TESSA KORBER

DIE
HÜTERIN

DAS ERBE DER
SCHLANGE

Historischer Roman

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1

Der Ruf »Wir sind verloren« flog über das Schiff, kaum zu hören gegen das wütende Brüllen der See. Und doch drang er ins Bewusstsein der verzweifelt kämpfenden Menschen und ließ sie einen Moment innehalten. Wie zur Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen überspülte im selben Moment eine Welle das Deck, nahm Eimer, Fässer, vom Sturm herabgebrochene Rahen und das Gewirr zerfetzter Takelage mit sich. Schwer neigte die Lady of Dover sich auf die Seite. Ein hoher Schrei ertönte, eine Hand griff ins Leere und wurde im letzten Moment gepackt. Ein Matrose starrte in den Abgrund, der sich für Augenblicke unter seinen Füßen auftat, mit dem ganzen Grauen desjenigen, der nicht schwimmen kann, ehe seine Mannschaftskameraden ihn zurück auf die Planken zogen.

Der Kapitän warf einen verzweifelten Blick in den Himmel, der ihnen in dieser Nacht jegliche Hilfe versagt hatte. Kein Stern war zu sehen; schwarzviolett türmten sich die Wolkenberge und zogen vor einem Mond dahin, der hie und da sein Licht auf den dunklen, gezackten Saum der Klippen warf, die viel zu nah vor ihnen aufragten, um noch eine Hoffnung zu erlauben. Er begriff es noch immer nicht. Sie mussten in der Dunkelheit Point Seal und den Fels des heiligen Andrew übersehen haben. In dem Glauben, die Landspitze der Robbenbucht noch vor sich zu haben, waren sie zu weit nach Nordosten abgekommen und hatten genau auf das Kliff am Ende der Bucht zugehalten. Die Flut war rückläufig; nicht nur der Wind, auch die Gezeiten würden sie auf die Felsen drängen, an denen schon so viele Schiffe gescheitert waren. Er fluchte.

Der Ort war berüchtigt, manchen galt er sogar als verhext. Wie hatte es nur geschehen können, dass sie hierher gerieten? Der Sturm brüllte auf, übersprühte ihn mit neuer Gischt und schlug weißen Schaum auf Wellen, die wie Wände vor ihnen aufragten. Das ist die Antwort, dachte er. Gegen dieses Toben ist Menschenkraft machtlos.

Vom Deck herauf erklang ein Choral. Dort hatten sich die Passagiere zusammengedrängt, in Erwartung des Kommandos, dass jeder für sich selbst verantwortlich wäre und sein Heil oder Ende suchen konnte, wo er wollte, im Wasser oder in den Trümmern des Schiffes. Dünn, vom Wind zerfetzt, wehten die Stimmen herauf. Ja, singt nur, dachte der Kapitän und bekreuzigte sich, um gleich darauf seinem Steuermann in den Arm zu fallen, der das Rad in diesem Moment sich selbst überließ.

»Bist du wahnsinnig?«, brüllte er. Sein Mund füllte sich mit Regen, der salzig schmeckte. »Halten, Mann, halten.« Er griff in das wirbelnde Holzrad und verbiss sich den Schmerz, als die Holme mit Wucht gegen seine klammen Finger schlugen. Der Mann an seiner Seite ging in die Knie und fiel vornüber. Dem Kapitän blieb nichts, als den Körper mit dem Fuß so weit beiseitezuschieben, dass er selbst festen Stand hatte. Wild kurbelnd schaffte er es, das Schiff, das gefährlich Schlagseite bekommen hatte, wieder so in den Wind zu drehen, dass es sich aufrichtete und die nächste Welle halbwegs von vorne nahm. Sie überspülte alles mit kalter Gewalt, brachte das Lied zum Verstummen und löschte die Laterne, die wie ein letzter Funken Hoffnung vom Mast herab geblinzelt hatte.

Die nächste, dachte der Kapitän, die nächste ist unser Ende. Der Mann zu seinen Füßen, der sich wie ein Tier zusammengerollt hatte, betete in abgehackten Sätzen.

Da riss die Wolkenwand für einige Momente auf. Kaltes Mondlicht ergoss sich über die Küste, eine schwarze, schrundige Wand, über dessen kahle Kante der Sturmwind fegte. Weiter unten leuchtete das schmale Band eines Strandes, von Felsen durchzogen, auf denen man am nächsten Morgen ihre Leichen finden würde. Es gab kein Entrinnen. Jetzt, beschloss der Kapitän, und er trat vor, um den Passagieren an Deck zuzurufen, dass der Moment gekommen war. Jeder für sich selbst, so lautete die Parole. Wenn sie jetzt nach Fassdauben oder Planken griffen, um sich daran geklammert dem Wasser anzuvertrauen, dann sahen sie wenigstens, wohin sie sprangen.

Für einen Moment gingen ihm die Gesichter der Menschen, die in seine Obhut gegeben worden waren, durch den Sinn, und er spürte ein leises Bedauern bei dem Gedanken, dass sie um sich schlagend und tretend, gegen die Kälte ankämpfend, von ihren vollgesogenen Kleidern nach unten gezogen, von mörderischen Wellen ersäuft oder nach langem Kampf auf den Klippen zerschmettert werden sollten.

Er sah seine eigenen Männer, die den Kampf schon aufgegeben und, ohne auf sein Kommando zu warten, begonnen hatten, sich mit Tauen an alles zu binden, was ihr Gewicht zu tragen vermochte. Zwei bemerkte er, die um eine Planke rangen, mit Zähnen und Klauen aufeinander losgehend ohne menschliche Hemmung und ohne jede Scham.

Da brüllte er noch einmal mit aller Kraft. Alle hoben die Köpfe. Aber sie wandten sich nicht ihm zu, sondern schauten an ihm vorbei nach Osten, auf die Küste, den Ort ihres Verderbens, dessen Umriss sich in diesem Moment in klarstem Licht abzeichnete. Und für diesen Augenblick vergaßen sie ihr Leben und den Tod. Wie gebannt starrten sie auf das, was sie sahen und doch nicht zu glauben vermochten.

