Über das Buch

Melancholische Pornostars, durchgedrehte Dichter, mystische Zahnärzte und Fußballer mit einem Hang zum Übersinnlichen — Roberto Bolaño, der große Erzähler aus Chile, bleibt unnachahmlich. In dreizehn unwiderstehlich komischen, abgründigen Erzählungen zeichnet er die Lebenslinien von Menschen nach, die auf der Flucht sind: vor Armut und Gewalt, vor allem aber vor sich selbst. Es sind dreizehn Treffer ins finstere Herz der Gegenwart. Wo auch immer Bolaños Figuren landen auf der Welt, sie tragen die Zeichen ihrer Verstörung mit sich. Doch ohne die Verstörung wäre nichts Menschliches, denn "die Welt ist lebendig und nichts Lebendiges hat eine Lösung und das ist unser Glück."

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Roberto Bolaño

Mörderische Huren

Erzählungen

Aus dem Spanischen von Christian Hansen

Carl Hanser Verlag

für Alexandra Bolaño und Lautaro Bolaño,
für Unterweisungen in Sachen Schwindelgefühl
für Alexandra Edwards und Marcial Cortés-Monroy,
für die Freundschaft

Die Anklage wird sich in Gelächter auflösen, und du gehst aller Beschuldigungen ledig.

Horaz

Inhalt

EL OJO SILVA

GÓMEZ PALACIO

LETZTE ABENDE AUF ERDEN

TAGE DES JAHRES 1978

VAGABUNDIEREN IN FRANKREICH UND BELGIEN

PRÄFIGURATION VON LALO CURA

MÖRDERISCHE HUREN

DIE WIEDERKEHR

BUBA

ZAHNARZT

FOTOS

TANZKARTE

BEGEGNUNG MIT ENRIQUE LIHN

EL OJO SILVA

für Rodrigo Pinto
und María und Andrés Braithwaite

So wie die Dinge liegen, hat Mauricio Silva, genannt El Ojo, das Auge, immer versucht, der Gewalt auszuweichen, auch auf die Gefahr hin, als Feigling dazustehen, aber der Gewalt, der echten Gewalt, kann man nicht ausweichen, schon gar nicht wir, die wir in den fünfziger Jahren in Lateinamerika geboren wurden und um die zwanzig waren, als Allende starb.

El Ojos Fall ist paradigmatisch und exemplarisch, und es kann vielleicht nicht schaden, ihn wieder in Erinnerung zu rufen, zumal so viele Jahre seither vergangen sind.

El Ojo Silva hatte Chile im Januar 1974, vier Monate nach dem Putsch, verlassen. Er ging erst nach Buenos Aires und wurde von den üblen Lüften, die in der Nachbarrepublik aufkamen, nach Mexiko vertrieben, wo er einige Jahre lebte und wir uns kennenlernten.

Er war nicht wie die meisten Chilenen, die damals in DF lebten: Er brüstete sich nicht mit der Beteiligung an einem mehr eingebildeten als wirklichen Widerstand, verkehrte nicht in Exilantenkreisen.

Wir wurden Freunde und trafen uns für gewöhnlich mindestens einmal pro Woche im Café La Habana in der Calle Bucareli oder in meiner Wohnung, Calle Versalles, wo ich mit meiner Mutter und meiner Schwester lebte. In den ersten Monaten hielt sich El Ojo Silva mit sporadischen, prekären Jobs über Wasser, dann fand er Arbeit als Fotograf für eine Zeitung aus DF. Ich weiß nicht mehr, welche Zeitung es war, vielleicht El Sol, wenn es je eine Zeitung dieses Namens in Mexiko gegeben hat, vielleicht El Universal, wobei ich es vorgezogen hätte, es wäre El Nacional gewesen, dessen Kulturbeilage der alte spanische Dichter Juan Rejano leitete, aber bei El Nacional war er nicht, denn dort arbeitete ich, und El Ojo habe ich in der Redaktion nie gesehen. Aber er arbeitete für eine mexikanische Zeitung, daran besteht nicht der geringste Zweifel, und seine finanzielle Lage besserte sich, zunächst noch unmerklich, denn El Ojo hatte sich eine spartanische Lebensweise zu eigen gemacht, aber wenn man genau hinsah, waren untrügliche Anzeichen einer wirtschaftlichen Entspannung nicht zu übersehen.

Zum Beispiel erinnere ich mich, dass er während der ersten Monate in DF in Sweatshirts herumlief. Gegen Ende besaß er bereits ein paar Hemden, und einmal sah ich ihn sogar mit Krawatte, ein Kleidungsstück, das wir, also meine Dichterfreunde und ich, nie benutzten. Tatsächlich war El Ojo der einzige Mensch mit Krawatte, der sich jemals an unseren Tisch im Café La Habana setzte.

Damals hieß es, El Ojo sei schwul. Will sagen: In den chilenischen Exilantenkreisen kursierte dieses Gerücht, teils als Ausdruck übler Nachrede, teils als eine weitere Klatschgeschichte, von denen das eher langweilige Leben der Exilanten zehrte, Linken, die zumindest hüftabwärts genauso dachten wie die Rechten, die sich damals gerade Chile unter den Nagel rissen.

Einmal kam El Ojo zum Essen zu mir nach Hause. Meine Mutter hatte ihn gern, und El Ojo vergalt es ihr, indem er hin und wieder Fotos von der Familie machte, also von meiner Mutter, meiner Schwester, irgendeiner Freundin meiner Mutter und mir. Jeder mag es, fotografiert zu werden, sagte er mir einmal. Mir war es egal, glaubte ich zumindest, aber als El Ojo das sagte, dachte ich eine Weile über seine Worte nach und gab ihm schließlich recht. Nur einige Indios mögen keine Fotos. sagte er. Meine Mutter glaubte, er würde die Mapuche meinen, aber in Wirklichkeit meinte er die Inder aus Indien, jenem Indien, das für ihn in der Zukunft so wichtig werden sollte.

