mädchen halten sich versteckt, der alte Diener erscheint zaghaft im Treppenhaus.

„Wollen den Besitzer sprechen.“

„Wen darf ich melden?“

Die drei lachen. „Der sogenannte Besitzer hat sich bei uns zu melden. Aber plötzlich. Warten tun wir nicht lange.“ Der Führer klopft mit dem Pistolengriff auf den Tisch.

Schon kommt Baron von Borkhus die Treppe herunter, mit schwerem wuchtigen Schritt, der gewaltige Mann. Er geht mühsam, sein rechtes Bein ist von Ischias gekrümmt, die er in den Karpathen sich geholt hat. Er knöpft sich den Uniformrock zu. Mit Bedacht hat er sich den angelegt, als er von seinem Zimmer aus diesen Besuch erblickt.

Seine mächtigen Augen über den Tränensäcken sehen mit einer unheimlich großen Gelassenheit auf die Gäste.

Der Führer geht ihm entgegen, die beiden anderen sind im Anschlag.

„Sie wünschen?“ fragt der Herr.

Der Sprecher redet etwas von einem fantastischen Furagekommando, dann tritt er nahe an den Baron hinan, der unbewaffnet und ungefährlich vor ihm steht.

„Sie erlauben wohl! Wir sind hier doch nicht aufm Maskenball!“ Und die frechen Finger greifen nach den Achselstücken.

„Hund!“ brüllt es ihm entgegen wie ein Orkan, in den glotzenden Augen ist Wut und Blut, die mächtigen Pranken schlagen sich um die Kehle des Angreifers und würgen ihn — würgen ihn —

Die anderen — erst wie betäubt — wollen zuspringen — wollen wieder die Waffen nicht aus den Händen geben — trauen sich nicht zu schießen, weil der Gefährte da in den Händen des Berserkers hin und her baumelt — inzwischen sind durch die Hintertür bewaffnete Gutsleute vom Inspektor hereingeführt — Hände hoch! schreien sie von beiden Seiten — dann wird geschossen — die zwei Matrosen stürzen hinaus — der Baron ist zusammengezuckt — aber seine Hände wie verkrampft in dem einen Willen und gezwungen, sie lassen nicht los und würgen — würgen —

Draußen haben die beiden Wirtschaftseleven mit ein paar mutigen Leuten die eingedrungenen unter Feuer genommen.

Zwei, drei werden getroffen — nun gibt es kein Halten mehr — sie stürzen in die Wagen — kurbeln an — lassen Führer Führer sein — und rasen davon.

Wie der Inspektor zurückkommt ins Gutshaus, kauert der Herr in einem Stuhl des Vestibüls. Um ihn wogt das Grauen.

Auf dem Teppich liegt die Leiche des erwürgten Führers — wie sie hingesunken ist.

„Sie sind fort“, berichtet der Inspektor kurz. Er ist ein langer, sehniger Mann mit harten Zügen und kalten Augen. Die blicken nicht leidig zurück.

Jetzt sieht er Blut über den rechten Stiefel des Herrn sickern. Er steigt über die Leiche, die ihm ein Hindernis ist und weiter nichts.

„Herr Baron, Sie sind verwundet.“

„Bin ich?“ und als sei dieses unwesentlich, rührt er sich nicht, starrt und versinkt in die Worte: „erwürgt hab’ ich ihn.“

Nun ja — ein Toter — es ist Aufruhr, es ist Krieg. Empfindeleien kennt der Inspektor nicht. Er bleibt bei der Sache. Beordert ein Fuhrwerk in die Stadt, den Arzt zu holen — führt den Herrn in das nächste Zimmer — entkleidet ihn — verbindet die Wunde.

„Grad in das infame Bein“, stöhnt jetzt der Baron. „Nun es geht in einem hin.“ Aber er bleibt nicht lange bei sich selber und starrt dann wieder.

Drei Tage später kam Horst mit seinem Trupp.

Der Arzt hatte den Baron ins Bett gesteckt. Die Wunde, an sich nicht schlimm, verlangte Schonung. Horst saß an seinem Lager.

Sie sprachen vom Krieg. Aus der unsäglichen Schmach dieser Zeit flüchteten sie in die blanken Tage der Ehren.

Der Baron hatte als Major an der Somme gefochten, durch alle Grauen war er gewatet, durch die Schlammbäche in ihrer Hochflut von Blut, die mit Tornistern und Kochgeschirr Leichenfetzen und zerrissene Glieder mischte.

Welch ein Gefühl der Weihe hatte sie doch getragen, daß all dies Entsetzen sie nicht mit Wahnsinn schlug!

Und zwischendurch hielt er inne und sprach schwer: „Haben Sie schon mal einen Menschen erwürgt — erwürgt mit eigenen Händen?“

„Nein, Herr Major —“

„Einen Deutschen! Ein Deutscher einen Deutschen! Eine Zeit apokalyptischer Greuel!“

Dann steuerten sie hart und schnell einen anderen Kurs. Zwangen sich zur Nüchternheit. Sprachen von wirtschaftlichen Dingen.

Was wird aus all den entlassenen Offizieren und Unteroffizieren, aus all den Kämpfern, die der Krieg erwerbslos gemacht hat?

Land wird gebraucht. Ein eigenes Stück Erde — ist das nicht der Inbegriff des sozialen Heils, weil hier ein seelisches Gut eingeschlossen ist?

