Die wöchentlichen Kolumnen von Peter Hahne sind eine Institution. Der bekannte Publizist nimmt kein Blatt vor den Mund. Starke Texte gegen die täglichen Zumutungen und die dreisten Lügen mit denen wir allzu oft von Wirtschaft und Politik für dumm verkauft werden sollen. Ein Plädoyer für ethisch-verantwortliches Handeln und gegen populistische Bauernfängerei fragwürdiger Parteien. Mehr Fairness und mehr Ehrlichkeit - das haben wir alle verdient!
Peter Hahne, Jahrgang 1952, studierte evangelische Theologie, Philosophie und Germanistik. Stationen: Chefredaktion Politik des Saarländischen Rundfunks, seit 1985 beim ZDF als Moderator und Redakteur der Nachrichtensendungen heute und heute-journal. Von 1999 bis 2010 stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, anschließend erhielt Peter Hahne eine nach ihm benannte sonntägliche Talkshow. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, darunter der Bestseller Schluss mit lustig! Das Ende der Spassgesellschaft (2004).
Raue Sitten,
freche Lügen
Womit haben wir das verdient!
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Umschlagmotiv: Olivier Favre
Umschlaggestaltung: fuxbux, Berlin
eBook-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
ISBN 978-3-7325-4970-2
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Der Dichter Jean Paul schrieb einst treffend: »Bücher sind dicke Briefe an Freunde.« Jetzt haben Sie gleich zwei Titel in einem »Freundschaftsband«. Ich danke dem Lübbe Verlag, beide Bestseller noch einmal als Taschenbuch herauszugeben. Wie weit sie bereits verbreitet sind, zeigen mir überraschende Reaktionen.
Ein Kellner deutete auf die Speisekarte und meinte: »Wir haben es wieder!« Aus dem politisch korrekten Paprikasteak war wieder das gute alte Zigeunerschnitzel geworden. Unverkrampft nennt ein schwarzer Kieler Koch, aus Nigeria stammend, sein Lokal »Zum Mohrenkopf«. Locker bleiben, sein Motto. Beim Kassieren ersparen sich wildfremde Menschen die übliche Frage »Bar oder mit Karte?« und meinen vielsagend: »Na, bei Ihnen weiß man ja Bescheid.« Untrügliche Zeichen, dass die Bücher nicht im Regal verstauben.
Viele der folgenden Texte lesen sich, als wären sie gerade erst geschrieben. Es hat sich nichts geändert, manche erscheinen tagesaktuell. Wenn man die unendliche Pleite-Geschichte des Berliner Skandal-Flughafens verfolgt, muss man nur Namen austauschen. Seit Juni 2012 soll er in regelmäßigen Abständen eröffnet werden, Manager haben gewechselt, Aufsichtsräte blieben auf ihrem politischen Posten kleben. Jeden Tag rund 1,3 Millionen kostbare Steuer-Euros in den märkischen Sand gesetzt! Verantwortlich will niemand sein.
Aber auch andere Kolumnen lesen sich heute, als wären sie erst gestern geschrieben. VW ist ein Paradebeispiel.
Die Polizei wird außerhalb politischer Sonntagsreden immer stärker zum Hassobjekt von Gewalttätern statt Freund und Helfer. Da bringt ein Drogensüchtiger erst seine Oma um und fährt noch am selben Tag zwei Polizisten tot.
Selbst die Kölner Silvesternacht von 2015 ist noch nicht aufgeklärt, außer dem »Bauernopfer« Polizeipräsident ist noch niemand zurückgetreten. Doch inzwischen hat der Wähler das entscheidende Wort gesprochen, der mündige Bürger.
Und zu meinem Bedauern werden angeprangerte Un-Wörter wie »vorprogrammiert« oder »ich entschuldige mich« nach wie vor von selbst ernannten Qualitätsmedien fröhlich falsch gebraucht. Ganz zu schweigen von manch anderem Grammatik-Murks im Gender-Wahn, alles topaktuell! Das gilt auch für meinen offenen Brief an den türkischen Präsidenten Erdogan.