Der Kapitän folgte ihrem Blick und erschrak. Sämtliche Haare stellten sich ihm auf. Seine Fäuste packten die Reling fester. Dort oben warteten Menschen, stumm und starr wie Statuen, und ebenso gefühllos.

»Wrecker«, flüsterte er. Dann brüllte er es – war das er, der da schrie wie ein Tier? »Wrecker!« Alle Verzweiflung, aller Hass lag in diesem Ruf. Ja, dort standen sie, Menschen, zumindest der Gestalt nach, eine lange, dunkle Reihe von Silhouetten. Seite an Seite blickten sie reglos und erwartungsvoll auf das Meer. Der Wind zerrte an ihren Kleidern und ließ ihre langen Haare züngeln wie Schlangen. Sie rührten sich nicht.

»Sie warten auf uns«, knurrte der Kapitän. »Sie können es nicht abwarten, bis wir kalt sind.« Wrecker! Er wusste, dass es sie gab; an allen Küsten konnten sie lauern, dreckige Bauern, Schafhirten, Fischer, die das Nötige zum Leben kaum zusammenkratzen konnten. Vom Hunger und dem eigenen Elend getrieben warteten sie darauf, dass die Wracks unglücklicher Schiffe angespült wurden, um sie zu plündern und auszuschlachten. Von Rechts wegen gehörte ihnen, was an den Strand trieb, und nicht einmal der König machte es ihnen streitig. Sie schreckten auch vor dem Leichenfleddern nicht zurück; jeder kannte die Geschichten. Keine helfende Hand reichten sie den Ertrinkenden, da sie sich nur an den Toten bereichern konnten. Im Gegenteil. Wer das Pech hatte, in ihrer Nähe lebend an Land zu kommen, lief Gefahr, erschlagen zu werden wie eine junge Robbe. Und mancherorts, so munkelte man, mancherorts und in besonders harten Wintern ernährten sie sich sogar vom Fleisch der Angespülten.

Unwillkürlich griff der Kapitän nach dem Messer in seinem Gürtel. Sein Blick fiel auf den Ordensritter, der zu seinen Passagieren gehörte und dessen Gestalt in dem markanten weißen Mantel die meisten anderen überragte. Trotz des Sturms hatte er seinen Harnisch nicht abgelegt, ganz so, als könnte er den Elementen trotzen wie einem Sarazenenkrieger. Ob er auch sein Schwert in der Hand hielt?, fragte sich der Kapitän. Ob er im Heiligen Land jemals einem Feind wie diesem in die Augen geblickt hatte? Denn Heiden mussten sie sein, die dort drüben. Kein Christenmensch könnte tun, was sie zu tun beabsichtigten. Und keiner konnte dem ins Auge blicken, ohne wahnsinnig zu werden. Auch er spürte nun, wie die schwarze Panik in ihm hochstieg und ihn zu verwirren begann.

Sein Herz raste, und in seinen Ohren begann es zu pfeifen und zu sirren. Er glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Unwillkürlich schrie er auf und hielt sich mit beiden Händen den Kopf. Dieser Ton, wenn nur dieser Ton enden würde! Der Kapitän ging in die Knie.

»Sie singen!«, erklang es von unten entgeistert. Niemand wusste, wer den Satz als Erster auszusprechen gewagt hatte. Doch alle begriffen im selben Moment, was gemeint war. Die dort oben, die dunklen Gestalten, die Seite an Seite standen, ohne sich zu regen, übten eine fast magische Gewalt aus. Keiner vermochte den Blick von ihnen zu lösen. Und langsam verwandelte sich das lähmende Grauen, das ihr Anblick im ersten Moment hervorgerufen hatte, in eine Art Trance. Noch immer tobte der Sturm, noch immer wankte das Boot unter ihren Füßen, und die Gischt überspülte sie. Und doch wirkte alles für den Augenblick wie ferngerückt, ein Traum, den ein anderer träumte. Sie hingegen wurden festgehalten und umhüllt von einer fremden Kraft. Es war ein Sirren, ein Beben, etwas, das mit der Dunkelheit und dem Meer verwoben schien, überall um sie herum. Es hob und senkte sich, es wiegte sie, stieg an und kehrte zurück, erfüllte ihre Gedanken mehr als ihre Ohren und hallte in ihren Köpfen wider. Wahrhaftig: Es war Gesang.

Aber keiner, den je ein Mensch vernommen hätte. Alle bekreuzigten sich, und einer, der vom Schicksal des Odysseus gehört hatte, versuchte, sich die Ohren zu verstopfen. »Sie rufen uns!«, krächzte der alte Seemann und zeigte hinauf zu den unheimlichen Wesen. »Es sind Boten des Todes!«

»Boten der Hölle sind sie.« Das war der Ordensritter. Wie die anderen starrte er zu den Gestalten hinauf, die im Mondlicht etwas Übermenschliches an sich hatten. Aber in seiner Miene malte sich neben Furcht und Abscheu noch etwas anderes: eine grimmige Befriedigung. Mit einer Handbewegung befahl er seinen Knappen heran. »Kannst du sie mit dem Bogen erreichen?« Es war keine Frage, sondern ein Befehl.

Wortlos griff der Angesprochene in seinen Köcher. Genau wie sein Herr war er in voller Bewaffnung an Deck angetreten, bereit, dem, was kam, wie ein Krieger entgegenzugehen. Nun aber war sein Gesicht bleich und seine Hand zitterte mehr, als es sich durch Kälte und Gefahr hätte erklären lassen.

»Ich kann nicht«, murmelte er. »Es ist zu weit, und der Sturm …« Ein Wellenschlag gegen die Schiffseite, hart wie Holz auf Holz, warf ihn beinahe von den Beinen. Dankbar spürte er, wie sein ungeduldiger Herr ihm den Bogen aus den Händen riss, um selbst zu zielen. In der Tat war es weit, und weder Wind noch Wogen ließen viel erhoffen. Doch war es nicht das gewesen, was den Arm des Knappen hatte beben lassen. Es war die Stimme, die in seinem Kopf erklang, der fremde Klang, der zu ihm sprach, so nah und intim, als flüstere ihm jemand direkt ins Ohr. Es war dieser Klang, der ihn mehr erschreckte als jede Waffe, die jemals gegen ihn erhoben worden war. Wimmernd robbte er an die Reling, kauerte sich in ihrem Windschatten zusammen, dankbar, dass er die Klippen nicht mehr zu sehen brauchte.

