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JUTTA RABE

25 JAHRE NACH DEM UNTERGANG

DIE

ESTONIA

WAR ES EIN ANSCHLAG? WAR ATOMMATERIAL AN BORD? NEUE BEWEISE, NEUE ERKENNTNISSE.

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INHALT

Warum dieses Buch?

Vorwort – ESTONIA zum 25. Jahrestag

Ein Schiff ist gesunken

WURDE DIE ESTONIA VERSENKT?

27. und 28. September 1994: kein Tag wie jeder andere

Der Stolz einer jungen Nation: ESTONIA

Chronologie des Schiffsuntergangs

Wer spielt mit beim Cover-up? Die Regierungen, die JAIC und das schwedische Sjöfartsverket

Die ESTONIA im Unterwassergrab: bergen oder Deckel drauf?

Manipulationen lassen Zweifel wachsen

Die Meyer Werft, die deutsche Expertengruppe und viele offene Fragen

DIE WAHRHEIT LIEGT AUF DEM MEERESGRUND

Die Stockholm-Konferenz – ein Zwischenergebnis?

Der Kampf ums Wrack: Tauchexpedition zur ESTONIA

Haftbefehle und andere merkwürdige Entwicklungen

Metallanalysen, verwirrende Untersuchungsergebnisse und die Konsequenzen

Die ESTONIA wurde versenkt – ein mögliches Szenario

THESEN, FAKTEN UND BEWEISE

Bombendrohungen und Gerüchte

Gerettet, aber verschwunden: der Fall Avo Piht und andere

Die Ladung – ein Geheimnis

Politik und Geheimdienste – oder die etwas andere Fortsetzung eines alten Spiels

Wie geht es weiter?

Juni 2003: Wieder gibt es neue Informationen

25 JAHRE NACH DEM UNTERGANG: NEUE ERKENNTNISSE

Juli 2019: Die Ladung auf der ESTONIA, ein Zollbeamter, der sein Gewissen erleichterte, und ein Grenzschützer mit gutem Gedächtnis

Besuch bei einem Spion, einem ehemaligen Verteidigungsminister und Erkenntnisse über Russische Militärarsenale

Von Löchern im Stahl, schwedischen Tauchern und einer Deutschen wissenschaftlichen Metalluntersuchung, die nur auf »Vermutungen« basierte

Gerichtsprozesse

Danksagung

WARUM DIESES BUCH?

Ungeklärte Fälle der Zeitgeschichte üben auf jeden Menschen eine gewisse Faszination aus. Dieser Faszination kann auch ich mich als investigative Journalistin im Fall der untergegangenen Ostseefähre ESTONIA nicht entziehen.

Immer wieder gab und gibt es neue Hinweise, Fakten, Zeugenaussagen und Untersuchungen, die den Fall interessant machen. In 14 TV-Dokumentarfilmen und Reportagen habe ich über die verschiedensten Aspekte dieser größten zivilen Schiffskatastrophe in Friedenszeiten berichtet. Ich habe mit einer Vielzahl von Überlebenden gesprochen, habe Schicksale der Hinterbliebenen verfolgt, habe Kontakte zu allen ermittelnden Behörden und Kommissionen, Angehörigen-Organisationen, der Bauwerft sowie beteiligten Politikern aufgebaut. Doch je intensiver ich die Hintergründe dieses Untergangs recherchiere, desto mehr entdecke ich fahrlässig schlampig geführte Ermittlungen durch Experten und Behörden, die meiner Meinung nach nicht der Wahrheitsfindung dienen, sondern etwas ganz anderes sind: Vertuschungsversuche, Urkundenfälschungen, Beweisvernichtung und Falschaussagen von Ermittlern bei gleichzeitiger Unterdrückung von Zeugenaussagen, die für die Rekonstruktion des Geschehens wichtig wären.

Dieses Buch ist das Ergebnis meiner Recherche. Es beinhaltet auch einige Hypothesen, die von den vorliegenden Fakten gestützt werden, die aber nicht oder noch nicht bewiesen werden können. Kurz gesagt: Hier muss weiterrecherchiert werden, denn von einer Aufklärung ist der Fall ESTONIA noch weit entfernt.

Jutta Rabe

VORWORT ESTONIA ZUM 25. JAHRESTAG

Was gibt es Neues im Fall ESTONIA?

Mit dieser Frage werde ich wohl für den Rest meines Lebens konfrontiert. Das ist auch gut so, hält es doch die Erinnerung wach und schärft den Blick für wichtige neue Informationen und Entwicklungen.

Am 28. September 1994 sank die schwedisch-estnische Passagierfähre ESTONIA in der Ostsee. Damit sind es nun 25 Jahre, die vergangen sind, und noch immer hat es keine ordentliche und wirklich unabhängige Untersuchung des Falles gegeben. Viele Akten sind verschwunden oder werden sehr sorgfältig unter Verschluss gehalten. Einige Archive sind inzwischen zwar zugänglich, aber nicht komplett, andere ganz gesperrt. Der Fall ESTONIA scheint noch nichts an politischer und ermittlungstechnischer Brisanz eingebüßt zu haben.

Im September 2018 kontaktierte mich mein schwedischer Kollege Lars Borgnäs. Er war von der schwedischen Angehörigenorganisation SEA gebeten worden, noch einmal mit der Recherche in Sachen ESTONIA zu beginnen, denn SEA möchte Estlands höchstes Gericht davon überzeugen, den Fall noch einmal völlig neu untersuchen zu lassen. Und da Lars inzwischen pensioniert ist und mehr Zeit hat als früher, fand er die Idee recht gut und überzeugte auch mich.

Wir beschlossen, noch einmal Akten, Fotos und Unterlagen zu suchen, neue Zeugen aufzuspüren und Beteiligte zu befragen, die wir eventuell vorher noch nicht so eindringlich beachtet oder denen wir nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Außerdem wollten wir auch einen estnischen Kollegen um Mithilfe bitten. So kam Mihkel Kärmas, ein Fernsehjournalist des estnischen TV2, als Dritter im Bund zu unserem kleinen investigativen Team hinzu.

Ich möchte an dieser Stelle Lars und Mihkel danken für viele Tipps, für den interessanten Meinungsaustausch und für die Zusammenarbeit.

Jeder für sich wird die Ergebnisse auswerten und in seinem eigenen Land veröffentlichen soweit es ihm möglich ist.

Jeder von uns wird auch an einer der Gedenkfeiern am 28. September 2019 zum 25. Jahrestag teilnehmen – wenn auch immer noch mit dem Gefühl und der Gewissheit, dass nicht alles geklärt ist. Wir sind ein kleines Stück weitergekommen bei der Aufklärung, aber abgeschlossen ist der Fall ESTONIA noch immer nicht.