Kurze Kolumnen zwingen den Autor zu Klartext – ohne weitschweifende Wortgirlanden und lyrisches Geklingel. Probleme auf den Punkt bringen, raue Sitten und freche Lügen entlarven, ohne das Positive zu vernachlässigen: Dazu will dieses Buch provozieren, wobei ich Überspitzungen bewusst einkalkuliert habe. Demokratie lebt von Bürgern, die ihren Mund aufmachen und sich nicht entmündigen lassen. Das gilt auch für den Dauerbrenner »Abschaffung des Bargeldes«. Die Politik ist da inzwischen viel vorsichtiger geworden, denn bei Wahlen können aus Stimmungen schnell (fehlende) Stimmen werden. Das Bekenntnis zum Bargeld steht inzwischen, obwohl es ganz anders geplant war, im Wahlprogramm der CDU. Dostojewskis Zitat bleibt aktuell in einer Zeit, in der Meinungsfreiheit ein bedrohtes Gut und Sicherheit gefährdet ist: »Bargeld ist geprägte Freiheit.«
Peter Hahne (Berlin),
im Frühjahr 2017
Am meisten gelogen wird vor einer Wahl, während eines Krieges und nach einer Jagd, meinte der »Eiserne Kanzler« Otto von Bismarck.
Ich dürfte hier gar nicht mitreden, hält sich doch so hartnäckig wie die Regenfront das Vorurteil: »Lügen wie gedruckt«; oder dass man in der Politik sein Gewissen an der Garderobe abgeben muss. Doch neueste Studien entlarven unsere ganze Gesellschaft als einziges Lügenkomplott: Alle zehn Minuten lügt der Mensch. Am meisten in der Jugend und gegenüber den Eltern.
Ist Lüge immer gleich Lüge? Klar, noch nie wurde einem das Lügen so leicht gemacht. Merkte man früher allenfalls durch Augenkontakt oder an der Stimme des anderen am Telefon, ob jemand nicht die Wahrheit sprach, wird in den Internetforen unbemerkt und hemmungslos gelogen, dass die Monitore flimmern. Oder glauben Sie den Alters-, Vermögens- und Charakterbeschreibungen der anonymen Chatter?
Wer Finanzamt, Versicherung oder Partner betrügt, ist ein Lügner. Doch soll ich meinem Nachbarskind, das mir eine bunte Kritzelei unter die Nase hält und steif und fest behauptet, es handele sich dabei um mich am Strand, die Wahrheit über sein Kunstwerk sagen? Auch bei Kranken wird es schwer. Wer die Wahrheit hören will, den sollte man vorher fragen, ob er sie auch erträgt. Wahrheit kann manchmal unbarmherziger sein als (Not-)Lüge.
Alles, was wir sagen, sollte wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, muss man auch sagen. Dazu kann man Kinder erziehen, ohne sie zum Lügen zu verführen.
Lügen heißt: zum eigenen Vorteil oder aus Angst vor Nachteilen die Wahrheit verschweigen. Man sollte das nicht als Schummeln und Mogeln, als Ausflüchte und Ausreden verharmlosen. Wer notorisch lügt, zerstört seine Persönlichkeit: »Die Lüge ist wie ein Schneeball. Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er.« (Martin Luther, immerhin schon vor 500 Jahren.)
Lüge erstickt, Wahrheit befreit. Und durch Lügen sagt ein Mensch letztlich die Wahrheit über sich selbst.
