Revolution – Aufbruch
zu Demokratie und Republik
Sonderveröffentlichungen der
Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte
herausgegeben von Jürgen Jensen
Band 87
1. Auflage 2018
© 2018 Wachholtz Verlag – Murmann Publishers, Kiel/Hamburg
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Gesamtherstellung: Wachholtz Verlag
Satz: Marleen Krallmann, Kiel
E-ISBN 978-3-529-09256-5
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Vorwort des Herausgebers
1.Einleitung
2.Ein Land militärisch und wirtschaftlich am Boden
Deutschland im Herbst 1918
3.Die massenhaften Befehlsverweigerungen in der Marine in Wilhelmshaven
Oktober 1918
4.Der Matrosen- und Arbeiteraufstand in Kiel
Anfang November 1918
- Matrosen und Arbeiter gegen Admirale
- Erinnerungen, Marinedokumente, Fotografien
5.Eine Chronologie der Kieler Ereignisse
1. bis 10. November 1918
- Freitag, 1. November 1918
- Sonnabend, 2. November 1918
- Sonntag, 3. November 1918
- Montag, 4. November 1918
- Dienstag, 5. November 1918
- Mittwoch, 6. November 1918
- Donnerstag, 7. November 1918
- Freitag, 8. November 1918
- Sonnabend, 9. November 1918
- Sonntag, 10. November 1918
6.Was war passiert?
Bilanz der Kieler Ereignisse
7.Die politische Entwicklung in Berlin
November 1918 bis Januar 1919
8.Gustav Noske und der Soldatenrat
Die weitere Entwicklung bis 1919
9.Der Arbeiterrat in Kiel
Die weitere Entwicklung bis Herbst 1919
10. Der Weg zur parlamentarischen Demokratie
Die Wahlen in Kiel 1919
11. Der Kieler Spartakistenaufstand
Februar 1919
12. Der Kapp-Lüttwitz-Putsch in Kiel
März 1920
13. Kiels schwieriger Umgang mit dem Erbe des Matrosen- und Arbeiteraufstands
14. Die deutsche Revolution von 1918
Schlussbetrachtung
Anhang
- Danksagung und editorische Anmerkung
- Anmerkungen
- Abkürzungen
- Quellen- und Literaturverzeichnis
- Abbildungsnachweis
- Personenregister
- Karte der Kieler Innenstadt
Als »Springquell der Revolution« fasst Bernhard Rausch, der damalige Chefredakteur der »Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung«, den Matrosen- und Arbeiteraufstand in seiner bereits Ende November 1918 herausgegebenen Broschüre die noch aktuellen Ereignisse in Kiel zusammen, ahnend und voraussehend, dass sie eine bedeutende und weit über den lokalgeschichtlichen Rahmen hinausgehende Rolle spielen würden. War sie aber selbst Fachhistorikern in ihren späteren Darstellungen zur deutschen Geschichte nur gelegentlich mehr als eine Fußnote wert, so wird sich das jetzt zum 100. Jahrestag der bisher »vergessenen« Revolution ändern. Das Jubiläum wird eine Flut von Medienberichten und Buchveröffentlichungen hervorbringen. Denn die Bewertung der damaligen Ereignisse und Umwälzungen, die von Wilhelmshaven und Kiel ausgingen und in Berlin mit der Ausrufung der Republik ihren Höhepunkt fanden, hat sich grundlegend dahingehend gewandelt, in ihnen nunmehr den »wahren Weg« zur Demokratisierung Deutschlands (Wolfgang Niess, 2017) zu sehen.
Die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte hat sich erstmals in der Aufbruchszeit der 1968er Jahre um eine differenziertere Erforschung und Bewertung der revolutionären Ereignisse bemüht. Als wesentlichen Beitrag hat sie 1978 die wissenschaftliche Untersuchung von Dirk Dähnhardt über die »Revolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Republik 1918/19« und kurz darauf seine zusammen mit Gerhard Granier bearbeitete Dokumentation zum Kapp-Lüttwitz-Putsch in Kiel veröffentlicht.
Inzwischen sind in der Geschichtswissenschaft wie in der Öffentlichkeit neue Fragen aufgetaucht und weitere Quellen, vor allem zur Erinnerungskultur, bekannt geworden. Die Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte ist daher Dr. Martin Rackwitz außerordentlich dankbar, dass er nach der Erforschung der Märzrevolution von 1848 in Kiel auch ihren neuen Forschungsauftrag zu einem erfolgreichen Ende geführt und das Thema für Kiel umfassend und quellenkritisch neu bearbeitet hat. Die vorliegende Sonderveröffentlichung unserer Gesellschaft ist neben dem entsprechenden Dokumentarfilm von Kay Gerdes und Klaus Kuhl in unserer Reihe Historischer Filmdokumente eine weitere verlässliche Grundlage bei der Erforschung der Stadt- und Zeitgeschichte und zugleich unser Beitrag zu den diesjährigen Jubiläums- und Gedenkveranstaltungen.
