Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Erstes Kapitel
  6. Zweites Kapitel
  7. Drittes Kapitel
  8. Viertes Kapitel
  9. Fünftes Kapitel
  10. Sechstes Kapitel
  11. Siebtes Kapitel
  12. Achtes Kapitel
  13. Neuntes Kapitel
  14. Zehntes Kapitel
  15. Elftes Kapitel
  16. Zwölftes Kapitel
  17. Dreizehntes Kapitel
  18. Vierzehntes Kapitel
  19. Fünfzehntes Kapitel
  20. Sechzehntes Kapitel
  21. Siebzehntes Kapitel
  22. Achtzehntes Kapitel
  23. Neunzehntes Kapitel
  24. Zwanzigstes Kapitel
  25. Einundzwanzigstes Kapitel
  26. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  27. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  28. Vierundzwanzigstes Kapitel
  29. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  30. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  31. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  32. Achtundzwanzigstes Kapitel
  33. Neunundzwanzigstes Kapitel
  34. Dreißigstes Kapitel
  35. Einunddreißigstes Kapitel
  36. Zweiunddreißigstes Kapitel
  37. Dreiunddreißigstes Kapitel
  38. Vierunddreißigstes Kapitel
  39. Fünfunddreißigstes Kapitel
  40. Sechsunddreißigstes Kapitel
  41. Siebenunddreißigstes Kapitel
  42. Achtunddreißigstes Kapitel
  43. Neununddreißigstes Kapitel
  44. Vierzigstes Kapitel
  45. Einundvierzigstes Kapitel
  46. Zweiundvierzigstes Kapitel
  47. Dreiundvierzigstes Kapitel
  48. Vierundvierzigstes Kapitel
  49. Fünfundvierzigstes Kapitel
  50. Sechsundvierzigstes Kapitel
  51. Siebenundvierzigstes Kapitel
  52. Achtundvierzigstes Kapitel
  53. Neunundvierzigstes Kapitel
  54. Fünfzigstes Kapitel
  55. Einundfünfzigstes Kapitel
  56. Zweiundfünfzigstes Kapitel
  57. Danksagung
  58. Leseprobe

Über den Autor

Sam Bourne ist das Pseudonym des preisgekrönten britischen Journalisten Jonathan Freedland. Er war lange Zeit Berichterstatter aus Washington für THE GUARDIAN. Nach seiner Rückkehr nach London schrieb er für verschiedene Zeitschriften und veröffentlichte mehrere Bücher. Sein Thrillerdebüt DIE GERECHTEN stand in Großbritannien monatelang auf der Bestsellerliste und verkaufte sich über eine halbe Million Mal. Seit 2014 verfasst der Nahostexperte eine wöchentliche Kolumne für THE GUARDIAN sowie einen monatlichen Beitrag für THE JEWISH CHRONICLE. Zudem präsentiert er die wöchentliche Radiosendung THE LONG VIEW bei BBC RADIO 4.

Sam Bourne

DER
PRÄSIDENT

Thriller

Aus dem Englischen von
Ruggero Leò

BASTEI ENTERTAINMENT

Erstes Kapitel

Alexandria, Virginia, Montag, 03.20 Uhr

Es begann in der Nacht, als der Präsident das Ende der Welt einleiten wollte.

Für Robert Kassian fing alles damit an, dass sein Telefon auf dem Nachttisch vibrierte. Mit klopfendem Herzen schreckte er aus dem Schlaf hoch. Zunächst wusste er nicht, woher das Geräusch kam. Hatte er es geträumt? Er tastete nach dem Handy und schaltete den Vibrationsalarm aus. Das musste schnell gehen, denn seine Frau hatte einen leichten Schlaf, und wenn sie einmal aufgewacht war, schlief sie nicht wieder ein.

Erst da begriff er, dass nicht der Handyalarm, sondern ein eingehender Anruf ihn geweckt hatte. Die nächsten beiden Fakten nahm er gleichzeitig wahr: Es war 03.20 Uhr morgens, und der Anruf kam aus der Zentrale des Weißen Hauses.

»Mr Kassian?«

»Ja«, flüsterte er. Er schlug die Decke zurück und ging zum Badezimmer, das Telefon ans Ohr gepresst. Vor Müdigkeit bekam er kaum die Augen auf.

»Bleiben Sie dran. Ich stelle Sie zum Situation Room durch.«

Das war er also. Der berüchtigte Drei-Uhr-nachts-Anruf, von dem in Washington immer alle sprachen. Kassian war erst seit vier Monaten Stabschef, und das war der erste Anruf dieser Art. Gewiss, es hatte schon Krisensituationen mitten in der Nacht gegeben – jede Menge sogar – und dringende Konferenzen gleich nach Sonnenaufgang. Seit der Inauguration im Januar hatte sich seine Arbeitszeit schonungslos auf »rund um die Uhr« ausgedehnt. Und in der vergangenen Woche war es sogar noch schlimmer geworden. Aber ein mutmaßlicher Notfall mitten in der Nacht? Das kam zum ersten Mal vor.

Ein mehrfaches Klicken in der Leitung, dann war er durchgestellt. Sogleich nahm er die Unruhe im Raum des Anrufers wahr. Er hörte einen lauten Knall. Dann eine Stimme. Die einer Frau, jung und nervös.

»Mr Kassian. Hier spricht Lieutenant Mary Rajak. Wir haben einen Notfall, Sir. Ich glaube, Sie sollten schnellstmöglich herkommen.«

Nun hörte er Geschrei. War diese Frau eine Geisel? Vielleicht war das Weiße Haus umstellt. Er blinzelte mehrmals, sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. »Was für ein Notfall?«

Kassian war sich sicher, dass die Frau mit gedämpfter Stimme sprach. »Es geht um den Präsidenten.«

Herr im Himmel. War der Präsident zur Geisel genommen worden? Wie hätte das jemand … »Was ist geschehen?«

»Bitte, Sir. Kommen Sie einfach her.«

»Ich bin unterwegs. Aber können Sie …« Er stockte. Jemand brüllte am anderen Ende der Leitung. Ein Mann. Es klang, als käme die Stimme von nebenan.

»Bleiben Sie dran, Sir.« Vermutlich legte die Frau ihre Hand über die Sprechmuschel. »Ja, ich rede gerade mit Mr Kassian. Er ist auf dem Weg.«

Dann hörte er die Stimme deutlich. Sie war unverkennbar. Auf der ganzen Welt gab es keine Menschenseele, die sie nicht erkannt hätte. In den letzten beiden Jahren war diese Stimme mindestens einmal täglich zu hören gewesen, ob in den Nachrichten oder in einem viralen Video. Manchmal hatte sie sich über einen Gegner lustig gemacht oder einen Zwischenrufer auf einer Versammlung verhöhnt, manchmal hatte auch ein TV-Comedian sie nachgeahmt oder sogar ein altkluges Kind auf dem Schulhof. Doch niemand hatte die Stimme je in diesem Tonfall gehört: brüllend vor Wut – echter, nicht gespielter Wut. Aus dem Weg! Ich bin Ihr verfluchter Oberbefehlshaber, und das ist ein Befehl!

Während Kassian lauschte, griff er zu einem Hemd und dem erstbesten Anzug im Schrank. »Was zum Teufel ist bei Ihnen los, Lieutenant?«

»Das ist am Telefon schwer zu erklären, Sir.«

»Dies ist eine sichere Leitung.«

»Ich glaube nicht, dass wir so viel Zeit haben, Sir.« Ihre Stimme zitterte.