Jutta Rabe
Juli 2019

EIN SCHIFF IST GESUNKEN

Ich werde nie vergessen, wie ich im Herbst 1997 abends allein in meinem Stockholmer Hotelzimmer saß. Ein befreundeter Journalist hatte mir einen Vorabdruck des Abschlussberichtes der Ermittlungen im Fall ESTONIA der Internationalen Havariekommission (Joint Accident Investigation Commission, kurz: JAIC) übergeben, und ich hatte mich in mein Hotelzimmer eingeschlossen, um den 228 Seiten starken Bericht zu studieren. Schließlich hatte ich, wie die Hinterbliebenen der Opfer, die Überlebenden der Katastrophe, Hunderte von Journalisten und die interessierte Öffentlichkeit seit drei Jahren auf dieses Untersuchungsergebnis gewartet.

Es hatte viele Ungereimtheiten im Fall ESTONIA innerhalb der letzten Jahre gegeben, über die ich für das deutsche Fernsehen berichtet hatte: Zeugen, die nicht gehört worden waren oder die man nach deren eigenem Bekunden eingeschüchtert hatte, und Beweismittel, die verschwunden waren, und manches andere Merkwürdige, doch ich hatte nicht daran gezweifelt, dass alle offenen Fragen im Abschlussbericht der JAIC geklärt werden würden.

Die JAIC war noch am Tag des Untergangs eingesetzt worden und bestand aus je drei Vertretern aus Schweden, Finnland und Estland. Den Vorsitz hatte Andi Meister, der estnische Transportminister.

Der schwedische Ministerpräsident Carl Bildt hatte vor laufenden Fernsehkameras und in Anwesenheit und mit Zustimmung seiner Amtskollegen Mart Laar (Estland) und Esko Aho (Finnland) am 28.09.1994 in Turku auf einer ersten Pressekonferenz erklärt: »... die Untergangsursache muss rückhaltlos aufgeklärt werden. Die schwedische und die finnische Regierung sagen hierzu jede Unterstützung zu. Das Schiff und die Leichen sollen sobald wie möglich geborgen werden.« Der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter hatte er am 29.09.1994 zur Sorgfältigkeit der Untersuchung der Untergangsursache versichert: »Jeder Stein wird umgedreht werden.«

Auch der estnische Präsident Lennart Meri wurde von der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter in einem Artikel, der am 03.10.1994 erschien, aus einem Interview vom 02.10.1994 zitiert: »Es darf nicht der geringste Zweifel darüber bleiben, dass Estland eine komplette Aufklärung über die Katastrophe will.«

Doch nichts dergleichen war der Fall. Ich traute beim Lesen meinen Augen nicht: Sollte hier eine Untersuchungskommission tatsächlich die Behauptung aufstellen wollen, dass bei der ESTONIA durch »einige starke Wellen die Schlösser des Bugvisiers gebrochen waren«? Wollte sie wirklich behaupten, dass sich dadurch das Visier löste und die dahinter liegende Autorampe aufriss, damit innerhalb von Minuten Tausende von Tonnen Wasser auf das Autodeck strömten, die ESTONIA umkippte und innerhalb weiterer 30 Minuten komplett auf den Meeresboden sank?1

Widerlegten nicht einfache Regeln der Physik diese Behauptungen? Und: Dieses Szenario stimmte nicht mit den Aussagen von Überlebenden überein.

Ein Schiff von der Größe der ESTONIA hat Tausende von Kubikmetern Luft in den Räumen unterhalb des Autodecks. Bei einem massiven Wassereinbruch auf dem Autodeck kann das Schiff zwar seine Stabilität verlieren, würde sich dann aber auf die Seite legen, kentern und kieloben zumindest noch viele Stunden, wenn nicht Tage schwimmen. Ein Beispiel dafür lieferte das Kentern der JAN HEWELIUS vor Rügen im Januar 1993. Das Schiff schwamm nach dem Umkippen noch fast zwei Wochen kieloben im Wasser. Außerdem berichteten überlebende Passagiere der ESTONIA, die ihre Kabinen unterhalb des Autodecks auf Deck I hatten, dass sie Wasser auf ihrem Deck gesehen hatten, noch bevor das Schiff Schlagseite bekam, das heißt, dass es außer dem Wassereinbruch über die geöffnete Autorampe noch mindestens einen weiteren Wassereinbruch gegeben haben musste.

Doch nichts davon fand ich in dem Bericht der JAIC. Jedoch hatte man für das Unmögliche eine Erklärung parat: Konstruktionsmängel am Visier, die Verriegelungen seien zu schwach dimensioniert gewesen. Damit hatte also die deutsche Meyer Werft in Papenburg, die das Schiff 1980 gebaut hatte, den schwarzen Peter.

Die Schlussfolgerungen zur Ursache des Untergangs unterschieden sich im Schlussbericht also nicht von der ersten Presseerklärung der JAIC, die am 04. Oktober 1994, sechs Tage nach dem Untergang des Schiffes, veröffentlicht worden war. Zu diesem Zeitpunkt hatte man mit einer ordentlichen Untersuchung noch gar nicht angefangen, und auch das abgerissene Visier des Schiffes war noch nicht geborgen worden. Dass die Untersuchungspraxis nicht den UNO-Regelungen entspricht, die für Schiffskatastrophen existieren, soll hier nur am Rand erwähnt werden.

1Abschlussbericht der JAIC vom 03. Dezember 1997.

WURDE DIE ESTONIA VERSENKT?

27. UND 28. SEPTEMBER 1994: KEIN TAG WIE JEDER ANDERE

Am frühen Abend des 27. September 1994, kurz vor 19:00 Uhr1, kämpften sich Carl Övberg und ein estnischer Geschäftspartner durch den zähen Straßenverkehr zum Hafen von Tallinn durch. Da Övberg dringend zurück nach Stockholm musste, wollte er die Fähre ESTONIA auf jeden Fall noch erreichen. Er wusste, dass er spät dran war, und deshalb ärgerte er sich sehr darüber, dass die Anfahrt zum Estline-Terminal von Uniformierten blockiert wurde. Mit dem Auto konnte man also nicht, wie normalerweise üblich, direkt an den Terminaleingang heranfahren. Kurz entschlossen verabschiedete er sich deshalb vor der Absperrung von seinem Geschäftsfreund und machte sich die letzten Hundert Meter im Laufschritt auf den Weg. Er habe Glück, so sagte man ihm am Ticketschalter, denn die ESTONIA habe Verspätung und würde erst gegen 19:15 Uhr abfahren.

Carl Övberg war also der letzte Passagier, der an Bord der ESTONIA ging.

Er gesellte sich erst einmal an der Rezeption im Empfangsbereich auf Deck IV zu anderen wartenden Fahrgästen, die auch keine Kabine im Voraus gebucht hatten. Auf früheren Reisen hatte Carl immer eine Kabinenreservierung gehabt, nur diesmal war dafür keine Zeit mehr gewesen. Durch seine häufigen Fahrten auf der ESTONIA wusste er aber, dass man mit etwas Glück auch noch direkt an Bord eine Kabine bekam. Carl war selbstständiger Kaufmann und handelte mit Maschinen. Er lebte und arbeitete seit einigen Jahren in Schweden, war aber auch an einer Maschinenbaufirma in Estland beteiligt. Deshalb hatte er viele Fahrten zwischen Stockholm und Tallinn und umgekehrt hinter sich gebracht, im Sommer wie im Winter, bei gutem wie schlechtem Wetter. Er kannte sich mittlerweile hervorragend auf der ESTONIA aus und hatte im Lauf der Zeit alle Restaurants und Bars besucht und diverse Kabinen bewohnt. Deshalb war er nicht allzu glücklich, als er an diesem Abend nur noch eine Kabine auf Deck I erhalten konnte. Deck I lag unterhalb des Autodecks. Instinktiv störte er sich daran, dass man auf diesem Deck praktisch unterhalb der Wasserlinie war. Er zögerte einen Moment. Sollte er vielleicht doch lieber oben auf Deck VI im Bereich der Liegesessel versuchen, etwas Schlaf zu bekommen?