Wir danken der Landeshauptstadt Kiel für eine finanzielle Förderung beider Projekte und danken allen Personen und Institutionen, die unsere Autoren bei ihren Vorhaben unterstützt haben und, was diese Publikation betrifft, in der Danksagung im Anhang namentlich genannt werden. Wir freuen uns darüber hinaus über die bewährte Zusammenarbeit mit dem Wachholtz Verlag, seinem Geschäftsführer Olaf Irlenkäuser und der Verlagslektorin Dr. Rosa Wohlers, die das Buchprojekt engagiert begleitet und umgesetzt haben. Wir sind überzeugt, dass diese sorgfältig und umfassend recherchierte Neuerscheinung ihre gebührende Beachtung in der Öffentlichkeit und in Fachkreisen findet.
Dr. Jürgen Jensen
Vorsitzender der Gesellschaft
für Kieler Stadtgeschichte
Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.
»Die Flotte unter der roten Fahne. Der Sieg der Freiheit!« so schrieb die sozialdemokratische »Schleswig-Holsteinische Volkszeitung« in großen Lettern auf ihrer Titelseite am 5. November 1918. Rote Fahnen als Symbol der Revolution wehten an diesem Morgen in Kiel nicht nur auf den Schiffen der kaiserlichen Kriegsflotte im Hafen, sie wehten auch weithin sichtbar für alle am Turm des Kieler Rathauses. Für die »Volkszeitung« hatte mit der faktischen Übernahme der Macht in der Stadt durch den in der Nacht zuvor im Gewerkschaftshaus gegründeten Soldatenrat das Volk über die Militärs, die »Machthaber des alten Systems«, gesiegt: »Der kalte Angstschweiß stand den Admiralen und Kapitänen auf der bleichen Stirn, als sie mit den jungen, frischen Matrosen verhandelten, in deren Augen das Glück einer besseren Zukunft leuchtete.«1 Die Redakteure ließen in ihrer Einschätzung der Ereignisse keinerlei Zweifel daran, dass mit der in Kiel ausgelösten Umwälzung der politischen Verhältnisse eine neue Zeit beginnen werde und sich die Revolution in ganz Deutschland nicht mehr aufhalten lasse. Sie appellierten an die Bevölkerung:
Die Revolution ist auf dem Marsche. Was gestern sich in Kiel ereignet hat, wird in den nächsten Tagen weitere Kreise ziehen und den Anstoß zu einer Bewegung geben, die durch ganz Deutschland gehen wird. Was die Arbeiter und Soldaten wollen, ist nicht das Chaos, sondern die neue Ordnung, ist nicht die Anarchie, sondern die soziale Republik. Lasst Euch darum nicht zu Unbesonnenheiten fortreißen! Glaubt nicht wilden Gerüchten, stellt Euch geschlossen hinter den Arbeiter- und Soldatenrat, folgt seinen Anordnungen und Beschlüssen, vermeidet alles, was gegen unsere Bewegung und ihren idealen Schwung ausgenutzt werden könnte. Es lebe die Freiheit! Hoch die soziale Republik!2
Der Aufruf der »Volkszeitung«, die neuen Machthaber zu unterstützen, war verbunden mit der Aufforderung, dass der Kaiser nun endlich abdanken müsse, um einen politischen Neuanfang und den lange ersehnten Frieden zu ermöglichen. Nur vier Tage später wurde in der Reichshauptstadt Berlin am 9. November 1918 die Republik ausgerufen, am 10. November floh der Kaiser ins Exil nach Holland, am 11. November endete der Erste Weltkrieg. Eine neue Zeit hatte begonnen – und doch ihr Ausgangspunkt, die Revolution von 1918, ist heutzutage weitgehend in Vergessenheit geraten.3
Kein Ereignis in der Kieler Stadthistorie hat den Gang der deutschen und europäischen Geschichte so nachhaltig verändert wie der Matrosen- und Arbeiteraufstand im November 1918. Er führte das Ende des Ersten Weltkriegs herbei und leitete den politischen Umbruch vom Kaiserreich zur Demokratie der Weimarer Republik ein. Der äußerliche Zusammenbruch der nur scheinbar so gefestigten Gesellschaftsordnung des Kaiserreichs und seines gewaltigen Militärapparates dauerte kaum mehr als eine Woche und verlief, gemessen an dem gesellschaftlichen Ausmaß der Umwälzungen, in Kiel ausgesprochen unblutig. Ein historisches Ereignis mit kollektiver Bindungskraft für die Deutschen wurde der Kieler Matrosen- und Arbeiteraufstand jedoch bisher nicht, zu sehr waren seine Auswirkungen schon unter den Zeitgenossen umstritten und zu häufig wurden sie in beiden deutschen Nachkriegsstaaten bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder politisch instrumentalisiert und missbraucht. Für die Bürgerlichen und Konservativen ging der Sturz der Monarchie entschieden zu weit, für die Arbeiter gingen die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen nicht weit genug. Die gesellschaftlichen Spannungen, die sich aus der Revolution von 1918 ergaben, führten in den nächsten Jahren auch in Kiel zu blutigen Unruhen sowohl von links als auch rechts. Wie konnte es dazu kommen, dass im Februar 1919 zuerst linksradikale Spartakisten versuchten, die Macht in der Stadt an sich zu reißen, und nur ein Jahr später im März 1920 Konservative, Deutschnationale und reaktionäre Militärs im Kapp-Lüttwitz-Putsch von der Förde aus die demokratisch gewählte Reichsregierung in Berlin durch einen gewaltsamen Staatsstreich stürzen wollten?