Siedlungsland müssen die großen Güter hergeben. „Ich will der erste sein und ein Beispiel“, sagte Herr von Borkhus.

Er hatte gesehen, welch leuchtende Augen der Gedanke an das eigene Land in Horst Oldefeld entzündete, dem armen, verwehten Offizier, ohne Heimstätte, ohne Familie.

Er hatte ihn liebgewonnen in den wenigen Stunden. „Wenn Sie wollen, sollen Sie sich hier anbauen.“

Und im Laufe der Tage wurde schnell das Nötigste abgemacht. Baron Borkhus gab freudig. Einen kräftigen Zipfel schnitt er ab von seinem Besitztum — Kulturland und Heide zum Urbarmachen, ein Kieferngehölz und ein großes Stück Moor.

„Die Ziegelei von der Stadt müssen wir dazu haben, dann können Sie selber bauen. Herrgott — und wenn der Tangentiener noch die kleine Ecke hergeben wollte, dann hätten Sie ein rundes Reich für sich!“

Horst war in Geschmack gekommen. „Meinen Sie, daß ich einmal mit Herrn von Tangentien rede?“

„Mit Klaus Tangentien?“ Der Baron lächelte. „Soll ich Ihnen sagen, wie der ist? Ich stehe mit ihm auf meinem Acker, nicht weit von unserer Feldscheide. Da muß er Wasser lassen. Was tut er? Läuft er nicht nach seinem Feld hinüber und besorgt es da? Daß seinem Boden nicht das Ammoniak verloren gehe? So ist Klaus Tangentien. Und nun reden Sie mit ihm.“

Horst dankte. Aber Herr von Borkhus ließ es sich angelegen sein, für die wirtschaftliche Sicherstellung das Nötige zu besorgen.

Die Siedler selbst brachten ein Grundkapital zusammen. Am meisten hatte Gisbert in die Suppe zu brocken, den sie den reichen Jüngling nannten, und er gab mit vollen Händen. Auch Dankwart steuerte tüchtig bei. Weniger hatte Kunz zu geben, am wenigsten Horst, der so gut wie mittellos war. Von den anderen Kameraden beteiligte sich dieser oder jener mit kleinen Beträgen.

Aber diese ganze Summe hätte nur für den Anfang gereicht. Borkhus brachte einen größeren Fonds zusammen. Er selbst lieh her, soviel er vermochte. Sobald er wieder auf den Wagen konnte, machte er sich auf die Walze. Bei Parteifreunden und Nachbarn warb er mit einigem Erfolg — Landschaft und Regierung versagten. Immerhin, in ein paar Wochen stand das Unternehmen auf leidlich festen Füßen.

Und er hatte sich selbst einigermaßen wiedergefunden in solchem Liebeswerk. Die Freude, die er machte, leuchtete ihm heraus aus dem Dunst, mit dem diese Tage ihn ersticken wollten.

Was bevorstand, trat ein: das Freikorps wurde aufgelöst. Horst und die drei Offiziere blieben. Dazu neunzehn von den Leuten, die ernsthaftesten und besten, alte Unteroffiziere in der Mehrzahl.

Horst war der geborene Führer. Er trug etwas von dem Glanz des Unzerstörbaren, Unverlierbaren in sich. Er hatte die klare, reine Linie und hielt sie um so fester, als er um sie kämpfen mußte.

Denn er war von Haus aus eigentlich ein Träumer gewesen und hatte viel bunte Märchen gelebt — daher kam sein Lachen und seine Güte. Aber im Grunde seiner Art saß wieder eine starke Sehnsucht nach Verantwortung, eine Inbrunst für das Ziel, eine leidenschaftliche Liebe zur harten Tat. Und daher stammte sein Ernst.

Dann die Offenheit seines Auges, die Unbefangenheit seines Wesens, das von verstecken nichts wußte und auch bei den anderen mit unbekümmertem Griff aus den Höhlen und der Heimlichkeit herausholte, was das grelle Tageslicht mied. Wenigen wie ihm taten sich so die Herzen auf. Darum kannte er auch die Herzen, ihre Kraft, ihre Hoheit wie ihre Tücken und Nücken. Und eben seines Wesens aufspürende Innigkeit feite ihn gegen Groll und Gift. Er hatte nun einmal von den großen Eigenschaften, gegen die es keine Rettung für kleinere Geister gibt — als die Liebe.

Machte das Hartsinnige, die starre Unbedingtheit den Führer aus, wäre Dankwart Hamerslag dafür der geeignetste gewesen. Ihm hatte das Feste, Spröde, Brüchige seiner Art ein grausames Geschick noch härter geschmiedet. Als frischer Ehemann war er ins Feld gezogen. Wie er auf Urlaub nach Hause kam, hatte seine Frau, die er vergötterte, die kindlich junge, schwärmende, haltlose aus der Ehe sich beurlaubt. Davon trug sein Leben die Wunde, die nicht verharschen konnte, und die sein Blut mit Bitternis durchschwärte.

Er war der Techniker des Kreises, nicht genial und von großen Ideen, dazu fehlte es ihm an Herz und an Feueratem, aber von beispiellosem Scharfsinn und reicher Erfindungsgabe.

Und auch in dieser Seele brannte ein Altar. Das war die Liebe zu seinem heimatlichen Westfalen. Stunden des Heimwehs hatte er, daß die Augen ihm übergingen. Dann wetterte er gegen sich selbst. Er, sentimental, er, den sie die Maschine nannten! Doch dies Gefühl ertrank erst wieder in dem großen Schmerz um die große deutsche Heimat.