Eines Abends traf ich ihn im Café La Habana. Es gab kaum Gäste, und El Ojo saß an der Fensterfront zur Calle Bucareli vor einem Milchkaffee im Glas, einem jener großen, dicken Gläser, wie man sie im La Habana hat und wie ich sie an keinem anderen öffentlichen Ort je wieder gesehen habe. Ich setzte mich zu ihm, und wir plauderten eine Weile. Er wirkte durchsichtig. Das war mein Eindruck. El Ojo wirkte wie aus Glas, und sein Gesicht und das Milchkaffeeglas schienen Zeichen auszutauschen, als hätten sie einander gerade getroffen, zwei unverständliche Phänomene im weiten Universum, und versuchten mit mehr gutem Willen als Hoffnung eine gemeinsame Sprache zu finden.

An diesem Abend gestand er mir, er sei schwul, so wie es die Exilanten herumposaunten, und werde Mexiko verlassen. Einen Moment lang glaubte ich zu verstehen, dass er ginge, weil er schwul sei. Aber nein, ein Freund hatte ihm einen Job in einer Pariser Fotoagentur besorgt, und davon hatte er immer geträumt. Er hatte Lust zu reden, und ich hörte zu. Er sagte, er habe seine sexuelle Neigung einige Jahre lang mit, ja was, Trauer?, Diskretion? ausgelebt, vor allem weil er sich als Linker verstand und seine Gesinnungsgenossen gewisse Vorurteile gegen Schwule hegten. Wir sprachen über die (heute ungebräuchliche) Bezeichnung »Invertierter«, die wie ein Magnet wüste Landschaften anzog, und über den Ausdruck »colisa«, den ich mit »s« schrieb und von dem El Ojo dachte, man schriebe ihn mit »z«.

Ich erinnere mich, dass wir am Ende über die chilenische Linke herzogen und ich irgendwann auf die über die Welt verstreuten chilenischen Kämpfer anstieß, eine vielköpfige Unterabteilung der über die Welt verstreuten lateinamerikanischen Kämpfer, eine aus Waisen gebildete Entelechie, die, wie der Name schon sagt, über die Welt verstreut waren und ihre Dienste an den Meistbietenden verkauften, der übrigens fast immer auch der Schlimmste war. Aber nachdem wir gelacht hatten, sagte El Ojo, die Gewalt sei nicht seine Sache. Deine schon, sagte er mit einer Traurigkeit, die ich damals nicht verstand, aber meine nicht. Ich versicherte ihm, ich würde genauso fühlen wie er. Anschließend sprachen wir über andere Dinge, Bücher, Filme, und sahen uns nicht wieder.

Eines Tages erfuhr ich, dass El Ojo Mexiko verlassen hatte. Ich erfuhr es durch einen ehemaligen Arbeitskollegen von der Zeitung. Ich fand es nicht merkwürdig, dass er sich nicht von mir verabschiedet hatte. El Ojo verabschiedete sich nie von jemandem. Ich verabschiedete mich nie von jemandem. Meine mexikanischen Freunde verabschiedeten sich nie von jemandem. Meine Mutter jedoch hielt das für ein Zeichen schlechter Erziehung.

Zwei oder drei Jahre später verließ auch ich Mexiko. Ich war in Paris, suchte nach ihm (wenngleich nicht allzu intensiv) und fand ihn nicht. Mit der Zeit vergaß ich sogar sein Gesicht, obwohl mir immer eine Art sich zu nähern, da zu sein, sich aus einer gewissen Distanz und einer gewissen überhaupt nicht aufdringlichen Traurigkeit heraus zu äußern in Erinnerung blieb, die ich mit El Ojo Silva verband, einem gesichtslosen oder schattengesichtigen El Ojo, von dem meine Erinnerung aber das Wesentliche bewahrte, seine Art sich zu bewegen, eine fast abstrakte Art, in der für Ruhe kein Platz war.

Die Jahre vergingen. Viele Jahre. Einige Freunde starben. Ich heiratete, bekam einen Sohn, veröffentlichte ein paar Bücher.

Einmal ergab es sich, dass ich nach Berlin fahren musste. Am letzten Abend nahm ich mir, nachdem ich mit Heinrich von Berenberg und seiner Familie gegessen hatte, ein Taxi (obwohl mich sonst immer Heinrich ins Hotel brachte), das ich vorher halten ließ, weil ich noch ein wenig laufen wollte. Der Taxifahrer (ein älterer Asiat, der Beethoven hörte) setzte mich rund fünf Straßen vom Hotel entfernt ab. Es war nicht sehr spät, dennoch waren fast keine Leute unterwegs. Ich überquerte einen Platz. Dort auf einer Bank saß El Ojo. Ich erkannte ihn nicht, bis er mich ansprach. Er nannte meinen Namen und fragte, wie es mir ginge. Ich drehte mich um und sah ihn eine Weile an, ohne zu wissen, wer er war. El Ojo blieb auf der Bank sitzen und seine Augen schauten mich an, dann schauten sie auf den Boden oder zur Seite, auf die riesigen Bäume des kleinen Berliner Platzes und die Schatten, die um ihn tiefer waren (glaubte ich damals) als um mich. Ich machte ein paar Schritte auf ihn zu und fragte, wer er sei. Ich bin es, Mauricio Silva, sagte er. El Ojo Silva aus Chile?, fragte ich. Er nickte, und da erst sah ich ihn lächeln.

In dieser Nacht unterhielten wir uns fast bis zum Morgengrauen. El Ojo lebte seit ein paar Jahren in Berlin und kannte die Kneipen, die die ganze Nacht geöffnet hatten. Ich fragte ihn nach seinem Leben. In groben Zügen entwarf er vor mir die wechselvolle Existenz eines Freelancer-Fotografen. Er hatte Wohnungen in Paris, Mailand und jetzt in Berlin besessen, bescheidene Wohnungen, in denen er seine Bücher aufbewahrte und denen er über längere Zeiträume fernblieb. Erst als wir die erste Kneipe betraten, konnte ich feststellen, wie sehr er sich verändert hatte. Er war viel dünner geworden, das Haar graumeliert, das Gesicht zerfurcht. Ich bemerkte zudem, dass er viel mehr trank als in Mexiko. Er wollte Vieles von mir wissen. Unser Treffen war natürlich nicht zufällig gewesen. Mein Name war durch die Presse gegangen, und El Ojo hatte ihn gelesen oder jemand hatte ihm gesagt, dass ein Landsmann eine Lesung mache oder einen Vortrag halte, zu denen er nicht kommen konnte, aber durch einen Anruf bei den Organisatoren hatte er die Adresse meines Hotels erhalten. Als ich ihn auf dem Plätzchen traf, habe er sich nur die Zeit, bis ich käme, mit Nachdenken vertrieben, sagte er.