Diese Überblicksdarstellung schildert die Ursachen und den Verlauf des sogenannten Kieler Matrosen- und Arbeiteraufstands 1918, seine Bedeutung für die Novemberrevolution sowie die unruhigen Jahre 1919 und 1920 in Kiel, bis sich die junge Demokratie allmählich stabilisierte. Der Schwerpunkt liegt auf den Ereignissen Anfang November 1918 in Kiel, die hier in Form einer Tageschronik erzählt werden und vor 100 Jahren den Startschuss zur Revolution gaben. Gleichzeitig soll diese Untersuchung die wichtige Rolle der Kieler Arbeiter beleuchten, die sich mit den Matrosen verbündeten. In der öffentlichen Wahrnehmung standen die Arbeiter aber immer hinter den Matrosen zurück, obwohl sie deren Aufstand erst zu einer wesentlich breiteren revolutionären Volksbewegung machten.
Was den meisten Deutschen 1918 noch wie eine Revolution aus heiterem Himmel erschien, hatte jedoch eine lange Vorgeschichte – sowohl in der Marine als auch in der Zivilbevölkerung.
Nach den langen und zehrenden Kriegsjahren war die militärische und wirtschaftliche Lage des Deutschen Reichs im Herbst 1918 desolat. Über vier Jahre Krieg und britische Seeblockade hatten das deutsche Militär an den Fronten und die Zivilbevölkerung in der Heimat ausgelaugt. Die letzte Frühjahrsoffensive im Westen war endgültig gescheitert, ab dem August 1918 musste sich das erschöpfte deutsche Heer vor den überlegenen Truppen der verbündeten Briten, Franzosen und Amerikaner immer weiter aus Frankreich und Belgien zurückziehen. Befehlsverweigerungen und Desertion wurden häufiger, ganze Einheiten legten ihre Waffen nieder und begaben sich in gegnerische Kriegsgefangenschaft. Die Auflösung des deutschen Heeres an der Westfront schritt unaufhaltsam voran. Gleichzeitig brach im September 1918 das mit dem Deutschen Reich verbündete Königreich Bulgarien militärisch zusammen, sodass sich auch im Südosten die Kriegslage für die Mittelmächte dramatisch verschlechterte. Am 29. September 1918 kapitulierte Bulgarien vor der Entente4, und die Oberste Heeresleitung (OHL) um die Generale Hindenburg und Ludendorff erklärte den Krieg für verloren und teilte dem Kaiser und der politischen Führung mit, dass eine neue Reichsregierung, die das ganze Volk vertrete, die Alliierten sofort um Waffenstillstandsverhandlungen ersuchen müsse. So überließen es die Generale den Politikern, die deutsche Öffentlichkeit über die ausweglose militärische Situation zu informieren. Nach über vier Jahren Krieg mit fast zwei Millionen toten deutschen Soldaten sollten alle Anstrengungen und Entbehrungen vergebens gewesen sein? Der Krieg war verloren, ein unfassbarer Schock ging durch Deutschland.5 Während sich die Generale so aus der militärischen Verantwortung stahlen, das Waffenstillstandsgesuch selbst übergeben zu müssen, begann die neue Reichsregierung unter dem liberalen Prinz Max von Baden, der mit Gustav Bauer und Philipp Scheidemann auch zwei Vertreter der Sozialdemokraten als stärkster Fraktion im Reichstag angehörten, am 4. Oktober 1918 die Waffenstillstandsverhandlungen vorzubereiten.
Weil es für die Entscheidungen der neuen Reichsregierung und die Beweggründe der Matrosen auf den Schlachtschiffen von größter Bedeutung war, muss bereits an dieser Stelle in aller Deutlichkeit betont werden, dass das deutsche Westheer zu diesem Zeitpunkt militärisch geschlagen war und über keine Reserven mehr verfügte. So schrieb Feldmarschall v. Hindenburg am 3. Oktober an den neuen Reichskanzler Max von Baden, dass die Oberste Heeresleitung auf »der sofortigen Herausgabe des Friedensangebotes an unsere Feinde bestehe«, weil der Zusammenhalt der stark geschwächten Westfront nicht mehr garantiert werden könne und der Gegner ständig neue, frische Reserven an die Front brächte. Hindenburgs Analyse der militärischen Lage Deutschlands gab dem gerade neu eingesetzten Reichskanzler keinerlei Anlass zur Hoffnung mehr. In seinem Brief an Max von Baden hatte Hindenburg seine Einschätzung der Lage wie folgt formuliert: »Unter diesen Umständen ist es geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen Volke und seinen Verbündeten nutzlose Opfer zu ersparen. Jeder versäumte Tag kostet Tausenden von tapferen Soldaten das Leben.«6
Der Krieg war verloren, und das wussten auch Hindenburg und Ludendorff: Sie hatten den dramatischen Zerfall der Westfront kommen sehen, die deutsche Öffentlichkeit und Politik jedoch bis Ende September 1918 diesbezüglich bewusst getäuscht. Obwohl das deutsche Westheer im Herbst 1918 noch große Teile Belgiens besetzt hielt, war die Niederlage bereits zu diesem Zeitpunkt unausweichlich – und alle gegenteiligen Behauptungen, die sich später in der Bevölkerung verbreiteten, gehören in das Reich der Legenden, genauer gesagt der sogenannten Dolchstoßlegende.7 In den Augen der Anhänger dieser von den führenden Militärs, allen voran Ludendorff, sowie konservativen Politikern verbreiteten Legende seien die »meuternden«8 Matrosen, angestachelt von den beiden sozialdemokratischen Parteien, dem noch immer tief im Feindesland stehenden und tapfer kämpfenden deutschen Heer feige mit einem »Dolchstoß« in den Rücken gefallen und hätten so die deutsche Niederlage im November 1918 herbeigeführt. Die katastrophale militärische Situation Deutschlands und das Eingeständnis der deutschen Niederlage durch Ludendorff und Hindenburg Ende September 1918 wurden dabei völlig ausgeblendet und taten der erfolgreichen Verbreitung dieser Unwahrheit keinen Abbruch. So stand die neue Regierung von Max von Baden im Oktober 1918 vor dem Scherbenhaufen von Hindenburgs und Ludendorffs gescheiterter Kriegspolitik und musste unter allen Umständen einen Waffenstillstand erreichen, bevor die Ententemächte in das Deutsche Reich einmarschieren würden. Aufgrund der aussichtslosen militärischen Lage war der Verhandlungsspielraum der neuen Regierung dabei äußerst eingeschränkt.