Das Westfalenland, das Sachsentum, es schlang ein zärtliches Band um die ungleichsten der Brüder, um ihn und Kunz Rutenberg.

Er, der Mathematiker von Geblüt, und Kunz der geschworenste aller Zahlenfeinde, der einmal erklärte: „Es muß ein Leben nach dem Tode geben! Ich muß mir — muß mir den Mann bei Licht besehen können, der die Logarithmentafeln gebaut hat!“

Kunz mit den frischen Backen, mit den „munteren roten Blutkörperchen“, trotz dem Elend, das auch an ihm fraß, nicht weniger als an den Kameraden. Er war ganz gewiß nicht der leichte Obenauf. Genug des schweren niedersächsischen Sinnes war seinem jungen Frohmut beigemischt. Und wenn die anderen sich mehr an ihm freuen und über ihn lachen wollten, als er hergeben konnte, durfte er ernstlich sagen: „Kinder — wenn ich auch der Clown bin in eurem Zirkus, Komiker sind keine lustigen Menschen!“

Das ist ja wahr, der Versunkenheit und dem Kultus mystischer Weltflucht, dem sein Stubengenosse Gisbert oft genug erlag, setzte er leicht eine unbarmherzige Fröhlichkeit entgegen. Nicht mit böser Absicht — dann hätte in Gisbert irgendeine wenn auch noch so unbewußte Komödie am Werke sein müssen. Und dessen Sauberkeit ahnte nun ganz und gar nichts von Pose. Es geschah aus einer unwillkürlichen aber um so lebhafteren Reaktion, die Kunz selber schmerzte. Namentlich dann, wenn sein Übermut eine Ironie hineinpfefferte.

Gisbert, gewiß der zarteste von ihnen allen, hatte im Kriege das Schwerste durchgemacht. Vier Tage und drei Nächte lang war er verschüttet gewesen, alles um ihn war nach und nach verröchelt. Als der einzig Lebende kam er ans Tageslicht. Die Retter betteten einen Verklärten, in Visionen Schauernden. Als sie ihn wegtrugen, hob er den fast schon Seele gewordenen Leib, streckte die fliegenden unkörperlichen Hände inbrünstig zurück — und hauchte: „Nicht fort — ich muß — ich muß — wieder hinein — dort hab ich Gott geschaut — —“

Es stimmte schon, was Horst Oldefeld einmal sagte: „Wir alle haben Wunden, Gisbert aber hat Wundenmale.“

Unter den neunzehn Männern, die mit den vier von ihnen selbst gewählten Führern an dem langen Brettertisch beim Morgenkaffee saßen, fiel einer besonders auf. Nicht weil er der größte und längste war, sondern weil er was großes in den Augen hatte. Es war in ihnen die helle Zuversicht der kindlich reinen Gottesgläubigkeit entzündet.

Er hatte die ganze niederdeutsche treuherzige Unbeholfenheit in den schlaksigen Gliedern, über dem kantigen, noch ganz jungen Gesicht, leuchtete grauweiß sein Haar, das eine Sappenexplosion im Schützengraben entfärbt hatte. Der tüchtigste Arbeiter wie er der bravste Soldat gewesen war. In den Mußestunden hielt er sich viel allein, las, nein, forschte in der Bibel, schrieb nach Hause an seine Mutter, seine Braut. Gustav Elbenfried war Zimmermann seines Zeichens, sie nannten ihn mit neckendem Respekt den heiligen Josef.

Das Wort führte von der einen Ecke aus der ranke, schmeidige Fritz Eggert. Er war gelernter Barbier und hieß darum „Balbutz“. Aber das sagte im Grunde nichts von seinem Wesen und Leben. Kaum einen Beruf gab es, den er nicht geübt hätte. Durch alle Länder Europas war er gewalzt. Hatte auch sattsam geabenteuert, hatte „in den südlichen gelben Halunkenländern“ seinem Anfangsberuf getreu manch einen über den Löffel barbiert und lieber selbst Hälse abgeschnitten, als sich begaunern lassen. Kurz vor Ausbruch des Krieges war ihm Europa zu klein geworden, er wollte „Afrika auch einmal was Gutes gönnen“. So war er nach Algier gekommen. Von da trieb es ihn, als der Kriegsruf ihn traf, zu den Fahnen — unter beispiellosen Listen, Finten, Entbehrungen und Gefahren erreichte er deutschen Boden. Dies schuf ihm unter den Brüdern seinen Wert und sein Gepräge.

„Also Kinder,“ so gab Horst die Tageslosung aus, „heut werden Bäume gefällt. Wenn wir übers Jahr trockene Bretter haben wollen, wird es Zeit. Arbeitsleiter ist Elbenfried.“

So war es ausgemacht und Gesetz, daß bei jedem Werk der fachmännisch Zuständige das Kommando hatte. Für das Gemeinsamkeitsgefühl gab es keinen besseren Boden.

Und nun scharwerkten all die jungen fleißigen Arme in dem Kieferngehölz am Bergeshang. Die Gedanken und Herzen schlugen für die Heimstätte und für die große Heimat.

Schwere Nebel zogen von der See her über die Flur. In Nebel und Not war das Vaterland. Aber hell und stark klangen durch den Dunst und Daak Säge und Axt. Und fast froh flammten die Rufe durch die Schatten und Wolken. Es waren die Stimmen der Arbeit.