Ich lachte. Das Wiedersehen mit ihm, dachte ich, war eine glückliche Fügung. El Ojo war immer noch ein seltsamer Kauz, trotzdem aber zugänglich, jemand, der sich nicht aufdrängte, jemand, dem man jederzeit auf Wiedersehen sagen konnte, der darauf nur auf Wiedersehen geantwortet hätte, ohne Vorwurf, ohne böses Wort, eine Art idealtypischer Chilene, stoisch und liebenswert, eine Sorte Mensch, die in Chile nie sehr häufig war, aber auch nur dort zu finden ist.

Ich überfliege das Geschriebene und weiß, dass ich mich einiger Ungenauigkeiten schuldig mache. El Ojo hätte sich solche Verallgemeinerungen nicht erlaubt. Jedenfalls, während wir so in Kneipen herumsaßen, vor uns ein Whisky und ein alkoholfreies Bier, entspann sich unser Dialog weitgehend auf dem Gebiet der Beschwörungen, war also ein informativer, melancholischer Dialog. Zu dem Dialog oder, richtiger, Monolog, der mich eigentlich interessierte, kam es gegen zwei Uhr morgens, als wir zu meinem Hotel zurückgingen.

Der Zufall wollte es, dass er zu sprechen begann (oder mit der Sprache herausplatzte), während wir denselben Platz überquerten, auf dem wir uns wenige Stunden zuvor getroffen hatten. Ich erinnere mich, dass es kalt war und ich plötzlich hörte, wie El Ojo sagte, er würde mir gern etwas erzählen, was er noch niemandem erzählt habe. Ich schaute ihn an. El Ojos Blick ruhte auf dem gefliesten Weg, der sich über den Platz schlängelte. Ich fragte, um was es ginge. Um eine Reise, erwiderte er prompt. Und was ist auf der Reise passiert?, fragte ich. Da blieb El Ojo stehen, und für eine Weile schien er nur zu existieren, um die Wipfel der hohen deutschen Bäume und die Bruchstücke von Himmel und Wolken zu betrachten, die schweigend über ihnen wirbelten.

Etwas Schreckliches, sagte El Ojo. Erinnerst du dich an ein Gespräch, das wir vor meiner Abreise aus Mexiko im La Habana hatten? Ja, sagte ich. Habe ich dir gesagt, dass ich gay bin?, fragte El Ojo. Du hast gesagt, du seiest schwul, sagte ich. Setzen wir uns, sagte El Ojo.

Ich würde schwören, dass ich sah, wie er auf derselben Bank wie vorhin Platz nahm, als wäre ich noch nicht da, als hätte ich noch nicht begonnen, den Platz zu überqueren, und er würde auf mich warten, über sein Leben nachdenken und über die Geschichte, die das Schicksal oder der Zufall ihn mir zu erzählen zwangen. Er schlug den Mantelkragen hoch und begann zu sprechen. Ich zündete mir eine Zigarette an und blieb stehen. El Ojos Geschichte spielte in Indien. Sein Beruf, nicht seine touristische Neugier, hatte ihn dorthin geführt, wo er zwei Arbeiten zu erledigen hatte. Die erste war die typische Großstadtreportage, eine Mischung aus Marguerite Duras und Hermann Hesse, El Ojo und ich lächelten, es gibt solche Leute, sagte er, Leute, die Indien irgendwo zwischen India Song und Siddharta angesiedelt sehen wollen, und man muss es den Verlagen recht machen. Also setzte sich die erste Reportage aus Bildern zusammen, auf denen man Häuser im Kolonialstil sah, verwilderte Gärten, unterschiedlichste Restaurants, vorzugsweise heruntergekommene Restaurants oder Restaurants für Familien, die heruntergekommen wirkten, aber bloß indisch waren, auch Fotos von Randgebieten, den wirklich armen Gegenden, und dann das Land und die Verkehrswege, Straßen, Umsteigebahnhöfe, Autobusse und Züge auf dem Weg in die Stadt oder aus ihr hinaus, nicht zu vergessen die wie in einem Schwebezustand, einem Winterschlaf befindliche Natur, nicht zu vergleichen mit dem westlichen Winterschlaf, Bäume, die ganz anders waren als europäische Bäume, Flüsse und Bäche, bestellte oder verdorrte Felder, das Territorium der Heiligen, sagte El Ojo.

Die zweite Reportage galt dem Rotlichtviertel einer indischen Stadt, deren Namen ich nie erfahren werde.

Hier beginnt El Ojos eigentliche Geschichte. Damals lebte er noch in Paris, und seine Fotos sollten den Text eines bekannten französischen Schriftstellers illustrieren, der sich auf die Unterwelt der Prostitution spezialisiert hatte. Tatsächlich war seine Reportage nur die erste einer Reihe, die Vergnügungs- und Rotlichtviertel überall auf der Welt dokumentieren sollte, jedes Mal von einem anderen Fotografen fotografiert, aber alle vom selben Autor kommentiert.

Ich weiß nicht, in welche Stadt El Ojo fuhr, vielleicht nach Bombay, Kalkutta, vielleicht auch nach Benares oder Madras, ich erinnere mich, dass ich ihn fragte und er meine Frage überhörte. Auf jeden Fall kam er allein nach Indien, da der französische Schriftsteller seine Chronik schon geschrieben hatte und er sie nur illustrieren sollte, und er fuhr in die Viertel, die der Text des Franzosen ansprach, und begann zu fotografieren. Seinen Plänen — und denen seiner Verlage — zufolge sollte die Arbeit und also der Aufenthalt in Indien nicht länger als eine Woche dauern. Er bezog ein Hotel in einer ruhigen Gegend, ein Zimmer mit Klimaanlage und einem Fenster, das auf einen Hof ging, der nicht zum Hotel gehörte, in dem zwei Bäume standen und zwischen den Bäumen ein Brunnen plätscherte und wo auf einer halben Terrasse manchmal zwei Frauen erschienen, denen mehrere Kinder nachliefen oder vorauseilten. Die Frauen waren indisch gekleidet oder was El Ojo für indisch hielt, aber die Jungen sah er einmal sogar mit Krawatte. Abends begab er sich ins Rotlichtviertel und machte Fotos und plauderte mit den Nutten, von denen einige blutjung und bildhübsch waren, andere schon älter oder verblühter, mit der Miene skeptischer, ein wenig geschwätziger Matronen. Den Geruch, der ihm anfangs eher unangenehm war, begann er zu mögen. Die Zuhälter (viele traf er nicht) waren liebenswürdig und versuchten, sich wie westliche Zuhälter zu gebärden, vielleicht (doch das träumte er später in seinem klimatisierten Hotelzimmer) waren es aber auch die westlichen Zuhälter, die das Gebaren der indischen übernommen hatten.