Auch in der deutschen Hochseeflotte, dem Stolz des Kaiserreichs, war die Stimmung 1918 auf dem Tiefpunkt. Seit der Skagerrakschlacht am 31. Mai und 1. Juni 1916 waren die großen Linienschiffe (Schlachtschiffe) nicht mehr gegen England ausgelaufen und hatten die meiste Zeit untätig in ihren Stützpunkten in Wilhelmshaven und Kiel gelegen. Das massive Flottenbauprogramm seit der Jahrhundertwende hatte sich angesichts der britischen Übermacht zur See und deren Blockade der Nordsee als strategische Fehlentscheidung erwiesen. Der Admiralstab setzte deshalb ab Februar 1917 voll auf den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und widersetzte sich damit dem Willen des Reichskanzlers Bethmann Hollweg und der politischen Führung des Reichs, die bereits zu diesem Zeitpunkt Friedensinitiativen unterstützten. Doch selbst der massive Einsatz von U-Booten konnte die maritime Übermacht der Briten und die Abriegelung der Nordsee nicht brechen, im Gegenteil: Er führte zum Kriegseintritt der USA gegen Deutschland im April 1917. Mit der Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges waren auch alle Friedensinitiativen von Bethmann Hollweg und dem Reichstag endgültig gescheitert.
Derweil führten der eintönige bis schikanöse Dienst an Bord der Linienschiffe, die beengten Lebensverhältnisse der Mannschaften unter Deck und die schlechte Verpflegung bereits im Sommer 1917 in Wilhelmshaven zu einer Meuterei der Matrosen, insbesondere auf den Schiffen des IV. Geschwaders. Die Admiralität schlug die Meuterei mithilfe der Militärgerichtsbarkeit im August 1917 nieder, bevor sich diese in der Marine ausbreiten oder auf die Zivilbevölkerung in Wilhelmshaven übergreifen konnte. Die beiden Anführer, Max Reichpietsch und Albin Köbis, wurden am 5. September 1917 nach einem auch in Marinekreisen als ungerecht empfundenen Militärprozess hingerichtet, 76 Matrosen und Heizer wurden zu teils langjährigen Haftstrafen verurteilt, die sie im Zuchthaus von Celle absitzen mussten.9 Auch wenn damit die Befehlsgewalt auf den Linienschiffen wieder hergestellt war, rumorte es unter den Mannschaften weiter, und die Unzufriedenheit wuchs, denn die eigentlichen Ursachen der Missstände wurden nicht beseitigt. Ebenso greift es zu kurz, die Ursachen für diese Meuterei allein in den schlechten Lebensverhältnissen der Mannschaften an Bord der Linienschiffe zu sehen. So suchte Max Reichpietsch während seines Urlaubs im Juni 1917 in Berlin gezielt den Kontakt zu führenden Politikern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), insbesondere zu Wilhelm Dittmann und Luise Zietz, und übergab ihnen die gesammelten Beschwerden seiner Kameraden. Ebenso nahm er legale politische Broschüren der USPD aus Berlin mit, um sie unter seinen Kameraden auf den Schiffen zu verteilen. Einen Monat später suchte Reichpietsch auch in Kiel gezielt den Kontakt zu den örtlichen Vertretern der USPD. Eine aktive Unterwanderung der Linienschiffe durch Reichpietsch und die USPD mit dem Ziel, eine Meuterei unter den Matrosen auszulösen und damit ein Ende des Krieges herbeizuführen, lässt sich aber nicht belegen.10
Abgesehen davon verschlechterte sich auch die allgemeine Stimmung der Besatzungen auf den Linienschiffen zusehends. Im Rahmen des verstärkten U-Boot-Krieges wurden viele der jüngeren Offiziere, die auf den älteren Linienschiffen eingesetzt waren und den direkten Kontakt zu den Mannschaften hielten, abgezogen und den U-Booten zugeteilt. Sie hinterließen auf den Großkampfschiffen eine empfindliche Lücke. Das Band zwischen dem nun hier eingesetzten Offizierskorps und den Mannschaften begann zu reißen und die Stimmung verschlechterte sich zusehends. Dies trug wesentlich dazu bei, dass die in den Reichskriegshäfen Wilhelmshaven und Kiel stationierten Linienschiffe zur Keimzelle des Matrosenaufstands 1918 werden konnten. Auf den kleineren Schiffen hingegen, wie z. B. den Torpedobooten oder den U-Booten, waren der Zusammenhalt der Besatzung und die Stimmung an Bord oft besser. Hier gab es keine verschiedenen Küchen, und Mannschaften und Offiziere aßen das gleiche Essen.