Auch der Kapitän spürte, dass seine Hände zitterten. »Sie sprechen zu mir«, murmelte er fassungslos, beinahe sicher, dass er dem Wahnsinn verfallen war, der dem sicheren Tod vorausging. Und doch war es so und nicht anders: In seinem Kopf formten sich Sätze, nein, undeutlicher, Klänge, Bilder, eine Absicht, ein Vorsatz, etwas wie ein Impuls, dem er dringend nachgeben wollte. Er streckte die Hände nach dem Steuerrad aus.

»Herr, es ist die Stimme des Teufels!« Wie ein Schlafwandler blickte der Kapitän hinab und sah das Gesicht seines Steuermannes, der sich auf die Knie aufgerichtet hatte und die Arme hob. »Sie wollen uns auf die Klippen locken, wie schon so viele vor uns. Es ist der Fluch dieser Bucht.«

Der Kapitän hörte es und zögerte. Aber dann war da wieder dieses Beben, das durch seinen ganzen Körper ging, dieser Befehl, den er hörte. Ehe er darüber nachdenken konnte, schlug er nach dem Mann, schüttelte seinen Griff ab und riss das Steuer energisch herum.

Der Aufschrei des Steuermannes ging im Stöhnen des Holzes unter, als sich die Lady of Dover auf die Seite legte. Für einen Moment glaubte der Kapitän, sie werde umschlagen und kentern. Der Wimpel ihrer Mastspitze streifte bereits die See. Dann aber, mit einer quälenden Anstrengung, richtete sie sich wieder auf und drehte dabei nach Westen. Der Sturm setzte für ein Atemholen aus. Im selben Augenblick entdeckte er es zwischen zwei Wellentälern: eine Rinne tieferen Wassers, dunkel wie die Nacht und ohne verräterischen Schaum. Dort war eine schmale Durchfahrt, die Passage, die ihrer aller Leben retten konnte. Unmittelbar darauf verschwand der Mond wieder, und alles wurde schwarz. Aber der Kapitän hatte gesehen, was er sehen musste. Er brüllte seine Kommandos und hielt auf die Stelle zu.

Eine Woge hob sie an und schob sich dann zwischen sie und das Land, so hoch, dass sie alles verdeckte. Mit einem entschlossenen Schrei ließ der Kapitän sein Schiff darauf reiten, drehte auf ihrem Höhepunkt und sauste hinab in die Lücke, die sich zwischen den Gebissen der Riffe vor ihnen auftat. Wie ein Geschoss glitten sie hindurch und erreichten das Kap.

»Noch sind wir nicht in Sicherheit«, rief er, seine Matrosen anfeuernd. Noch immer konnten Wind und Gezeiten sie zurück zur Küste treiben. Aber dennoch machte sich eine Zuversicht breit, eine Erleichterung, die mit den Händen zu greifen war. Der Steuermann lachte, schlug ihm auf die Schulter und übernahm das Ruder wieder. Der Maat trieb die Matrosen in die Wanten, dass sie das nasse Segelzeug bargen oder herabrissen. Die Passagiere fielen einander in die Arme, manche beteten laut. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder der Klippen erinnerten und ihre Blicke suchend über deren Höhe wandern ließen. Aber dort war nichts zu sehen, kein Mensch, nichts als Stein. War es eine Täuschung gewesen? Hatten sie sich in ihrer Todesangst von ein paar seltsam geformten Felsen foppen lassen? Oder war es ein Spuk?

Der Kapitän schüttelte den Kopf, seine Hände zitterten, als er sich mit allen zehn Fingern das Wasser aus dem Haar kämmte. War er einem Wahn erlegen, oder konnte er seinen Sinnen trauen? Wie hatte der Befehl eigentlich gelautet?

Sie locken uns auf die Klippen, hatte sein Steuermann gerufen. Hatte nur das Glück oder gar – welch süßer Gedanke – seine eigene Findigkeit sie im letzten Moment gerettet? Hatte er sie alle vor einem bösen Plan gewarnt? Oder war der rettende Kurs das gewesen, was diese Wesen ihnen hatten zeigen wollen? Der Kapitän warf einen letzten Blick zurück auf das leere Land. »Wer seid ihr?«, flüsterte er. In seinem Kopf wogten die Gedanken nicht weniger wild als die See. Er kam zu keinem Ergebnis. Es war mehr, als er zu begreifen vermochte. Wie ein Tier schüttelte er sich, schüttelte Wassertropfen und Vorahnungen ab. Eine Menge Arbeit lag vor ihnen, bevor sie ihren Hafen erreichen würden.

Der Ordensritter ließ den Bogen sinken, den Pfeil noch immer auf der Sehne. Seine Lippen waren fest aufeinandergepresst. »Herr«, murmelte sein Knappe und nahm ihm ohne ein weiteres Wort zaghaft die Waffe ab. Als er bemerkte, wohin sein Herr immer noch starrte, bekreuzigte er sich unwillkürlich. »Herr, das Schlimmste haben wir hinter uns, glaube ich«, wagte er schließlich mit einem Seitenblick auf seine vor Begeisterung zugleich lachenden und weinenden Mitreisenden zu bemerken.