Eines Nachmittags lud man ihn ein, mit einer der Nutten der körperlichen Liebe zu frönen. Höflich lehnte er ab. Der Zuhälter verstand auf der Stelle, dass El Ojo homosexuell war, und am folgenden Abend brachte er ihn in ein Bordell junger Schwuler. An diesem Abend erkrankte El Ojo. Ich war bereits tief in Indien und hatte es nicht gemerkt, sagte er und starrte in die Schatten des Berliner Parks. Was hast du gemacht?, fragte ich. Nichts. Ich habe geschaut und gelächelt. Und nichts gemacht. Dann kam einer der Jungen auf die Idee, dass es dem Besucher gefallen könnte, eine andere Art Etablissement zu besuchen. Das erschloss El Ojo nur, denn untereinander sprachen sie kein Englisch. Sie verließen also das Haus und liefen durch enge Gassen, bis sie zu einem Haus mit kleiner Fassade kamen, dessen Inneres jedoch ein Labyrinth aus Gängen und winzigen Zimmerchen und Schatten war, aus denen hin und wieder ein Altar oder ein Gebetraum hervorstach.

In einigen Teilen Indiens ist es Sitte, sagte El Ojo und schaute zu Boden, einer Gottheit, an deren Namen ich mich nicht erinnere, einen Knaben darzubringen. Etwas unglücklich impulsiv machte ich ihn darauf aufmerksam, dass er sich nicht nur nicht an den Namen der Gottheit, sondern auch nicht an den der Stadt oder irgendeiner der beteiligten Personen erinnern könne. El Ojo sah mich an und lächelte. Ich versuche zu vergessen, sagte er.

In diesem Moment befürchtete ich das Schlimmste und setzte mich neben ihn, und eine Weile saßen wir so da, hatten unsere Mantelkragen hochgeschlagen und schwiegen. Man bietet diesem Gott einen Knaben dar, nahm er seine Erzählung wieder auf, nachdem er den im Halbschatten liegenden Platz mit den Augen abgesucht hatte, als fürchtete er die Anwesenheit eines Unbekannten, und für eine Dauer, die ich nicht einzuschätzen vermag, verkörpert der Knabe den Gott. Es kann eine Woche sein, während der Dauer der Prozession, ein Monat, ein Jahr, ich weiß es nicht. Es handelt sich um ein barbarisches Fest, das, obwohl von den Gesetzen der Republik Indien verboten, weiterhin gefeiert wird. Im Verlauf des Festes wird der Knabe mit Geschenken überhäuft, die seine in der Regel armen Eltern glücklich und dankbar entgegennehmen. Nach Beendigung des Festes wird der Knabe in sein Haus oder in das Dreckloch zurückgeschickt, aus dem er gekommen war und nach einem Jahr beginnt alles von vorn.

Die Feierlichkeiten erinnern an ein lateinamerikanisches Pilgerfest, nur fröhlicher vielleicht, turbulenter, und wahrscheinlich ist die Intensität der Mitwirkenden, derer, die wissen, dass sie Mitwirkende sind, größer. Mit einem einzigen Unterschied. Einige Tage vor Beginn des Festes wird der Knabe kastriert. Der Gott, der sich in ihm während der Feierlichkeiten verkörpert, verlangt einen Männerkörper — wenngleich die Knaben in der Regel nicht älter als sieben sind —, ohne den Makel der männlichen Attribute. Weshalb die Eltern ihn den Ärzten des Festes oder den Barbieren des Festes oder den Priestern des Festes übergeben, die ihn daraufhin entmannen, und wenn sich der Knabe von der Operation erholt hat, beginnt die große Feier. Wochen oder Monate später, wenn alles vorbei ist, kehrt der Junge nach Hause zurück, aber jetzt ist er ein Kastrat, und die Eltern verstoßen ihn. Der Junge endet dann in einem Bordell. Es gibt sie in allen Arten, sagte El Ojo seufzend. Mich brachten sie an jenem Abend in das schlimmste von allen.

Eine Zeitlang sagte keiner ein Wort. Ich zündete mir eine Zigarette an. Dann beschrieb El Ojo mir das Bordell, und es schien, als beschriebe er ein Kloster. Überdachte Innenhöfe. Offene Galerien. Zellen, in denen Menschen, für dich unsichtbar, alle deine Bewegungen verfolgen. Sie brachten ihm einen jungen Kastraten, der nicht älter als zehn gewesen sein dürfte. Er wirkte wie ein verängstigtes Mädchen, sagte El Ojo. Verängstigt und spöttisch zugleich. Kannst du das verstehen? Ich versuche, es mir vorzustellen. Wieder schwiegen wir. Als ich schließlich wieder sprechen konnte, sagte ich, nein, ich könne es mir nicht vorstellen. Ich auch nicht, sagte El Ojo. Niemand kann sich eine Vorstellung davon machen. Weder das Opfer noch die Henker oder die Zuschauer. Nur ein Foto.

Hast du ein Foto von ihm gemacht?, sagte ich. Mir schien, als werde El Ojo von einem Schüttelfrost gepackt. Ich holte meine Kamera heraus und machte ein Foto von ihm. Ich wusste, dass ich mich damit für alle Ewigkeit verdammte, aber ich tat es.