Zur Jahresbilanz gehört auch immer die Kriminalstatistik. Was 2015 geboten wurde, ist erschreckend: Immer mehr Einbrüche! Alle vier Minuten ein »Bruch« in Deutschland, oft am helllichten Tage und in Anwesenheit der Bewohner. Eine Kollegin erlebte es, dass in ihrer Straße gleich drei Raubzüge in einem Monat stattfanden, weil sich die Banden ja nicht absprechen. Der klassische »Ede« machte noch einen Zinken, ein Geheimzeichen ans Haus. Heute kommen diverse fremde Banditen mit einem Transporter vorgefahren, sodass es Häuser mehrfach treffen kann. Das Schlimmste ist jedoch das Ergebnis einer Umfrage, nach der mehr als die Hälfte der Bundesbürger kein Vertrauen mehr in die Sicherheit hat und sich mehr vor dem Generalangriff auf ihr Allerprivatestes fürchtet als vor Terror. Dem Staat trauen die wenigsten. Ein Alarmzeichen! Der weiß nichts Besseres, als zu verkünden: Dann muss die Polizei mehr patrouillieren. Ja, was sollen die Beamten denn noch alles machen?! Das Beste wäre, endlich diesen Unsinn mit offenen Grenzen und der Political Correctness bei den Täterbeschreibungen aufzugeben.
Fragt man auf einer Pressekonferenz nach den Tätern, beginnt ein elender Eiertanz, es wird herumgeredet und an der Sache, und damit einem möglichen Fahndungserfolg, vorbei. Dasselbe war bis an die Grenze des Peinlichen zu beobachten, als der Kölner Polizeipräsident den arabischen Mob beschreiben sollte, der in der Silvesternacht 2015/16 direkt am Dom über mehr als 1000 Frauen hergefallen ist. Die Zahl der Anzeigen lag bei über 800, doch manche Frauen trauen sich nicht an die Öffentlichkeit. – Der Polizeichef wand sich hin und her, vermutlich seine rot-grüne Aufsichts-Regierung drohend im Nacken, bis ihm ein »dem Aussehen nach wahrscheinlich aus dem nordafrikanischen Raum« entfuhr. Während der Bundesjustizminister (noch peinlicher) von »organisierter Kriminalität« sprach. Das ist reif für Diplome in Sprachkosmetik. Keine Rede vom Frauenbild junger arabischer Einwanderer! Die hessische Polizei musste sogar zugeben, sie habe Anweisung »von oben« (Innenminister), Kriminalität von Asylbewerbern zu verschweigen, bestenfalls zu beschönigen und Informationen nur auf ausdrückliche Nachfrage der Presse rauszugeben. In der Bild am Sonntag (10. 1. 2016) kommentierte ich unter großer Zustimmung des Leserechos: »Wahrheit ist immer noch die beste Waffe gegen Verschwörungstheorien. Die Vertuscher haben sich und den Opfern einen Bärendienst erwiesen und den falschen Leuten in die Hände gespielt.«
Nur unter vier Augen gibt’s meist Klartext, weil der Schutz(!)polizei durch die politische Sprachpolizei Fesseln angelegt werden. Warum darf man denn nicht klar sagen, wenn’s doch der Fahndung und damit der Sicherheit hilft, dass es sich um einen dunkelhäutigen Mann oder eine auffallend blonde Frau gehandelt hat, dass der eine einen osteuropäischen Zungenschlag hatte und die andere friesisch oder schwäbisch sprach? Jeder weiß doch, dass die Einbrecherbanden meist aus Osteuropa kommen, über unsere völlig unkontrollierten Grenzen, wo man sich ja noch nicht mal die Mühe einer Passfälschung machen muss, zu ihren Raubzügen zum Beispiel in Berlin einfallen und schnell mit ihrer Beute wieder verschwinden. Das zu verheimlichen, ist verdächtiger und für das Vertrauen in unseren Staat abträglicher, als es offen zu benennen. Die meisten Einbrüche finden deshalb in Autobahnnähe statt, Bonn ist ein Eldorado. Auch aus diesem Grund ist die Einbruchskriminalität in Nordrhein-Westfalen mit dem dichtesten Straßennetz allein 2015 um 20 (!) Prozent gestiegen. Das Verheerendste ist, die eigenen Bürger hinters Licht zu führen beziehungsweise den Eindruck zu erwecken, man würde etwas verheimlichen. Der Bundesinnenminister brachte es doch tatsächlich fertig, in der live übertragenen Pressekonferenz zur Absage eines Fußballländerspiels in Hannover auf die Frage der Gründe zu antworten: Das könne er nicht sagen, »weil es die Bürger verunsichern würde«. Wer bis dahin nicht verunsichert war, war es in dem Augenblick. Indem man der Polizei den Mund verbietet, wird auch der Bürger entmündigt. Er traut sich nicht mehr, die Wahrheit zu sagen.