Auch an der Heimatfront im Reich sah die Situation im Herbst 1918 ganz ähnlich aus: Die Stimmung war denkbar schlecht. Die weit verbreitete Kriegsbegeisterung und Siegeszuversicht aus dem Sommer 1914 war längst verflogen und einer tiefen Resignation gewichen. Seit dem Beginn der britischen Seeblockade der Nordsee im November 1914 bestimmten Mangelwirtschaft und Hunger das Leben der Menschen. Bereits im Sommer 1916 kam es in mehreren deutschen Großstädten zu Hungerprotesten und blutigen Ausschreitungen. In Kiel plünderten im Juni 1916 zunächst Frauen und Jugendliche eine Kartoffelausgabestelle und Brotläden im Werftarbeiterstadtteil Gaarden auf dem Ostufer, später schlossen sich ihnen Hunderte von Werftarbeitern an, und die Unruhen und Plünderungen griffen auch auf die Innenstadt und den Wochenmarkt auf dem Exerzierplatz über. Nur unter Zuhilfenahme des Militärs gelang es der Polizei nach drei Tagen, die Ruhe und Ordnung in der Stadt wieder herzustellen. Anschließend verurteilte das außerordentliche Kriegsgericht die an den Plünderungen beteiligten Zivilisten zu zum Teil mehrmonatigen Gefängnisstrafen.
Im Winter 1916/17 brach dann die staatlich gesteuerte Lebensmittelversorgung der Bevölkerung in Deutschland fast völlig zusammen. Ab dem Herbst 1916 wurden die Kartoffel- und Brotrationen mehrfach gekürzt, die Zivilbevölkerung hungerte und musste sich zuletzt fast ausschließlich von Steckrüben ernähren. Immer mehr Menschen waren auf die Versorgung durch die öffentlichen Kriegsküchen angewiesen, um nicht zu verhungern. Die Versorgungskrise wurde zusätzlich durch unübersichtliche Zuständigkeiten und die schlechte staatliche Organisation der Lebensmittelverteilung verschärft. Als Folge der katastrophalen Versorgungslage im sogenannten Steckrübenwinter kam es im Oktober 1916 und im März 1917 in Kiel zu großen Hungerkrawallen und Massenstreiks, an denen jetzt schon viele Tausend Werftarbeiter, Frauen und Jugendliche teilnahmen. Erstmals beteiligten sich auch Militärangehörige in Uniform an den Krawallen und Plünderungen, und es kamen Forderungen nach politischen Reformen und einem Ende des Krieges auf. Während der Unruhen musste die Polizei das Villenviertel Düsternbrook schützen, weil sie befürchtete, dass die hungrigen Arbeiter auf der Suche nach Nahrungsmitteln auch dort einfallen könnten, schließlich gab es auf dem grassierenden Schwarzmarkt für horrende Preise immer noch Lebensmittel zu kaufen. Die Regierung und das Militär reagierten auf die Massenstreiks und Proteste an der Heimatfront umgehend. Ab November 1916 konnte jeder Arbeiter bei mehr als 48-stündiger unentschuldigter Abwesenheit von seinem Arbeitsplatz sofort zum Militärdienst eingezogen werden, auch wenn dieser ursprünglich als ›unabkömmlich‹ vom Dienst an der Waffe zurückgestellt worden war. Das war eine unmissverständliche Warnung, sich nicht an den Streiks zu beteiligen. Im Hungerwinter 1916/17 brach der von der Propaganda viel beschworene Zusammenhalt der gesamten Bevölkerung zusammen, von nun an kämpfte jeder für sich ums nackte Überleben. Die Erosion der gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland beschleunigte sich.11
Ab 1916 zeigte die Heimatfront deutliche Risse, und der gesellschaftliche Zusammenhalt zerfiel zwischen Arm und Reich. Im Juli 1917 verabschiedete eine parteiübergreifende Reichstagsmehrheit, bestehend aus den Sozialdemokraten, der katholischen Zentrumspartei und der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei, eine Friedensresolution, die einen schnellen Verständigungsfrieden ohne territoriale Ansprüche oder finanzielle Entschädigungen Deutschlands anstrebte. Diese scheiterte nicht nur an der Ablehnung der Reichsregierung, sondern vor allem an dem vehementen Einspruch der Obersten Heeresleitung, die jegliche Friedensverhandlungen als ein Zeichen der militärischen Schwäche ablehnte, das die Gegner Deutschlands für einen baldigen Zusammenbruch des Reiches auslegen könnten. Die militärische Führung bestand weiterhin auf einem ›Siegfrieden‹, in dem Deutschland seinen Gegnern die Friedensbedingungen diktierte.