Ich weiß nicht, wie lange wir schweigend dasaßen. Ich weiß, dass es kalt war, denn irgendwann fing ich an zu zittern. Ich hörte El Ojo neben mir ein paarmal schluchzen, vermied es aber, ihn anzusehen. Ich sah die Scheinwerfer eines Autos, das auf einer an den Platz angrenzenden Straße vorbeifuhr. Durch das Laub sah ich, wie in einem Fenster das Licht anging.

Dann sprach El Ojo weiter. Er sagte, der Junge habe ihn angelächelt und sei daraufhin durch einen der Flure des unbegreiflichen Hauses sanft entschwunden. Irgendwann schlug ihm einer der Zuhälter vor zu gehen, wenn es nichts gäbe, was ihm zusagte. El Ojo lehnte ab. Er konnte nicht gehen. Er sagte das so: Ich kann noch nicht gehen. Und das stimmte, obwohl er nicht wusste, was genau ihn daran hinderte, diese Höhle für immer zu verlassen. Der Zuhälter jedoch verstand ihn, und man bestellte Tee oder etwas Ähnliches. El Ojo erinnert sich, dass sie sich auf den Boden setzten, auf zerschlissene Matten oder Läufer. Ein paar Kerzen spendeten Licht. An der Wand hing ein Poster mit dem Bild des Gottes. Eine Weile lang betrachtete El Ojo den Gott, und fühlte sich eingeschüchtert, aber dann empfand er so etwas wie Wut, vielleicht auch wie Hass.

Ich habe nie jemanden gehasst, sagte er, während er sich eine Zigarette anzündete und den ersten Rauch in die Berliner Nacht entließ.

Während El Ojo noch das Bild des Gottes betrachtete, verschwanden irgendwann seine Begleiter. Er blieb allein mit einem jungen Stricher von vielleicht zwanzig Jahren, der englisch sprach. Und dann tauchte auf ein Händeklatschen der Junge wieder auf. Ich weinte oder glaubte zu weinen oder der arme Stricher glaubte, ich würde weinen, aber nichts davon stimmte. Ich versuchte, ein Lächeln im Gesicht zu behalten (einem Gesicht, das mir schon nicht mehr gehörte, das sich von mir entfernte wie ein Blatt, das der Wind losgerissen hatte), aber in meinem Innern arbeitete es fieberhaft. Nicht an einem Plan oder einer irgendwie gearteten Gerechtigkeit, sondern an einem Entschluss.

Und daraufhin erhoben sich El Ojo, der Stricher und der Junge und liefen durch einen schummrigen Flur (neben El Ojo lief der Junge, der ihn anschaute, ihn anlächelte, und auch der Stricher lächelte, und El Ojo nickte und verteilte wahllos Münzen und Scheine), bis sie zu einem Zimmer kamen, in dem der Arzt schlief und neben ihm ein weiterer Junge, dessen Haut noch dunkler war als die des kastrierten Jungen, und jünger als dieser, vielleicht sechs oder sieben, und El Ojo hörte sich die Erklärungen des Arztes oder Barbiers oder Priesters an, weitschweifige Erklärungen, in denen von Tradition, Volksfesten, Privilegien, Kommunion, Rausch und Heiligkeit die Rede war, und konnte die chirurgischen Instrumente sehen, mit denen der Junge am frühen Morgen oder am Morgen des darauffolgenden Tages kastriert werden sollte, jedenfalls war der Junge, soviel konnte er verstehen, an diesem Tag im Tempel oder Bordell eingetroffen, eine vorsorgliche, eine hygienische Maßnahme, und hatte gut gegessen, als verkörpere er bereits die Gottheit, obwohl das, was El Ojo sah, ein Junge war, der zwischen Schlafen und Wachen weinte, und er sah auch den halb vergnügten, halb verängstigten Blick des kastrierten Jungen, der nicht von seiner Seite wich. Und dann verwandelte sich El Ojo in etwas anderes, obwohl er nicht »etwas anderes« sagte, sondern »Mutter«.

Er sagte Mutter und seufzte. Endlich. Mutter.

Was dann folgte, ist die vielgesungene, alte Leier der Gewalt, der wir nicht ausweichen können. Das Schicksal der in den fünfziger Jahren geborenen Lateinamerikaner. Natürlich versuchte es El Ojo nicht sehr überzeugend mit Dialog, Bestechung, Drohungen. Sicher ist nur, dass es zu Gewalttätigkeiten kam und er kurz darauf die Straßen des Viertels hinter sich ließ, als würde er träumen und in Strömen schwitzen. Lebhaft erinnert er sich an das immer größere Gefühl freudiger Erregung, dass sich in ihm breitmachte, eine Freude, die gefährliche Ähnlichkeit mit Hellsicht hatte, aber keine Hellsicht war (und keine sein konnte). Auch: die Schatten, die sein Körper und die der Jungen, die er an der Hand führte, auf die maroden Mauern warfen. An jedem anderen Ort hätte er Aufsehen erregt. Hier und um diese Zeit achtete niemand auf ihn.

Der Rest ist weniger eine Geschichte oder eine Handlung als eine Reiseroute. El Ojo kehrte ins Hotel zurück, packte seinen Koffer und brach mit den Jungen auf. Zuerst im Taxi in ein Dorf oder einen Außenbezirk. Von dort im Bus in ein anderes Dorf, wo sie einen weiteren Bus nahmen, der sie in ein wieder anderes Dorf brachte. An irgendeinem Punkt ihrer Flucht stiegen sie in einen Zug und fuhren die ganze Nacht und einen halben Tag. El Ojo erinnerte sich an die Gesichter der Jungen, die durchs Fenster eine Landschaft betrachteten, die das Morgenlicht aushöhlte, als wenn nichts jemals wirklich gewesen wäre, außer dem, was sich demütig und erhaben im Fensterausschnitt dieses geheimnisvollen Zuges darbot.

Anschließend nahmen sie wieder einen Bus, ein Taxi, noch einen Bus, noch einen Zug, wir fuhren sogar per Anhalter, sagte El Ojo, während er die Berliner Bäume betrachtete, eigentlich aber die Silhouetten unbenennbarer, unmöglicher anderer Bäume, bis sie endlich in einem Dorf irgendwo in Indien haltmachten, eine Wohnung mieteten und ausruhten.

