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© 2020 Christian Kronmüller

Lektorat: Jennifer Kronmüller, Susanne Selig

Korrektorat: Jennifer Kronmüller

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-7534-6710-8

Hinweise

Alle Informationen, Verfahren und Techniken in diesem Buch wurden nach besten Wissen und Gewissen niedergeschrieben und erklärt. Dennoch übernimmt der Autor keine Verantwortung und keine Haftung, wenn durch das Ausüben und Anwenden der im Buch gezeigten heilkundlichen Techniken und Verfahren Schäden entstehen. Das Buch ist kein Ersatz für eine medizinische Ausbildung oder Akupunkturunterricht, der von gut ausgebildeten Lehrkräften abgehalten wird, sondern lediglich als Ergänzung zu sehen bzw. als Begleitlektüre zu Kursen und Seminaren.

Da sich die Medizin wie jede Wissenschaft stetig weiterentwickelt, hat der verantwortungsbewusste Leser dieses Buches selbstständig Sorge zu tragen, dass sein Wissen immer auf dem neuesten Stand ist.

Akupunktur ist ein Gebiet der Naturheilkunde. Diese ist in Deutschland nur bestimmten Berufsgruppen (z.B. Ärzten, Heilpraktikern) vorbehalten.

Für Kritik, Anregungen und Diskussionen finden Sie im Anhang die Kontaktadresse des Autors.

Inhaltsverzeichnis

Die Ursprünge der Traditionellen Chinesischen Medizin

Bereits 300 Jahre vor unserer Zeitrechnung entstand das Buch Huangdi Neijing („Der Klassiker des gelben Kaisers zur inneren Medizin“). Bis Heute ist dieses Buch die Grundlage der traditionellen Heilkundeausbildung. Die Ursprünge der Traditionellen Chinesischen Medizin reichen jedoch bis noch viele hundert Jahre vor der Entstehung dieses Buches. Bei Ausgrabungen fand man Tontafeln und Tongefäße mit Aufzeichnungen heilgymnastischer Übungen und Schriften über Gesunderhaltung und Krankheitsentstehung.

Die Entwicklung der Traditionellen Chinesischen Medizin kann man durch die gesamte chinesische Geschichte verfolgen. Jede Kaiserdynastie trug ihren Teil zur Entstehung und Perfektionierung dieser ganzheitlichen Lehre und Wissenschaft bei. So wurde die Traditionelle Chinesische Medizin auch Unterrichtsfach an den kaiserlichen Akademien und erlangte nicht nur hohes Ansehen in der chinesischen Bevölkerung sondern verbreitete sich auch über Japan und Korea auf den gesamten südostasiatischen Raum.

Durch die Entstehung der Volksrepublik China im letzten Jahrhundert wurde die chinesische Medizin dann politisch und gesellschaftlich an die moderne Zeit angepasst und für den Unterricht an Universitäten und Hochschulen weitestgehend vereinheitlicht. Heute findet die Traditionelle Chinesische Medizin weltweit Anerkennung und wird von der chinesischen Regierung als wichtiges Kulturgut für die Menschheit gefördert. Sie wird in der Volksrepublik China mit der modernen Schulmedizin gleichberechtigt gelehrt und praktiziert.

Viele Krankenhäuser haben heute eigene Abteilungen für Traditionelle Chinesische Medizin, in denen Patienten nach der Akutbehandlung ihrer Krankheiten und Verletzungen mittels moderner Schulmedizin mit großen Erfolg im weiteren Verlauf durch traditionell arbeitende Ärzte und Therapeuten mit Verfahren der Chinesischer Medizin therapiert werden.

Die Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin

Bei uns im Westen ist die Akupunktur das bekannteste Verfahren der chinesischen Medizin. Neben der Akupunktur, die übrigens das invasivste Verfahren darstellt, gibt es weitere teils bei uns recht unbekannte Methoden der Diagnose und Therapie, die allesamt zur Traditionellen Chinesischen Medizin gehören.

Die Diagnostik erfolgt über eine umfangreiche Anamnese, die nicht nur den momentanen Gesundheitszustand des Patienten genauestens unter die Lupe nimmt, sondern vergangene Krankheiten, Verletzungen und Besonderheiten im Leben zurück bis zur Geburt und die Schwangerschaft einschließt.

Die Ergebnisse der Anamnese werden untermauert über die Zungendiagnose, bei der das Aussehen und die Beschaffenheit der Zunge begutachtet werden. Hieraus lassen sich konkrete Schlüsse auf den energetischen Gesundheitszustand der inneren Organe ziehen.

Mit Hilfe der Pulsdiagnose können diese Ergebnisse nochmals überprüft beziehungsweise exakter definiert werden. Bei der Pulsdiagnose werden an jedem Handgelenk drei Pulsstellen ertastet, die jeweils ganz exakt für ein Organ stehen. Bei der Pulstastung werden unter anderem die Geschwindigkeit des Pulses, die Schlagstärke aber auch die Form der Pulswelle sowie andere Eigenschaften des Pulses bewertet und fließen somit in die Diagnose mit ein.

Nach der Anamnese und den Untersuchungen erstellt der Therapeut eine chinesische Differentialdiagnose, auf der dann die Therapie aufbaut. Er formuliert ein Behandlungskonzept und wählt aus den Therapiemethoden der Traditionellen Chinesischen Medizin das geeignetste Verfahren oder die geeignetsten Verfahren heraus.

An Therapieverfahren stehen dem Therapeut verschiedene Verfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin zur Verfügung:

Ernährungslehre

Alle Nahrungsmittel werden in der chinesischen Medizin jeweils einem Funktionskreis zugeordnet und haben eine konkrete energetische Wirkung auf die dem Funktionskreis zugehörigen Organe. Der Therapeut kann also einen Ernährungsplan exakt auf die Problematik des Patienten abstimmen.

