Kerfala Vidala wurde in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) geboren. Mit neun Jahren floh er nach Deutschland. Nachdem er die Grundschule trotz einiger Schwierigkeiten bewältigte, besuchte er die Theodor-Heuss-Hauptschule in Herten und erwarb erfolgreich seinen Abschluss.
Sein erstes Buch mit dem Titel „Bis die Liebe uns findet“ erschien im September 2016. Der junge Autor finanzierte und verlegte sein Buch aus eigener Kraft, nachdem ihm 36 Verlage eine Absage erteilten. Dennoch wurden seine Bücher so erfolgreich, dass sein Ratgeber „5 Räume“ schließlich Platz 21 der SPIEGEL-Bestsellerliste erreichte. Er beabsichtigt, im Jahr 2020 seine Bücher auch in anderen Sprachen zu veröffentlichen.
Ferner gründete er 2019 seinen eigenen Podcast mit dem Namen „KeffTV“, der im Winter desselben Jahres online gehen wird.
Derzeit arbeitet Herr Vidala als Filialleiter in Mannheim, wo sich auch aktuell sein Wohnsitz befindet.
Weitere Bücher des Autors:
Bis die Liebe uns findet Teil 2 und 3
5 Räume – (Ratgeber gegen Trennungsschmerz und für mehr Selbstliebe.)
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© 2019 Keff Vidala
3. Auflage 2019
Alle Rechte vorbehalten
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
Lektorat/Korrektorat: Schreibservice Thomas – Cindy Thomas,
www. Schreibservice-Thomas.de
Covergestaltung: Wolkenart – Marie-Katharina Wölk,
www.wolkenart.com
Fotos: Shewan Aziz, www.shewanart.de
Buch-Innenlayout: buchseitendesign by ira wundram,
www.buchseiten-design.de
Zierelemente Innenteil: © Ints Vikmanis/Shutterstock.com;
© 4691/Shutterstock.com
ISBN: 978-3-7412-6243-2
Dieses Buch widme ich Aaliyah
und allen Frauen und Männern,
die sich nicht verstanden fühlen.
Nicht jeder der dich kennt
kennt dich
–Keff Vidala
Der größte Fehler, den wir Männer in einer Beziehung machen, ist, dass wir uns nie mit der Frau zufriedengeben, die wir erobert haben. Du hast die eine Frau, die dich so liebt, wie du bist. Sie ist für dich da, ob in guten oder in schlechten Zeiten. Sie weint vor dem Schlafengehen, wenn ihr euch gestritten habt. Egal, wie wenig Geld sie hat, an Geburtstagen versucht sie dir den schönsten Tag zu machen. Du spürst, wie sehr sie dich liebt.
Und obwohl du scheinbar alles hast, lässt du dich verführen. Da flüstert plötzlich eine Stimme in deinem Kopf, dass du ruhig Blödsinn machen kannst, selbst wenn du sie dabei verletzt. Verzeihen wird sie dir doch sowieso, eben, weil sie dich so sehr liebt. Wir gehen in Clubs und schauen anderen Girls hinterher, die vielleicht einen besseren Body haben, die vielleicht hübscher sind. Und dann kommen wir ins Zweifeln. Wir vergleichen unsere Partnerin mit den Partnerinnen unserer Kollegen, finden diese hübscher und attraktiver und wünschen uns, unsere Frau würde auch so aussehen. Wir lassen uns manipulieren, gehen auf Partys, betrinken uns und flirten. Wir lassen uns von Frauen in sozialen Netzwerken verführen und um den Finger wickeln, wenn wir mit ihnen chatten. Deine Freundin findet es heraus. Sie schreit dich an, verflucht dich, aber anstatt Einsicht zu zeigen, hältst du dich für den King. Du verlässt sie, weil du dir denkst: Ich habe so viele Nummern von Bitches und Hoes, ich scheiße auf sie.