Das Personal an der Rezeption reagierte gereizt auf seine zögerliche Haltung, sodass er sich nolens volens für Deck I entschied. Überhaupt fiel ihm an diesem Abend auf, dass die Leute von der Crew ziemlich nervös und gereizt schienen – im Gegensatz zu früheren Reisen. Er dachte, es läge an der bevorstehenden Schlechtwetterfahrt, denn schon in Tallinn hatte ein heftiger Wind geweht, und im Radio hatte es erste Sturmwarnungen für die Ostsee gegeben.

Für die wichtigen Verhandlungen am nächsten Tag aber musste er fit sein, und deshalb brauchte er jetzt Schlaf. Also nahm er Kabine Nr. 1049 auf Deck I. Das war im vorderen Drittel des Schiffes. Nachdem er sein Gepäck in der Kabine verstaut hatte, ging er in eines der Restaurants zum Essen, danach in die Bar. Aber schon beim ersten Bier wurde er sehr müde, kehrte in seine Kabine zurück und legte sich ins Bett. Doch richtig schlafen konnte er nicht.

Auch Per-Erik Ehrnsten, der finnische Marketingmanager einer deutschen Spirituosenfirma, war an diesem Tag an Bord der ESTONIA. Gemeinsam mit seinem Chef war er ziemlich spät an Bord gekommen. Die beiden hatten eine Verabredung mit dem Chef-Purser der ESTONIA, denn die Firma hatte bereits Verhandlungen mit der ESTONIA-Reederei Estline über die Belieferung mit alkoholischen Produkten aufgenommen. Alle trafen am Empfang auf Deck IV gegen 18:45 Uhr ein.

Per-Erik und sein Chef brauchten für das Einchecken rund 15 Minuten, und während sein Chef um Punkt 19:00 Uhr einen erwarteten Anruf über Handy entgegennahm, fiel Per-Erik auf, dass das Schiff immer noch mit Lkws beladen wurde.

Per-Erik bekam die Kabine auf Deck VI mit der Nummer 6304. Er ging noch in einen der Tax Free Shops, um etwas einzukaufen, und traf dann seinen Chef und den Purser im Seaside Restaurant, wo alle zusammen ein Abendessen einnahmen.

Man saß bis 20:30 Uhr in diesem Restaurant und ging danach in die Baltic Bar, die ebenfalls auf Deck VI lag.

Per-Eriks Chef war müde, verabschiedete sich bereits um 20:45 Uhr und überließ es Per-Erik, mit dem Purser die verschiedenen Bars des Schiffes aufzusuchen, um sich einen Eindruck über das Ambiente und den Alkoholkonsum an Bord zu verschaffen. Die Firma hatte einige Erfahrung mit dem Verkauf von Alkohol auf Fährschiffen, denn sie betrieb dieses Geschäft bereits seit vielen Jahren auf den meisten anderen Ostseerouten. Daher war Per-Erik die ESTONIA auch schon von ihren früheren Fahrten unter finnischer Flagge als VIKING SALLY und später als WASA KING vertraut.

Gegen 21:00 Uhr bemerkte Per-Erik zum ersten Mal, dass der Seegang stärker wurde. Kurz vor 23:00 Uhr hatte Per-Erik alles gesehen, was er sehen wollte, verabschiedete sich vom Purser, ging in seine Kabine und legte sich ins Bett. Da er nicht gleich schlafen konnte, las er noch in seinem Buch für circa 15 bis 20 Minuten, um dann aber doch in einen leichten Schlaf zu fallen.

Der Schwede Pierre Thiger war ungefähr 45 Minuten vor Abfahrt der ESTONIA an Bord gegangen. Er hatte eine Kabine auf Deck IV bekommen, doch hatte er nur seine Sachen verstaut und war sofort wieder losgezogen, um an Bord zu bummeln. Zuerst ging er zum Tax Free Shop und danach ins Restaurant. Gegen 23:00 Uhr verließ er das Restaurant wieder, hatte aber überhaupt keine Lust, sich schon zu Bett zu begeben. Unternehmungslustig streunte er ein wenig auf den Decks herum und traf dabei einen alten Bekannten, Alti Hakkanpää, einen Finnen, der aber schon seit mehreren Jahren in Schweden lebte.

Beide gingen schließlich zusammen in die Karaoke-Bar auf der Steuerbordseite im hinteren Teil von Deck V, um noch ein paar Gläser zu leeren. Die Stimmung war ausgezeichnet. Pierre Isaksson, ein bekannter schwedischer Sänger und Entertainer, hatte sein Publikum gut im Griff. Es gefiel auch Pierre Thiger und Alti Hakkanpää, und so setzten sie sich an die Bar.

Kurz vor 01:00 Uhr estnischer Zeit teilte Isaksson mit, dass er nicht pünktlich um 01:00 Uhr Schluss machen würde. Es war seine letzte Vorstellung auf dem Schiff, und er wollte so lange weitermachen, wie es dem Publikum gefiel. Daraufhin stieg die Stimmung noch mehr, und es wurde ausgelassen gelacht und gesungen und getanzt.

Genau zu dieser Zeit rief aus Stockholm Peter Barasinski seine Frau Carita an. Die junge Schwedin war kein Passagier an Bord der ESTONIA, sondern beaufsichtigte die Ausbildung von estnischem Restaurantpersonal. Sie teilte sich diesen Job mit ihrem Mann. Peter gehörte deshalb zur anderen Schicht und war daher an Land in Stockholm.

Peter und Carita waren beide mit der Gastronomie auf großen Fährschiffen vertraut, obwohl Peter früher als Funkoffizier auf den Schiffen der staatlichen polnischen Fischtrawler-Flotte gefahren war.

Er hatte vor Jahren in Schweden um Asyl gebeten und es erhalten. Dann hatte er sich zum Barmanager auf Fährschiffen hochgearbeitet und war vor zwei Jahren Carita begegnet: hübsch, blond, eine Schwedin wie aus dem Bilderbuch. Er hatte sich Hals über Kopf verliebt, und es gab für ihn vom ersten Tag an keinen Zweifel, dass er die Frau seines Lebens gefunden hatte. Dieses Traumpaar war immer noch verliebt wie am ersten Tag. Carita hatte vor ein paar Tagen eine kleine Operation am Augenlid gehabt und anschließend über Kopfschmerzen geklagt. Peter, der eigentlich seine Freischicht von 14 Tagen zu Hause verbrachte, hatte daraufhin angeboten, für seine Frau an Bord der ESTONIA einzuspringen. Aber im letzten Moment hatte sie es sich doch anders überlegt und war an Bord gegangen, um ihre Schicht, die noch bis zum 29. September dauern sollte, zu Ende zu bringen.