Kräutermedizin

Ähnlich wie die Ernährungslehre werden auch die Kräuter, zu der neben pflanzlichen Produkten auch tierische und mineralische Stoffe zählen, den Funktionskreisen und damit den Organen zugeordnet. Die Kräuter werden aber speziell zubereitet (z.B. als Dekokt, Tee oder medizinischer Alkohol) und dann zusätzlich zur Ernährung eingenommen.

Tuina

Unter dem Begriff Tuina sind alle manuellen Techniken, Massagen und Akupressur zusammengefasst, für die man keine Hilfsmittel benötigt. Die meisten Techniken sind sehr sanft sowie wohltuend und können daher auch schon bei Babys und Kleinkinder aber auch bei sehr alten Menschen angewendet werden. Ein Spezialgebiet der chinesischen Manualtherapie ist eine sanfte Form der Chiropraktik.

Qi Gong

Qi Gong beinhaltet spezielle Gymnastik, Atemtechniken und meditativsuggestive Übungen, mit denen man den Körper anregt, ausreichend Lebensenergie zu produzieren und diese dann frei im Körper zum Fließen bringt. Die Qi Gong Übungen müssen vom Patienten selbst geübt werden und sind daher eine gute Möglichkeit, dem Patienten die Verantwortung für seine eigene Gesundheit zu übertragen. Qi Gong ist ein wichtiger Aspekt der Gesunderhaltung und Prävention, wirkt aber auch sehr gut bei Beschwerden des Bewegungsapparates, bei vielen chronischen Erkrankungen, funktionellen Störungen sowie psycho-vegetativen Syndromen.

Akupunktur und Moxibustion

Die Akupunktur ist das invasivste Verfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin. Mit dünnen Nadeln werden Punkte des Energiesystems angestochen und damit Energie im Körper umgeleitet oder ausgeleitet. Mit Hilfe von glühendem Beifußkraut auf der Nadel oder nahe der Haut, man nennt diese Anwendung Moxibustion, kann man auch Energie in das Energiesystem des Patienten einbringen.

Aufgrund der starken Wirkung auf den Patienten und durchaus ernst zu nehmenden Komplikationen und Nebenwirkungen muss man die Indikation für die Akupunktur sehr streng stellen und die Therapie gegebenenfalls zunächst eher auf sanftere Methoden aufbauen.

Schröpfen, Guasha und andere Behandlungsmethoden

Neben den fünf Hauptsäulen Ernährung, Kräuter, Tuina, Akupunktur und Qi Gong gibt es noch weitere Behandlungsverfahren, die in der Traditionellen Chinesischen Medizin Anwendung finden. Dazu gehören das unblutige und blutige Schröpfen, Guasha (Schaben) oder z.B. der Pflaumenblütenhammer. Im weiteren Sinne könnte man auch Tai Ji Quan als gesundheitsfördernde Übungen zur Traditionellen Chinesischen Medizin zählen, obwohl dies ursprünglich als Kampf- und Selbstverteidigungskunst entwickelt wurde.

Merke: Die meisten Patienten in China werden nicht mit Akupunktur behandelt, denn Akupunktur ist das invasivste Therapieinstrument der Traditionellen Chinesischen Medizin!!!

Abbildung 1:

Die Chinesen nennen dieses Schema „yangsheng“ - das Leben pflegen. Wobei der Hauptaugenmerk auf der Prävention liegt bzw. die Verantwortung für die Gesundheit dem Patienten übertragen wird: Vier der fünf Säulen, also Ernährung, einfache Kräuter, einfache Massage und Qi Gong kann der Patient eigenverantwortlich durchführen. Nur für die Akupunktur und andere therapeutische Methoden braucht er professionelle Hilfe.

Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin

Die Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin wie wir sie heute praktizieren und lehren stammen aus der taoistischen Weltanschauung und gehen zurück auf das vierte Jahrhundert vor Christus.

Laotse, der Begründer des Taoismus, hat in dieser Zeit das Buch Daodejing geschrieben, was sowohl philosophische, politische und auch naturwissenschaftliche Ideen und Lehren beinhaltet.

Der Taoismus beschäftigt sich tiefgründig mit der Natur, dem Universum, der Entstehung des Lebens sowie auch dem richtigen Verhalten in Einklang und Harmonie mit der Umwelt und seinen Mitmenschen.

Aus dieser makrokosmischen Betrachtung wurden die Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin abgeleitet und auf den Organismus des Menschen übertragen.

Qi

Das zentrale Thema in der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die universelle Lebensenergie Qi. Sowohl die unbelebten Dinge als auch die Lebewesen, prinzipiell also alles im Universum was wir wahrnehmen können, ist eine Form von Energie. Alle Lebewesen müssen ständig Energie von außen aufnehmen, um die Körpervorgänge aufrecht zu erhalten und somit am Leben zu bleiben. Man könnte dies auch als Energiestoffwechsel bezeichnen: Der Mensch nimmt Energie von außen auf, wandelt diese für sich brauchbar um, verwendet die Energie für Körperprozesse und Funktionen und gibt die verbrauchte Energie wieder an die Umwelt nach außen ab.

Die Lebensenergie Qi ist für den Körper so essentiell wie das Grundnahrungsmittel Chinas, der Reis. Dennoch ist es etwas, was man nicht „greifen“ „halten“ oder „messen“ kann. Es ist flüchtig wie z.B. Rauch oder Dampf. Daher setzt sich das chinesische Schriftzeichen für Lebensenergie Qi aus den beiden Teilzeichen „Reis“ und „Dampf“ zusammen: Ein Stoff, so wertvoll und notwendig wie Reis aber gleichzeitig so wenig greif- und haltbar wie eben Dampf!