Auch auf der politischen Ebene war der Burgfrieden vom August 1914 inzwischen zerbrochen. Hatte sich die SPD-Fraktion im Reichstag zu Kriegsbeginn noch hinter die Regierung gestellt und der Finanzierung des Krieges durch Kriegsanleihen zugestimmt, so war sie inzwischen tief gespalten. Ihr linker, pazifistischer Flügel war nicht mehr bereit, die annexionistischen Kriegsziele Deutschlands und das endlose Töten an den Fronten weiter über Kredite der eigenen Bevölkerung zu finanzieren. Am 21. Dezember 1915 stimmten 20 SPD-Abgeordnete im Reichstag gegen die Bewilligung weiterer Kriegsanleihen, am 16. März 1916 wurden die abtrünnigen Abgeordneten aus der Fraktion ausgeschlossen. Sie bildeten zunächst die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft (SAG). Nach ihrem Parteiausschluss am 18. Januar 1917 gründeten die Abweichler am 6. April 1917 in Gotha mit Gleichgesinnten die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), die ein sofortiges Ende des Krieges forderte. Damit waren die größte Fraktion im Reichstag und die Arbeiterbewegung gespalten.
Auch in Kiel kam es 1916/17 zur Spaltung der Sozialdemokraten, und die Mitglieder der neu gegründeten USPD begannen mit der Hilfe auswärtiger Parteifreunde sowohl verdeckt als auch offen unter den Arbeitern und Matrosen für ein rasches Kriegsende zu agitieren, während die Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD) und die Gewerkschaften weiterhin am Burgfrieden festhielten. Allerdings waren die Erfolge der Kieler USPD, die im Mai 1917 bereits fast 1000 Mitglieder zählte, zunächst bescheiden, denn sie wurde immer wieder von den Spitzeln der politischen Polizei unterwandert und in ihrer politischen Arbeit empfindlich gestört. Von außerhalb zu Agitationszwecken nach Kiel gesandte Parteifunktionäre wurden häufig abgefangen, festgenommen und anschließend der Stadt verwiesen. Trotz der Überwachung und der Verhaftung ihrer Funktionäre gelang es der USPD, bis zum Ausbruch des Matrosenaufstands 1918 ein Netzwerk von Vertrauensleuten auf den Werften, in den Rüstungsbetrieben und unter den Mannschaften der in Kiel beheimateten Kriegsschiffe aufzubauen.12
Zum Vorbild der USPD und der kriegsmüden Arbeiterschaft wurde das revolutionäre Russland, wo im Februar 1917 der Zar gestürzt worden war und die Bolschewiki um Lenin mit logistischer und finanzieller Unterstützung aus Deutschland im Oktober 1917 die Macht übernommen hatten und in Friedensverhandlungen mit dem Deutschen Reich eingetreten waren. Auch wenn die deutschen Militärs und die deutsche Regierung die Zarenherrschaft unbedingt stürzen wollten, um einen Separatfrieden im Osten zu erreichen, versuchten sie mit allen Mitteln zu verhindern, dass die von ihnen unterstützte Revolution von Russland auf die deutschen Arbeiter und Soldaten übergreifen würde. Deshalb ließen sie die politischen Aktivitäten der USPD streng überwachen und ausspionieren. Dennoch wurde der reichsweite Streik im Januar 1918 wesentlich von den der USPD nahestehenden Vertrauensleuten der Arbeiter organisiert und nahm seinen Anfang in Kiel.13
Am 25. Januar 1918 legten zunächst etwa 3000 der 4500 Arbeiter der Torpedowerkstatt Friedrichsort ihre Arbeit nieder. Die Torpedowerker waren besonders gut organisiert, ihre Vertrauensleute waren fast alle Mitglieder der USPD oder standen ihr zumindest politisch nahe. Die zuvor erfolgte Einberufung mehrerer Vertrauensleute zum Heer musste bei den Arbeitern den Eindruck erwecken, dass es sich hierbei nicht um eine militärisch notwendige Maßnahme, sondern um eine absichtliche Schwächung und Einschüchterung der organisierten Arbeiterschaft in diesem besonders kriegswichtigen Betrieb handelte. In den folgenden Tagen schlossen sich Zehntausende Arbeiter von der Germaniawerft, der Kaiserlichen Werft, den Howaldtswerken und deren Zulieferbetrieben den Friedrichsorter Torpedowerkern an und traten ebenfalls in den Ausstand.14 Gleichzeitig gründete sich auf Initiative von USPD-Politikern ein Arbeiterrat, der erste in Deutschland. Während das Militär die Werften besetzte und die öffentlichen Plätze sicherte, bereiteten die Streikführer eine Reihe von unerlaubten Großkundgebungen auf dem Wilhelmplatz vor, die der Kieler Militärgouverneur Admiral Bachmann aber schließlich doch genehmigte, um Druck aus der explosiven Situation zu nehmen. Auf dem Höhepunkt des Arbeiterausstands versammelten sich am 29. Januar etwa 30 000 Personen auf dem Wilhelmplatz und verabschiedeten eine Resolution an Reichskanzler Graf von Hertling. Die Forderungen der Demonstranten zeigten die fortgeschrittene Politisierung und Emanzipation der Kieler Arbeiterschaft. Im Gegensatz zu den vorherigen Protestkundgebungen im Hungerwinter 1916/17 stand nicht mehr nur eine gerechtere Verteilung der Lebensmittel im Mittelpunkt, jetzt dominierten Forderungen nach umfassenden politischen Reformen zugunsten der Arbeiterschaft und einem Ende des Krieges. Die Streikenden verlangten:
1. eine eindeutige Erklärung, einen Friedensschluss nicht von fremden Annexionen oder finanziellen Kriegsentschädigungen an Deutschland abhängig zu machen.