Der Ritter würdigte keinen von ihnen eines Blickes. Auch er schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Es hat eben erst begonnen.«

2

Rowena legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen vor Behagen. Der Wind war warm und streichelte ihre Wangen, das Sonnenlicht malte goldene Kreise auf die Innenseite ihrer Lider. Die sanfte Bewegung des Pferdes unter ihr wiegte sie und ließ sie sich eins fühlen mit diesem Sommertag. Und als sie die Augen öffnete, begegnete sie dem strahlenden Blick des Mannes, der an ihrer Seite ritt, ihres Mannes. Allein der Gedanke erzeugte eine Woge warmen Glücksgefühls in ihr. Sie erwiderte sein Lächeln und streckte die Hand nach ihm aus. Er ergriff sie und legte sie an seine Wange, die noch immer braun verbrannt war von der Sonne Jerusalems, unter der er an der Seite König Richards gekämpft hatte. Mit seinen wilden schwarzen Locken sah er selbst ein wenig aus wie ein Araber, fand sie, eher wie ein Sarazene als ein ehemaliger Kreuzritter. Aber seine Augen leuchteten so dunkelblau wie die wilde See der Küste, der sie entgegenritten, seiner nördlichen Heimat.

Cedric of Cloagh! Noch immer konnte sie es nicht fassen, dass er ihr Gemahl geworden war. Sie liebte ihn, seit er ihr das erste Mal begegnet war, bei jenem Turnier vor den Toren von Exeter, als sie ihm, dem Unbekannten, ihre Farben zu tragen gab. Mit wild pochendem Herzen, ohne ihren Vater um Erlaubnis zu fragen, ohne eine Sekunde zu zögern und ohne die geringste Scham. Wie lange war das nun her, kaum ein ganzes Jahr? Und doch schien es ihr, als wäre es in einem anderen Leben gewesen.

Zu einer Zeit, da sie nichts anderes gewesen war als ein ahnungsloses Burgfräulein aus den englischen Wäldern, das hungrig war auf ein wenig Leben. Als sie noch dachte, ihre Eltern wären einfache kleine Adlige und der dichte Wald um ihre Burg beherberge nichts anderes als Rotwild und Pilze.

Damals hatte sie noch nicht gewusst, nicht einmal geahnt, was nun der Inhalt ihres Lebens war: Dass ihre Familie ein Amt besaß, ein Geheimnis, das sie vor aller Welt bewahren mussten: Sie waren die Hüter der Letzten des Alten Volkes. Älter als die Angeln und Sachsen, älter als die Kelten, so alt wie die Steine von Stonehenge waren sie und dem Lande verwachsen. Im Gedächtnis der übrigen Menschen nicht mehr als eine Sage, ein Feenvolk, lebten sie auf dem Land ihrer Familie im Verborgenen fort.

Zuerst war Rowena entsetzt gewesen. Sie war als gute Christin erzogen und konnte es nur schwer fassen, dass ihr Vater sich mit zauberischen Heiden abgab, sie hegte und verehrte, ja, dass ihre eigene Mutter eine von ihnen gewesen war und auch in ihr selbst das Blut der Alten floss. Sie hatte dazugelernt seither. Hatte gelernt, das Erbe in sich anzunehmen. Und als offenbar wurde, dass auch ihr geliebter Cedric aus einer Familie von Hütern stammte, war ihr Glück vollkommen gewesen.

Er wendete ihre Hand und küsste sacht die Innenfläche. »Ich kann es noch immer nicht glauben«, sagte er.

»Was?«, fragte sie und gab ihm einen spielerischen Klaps, ehe sie wieder nach den Zügeln griff. »Dass wir einen Zug von Feen durch halb England führen?« Sie blickte über die Schulter zu den Wagen, die ihnen folgten und die Habe derjenigen trugen, die aus dem Volk der Alten bereit gewesen waren, ihr in die neue Heimat zu folgen. Neben den Karren marschierten und ritten sie selbst, getarnt durch die Kleider einfacher Bauern, Handwerker und Knechte und doch schon auf den ersten Blick als etwas Besonderes erkennbar.

War es ihre Schönheit, die sie verriet, überlegte Rowena, ihre schlanke, ebenmäßige Gestalt, ihre noble Haltung? Oder eher die langen Haare der Männer, die sie sorgsam unter Hüten und Kappen versteckt halten mussten? Dann betrachtete sie Urdis, die Älteste und Anführerin, deren langes Silberhaar ihr in dünnen Strähnen bis auf die Hüften fiel über dem lose sitzenden Kleid und deren hellblaue Augen aus einem Gesicht leuchteten, so hutzelig und braun wie ein ledriger Winterapfel. Urdis war schön, befand Rowena, aber auf eine Weise, die sich dem normalen Betrachter nicht sofort erschloss. Nein, es war etwas anderes, was den Zauber ausmachte, der über den Ihren lag. Es war etwas an der Freiheit, der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich bewegten, an ihrem Blick, der verträumt und intensiv zugleich war, was sie von allen anderen unterschied, denen sie begegneten. Rowena dankte Gott täglich für die Dumpfheit der Menschen, die es nicht bemerkten oder die Ursache für die sehnsuchtsvolle Heiterkeit, die sie plötzlich beim Anblick ihres Waldvolkes erfüllte, anderswo suchten.

»Nein«, erwiderte Cedric und holte sie aus ihren Gedanken. Er trieb sein Tier wieder nahe an ihres. »Ich kann noch immer nicht glauben, dass du tatsächlich meine Frau bist.« Liebevoll strich er über ihr leuchtend rotes, geflochtenes Haar, das sie auf dem Ritt unter keinem Schleier verbarg.

Rowena strahlte ihn an. »Etwas Ähnliches ging mir auch gerade durch den Kopf«, gestand sie.

Der innige Blick, den sie tauschten, wurde rüde gestört.

»Verzeiht, Herr«, sagte Cedrics Knappe und räusperte sich.

»Was gibt es denn, Colum?«, fragte Rowena nachsichtig. Sie hatte den groben, hässlichen Mann schätzen gelernt, der ihrem Gatten niemals von der Seite wich. Entgegen seinem Äußeren und trotz seines stets zur Schau getragenen Missmuts war er voller Herz und dem Alten Volk bedingungslos ergeben.

»Wir haben die Grenze zum Gebiet der Cloaghs überschritten, wollte ich nur sagen. Ihr schient mir ein wenig abgelenkt.«

Freudig überrascht wandte Rowena sich an Cedric. »Der Grund deines Vaters?«, fragte sie.