Abbildung 2:

Das Schriftzeichen für universelle Lebensenergie „Qi“.

Der Organismus nimmt Zong Qi (Atmungs- oder Sammelenergie) über die Atmung und Gu Qi (Nahrungsenergie) über die Ernährung auf und wandelt diese Energie um, so dass sie für den Organismus brauchbar wird. Dazu wird die Energie mit Hilfe von Yuan Qi (vorgeburtlicher Energie) veredelt. Es entsteht die sogenannte brauchbare oder aufrechte Energie, die in China als Zheng Qi bezeichnet wird.

Die vorgeburtliche Energie entsteht bei der Zeugung eines neuen Lebens. Die Vater- und Mutterseite gibt jeweils einen Teil seiner reinsten und edelsten Energie ab und erschafft somit die Basis für das neue Leben. Das ist die sogenannte vorgeburtliche Energie oder auch Yuan Qi genannt. Sie ist von perfekter Qualität, aber durch die unmittelbare Entstehung bei der Zeugung von der Menge her klar definiert, begrenzt und nicht wieder aufladbar. Das Yuan Qi wird in den Nieren gespeichert und von diesen auch verwaltet. Eine gesunde und starke Niere hält das Yuan Qi fest und schützt es vor unsinnigem Verbrauch. Man muss sich die vorgeburtliche Energie wie einen chemischen Katalysator vorstellen, der erst die Umwandlung der Atmungs- und Nahrungsenergie in brauchbare Energie möglich macht. Ohne vorgeburtliche Energie kann der Körper keine brauchbare Energie herstellen. Daraus folgt, dass wenn die vorgeburtliche Energie aufgebraucht ist, der Organismus keine brauchbare Energie herstellen kann und aufgrund von Energiemangel letztendlich stirbt.

Während das Yuan Qi immer eine optimale Qualität hat, ist die Qualität der Nahrungs- und Atmungsenergie von unterschiedlicher Ausprägung.

So gibt es Nahrungsmittel, die dem Organismus weniger brauchbare Energie liefern und andere Nahrungsmittel wiederum, die einen hohen Energiegehalt haben. Gesunde Berg- oder Waldluft hat einen höheren Gehalt an Atmungsenergie während die abgasverpestete Luft nahe einer Autobahn oder eines Bahnhofs eher weniger Energie liefern kann.

Ist die Ernährung oder die Atmung eines Menschen unzureichend, weil die aufgenommene Menge an Nahrungsenergie oder Atmungsenergie nicht ausreicht oder eben nicht von guter Qualität ist, so wird der Mangel bzw. der Qualitätsmangel kompensiert durch eine größere Zugabe an vorgeburtlicher Energie.

Da diese Energie aber nicht wieder aufgefüllt werden kann, bedeutet dies, dass sie durch schlechte Ernährung, schlechte Atmung und allgemein ungesunden Lebenswandel schneller verbraucht wird. Geht die vorgeburtliche Energie zu Neige baut der Gesundheitszustand des Menschen rapide ab, ist die vorgeburtliche Energie aufgebraucht, stirbt der Mensch.

Abbildung 3:

Der Körper produziert aus Atmungs-Energie, Nahrungs-Energie unter Zuhilfenahme der vorgeburtlichen Energie in seinen Zang-Fu-Organen die wahre und aufrechte Lebensenergie, die dann im gesamten Körper zirkuliert.

Vor diesem Hintergrund ist es für den Menschen wichtig, den Körper optimal mit Energie zu versorgen. Hier zeigt sich nochmal der Stellenwert der Ernährung, denn eine gute Ernährung bedeutet die Aufnahme von ausreichend Nahrungsenergie und auch die Bedeutung des Qi Gong: Richtige Atemtechniken, Entspannung und ein sinnvoller Umgang mit dem Körper sorgen für eine optimale Aufnahme der Atmungsenergie.

Ein weiterer nicht zu verachtender Punkt, und hier setzen die meisten unserer Therapieverfahren an, ist der Zustand unseres Organsystems. Neben den uns bekannten Funktionen der Organe (Atmung, Kreislauf, Stoffwechsel…) ist die Hauptaufgabe der Organe in der Traditionellen Chinesischen Medizin die Umwandlung und Bereitstellung der aufrechten und brauchbaren Lebensenergie Zheng Qi. Wenn unser Organsystem gesund ist und optimal funktioniert, ist der Verbrauch an vorgeburtlicher Energie minimal und wir können auf ein langes erfülltes Leben hoffen. Ist die Funktion unserer Organe gestört oder Zusammenarbeit der Organe nicht koordiniert, ist automatisch der Energiegewinn geringer. Der entstehende Mangel wiederum wird durch vorgeburtliche Energie ausgeglichen, was in Folge zu einem höheren und schnelleren Verbrauch führt. Die Folgen sollten mittlerweile klar sein.

Neben der ausreichenden Menge an Lebensenergie Qi ist es natürlich genauso wichtig, dass die Energie im Körper auch frei fließen kann. Nur durch einen freien und ungehemmten Fluss kann die Lebensenergie auch tatsächlich ihre Funktionen im Körper erfüllen.

Man kann also vereinfacht sagen: Ist im Körper ausreichend Lebensenergie vorhanden und diese ist der Lage durch einen freien und ungehinderten Fluss in alle Körperbereiche, Gliedmaßen, Gewebe und Organe - letztendlich in jede einzelne Zelle - einzudringen, dann versorgt diese Energie den Menschen optimal.

Die Lebensenergie Qi hat folglich sieben klar definierte Funktionen:

Ist die Lebensenergie nicht in ausreichender Menge vorhanden oder kann nicht frei zirkulieren, dann können diese sieben Funktionen oder Teile dieser Funktionen im gesamten Körper oder in Teilen des Körpers nicht ausgeführt werden: Dies wiederum ist einfach gesagt die Grundlage dafür, dass Krankheiten oder Verletzungen entstehen können.