Nach zwei Monaten hatte El Ojo kein Geld mehr und ging in ein anderes Dorf, von wo aus er einen Brief an seinen damaligen Freund in Paris schrieb. Innerhalb von zwei Wochen erhielt er eine Banküberweisung, und um sie einzulösen, musste er in eine größere Ortschaft fahren, die nicht die war, von der aus er den Brief geschickt hatte, schon gar nicht das Dorf, in dem er lebte. Den Jungen ging es gut. Sie spielten mit anderen Kindern, gingen nicht zur Schule und kamen manchmal mit Essen nach Hause, Gemüse, das ihnen die Nachbarn schenkten. Ihn nannten sie nicht Vater, wie er ihnen aus Sicherheitsgründen vorgeschlagen hatte, um nicht die Aufmerksamkeit Neugieriger auf sich zu lenken, sondern El Ojo, so wie wir alle. Den Dorfbewohnern gegenüber behauptete er jedoch, es seien seine Söhne. Er verbreitete die Version, dass die indische Mutter vor kurzem gestorben sei und er nicht nach Europa zurückkehren wolle. Die Geschichte klang wahr. In El Ojos Albträumen allerdings tauchte mitten in der Nacht die indische Polizei auf und nahm ihn unter erniedrigenden Anschuldigungen fest. Er erwachte regelmäßig zitternd. Dann beugte er sich über die Matten, auf denen die Jungen schliefen, und ihr Anblick gab ihm Kraft, weiterzumachen, zu schlafen, morgens aufzustehen.

Er begann mit Gemüseanbau. Er bestellte einen kleinen Garten und arbeitete gelegentlich für die reichen Bauern des Dorfes. Die reichen Bauern waren natürlich in Wirklichkeit arme Bauern, aber weniger arm als die anderen. Die übrige Zeit verbrachte er damit, den Jungen Englisch und etwas Mathematik beizubringen und ihnen beim Spielen zuzusehen. Untereinander sprachen sie in einer unverständlichen Sprache. Manchmal sah er sie ihr Spiel unterbrechen und querfeldein gehen, als würden sie plötzlich schlafwandeln. Er schrie hinter ihnen her. Manchmal taten die Jungen so, als hörten sie ihn nicht, und gingen weiter, bis sie außer Sicht waren. Andere Male wandten sie den Kopf und lächelten.

Wie lange warst du in Indien?, fragte ich beunruhigt.

Anderthalb Jahre, sagte El Ojo, obwohl er es nicht ganz genau wusste.

Einmal kam sein Pariser Freund in das Dorf. Er liebte mich noch immer, sagte El Ojo, obwohl er in meiner Abwesenheit begonnen hatte, mit einem algerischen Renault-Arbeiter zusammenzuleben. Er lachte, nachdem er das gesagt hatte. Ich lachte auch. Alles war so traurig. Sein Freund, der in einem mit rötlichem Staub überzogenen Taxi ins Dorf kam, die Jungen, die im trockenen Buschwerk hinter einem Insekt herliefen, der Wind, der gute und schlechte Nachrichten heranzutragen schien.

Trotz der Bitten des Franzosen kehrte er nicht nach Paris zurück. Monate später erhielt er von ihm einen Brief, in dem er mitteilte, dass die indische Polizei nicht nach ihm suche. Offenbar hatten die Leute vom Bordell keinerlei Anzeige erstattet. Die Nachricht änderte nichts daran, dass El Ojo weiter unter Albträumen litt, nur die Kleidung der Personen, die ihn festnahmen und demütigten, änderte sich: aus den Polizisten wurden Büttel der Sekte des kastrierten Gottes. Das Ende war noch furchtbarer, wie mir El Ojo gestand, aber ich hatte mich schon an die Albträume gewöhnt und wusste irgendwie immer, dass ich mich im Innern eines Traums befand, dass das nicht die Wirklichkeit war.

Dann kam die Krankheit ins Dorf, und die Jungen starben. Ich wollte auch sterben, sagte El Ojo, aber dieses Glück war mir nicht vergönnt.

Nach seiner Genesung in einer Hütte, die jeden Tag der Regen zerstörte, verließ El Ojo das Dorf und kehrte in die Stadt zurück, in der er seine Söhne kennengelernt hatte. Mit verhaltener Überraschung stellte er fest, dass sie so weit nicht entfernt lag, die Flucht war spiralförmig verlaufen, und die Rückkehr nahm wenig Zeit in Anspruch. Eines Abends, der Abend seiner Ankunft in der Stadt, suchte er das Bordell auf, in dem die Knaben kastriert wurden. Seine Zimmer hatten sich in Wohnungen verwandelt, in denen ganze Familien lebten. In den Fluren, die er düster und verlassen in Erinnerung hatte, wimmelte es jetzt von Kindern, die kaum laufen konnten, und Alten, die sich kaum noch bewegen konnten und sich vorwärtsschleppten. Ihm erschien es wie ein Bild vom Paradies.

In jener Nacht, als er ins Hotel zurückkehrte und nicht aufhören konnte zu weinen, über seine Söhne, über die Knaben, die kastriert worden waren und die er nicht kennengelernt hatte, über ihre verlorene Jugend, über alle Jungen, die nicht mehr jung waren, und über die Jungen, die jung gestorben waren, über die, die für Salvador Allende gekämpft hatten, und die, die sich nicht getraut hatten, für Salvador Allende zu kämpfen, rief er seinen französischen Freund an, der jetzt mit einem ehemaligen bulgarischen Gewichtheber zusammenlebte, und bat, er möge ihm ein Flugticket schicken und etwas Geld, um die Hotelrechnung zu bezahlen.

Und sein französischer Freund sagte, ja natürlich, das mache er sofort, und fragte noch, was ist das für ein Geräusch?, weinst du?, und El Ojo sagte ja, er könne nicht aufhören zu weinen, er wisse nicht, was mit ihm los sei, er weine schon seit Stunden. Und sein französischer Freund riet ihm, sich zu beruhigen. Und El Ojo lachte unter Tränen und sagte, das werde er tun, und legte auf. Und weinte dann weiter, ununterbrochen.

GÓMEZ PALACIO

Nach Gómez Palacio fuhr ich in einer der schlimmsten Phasen meines Lebens. Ich war dreiundzwanzig und wusste, meine Tage in Mexiko waren gezählt.