Die Sprachkosmetik der politisch Korrekten war ja der Anlass meines Buches Rettet das Zigeuner-Schnitzel!. Immer noch ein Bestseller! Bin ich denn Rassist, wenn ich in einem dringenden Fahndungsaufruf den mutmaßlichen Täter mit allem beschreibe, was der Fahndung dient? Bin ich Rassist, wenn ich mit großem Appetit das wunderbare Zigeunerschnitzel esse oder als Nachspeise in Österreich einen »Mohr im Hemd«? Das zu behaupten, ist so irre wie der Unsinn des Gender-Wahns. Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, selbst aus Rumänien/Siebenbürgen stammend, gibt mir völlig recht, da es natürlich Zigeuner bis heute gibt, die auch stolz darauf sind und einen eigenen König haben. Oder eine souveräne Linken(!)-Abgeordnete und einzige Roma im Europaparlament, die es in der Illustrierten Stern sogar zur dicken Schlagzeile brachte: »Behaltet doch Euer Zigeunerschnitzel!« Weiter sagte sie: »Es gibt wichtigere Probleme.« Recht hat sie.
Wenn mehr als die Hälfte der Bürger kein Vertrauen mehr hat, dass der Staat ihnen Sicherheit gewährleistet und alles dafür tut, dann ist das ein Alarmzeichen. Einbrüche sind schon deshalb furchtbar (und ich unterstütze die Bundestagsinitiativen, die Strafe wegen »seelischer Schäden« der Opfer raufzusetzen), weil nicht nur Wertsachen gestohlen werden, sondern fremde Gruppen in meiner Wohnung stöbern, Schränke und Schubladen durchwühlen und damit das Privateste, was es nach deutschem Recht gibt, verletzen. Es wird Zeit, die Schönredner und Sprachpolizisten zum Schweigen zu bringen, die Polizei mit offenem Visier fahnden zu lassen – und dann allerdings auch Gerichte zu haben, die die Täter nicht mit kuscheliger Milde behandeln, sondern das Gesetz ausschöpfen, damit die verdiente Strafe dem Bürger signalisiert: Ihr könnt dem Rechtsstaat vertrauen.
Ein Europaabgeordneter, der es eigentlich besser wissen sollte, empörte sich, als ich eine Sendung zum Thema »Rettet unser Bargeld vor dem Zugriff der EU« ankündigte. Ich sei wohl einem Aprilscherz aufgesessen, meinte er, während in der Presse längst Experten die Vor- und Nachteile diskutierten, die eine totale Abschaffung des Bargeldes zugunsten eines rein digitalen Zahlungsverkehrs bringen würden. Die Pläne seien schon in der Schublade, alles nur noch eine Frage der Zeit. Die Schweden waren zu der Zeit bereits kurz vor dem endgültigen Aus ihrer Krone als Zahlungsmittel in Scheinen und Münzen, warum also nicht auch die EU?!