Nieder mit dem Würger!

Inhaltsverzeichnis

Nebel wogten durchs deutsche Land, Nebel und Rauch von Feuersbrünsten und Scheiterhaufen. Ein giftig schwelender Brodem zerfraß die Augen, die Hirne, die Herzen.

Baron Borkhus und Horst fuhren im Jagdwagen nach der Kreisstadt zu einer politischen Versammlung. Der Herr kutschierte, neben ihm saß Horst, hinter ihnen Strempel, der alte Kutscher.

„Was sind wir für ein Volk!“ so wälzte Borkhus an seiner Last. „Daß Unsersgleichen nicht auf Erden ist, wer will es uns jetzt noch bestreiten! Die größten Helden sind wir — ja — aber auch die größten Hunde! Hat je ein Volk erst sich selbst heimtückisch gemeuchelt — dann sich selber begeifert und bespien — mit einer Art Wollust schmutzigster Exhibition sich selbst vor aller Welt an den Schandpranger gestellt! Daß selbst die schwarzen Bestien sich scheckig lachen vor unbändigem Vergnügen!“

„Wir sind krank — wir sind im Fieber —“

„Fieber — seit wann macht Fieber ehrliche Kerle zu Lumpenhunden!“

Er war schon in der gehörigen rhetorischen Stimmung und im Öffentlichkeitsfeuer. Er brauchte auch Publikum und dessen Widerhall. Da Horst nachdenklich schwieg, wandte er sich hinterwärts an sein Faktotum.

„Hab ich recht, Strempel, oder nicht?“

„Komplett, Herr Baron,“ kaute der zurück, mit seinem breiten, malmenden Mund.

Borkhus hatte eine Zärtlichkeit für diesen verschmitzten, verkniffenen alten Knaben, die Horst nicht begriff. Ihm waren in die Falten des knochigen, eckäugigen, vergilbten und gegerbten Bereitergesichts alle Tücken der Welt gesät.

Es ist gut, dachte im übrigen Horst Oldefeld, dem Baron zugewandt, daß du vor der Versammlung von dem gröbsten dich entlädtst! Dein Zorn hat recht, so weit Zorn recht haben kann. Denn Zorn allein kann nicht helfen, und Hilfe ist, was wir wollen.

Horst, der selber oft genug seinen Ingrimm mit beiden Händen bändigen mußte, blieb heute in der Ruhe und strebte in die Tiefe.

Er sprach davon, wie Deutschland von je das Schlachtfeld gewesen sei, das blutige, das zerwühlte, nicht nur für alle Heere der Erde, auch für alle großen Ideen der Welt, die alle, alle sein schmerzensreicher Schoß getragen und geboren hatte. Aufs Tiefste und Schmerzlichste zerpflügt das Land vom Schwert und vom Geist. Alles, alles Menschliche umspannen seine Lebenskräfte, das Niederste bleibt ihnen nicht fremd, bis zu den reinsten Höhen beschwingen sie sich. Das Niederste, ja, warum es leugnen? Warum mußten wir uns immer wieder die Ohren und die Sinne betäuben mit dem lauten Sang von deutscher Treue! Auch deutsche Untreue gibt es mehr als genug! Aber vom Allererbärmlichsten greift die Spanne deutschen Wesens bis zum Erlauchtesten empor. Das ist sein Reichtum, ist seine Größe — das ist sein Schicksal, sein Fluch. Das ist seine Passion und — seine Verklärung!

So sprach Horst zu Borkhus.

„Ganz gewiß haben Sie darin recht,“ antwortete der, „daß wir uns immer viel zu viel vorgesungen haben! Was wir für Kerle seien! Wie geräuschvoll haben wir uns immer unsere Tugenden beteuert! Und mit welch triefender Empfindsamkeit! Kam einem das alles nicht manchmal vor wie eine künstlich auf Flaschen gezogene, künstlich kalt gestellte Sentimentalität, die wir festlich entkorkten, mit der wir feierlich anstießen und feierlich uns besoffen? Als Idealisten taumelten wir uns in die Arme! Wieviel fader Muff war doch in diesem Idealismus!“

Horst sah ihn an, ein scharfes Lächeln im Auge. „Und jetzt — verfallen wir jetzt nicht in den entgegengesetzten Fehler —?“

„Sie meinen?“

„Haben wir uns früher verhimmelt, bereiten wir uns jetzt ein System daraus, uns selbst zu beschimpfen!“

„Soll das auf mich gehen? Aber ich schimpfe ja nur darauf, daß wir uns jetzt so herabziehen, und mit Schmutz beschmieren — ebenso wie ich darauf schimpfe, daß wir selber uns einst so in den siebenten Himmel gehoben haben! Natürlich beides aus derselben dreimal verdammten Empfindelei! So lange wir die mit uns herumschleppen — ehe wir diesen schmierigen Fetzen nicht von uns abreißen, kommen wir nicht wieder fußfrei auf die Beine. Wie haben unsere Feinde es geschafft! Dadurch, daß sie brutal sind — brutal im Denken, im Handeln — brutal ihre Energie, brutal ihre Grausamkeit, ihre Tücke, ihre Feigheit, ihre Verlogenheit! Noch immer hat Gewalt mit Verbrecherhänden die Weltpolitik gemacht — wir aber faseln, auch heute noch, von Weltgewissen. Als ob das Gewissen der Welt nicht der schamlose Nutzen wäre! Und faseln wir nicht, keifen wir, wie Weiber auf der Treppe.“

Tust du letzteres nicht selbst ein wenig, mußte Horst wieder denken. Er blickte auf den gewaltigen Mann, der in drohender Haltung neben ihm saß, den Kopf gehoben, die mächtigen Augen geweitet, keuchend wie zum Kampf. Ehrlich in jeder Faser — und sah doch in seinem ehrlichen Zorn an etwas vorbei, das er selber in sich trug.