2. die sofortige Einberufung des Reichstages und seine Mitwirkung an Friedensverhandlungen.
3. eine umgreifende Reform der Volksernährung durch die Erfassung der Lebensmittel bei den Produzenten und eine gerechte Verteilung zu bezahlbaren Preisen.
4. die Auflösung des preußischen Abgeordnetenhauses und sofortige Neuwahlen nach dem Gesetzentwurf der Regierung.
5. die Aufhebung des Belagerungszustands in allen Bezirken, die nicht unmittelbares Kriegsgebiet sind, sowie die Beschränkung der Zensur auf rein militärische Angelegenheiten.
6. die Freilassung aller wegen politischer Verfehlungen inhaftierten oder in Schutzhaft befindlichen Personen.
7. die Zusicherung, dass die Vertrauensmänner in den Betrieben nicht zur Strafe für ihr Eintreten für die Interessen der Arbeiter zum Heeresdienst einberufen werden können.15
Die sozialdemokratische »Schleswig-Holsteinische Volkszeitung« druckte die Forderungen der Arbeiter am 30. Januar 1918 auf ihrer Titelseite und machte sie damit auch über die Grenzen Kiels und Schleswig-Holsteins hinaus bekannt. Danach kehrten die Kieler Arbeiter an ihre Arbeitsplätze zurück, auch weil die Gewerkschaften den Streik als politisch motiviert betrachteten, kein Streikgeld zahlten und weiterhin am Burgfrieden festhielten.
Der Protest der Kieler Arbeiter hatte jedoch reichsweite Massenstreiks ausgelöst, an denen sich über eine Million Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligten. In vielen deutschen Großstädten ging die kriegsmüde Bevölkerung auf die Straße und forderte politische Reformen und die sofortige Aufnahme von Friedensverhandlungen. Allein in Berlin legten über 400 000 Menschen Ende Januar 1918 die Arbeit nieder. Erstmals bildeten Politiker beider sozialdemokratischer Parteien Arbeiterausschüsse und teilten sich die Streikleitung, denn auch die MSPD wollte ihren Einfluss auf die Arbeiterschaft nicht kampflos an die radikalere USPD abgeben. Die MSPD-Führung hielt selbst dann noch am Burgfrieden fest, als die Arbeiter bereits zu Hunderttausenden mit den Füßen auf den Straßen abstimmten, dass der Krieg ein Ende haben müsse. Auch in Berlin bildete sich ein Arbeiterrat, dem u. a. die führenden MSPD-Politiker Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann angehörten. Die Regierung und das Militär wussten sich gegen die Massenproteste nicht mehr anders zu helfen, als den verschärften Belagerungszustand über Berlin zu verhängen und die Demonstrationen teils gewaltsam niederzuschlagen. Es gab Tote und Verletzte, und das Militär besetzte und kontrollierte die bestreikten Großbetriebe. Um ihrer drohenden Einberufung an die Front zu entgehen, kehrten die Streikenden am 4. Februar an ihre Arbeitsplätze zurück. Es folgte eine Verhaftungswelle unter den Streikführern in Berlin wie in Kiel – zum letzten Mal gelang es den staatlichen Autoritäten, die Massenproteste der Bevölkerung gegen Elend und Krieg zu unterdrücken.
Im Frühjahr 1918 entspannte sich die Situation an der Heimatfront noch einmal kurzzeitig. Im März 1918 hatte das revolutionäre Sowjetrussland in Brest-Litowsk Frieden mit dem Deutschen Reich geschlossen und war aus dem Krieg ausgeschieden. Die militärische Besetzung und wirtschaftliche Ausbeutung großer Teile Weißrusslands und der Ukraine ermöglichten dem Deutschen Reich neue Nahrungsmittelzufuhren, doch schon im August begann der Zusammenbruch der Front im Westen.
Am 24. September 1918, fünf Tage vor dem Eingeständnis der militärischen Niederlage durch die Oberste Heeresleitung am 29. September, besuchte Kaiser Wilhelm II. ein letztes Mal Kiel. In Friedrichsort ließ er sich zuerst die Torpedowerkstätten zeigen und sprach mit den Arbeitern. Nach einer Truppeninspektion in der Wiker Garnison besichtigte er die Kaiserliche Werft in Gaarden, wo er sich erneut mit Arbeitern und Arbeiterinnen unterhielt.