Cedric schüttelte den Kopf. »Nein, hier herrscht mein Onkel Connor«, erklärte er. »Er ist kein Hüter. Obwohl er und Vater sich gut verstehen, sollten wir uns hier nicht zu lange aufhalten. Mit ihnen«, sagte er und deutete vielsagend in Richtung ihres Zuges. »Wir sind noch nicht zu Hause.« Rowena nickte. Da hörte sie ihn hinzufügen: »Ich frage mich, wie es dort sein wird.«

»Glaubst du, es hat sich verändert?«, fragte sie und ritt an seine Seite. »Dein Zuhause?«

Er zuckte mit den Schultern. »Wie sollte es nicht?«, gab er zurück. »Als ich aufbrach, war es eine Grafschaft wie alle anderen. Mein Vater war in meinen Augen ein ganz normaler, strenger, ein wenig fantasieloser Mann. Und ich verbrachte meine Jugend damit, in den Klippen nach Möweneiern zu suchen und von Turnieren zu träumen.« Er lachte, erstaunt über sich selbst. »Jetzt weiß ich, dass Cloagh mehr ist als die Heimat von Schafzüchtern und Seefahrern. Das Alte Volk lebt versteckt in seinen Buchten, mein Vater ist ihr heimlicher Hüter, und ich bin dazu ausersehen, dieses Amt fortzuführen.« Er hob ein wenig ratlos die Hände und betrachtete sie, als zweifelte er an ihrer Fähigkeit, die vor ihm liegende Aufgabe zu bewältigen.

Spontan ergriff Rowena sie. Sie waren braungebrannt, schlank, aber kräftig, dabei trocken und rau vom Führen der Waffen. Und wenn sie über ihren Körper glitten, erzeugten sie ein Gefühl wie nichts sonst. Sie presste seine Finger in einer plötzlichen Aufwallung.

Colum räusperte sich, wie um seine Belustigung zu überspielen.

Cedric wandte sich zu ihm um. »Du wusstest es von Anfang an. Auch die Sorge meines Vaters kanntest du, dass sein Seevolk ausstarb. Und den wahren Grund unserer Mission.«

Colum, der sonst so düster dreinblickte, schaffte es nicht ganz, ein selbstzufriedenes Grinsen zu unterdrücken.

»Ja, lach nur«, gab Cedric mit gespieltem Missmut zurück. »Du wusstest, dass wir auf der Suche waren nach anderen wie wir. Ich dachte fröhlich, es ginge nur darum, auf Turnierplätzen Erfahrungen zu sammeln und sich ein wenig die Hörner abzustoßen. Vielleicht eine Braut zu finden.«

»Was du ja getan hast«, wandte Rowena neckisch ein. Der Schatten auf seinem Gesicht verschwand für einen Moment.

»Und was für eine«, gab er zu, endlich den Druck ihrer Hand erwidernd. »Und die Lösung unserer Probleme dazu.« Wieder wandte er sich um und ließ seinen Blick über diejenigen schweifen, die ihnen folgten.

Kinderlachen drang zu ihnen, gut gelaunte Mädchen schäkerten mit den jungen Reitern unter dem Kommando von Arval, dem Jäger, der sich auf den Wochen ihrer Reise gut an das Reiten gewöhnt hatte. Er saß inzwischen besser zu Pferde als jeder Ritter. Es wunderte Cedric nicht. Nach allem, was er über das Alte Volk gelernt hatte, teilte er dem Tier vermutlich seine Gedanken mit und lenkte es auf diese Weise ohne Worte oder Gesten.

Das war möglich – Rowena hatte es ihm erklärt. Auch sie selbst verstand sich mehr und mehr darauf. Es ging darum, die Grenzen zwischen sich und den anderen aufzulösen und die Einheit des Lebens zu begreifen. Sie sagte, wenn sie nebeneinanderlägen, könne sie das Blut in seinen Adern fließen fühlen, ihr Herzschlag antworte dem seinen und sie verschmölzen miteinander, als gäbe es nur einen Körper, einen Atem, ein Sein. Cedric war diese Empfindung verwehrt. Sicher, er begehrte sie und genoss ihr Zusammensein mit allen Sinnen. Sein Körper schrie nach Rowena, wann immer er von ihr getrennt war. Sie war in gewisser Weise ein Teil von ihm geworden. Aber ihre Gedanken lesen, das konnte er nicht. Und manchmal hoffte er, dass auch sie die seinen nicht zu lesen vermochte. Da war zu vieles, was er gerne vor ihr verborgen hätte.

Colum, der das erneute Stirnrunzeln seines Herrn missdeutete, räusperte sich erneut. »Es ist nicht so, dass er Euch misstraut hätte, Herr.«

Kein Satz wäre geeigneter gewesen, Cedrics Stimmung endgültig zu verderben. Dass sein Vater das Familiengeheimnis so lange auch vor ihm, seinem Erben, gehütet hatte, wollte ihm nicht aus dem Kopf. Hatte sein Vater gezweifelt, ob er des Amtes würdig wäre? Hatte er erwogen, ihn nicht einzuweihen? Er verzog den Mund zu einem unglücklichen Lächeln. »Tja«, meinte er, »aber vertraut hat er mir auch nicht. Sondern dir.«

Colum senkte den Kopf. Es war wahr. Als der Graf von Cloagh sie fortgeschickt hatte, kannte nur er, der Knappe, den wahren Grund ihrer Reise: andere zu suchen, die wären wie sie.

Rowena griff erneut nach der Hand ihres Gatten, um ihn aufzumuntern. »Er wird es dir zu deinem eigenen Besten so lange verschwiegen haben.« Sie bemühte sich um einen heiteren Ton. »Schau dir meinen Bruder an. Er war von Kindesbeinen an eingeweiht und trainiert worden, ein Hüter zu sein. Schon als Kind war er verantwortungsbewusster als ein Priester. Er war niemals unbeschwert. Und was für ein pedantischer, rechthaberischer Trauerkloß ist aus ihm geworden.«

Cedric wollte nicht so recht in ihr Lachen einstimmen. Er war Rowenas Bruder Kai in Jerusalem begegnet, wo er den verschollen Geglaubten aus der Sklaverei befreite und heimbegleitete. Dabei hatte er den schweigsamen Mann schätzen gelernt. Er war ihm ein zuverlässiger, mutiger Gefährte gewesen, mit dem Herz eines Kämpfers. »Du verkennst ihn«, widersprach er.