»Kurz und knapp, Lieutenant.«

Sie redete leise, als befürchte sie, jemand könnte sie belauschen. »Nordkorea, Sir. Der Präsident will den Befehl für einen Nuklearangriff geben.«

»Ach du Scheiße.«

»Genau, Sir.«

»Ist etwas vorgefallen? Droht ein Angriff auf die Vereinigten Staaten?«

»Nein, Sir.«

»Dann was zum …«

»Eine Verlautbarung, Sir. Aus Pjöngjang.«

»Eine was?«

»Bitte, Sir. Es ist sehr dringend.«

»Eine Verlautbarung? Sie meinen, weil die Nordkoreaner etwas gesagt haben?«

»Das ist korrekt, Sir.«

»Okay. Okay. Was macht er gerade?«

»Er verlangt, zum Pentagon durchgestellt zu werden. Zur Kommandozentrale, Sir.«

Kassian wurde flau im Magen. Vor der Inauguration hatte er an mehr als sechzig Übergabetreffen teilgenommen und war von jedem Zweig der US-Regierung gebrieft worden – eine Informationsflut, die alles übertraf, was er in den fünfzig Lebensjahren zuvor hatte lernen müssen. Doch nur ein bestimmtes Meeting hatte ihm einen heiligen Schrecken eingejagt: als man ihn, den angehenden Präsidenten und den Verteidigungsminister mit der Prozedur vertraut gemacht hatte, wie ein Nuklearangriff befohlen wird.

Es war so leicht, dass es ihm Angst einflößte. Der Präsident musste lediglich die Kommandozentrale des Verteidigungsministeriums anrufen, die geheimen Codes durchgeben, die ihn als Präsidenten identifizierten, und den Befehl geben. Mehr war nicht erforderlich. Kein Prozess, keine Meetings, keinerlei Diskussion. Und niemand war befugt, ihm zu widersprechen. Das war auch der Knackpunkt an dem Verfahren. Das System hatte seit Truman die Regeln nicht geändert, die es dem Oberbefehlshaber ermöglichten, innerhalb Sekunden auf einen Angriff auf die Vereinigten Staaten zu reagieren.

Doch es gab keine Pläne dafür, wie man die gegenwärtige Lage in den Griff bekommen sollte. Oder den derzeitigen Oberbefehlshaber.

»Was soll ich tun, Sir?« Die Stimme der Frau verriet, dass sie am ganzen Leib zitterte.

Kassian war im Untergeschoss angekommen. Die vor seinem Haus postierten Sicherheitsbeamten hatten ihn bereits bemerkt. Der leitende Secret Service Agent stand schon an der Vordertür. Kassian signalisierte ihm mit einer Geste, als halte er ein Lenkrad gepackt, dass sie den Wagen bräuchten, und schon hasteten sie gemeinsam zum Fahrzeug.

»Hat er die Codes? Hat der Adjutant ihm die Codes gegeben?«

»Er wollte es vermeiden, Sir. Er hat ihn so lange hingehalten, wie er konnte.«

»Aber er hat sie?«

»Der Präsident hat ihm die Hände um den Hals gelegt und gedroht, ihn zu erwürgen.«

»Okay. Okay.« Kassian blickte aus dem Fenster auf das vorbeirasende, schlafende Alexandria. Selbst bei dieser Geschwindigkeit konnte er die Schilder lesen, die in den Vorgärten der ganzen Stadt standen und – an bestimmten Stellen – überall im Land: Nicht mein Präsident. »Haben Sie Jim angerufen? Minister Bruton. Haben Sie ihn angerufen?«

»Wir sprechen gerade mit ihm, Sir.«

»Gut. Bis ich bei Ihnen bin, müssen Sie dem Präsidenten sagen, bei einer solchen Entscheidung sei es erforderlich, Minister Bruton und mich dabeizuhaben. Dass es einen festgelegten Ablauf gibt.«

»Aber das stimmt ni …«

»Sagen Sie’s ihm einfach!«

»Soll ich Sie zu ihm durchstellen, Sir?«

Kassian dachte nach. Sein Instinkt verriet ihm, dass es keinen Zweck hätte, es selbst zu versuchen. Der Präsident würde diese Behauptung nicht glauben, nicht aus Kassians Mund. Hochrangige Militärs – neutral, anonym – hatten bessere Chancen: Er würde ihre Worte möglicherweise als Reaktion des Systems aufnehmen, einer Maschinerie, die ihm nicht grundsätzlich feindlich gesinnt war, sich nicht von Emotionen leiten ließ. Bislang hatte sich dieses Vorgehen am besten bewährt, um den Präsidenten aufzuhalten.

»Nein. Ich spreche mit ihm, sobald ich vor Ort bin.«

»Aber Sie kommen vielleicht nicht mehr rechtzeitig.«

Kassian fiel ein, was die Tochter des Präsidenten in einem Fernsehinterview über ihren Vater gesagt hatte während des Wahlkampfs. Man sagt nicht »Nein« zu ihm. Man sagt »Ja, aber besser nicht jetzt«. Der Interviewer hatte gelacht und gescherzt, dass man so normalerweise mit einem Kleinkind umgehe. Daraufhin hatte die Tochter ebenfalls gelacht und gesagt: Was immer funktioniert, stimmt’s?

»Also schön. Sagen Sie ihm, sie hätten mit uns gesprochen. Wir unterstützen ihn und wollen dabei an seiner Seite sein. Und um sicherzustellen, dass ihm die Entscheidung nicht später auf die Füße fällt, soll er auf mich und Minister Bruton warten.«

Ein Knall war zu hören. Ob jemand mit der Faust auf einen Tisch gehauen oder eine Tür zugeschlagen hatte, konnte Kassian nicht sagen. Er hoffte auf Letzteres. Womöglich war der Präsident aus dem Situation Room gestürmt, frustriert darüber, dass man seine Pläne durchkreuzte. Vielleicht würde er einfach ins Bett gehen oder den Fernseher einschalten. Der Mann schlief kaum.

Dann erklang wieder die Stimme der Offizierin. »Er wurde durchgestellt, Sir. Er redet in diesem Moment mit der Kommandozentrale im Pentagon.«

Kassians Magen verkrampfte sich. Gütiger Gott, was würde dieser Mann tun?

Er trennte die Verbindung und wählte Jim Brutons Handynummer. Es fiel ihm schwer, die Tasten auf dem Display zu treffen, so sehr zitterten seine Hände. Als er das Telefon ans Ohr hielt, musste er an die Worte aus dem Briefing denken, dem er drei Tage vor der Vereidigung des Präsidenten beigewohnt hatte: Ihrem Befehl, Sir, untersteht der Einsatz Tausender Waffen, jede davon zehn- oder zwanzigmal tödlicher als die Bombe, die auf Hiroshima fiel … Der feindliche Vergeltungsschlag wird automatisch, rasch und verheerend erfolgen. Der Erstschlag der USA und der feindliche Gegenschlag kosten binnen weniger Stunden mehrere hundert Millionen Menschenleben … Ja, Sir, wir haben das durchgespielt: Unsere vorsichtigste Schätzung sagt eine globale Katastrophe voraus, die das Ende der Zivilisation bedeuten würde, Sir … Auf Ihren Befehl hin starten achthundertfünfzig Raketensprengköpfe in weniger als fünfzehn Minuten … Nein, Sir. Wenn der Befehl erst einmal erteilt wurde, kann man sie weder aufhalten noch zurückrufen. Dann gibt es kein Zurück mehr.