Im Januar 2016 (und nicht am 1. April!) wurde die Katze aus dem Sack gelassen. Ausgerechnet auf dem wichtigen Weltwirtschaftsforum in Davos, in Gegenwart führender internationaler Ökonomen und Politiker, unter ihnen die deutsche Kanzlerin, stellte der Chef der Deutschen Bank, John Cryan, die These in den Raum: »In zehn Jahren ist das Bargeld verschwunden.« Die Zukunft heißt: virtuelles Geld mit digitaler Zahlweise. Klar, den Großbanken und ihren Polit-Lobbyisten kommt das gelegen: Bei den zu erwartenden »Minus-Zinsen« kann der Bürger nicht mehr ins Bargeld flüchten (Stichwort Kopfkissen), ihm wird die »Zins-Differenz« gleich elektronisch abgebucht. Volks- und Raiffeisenbanken und die Sparkassen dürften da weniger euphorisch sein, haben sie doch eine ganz andere Unternehmensstruktur und -philosophie, die »nah am Kunden und im Dienste der Sparer« ist.
Da schrillen bei mir alle Alarmglocken! Das ist keine Technikverweigerung, keine Ablehnung des Fortschritts zugunsten verknöcherter Traditionen, das gebietet die Vernunft: Finger weg von unserem Bargeld, sonst haben wir bald den total gläsernen Menschen. Wer dafür offen ist, kann doch nicht ganz dicht sein!
Trendforscher, Finanzexperten und Politiker säuseln uns Vorteile ins Ohr und lullen den kritischen Verstand ein. Der sagt: Wenn wir nur noch mit Kreditkarte und per Computer bezahlen (können), sind wir für Banken und Behörden ein offenes Buch. Unser gesamtes Konsumverhalten ist dann zu kontrollieren und zu registrieren, man kann per Knopfdruck ermitteln, wer was wann wo eingekauft oder bezahlt hat. Weder Aufenthaltsorte noch Geldbewegungen, weder die konkrete Ware noch der Laden sind vertraulich, alles liegt offen. Wer das Bargeld abschafft, raubt uns das letzte Stück Individualität und Privatheit – ich bin höchst erstaunt, dass die Gegner von »Lauschangriffen« und Vorratsdatenspeicherung nicht aufschreien. Und wieder stellt der entmündigte Bürger fest: Die angeblichen Hüter unserer Freiheit sind auch nur opportunistische Heuchler. Peinlich, wenn man mangels Argumenten sogar ins Feld führt, dass sich auf Geldscheinen rund 3000 verschiedene Bakterien befinden. Dann sollte man sich am besten auch nie mehr die Hand geben!
Schwere Geschütze fahren die Überzeugungstäter auf, die völlig aufs Bargeld verzichten wollen: Elektronik sei sicherer und schneller, Bargeld sei etwas für Geldwäscher, Schwarzarbeiter und Steuerhinterzieher. Eine ungeheuerliche Irreführung und ein lächerlicher Generalverdacht. Die Wahrheit: Inzwischen wissen wir, dass sich zum Beispiel der islamische Terrorstaat IS mit bargeldlosen Transaktionen und Hacker-Angriffen auf Konten und Banken am Leben erhält. Die hochgelobten »Bitcoins«, eine bereits eingeführte digitale Währung, gelten unter Experten als neue Terroristenwährung. Das wurde uns einst als die große Errungenschaft bargeldlosen Zahlens verkauft! Ende 2015 wurde ein junger Amerikaner zu elf Jahren Haft verurteilt, »weil er eine minutiöse Anleitung dazu verfasst hat, wie der Islamische Staat (IS) seinen Krieg über digitale Spenden finanzieren könnte – mit sogenannten Bitcoins, einer digitalen Währung im Internet« (DIE ZEIT).
Verraten und verkauft, wer an das Ammenmärchen von Fortschritt und Sicherheit glaubt! Das sicherste Zahlungsmittel ist immer noch das Bargeld. Aus der Geldbörse können Taschendiebe ein paar Scheine klauen, per Hacker-Angriff kann man ganze Konten leer räumen. Mich wundert, dass man von den sonst politisch beredten Kirchen und Sozialverbänden nichts hört. Sollen etwa Bettler, Obdachlose oder Spendensammler künftig mit einem Kartenlesegerät unterwegs sein, ganz zu schweigen vom kirchlichen Klingelbeutel?!