»Oh, sicher«, gab Rowena zurück, noch immer gut gelaunt. »Ich bin ja auch nur seine Schwester.« Sie zog einen Schmollmund. »Nie hat er mich mitmachen lassen bei seinen ach so wichtigen Spielen, und er hat mich verpetzt, wenn ich mal wieder allein im Wald gewesen war. Und an den Haaren hat er mich gezogen.«

Dabei schnitt sie ein so beleidigtes Gesicht, dass Cedric lachen musste. Er griff nach ihren Flechten, die verführerisch in der Sonne schimmerten, und zog leicht daran. »Du Arme«, sagte er, und fügte mit gespieltem Verständnis hinzu: »Es ist sicher zu viel verlangt von geplagten kleinen Schwestern, ihren großen Brüdern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.« Ihr Gelächter verebbte.

Etwas leiser meinte Rowena schließlich: »Er wird es dir erklären, bestimmt.«

Cedric nickte versonnen und blickte vor sich hin. Danach verstummten sie für eine Weile. Mit den Blicken folgten sie den Möwen, die sich hier, noch ein gutes Stück von der Küste entfernt, wie Fremdkörper ausnahmen. Leuchtend weiß hoben sie sich ab von der grünen Silhouette der Wälder. Und doch lag in der Luft schon eine Ahnung des Meeres, ein Hauch von Salz, ein Schleier, wie er sich über die blaugrauen Horizonte der See an einem Tag wie diesem senkte. Cedrics Herz ging auf bei dem bloßen Gedanken daran. Wie er sie vermisst hatte, diese Weite, und die grandiose, schroffe Einsamkeit der Klippen von Cloagh, gegen die anzurennen das mal raunende, mal schäumende Meer nie müde wurde. Da drang ein fernes Donnern an seine Ohren. Er brachte sein Pferd zum Stehen.

Auch Rowena neben ihm hielt inne. Sie tat es ihm gleich und lauschte. Dann glitt ein erwartungsvolles Lächeln über ihre Züge. »Ich glaube, ich kann es schon hören«, sagte sie.

Colum neben ihr aber schüttelte den Kopf. »Das ist keine Brandung«, sagte er.

Die Schreie der Möwen erfüllten die Luft. Besonders einer, hoch und schrill, schnitt in ihre Ohren. Arval galoppierte heran. Er sah besorgt aus.

Auch Cedric saß mittlerweile kerzengerade im Sattel. »Reiter, sie kommen auf uns zu«, bestätigte er und griff nach seinem Schwert. »Vielleicht zehn oder zwölf.«

»Fünfzehn«, korrigierte Arval ihn. »Und die vor ihnen flüchten, sind erschöpft und krank vor Angst.«

Mit großen Augen starrte Cedric ihn an. Doch er kam nicht mehr dazu, etwas zu fragen. Aus dem nahen Saum des Waldes brach das erste Pferd, einen Bewaffneten auf seinem Rücken. Und nun sahen sie auch die Menschen, die dicht vor ihm rannten. Es schienen Bauern zu sein, Männer, aber auch Frauen. Cedric konnte die fliegenden Haare und die weit geöffneten Münder erkennen. Was sie gehört hatten, war nicht der Ruf der Möwen gewesen. Gänsehaut lief ihm über den Rücken.

Ihre eigene kleine Schar geriet in Unruhe, die Karren hielten, die Menschen drängten sich dicht an die Räder. Das Böse, noch fern und doch mit den Händen zu greifen, legte sich wie eine schwarze Wolke über sie. Dann kamen mehr Reiter, alle in vollem Harnisch, drei, vier, fünf. Lautlos zählte Cedric bis zum fünfzehnten Mann mit. Einer von ihnen hob die Hand, das Schwert darin blitzte in der Sonne. Eine der laufenden Gestalten überschlug sich wie ein vom Pfeil getroffener Hase und blieb liegen. Die anderen duckten sich kreischend und hasteten weiter.

Rowena ächzte. »Cedric«, flüsterte sie.

Er nickte. »Ja«, brachte er mit Mühe hervor. Er hatte es auch gesehen. Der Mantel des Ritters, der im Sonnenlicht flatterte, war weiß. Und in seiner Mitte leuchtete das Kreuz so rot wie Blut. Ordensritter, Kreuzfahrer! Er kannte ihr Zeichen nur zu gut. Aber wie kamen diese Kriegermönche hierher?

»Todesanbeter.« Rowena dachte an das, was die Herrin der Alten über die Templer gesagt hatte. Dass sie mit ihrem Schwert und ihrer Enthaltsamkeit das Leben doppelt verhöhnten. Ihre Finger umklammerten ihn so fest, dass es beinahe schmerzte. »Wir müssen etwas tun, Cedric, wir müssen sie aufhalten.« Und ehe er sie daran hindern konnte, hatte sie ihrem Pferd die Sporen gegeben und ritt unbewaffnet und barhäuptig, mit flatterndem Haar, auf die mordenden Ritter zu.

Cedric öffnete den Mund, aber der Wind riss ihm ihren Namen von den Lippen.

3

»Rudern, Mädchen, schlaf nicht ein.«

Nyssa seufzte und legte sich in die Riemen für ein paar kräftigere Züge. Die Wellen hoben ihr Boot sacht auf und ab, und ein frischer Wind zerblies die Schaumkronen zu Gischt, die ihr bei jedem Schlag kühl ins Gesicht spritzte. Bedauernd schaute sie zurück zur Küste, deren Steilwand immer noch so dicht über ihnen aufragte, dass sie die Hälfte des Himmels bedeckte. In einer kleinen, weißen Kiesbucht war eine Gestalt zu erkennen, zu der ihr Blick heimlich wanderte, wann immer ihr Vater seine Aufmerksamkeit von ihr abwandte. Doch sie wurde mit jedem Ruderschlag kleiner.