Kassian hörte das Besetztzeichen. Er versuchte es erneut. Bis er schließlich den vertrauten Louisiana-Akzent hörte, jene Stimme, der er in Washington wahrhaft vertraute, eine Stimme, die er in zahllosen lebensgefährlichen Momenten gehört hatte – auch wenn keiner davon so Furcht erregend gewesen war wie der gegenwärtige.

»Bob, bist du das?«

»Jim, Gott sei Dank. Hör zu, du musst sofort in die Kommandozentrale, bevor er dort eintrifft. Du musst ihnen sagen …«

»Habe ich schon. Ich habe ihnen gesagt, sie müssen ihn hinhalten.«

»Wie?«

»Sie sagen ihm, dass es bei der Satellitenkommunikation eine Fehlfunktion gibt. Sie können die U-Boote nicht kontaktieren.«

»Das glaubt er niemals.«

»Was sollen wir denn sonst tun? Er schäumt vor Wut, tobt und zetert.« Bruton senkte die Stimme. »Verdammt noch mal, er wird uns alle umbringen, Bob. Ist dir das klar? Er sagt, er will Option B umsetzen.«

»Welche ist das?« Kassian fiel das »Black Book« ein – wie hatte er das nur vergessen können? Der Adjutant des Präsidenten trug es im Atomkoffer mit sich. Der Adjutant, der sich außerhalb des Weißen Hauses stets in der Nähe des Präsidenten aufhielt und ihm sowohl die Handlungsmöglichkeiten aufzeigen würde als auch die diversen Angriffspläne. Kassian konnte sich aber nicht daran erinnern, was Option B war.

»Nordkorea und China.«

»Heilige Mutter Gottes.«

»Und er wird in den nächsten sechzig Sekunden den Befehl geben. Sobald dem armen Teufel in der Kommandozentrale die Ausreden ausgehen.«

»Du musst ihm sagen, der Befehl sei gesetzeswidrig.«

»Wie bitte?«

»Ruf die Kommandozentrale an. Sag ihnen, sie haben die Pflicht, einen gesetzeswidrigen Befehl zu verweigern.«

»Aber das ist Blödsinn. Du weißt, dass er dazu befugt ist. Er kann tun, was immer er will, verdammt noch mal. Ich kann ihn nicht aufhalten, ebenso wenig der Generalstab und auch nicht der Kongress. Das ist seine Show. Zu einhundert Prozent.«

»Stimmt, aber sie müssen nur Befehle befolgen, die nicht gegen die Verfassung verstoßen.«

»Das heißt?«

»Das heißt, der Oberbefehlshaber muss davon überzeugt sein, dass er das Land vor einem konkreten oder unmittelbar bevorstehenden Angriff schützt.«

»Tja, vielleicht ist er ja davon überzeugt.«

»Das ist ein Krieg der Worte, Jim. Fünf Tage lang sind Worte gewechselt worden. Kein vernünftiger Mensch kann behaupten, dass wir durch einen Angriff bedroht werden.«

»Und genau das ist der Knackpunkt. Er ist kein …«

»Sag deinen Leuten, dass sie diese Prüfung bestehen müssen. Sie müssen im Grunde nicht einmal eine Entscheidung treffen. Du sagst ihnen, was sie tun sollen: Der Angriffsbefehl ist illegal.«

»So funktioniert das nicht. Er ist der Oberbefehlshaber, er …«

»Wir haben verdammt noch mal keine Zeit für Diskussionen, Jim. Sag’s ihnen. Entweder du tust es, oder wir sind alle tot.«

Er trennte die Verbindung. Als sein Wagen in die Pennsylvania Avenue einbog, schloss Bob Kassian die Augen. Zum ersten Mal seit seiner Kindheit betete er.

Zweites Kapitel

Das Weiße Haus, Montag, 08.45 Uhr

»Was zum Teufel ist das?«

Maggie Costello stand in dem Vorzimmer, in dem die Privatsekretärin ihres Chefs mit zwei anderen Beamten saß. Sie hatte soeben etwas entdeckt: An der Wand hinter der Sekretärin hing ein Kalender, gleich neben den Porträts der Männer, die früher das ehrwürdige Amt des Rechtsberaters im Weißen Haus bekleidet hatten. Typische Kalender in Washingtoner Regierungsgebäuden zeigten spektakuläre Aufnahmen von amerikanischen Landschaften. Dieser hier hingegen gehörte zu der Sorte, die man eher in einer Autowerkstatt erwarten würde. Das Bild des aktuellen Monats Mai zeigte eine Frau auf allen vieren, die mit nichts am Leib als einem knappen Bikinihöschen in die Kamera blickte. Sie hatte den Mund geöffnet, sodass man die Spitze ihrer Zunge sehen konnte.

Die Privatsekretärin, eine Schwarze in den Fünfzigern, zuckte resigniert mit den Schultern.

»Im Ernst, Eleanor, wer hat den da aufgehängt?«

Die Privatsekretärin blickte Maggie mit einem vielsagenden Ausdruck an: Bring mich nicht in Schwierigkeiten.

Maggie beugte sich vor und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Ich verrat’s keinem.«

Eleanor schaute kurz über die Schulter und sagte dann: »Anweisung von Mr McNamara. Er hat sie im ganzen Westflügel aufhängen lassen. Er meinte, es sei längst überfällig, dass man in diesem Gebäude auf Tuchfühlung mit der arbeitenden Bevölkerung unseres Landes geht. Es sei höchste Zeit, dass es hier wie an einem normalen amerikanischen Arbeitsplatz aussieht.«

»Das ist nicht mal ein Witz, oder?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

Maggie beugte sich weiter vor, langte über Eleanors Schulter und riss den Kalender mit einem Ruck von der Wand. Dann zerriss sie das dicke, beschichtete Papier zweimal und ging zu den Abfalleimern. Aus Gewohnheit hielt sie Ausschau nach dem grünen, der für Papier vorgesehen war.

»Kein Recycling mehr, Maggie. Das hat er auch abgeschafft. ›Wir sind hier nicht im Grünen Schwuchtelhaus. Wir sind im Weißen Haus.‹«

»Das hat er gesagt?«

»Uh-hm.«

Maggie warf die Überreste des Bikinimodel-Kalenders in den einzigen Papierkorb im Raum, ging in ihr Büro und knallte die Tür hinter sich zu.

Sie hätte sich gern bei ihrem direkten Vorgesetzten beschwert, bei dem Mann, der den Titel Rechtsberater trug. Doch bekleidete er das Amt in ständiger Abwesenheit; ein Kumpan des Präsidenten, der ihm früher als persönlicher Anwalt in Konkursangelegenheiten gedient hatte und dafür mit einem Posten im Weißen Haus belohnt worden war. Maggie war ihm nur einmal begegnet, auf der Cocktailparty anlässlich seiner Ernennung; seither hatte er sich nicht mehr im Weißen Haus blicken lassen.

Sie nahm ihr Smartphone zur Hand und schrieb Richard eine Nachricht: Was zum Teufel machen wir hier?