Abbildung 4:

Die Produktion der Lebensenergie Qi und die direkt daran beteiligten Organe in einem einfachen Schaubild. Die Milz wird auch als die Mutter der nachgeburtlichen Energie bezeichnet, da in ihr die einzelnen Bestandteile zur wahren Lebensenergie zusammengesetzt werden.

Weitere Substanzen

Die Lebensenergie Qi ist nicht die einzige Form von Energie in unserem Körper. Vielmehr stellt unser Organsystem mehrere Formen von Energie her, die jeweils spezielle Eigenschaften und Aufgaben im Organismus erfüllen.

So gibt es neben der Lebensenergie Qi das Blut Xue, also den flüssigen Aspekt der Lebensenergie. Überall wo Blut fließt, ist folglich Energie und überall wo Energie im Körper ist, fließt auch Blut Xue. Es wird genauso wie auch die Lebensenergie Qi von der Milz Pi aus Nahrungsenergie, Atmungsenergie und vorgeburtlicher Energie hergestellt. Das Blut Xue nährt den Körper genau wie es auch die Lebensenergie Qi macht, doch zusätzlich ist das Blut Xue auch für die Befeuchtung des Körpers verantwortlich. Durch den starken Bezug zum Herz Xin nennt man das Blut Xue auch die materielle Form des Geistes Shen.

Die feinstofflichste Variante unserer Lebensenergie ist unser Geist, den die Chinesen Shen nennen. Unser Geist sitzt im Herz Xin und entspricht in etwa dem, was wir als Bewusstsein kennen. Das gesamte Denken, Fühlen, die Merkfähigkeit, die Persönlichkeit sowie das Schlafen und Träumen wird von unserem Geist Shen gesteuert.

Eine besondere Form von Energie ist die Essenz Jing. Sie ist die Speicherform unserer Lebensenergie und fließt ebenfalls im gesamten Körper, aber deutlich zäher und langsamer. Diese Form der Energie ist für langfristige Prozesse des Lebens wie z.B. Wachstum und Entwicklung, aber auch Fortpflanzung, Alterung, Reifung aber auch für Heilungsprozesse verantwortlich. Sie hat einen starken Bezug zum Mark (Knochen- und Rückenmark). Auch sie besteht aus einem vorgeburtlichen Anteil (dem eigentlichen Jing) und einem nachgeburtlichen Anteil.

Weitere Formen von Energie finden wir in den reinen und trüben Körperflüssigkeiten Jinye. Dabei sieht man als reine Flüssigkeiten, die Flüssigkeiten, die im Körper verbleiben wie z.B. Gelenkflüssigkeit und Liquor. Als trübe Flüssigkeiten bezeichnet man die Flüssigkeiten, die physiologisch Kontakt zur Außenwelt bekommen: Tränen, Speichel, Schweiß usw.

Wichtig ist anzumerken, dass es sich bei all den genannten Flüssigkeiten um energiereiche Substanzen handelt! Energiearme Flüssigkeiten, z.B. Urin werden regulär als Abfallprodukte ausgeschieden.

In manchen Lehrbüchern wird Mingmen als Energie beschrieben und bezeichnet. Mingmen ist das Tor des Lebens. Es ist das Feuer, das die Nierenfunktion erhält und kann daher sowohl als Organ als auch als Energieform betrachtet werden.

Die weiterführenden Ideen, Theorien und Konzepte der Traditionellen Chinesischen Medizin haben das Ziel, die Energieformen zu systematisieren und sie nach ihren Eigenschaften und Funktionen aufzuteilen, damit man sie in Diagnose und Therapie anwenden kann.

Abbildung 4:

Die Zuordnung der drei Schätze Qi, Jing (Essenz) und Shen (Geist) zu den Zang-Fu-Organen und zur Himmel-Mensch-Erde (Tian-Ren-Di) – Idee.

Yin und Yang

Der wichtigste Grundsatz der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die Lehre von Yin und Yang. Sie entstammt wie alle Grundlagen der taoistischen Weltanschauung und ist ein allgemeingültiger Grundsatz, der nicht nur im menschlichen Organismus sondern auch bei der Betrachtung der Zusammenhänge des Universums gilt. Naturerscheinungen, Wetterphänomene, Zusammenleben von Pflanzen und Tieren, die Zeit, der dreidimensionale Raum – einfach alles ist dem Grundsatz von Yin und Yang unterstellt.

Die Yin und Yang Lehre beinhaltet vier klare Aussagen. Möchte man die Yin und Yang Lehre nutzen, muss man alle vier Aussagen beachten, wobei für die Anwendung in der Heilkunde die vierte Aussage einen großen Stellenwert besitzt!

Abbildung 5:

Eines der bekanntesten Symbole weltweit: Yin und Yang.

Zunächst besagt die Yin und Yang Lehre, dass es zwei Extreme oder gegenübergestellte Pole gibt. Man nennt dies auch das Gesetz der Dualität. Dies wird durch die zwei Farben Weiß und Schwarz dargestellt.

Die beiden zueinander gehörenden Extreme oder Pole ergeben zusammen betrachtet eine Einheit. So gehört der Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag, der Sommer zum Winter und der Winter zum Sommer. Man nennt dies das Gesetz der Einheit.

Allerdings sind diese Extreme wandelbar, denn der Tag geht über in die Dämmerung bevor die Nacht hererinbricht und die Nacht geht über in das Morgengrauen bevor der Tag letztendlich beginnt. Auch der Sommer geht über den Herbst in den Winter über und dieser wiederum über das Frühjahr erst zurück zum Sommer. Das sogenannte Gesetz der Wandlung sagt also aus, dass sich das eine Extrem in das andere Extrem wandeln kann oder es durch Wachstum verbrauchen kann.