Eben neigte sich ihr Vater weit über die Bordwand und suchte einen Blick in die Tiefe zu erhaschen. Das Wasser war klar und ließ ihn weit hinabschauen. Blaue Schatten wogten zwischen grauem Gestein. Er sah mächtige, schlickbedeckte Brocken, auf denen sich Algenbärte wiegten, Felsklüfte, ganz ähnlich denen über ihren Köpfen, in deren Schründen aber keine Vögel ihre Nester bauten, sondern Muränen hausten. Dazwischen streckten sich Felder von Kies dem Abgrund entgegen, in dem Form und Farbe der Dunkelheit verschmolzen. Und dort, ehe es in lichtlose Tiefen ging, die sein Auge nicht mehr erreichte, lag auch das Wrack, das er suchte, mit seinem geisterhaften, bis wenige Fuß unter die Oberfläche reichenden Mast. Der Rumpf war geborsten und mit Muscheln verkrustet. Das Trümmerfeld ringsum glich von Jahr zu Jahr mehr einem Riff als irgendetwas, das einmal von Menschenhand geschaffen worden war. Er sah Fischschwärme in zuckendem Gleichmaß durch die Takelage schwimmen, die ihre neue Heimat geworden war.

Dies war ihr Treffpunkt; sie waren angekommen.

Er hob die Hand, und Nyssa stellte gehorsam das Rudern ein. Sie kannte das Zeremoniell bereits, barg die nassen Ruder und setzte sich bequemer auf ihrem harten Holzbrett zurecht, die Arme wärmend um sich geschlungen unter dem Umschlagtuch, bereit für eine lange Wartezeit.

»Glotz bloß nicht dauernd zu ihm hin. Du weißt, das bringt nichts.« Der Alte warf ihr einen scharfen Blick zu, ehe er sich wieder seinen Verrichtungen widmete.

Nyssa zuckte zusammen, sagte aber nichts, sondern schaute gehorsam über die gleichmäßige Dünung, auf der sich einige Kormorane leicht wie Spielzeuge wiegten. Er hatte Recht, sie wusste es: Was sie dachte und fühlte war fruchtlos. Die Trauer ließ sie langsam stumpf werden. Sie schrak nicht einmal zusammen, als plötzlich die Stimme ihres Vaters von neuem erklang, mit einem hohen, klagenden Ton.

Eroc war ein alter Mann, sein Gesang zittrig und rau. Aber er hatte nichts von seiner Magie verloren. Einst war er der größte Sänger des Seevolkes gewesen, damals, als es noch viele von ihnen gegeben hatte und sie einmal im Jahr zum Wettstreit ihrer Sänger aus den Buchten zusammenströmten. Damals, als sie noch große Feste feierten und sich erzählten, wie ihre Vorfahren es vermocht hatten, die Flut herbeizusingen und die Sterne am Himmel zum Tanzen zu bringen.

Nyssa kannte die Geschichten, die man sich davon erzählte. Sie war mit ihnen aufgewachsen. Es waren Märchen, das wusste sie. Dennoch hatte sie früher oft auf den Felsen gesessen und versucht, mit ihrer eigenen Stimme das Meer zu betören. Manchmal meinte sie, etwas geschehe tatsächlich dabei. So, als täte ein Weg sich vor ihr auf, eine unsichtbare Brücke, die ins Weite führte. Und manchmal war sie kurz davor, den Fuß darauf zu setzen und zu versuchen, über das Wasser zu wandeln. Doch nie hatte sie es wahrhaftig gewagt. Aber in ihrer Stimme hatte sich etwas von der Hoffnung bewahrt und auch von dem Kummer. Sie klang älter als sie selbst. Alle sagten, sie wäre eine würdige Nachfolgerin Erocs. Nur machte ihr das Singen keine Freude mehr.

Ihr Vater hatte wenig Interesse an ihr. Er verfolgte nur seine eigenen Geschäfte und achtete ihrer wenig, wenn er sie nicht herumkommandierte.

Nyssa fröstelte. Lag es an der Gischt oder an dem Lied, das Eroc angestimmt hatte? Es kam Nyssa so grau und dunkel, so kalt und schroff vor wie die Felsen dort unten, über denen ihre Nussschale sich wiegte. Sie tastete nach dem Holz der Bordwand, in dem noch ein Rest des Lebens war, das es einmal erfüllt hatte, als suche sie dort Schutz vor der ungeheuerlichen Leere, die sie unter sich ahnte. Die tiefen, seltsamen Töne aus Erocs Mund ließen die Luft vibrieren. Plötzlich flogen die Kormorane auf.

Eroc lächelte. »Er kommt«, stellte er in befriedigtem Ton fest.

Nyssa rutschte auf den Boden des Bootes, umschlang ihre Knie und schaute zu, wie er nach dem kopfgroßen Steinbrocken griff, den er im Boot bereitgelegt hatte. »Vater«, begann sie, biss sich dann aber auf die Lippen. Er würde nichts geben auf das, was sie sagte. Dann überkam sie Trotz. »Eines Tages wird er dich töten«, erklärte sie patzig.

Zu ihrem Erstaunen lachte Eroc auf. »Wenn ich ihn darum bitte«, sagte er. Er hielt den Stein so zärtlich im Arm wie einen Säugling. Dann ließ er sich rücklings über die Bordwand fallen.

Das kalte Wasser umschloss ihn wie eine Faust. Er riss die Augen auf und fühlte beglückt den Zugriff des Meeres, der stärker wurde mit jedem Fuß, den er sank, den Stein mit beiden Armen fest umklammernd. Fische näherten sich ihm neugierig, ein Schwarm silbriger Körper schoss davon, kehrte in faszinierendem Gleichmaß um und umschmeichelte den fremden Eindringling in eleganten Serpentinen, ohne ihn doch je zu berühren.