Früher hatten hier viele Frauen auf allen möglichen Ebenen gearbeitet, die den Kalender ebenfalls weggeworfen oder Maggie zumindest dabei unterstützt hätten. Jetzt gab es nur noch zwei Frauen in ihrer Abteilung: sie selbst und Eleanor. Die übrigen Mitarbeiter waren ausnahmslos Männer, die meisten davon Weiße. Und dieses Schema zog sich durchs gesamte Weiße Haus.

Richard antwortete wenige Sekunden später: Sitze gerade mit Wirtschaftsleuten zusammen. Heute Abend reden?

Sie ließ das Telefon über den Schreibtisch schlittern, wo es gegen das Bild prallte, das sie zusammen mit dem vorherigen Präsidenten zeigte; ein solches Foto auf dem Tisch zu haben war in der laufenden Amtsperiode ein verhaltenes Zeichen der Rebellion. Im Moment hätte sie ihren ehemaligen Chef am liebsten verflucht. Zum Teil war es seine Schuld, dass sie noch immer hier war.

»Hören Sie, Maggie«, hatte er gesagt. »Ich weiß, was Sie von meinem Nachfolger halten …«

Sie hatte ihn nicht ausreden lassen. »Sehen Sie – selbst das kann ich einfach nicht fassen. Meinen Nachfolger. Wie können Sie das sagen, als wäre es normal? Das ist nicht normal. Er ist ein Lügner und Betrüger und Fanatiker. Er dürfte nicht einmal in die Nähe dieses Hauses kommen!«

Der aus dem Amt scheidende Präsident hatte ihr die Bemerkung nachgesehen, so wie immer. »Maggie, Sie sind eine sehr leidenschaftliche Frau. Deshalb haben Sie unserer Regierung – und mir – so gute Dienste geleistet. Doch das Volk hat gesprochen. Er wird mein Präsident sein – und er sollte auch Ihrer sein.«

»Von Ihnen verlangt aber niemand, hier weiterhin zu arbeiten.«

»Ich denke, dazu gehöre ich wohl zur falschen demografischen Gruppe«, sagte er lächelnd.

»Genau. Das ist noch so ein Knackpunkt. Es werden ausschließlich weiße Männer eingestellt. Hunderte. Das gilt für jeden Posten, den er besetzt. Als ob Millionen und Abermillionen von Menschen unsichtbar sind für ihn.«

»Wenn Sie also hierbleiben, können Sie das Verhältnis ein wenig ausgleichen. Eine Frau, gebürtig aus Dublin. Damit können Sie gleich zwei Kästchen ankreuzen.«

»Aber …«

»Es geht dabei nicht nur um ihn, Maggie. So wie es auch nie um mich ging. Es geht um unser Land. Sie müssen dafür sorgen, dass der Zug auf den Schienen bleibt.«

»Klar, damit er ihn mit voller Wucht gegen den Prellbock fahren kann. Davon abgesehen, was sollte ich schon für ihn tun können? Als ehemalige UN-Entwicklungshelferin, ehemalige Friedensbotschafterin, als Frau – ich passe nicht so ganz in sein Schema, oder?«

»Sie könnten für ihn dasselbe sein wie für mich. Die leitende Krisenmanagerin. Die Frau, die weiß, wie man jede Krise analysiert und löst.«

»Aber dafür muss ich ihm vertrauen können.«

»Ich weiß, Maggie.«

»Sie haben mir vertraut und ich Ihnen. Uneingeschränkt.«

»Das ist wahr, und ich weiß das zu schätzen. Aber Sie werden schon einen Weg finden. Den finden Sie immer.«

Maggie betrachtete das Foto und staunte darüber, wie naiv sie damals gewesen war. Noch vor einem Jahr hätte sie die gegenwärtige Lage nicht für möglich gehalten. Das ging allen so. Und dann überkam es sie, das vertraute, geradezu Übelkeit erregende Schuldgefühl. Es schien aus ihrem Innersten zu kommen, befeuert von tiefster Abscheu. Hätte sie doch nicht …

Sie versuchte, den grässlichen Gedanken zu verdrängen, und tippte noch eine Nachricht an Richard in ihr Handy: Wann kannst du heute frühestens los? Lass uns bei mir zu Abend essen. Ich brauche jetzt wirklich …

Ehe sie die Nachricht vollendet hatte, stieß jemand ihre Bürotür auf. Sie hörte seine Stimme, ehe sie ihn sah. »Haben Sie etwas an?«

Crawford »Mac« McNamara, der Chefberater des Präsidenten. Wenn Maggie und alle anderen Parteiunabhängigen, die noch hier arbeiteten, den Zug auf den Schienen halten sollten, war McNamara der Mann, der den Zielbahnhof bestimmte. Selbst Bob Kassian, der eigentliche Stabschef, war im Vergleich zu ihm nur ein Bürokrat. Im Sonnensystem des Weißen Hauses leuchtete nur ein Stern heller als dieser Mann.

Natürlich kreiste Maggie mehrere Mondumlaufbahnen unter ihm – selbst unter dem früheren Präsidenten hatte ihre offizielle Positionsbezeichnung nie ihren tatsächlichen Status ausgedrückt. Nach den althergebrachten Regeln Washingtons bedeutete das, ein Mann von McNamaras Rang würde sich nicht einmal dazu herablassen, mit ihr ein Wort zu wechseln, ganz zu schweigen davon, sie in ihrem Büro aufzusuchen. Doch er war ein Gesetzloser von eigenen Gnaden, der Zauberer, der das Washingtoner Regelbuch zerfetzt hatte, damit sein Kandidat zum Präsidenten gewählt werden würde. Zum Teufel mit Gewohnheiten. Memos waren für Trottel, protokollierte Sitzungen für Arschlöcher. Stattdessen patrouillierte er täglich durch den Westflügel und schlenderte in jedes beliebige Büro, wann immer es ihm gefiel. Und das Oval Office bildete diesbezüglich keine Ausnahme. McNamara begann und beendete jeden Tag mit einem persönlichen Besuch beim Präsidenten; er war die allmächtige Stimme in seinem Ohr.

Und es war nicht das erste Mal, dass er Maggie in ihrem Büro besuchte. »Es ist doch offensichtlich«, hatte Richard gesagt, als sie eines Abends über chinesischem Take-away-Essen darüber gesprochen hatten. »Du bist die attraktivste Frau im Büro, und er ist von dir … angetan. Ich würde mich geschmeichelt fühlen.«

Maggies Antwort war knapp ausgefallen: Igitt. Und nun stand der Kerl wieder vor ihr, der trotz seines mittleren Alters noch eine Cargohose mit großen Taschen trug, dazu ein Linkin-Park-T-Shirt und an den Füßen Socken, aber keine Schuhe. Sein Kopf war fast völlig kahl.

»Haben Sie heute Zeitung gelesen, Costello?« Er warf ihr eine Ausgabe der Washington Post auf den Schreibtisch. Er hatte einen Artikel über eine neue Umfrage aufgeschlagen, derzufolge das Land »seit dem Bürgerkrieg nicht mehr so stark entzweit« gewesen sei.