An diesem Abend turtelten die beiden wie üblich eine Weile am Telefon. Carita erzählte von der Geburtstagsparty einer Kollegin, die im Aufenthaltsraum der Crew stattfand, wohin sie vielleicht noch gehen würde. Peter war etwas besorgt wegen der gerade erst überstandenen Operation, aber Carita beruhigte ihn, da es ihr schon viel besser ging. Peter verabschiedete sich liebevoll von seiner Frau, schaute noch ein wenig ins Fernsehprogramm und schlief dann sehr bald ein.

Carl Övberg fand keinen richtigen Schlaf. Er neigte nicht zu Seekrankheit, aber die starken Bewegungen des Schiffes ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. So lag er im Bett und döste ein wenig. Plötzlich hörte er ein ihm sehr bekanntes Geräusch, wie er es von der Visierhydraulik her kannte. Danach folgten einige schwere Schläge wie mit einem großen Vorschlaghammer.

Er richtete sich in der Dunkelheit auf und lauschte. Eine Weile geschah nichts. Er stand auf und machte Licht. Dann setzte er sich aufs Bett und zündete sich eine Zigarette an. Er lauschte, und ein paar Minuten vergingen. Da er aber nichts weiter hören konnte, entspannte er sich und wollte sich schon wieder hinlegen. Doch da passierte es: ein mächtiger lauter Knall, gefolgt von einer starken Erschütterung, deren Vibration Carl durch Mark und Bein ging. Er kam eindeutig vom Bugbereich.

Carl dachte, dass die ESTONIA vielleicht mit etwas zusammengestoßen oder auf Grund gelaufen sei. Für harte Wellen waren diese Schläge viel zu stark und zu »metallen« gewesen. Er zog schnell ein paar Kleidungsstücke an und schaute hinaus auf den Korridor, wo auch andere besorgte Passagiere ihre Köpfe aus den Kabinen streckten.

Alle Alarmglocken läuteten jetzt in ihm. Weg! Nichts wie weg von hier unten! Hin zur Treppe und so schnell wie möglich hoch zum Deck VII, dem Außendeck!

Auch Pierre Thiger vernahm den starken Knall, obwohl er sich vier Decks höher und weiter hinten im Schiff befand und von lauter Musik und der ausgelassenen Stimmung in der Karaoke-Bar umgeben war. Das war ungefähr eine Viertelstunde, nachdem der Sänger Isaksson seine Open-End-Ansage gemacht hatte. Es war ein Schlag, der allen das Gefühl vermittelte, dass er das Schiff abrupt stoppen ließ. Es war eine Erschütterung, die durch das gesamte Schiff ging.

Auch Pierre Thiger dachte sofort, die ESTONIA sei auf Grund gelaufen.

»Was war das?«, fragte sein Bekannter Hakkanpää.

Keiner konnte dieses Geräusch deuten, doch da unmittelbar danach nichts passierte, wurde in der Karaoke-Bar weiter getanzt und gesungen.

Doch dann gab es einen zweiten, wieder mit starken Erschütterungen verbundenen Knall. Die Gläser in der Bar wackelten und fielen aus dem Regal.

»Los, raus hier«, sagte Pierre Thiger zu seinem Bekannten, »hier stimmt was nicht.«

Beide sprangen von ihren Stühlen und wollten losrennen, als das Schiff plötzlich weit nach Steuerbord überholte. Einige Leute fielen von den Stühlen, und auch Pierre Thiger und Alti Hakkanpää mussten sich plötzlich festhalten, um nicht zu fallen.

Wie von Furien gehetzt rannte Carl Övberg zur nächstliegenden Treppe. Ihm war klar, dass er sich unterhalb des Autodecks befand, dass ihn also noch sechs Decks vom rettenden Außendeck VII trennten. Er ahnte, dass nur eine schnelle und konsequente Flucht sein Leben retten konnte.

An der Treppe geschahen dann mehrere Dinge gleichzeitig: Das Schiff holte über, sodass es zeitweilig Lage von 30° bis 40° nach Steuerbord machte, und Carl blieb mit dem Ärmel seiner Jacke am Treppengeländer hängen. Um wieder freizukommen, musste er einen Schritt zurück und sich teilweise umdrehen.

In diesem Moment sah er, wie Wasser unter Hochdruck auf den Korridor sprudelte. Das Wasser kam aus Entlüftungsrohren, den sogenannten Schwanenhälsen, die eine Verbindung zu dem unter Deck I liegenden Deck 0 hatten. Er sah auf der gesamten Länge des Korridors Wasser, viel Wasser.

Carl befreite seine Jacke und rannte, so schnell er konnte, die Treppe hoch. Dabei stand er mit einem Bein auf der Wand, die zum Boden geworden war, als das Schiff nach Steuerbord überholte. Er lief weiter, als die ESTONIA wieder hochkam, wartete, ob sie erneut überholte, lief dann weiter und arbeitete sich so zu Deck VII hoch. Dieser Vorgang wiederholte sich einige Male.

Er begegnete nur wenigen Leuten. Die meisten hatten offenbar nicht so schnell reagieren können. Als er das rettende Deck VII erreichte, hatte die ESTONIA eine permanente Schlagseite von 30° bis 40° nach Steuerbord. So konnte man im Innern des Schiffes nur noch die Wände der Korridore als Lauffläche benutzen.

Carl hörte eine Ansage durch die Lautsprecher: »Mr. Skylight!« Die Bedeutung dieses Codes kannte er nicht, eine Warnung an die Passagiere wäre ihm sinnvoller erschienen.

Per-Erik Ehrnsten wachte auf, als sich Carl bereits auf der Flucht nach oben befand. Auch er registrierte merkwürdige Geräusche, metallene Schläge, die er vorher so noch nie gehört hatte und die er nicht zuordnen konnte. Aber auch er ahnte, dass etwas nicht stimmen konnte. Er hatte gerade noch Zeit, seine Hose anzuziehen, da holte die ESTONIA über.

Sein Aktenkoffer rutschte vom Sofa, das lose Mobiliar in seiner Kabine knallte gegen die Wand und versperrte ihm die Tür. Er ließ seine Sachen liegen, räumte die Tür frei und rannte nur mit der Hose bekleidet zur Treppe, die auf Deck VII, das Außendeck, das Deck mit den Rettungsbooten, führte.

An der Treppe begegnete er drei Besatzungsmitgliedern, die von achtern durch den Innengang kamen. Alle hatten wetterfeste Kleidung an und Taschen bei sich. Da Per-Erik ein wenig Estnisch spricht, konnte er verstehen, was einer der Männer ärgerlich in sein Walkie-Talkie brüllte. Er widersprach offenbar einem Befehl, der von der Brücke gekommen war. Da die drei durch dieselbe Tür mussten wie Per-Erik, um ins Freie zu gelangen, versuchte Per-Erik, ihnen zu folgen.