Du hast mehrere Monate deinen Spaß, vielleicht Jahre, doch spätestens an deinem Geburtstag merkst du, wer an dich denkt und wer dich nur für seinen Eigennutzen gebraucht hat. Wo ist der Ich-liebe-dich-habe-einen-schönen-Tag-Anruf? Du warst im Krankenhaus. Wo ist der Anruf mit der weinerlichen und besorgten Stimme, die nach deinem Wohlergehen fragt? Du hast Probleme. Mit wem willst du darüber reden?
DER TEUFEL IST NICHT DEIN FREUND. Lass dich nicht von Schlampen verführen oder von „Freunden“ zu schlechten Dingen verleiten. Den Diamanten, den du gefunden hast? Der könnte der letzte gewesen sein.
Alles fing mit diesem Text an, der von vielen prominenten Internetpoeten, Dichtern und Textern auf Facebook kopiert und verbreitet wurde. All diese Poeten hatten unter meinen Text ihren Namen gesetzt und taten so, als hätten sie ihn geschrieben. Ich war tagelang wütend und versuchte diese Insta- und Facebook-Dichter zu kontaktieren. Sie sollten gefälligst darunterschreiben, dass der Text von mir stammt. Doch keiner von ihnen antwortete – noch schlimmer: viele blockten mich sogar.
Nach einigen Tagen legte sich meine Wut und ich erkannte langsam, dass ich durch meine Lyrics sehr starke Emotionen bei anderen Menschen auslösen konnte. Nach kurzer Überlegung fing ich an, selbst Texte, Zitate und Gedichte über Liebe, Trennungsverlust, Liebeskummer und Herzschmerz auf Instagram zu posten.
Plötzlich baten mich etliche Menschen um Rat – frisch Getrennte, frisch Verliebte, hoffnungslos Verliebte, Verletzte und Betrogene. Ich war überrascht, dass es so viele unglückliche Menschen in jeder Altersklasse gab. Am meisten berührte mich aber die Tatsache, dass mir viele Frauen schrieben, sie wünschten sich so einen Mann wie mich und könnten nicht verstehen, wie ich Single sein konnte.
Trotz all dieser wunderschönen Gedichte, die ich verfasst und veröffentlicht habe, behielt ich mein dunkles Geheimnis für mich. Das Verlangen, ein Buch über mein mysteriöses Leben zu schreiben, wurde größer. Die Idee ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich dachte mir aber, wenn ich ein Buch verfasse, dann nicht so einen typischen Du-wirst-irgendwann-die-Liebe-deines-Lebens-finden-und-ich-sage-dir-wie-Ratgeber und auch nicht so einen klischeehaften, schmalzigen Liebesroman, wie es sie schon zur Genüge gibt. Nein, ich wollte ein Buch schreiben, das die Wahrheit erzählt und die Augen öffnet, eins, das dich zum Nachdenken bringt, ein Buch, das dich tagelang nicht schlafen lässt. Und was wäre ein besseres Beispiel als mein eigenes, nein, unser Leben – das von Aaliyah und mir.
Ich hatte wirklich Schiss, diese Geschichte zu schreiben. Nicht, weil ich befürchtet habe, die Menschen würden danach negativ über mich denken.
Ich hatte vielmehr Angst, dass ich es emotional nicht schaffen würde, dass ich an dem Schmerz sterben könnte, über Aaliyah zu reden, und daran zerbrechen würde zu erzählen, wie viele Seelen ich gebrochen habe. Doch ich habe es durchgezogen, weil ich es ihr schuldig bin, weil ich allen guten Frauen und Männern verpflichtet bin, die standhaft und ehrlich in einer Beziehung sind und waren, die nichts wollen als einfach geliebt zu werden und deren Herzen bitterlich gebrochen wurden. Ich dachte wie jeder von euch, dass die Liebe das Schönste ist, was uns passieren kann, und dass sie ewiges Glück bedeutet. Ich war der festen Überzeugung, nur einmal wirklich lieben zu können und das für immer.