Mein Freund Montero, der für das Kulturinstitut Bellas Artes arbeitete, besorgte mir einen Job in der Literaturwerkstatt von Gómez Palacio, einer Stadt mit einem grauenhaften Namen. Mit dem Job verbunden war, gewissermaßen als sanfter und angenehmer Einstieg in die Materie, eine Tournee durch die von Bellas Artes in dem Gebiet ausgesäten Werkstätten. Erst mal Urlaub im Norden, sagte Montero, dann machst du diese Arbeit in Gómez Palacio und vergisst alles. Keine Ahnung, warum ich zusagte. Ich wusste, ich würde mich unter keinen Umständen in Gómez Palacio niederlassen, wusste, ich würde keine Literaturwerkstatt in irgendeinem gottverlassenen Kaff im Norden Mexikos leiten.

Eines Morgens verließ ich DF in einem überfüllten Bus und begann meine Tournee. Ich war in San Luis Potosí, in Aguascaliente, in Guanajuato, in León, dies in ungeordneter Reihenfolge, keine Ahnung, in welcher Stadt ich zuerst war und wie viele Tage ich verbrachte. Später war ich in Torreón und in Saltillo. Und war in Durango.

Schließlich kam ich nach Gómez Palacio, besuchte die Einrichtungen von Bellas Artes und lernte die kennen, die meine Schüler sein sollten. Obwohl es so heiß war, zitterte ich die ganze Zeit. Die Direktorin, eine mollige Frau mittleren Alters mit vorquellenden Augen, die ein weites Kleid trug, das mit fast allen Blumen des Bundesstaates bedruckt war, brachte mich außerhalb in einem Motel unter, in einem entsetzlichen Motel unmittelbar an einer Schnellstraße, die nirgendwohin führte.

Am Vormittag kam sie mich persönlich abholen. Sie hatte einen riesigen hellblauen Schlitten, mit dem sie vielleicht ein bisschen waghalsig herumkurvte, doch letztlich konnte man nicht behaupten, dass sie schlecht fuhr. Der Wagen war eine Automatik, und sie reichte mit den Füßen kaum an die Pedale. Unser erstes Ziel war immer eine Autoraststätte, die man von meinem Motel aus in der Ferne sehen konnte, eine rötliche Beule am gelbblauen Horizont, wo wir ein paar Gläser Orangensaft und mexikanisches Rührei bestellten, gefolgt von mehreren Tassen Kaffee, wofür die Direktorin mit Bons von Bellas Artes bezahlte (vermute ich), nie mit Geld.

Sie lehnte sich dann im Stuhl zurück und erzählte von ihrem Leben in jener Stadt im Norden, von ihren Gedichten, die sie in einem kleinen, von Bellas Artes im Bundesstaat finanzierten Verlag veröffentlicht hatte, und von ihrem Mann, dem für den Beruf einer Dichterin und die daraus resultierenden Schmerzen das Verständnis fehlte. Während sie sprach, rauchte ich eine Bali nach der anderen, schaute durchs Fenster auf die Straße und dachte, was für ein Desaster mein Leben doch war. Anschließend stiegen wir wieder in ihr Auto und fuhren zum Sitz von Bellas Artes in Gómez Palacio, einem zweistöckigen Gebäude ohne jeden Reiz, außer einem Innenhof mit nur drei Bäumen und einem verwilderten oder halbherzig gepflegten Garten, in dem die Jugendlichen, die hier Unterricht in Malerei, Musik und Literatur nahmen, wie Zombies herumwuselten. Beim ersten Mal achtete ich fast gar nicht auf den Hof. Beim zweiten Mal fing ich an zu zittern. Das ist doch alles sinnlos, dachte ich, aber im Grunde wusste ich, dass es einen Sinn hatte, und dieser Sinn war es, was mir das Herz zerriss, um einen etwas übertriebenen Ausdruck zu verwenden, den ich jedoch nicht übertrieben fand. Vielleicht verwechselte ich damals Sinn mit Notwendigkeit. Vielleicht war ich bloß nervös.

In den Nächten fand ich nur mühsam Schlaf. Ich hatte Albträume. Bevor ich ins Bett ging, versicherte ich mich, dass die Türen und Fenster meines Zimmers hermetisch verschlossen waren. Der Mund trocknete mir aus, und die einzige Lösung bestand darin, Wasser zu trinken. Ich stand regelmäßig auf und ging ins Bad, um mir ein Glas Wasser zu holen. Und da ich nun schon auf war, nutzte ich die Gelegenheit, um nachzuschauen, ob ich Tür und Fenster richtig zugemacht hatte. Manchmal vergaß ich meine Ängste, lehnte mich ans Fenster und betrachtete die nächtliche Wüste. Dann ging ich zurück ins Bett und schloss die Augen, aber da ich so viel Wasser getrunken hatte, stand ich schon bald wieder auf, diesmal um zu pinkeln. Und da ich nun schon auf war, überprüfte ich erneut die Schlösser des Zimmers und stand wieder reglos da und lauschte den fernen Geräuschen der Wüste (gedämpfter Motorenlärm, Autos, die nach Norden oder Süden fuhren) und betrachtete die Nacht jenseits des Fensters. Bis der Morgen graute, dann endlich konnte ich ein paar Stunden am Stück schlafen, zwei oder drei, wenn es hoch kam.

Eines Morgens beim Frühstück fragte mich die Direktorin nach der Farbe meiner Augen. Sie sind so, weil ich wenig schlafe, sagte ich. Ja, sie sind gerötet, sagte sie und wechselte das Thema. Am Nachmittag, als sie mich zurück zum Motel brachte, fragte sie mich, ob ich mal für eine Weile ans Steuer wolle. Ich kann nicht fahren, sagte ich. Sie lachte und hielt am Straßenrand. Ein Kühlwagen fuhr an uns vorbei. In blauen Großbuchstaben auf weißem Grund las ich: FLEISCH DER WITWE PADILLA. Er kam aus Monterrey, und der Fahrer betrachtete uns mit einem Interesse, das mir unangemessen erschien. Die Direktorin öffnete ihre Tür und stieg aus. Setz dich auf den Fahrersitz, sagte sie. Ich gehorchte. Während ich das Lenkrad packte, sah ich, wie sie hinten um das Auto herumging. Dann setzte sie sich auf den Beifahrersitz und befahl mir loszufahren.