Auch einer von denen, die so gern, so gern brutal sein wollten und konnten es nicht. Dies unser Grimmen und Fluchen — ist es nicht ein Sich-Wehren gegen die weiche Stelle in uns, die wir alle haben, die nur nicht das Mächtige werden darf über uns, ohne die wir aber in unserem Wesen verstümmelt wären!

Und Horst will es ihm sagen: wir werden sie nicht los unsere Empfindsamkeit. Sie gehört zu uns. Sie ist ein Teil unserer Kraft. So dürfen wir sie auch nicht bekämpfen, und sie und uns damit schwächen — nur in die rechte Bahn, in den starken Strom unseres Lebens sollen wir ihre Quellen leiten, und sie hilft uns zu unserem großen Werk. Ohne sie können wir nicht siegen, sie wird dabei sein, sie muß dabei sein — und der Triumph der Empfindsamkeit ist auch der Triumph und die Freiheit des deutschen Geistes, des deutschen Volkes! So werden wir siegen!

Er formte noch an den Worten, daß sie eindringlich sprechen sollten, da tauchten schon die Lichter der Stadt vor ihnen auf. Borkhus dachte an die Versammlung und ließ sich den Anfang seiner Rede durch den Kopf gehen.

Dann wandte er sich zu Horst, mit treuherzigem Lachen und das Herrische war im Versinken: „wissen Sie, daß ich einen heillosen Bammel habe?“

„Wovor?“

„Nun vorm öffentlichen Auftreten! Lieber ins Trommelfeuer, in einen Gasangriff als auf die Rednerbühne! Ein Zustand, in dem man sich nach einem Schlaganfall sehnt —“

„Dann —“

„Würden Sie es lassen, wollen Sie sagen!“

„Ich meinte eigentlich, damit bringen Sie doch der Partei ein großes Opfer.“

„Nicht so ganz. Es ist doch hier wie überall ein gehöriger Schuß Eitelkeit dabei. Und der Ärger, daß man diese Angst, diesen kleinen Schweinhund, nicht unterkriegt.“ Die jungen Pferde gingen unruhig in seiner Hand. „Sehen Sie, meinen Tatterzustand merken selbst die Rösser.“

In dem Gasthof, dessen Saal für die Versammlung bestimmt war, spannten sie aus. Der Wirt, gar nicht unterwürfig, ein trockener, grader, ernster Mann mit soldatischem Blick nahm den Baron gleich beiseite.

„Ich habe die Rednerbühne eben noch umstellen lassen.“

„Warum?“

„Sie stand doch an der Wand unter dem Altan.“

„Nun ja — und?“

„Die Galerie hat unser Janhagel besetzt.“

„Ja so. Und nun meinen Sie, aller Segen kommt von oben!“

„Ich trau ihren Taschen nicht und nicht ihren Manieren, solange die Berliner Hetzer hier herumwirken.“

„Die Hetzer. Da haben wir sie wieder.“ Aber in des Barons unwillig müde Züge war jetzt etwas freudig Gespanntes getreten, eine Kampfeslust. Sein Kulissenfieber war gebannt.

Der Saal füllte sich, Bürger, Arbeiter, Frauen. Ein paar Mütter kamen mit Kindern angeschleift. Versteckten sie dann aber, doch bedenklich geworden, zwischen ihren Knien.

Behutsam fanden sich jetzt auch einzelne Honoratioren und Akademiker ein, Herren vom Gericht und vom Gymnasium. Ihre Damen waren wohlweislich zu Hause geblieben.

Gar nicht behutsam aber trat Dr. Georg Stump auf den Plan. Er gab Deutsch, Religion und Turnen am Gymnasium, war mit seinem ungebärdigen Draufgängertum ein Schrecken des Direktors, aber ein Abgott der jüngeren Jungen.

Er musterte die Arena, hob den kurzgeschorenen Bulldoggenkopf mit den großen runden Augen zu der Galerie empor, auf der sich die knallrote Jungmannschaft, von zwei Berliner Spartakisten betreut, mit weltüberlegener Grandezza hinlümmelte. Aha, sagte er sich, da seid ihr also! Eure Anwesenheit, eure Haltung und Führung verspricht Erlebnisse.

Jetzt erschien ein Trupp, der auf der Galerie Bewegung weckte. Siedler waren es, die von Hohenmoor zu Fuß gekommen, zehn Mann, Elbenfried und Eggert unter ihnen. Dankwart, der sich von seinen Tabellen nicht trennen konnte, und Gisbert, der im Dienst war, hatten Kunz bewegen wollen, mitzugehen. Der aber erklärte: „Politische Versammlung — nee Kinder! Lieber ’n Geburtshilfekursus in Ostgalizien!“ Pfiff seinem Muz, nahm die Büchsflinte und suchte zwischen Schnee und Mondschein jagdbares Wild.