Und was ist das für eine Demokratie, die einem die freie Wahl zwischen bar und Kreditkarte nimmt und einem das bargeldlose Verfahren alternativlos aufzwingt?! »Zugespitzt: Diktatur wird billiger, denn man kann mit wesentlich weniger Mitarbeitern das Verhalten aller Menschen kontrollieren« (Wirtschaftsprofessor Gerald Mann). Deshalb: Finger weg!
Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Nach dem VW-Skandal vom Herbst 2015 hatte ich Deutschlands älteste aktive Autohändlerin in meine Sendung eingeladen. »Was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass VW mit krimineller Energie bei Millionen von Dieselfahrzeugen den Abgasausstoß manipuliert hat?«, war meine erste Frage. Da nahm die 84-jährige Fritzi Bimberg-Nolte, Chefin von neun Autohäusern in Westfalen, einen Kieselstein aus der Tasche und legte ihn auf den Moderationstisch. »Den trage ich seit Jahrzehnten bei mir; ich habe ihn aus einem Gottesdienst mitgenommen, in dem der Pastor über den Bibelspruch aus Johannes 8, Vers 7 gepredigt hat: ›Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.‹ Das gilt auch jetzt im Fall VW.« Wummmms, damit hatte ich nicht gerechnet. Und die weise, lebenserfahrene Frau doppelte sogar noch nach: »Der Konzern hat um Verzeihung gebeten und will alles wiedergutmachen, deshalb vergebe ich.« Am nächsten Tag war das die Titelzeile in der Presse: »Autohändlerin vergibt VW«.
Und was macht der Wolfsburger Weltkonzern? Statt den Worten Taten folgen zu lassen, geht fast alles so weiter wie bisher. Der geschasste Chef Martin Winterkorn wird mit dem »goldenen Handschlag« verabschiedet: 94 000 Euro Rente im Monat, vierundneunzigtausend! Das ist einfach unanständig und pervers, auch wenn es der Rechtslage entsprechen mag. Dann kam raus, dass die Konzernzentrale sich quasi einen eigenen Flughafen und eine eigene Flotte hält: Zehn (!) firmeneigene Jets können jederzeit von Braunschweig aus starten, um die leitenden Leute zum Wochenende nach Hause oder in den Urlaub zu fliegen. Die größte Maschine ist der Airbus ACJ319, Kaufpreis satte 70 Millionen Euro. Würde man diesen Firmenjet chartern, kostete die Flugstunde 22 000 Euro! Ein Zeichen wäre es gewesen, diesen Luxus stante pede abzuschaffen. Aber doch nicht bei VW, wo zu Firmenpartys mal eben Millionen teure Showstars wie Robbie Williams oder Lenny Kravitz eingeflogen werden. Während die Belegschaft um die Arbeitsplätze bangt, wird fröhlich weitergemacht, als wäre nie etwas gewesen.
Mir tun aufrechte Leute wie Fritzi Bimberg-Nolte leid. Sie hätte auch sagen können, dass sie sich betrogen fühlt und den unverschuldeten Skandal nun ausbaden muss, weil die Kunden bei ihr und nicht bei der Konzernzentrale Dampf ablassen – und die Nachfrage nach einem VW erst mal eingebrochen ist. Diese geistvolle Geschäftsfrau tut das nicht. Wenn ich VW wäre, hätte ich ihre Vergebung als Anzeige geschaltet und feierlich erklärt, dass man nun auf alle Privilegien, wirklich alle, verzichtet und die Betrüger bestraft. Nichts dergleichen! Meine Oma lebte nach dem Leitspruch: »Das gehört sich nicht!«. Das scheint selbst Manager von Pleitefirmen oder gescheiterte Chefs wenig zu jucken. Wie pervers müssen ein Denken und wie unanständig eine Haltung sein, dass man keinerlei Gespür mehr für Maß und Mitte hat. Wen wundert es da noch, wenn Bürger sich von unserem System abwenden oder die Volkspartei der Nichtwähler immer größer wird.