Damals gab ich meine Wohnung auf und verkaufte oder verschenkte die gesamte Einrichtung, um dem Ruhrpott schließlich den Rücken zu kehren, weil diese Stadt mich leider zu oft an traurige Momente erinnerte. Ich machte mich also auf den Weg nach Stuttgart mit dem Traum, ein eigenes Buch zu veröffentlichen. Dieses Geheimnis behielt ich erst mal für mich, denn ich wusste, sollte ich es jemandem erzählen, würden die Menschen über mich lachen, mich für verrückt halten. Also schwieg ich…
…bis jetzt.
Worin du gerade vertieft bist, ist etwas Besonderes, woran ich auf meinem iPhone 5s ein Jahr lang geschrieben habe, weil ich mir nicht mal einen Laptop leisten konnte. Und heute hältst du all meine Träume, meinen Schmerz und mein Leid in der Hand.
Die Liebe hat mich verraten. Ich musste erfahren, dass Hass, Verzweiflung, Trauer, Herzschmerz und sogar Selbstmordgedanken nun mal zur Liebe dazugehören. Partynächte, Alkohol und Frauen bestimmten mein Leben. Ich brach unzählige Herzen.
In meiner dunkelsten Stunde, ohne jeglichen Glauben und voller Depressionen, traf ich sie: Aaliyah, eine kopftuchtragende Muslimin. Getrieben von meinem Hass auf Frauen sollte sie mein größtes Opfer, mein größter Triumph werden. Doch anders, als ich dachte, sollte der Kontakt zu ihr mehr als nur eine Kommunikation bleiben. Er sollte meine Rettung sein. Aaliyah trug ein schreckliches Geheimnis mit sich, das mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin.
Meine Story ist zu hundert Prozent echt. Keine Lügen, keine erfundenen Storys. Diese Geschichte ist keine typische Liebesgeschichte mit einem Happy End. Es ist kein Bollywood oder pure Romantik. Mein Roman erzählt dir die nackte Wahrheit, meine Erkenntnis. Sie zeigt dir, welche Tricks ich benutzte, um Frauen zu verarschen, was Liebe wirklich ist und vor allem, was sie bedeutet.
Wenn du bereit bist, dich von deiner Fantasiewelt zu befreien, dich von den Manipulationen der Medien und der Gesellschaft, die uns sagen wollen, was Liebe ist, zu entziehen, dann bist du bereit, dieses Buch zu lesen.
Das Blut floss an meinem Arm entlang und tropfte
auf den kalten Küchenboden.
Ich habe etwas Furchtbares getan, Aaliyah …
Ich stand endlich vor der Klasse. Alle Blicke waren auf mich gerichtet.
Ich hatte vor Nervosität ganz feuchte Hände bekommen und versuchte das Ganze, indem ich die Handflächen an meiner Jeans rieb, in den Griff zu bekommen.
Die Jungs schauten mich mit breitem Grinsen an. Sie warteten wie immer auf einen Witz von mir oder irgendeine lustige Aktion. Sie waren alle gespannt, was ich jetzt wieder auspacken würde. Immerhin war ich der Klassenclown; da konnte man ja nur Blödsinn erwarten. Die Mädels interessierte es wenig, dass ich da vorne stand. Sie unterhielten sich lieber über den neuesten Klatsch und Tratsch; die Musikgruppen Bro’Sis und No Angels waren damals das Gesprächsthema Nummer eins. Es war ein Hin-und-her-Gerede. Ich glaube, sie nahmen nicht einmal wahr, dass ich da vorne stand. Sie interessierte es allgemein recht wenig, wer ich war und was ich so in meinem Leben machte. Viele wussten nicht mal, wie ich richtig hieß. „Ke rula? Kefa?“ – „Einfach nur Keff“, sagte ich jedes Mal genervt. Ich hieß eigentlich Kerfala Vidala. „Keff“ führte ich ein, um zu verhindern, dass man meinen richtigen Namen vergewaltigte.