Der letzte Punkt der Yin und Yang Lehre ist das Gesetz der Abhängigkeit oder die Betrachtung über einen klar definierten Bezugspunkt bzw. auf genau eine Eigenschaft bezogen. Yin und Yang können nur praktisch angewendet werden, wenn jeweils auf einen Bezugspunkt betrachtet beide Extreme bekannt sind. Nur so ist eine Zuordnung möglich.

Zur Veranschaulichung hier ein kleines Beispiel. Man betrachtet zwei Tassen mit Tee. Der eine Tee ist frisch und heiß. Seine Temperatur beträgt 60 Grad Celsius. Daneben steht eine Tasse Tee, die schon länger steht und auf 30 Grad abgekühlt ist. Aufgrund der Kenntnis von Yin und Yang und der vier damit verbundenen Aussagen, können wir einfach zuordnen: Die frische Tasse Tee mit dem 60 Grad heißem Getränk ist eindeutig dem Yang zuzuordnen während die Tasse mit dem auf 30 Grad abgekühlten Tee dem Yin zugeschrieben wird.

Stellen wir nun eine dritte Tasse Tee dazu, bei der das Getränk eine Temperatur von 45 Grad Celsius ausweist, ist es nicht mehr so eindeutig. Wir brauchen nun einen klaren Bezugspunkt:

Die neue Tasse Tee mit 45 Grad ist Yang im Vergleich mit der abgekühlten Tasse von 30 Grad, aber Yin im Vergleich mit der Tasse mit 60 Grad Celsius heißem Tee.

Abbildung 6:

Das Bild mit den drei Teetassen mit den unterschiedilchen Temperaturen zeigt sehr deutlich den Nutzen und die Problematik der Anwendung der Yin und Yang Lehre auf: Ohne eindeutigen Bezugspunkt ist diese Lehre nicht anwendbar…

Die vierte Aussage, der Bezugspunkt, ist in der Medizin von enormer Bedeutung. Um eine Aussage zu einem Merkmal eines Patienten treffen zu können, muss man nicht nur den momentanen Zustand sondern auch die Veränderung in diesem Merkmal betrachten. Der Zustand des Merkmals vor der Veränderung ergibt den Bezugspunkt zum jetzigen Zustand. Dies macht die Anamnese in der chinesischen Medizin oft sehr umfangreich, da Bezugspunkte oftmals in der Vergangenheit des Menschen liegen können.

Auf den Punkt gebracht:

1. Gesetz der Dualität

Alle wahrnehmbaren Erscheinungen und Veränderungen kann man einem der beiden Extreme Yin oder Yang zuordnen.

2. Gesetz der Einheit

Die beiden jeweils zusammengehörigen Extreme bilden eine Einheit.

3. Gesetz der Wandlung

Die beiden Extreme haben die Fähigkeit sich in das andere Extrem zu wandeln und/oder durch Wachstum das andere Extrem zu verbrauchen.

4. Gesetz der Abhängigkeit (Bezugspunkt!)

Die Definition des einen Extrems erfolgt über die Kenntnis des anderen Extrems. Die Zuordnung zu Yin und Yang kann nur durch den Vergleich mit einem fest definierten Bezugspunkt erfolgen.

Bei der Umsetzung der Yin und Yang Lehre auf den menschlichen Körper hat man sich einen Reisbauern vorgestellt, der auf seinem Feld arbeitet. Alles, was beim arbeitenden Reisbauern zur Sonne ausgerichtet ist, entspricht dem Yang-Aspekt des Menschen, alle Strukturen, die beim Reisbauern im Schatten liegen, sind die Yin-Aspekte des Menschen.

So ist der Rücken Yang und die Bauchseite Yin. Der Oberkörper ist Yang im Vergleich zum Unterkörper. Das Innere des Menschen ist Yin, während die Außenseite, also die Haut dem Yang zugeordnet wird. Die Innenseiten der Extremitäten sind Yin und die Außenseiten folglich Yang.

Abbildung 7:

Alles was beim Reisbauern bei der Arbeit auf dem Feld im Schatten liegt, ist dem Yin zugeordnet – was jedoch von der Sonne bestrahlt wird, kann man dem Yang zuteilen:

Der Rücken ist im Vergleich zur Vorderseite Yang, der Oberkörper ist im Vergleich zum Unterkörper Yang, die Außenseite der Extremitäten ist im Vergleich zur Innenseite Yang und die Körperoberfläche ist im Vergleich zu den inneren Strukturen ebenfalls Yang…

Aspekte der Yin/Yang-Lehre beim Menschen:

Yin Yang
Bauch Rücken
Innen Außen
Unterkörper Oberkörper
Speicherorgane Hohlorgane
Blut Qi
Struktur Funktion
Knochen und Organe Haut und Muskulatur
Ren Mai Du Mai
Chronisch Akut
Schleichend Plötzlich
Kälte Wärme
Ruhe Aktivität
Zusammenrollen Strecken
Leise Laut
Klarer Urin Konzentrierter Urin
Blasse Zunge Rote Zunge (mit Belag)

Tabelle 1

Jingluo – die Meridiane und Energieleitbahnen

Damit die Lebensenergie Qi zu jeder Zelle gelangt, gibt es über den gesamten Körper verteilt sogenannten Meridiane oder Energieleitbahnen. Diese Leitbahnen verbinden im Prinzip die einzelnen Akupunkturpunkte sinnvoll miteinander, so dass Linien entstehen mit Punkten, die auf die gleichen Funktionskreise und Strukturen wirken. In der Traditionellen Chinesischen Medizin stellt man sich einen Energiefluss in diesen Meridianen vor, der eine klar definierte Flussrichtung und auch eine gleichbleibende, äußerst langsame Flussgeschwindigkeit

Man unterscheidet 12 Hauptmeridiane, die nach den inneren Organen benannt sind, 8 Sonderleitbahnen und Verbindungsgefäße. Akupunkturpunkte, die eine konkrete Funktion besitzen aber nicht zu einem Meridian gehören, bezeichnet man als Extrapunkte. Des Weiteren gibt es Muskel-Sehnen-Meridiane, die man im Qi Gong und in den manuellen Techniken verwendet und im Prinzip allen Muskel- und Sehnenstrukturen entsprechen, die im Verlauf eines Hauptmeridians oder einer Sonderleitbahn zu finden sind.