In diesem Moment holte die ESTONIA zum zweiten Mal über. Die drei Besatzungsmitglieder waren schon an der Tür und konnten hinausklettern, Per-Erik aber rutschte zurück. Doch einer der Männer gab ihm die Hand und zog ihn mit kräftigem Schwung hinaus aufs Freideck. Kaum draußen, beobachtete Per-Erik, wie dieser Mann sofort sein Walkie-Talkie wegwarf und sich mit seinen Kollegen bemühte, eine Rettungsinsel aus den Halterungen zu lösen.

Nachdem Carita Barasinski das Telefonat mit ihrem Mann Peter beendet hatte, traf sie sich mit einigen anderen Kollegen auf dem Korridor. Carita wohnte, wie viele Besatzungsmitglieder, auf Deck VIII. Angeregte Gespräche mit einigen Kollegen waren noch in vollem Gang, als das Schiff weit überholte. Die Crew, die schlechtes Wetter durchaus gewohnt war, dachte zunächst nur an eine Wetterverschlechterung. Und so unterhielt man sich weiter, da das Schiff sich wieder aufrichtete. An eine ernsthafte Gefahr glaubte hier noch niemand, denn es gab keine warnende oder vorbereitende Durchsage. Feuer- und Katastrophenalarm waren schon einige Male geprobt worden, und so vertraute man auf die vorgeschriebene Notfallprozedur.

Erst als das Schiff wieder überholte, erkannte man auch hier die Ernsthaftigkeit der Situation. Carita holte aus ihrer Kabine noch ihre rote Helly-Hansen-Segeljacke, streifte sie über und rannte dann zusammen mit drei Kollegen, einem Mann und zwei Frauen, ebenfalls in Richtung Deck VII.

Sie kamen zwar gut voran, jedoch waren die Wände der Korridore inzwischen zu Laufflächen geworden und die Querkorridore zu tiefen Schächten, über die man hinüberspringen musste. Eine Kollegin direkt vor Carita schaffte das nicht und fiel in einen dieser tiefen Schächte. Carita bemühte sich sofort um sie. Sie rief nach ihr, aber es kam keine Antwort. Die anderen warteten, doch als jede Antwort ausblieb, spornten sie Carita an, schnell über den Korridorschacht zu springen.

Carita zögerte, wertvolle Sekunden flossen dahin. Als sie schließlich sprang, waren die Kollegen schon bis zum Ende des Korridors weitergelaufen. Carita hatte Mühe, sie einzuholen.

Pierre Thiger und Alti Hakkanpää hatten es inzwischen zum rettenden Außendeck geschafft. Eine ganze Gruppe von Menschen aus der Karaoke-Bar war ihnen gefolgt. Alle hatten Schwimmwesten übergezogen.

Die Steuerbord-Schlagseite nahm jetzt langsam zu. Pierre verlor Hakkanpää aus den Augen, fand sich aber Minuten später dafür mit Isaksson auf der Reling sitzend wieder. Beide waren über die Reling geklettert, die, bedingt durch die starke Steuerbordlage, jetzt fast den höchsten Punkt des Schiffes bildete. Pierre hatte beschlossen, so lange wie möglich auf dem Schiff zu bleiben, weil er sah, dass es einen schrecklichen Kampf um die wenigen Plätze in den Rettungsinseln gab. Er bemerkte in der Ferne die Lichter der anderen Ostseefähren und war sich mit Isaksson einig, dass alles gut enden würde. Sicherlich würde bald Hilfe kommen, und so lange würde man es hier auf der Reling wohl aushalten.

Während er sich eine Schwimmweste holte, stand Per-Erik Ehrnsten mit dem Rücken zur Wand im vorderen Bereich des Schiffes, kurz hinter der Brücke auf der Backbordseite. Auch er sah die zwei anderen Fähren, die SILJA EUROPA und das Viking-Schiff MARIELLA vorbeifahren, und auch er war ganz sicher, dass diese Schiffe schnell zu Hilfe kommen würden.

Die ESTONIA drehte sich weiter auf 45° und dann langsam weiter auf 90°. Per-Erik verlor die Männer der Crew aus den Augen, als diese sich auf einer Rettungsinsel in Sicherheit brachten, und wunderte sich sehr über das rücksichtslose Verhalten dieser Besatzungsmitglieder. Eigentlich, so hatte er immer gedacht, sollte die Crew in einem Notfall den Passagieren helfen. Aber hier schienen diese Regeln nicht zu gelten.

Er kämpfte sich weiter nach vorn, wo er eine aufgeblasene Rettungsinsel sah, die sich auf der Backbordseite des Schiffes befand. Es saßen schon viele Menschen drin. Aber noch bevor er sie erreichte, wurde sie von einer größeren Welle weggetragen. Er versuchte dann zusammen mit einem anderen Passagier ein Rettungsboot loszumachen, was aber keinen Erfolg hatte, da sie beide die Verriegelungen nicht lösen konnten.

Das Schiff drehte sich weiter auf 120° und gab ein Pfeifen und Fauchen von sich, als die restliche Luft entwich. Dann wurde Per-Erik von einer Welle, die über das Deck spülte, zur anderen Seite des Schiffes gestoßen, wo er sich schließlich an eine Rettungsinsel klammern konnte.

Carita lief zu diesem Zeitpunkt noch hinter ihren Kollegen her, die die rettende Tür zu Deck VII schon erreicht hatten. Nur noch wenige Meter trennten sie. Doch unmittelbar vor der Tür, die ins Freie führte, ging plötzlich eine andere Tür auf, die vorher verriegelt gewesen war, und Carita wurde zurück bis an den Fahrstuhl geschleudert. Fünf Meter trennten sie jetzt von der rettenden Öffnung ins Freie. Fünf unüberwindbare Meter, denn die ESTONIA hatte inzwischen rund 45° Schlagseite, und die rettende Tür stand deshalb jetzt fast über Carita.

Die Kollegen riefen Carita noch aufmunternde Worte zu, warfen einen Feuerwehrschlauch zu ihr runter, doch Carita konnte sich nicht mehr daran nach oben ziehen. Die ESTONIA drehte sich auf 90°, und damit spülte jede Menge Wasser in die rettende Türöffnung.

Die beiden Kollegen konnten sich an einer Rettungsinsel festhalten und überlebten. Carita versank mit der ESTONIA.

Pierre Thiger musste seinen Platz auf der Reling aufgeben, als das Schiff sich immer weiter auf die Seite drehte. So kletterte er zuerst ganz auf die Backbordseite des Schiffes, und da das Schiff immer schneller über das Heck zu sinken begann, arbeitete er sich Meter für Meter Richtung Bug vor. Fast ganz vorn angekommen, machte er eine merkwürdige Entdeckung: Er sah ein circa vier bis fünf Meter großes Metallstück am Bug hin und her pendeln. Er hielt es zuerst für eine Stabilisatorenflosse, aber da die Stabilisatoren mittschiffs im Bereich von Deck 0 angebracht waren, ergab das keinen Sinn. Doch er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Das Schiff sackte weiter, und er musste sich entschließen, ins Wasser zu springen. Er schwamm, so schnell er konnte, weg vom Schiff, denn er wollte nicht in den Sog des untergehenden Schiffes gelangen. Nach etwa 50 bis 60 Metern drehte er sich um.