Na ja, ich persönlich schätzte mich, um ehrlich zu sein, nicht zu den hübschesten Kandidaten, in die sich ein Mädchen verlieben konnte. Ich hatte wie jeder Teenager damals mit Hautunreinheiten zu kämpfen. Es gab zu der Zeit noch keine YouTuber, die uns Jugendlichen Tipps und Tricks gaben, wie man ein schönes, strahlendes Hautbild bekommt, wie ihr das jetzt alle habt. Damals mussten wir selbst unzählige Beautyartikel testen oder uns auf die Erfahrungsberichte unserer Mütter verlassen, die bei mir allerdings oft schiefgegangen sind. Ich weiß noch, dass meine Mutter mir afrikanische Öle empfahl, die die Pickel angeblich innerhalb eines Tages auf wundersame Weise verschwinden lassen sollten. Einmal habe ich eines dieser Öle benutzt und meine Haut glänzte so sehr, dass ich sogar meine Freunde damit geblendet habe. Ich fühlte mich damals sehr unwohl in meiner Haut, fast schon hässlich. Ich verglich mich immer mit den ganzen Teenager-Stars, die alle so perfekt aussahen, und das deprimierte mich noch mehr. Und so waren alle Mädels mit anderen Dingen als mit mir beschäftigt.
„Hallo, etwas Respekt, bitte! Keff steht da vorne!“, brüllte der Lehrer in die Klasse.
Die Mädels drehten genervt die Köpfe nach vorne.
„So, Keff, du kannst anfangen.“ Der Lehrer, ein schlanker Mann mit grauen Haaren und Schnurrbart, der mich immer wieder stark an Albert Einstein erinnerte, nur etwas moderner gekleidet, setzte seine eckige Brille auf die Nasenspitze und durchbohrte mich förmlich mit seinem Blick, als ob er mir sagen wollte: Mach bloß keinen Unsinn, junger Mann.
Alle möglichen Gedanken schossen mir durch den Kopf. Was ist, wenn sie mich danach für schwul halten? Was ist, wenn sie mich alle auslachen? Ein Junge, der solche Texte schreibt, der konnte doch nur schwul sein. Ich schaute in die Runde. Ein Mädchen in der hinteren Reihe lächelte mich an und nickte. Das war das Zeichen, jetzt mutig zu sein. Ich öffnete langsam mein zusammengefaltetes Blatt mit leicht zittrigen Händen. Mit nervöser Stimme fing ich an zu lesen: „Was ist für mich Liebe? Liebe ist …“
Alle brachen in Gelächter aus.
„Leute! Wer von euch nicht nachsitzen möchte, hört sofort auf zu lachen!“, schrie der Lehrer dazwischen.
Wieder Stille im Raum. Ich atmete tief ein und begann nochmal von vorne.
Erneut schaute ich in die Klasse und sah, wie alle gespannt darauf warteten, wieder lachen zu können. In mir fing es plötzlich an zu kochen und es entwickelte sich eine Wut. Was denken sie bloß, wer sie sind, dachte ich mir nur. Ich muss mutig sein. Ich schaute wieder zu dem Mädchen, das mich anlächelte. Sie formte ihre Hände zu einer Ichdrücke-dir-die-Daumen-Geste und ihre Augen waren scharf auf mich gerichtet. Ich durfte sie jetzt nicht enttäuschen.