Eine ganze Weile folgte ich dem grauen Band, das Gómez Palacio mit meinem Motel verband. Als wir es erreichten, hielt ich nicht an. Ich schaute zur Direktorin hinüber, lächelte, es störte sie nicht, dass ich einfach weiterfuhr. Anfangs betrachteten wir beide schweigend die Straße. Als wir das Motel hinter uns gelassen hatten, sprach sie von ihren Gedichten, ihrer Arbeit und ihrem wenig verständnisvollen Ehemann. Als ihr die Worte ausgingen, schaltete sie das Autoradio an und legte eine Kassette mit einer Ranchera-Sängerin ein. Sie hatte eine traurige Stimme und war dem Orchester immer ein paar Noten voraus. Sie ist meine Freundin. Ich hatte sie nicht verstanden. Wie bitte?, fragte ich. Ich bin eine enge Freundin der Sängerin, sagte die Direktorin. Ah. Sie ist aus Durango, sagte sie. Da bist du schon gewesen, oder? Ja, ich bin in Durango gewesen, sagte ich. Und wie sind die Literatur-Workshops dort? Schlechter als hier, sagte ich aus Höflichkeit, obwohl sie es nicht so aufzufassen schien. Sie ist aus Durango, lebt aber in Ciudad Juárez, sagte sie. Manchmal, wenn sie in ihre Geburtsstadt fährt, um ihre Mutter zu besuchen, ruft sie mich an, und ich mache mich frei, so gut ich kann, und verbringe ein paar Tage mit ihr in Durango. Wie schön, sagte ich, ohne den Blick von der Straße zu wenden. ich wohne dann bei ihr, im Haus ihrer Mutter, sagte die Direktorin. Wir schlafen zu zweit in ihrem Zimmer und reden stundenlang und hören Platten. Von Zeit zu Zeit geht irgendeine von beiden in die Küche und kocht ein Kaffeechen. Ich bringe in der Regel Gebäck von La Regalada mit, ihr Lieblingsgebäck. Und wir trinken Kaffee und essen Kekse. Wir kennen uns, seit wir fünfzehn sind. Sie ist meine beste Freundin.

Am Horizont sah ich einige niedrige Berge, zwischen denen sich die Straße verlor. Im Osten zog die Nacht herauf. Welche Farbe hat die Wüste nachts?, hatte ich mich vor Tagen im Motel gefragt. Es war eine rhetorische und dumme Frage, in die ich meine Zukunft mit einschloss, oder vielleicht nicht meine Zukunft, sondern meine Fähigkeit, den Schmerz zu ertragen, den ich empfand. Eines Nachmittags fragte mich ein Junge in der Literaturwerkstatt von Gómez Palacio, warum ich Gedichte schriebe und wie lange ich das zu tun gedächte. Die Direktorin war nicht anwesend. Die Werkstatt hatte fünf Teilnehmer, die fünf einzigen Schüler, vier Jungen und ein Mädchen. Zwei der Jungs waren äußerst ärmlich gekleidet. Das Mädchen war klein und dünn, ihr Kleid ziemlich gewöhnlich. Der Fragesteller hätte an der Universität studieren müssen, aber stattdessen schuftete er als Arbeiter in einer Seifenfabrik, der größten (und wahrscheinlich einzigen) des Bundesstaates. Ein zweiter Junge war Kellner in einem italienischen Restaurant. Die anderen beiden besuchten die Oberstufe, und das Mädchen ging weder zur Schule noch zur Arbeit.

Aus purem Zufall, antwortete ich. Eine Zeitlang sagte keiner von uns sechs etwas. Ich erwog die Möglichkeit, in Gómez Palacio zu arbeiten, für immer hier zu leben. Im Hof hatte ich zwei Teilnehmerinnen der Malereiwerkstatt gesehen, die ich schön fand. Mit etwas Glück könnte ich eine der beiden heiraten. Die schönere der beiden schien mir auch die konventionellere. Ich stellte mir eine lange und komplizierte Verlobungszeit vor. Ich stellte mir ein dunkles, kühles Haus und einen Garten voller Pflanzen vor. Und bis wann gedenken Sie zu schreiben?, fragte der Junge, der Seife herstellte. Ich hätte alles Mögliche antworten können. Ich entschied mich für das Einfachste: Ich weiß es nicht. Und du? Ich habe angefangen zu schreiben, weil die Dichtung mich freier macht, Meister, und ich werde nie damit aufhören, sagte er mit einem Lächeln, das seinen Stolz und seine Entschlossenheit kaum zu verbergen vermochte. Die Antwort litt an Vagheit, an deklamatorischem Ehrgeiz. Hinter dieser Antwort, jedoch, sah ich den Seifenarbeiter nicht, wie er jetzt war, sondern wie er gewesen war, als er fünfzehn oder vielleicht zwölf Jahre alt war, sah ihn, wie er Vorstadtstraßen von Gómez Palacio entlanglief, unter einem Himmel, der einem Geröllfeld ähnelte. Ich sah auch seine Mitstreiter: Es schien mir ausgeschlossen, dass sie überleben sollten. Was trotz allem das Natürlichste von der Welt war.

Anschließend lasen wir Gedichte. Wer als Einzige von ihnen etwas Talent besaß, war das Mädchen. Aber ganz sicher war ich mir bei nichts mehr. Als wir hinausgingen, erwartete mich die Direktorin zusammen mit zwei Typen, die sich als Beamte des Bundesstaates Durango herausstellten. Warum, weiß ich nicht, ich dachte, sie seien Polizisten und gekommen, mich festzunehmen. Die Jugendlichen verabschiedeten sich von mir und gingen, das dünne Mädchen mit einem der Jungs und die übrigen drei allein. Ich sah sie durch einen Flur mit abblätternden Wänden gehen. Ich folgte ihnen bis zur Tür, als hätte ich vergessen, einem von ihnen etwas zu sagen. Dort sah ich, wie sie sich auf der Straße von Gómez Palacio in entgegengesetzten Richtungen entfernten.