Helles Mondlicht beschien jetzt gespenstisch die Szene. Die ESTONIA trieb fast vollkommen kieloben, und das Heck war bereits gesunken. Der Bugbereich ragte hoch aus dem Wasser, und Pierre konnte klar erkennen, dass das Bugvisier fehlte. Dann sank der Bug des Schiffes ins Wasser und versank in der brodelnden Ostsee.

Peter Barasinski wurde um 02:30 Uhr in Stockholm aus dem Schlaf gerissen. Ein guter Freund von Estline rief ihn aus dem Büro an: »Peter, die ESTONIA ist gesunken, schalte deinen Fernseher ein.«

Peter glaubte, in einem Traum gefangen zu sein, einem Albtraum.

Dann las er im Teletext weiß auf schwarzem Grund: »Die Fähre ESTONIA ist um 01:48 Uhr gesunken.«

Sofort rief er Caritas Eltern und Freunde an. Er sagte mir später: »Tausende von Gedanken schossen mir durch den Kopf, und einer bohrte sich in mein Herz: Carita.« Er rief weitere Freunde an, schaltete das Radio ein, suchte von einem Sender zum anderen. Das Unglück durfte nicht wahr sein.

Carl Övberg hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits geschafft, sich in eine Rettungsinsel zu ziehen. Er wurde von der Rettungsbesatzung eines Helikopters aufgenommen und auf direktem Weg nach Hangö an der finnischen Küste ins Erkenäs Krankenhaus geflogen.

Per-Erik Ehrnsten gelang es ebenfalls, in eine Rettungsinsel zu kommen, und er wurde als einer der Ersten von einem Helikopter aus dem Wasser gezogen. Zusammen mit dem Finnen Jukka Ihalainen wurde er von diesem Helikopter am frühen Morgen ebenfalls nach Hangö geflogen und dort bis zum Abend des 28. September medizinisch betreut.

Per-Erik litt an starker Unterkühlung und hatte sich bei seinen Bemühungen, in der Rettungsinsel einen Plastikbeutel mit Verbandszeug zu öffnen, einen Schneidezahn abgebrochen. Ansonsten war er unverletzt und konnte schon am frühen Abend von seiner Familie abgeholt werden.

Auch Pierre Thiger konnte sich in eine Rettungsinsel ziehen. Von dort wurde er von einem Helikopter auf das Fährschiff SILJA SYMPHONY gebracht. Anschließend transportierte man ihn in ein Krankenhaus in Helsinki, aus dem er, da unverletzt, mit einigen anderen noch am Abend des 28. September in das Hotel Haga in Helsinki umquartiert wurde. Dort wartete er einen ganzen Tag auf die Befragung durch die Polizei, die dann auch erfolgte, aber nach Pierres Ansicht viel zu oberflächlich durchgeführt wurde. Man war an seinen detaillierten und wichtigen Beobachtungen überhaupt nicht interessiert. Als er später dann auf einer Aussage vor der JAIC bestand, wurde dieses Ansinnen zuerst vom schwedischen Leiter der JAIC, Olof Forssberg, abgelehnt. Als sich Pierre Thiger jedoch nicht abwimmeln ließ, nahm Forssberg schließlich die Aussage auf Tonband auf.2

Peter Barasinski kämpft seit dem Tag des Unterganges der ESTONIA um den Leichnam seiner Frau, um ihn auf ihrem Heimatfriedhof in Uppsala zu beerdigen. So hatte er es ihr eines Tages versprochen, als beide kurz nach der Hochzeit zusammen über den verträumten Friedhof von Uppsala geschlendert waren. Dieses Versprechen möchte er halten – noch heute.

Am Morgen des 28. September 1994 ging die Katastrophennachricht an alle Nachrichtenagenturen der Welt. Gegen 8:00 Uhr erfuhr auch ich in Berlin davon. Mein Partner Kaj ist Finne, und er griff sofort zum Telefon, um seinen Vater in Helsinki zu erreichen. Dort hatte man bereits seit dem frühen Morgen mit angehaltenem Atem die Nachrichten verfolgt.

Da wir häufig Reportagen für die Sendung Spiegel TV machten, zögerten wir nicht, gerade in diesem Fall unsere Mitarbeit anzubieten. Die Redaktion in Hamburg hatte bereits ein Team nach Stockholm und eines nach Tallinn geschickt und dabei nicht gewusst, dass die Rettungseinsätze von der finnischen Küstenwache in Turku aus geleitet wurden. Also bekamen wir den Auftrag, die Berichterstattung in Finnland abzudecken.

Sofort setzten wir uns mit einem befreundeten Journalistenpaar in Verbindung. Taina und Harry hatten früher jahrelang als Korrespondenten des finnischen Fernsehens in Deutschland gearbeitet. Harry hatte eine eigene Kameraausrüstung, und das war absolut notwendig, denn sämtliche verfügbare Technik war von den internationalen TV-Sendern bereits angemietet worden.

Wir flogen, so schnell es ging, nach Helsinki und fuhren von dort mit einem Mietauto nach Turku an der finnischen Westküste. Hier waren das finnische Krisenzentrum und die Einsatzzentrale der Küstenwache.

Sofort trafen wir uns mit Taina und Harry, die bereits den ganzen Tag in unserem Auftrag gedreht hatten. Allerdings hatte es noch keine Gelegenheit gegeben, mit Überlebenden zu sprechen. Zu den Krankenhäusern zu fahren war zwecklos, da waren Taina und Harry schon etliche Male vergeblich gewesen. Von der Küstenwache hatten sie jedoch eine vorläufige Liste mit den Namen der Überlebenden erhalten. Darauf fanden wir drei deutsche Namen: Manfred Rothe, Georg Sörnsen und Siegfried Wolff.

Kaj schätzte die Lage so ein, dass die Verletzten vermutlich in verschiedenen Krankenhäusern lagen, aber dass man die Unverletzten und ganz besonders die Ausländer gemeinsam in irgendeinem Hotel untergebracht hatte. Er kannte nur ein Hotel, das für solche Katastrophenzwecke angemietet wurde: das Hotel Haga in Helsinki.

Ich rief dort an und bekam von der Nachtrezeption eine ausweichende Antwort. Das war für uns Hinweis genug, dass sich die unverletzten Überlebenden dort aufhielten und wahrscheinlich auch die drei Deutschen.

Wir gaben an Taina und Harry den Auftrag, selbstständig in Turku am nächsten Tag weiterzufilmen, und fuhren noch in dieser Nacht zurück nach Helsinki. Wir kamen im Morgengrauen dort an und trafen in der Hotelhalle auf eine Psychologin, die mit der Vorbereitung einer Trauerversammlung beschäftigt war. Es waren rund 30 Überlebende in diesem Hotel, und bisher wussten auch sie nicht, wer außer ihnen überlebt hatte.