Ich warf das Blatt auf den Boden, blickte nach vorn und fing an zu erzählen. Dabei schaute ich jeden Einzelnen an. „Wer von euch kann mir sagen, was Liebe ist? Wer? Du? Oder du? Liebe ist, wenn du eine Frau mit dem Herzen siehst. Das Gefühl zu einer Frau ist viel mehr als das Aussehen. Wir machen uns alle Sorgen, nicht hübsch genug zu sein, weil wir in einer Gesellschaft leben, die einem die Ideale einer Frau in unrealistischster Art und Weise in Zeitschriften und Co. präsentiert. Wir unterstützen es und eifern diesen Vorstellungen nach und bekommen letztendlich Aufmerksamkeit, wenn wir uns besonders hübsch zur Schau stellen. Bedeutet Glück im Leben Schönheit? Nein! Glück im Leben bedeutet, das zu besitzen und zu bekommen, was man nicht mit Geld erkaufen kann: LIEBE! Wir haben verlernt, mit dem Herzen zu lieben. Wir lieben nur noch mit den Augen. Natürlich ist Schönheit wichtig im Leben. Es ist für uns alle sehr wichtig, von jemandem als schön bezeichnet zu werden. Deshalb werden aber zu oft Herzen gebrochen. Denn der eine liebt dein Aussehen und der andere deinen Charakter. Wir tauschen Personen einfach aus, weil wir nicht mehr kämpfen wollen. Wir tauschen Personen aus, weil wir jemand Jüngeres wollen. Wir tauschen Personen aus, weil wir lieber eine blonde oder eine brünette Freundin hätten. Ich will nicht zu euch gehören; ich will nicht in einer oberflächlichen Welt aufwachsen, in der nur noch das Aussehen zählt. Ich fürchte mich vor dieser Welt. Das Äußere kann man immer toppen, keine Frage, aber eine gute Frau nur sehr selten. Denkt darüber nach.“
Stille im Raum. Es war so lautlos, dass man die Menschen draußen hören konnte.
„Das ist nicht von dir“, rief Frederike, die Samir immer als fette Sau bezeichnete.
Ich habe sie damals richtig gehasst. Eigentlich empfand ich keinen Hass für Menschen, die etwas kräftiger sind, im Gegenteil, und ich hatte sie auch nicht mobben wollen.Aber Frederike lieferte mir jeden Tag unzählige Gründe, um sie nicht zu verteidigen. Sie war eine dieser Einser-Kandidatinnen, die versuchte, jegliche Konkurrenz auszuschalten. Ich glaube, sie erkannte damals in mir eine potenzielle Gefahr.
„Natürlich!“, schrie ich bissig zurück.
Der Lehrer blickte mich fassungslos an: „Danke, Keff, du kannst dich setzen.“
Ich ging wieder auf meinen Platz. Beim Gehen waren alle Augen, besonders die der Frauen, auf mich gerichtet. Ich hörte, wie manche der Mädchen tuschelten.
„Sarah, das war so schön! Ich wusste gar nicht, dass er sowas schreiben kann!“
Ein anderes Mädchen: „Dass überhaupt ein Junge sowas schreiben kann, hätte ich nicht gedacht.“
„Super Text!“, hörte ich von den meisten. Sogar die Jungs waren überrascht.
„Keff, bleib bitte noch für fünf Minuten.“
Das Nach-dem-Klingeln-schnell-nach-Hause-Gehen konnte ich mir jetzt wohl abschminken. Die ganzen Mädels lächelten mich beim Verlassen der Klasse an. Plötzlich kam mir das Mädchen entgegen, das mich aus der hinteren Reihe angelächelt hatte. Sie hatte schöne hellbraune Augen und trug ein langes Kleid mit Blumenmustern, die Haare zu einem Zopf gebunden. Sie war das schönste Mädchen der Klasse und mit einem Lächeln, das tief bis in die Seele ging, schaute sie mich an.
„Hast du noch mehr Texte?“, erkundigte sie sich mit ruhiger Stimme.
Ich wurde plötzlich sehr nervös. Ich hatte das Gefühl, ihre Augen würden mir den Atem und gleichzeitig meine Gedanken rauben. Ich räusperte mich und versuchte meine Stimme in den Griff zu bekommen. „Ja, ja, jede Menge. Ein ganzes Buch! Also, genau genommen 30 Seiten.“
„Kannst du sie mir geben? Ich würde sie gerne lesen“, fragte sie lächelnd.