»Warum zeigen Sie mir das, Mr McNamara?«

»Oh, hat jemand meinen Vater hereingelassen? Mister McNamara? Wer ist das? Ich bin Mac, Maggie. Mac. Ich dachte, ihr Liberalen lasst die Förmlichkeiten am Arbeitsplatz gern weg?« Er vollführte eine affektierte Geste und hob die Stimme. »Oh, wir sind alle gleich. Behandelt mich einfach wie die anderen

Sie besann sich auf das, was sie mit Richard erörtert hatte. Dass sie vielleicht die Auswirkungen der Präsidentschaft lindern könnten – und sei es nur im Kleinen –, indem sie beide auf ihren Posten blieben, als Insider. Sie hatten die Pflicht, etwas zu bewirken, wenn sie konnten. Innerlich leistete sie diesen Eid nun erneut. »Wie kann ich Ihnen helfen, Mister … Mac.«

»Sehen Sie sich die Zeitung an, Maggie.«

»Erste Staaten führen Registrierung muslimischer Bürger ein. Arizona und Texas erproben neues Verfahren.«

»Nicht diesen Artikel. Den, den ich markiert habe, gleich daneben. Schauen Sie mal, wie wir bei den Achtzehn- bis Vierundzwanzigjährigen dastehen.«

»Dreiundzwanzig Prozent sind pro, vierundsiebzig contra, drei sind unschlüssig.«

»Genau. Zweiundzwanzig Prozent im Vormonat, jetzt sind wir bei dreiundzwanzig. Die jungen Leute schließen sich uns an, Maggie. Ich kann es spüren.« Er warf den Kopf in den Nacken und stimmte lauthals ein Lied an, seine eigene Version eines David-Bowie-Klassikers. »Allllllt-Right, we are the young Americans!« Während er die Zeile wiederholte, drehte er sich langsam um die eigene Achse und nickte mit geschlossenen Augen im Takt – ein Rocker mittleren Alters, der während seiner Nostalgietour auf der Bühne stand.

Maggie schwieg.

»Okay, Sie haben mich erwischt. Ich bin nicht wegen des Artikels hier.«

»Falls es um den Kalender geht, den hängen wir unter keinen Umständen wieder auf.«

»Ich habe bemerkt, dass die zauberhafte Miss Mai im Einsatz verschollen ist. Sind Sie dafür verantwortlich? Ziehen wir das noch immer durch, dieses Benehmen wie bei einem Studentenprotest?«

»Der juristischen Definition von sexueller Belästigung nach erzeugen wir eine feindselige Umgebung, indem wir diesen Kalender auch nur aufhängen.«

Lächelnd schüttelte er den Kopf. »Das kapiert keiner von euch, was? Nicht mal ansatzweise. Ist euch nicht klar, dass die Leute den großen Kerl im November genau deshalb gewählt haben? Gut, es war auch hilfreich, dass seine Gegnerin die nationale Sicherheit gefährdete, weil sie ein unsicheres Telefon benutzt hat.«

Maggie verdrehte die Augen.

»Aber der Hauptgrund ist genau diese Art von Scheiß. Sie haben ihn gewählt, weil die Leute die Nase voll davon haben, dass zimperliche kleine Fräulein so einen Schwachsinn wie ›feindselige Umgebung‹ von sich geben.« Er sprach die beiden Worte mit Fistelstimme und feminin anmutender Lippenbewegung, wobei er mit den Fingern Anführungszeichen andeutete. »Die Leute können es nicht mehr hören, dass es ein Bundesvergehen ist, ein normaler Weißer mit rotem Blut zu sein.«

»Sie sind sicher nicht hier, um den Wahlkampf zu wiederholen, Mac.«

»Nein, aber wie es aussieht, ist das wohl nötig.« McNamara nahm auf einem Stuhl Platz, lehnte sich zurück und legte die schuhlosen Füße auf den Schreibtisch.

Maggie wäre am liebsten zurückgezuckt.

»Weswegen ich hier bin«, sagte er. »Sie sollen etwas für mich aus der Welt schaffen.«

Maggie hob die Augenbrauen.

»Es kam während des Wahlkampfs auf – und jetzt schon wieder.«

Noch immer schwieg Maggie. Sie sah es nicht ein, McNamara die Sache leichter zu machen.

Er senkte die Stimme. »Ich glaube, ihr Washington-Insider nennt es ›Barbie-Skandal‹.«

Maggie dachte nach. »Meinen Sie damit, der Präsident hatte außereheliche Affären?«

»Nein!« Mac grinste. »Keine Affären. Nichts, das man so bezeichnen könnte.«

»Oh, Sie meinen sexuelle Belästigung. Wahllos Frauen angrabschen.«

»Ich meine, dass man ihm das vorwirft

»Gibt es inzwischen diesbezüglich mehr Anschuldigungen? Behaupten Personen aus seiner Vergangenheit, er habe …«

»Zum Teil.«

»Oh, also nicht nur frühere Vorfälle? Aktuelle? Hier? In diesem Gebäude? Himmel, Mac, gegen den Letzten, der so was getan hat, gab es ein Amtsenthebungsverfahren.«

»Oh, darüber mache ich mir keine Sorgen. Die Führungsriege des Weißen Hauses leckt uns den Arsch. Und die Zunge steckt tief drin.«

Magie bemühte sich nach Kräften um eine reglose Miene. Er versuchte, sie zu provozieren, doch sie wollte verdammt sein, ihm den Gefallen zu tun und darauf zu reagieren.

Er fuhr fort. »Keiner von ihnen traut sich, es anzusprechen. Vergessen Sie nicht, er ist in ihren Bezirken stärker als sie selbst. Aber es ist eine Ablenkung. Sie müssen das für mich aus der Welt schaffen.«

»Klingt eher nach einer Angelegenheit für seinen Anwalt.«

»Nein. Er ist jetzt der Präsident. Ein Angriff auf ihn ist ein Angriff auf die Präsidentschaft.«

»Das ist nicht ganz …«

»Außerdem sind Sie die Richtige dafür.« Er erhob sich. Ehe Maggie fragen konnte, wie er das meinte, sagte er mit anzüglichem Grinsen: »Sie haben die richtige Ausstattung.« Er zog die Tür hinter sich zu.

Maggie barg den Kopf in den Händen. Sie musste dringend mit Richard reden.

Sie waren erst seit wenigen Monaten zusammen, aber weil so viele alte Freunde das Weiße Haus verlassen hatten, war er zu ihrem wichtigsten Vertrauten geworden. Er war drei Jahre jünger als sie und verstörend attraktiv – einer dieser Washingtoner, die schon eine Joggingrunde gedreht hatten, ganz gleich, wie früh das erste Meeting anberaumt war. Eigentlich alles andere als ihr Typ. Zwar hatte er seinen Posten erst in der Übergangszeit erlangt, dennoch hatte er wie Maggie daran gezweifelt, ob es weise war, der neuen Administration zu dienen. Richard Parris hatte auf ihre Entscheidung, im Weißen Haus zu bleiben, ebenso großen Einfluss genommen wie der Präsident. »Maggie, von außen sind wir machtlos. Stell dir nur vor, wie schuldig wir uns fühlen würden, wenn etwas Schreckliches geschieht. Etwas, gegen das wir etwas hätten unternehmen können – egal was.«

Anfangs hatte Richard nicht verstanden, warum dieses Argument sie so sehr beschäftigte. Es gab einen Grund dafür, doch den hatte sie Richard ebenso wenig offenbaren wollen wie allen anderen. Eines Nachts im Bett jedoch war sie eingeknickt und hatte es ihm erzählt. der Gedanke an den Moment wühlte nun alles wieder auf: Das starke, fast schon körperlich spürbare Schuldgefühl, das sich mit aller Macht Bahn brach. Sie verdrängte das Gefühl wieder – ein psychologischer Akt, den sie mindestens ein Dutzend Mal pro Tag vollzog.