Als die Psychologin erfuhr, dass Kaj Finnisch und Deutsch spricht, bat sie uns, als Dolmetscher bei der späteren Versammlung dabei zu sein.

Wir sagten zu.

Es war ein erschütterndes Erlebnis, als bekannt gegeben wurde, dass nur rund 145 Menschen den Untergang überlebt hätten. Die drängendste Frage für die Anwesenden war in diesem Moment, ob ihre nächsten Angehörigen oder Freunde unter den Geretteten waren. Doch keiner der Betreuer hatte eine Liste der Überlebenden. So zeigten wir erst den drei Deutschen unsere Liste, und danach wurde das Stück Papier stumm herumgereicht. Einige brachen nach ein paar Sekunden in Tränen aus, anderen fehlte selbst dazu die Kraft, denn keiner fand den Namen eines Angehörigen oder eines Freundes.

Was sagt man einem Menschen, der gerade seinen besten Freund verloren hat? Was kann man tun für einen Mann, der auf einem umgekippten Rettungsboot stundenlang eine schwer verletzte Frau festgehalten hat und sie ganz kurz vor der Rettung aus Erschöpfung nicht mehr halten konnte? Wie tröstet man einen Mann, der seinen frierenden Kollegen bis zum Schluss in Gespräche verwickelt hat, damit dieser Mann in Bewegung bleibt, nicht stirbt, und der dann, als der Rettungshubschrauber ihn bereits an Bord gezogen hat, merkt, dass sein Kollege von den Rettern zurückgelassen wurde, weil kein Platz mehr im Helikopter war?

1Alle Zeitangaben entsprechen, sofern nicht anders angegeben, estnischer Zeit, das war die offizielle Bordzeit der ESTONIA; z. B.: 19:00 Uhr estnischer Zeit entspricht 18:00 Uhr deutscher und schwedischer Zeit.

2Aussage von Pierre Thiger unter Eid vor dem Notar der deutschen Expertengruppe. Seine Aussage bei Forssberg jedoch wurde weder ausgewertet noch beachtet.

DER STOLZ EINER JUNGEN NATION: ESTONIA

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Die ESTONIA im Hafen von Stockholm.

Nachdem sich Estland, wie auch Lettland und Litauen, 1991 von Russland für unabhängig erklärt hatte, gingen alle politischen und wirtschaftlichen Bestrebungen dahin, sich schnellstens an den Westen anzubinden. Dafür brauchte man vor allem eigene Fährverbindungen nach Finnland und Schweden. Deshalb wurde mit Unterstützung des westlichen Nachbarstaates Schweden von der schwedischen Reederei Nordström & Thulin und der estnischen Staatsreederei Estonian Shipping Company, kurz ESCO, ein sogenanntes Joint Venture beschlossen und die Estline Shipping Company Ltd. mit dem Ziel gegründet, mit einer eigenen Fähre einen Dienst zwischen Tallinn und Stockholm aufzunehmen.

Dafür wurde das Fährschiff WASA KING aus Finnland gekauft und in ESTONIA umbenannt. Da aber die Estline Shipping Company Ltd. im Schiffsregister von Zypern eingetragen werden musste, auf Verlangen der Banken, die den Kauf finanziert hatten, hätte die Fähre ESTONIA eigentlich die zypriotische Flagge führen müssen, und der Heimathafen wäre Limassol gewesen. Über einen Trick kam die ESTONIA dann aber trotzdem zur ersehnten estnischen Flagge: Man gründete in Tallinn die Gesellschaft E-LINE.

Mit dem Minimum an Haftungskapital von nur circa 2.500 DM, das wiederum zu gleichen Teilen von N&T und ESCO gehalten wurde, mietete E-LINE dann die Fähre auf Basis einer sogenannten Bareboat Charter Party1. Das hatte den Vorteil, dass die ESTONIA in Tallinn ins Bareboat-Register eingetragen werden konnte und fortan als Heimathafen Tallinn beanspruchen, die estnische Flagge führen und mit estnischer Besatzung fahren durfte.

Da diese neue E-LINE aber nicht in der Lage war, die Pflichten eines Reeders zu erfüllen, also eine qualifizierte Besatzung zu stellen, nautisch/technische Kontrollen und eine professionelle Wartung des Schiffes durchzuführen, alle Risiken ordentlich zu versichern und vieles mehr, wurden alle diese Tätigkeiten wiederum auf Basis eines sogenannten Shipmanagement-Vertrages auf ESCO übertragen. ESCO stellte jedoch nur die Besatzung und leitete alle anderen Aufgaben mittels eines weiteren Untervertrages an den Partner N&T weiter.

Die Gehälter der Besatzung kosteten zu diesem Zeitpunkt in Estland lediglich rund 20 Prozent einer vergleichbaren schwedischen Crew, und für die Besatzung war ausschließlich ESCO zuständig. Nordström & Thulin waren für alles andere, also die Wartung des Schiffes, Reparaturen, Versicherungen, Finanzen etc. verantwortlich, gleichzeitig hatte man ihnen ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Kapitäne und leitenden Offiziere zugestanden.

Für die Vermarktung und für alle kaufmännischen Angelegenheiten der neuen Fährlinie Tallinn–Stockholm gründeten die Partner N&T und ESCO die Estline AB, Stockholm, mit einer Tochtergesellschaft in Tallinn, an der wiederum N&T und ESCO zu gleichen Teilen beteiligt waren.

So hatte man eine geradezu ideale Vertragsstruktur geschaffen: Die billigen Arbeitskräfte kamen aus Estland, und alles andere war unter schwedischer Kontrolle. Und: Man minimierte alle Haftungsrisiken aus dem Betrieb einer großen, technisch verhältnismäßig komplizierten Fähre mit einer jungen und unerfahrenen Crew.

Für die schwedische Reederei Nordström & Thulin, die kaum über Erfahrungen mit großen Fährschiffen verfügte, sondern vorwiegend im Tanker- und Bulkcarrierbereich tätig gewesen war und immer noch ist, war dies ein sehr gutes Geschäft, denn abgesehen von den enormen Kosteneinsparungen bei der Besatzung hatte Hans Laidwa, einer der Verhandlungsführer für Nordström & Thulin und Exileste, auch noch bei der schwedischen Regierung ein 10-Jahres-Monopol herausgeschlagen. Damit brauchte die schwedische Reederei innerhalb der nächsten zehn Jahre keine Konkurrenz auf dieser neu aufblühenden Strecke von und nach Estland zu befürchten. Ein einmaliges Geschenk des schwedischen Staates an N&T, das nicht nur wettbewerbsverzerrend wirkte, sondern auch unter EU-Gleichstellungsbedingungen bis heute nicht überprüft und aufgearbeitet wurde. Einige Leute erwähnen in diesem Zusammenhang immer wieder gern, dass das Vorstandsmitglied von N&T, Sten Christer Forsberg, und der damalige schwedische Premierminister Carl Bildt alte Studienfreunde gewesen seien. Und was für die Schweden ein gutes Geschäft, war für die Esten ein Traum, der in Erfüllung ging: Das Schiff wurde zum Symbol einer jungen Nation in Freiheit.