„Das sind aber ganze 30 Seiten!“
Sie lächelte wieder: „Das ist mir egal, ich mag deine Worte.“
Ich gab ihr am folgenden Tag all meine Texte. Ein halbes Jahr später ist sie plötzlich weggezogen und all meine Notizen und Gedanken gingen mit ihr.
„Herr Vidala, Sie haben wirklich ein Talent.“
Ich und Talent? Ich war ziemlich talentlos, denn ich konnte nicht mal die Klischees der Schwarzen erfüllen. Ich konnte nicht tanzen, konnte nicht singen, konnte keine einzige Sportart einigermaßen gut – außer Basketball. Aber das lag auch nur daran, dass ich spät eingeschult wurde und deshalb zehn Zentimeter größer als die anderen war. Es war mehr ein Vorteil als ein Talent.
„Herr Vidala, Ihr Text hat sogar mich berührt und zum Nachdenken gebracht. Wenn Sie an Ihrer Grammatik und Rechtschreibung arbeiten, haben Sie wirklich die Chance, ein guter Schreiber zu werden. Wissen Sie, ich spüre da etwas schlummern und das muss aufgeweckt werden. Wenn Sie möchten, kann ich Sie gerne für die Literaturstunde anmelden.“
Ich und Literatur? Das war wohl ein Witz. Ich neben den ganzen Tims, Tobiasen und Melanies, die aussahen wie die Cousins und Cousinen von Harry Potter und die alle aus diesen Schickimicki-Familien kamen? Meine Jungs würden mich sofort auslachen und die bisschen Coolness, die ich noch hatte, zunichtemachen. „Nein, Herr Röhl, ich danke Ihnen für das Angebot, aber Literatur und so ist nicht mein Ding. Und ich muss jetzt auch langsam los, mein Bus kommt in sechs Minuten.“
„Na gut, finde ich aber schade! Sie haben wirklich das Talent, Menschen mit Ihren Worten zu berühren.“
Ich verschwand so schnell ich konnte in Richtung meiner Bushaltestelle Herten-Mitte. Auf dem Weg dahin erwischte ich mich aber bei dem Gedanken, was passiert wäre, wenn ich das Angebot angenommen hätte. Vielleicht wäre ich ein großer Schriftsteller geworden und meine Bücher würden in den Regalen bekannter Buchläden stehen. Vielleicht wären sie ins Englische übersetzt worden, sodass die ganze Welt sie lesen konnte. Ja, ein berühmter Schriftsteller, der seine eigenen Bücher verfassen würde, so wie diese Frau, die „Harry Potter“ geschrieben hat. Alle würden meine Bücher kaufen, darüber reden, sie würden weinen, lachen und tagelang darüber nachdenken. Ich wäre ein gefeierter Star in der Literaturszene, wäre überall Bestseller und dann, ein paar Jahre später, würden meine Bücher verfilmt. Ich wusste auch schon genau, was ich anziehe würde: einen schönen Smoking, der mich sehr elegant und charmant aussehen ließe, und eine riesige Halskette wie die vom Rapper 50 Cent, natürlich mit Diamanten übersät. Ich würde wie ein Gangster mit einem goldenen Stock über den roten Teppich laufen. Die Mädels würden mich alle heiraten wollen.
Ich musste bei dem Gedanken selbst anfangen zu lachen. Was für eine dumme Vorstellung. Ich würde weder ein Buch veröffentlichen, noch würde jemals ein Mensch mich kennen oder mein Buch kaufen wollen.
Worüber sollte ich denn überhaupt schreiben?
Oh Aaliyah, ich wäre gesprungen, wärst du nicht
da gewesen. Hättest du mir deine Hand nicht
gereicht und mich fest umarmt, wäre ich
gesprungen. Du hast mich vor dem Tod gerettet.
Ich liebe dich so sehr, Aaliyah. Jeder Tag ohne dich
versetzt mir einen weiteren Stich in meinem
Herzen – wenn ich aufwache ein Stich,
wenn ich schlafen gehe ein Stich.