Auf der Bühne versammelte sich jetzt das Komitee, Mitglieder der bürgerlichen Parteien, die wohlmeinend und ganz allgemein zu einer „Aussprache der Vaterlandsfreunde“ eingeladen hatten. Auch die Sozialisten hatten zwei Redner gemeldet.

Vorsitzender war Herr Holzhändler Dobbertien, ein ergrauter Demokrat guten alten Schlages, mit gesundem vaterländischen Empfinden. Treuherzig, gemütlich, gütig, gerecht, von erklecklicher Ruhe, der rechte Mann am rechten Platze — durften nur die Wogen nicht allzu hoch gehen.

Er eröffnete die Versammlung.

„Männer und Frauen“, begann er. Da unterbrach ihn quarrendes Kindergeschrei. „Und Kinder müßte ich eigentlich fortfahren. Aber das können Sie wirklich nicht verlangen. Wir sind hier kein Säuglingsheim. Ich muß Sie bitten, die Kleinen zu Bett zu bringen.“

Da klang es von der Galerie: „Die haben keen Kinderfräulein zu Hause“, und der erste Kampfruf, der erste Auftakt für die Feindseligkeiten hatte sich eingestellt.

Die Mütter brachten die Kinder hinaus. Der Vorsitzende sprach unbeirrt weiter. Sprach davon, daß es jetzt heiße, alle Mann an Bord — alle zu gemeinsamem Tun! Denn das Schiff sei leck gesprungen, die Stangen niedergebrochen — es treibe vorm Winde. Es müsse, müsse wieder segelfertig werden, müsse dem Steuer wieder gehorchen, sonst gerieten wir rettungslos auf Grund und müßten untergehen, allesamt. Und nur eine Hilfe gäbe es aus der großen Not, daß wir allesamt Hand anlegten zu gemeinsamem Werk. Allesamt, das wäre die Losung. So hätten sich hier heute aus allen Parteilagern deutsche Männer und Frauen zusammengefunden, die alle Zwistigkeiten vergessen wollten und Fühlung miteinander nehmen für die eine große vaterländische Aufgabe.

Der Ton dieser einfachen Ansprache war echt und warm. In diesem und jenem Frauenauge glänzte es feucht.

Die Worte hatten noch nicht ausgeschwungen, da sprang Dr. Stump in die Höhe.

„Darf ich ums Wort bitten — zur Geschäftsordnung!“

„Bitte!“

„Oder vielmehr zur Hausordnung. Es ist nicht angemessen und nicht gebräuchlich, daß in solchen Versammlungen geraucht wird.“

„Quatsch!“ schmetterte einer von oben.

„Ich ersuche den Herrn Vorsitzenden, im Interesse der Redner das Rauchen zu verbieten.“ Georg Stump war selbst ein leidenschaftlicher Raucher. Er ärgerte sich, daß er sich anständig benahm, während die anderen pafften.

Der Vorsitzende zauderte. Seine Unentschlossenheit entfesselte die Galerie.

„Rauchfreiheit!“ brüllte einer. An alles wird Freiheit als Schwanz gehängt. Und ein anderer schrie gebietend: „Wenns mir roochert, rooche ich!“

„Abstimmen! Abstimmen!“ riefen nachdrücklich ein paar Volldemokraten von der heiligen Majorität.

Die Glocke des Vorsitzenden drang durch. „Ich will kein Verbot aussprechen,“ erklärte er mit richtiger Taktik, „ich bitte die Anwesenden im Interesse der Redner und der Damen —“

Weiter ging es nun wirklich nicht. Warum mußte Vater Dobbertien auch so altfränkisch sein!

„Die Damen schmökern ja selbst!“ mußte er sich von unten belehren lassen, wo mehr als eine ihre Rauchkringel durch die Luft drehte.

Horst schüttelte bedenklich den Kopf. Der Kasten wackelt, ganz lächerlich wackelt er. Wenn es so weiter geht, fällt er zusammen.

Immerhin erreichte die Ermahnung des Präsidenten, daß die meisten ihre Zigarre beiseite legten. Nur die souveräne Lebensart der Bergpartei lachte ob so zager Rücksichtnahme.

„Ich werde als ersten Redner jetzt Herrn Baron von Borkhus das Wort erteilen“, bestimmte der Versammlungsleiter. Das „werde“ war falsch. Es ließ Möglichkeiten offen.

Ein Murren rollte dumpf — dann durchschnitt wieder der unsterbliche Ruf „zur Geschäftsordnung!“ die sich spannende Atmosphäre.

Ein Sozialist erhob sich. Wir sollten doch nicht in den alten Fehler verfallen. Es gäbe keine Privilegierten mehr, und daß jemand, der der alten Oberschicht angehörte, den Vortritt vor den anderen Rednern hätte, entspräche nicht dem Geist der Zeit.

Mehrfache Bravos stimmten ihm zu. Aber gerade aus dem sozialistischen Heerbann erstand ihm ein Widerpart. Die Herren „vom überwundenen Standpunkt“ sollten sich nur zuerst aussprechen! Es wäre schon die richtige Anordnung: erst die alte, veraltete Zeit — dann die neue! Der das letzte Wort gebühre.

Und noch ein Dritter wollte hierzu reden. Horst schlug sich aufs Knie, daß es knallte.