Sie lief die Treppe hinab, um Richard zu suchen. Sie wollte ihn um einen Spaziergang bitten. Maggie musste ihre Seele erleichtern. Im Geiste probte sie die Rede, die sie ihm halten würde: Wir mildern den Schlag nicht ab, Richard. Wir legitimieren ihn. Wir sind für sie nichts weiter als ein Feigenblatt. Ich bin nicht nach Washington gekommen, um jemandem, der Frauen missbraucht, dabei zu helfen, den Konsequenzen zu entgehen. Deswegen bin ich nicht …

Etwas riss sie aus den Gedanken. Sie war soeben um die Ecke gebogen, als sie mehrere Leute aus dem Oval Office treten sah. Richard war bei ihnen – merkwürdig für jemanden in seiner Position –, doch er bemerkte sie nicht. Stattdessen war er damit beschäftigt, mit der einzigen Frau in der Gruppe zu scherzen. Man erkannte sie allein wegen ihres Haars auf den ersten Blick. Dicht und glänzend, zeugte es von Reichtum. Sie war unverwechselbar.

Nun zeigte Richard ihr sein Telefon und setzte ein warmes Lächeln auf, als sie ihm im Gegenzug das ihre präsentierte. Ihre Gesichter – auf Maggie wirkten sie jung und hinreißend – schienen im Licht der Deckenlampen zu glühen. Es war offensichtlich. Ihr Freund flirtete mit der Tochter des Präsidenten.

Drittes Kapitel

New York, Montag, 09.20 Uhr

Keinerlei Charisma zu besitzen birgt doch gewisse Vorteile, dachte Bob Kassian. Er saß in der Businessclass im Flieger nach New York. Lediglich ein Secret Service Agent begleitete ihn. Nur wenige Leute hatten ihm ihre Aufmerksamkeit geschenkt: einige Reisende, die ihm die erhobenen Daumen zeigten, und eine Reporterin von Fox, die ihn am Gate in ein Gespräch verwickeln wollte. Kassian hatte so knapp, einsilbig und in dem für ihn typischen leisen Tonfall geantwortet, dass die Frau sich rasch zurückzogen hatte. Er besuchte keine Sonntags-Talkshow, hielt wenige Reden. Und das war auch besser so.

Vor allem an diesem Morgen. Andernfalls hätte er breit grinsend für eine Unmenge Selfies posieren müssen, mit Fans, die Baseballkappen in den richtigen Farben trugen. Wie sehr sie seinen Boss verehrten. Wenn die nur wüssten, was er wusste; hätten sie bloß gesehen, was er wenige Stunden zuvor gesehen hatte. Ein finsterer Gedanke drängte sich ihm auf: Vielleicht würde sogar das keinen Unterschied machen. Nichts schien ihre Hingabe für diesen Mann schmälern zu können.

Zum tausendsten Mal fragte er sich, ob er das Richtige getan hatte. Als Beamter, der lieber im Hintergrund blieb, war er nie ein sonderlich engagierter Parteigänger gewesen. Er hatte sich diesen Leuten nur angeschlossen, weil sie seine Freunde und einzigen Kontakte waren. Er hatte sich den Ruf erworben, Operationen leiten zu können – große Operationen –, und zwar reibungslos. Nach seiner Militärzeit hatten ihm alle prophezeit, dass seine Fähigkeiten ihm ein Vermögen einbringen würden, und sie hatten recht behalten. Er ging nach New York zu einer großen Bank und bezog dort ein Gehalt, von dem er zuvor nur hätte träumen können. Doch er vermisste, was er am meisten an der Army gemocht hatte: Sinnhaftigkeit. Die Politik erschien ihm allenfalls als angenehme, aber zweitrangige Alternative.

Und was seinen Job anbelangte, wusste er, warum man ihm die Stelle angeboten hatte: Man wollte ihn als den vernünftigen Erwachsenen im Team präsentieren. Seine ruhige, technokratische Ausstrahlung sollte die nervösen Parteimitglieder beruhigen. Es mochte altmodisch klingen, doch er glaubte, dass es seine patriotische Pflicht gewesen war, das Angebot anzunehmen. Hätte er abgelehnt, wäre fraglos einer der Verrückten an seine Stelle gerückt. Und von innen konnte er vielleicht einen mäßigenden Einfluss ausüben, den Präsidenten zügeln, der ansonsten auf die schäumenden Extremisten unter Crawford McNamara hörte. Diesem Mann vertraute der Oberbefehlshaber ganz zweifellos.

Während ihn der Wagen nach Manhattan brachte, schloss er die Augen und war dankbar für die Privatsphäre, so kurz sie auch währte.

Irgendwie hatten sie überlebt. Die Sonne war aufgegangen, und der Himmel war nicht auf sie herabgestürzt. Die Zivilisation war nicht untergegangen. Das war allerdings weder sein Verdienst noch der seines engsten Verbündeten Jim Bruton gewesen. Nicht sie hatten den Präsidenten davon abgehalten, den Befehl zu geben.

Die Wahrheit lautete: Der Präsident hatte kurz davor gestanden, die Raketen zu starten. Er war zum Colonel in die Kommandozentrale des Pentagon durchgestellt worden, und der hatte dem Protokoll Folge geleistet und den Initiierungscode abgefragt: Echo Bravo – oder wie immer er lautete. Der Präsident hatte darauf seine persönlichen Autorisierungscodes durchgegeben, sagen wir: Delta Zulu. Und dann hatte er der Zentrale seine Entscheidung mitgeteilt und erklärt, er habe aus den diversen Angriffsplänen Option B ausgewählt.

Daraufhin hatte der Colonel – dem dafür alle Ehre gebührte – dem Präsidenten vorgeschlagen, besser mit einer À-la-carte-Strategie auf diese äußerst ungewöhnliche Situation zu reagieren. Äußerst ungewöhnlich aus dem Grund, dass derzeit kein Angriff auf die Vereinigten Staaten stattfand – ein solcher indes sei das einzige Szenario, für das alle ausgebildet seien. Ein netter Versuch des Colonels: Ein kompliziertes »Speisemenü« hätte Stunden oder Tage erfordert. Das hätte Kassian und den anderen etwas verschafft, was sie brauchten: Zeit. Doch der Präsident war eisern geblieben. Option B. Sofort.

Anscheinend war es in der Kommandozentrale zu diesem Zeitpunkt sofort still geworden. Selbst der Präsident hatte kurz seinen Wutanfall unterbrochen.

Der Colonel wandte sich an das Team der Kommandozentrale und gab das Signal. Seine Leute machten sich daran, die »Emergency Action Message« abzusetzen, eine chiffrierte Kurznachricht, die die Mächte auf den Plan rief, die der Präsident beschwören wollte: die Bomben, die die Welt zerstört hätten. Diese Prozedur hätte etwa eine Minute in Anspruch genommen.

Doch nach etwa fünfzehn Sekunden bat ein junger Analytiker des Verteidigungsnachrichtendienstes den Colonel, noch zu warten. Er habe einen Bericht gelesen über eine aktuelle Aussage Pjöngjangs, mit der man sich offenbar von der Verlautbarung distanzierte, die den Präsidenten so sehr beleidigt hatte. Der Bericht sei gerade erst hereingekommen.