Schlick wogte auf, als Erocs Füße den Grund berührten, und vernebelte ihm die Sicht. Eroc tastete nach Halt auf dem glitschigen Grund und wagte dann die ersten, langsamen Schritte auf das Wrack zu. Als er die muschelverkrusteten Planken berühren konnte und die Wolke aus Algenpartikeln und feinem Matsch sich langsam senkte, erblickte er auch den fernen, blauschattigen Horizont des Meeres und darin den kleinen schwarzen Punkt, der so rasch wuchs. Er erschauerte.

Wenige Augenblicke später war der Hai heran. Er war gigantisch. Eroc spürte jedes Mal erneut sein Herz pochen, wenn er ihn sah, obwohl ihre Freundschaft nun doch schon so lange währte. Wir sind beide alt, dachte er und streckte die Hand aus, um die Flanke des vorbeigleitenden Tieres zu berühren, das seinen Schatten auf alles warf. Es war Eroc, als würde das Wasser noch um ein paar Nuancen kälter. Die Haut des Hais war so rau, dass es wehtat, sie zu streicheln, aber er zog seine Finger nicht zurück. Der Schmerz wärmte ihn, gab ihm Wachheit und Kraft. Schon spürte er den Mangel an Luft, aber nicht umsonst war er ein Sänger. Er wusste, wie man seine Lungen füllte und sich die Reserven einteilte. Noch musste er nicht gehen. Er hatte Zeit.

Das Lied, das zuvor erklungen war, erfüllte noch immer seinen Kopf, seinen Geist. Und er wusste, der Hai konnte es hören. Gespannt verfolgte er die nervösen Kurven, die der große Fisch schwamm. Na, komm schon, lockte er, komm zu mir, du kennst mich. Wir sind alt, wir beide, du und ich. Und wir besitzen das Gedächtnis unserer Art. Also komm her. Noch einmal streckte er die Hand aus und legte sie auf den grauen Leib, der so kühl war wie das Wasser selbst. Und dann, endlich, nahm er ihn wahr. Es war, als ströme es in sein Gehirn. Wasser, unendliche Massen, wogende, wallende, sich türmende Gewalten, erfüllt von urtümlichen Schreien. Er sah, wie der Boden aufriss und blendende Lava hervorquoll, orangerot, unglaublich leuchtend, mit bösen, schwarz klaffenden Rändern. Erocs Füße lösten sich vom Grund. Als er den Mund öffnete, strudelten Blasen heraus. Er schrie.

Nyssa fröstelte. Sie hatte die dreieckige Flosse gesehen und sich in die Bootsmitte zurückgezogen, als der Hai das Gefährt neugierig umkreist hatte. Nun war er verschwunden, genau wie ihr Vater. Und sie wagte es nicht, über den Rand ins Wasser hinabzublicken.

Wie lange war er schon fort? Die Kormorane kreisten noch immer kreischend über ihr. Dankbar ließ Nyssa sich von ihnen ablenken. Endlich richtete sie sich auf die Knie auf und blickte zurück zum Land. Die Gestalt war noch immer dort. Sie schien ruhig am selben Platz zu stehen, nur ihre Arme vollführten große, weit ausholende Gesten. Nyssa lächelte, als sie es sah.

Fast vermeinte sie seine Stimme zu hören: »Ich webe den Wind. Ein guter Weber muss die Fäden der Brise und der Brandung verweben können. Dazu die Möwenschreie und das Rauschen der Eichen droben auf der Ebene.« Sie hatte gelacht, als sie es das erste Mal hörte. Aber heute glaubte sie, begriffen zu haben: Ein guter Weber musste es vermögen, den Teppich des Lebens zu erstellen.

»Auled«, flüsterte sie.

Im selben Moment durchbrach der Kopf ihres Vaters die Oberfläche. Wasser troff aus seinen langen weißen Haaren und dem Bart. »Hilf mir«, herrschte er sie an.

Sie griff nach ihm und zog ihn unter Aufbietung all ihrer Kräfte in das Boot. Dort lag er wie ein gefangener Fisch und schnappte nach Luft. Seine Haut war grau und er zitterte. Dabei sprach er kein Wort.

Eilig griff Nyssa nach der mitgebrachten Decke und hüllte ihn ein. Unaufgefordert nahm sie dann das Ruder und begann, das Boot zu wenden. Auled verschwand aus ihrem Blickfeld, die Felswand glitt beiseite, dafür erstreckte sich vor ihr die immense Fläche des Wassers. Ob es stimmte, dass sie in Ewigkeit nicht endete, diese große, wogende Ungeheuerlichkeit? Zu ihren Füßen klapperte ihr Vater jämmerlich mit den Zähnen.

Dann riss der Dunstschleier entzwei, der den Himmel bedeckt hatte, und die Meeresoberfläche flammte silbern auf. Es war, als zöge ein dunkler Schatten sich immer weiter in die Ferne zurück, zöge seine Hand von ihnen ab und überließe sie dem Leben.

Nyssa spürte mit einem Mal die Wärme der Sonne auf ihrem Rücken. Sie nahm das Rudern auf. Langsam beruhigte die Bewegung ihren Körper, ihr Puls schlug regelmäßig, und ihre Sicherheit kehrte zurück.

Auch Eroc kam langsam wieder zu sich. Er setzte sich auf und spuckte Salzwasser aus. Angelegentlich zog er den Rotz durch die Nase. Dann rieb er seine fast erstorbenen Finger und Zehen.

»Diesmal habe ich es übertrieben«, stellte er mit grimmigem Vergnügen fest. »Aber bei Gott, sie sind alt, älter als wir, sage ich dir. Es ist ungeheuerlich.« Sein herbes Gesicht nahm einen weichen, sehnsüchtigen Schimmer an. »Ich habe Dinge gesehen …« Er vollendete den Satz nicht.

»Hast du auch gefunden, was du suchst?«, fragte seine Tochter ein wenig spitz.

Erocs Gesicht verdüsterte sich mit einem Schlag. »Rudere, Mädchen.« Sie schwiegen, bis sie den Strand erreichten.