Mein Versprechen zu halten, fällt mir so schwer,
Aaliyah. Das Leben ist nicht fair, das Leben ist
einfach nicht fair. Du hast hier ein gebrochenes
Herz hinterlassen…
Die ersten Erfahrungen mit Frauen habe ich erst sehr spät gesammelt. Ich glaube, den ersten richtigen Kuss hatte ich mit 16 Jahren, was ich heute aber nicht als peinlich oder schlimm empfinde. Aber damals war es schon peinlich, so zu tun als hätte man hundert Frauen flachgelegt, ohne den ersten Kuss erlebt zu haben. Zu der Zeit gab ich vor, etwas mit Brasilianerinnen, Italienerinnen, Japanerinnen und selbst einer Indianerin gehabt zu haben.
Die passenden Erklärungen, wie ich die Mädels erobert hatte, hatte ich mir im Voraus natürlich gut überlegt und die Antworten immer parat. Beispielsweise behauptete ich, die Indianerin auf einer Amerika-Reise kennengelernt zu haben. Ich erzählte, ich hätte sie an einer Tankstelle angesprochen, als sie ein Lagerfeuer anzünden wollte, um ihre Familie herbeizurufen, wie es typisch für Indianer ist. Mein Vater wäre aus dem Auto ausgestiegen, um ein paar Getränke zu besorgen, denn es wäre ein heißer Sommertag in Texas gewesen. Der Platz, an dem wir anhielten, hätte so ausgesehen, als sei er aus einem Cowboyfilm entsprungen. Die Indianerin hätte mich so attraktiv gefunden, dass sie ihre Blicke nicht mehr verstecken konnte. Mit einer Zigarette zwischen den Lippen, roten Stiefeln und einem lockeren Spruch à la „Na, Pocahontas?“ hätte ich sie direkt klargemacht.
Bei der Japanerin hatte ich mir auch eine gute Story zurechtgelegt. Ich behauptete, sie auf einer Tokio-Reise getroffen zu haben. Ich erzählte meinen Freunden, dass mein Vater ein „Geschäftsmann“ sei und wir deshalb oft im Ausland unterwegs gewesen wären. So kam es, dass ich sie in einem Sushi-Restaurant getroffen hätte. In meiner Phantasie saß sie da mit ihren kichernden Freundinnen, cosplaymäßig als eine Manga-Figur verkleidet: blau gefärbte Haare, großgeschminkte Augen und eine weiße, mit Streifen verzierte Schulmädchen-Uniform, die ihre perfekte Figur betonte. Selbstbewusst, wie ich mich vorgab zu sein, wäre ich dann langsam zu den Mädels rübergegangen, hätte meine Ray-Ban-Sonnenbrille aufgesetzt und mit einer Gelassenheit, die nicht zu toppen gewesen wäre, „N biăo zi“ zu ihnen gesagt, was leider Chinesisch war und übersetzt „Du Schlampe“ bedeutet. Die Mädels hätten mich daraufhin geschockt angeschaut, aber diese Japanerin hätte mich so unfassbar cool und vor allem so sexy gefunden, dass sie direkt zu mir gerannt gekommen wäre und lüstern gesagt hätte: „Nimm mich, Keff, hier und jetzt!“, woraufhin ich nur gelangweilt geantwortet hätte: „Wenn es sein muss.“
„Und das sollen wir dir glauben?“, fragte mich Samir unglaubwürdig.
„Ich schwöre auf meine Mutter“, sagte ich und schlug mir dabei auf die Brust, um die Ernsthaftigkeit zu verstärken. Na ja, meine Mama musste öfter dran glauben. Nach der Geschichte wussten alle, dass ich ein Schwätzer war.
Nachdem jeder Junge in der Klasse die Pubertät erreicht hatte, ging es nur noch darum, wer mit wem zusammen war und wer angeblich mit wem etwas hatte. Frauen entdeckten plötzlich das Schminken für sich, wobei ich mir bei manchen wünschte, sie hätten es nie ausprobiert.