Die Telefonverbindung zwischen dem Pentagon und dem Weißen Haus stand nach wie vor, und der Colonel sagte: »Mr President, wir haben Grund zu der Annahme, dass die Nordkoreaner einen Rückzieher machen.«

»Inwiefern?«

»Sir, sie haben bedingungslos kapituliert. Mit einer unterwürfigen Entschuldigung.«

»Sind Sie sicher?«

»So lauten unsere Informationen, Sir, ja.«

»Okay.«

Noch zwanzig Sekunden verblieben, bis der Angriffsbefehl live geschaltet wurde.

»Heißt das, Sie nehmen den Befehl zurück, Sir?«

»Was haben die Nordkoreaner genau gesagt?«

»Sir, wir haben noch zehn Sekunden, bis wir uns entscheiden müssen. Soll ich den Befehl zurücknehmen?«

»Ich scheiße auf die.«

»Sir?«

»Ja, ja. Abbruch.«

Und auf diese Weise hatten sie das Armageddon abgewendet. Ein scharfsichtiger Schreibtischbeamter hatte vermutlich die Welt gerettet. Aufgeweckt und kreativ, mehr als scharfsichtig, wie sich herausstellte. Jim Bruton war einige Minuten später im Pentagon eingetroffen. Der diensthabende Colonel verriet ihm diskret, dass die vermeintlich unterwürfige Aussage Nordkoreas, die zufällig wenige Sekunden vor Betätigung des Abzugs veröffentlicht worden war, eher Wunschdenken entsprach als der Realität. Der Analytiker hatte die Lage korrekt bewertet und begriffen, dass sein Vorgesetzter und der Verteidigungsminister verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, das Geschehen zu verzögern, und er hatte ihnen gegeben, was sie brauchten. Das stellte Bruton zwar nun vor das Problem, einen Text formulieren zu müssen, der als zufriedenstellende Entschuldigung Pjöngjangs durchgehen konnte – doch war das in Anbetracht der heiklen Lage entschuldbar. Jim hatte den Offizier und das gesamte Team der Kommandozentrale unverzüglich für die Defense Superior Service Medal vorgeschlagen.

Kassian war inzwischen im Waldorf Astoria Hotel eingetroffen. Ohne nach rechts oder links zu blicken, ging er direkt zu den Aufzügen. Sein Secret Service Agent bahnte ihm den Weg, rief den Aufzug und drückte den Knopf für das entsprechende Stockwerk. Kassian, der den direkten Blickkontakt mit Hotelgästen mied, betrachtete sich im Spiegel. Sein Haar war so voll wie früher, doch schien es täglich ein wenig mehr zu ergrauen. Im Januar war es noch dunkel gewesen. Er war groß und mager wie immer. Seine Frau behauptete, er sei nach wie vor attraktiv: »Auch im echten Leben, nicht nur für Washingtoner Verhältnisse«, sagte sie jedes Mal. Doch er selbst betrachtete sein Spiegelbild mit anderen Augen: Ein Ausdruck von Furcht und Sorge schien seine Züge immer öfter zu bestimmen. Das Gesicht, das ihm entgegenblickte, wirkte gehetzt.

Sie betraten den fünften Stock und gingen zu der Suite, deren Nummer ihm übermittelt worden war. Eine freundliche, beleibte Blondine in den Vierzigern ließ sie ein und stellte sich als die schwedische Botschafterin der Vereinten Nationen vor. Kassian fand, sie hatte eine unerwartet mütterliche Ausstrahlung.

Es folgte eine Phase betretenen Schweigens, während sein Begleitschutz die Sicherheit der Suite überprüfte – was vor allem auf die Suche nach Wanzen hinauslief. Dann machte Kassian ihn mit dem schwedischen Sicherheitsbeamten bekannt, der sich seinerseits vorstellte. Erst als die beiden Agents der schwedischen Gastgeberin mit einem Nicken signalisiert hatten, dass alles in Ordnung sei, gab sie das Zeichen. Eine Sekunde später öffnete sich eine Tür, die vermutlich zu einem der Schlafzimmer führte. Ein Mann trat hindurch, den Kassian sofort erkannte: der UN-Botschafter der Volksrepublik China.

Kassian, der nach wie vor stand, reichte ihm die Hand, die der chinesische Diplomat fest drückte. Kassian wusste, der Mann war mit einundfünfzig nur ein Jahr älter als er selbst. Er trug einen schlichten blauen Anzug, ein gelb-weißes Hemd und eine übergroße Brille im Stil der Siebzigerjahre. Der Retrolook war nicht beabsichtigt. Die Brille war einfach alt.

Ihre Gastgeberin bedeutete beiden Männern, im Wohnbereich Platz zu nehmen. Zwei Sofas, ein Lehnstuhl und ein Couchtisch standen in der Mitte des Raums. Mit einem Akzent, der auf eine kostspielige Ausbildung in England hindeutete, ergriff sie das Wort.

»Gentlemen, wie Sie wissen, wurden wir gebeten, Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich völlig undokumentiert und vertraulich zu besprechen. Auf Mr Kassians Vorschlag findet das Treffen hier statt und nicht in Washington. Dort wäre Diskretion in seinen Augen schwerer zu gewährleisten, vornehmlich für ihn selbst. Sie lächelte. »Ihm ist ebenfalls bewusst, dass Sie, Mr Zheng, bei allem gebotenen Respekt für den Washingtoner Botschafter der Volksrepublik, den Ruf genießen, Ihrer Regierung in Peking besonders nahezustehen und, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, großen Einfluss auf sie zu haben.« Sie legte eine kurze Sprechpause ein. »Ich möchte betonen, dass Schweden keinerlei eigenes Interesse an dem hat, was auch immer Sie beide hierherführt. Doch sicher ist Ihnen beiden das große historische Interesse Schwedens bekannt, den Frieden in der Welt voranzutreiben. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, einen Krieg zu verhindern, wird mein Land dazu beitragen, was in seiner Macht steht.

Ich wiederhole noch einmal, dass alles, was in diesem Raum gesagt wird, vertraulich bleibt. Nichts davon wird von uns weitergetragen. Wir werden abstreiten, dass dieses Treffen je stattgefunden hat. Niemand weiß von unserer Anwesenheit hier. Dieser Raum ist unter dem Namen eines anonymen schwedischen Geschäftsmannes gebucht. Zufälligerweise gibt es davon eine ganze Menge.« Die Bemerkung erfüllte ihren Zweck und brachte beide Männer zum Lachen. »Mr Kassian, dieses Treffen kam auf Ihren Vorschlag zustande. Warum fangen Sie nicht an?«

»Ich danke Ihnen, Frau Botschafterin. Und ich danke Ihnen, Sir, dass Sie so kurzfristig bereit waren, mich hier zu treffen. Ich hoffe, Sie wissen, dass ich unsere gemeinsame Freundin hier«, er deutete mit dem Kopf auf die Schwedin, »nie gebeten hätte, uns dieses Treffen zu ermöglichen, wenn ich es nicht für äußerst wichtig hielte.«

Zheng Lei sah ihn ausdruckslos an.