Werden wir von Politikern regiert, die Herzen aus Stein haben? Von Regierungschefs, die sich hinter Paragrafen verstecken und denen es an Mitmenschlichkeit fehlt?
Zu diesem Schluss kann man kommen, wenn es nach dem Brüsseler EU-Gipfel zur Flüchtlingspolitik eiskalt hieß: Trotz der Tragödien vor Lampedusa, vor den Küsten Italiens und Maltas wird nichts geändert; Flüchtlinge aus Afrika sind nicht willkommen, auch wenn sie sich in Berlin oder Hamburg demonstrativ zu Tode hungern.
»Dublin 2« heißt das Zauberwort, eine Verordnung, nach der sich der EU-Staat um Flüchtlinge kümmern muss, dessen Boden sie als Erstes betreten haben. Auch wenn ich damit herzlos wirke: Die Politik hat recht, dass wir das soziale Gefüge Europas nicht über Gebühr belasten dürfen und eben nicht jeder, der vor Armut – und nicht vor Krieg oder politischer Verfolgung – flüchtet, bei uns Aufnahme finden kann. Deutschland kann nicht das Sozialamt für die halbe Welt sein.
Doch jede Regel hat bekanntlich eine Ausnahme, jeder Paragraf kennt eine Hintertür. Und diese muss man für die kleine Naya und ihre Eltern aus dem syrischen Aleppo öffnen. Ich finde es erbärmlich, dass hier nach Gesetzeslage und nicht nach Menschlichkeit entschieden wird.
Nayas Eltern sind unter Lebensgefahr dem Bürgerkrieg entronnen, im Mittelmeer vor Malta ertranken ihre beiden kleinen Söhne. Nur Mutter, Vater und Naya überlebten. Jetzt möchten sie nach Deutschland zu einer befreundeten Familie, die ebenfalls aus Syrien stammt. Die sind Zahnärzte und könnten Nayas Vater, einen Anästhesisten, sofort anstellen, eine Wohnung bekämen sie auch. Nayas Familie würde also niemandem auf der Tasche liegen, denn Ärzte werden in Deutschland händeringend gesucht.
Ich verstehe nicht, dass man diese armen Menschen so hartherzig behandelt und nicht einreisen lässt. Da kann man noch so viele Amtseide mit den Worten »So wahr mir Gott helfe« bekräftigen: Wer hier nicht hilft, dem ist nicht mehr zu helfen.
Jesus Christus hat gesagt: »Nicht der Mensch ist für das Gesetz da, sondern das Gesetz für den Menschen.« Das sollten sich unsere Damen und Herren Politiker hinter die Ohren schreiben – oder besser: zu Herzen nehmen.
Sie empören sich über Abzocker und begrenzen Banker-Boni, sie spielen »Anwalt des kleinen Mannes« und schrauben die Managergehälter zurück. Nur selbst wollen Politiker möglichst für nichts verantwortlich gemacht werden, erst recht nicht für teure Fehlplanungen. Es ist ja leichter, für andere Gesetze zu beschließen – möglichst mit moralisch erhobenem Zeigefinger und natürlich wählerwirksam –, als selbst für sein Tun geradezustehen. Warum werden Politiker nicht für die Milliardengräber, die sie auf Steuerzahlers Kosten schaufeln, haftbar gemacht? Bezahlen bis ans Lebensende! Die Regierenden spielen sich als Bauherren auf und machen alles selbst: Auftrag, Kontrolle, Abwicklung. Als wären sie Fachleute auf allen Gebieten. Beim größten Milliardengrab der Nachkriegsgeschichte, dem Berliner Flughafen, führen leibhaftige Regierungschefs die Aufsichtsräte, die noch nicht mal das Zeug dazu haben, ihre eigene Garage zu bauen. Und wenn sie Fachleute einstellen, sind es oft noch die falschen. Ganz zu schweigen von den Aufsichtsräten.