Die zwölf Hauptmeridiane werden unterteilt in Yin-Meridiane und Yang-Meridiane sowie Meridiane des Oberkörpers und Meridianes des Unterkörpers.

Yin-Meridiane Yang-Meridiane
Obere Extremität Lunge, Perikard, Herz Dickdarm, Sanjiao, Dünndarm
Untere Extremität Milz, Leber, Niere Magen, Gallenblase, Blase

Tabelle 2

So finden wir die Meridiane für die Lunge, den Herzbeutel (Perikard) und das Herz als Yin-Meridiane auf der Innenseite der oberen Extremität. Sie beginnen alle im Bereich der Brust und verlaufen entlang des Armes bis zu den Fingern.

Die Meridiane des Dickdarms, dreifachen Erwärmers (Sanjiao) und des Dünndarms ziehen als Yang-Meridiane auf der Außenseite der oberen Extremität von den Fingern zurück bis zum Kopf.

Magen, Gallenblase und Blase verlaufen als Yang-Meridiane an der Außenseite der unteren Extremität, beginnen am Kopf und enden unten an den Füßen.

Zu guter Letzt die Meridiane der Milz, der Leber und der Nieren ziehen als die drei Yin-Meridiane an der Innenseite der unteren Extremität an den Füßen entspringend bis zurück zur Brust.

Hieraus ergibt sich ein Kreislauf, den man als den großen Energiekreislauf des Menschen bezeichnet. Dieser beginnt an der Brust und fließt von dort die Arme entlang zu den Fingern. An den Fingern starten die jeweils nächsten Meridiane und nehmen die Energie mit bis hoch zum Kopf. Am Kopf wiederum wird die Lebensenergie von den nächsten Meridianen nach unten zu den Füßen befördert bevor sie dort in den nächsten Meridianen zurück zur Brust fließt und den Kreislauf schließt.

Abbildung 8:

Der große Energiekreislauf startet an der Brust, führt von dort zu den Händen und von den Händen hoch zum Kopf. Vom Kopf fließt die Lebensenergie nach unten zu den Füßen und von den Füßen wiederum zurück zur Brust.

Man kann die drei Yin-Meridiane und auch die drei Yang-Meridiane der jeweils oberen und unteren Extremität nochmals einteilen in einen vorderen, mittleren und hinteren Verlauf.

Obere Extremität
Yin Yang
Vorne Lunge Dickdarm
Mitte Perikard Sanjiao
Hinten Herz Dünndarm
.
Untere Extremität
Yin Yang
Vorne Milz Magen
Mitte Hinten Leber Niere Gallenblase Blase

Tabelle 3

Unter Berücksichtigung der Energetik der inneren Organe kann man die zwölf Hauptmeridiane nun zu Meridianpaaren zusammenfassen. So gibt es jeweils eine Kopplung der Yin- und Yang-Meridiane, sowie eine unten-oben-Achsenkopplung.

So ist zum Beispiel der Lungenmeridian der Partnermeridian des Dickdarmmeridianes im Sinne einer Yin- und Yang-Verbindung und gleichzeitig Partner des Milzmeridianes in der unten-oben-Achsenkopplung.

Wie schon erwähnt ergeben die zwölf Hauptmeridiane zusammen den großen Energiekreislauf. Dieser Kreislauf besteht aus drei Umläufen, die während der vierundzwanzig Stunden eines Tages von der Lebensenergie durchflossen werden.

Den ersten Umlauf bilden die vorderen Meridiane Lunge, Dickdarm, Magen und Milz, den zweiten Umlauf die mittleren Meridiane Perikard, Sanjiao, Gallenblase und Leber und den dritten und letzten Umlauf dann die hinteren Meridiane Herz, Dünndarm, Blase und Niere.

Im Verlauf eines gesamten Tages ergibt sich so, dass jeder Meridian für genau zwei Stunden verstärkt von Energie durchflossen ist. Unter Berücksichtigung der inneren Uhr bzw. dem circadianen Rhythmus des Menschen entsteht so die Betrachtung der Organuhr.

Abbildung 9:

Die Organuhr: Für jeweils zwei Stunden pro Tag ist der jeweilige Meridian besonders stark von Energie durchflossen. In dieser Zeit zeigt er unter Umständen die stärksten Symptome und reagiert aber auch am sensibelsten auf eine therapeutische Intervention.

Abbildung 10:

Lage der Meridiane am Arm

Abbildung 11:

Lage der Meridiane am Arm (Querschnitt)

Abbildung 12:

Lage der Meridiane am Bein

Abbildung 13:

Lage der Meridiane am Bein (Querschnitt)

Zang Fu – das Organsystem

Da im alten China Leichenöffnungen verboten waren und als Schändung galten, basiert das anatomische Wissen der inneren Organe rein auf Beobachtungen, Vermutungen sowie Rückschlüsse aus den makrokosmischen Wissenschaften. Trotzdem entstand eine detaillierte Vorstellung von inneren Strukturen, Funktionen und auch Zusammenhängen, die dem Wissen der westlichen analytischen Welt in keinster Weise nachsteht.