Kassian senkte kurz den Blick und überprüfte, ob seine Hände wieder zitterten. »Ich weiß nicht, wie viel Sie von dem wissen – oder ob Sie überhaupt etwas davon wissen –, was gestern Nacht im Weißen Haus vorgefallen ist.« Sein Gesprächspartner zeigte keine Reaktion. »Aber ich will sehr offen zu Ihnen sein. Ich sehe keine andere Möglichkeit.«

Er räusperte sich. Er hatte darüber nachgedacht, was er sagen würde – im Flugzeug, im Wagen –, doch das hatte ihn nicht darauf vorbereitet, wie es sich anfühlen würde, die Worte auszusprechen. »Heute in den frühen Morgenstunden war mein Land nur noch zehn Sekunden davon entfernt – eigentlich sogar weniger als zehn Sekunden –, einen nuklearen Großangriff auf die Demokratische Volksrepublik Korea zu starten. Und«, er spürte, dass sein Hals trocken wurde, »auch auf die Volksrepublik China.«

Die schwedische Botschafterin keuchte auf. Ein unkontrollierter, völlig authentischer Laut. Sie hatte sich die Hand auf den Mund gelegt.

Kassian fuhr fort: »Der Präsident hat den Befehl dazu gegeben. Die Kommandozentrale im Pentagon stand im Begriff, diesen Befehl zu verschlüsseln und an die Kommandeure überall auf der Welt zu übertragen. Das schließt die landgestützten Abschusseinrichtungen ebenso ein wie die unterirdischen Anlagen, die U-Boote und unsere Bomber. Nur dem findigen und tapferen Einschreiten eines Offiziers haben wir es zu verdanken, dass der Befehl im letzten Moment zurückgenommen wurde.«

Der chinesische Botschafter stierte auf den Couchtisch zwischen ihnen. Kassian beschloss, das als Reaktion zu werten. Vielleicht vermied der Mann den Blickkontakt, um sich nicht zu verraten.

Kassian fuhr fort. »Der Auslöser für den Angriff war die Verlautbarung der DVRK von vergangener Nacht, unserer Zeit. Sie hatte anscheinend den Zweck, unseren Präsidenten zu verhöhnen. Wenn ich zitieren darf …« Kassian nahm einen Zettel aus der Brusttasche und faltete ihn auseinander. »›Die Arbeiterpartei weiß, dass sie es in Washington mit einem Papiertiger zu tun hat, einem Feigling und kleinen Mann. Wir werden unsere Stärke demonstrieren – denn wir kennen die Schwäche unseres Gegners.‹«

Noch immer schwieg Zheng.

Kassian redete weiter: »Normalerweise, etwa unter der vorigen Regierung, wären solche Aussagen als Rhetorik eingestuft worden.«

Irrte er sich, oder hatte der Botschafter kaum merklich genickt? Die Regung ermutigte ihn. »Aber wir leben nicht in normalen Zeiten. Zum einen hat die DVRK wiederholt signalisiert, dass sie Nuklearwaffen bauen will, die die Westküste der Vereinigten Staaten erreichen können. Die Los Angeles treffen könnten. Unser Geheimdienst ist der Ansicht, dass die DVRK dieses Ziel erreicht hat oder zumindest kurz davorsteht. Und es gibt noch einen weiteren – wie soll ich sagen? – zwingenden Grund, warum wir nicht in normalen Zeiten leben. Der Anführer meines Landes ist kein Politiker. Und er ist auch kein Soldat. Er hört solche Aussagen«, er hielt den Zettel hoch, »und nimmt sie wahr wie ein junger Mann in einer Bar.« Das hatte er so nicht formulieren wollen; er fragte sich jetzt, ob das ein Fehler gewesen war. »Er nimmt sie als Provokation wahr. Er glaubt, man fordert ihn heraus zu beweisen, dass Nordkorea unrecht hat.«

Zheng setzte sich aufrechter hin, als wolle er das Wort ergreifen. Kassian wusste nicht, ob das bedeutete, dass seine Ausführungen auf fruchtbaren Boden gefallen waren.

»Mr Kassian, haben Sie Geschichte studiert?« Zhengs Englisch war tadellos.

»Verzeihung?«

»In Ihrem Lebenslauf steht, Sie hätten Geisteswissenschaftler in Princeton studiert. Aber das verrät mir nicht, ob Sie Geschichte studiert haben.«

»Ein wenig.«

»Ich verstehe. Nun, ich habe Geschichte studiert. Mein Fachgebiet ist sogar die Geschichte Ihres Landes. Vor allem das letzte Jahrhundert. Die Amtszeit Richard Nixons hat mich immer besonders interessiert. Ich habe meine Masterarbeit über Mr Nixons Beziehungen zu Asien geschrieben.«

»Ich verstehe.«

»Wissen Sie, warum ich das zur Sprache bringe?«

»Sie werden es mir sicher gleich sagen.«

»Weil Mr Nixon Wert darauf legte, seine engsten Berater – besonders Mr Kissinger – durch die Welt zu schicken. Sie sollten alle warnen, dass ihr Chef wahnsinnig sei.« Er lächelte. »Dass er verrückt ist! Den Verstand verloren hat. Das störte Nixon nicht. Er hat seine Berater dazu ermuntert. Er wollte, dass Amerikas Feinde ihn fürchten. ›Amerika hat so viele Bomben – und Nixon ist verrückt genug, sie einzusetzen!‹«

»Und Sie glauben, ich verfolge gerade dieselbe Strategie?«

»Die Geschichte wiederholt sich nicht, Mr Kassian. Aber manchmal reimt sie sich.«

Kassian blickte die schwedische Botschafterin hilfesuchend an. Mit einem Nicken ermutigte sie ihn, etwas zu erwidern. Sie würde sich nicht auf eine Seite schlagen.

»Mr Zheng. Ich bin ein hohes Risiko eingegangen, heute Morgen hierherzukommen. Mein Präsident weiß nicht, dass ich hier bin. Er würde mich feuern, falls er es herausfände. Ich kann Ihnen versichern, ich bin nicht auf seinen Wunsch hier.«

»Warum dann?«

»Ich bin hier, weil ich Angst habe.« Die eigene Antwort überraschte Kassian ebenso wie die beiden Botschafter, wenn nicht sogar mehr. »Ich glaube, Sie verstehen nicht, was ich Ihnen sagen will. Ihr Nachbar war heute Morgen nur sieben oder acht Sekunden davon entfernt, von der Landkarte zu verschwinden, und Ihr eigenes Land stand kurz davor, mit Nuklearsprengköpfen bombardiert zu werden. Jeder einzelne Koreaner wäre getötet worden, zusammen mit Millionen Ihrer Landsleute. Kinder. Familien. Vielleicht sogar Ihre eigene.« Kassian glaubte, eine Regung in Zhengs Miene zu sehen. »Das ist keine Taktik. Das ist kein Spiel. Dies ist mein gottverdammter Ernst.«

»Mr Kassian …«

»Nein, hören Sie. Ich warne Sie, weil ich glaube – nein, weiß –, dass das in einer Katastrophe enden könnte. Für den ganzen Planeten. Er ist dazu bereit, die entsprechenden Schritte zu unternehmen. Er hat es schon getan. Er gab den Befehl dazu.«

»Warum ist es dann nicht so weit gekommen?«

»Wir haben eine Möglichkeit gefunden, ihn aufzuhalten.«

»Wie?«

Mr Kassian blickte verlegen zur schwedischen Botschafterin. Unbewusst senkte er die Stimme. »Wir haben ihm gesagt, die DVRK habe sich für die Verlautbarung entschuldigt.«

»Ich verstehe.«

»Das war der einzige Weg.«

»Und jetzt soll mein Land seinen Einfluss auf die Demokratische Volksrepublik geltend machen und sie dazu bewegen, die Lüge zu decken, die Ihren ›verrückten‹ Präsidenten davon abhielt, die Welt in die Luft zu jagen?«