Der Nürburgring in Rheinland-Pfalz ist ein schreiendes Beispiel für diese Überheblichkeit, die die Allgemeinheit eine dreistellige Millionensumme kostet. Oder die Hamburger Elbphilharmonie. Damit wollen Politiker sich Denkmäler setzen, und wenns schiefläuft, machen sie sich aus dem Staub. Und das in einer seltenen Koalition total parteiübergreifend. Bei Berlin werden Milliarden buchstäblich in den Märkischen Sand gesetzt; die von Politikern ausgesuchten Spitzenmanager kommen und gehen – gehen natürlich mit »goldenem Handschlag«. Keiner wird zur Kasse gebeten von denen, die doch in ihrem Amtseid geschworen haben, »den Nutzen zu mehren und Schaden vom deutschen Volk zu wenden«. Was könnte man mit diesen letztlich veruntreuten Geldern alles machen! Statt peinlicher Politiker-Prestige-Projekte: Kindergärten und Schulen errichten, Schlaglöcher auf den Straßen entfernen oder dringend benötigte Umgehungsstrecken bauen, um die Bürger von Lärm und Gestank zu befreien.
Dass es auch anders geht, zeigt ein Berliner Projekt. Ich traute meinen Ohren nicht, als ich nach der Rückkehr aus dem Urlaub dem Taxifahrer die Umleitungsroute nach Hause schildern wollte, »weil doch auf der Autobahn eine riesige Baustelle mit kilometerlangen Staus ist«. Doch der Chauffeur winkte ab: »Längst fertig, einige Wochen vor der Zeit!« Was, vor der Zeit? Wie geht denn das?! Alles war überpünktlich fertig geworden, weil man die »Bonus-Malus-Regel« angewandt hat. Will sagen: Dauert der Bau länger, muss Strafe bezahlt werden; geht’s schneller, erhält die Baufirma eine Prämie. Und es ist wie im wahren Leben: Geld spornt an – wie mich vor fünfzig Jahren die elterliche Mark für eine gute Klassenarbeit auf Trab hielt. Also, liebe Politiker: Finger weg vom Bauherr spielen. Besser eine Firma beauftragen, die für alles haftbar gemacht werden kann – auch für Terminverschleppung. Und wenn Boni locken, geht’s meist sogar schneller.
… Sie sind ja ein Verfechter alter Traditionen. Eine Tradition von uns Deutschen ist der Weihnachtswunschzettel ans Christkind. Sie sind zwar weder Christ noch Kind, aber ich versuche es dennoch:
Ich wünsche mir, dass Sie mal einen Blick in unser Grundgesetz werfen, das unter dem Eindruck der schrecklichen Nazi-Diktatur entstanden ist. So etwas sollte sich nie wiederholen, deshalb haben die Mütter und Väter unserer Verfassung neben der Präambel »in Verantwortung vor Gott« die garantierte Menschenwürde, die Gleichwertigkeit von Mann und Frau, die Presse- und Meinungsfreiheit und die Gleichheit vor dem Gesetz festgelegt. Klar, wir Deutschen spielen uns oft als moralische Weltpolizei auf, aber in Sachen Demokratie macht uns keiner was vor.
Haben Sie eigentlich Angst vor Ihren eigenen Bürgern? Ich finde es unsouverän, wie Sie unliebsame Demonstranten niederprügeln und kritische Journalisten einsperren lassen. Jetzt hetzen Sie sogar Ihren Geheimdienst auf unsere türkischen Mitbürger, die Sie doch im Wahlkampf immer so gerne besuchen. Wovor haben Sie eigentlich Angst?