Neben den uns in der westlichen Medizin bekannten Organfunktionen ist die Hauptaufgabe der Zang Fu Organe aus chinesischer Sicht, aus den Grundstoffen Nahrungsenergie und Atmungsenergie unter Zuhilfenahme der vorgeburtlichen Energie in für den Körper nutzbare Substanzen zu verwandeln. Die dabei entstehenden Abfallstoffe werden ausgeschieden und die energiereichen Substanzen im Körper verteilt oder im Körper gespeichert.

Die daran beteiligten Organe teilt man ein in die Zang-Organe und die Fu-Organe. Die Zang-Organe nennt man auch Speicherorgane, denn sie speichern energiereiche Substanzen während die Fu-Organe auch Hohlorgane genannt sind, da sie letztendlich ständig mit energiearmen Abfall- oder Schlackestoffen gefüllt und geleert werden.

Dabei spricht man von den fünf großen Zang-Organen Niere, Herz, Leber, Lunge und Milz, die jeweils auch namensgebend für einen Funktionskreis sind und für eine Wandlungsphase stehen. Das sechste Zang-Organ ist der Herzbeutel (Perikard, Xinbao), das untrennbar mit dem Herz verbunden ist und daher in der Traditionellen Chinesischen Medizin selten separat betrachtet wird. Die sechs Fu-Organe sind dann Blase, Dünndarm, Gallenblase, Dickdarm, Magen und der dreifache Erwärmer (Sanjiao).

Abbildung 14:

Die schwarz gestrichelten Pfeile zeigen den Weg der Energiebausteine zur Milz, die daraus die wahre Energie und Blut produziert. Die Milz gibt das Blut zum Herz und die wahre Energie zur Lunge, da dies die verteilenden Organe sind (schwarze Pfeile). Die Niere trennt die trüben und die reinen Flüssigkeiten und schickt die reinen Flüssigkeiten zur Lunge (grau gestrichelter Pfeil). Die grau gepunkteten Pfeile zeigen den Ausscheidungsprozess der energiearmen Stoffe.

Eine dritte Gruppe an Organe sind die außerordentlichen Fu-Organe. Diese werden ebenfalls ständig gefüllt und geleert, allerdings nicht mit Abfallstoffen sondern mit besonderen Energien. Auf diese dritte Gruppe wird hier im Buch nicht näher eingegangen.

Zang-Organe (Yin) Fu-Organe (Yang) Außerord. Fu-Organe
Niere (Shen) Blase (Pangguang) Gehirn
Milz (Pi) Magen (Wei) Mark
Leber (Gan) Gallenblase (Dan) Blutgefäße
Herz (Xin) Dünndarm (Xiaochang) Gallenblase
Lunge (Fei) Dickdarm (Dachang) Gebärmutter
Herzbeutel (Xinbao) Dreifacher Erwärmer
(Sanjiao)
Knochen

Tabelle 4

Die meisten Zang-Fu-Organpaare haben eine enge energetische Verbindung, lediglich die Verbindung zwischen Lunge und Dickdarm sowie Herz und Dünndarm ist eher lose zu sehen.

Niere (Shen)

Die Niere speichert in der chinesischen Anschauung die vorgeburtliche Energie Yuan Qi und die Essenz Jing. Sie steuert Wachstum, Entwicklung, Sexualität, Fortpflanzung, Reifung und Alterung. Die Nieren nähren die Knochen, die Knorpel, die Gelenke als Gesamtes sowie die Kopfhaare und die Zähne. Das zugehörige Sinnesorgan ist das Ohr. Die Nieren sind die Wurzel des Lebens, die Basis der gesamten Energie Qi und auch der Essenz Jing. Aus der Niere resultiert auch Yin und Yang. Die Nieren regieren das Wasser und stehen für das Wasser des Körpers.

Blase (Pangguang)

Die Blase hat eine enge Beziehung zu den Nieren. Während die Niere die Energien und energiereichen Substanzen speichert, scheidet die Blase die energiearmen Flüssigkeiten aus. Ist die Nierenenergie stark, funktioniert die Blase gut und hält immer genügend Flüssigkeit im Körper zurück. Ist die Niere schwach, so kann sie die Blase nicht unterstützen und die Blase scheidet vermehrt Flüssigkeiten aus.

Milz (Pi)

Die Milz ist das Organ, in dem die nachgeburtliche Energie entsteht. Die Milz zieht aus dem Nahrungsbrei des Magens die Nahrungsenergie heraus. Von der Lunge bekommt die Milz die Atmungsenergie geliefert und von der Niere holt sich die Milz dann noch den Anteil an vorgeburtlicher Energie. Aus diesen drei Bausteinen wird letztendlich die brauchbare Energie gewonnen. Die Milz ist das Organ der Stoffumwandlung und der Verdauung. Sie stärkt die Muskulatur und das Bindegewebe, kontrolliert das Blut Xue und hält die Organe an ihrem Platz. Nach außen zeigt sich die Milz über die Lippen und öffnet sich im Mund.

Magen (Wei)

Im Magen sammelt sich der Speisebrei. Dieser wird mit Flüssigkeit durchmengt, damit die Milz leichter die Energie herausziehen kann. Wenn die Milz die Energie des Speisebreis herausgezogen hat, gibt der Magen den Inhalt an den Dünndarm weiter.

Während die Milz es gerne warm und trocken mag und die Energie nach oben Richtung Lunge abgibt, braucht der Magen ein feuchtes Milieu und gibt seine Energie nach unten ab.

Leber (Gan)

Die Leber ist das Organ des freien Flusses. Sie sorgt dafür, dass sowohl die Lebensenergie Qi, aber auch das Blut und die Emotionen frei fließen können. Außerdem speichert sie Blut Xue, herrscht über Sehnen und Bänder (manche Autoren nennen hier auch die Nerven), sorgt für eine starke Kontraktionsfähigkeit der Muskulatur, öffnet sich in den Augen und zeigt sich z.B. in den Nägeln.