Anfang 1993 wurde das Schiff von Estline für den Fährdienst zwischen Tallinn und Stockholm übernommen. In einem prächtigen Outfit fuhr die ESTONIA fortan als Stolz dieses Landes über die Ostsee. Die internationalen Medien berichteten von der Indienststellung, Staatsgäste wurden auf der ESTONIA begrüßt und befördert, und einen Job auf diesem Schiff zu ergattern stand für junge estnische Seeleute im gleichen Rang wie in der Nationalmannschaft zu spielen.

In dem gut gemeinten Bemühen, dem jungen Staat schnell den Anschluss an den Westen zu verschaffen, hatte man dabei aber eines nicht genügend beachtet: Die ESTONIA war gar nicht gebaut für die tägliche Fahrt quer über die Ostsee.

Die ESTONIA war 1980 von der deutschen Meyer Werft in Papenburg für die finnische Reederei Sally AB als VIKING SALLY gebaut worden und hatte seitdem im geschützten Gewässer der Schären zwischen Finnland und Schweden als Passagier- und Autofähre ihren Dienst unter wechselnden Besitzern und Namen getan.

Sie war im Einklang mit den internationalen SOLAS2-Regeln mit eingeschränkten Sicherheitsauflagen gebaut worden. Und da ihre vorgesehene Route niemals mehr als 20 Seemeilen von Land entfernt verlaufen sollte, also ausschließlich ein Betrieb in küstennahen Gewässern vorgesehen war, hatte man auf ein Sicherheitskollisionsschott hinter der Autorampe verzichtet. Ein Kollisionsschott ist eine Vorrichtung, die von allen Fähren mit einem Visier, die auf hoher See kreuzen (also deren Route mehr als 20 Seemeilen vom nächsten Land verläuft), verlangt wird.

Dessen ungeachtet stellte die finnische Schiffssicherheitsbehörde, das Finnish Board of Navigation, F.B.N., ab Indienststellung im Jahr 1980 bis einschließlich 1992 Jahr für Jahr das sogenannte Passenger Ship Safety Certificate (PSSC) aus, was nicht korrekt war, aber in den Jahren 1980 bis 1992 durch den Betrieb im küstennahen Bereich keine weiteren Auswirkungen hatte.

Doch nach der Übernahme im Januar 1993 und der Umbenennung in ESTONIA übernahm das Bureau Veritas die Überprüfung der Sicherheitsauflagen und Einrichtungen im Auftrag der estnischen Schiffssicherheitsbehörde Estonian National Maritime Board, E.N.M.B., da diese noch nicht über ausreichend qualifiziertes eigenes Personal verfügte. Und spätestens jetzt hätte Bureau Veritas diesem Passagierschiff das Sicherheitszeugnis nicht mehr ausstellen dürfen, weil die ESTONIA jetzt über die offene See fahren sollte – also mehr als maximal 20 Seemeilen von der Küste entfernt. Selbstverständlich hätte ein Zertifikat erst erteilt werden dürfen, nachdem das vorgeschriebene Kollisionsschott hinter der Autorampe eingebaut worden war.

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Eigentümerstruktur der ESTONIA.

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Dieses Passagierschiffszertifikat beweist, dass die ESTONIA nicht mehr als 20 Seemeilen von der Küste entfernt über die Ostsee hätte fahren dürfen.

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Wechselnde Besitzer der ESTONIA.

Die ESTONIA hätte also ihren Dienst quer über die Ostsee nicht aufnehmen dürfen. Trotzdem fuhr sie aber ab dem 01.02.1993 täglich bei gutem wie schlechtem Wetter und auch im Winter bei dichtem Packeis, was insbesondere dem Bugbereich gar nicht gut bekam.

Sämtliche beteiligten Institutionen und die Schifffahrtsbehörden der nordischen Länder wussten um diese Tatsache, aber alle sahen darüber hinweg. Auch und gerade die Klassifikationsgesellschaft Bureau Veritas, eine Institution, die die Sicherheitsanforderungen bei einem Schiff aufstellt und kontrolliert, vergleichbar dem TÜV bei Autos in Deutschland, sowie das Sjöfartsverket, die oberste staatliche Seefahrtsbehörde in Schweden, das sogar durch einen Vertrag wichtige Überwachungsaufgaben wie die Port State Controls (Überprüfung, ob das Schiff technisch in einem seetüchtigen Zustand ist) übernommen hatte und daher besonders auf die Seetüchtigkeit und den Wartungszustand der ESTONIA hätte achten müssen.3 Und vor allen Dingen die Reederei Nordström & Thulin, die für den technischen Zustand des Schiffes verantwortlich war, hätte für eine besonders sorgfältige Wartung des Schiffes sorgen müssen. Aber alle waren offenbar nur daran interessiert, dass das Schiff fuhr; pünktlich, ohne Verspätung und ohne Unterbrechungen wegen Reparaturen in einer Werft.

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Die ESTONIA fuhr die Strecke Tallinn–Stockholm und zurück.

Es ist internationaler Konsens, dass eine Fähre von ihrer Reederei regelmäßig aus dem Verkehr genommen und in einer Werft überprüft und im Bedarfsfall repariert werden muss. Doch bei der ESTONIA musste alles von der Besatzung an Bord repariert werden, die hoffnungslos überfordert und den Anforderungen moderner Schiffstechnik nicht gewachsen war.

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Ansicht der ESTONIA.

SCHIFFSDATEN:

Baujahr:

1980

Bauwerft:

Meyer Werft/Papenburg/Deutschland

Gebaut für:

Sally AB Mariehamn/Finnland

Erster Name:

VIKING SALLY

Typ:

Auto- u. Passagierfähre(Ro-Ro4-Fähre)

Länge:

155,40 m

Breite:

24,20 m

Tiefgang:

5,60 m

Tragfähigkeit:

3.345 dwt

Gewicht:

9.733 t

Bruttotonnage:

15.566 BRT

Maschinenleistung:

4 x 4.400 kW

Dieselgeneratoren:

4 x 1.104 kW

2 Bugstrahler:

800 + 590 kW

Passagierzahl:

2.000 max.

Geschwindigkeit:

21 kn

Die ESTONIA war ein sogenanntes Ro-Ro-Schiff, das heißt, Fahrzeuge konnten am Bug bei geöffnetem Visier und heruntergelassener Autorampe an Bord fahren und im Zielhafen über die Heckrampe wieder an Land rollen.

Im Betrieb Tallinn–Stockholm wurde also in Tallinn über den Bug beladen und in Stockholm über das Heck ausgeladen. Um die Fahrzeuge über die Autorampe zu laden oder zu entladen, musste erst das Visier geöffnet werden, was durch eine hydraulische Anhebung geschah. Das Visier wurde durch zwei starke Hydraulikzylinder geöffnet und geschlossen und war auf dem Backdeck durch zwei Scharniere mit dem Schiff verbunden.

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Visierkonstruktion der ESTONIA.

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