Ein junges Mädchen, das neben ihm saß, machte eine unwillige Bewegung. Er hatte sie bisher gar nicht bemerkt. Jetzt wandte er sich wie zur Entschuldigung an sie: „Sind wir nicht wieder einmal unsäglich deutsch! Vor lauter Geschäftsordnung kommen wir nicht zum Geschäft.“

Ein Paar große Schwärmeraugen glühten ihm ins Gesicht. Ein heißer, höhnischer Mund sprach: „Deutsch ist mir ein zu unwesentlicher Begriff.“ Dann drehte die Sprecherin sich ablehnend zur Seite.

Eine Deutsche war sie — nicht die Spur eines fremden Lautes war in ihrer Mundart. Und nun diese leidenschaftliche Absage! In den Worten schlug Stahl auf Stein — wie sprühten die Funken!

Horst lehnte sich lächelnd zurück — womit hatte er solchen Zorn erregt? Und spürte den flammenden Odem einer fremden Welt.

Er besah sich die feindliche Nachbarin. Was mit den Augen, diesen brausenden Feuern, sich gegen ihn gewandt hatte, war ein ziemlich breites Gesicht gewesen, mit vollen Nüstern und fleischigen Lippen.

Wie zart dagegen, wie fein und edel die Linien des Profils. Ein Genuß, sie mit den Augen nachzuzeichnen. Der schlanken Biegung des Nackens zu folgen, bis zu dem schweren, dunklen Haarknoten.

Der ganz erlesene Geschmack ihrer schlichten schwarzen Kleidung zog die Gedanken noch lebhafter an.

Wer war sie?

Aus seiner Frage warf ihn ein Tumult.

Sie saßen immer noch in der Geschäftsordnungsdebatte. Da war in der anderen Ecke des Saales jemand aufgesprungen. War dann auf den Tisch gestiegen, eine junge, knabenhafte Gestalt, und eine helle, schmetternde Stimme verkündete: „Was treiben wir hier für Albernheiten! Was dreschen wir hier für Stroh!“

„Sie haben nicht das Wort“, rief eindringlich der Vorsitzende.

„Draußen stürmt der Geist der Zeit!“ gellte die Stimme ungestört weiter. „Die neue Revolution! Die volle Arbeit macht! Ohne die falsche verlogene Sentimentalität! Die uns die erste verpfuscht hat! Das Chaos brauchen wir! Für die neue Saat —“

Die Neugierde und Spannung hatte dem eigenwilligen Redner Frist gewährt. Jetzt drang der Unmut der Ordnungsliebenden durch. Die Glocke vom Vorstandstisch übertönte die schreiende Willkür des einen.

Und nun geschah etwas Bezwingendes mit fröhlichem Einklang. Der Riese der Stadt, ein mächtiger Bierfahrer, nahm schmunzelnd den immer noch Redenden wie ein Kind auf den Arm und setzte ihn vom Tisch.

Ein Lachen ging durch den ganzen Saal, das die Galerie auf eine Minute wehrlos machte. Dann setzten die wilden Rufe ein: „Ausreden lassen!“ — „Redefreiheit!“ — „Haut den langen Laban!“ Aber sie verpufften in dem Raum, den der Humor ausgepolstert hatte.

Herr von Borkhus aber durfte der Erwägung sich überlassen, ob es noch ernstlich lohne, hier ernstlich zu reden! Eine Versammlung? Nein, ein zwangloses, durch Ulk gewürztes Beisammensein! Der kleine Schweinhund in ihm gab ihm sehr lebendig recht. Aber schließlich, die Menge wollte ihre Sensation. Die zu Gast geladenen wollten ihr Bratenstück. Schon griffen aller Augen nach ihm, dem unleugbar Kraft- und Saftvollsten unter den Politikern hier, dem Gefeierten und Gescholtenen, dem Verehrten und Gehaßten. Sie alle wollten ihn hören, die Freunde und erst recht die Feinde.

So trat die große schwere Stille ein, als der Vorsitzende verkündete: „Das Wort hat jetzt als erster Redner Herr von Borkhus!“

Der Redner erhob sich langsam und trat ruhig vor mit seinen wuchtenden Schritten. Die Nerven schlugen in dem mächtigen Körper — in gleichem Maß schwangen die Fieber all der Menschen, die da unten sich ihm entgegenspannten. Die Fühlung war hergestellt, der Gleichtakt der Pulse in Liebe und Haß.

Mit Orgelklang umfing die Hörer das schwellende Organ, und etwas wie Feier war in dem, was er sprach.

„Volksgenossen! Dies ist das deutsche Schicksal, dies der Herzschlag der deutschen Geschichte: daß nichts auf der Welt die Kinder der deutschen Erde über alle die Unterschiede, die die einzelnen voneinander trennen oder gar miteinander verfeinden, zu einer festen Gemeinschaft zusammenschließen kann — nichts auf der Welt, als das grimmigste Leid! Immer nur aus der tiefsten Not wird unsere Einheit geboren. Wann aber ist unsere Not je so tief gewesen wie heute? Wann hat sie sich je so tief in unsere Seelen eingefressen — wann war ihr jemals soviel Schmach beigemischt! Und darum müssen gerade unsere Tage, trotz aller Wirren und Zerwürfnisse, uns in eine Zusammengehörigkeit schmieden, wie unsere Geschichte sie noch nicht gesehen hat! Unsere Zusammengehörigkeit — das ist die große lebendige Macht, das ist der mächtige lebendige Wall, den wir der Hörigkeit entgegenzusetzen haben, mit der die Feinde uns bedrohen!“

Mit lautem Bravo grüßten diese Rhetorik Gesinnungsgenossen und Freunde der Wortprägung. Aber solche allzu frühe laute Anerkennung war bedenklich. Schon kam Bewegung in die Reihen der Gegner. Horst sah, wie es im Nacken seiner Nachbarin zuckte, wie feindlich die Nasenflügel witterten. Die Lippen zogen sich kurz zusammen und entblößten die spitzen, grausamen Zähne. Ein böses schönes Raubtier spannte sie sich.