Viele Störungen des weiblichen Zyklus gehen auf Leberproblematiken zurück.

Gallenblase (Dan)

Die Gallenblase speichert die von der Leber produzierte Gallenflüssigkeit. Diese wird nach unten abgeführt Richtung Dünndarm. Da sie die energiereiche Flüssigkeit der Leber aufnimmt, ist sie gleichzeitig Hohlorgan und außerordentliches Hohlorgan.

Herz (Xin)

Das Herz ist das Organ, was für die Verteilung des Blutes Xue im Körper verantwortlich ist. Im Herz sitzt der Geist Shen. Das Herz reguliert das Blut und die Blutgefäße. Es öffnet sich in der Zunge und zeigt sich im Gesicht. Das Herz mag die Emotion Freude.

Das Herz ist das Feuer des Menschen und somit ein Gegenspieler der Nieren: Das Feuer des Herzens wärmt die Nieren und wird gleichzeitig vom Wasser der Nieren gekühlt. So halten sich beide Organe im Gleichgewicht.

Dünndarm (Xiaochang)

Der Dünndarm ist das Partnerorgan des Herzens, auch wenn die beiden Organe nicht viel gemeinsam haben. Er nimmt den Nahrungsbrei, aus dem die Milz die Energie gewonnen hat, vom Magen auf. Aus diesem Nahrungsbrei gewinnt er noch Restenergie, was zur Milz geführt wird und leitet den restlichen Nahrungsbrei zum Dickdarm weiter. In der chinesischen Medizin wird dieser Vorgang die Trennung von klar (energiereich) und trüb (energiearm) genannt.

Lunge (Fei)

Die Lunge reguliert und verteilt die Lebensenergie Qi und auch die Körperflüssigkeiten. Sie ist außerdem das Organ was über die Atmung die Atmungsenergie aufnimmt. Sowohl die Nase als auch die Haut werden der Lunge zugeordnet. Sie wird auch als die Herrscherin der Körperoberfläche genannt und sowohl das Schwitzen als auch die Körperbehaarung weisen auf die Lungenfunktion hin. Die Lunge steht für die Emotion Trauer.

Dickdarm (Dachang)

Der Dickdarm bekommt die trüben Anteile der Verdauung vom Dünndarm geliefert und scheidet diese unter Rückgewinnung von Flüssigkeit über den Stuhlgang aus.

Herzbeutel (Xinbao)

Der Herzbeutel ist untrennbar mit dem Herzen verbunden. Deswegen spricht man auch von den fünf großen Zang-Organen und dem sechsten, kleinen Zang-Organ: Dem Herzbeutel (Xinbao). Es umgibt das Herz Xin als Schutzhülle und ist daher auch energetisch und funktionell eng mit dem Herz verbunden.

Dreifacher Erwärmer (Sanjiao)

Der dreifache Erwärmer ist das einzige Organ, was im Prinzip keine Entsprechung in der westlichen Medizin kennt. Aus der Beobachtung heraus, war den Menschen im alten China klar, dass der Mensch eine Art Heizung oder Ofen besitzen musste, da die Körpertemperatur im Sommer wie auch im Winter gleichbleibend war. So ist die Vorstellung eines Erwärmers entstanden, der als unterer Erwärmer die Organe der Speicherung und Ausscheidung erwärmt und aktiviert, als mittlerer Erwärmer die Organe der Energiegewinnung und Stoffumwandlung erwärmt und kräftigt und als oberer Erwärmer die Organe der Verteilung unterstützt. Man versteht den Sanjiao heute am ehesten als Funktion der Wärmeverteilung. Der Sanjiao verteilt die Wärme über die Körperflüssigkeiten gleichmäßig im Körper.

Zang- oder Speicherorgane
Herz (Xin) Leber (Gan) Niere (Shen) Milz (Pi) Lunge (Fei) Pericard
(Xinbao)
Regiert das
Blut und die
Blutgefäße
Reguliert
den Fluss
von Qi
Speichert die
Essenz und
die
vorgeburtliche
Energie
Herrscht
über
Transport
und
Umwandlung
Dominiert
und verteilt
das Qi
Schützt
das Herz,
unterstützt
das Herz
Beherbergt
den Geist
shen
Speichert
das Blut
Regiert das
Mingmen
Wandelt
Nahrungs-Qi
um
Reguliert die
Wasserwege
Gilt als
„kleines“
Zang-
Organ
Öffnet sich
in der Zunge
Beherbergt
die
Wanderseele
hun
Kontrolliert
Wasser und
die
Wasserwege
Hält das Blut
in den
Gefäßen und
die Organe
am Platz
Körperseele
po
Fest mit
dem Herz
verbunden
Sprache,
Geschmacks- sinn
Sehnen,
Bänder,
kontraktiler
Aspekt der
Muskeln,
Nerven
Empfängt das
Qi
produziert
Blut und
aufrechtes Qi
Obere
Luftwege,
Nase
Schweiß Augen Willenskraft
zhi
Muskulatur,
Bindegewebe
und Fett
Schleimhaut
und Haut
Freude Wut/Zorn Knochen,
Mark,Knorpel,
Zähne, Haare
Mund/Lippen Atemwegssekrete
Hitze
schadet dem
Herz
Tränen Angst Sorgen,
Grübeln,
Nachdenken
Trauer
Wind
schadet der
Leber
Urin Denken und
Vorstellungskraft Yi
Trockenheit
schadet der
Lunge
Kälte schadet
der Niere
Speichel
FEUER HOLZ WASSER ERDE METALL (FEUER)

Tabelle 5