Der Redner spürte die Wellenbewegung wohl — er wollte sie zwingen!

Er sprach mit Hingebung von der Nation — daß das Volkstum erst das Leben des Staates sei. Es sei aber auch das Leben der Menschheit. Eine andere Menschheit als die der Völker gäbe es nicht. „Nur als Deutsche sind wir Menschen und können wir Menschen sein.“

Hier fingen die Internationalen an, sich gemaßregelt zu fühlen, und ein schon lebhaftes Murren rollte dumpf durch den Saal.

Der Redner wußte, daß er ein heikles Gebiet betreten hatte, aber die Gefahr steigerte und stärkte ihn. Mit hoch erhobener Stimme führte er den Hammerschlag: „Und wir — wir Deutsche haben unsere Menschenwürde nur in unserem deutschen Empfinden!“

Das schmetterte nieder auf die empfindlich gewordenen. Ein dumpfes Aufstöhnen von Zorn und Wut — dann brandete lauter Unwille gegen die Rednerbühne. Die Geister erhitzten sich mehr und mehr und hetzten sich leidenschaftlich auf. „Menschenwürde“ — dies Wort wurde zum Verhängnis.

„Du willst von Menschenwürde reden!“ rief es von oben, und dann brüllte einer durch den Saal: „Du Würger!“

Jetzt hatten sie den Kampfruf, den vernichtenden! Und wieder schrie es: „Würger“ — und dann tobten sie da auf der Galerie im Chor und im Takt: „Würger!“ „Würger!“ „Würger!“

Borkhus zuckte zusammen, schmerzlich wild weiteten sich seine mächtigen Augen. Wie Messer stachen die Rufe weiter auf ihn ein, da die Tobenden sahen, daß er litt! Die Grausamkeit berauschte sich. Die Bestie hatte die Pranken gezuckt. Blutdunst legte sich auf die Sinne.

Alle hatte es aufgezogen von ihren Sitzen. Die einen zum Sturm, die anderen zur Wehr.

Eher als Horst war seine Nachbarin aufgesprungen. Ihre Glieder flogen, Stichflammen brachen aus ihren Augen, durch die Lippen ging ein zitterndes Schlürfen. Die ganze Gestalt war verzückte Gier. Ihm erschien sie fast als Dämon dieser Stunde.

Ihre Finger krallten sich um die Stuhllehne — im gleichen Augenblick brach und splitterte Holz auf dem Balkon — Borkhus, der unter der Wucht des furchtbaren Wortes sich gebeugt hatte, war jetzt aufgereckt — die Arme gestreckt, die Brust geweitet, wie zum Kampf trat er an den äußersten Rand der Bühne.

Da in tosendem Wettersturm brach es über ihn her, Trümmer von Stühlen prasselten von der Galerie auf ihn nieder, zerschlugen ihm Kopf und Gesicht — über Augen und Schläfen rann ihm das Blut.

Frauenstimmen kreischten und gellten auf.

Horst war gleich an des Wunden Seite. Auch ihm flogen noch Geschosse auf Schulter und Nacken.

Schon aber war Dr. Stump fast über die Köpfe hinweg zur Tür geflogen — fünf von den Siedlern, der Balbutz und der heilige Josef voran, brachen ihm nach — sie wollten die Burschen da oben einsperren und dingfest machen.

Im Saale brauste das Meer. Die Glocke des Präsidenten, immerfort geschwungen, hauchte sich aus in kläglichem Wimmern. Ein Fels in der Brandung, stand der Riese, der Bierfahrer, die machtvollen Flossen gehoben, drohend und beschwichtigend zugleich. Sie sagten, was Worte in dem Tosen nicht vermochten; hier unten Hände in Ruh!

Die einzelnen Gegner standen wie die jungen Hähne, Auge in Auge, Nase an Nase — sie zischten, schrien, keuchten sich ihre Wut ins Gesicht — aber die Fäuste blieben gebändigt.

Und das rinnende Blut dort oben beschwor. Allmählich ebbte die Zornflut ab —

Da tönten Schüsse auf dem Gang — wieder die gellenden Frauenschreie im Saal — mit Schreck und Grauen zog vollends die Besinnung ein.

Draußen aber zerstob ein erbittertes Handgemenge — die eingeschlossenen hatten den Treppenausgang forciert, brachen mit Übermacht durch, einer schoß auf den feindlichen Stoßtrupp, Dr. Stump kriegte einen Streifschuß am Ohr — was seine Fäuste den Fliehenden mitgaben, wurden die in Monaten nicht wieder los.

Herr von Borkhus wurde von einem Arzt, der zur Stelle war, im Wohnzimmer des Wirtes verbunden. Horst, der Handreichung leistete, blieb an seiner Seite. Im Saal verliefen sich die Wasser. Ein Plätschern war es nur noch — schon konnten sie über das Geschehene sprechen, das hinter ihnen und unter ihnen lag.

Der Wirt besah sich den Schaden, auf der Galerie, auf der Bühne, und drehte das Licht aus. Nur eine müde Flamme über dem Podium blieb brennen.