Kaiser Wilhelm II. bei seinem letzten Besuch in Kiel am 25. September 1918 im Gespräch mit Werftarbeitern
Bei seinem Besuch wurde er nicht mehr wie früher mit Jubel empfangen. Die Stimmung in der Stadt war ernst und gedrückt, die Menschen und die Arbeiter auf den Werften wollten endlich Frieden. Am 18. Oktober 1918 teilte die Marinestation der Ostsee im Angesicht der militärischen Niederlage dem Reichsmarineamt in Berlin mit, dass die Arbeiter der Germaniawerft für die Annahme der Waffenstillstandsbedingungen des amerikanischen Präsidenten Wilson seien und deshalb bereits einen Streik vorbereiteten. Auf der Kaiserlichen Werft, so das Fernschreiben, tendiere die Stimmung gegen eine Annahme, die Torpedowerker in Friedrichsort würden sich schon auf eine in wenigen Tagen völlig veränderte politische Situation vorbereiten.16 Am selben Tag kritisierte Militärgouverneur Bachmann in einem persönlichen Schreiben an die Inspekteure der ihm unterstellten Einheiten den fortschreitenden Autoritätsverlust seiner Offiziere gegenüber den Mannschaften, für den er vor allem die mangelnde Vorbildfunktion und charakterliche Eignung vieler jüngerer Offiziere verantwortlich machte.17 Weniger dramatisch als beim Westheer, trotzdem deutlich spürbar begann auch in der Marine im Herbst 1918 die Moral zu bröckeln, insbesondere auf den Großkampfschiffen, wo die strengen Hierarchien zwischen den Seeoffizieren, Deckoffizieren18 und Mannschaften zu Lasten des Zusammenhalts und der Kameradschaft an Bord gingen. Wie weit der Autoritätsverlust der Offiziere bereits fortgeschritten war, sollte sich nur zehn Tage nach Admiral Bachmanns mahnenden Worten auf dramatische Art zuerst in Wilhelmshaven und dann noch deutlicher in Kiel zeigen.
Den Zerfall der Westfront und die Kapitulation des Kriegsverbündeten Bulgarien vor Augen musste der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden Anfang Oktober 1918 umgehend Waffenstillstandsverhandlungen mit den Entente-Mächten vorbereiten. Allerdings vertagte sich der Reichstag nach der Regierungserklärung des neuen Reichskanzlers am 5. Oktober und kam erst am 22. Oktober wieder zusammen, sodass das Parlament die Gelegenheit, die Einleitung der Waffenstillstandsverhandlungen und die sich abzeichnende Demokratisierung Deutschlands aktiv mitzugestalten, nicht nutzte und diese überaus wichtigen Aufgaben allein der neuen Reichsregierung überließ. Am 4. Oktober (datiert auf den 3. Oktober) richtete die Reichsregierung über die neutrale Schweiz ein Waffenstillstandsgesuch an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, das sich an dessen 14 Punkten vom 8. Januar 1918 zu einer Neuordnung des vom Krieg zerstörten Europas orientierte. In seiner Antwort vom 8. Oktober forderte Wilson als Vorbedingung für die Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen die Räumung der von den Mittelmächten (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn) besetzten Gebiete, wozu sich das Deutsche Reich am 12. Oktober bereit erklärte. Am 10. Oktober belastete jedoch ein schwerer militärischer Zwischenfall in der Irischen See die angestrebte Anbahnung von Verhandlungen zwischen der deutschen und der amerikanischen Regierung ganz erheblich, als das deutsche U-Boot 123 den britischen Post- und Passagierdampfer »Leinster« versenkte, wobei 501 der 771 Besatzungsmitglieder und Passagiere, vorwiegend Angehörige der alliierten Streitkräfte, darunter auch Amerikaner, starben. Daraufhin bezichtigte Wilson in einer zweiten diplomatischen Note vom 14. Oktober Deutschland des wiederholten Bruchs des Völkerrechts und forderte die sofortige Einstellung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges. Der deutsche U-Boot-Krieg gegen Zivilisten und das gleichzeitige Ausstrecken von Friedensfühlern an Amerika waren für ihn inakzeptabel und machten die Reichsregierung als Verhandlungspartner unglaubwürdig. Wilson erklärte, dass es keinerlei Waffenstillstandsverhandlungen mit Deutschland geben würde, solange deutsche U-Boote zivile Schiffe angriffen. Auch die Oberste Heeresleitung verlangte angesichts der desolaten militärischen Lage an der Westfront von der Seekriegsleitung die sofortige Einstellung des U-Boot-Krieges, um die Vorbereitungen zu den Waffenstillstandsverhandlungen nicht zu gefährden. Die deutsche Politik musste nun reagieren, um den Gesprächsfaden mit den Amerikanern nicht abreißen zu lassen. Am 21. Oktober 1918 erfüllte das Deutsche Reich die Forderung nach der Einstellung des U-Boot-Krieges gegen den expliziten Willen der Seekriegsleitung, die darin immer noch die wirkungsvollste Waffe zur See gegen Großbritannien sah, und zog die U-Boote von See zurück.19 In einer dritten diplomatischen Note vom 23. Oktober forderte Wilson nicht nur die umgehende Parlamentarisierung und Demokratisierung Deutschlands, sondern – vor allem auf französischen und britischen Druck – jetzt auch die Entwaffnung Deutschlands und die Auslieferung der deutschen Flotte, damit von Deutschland in Zukunft keine militärische Bedrohung mehr ausginge. Angesichts der aussichtslosen militärischen Situation an der Westfront konnte die Reichsregierung diesen deutlich verschärften alliierten Forderungen nichts entgegensetzen. Sie setzte sich über die strikte Ablehnung dieser Forderungen durch die OHL hinweg, entließ am 26. Oktober General Ludendorff und verhandelte weiter mit den Amerikanern. Die Admiralität musste erkennen, dass die deutsche Kriegsflotte bei dem kommenden Waffenstillstand abzugeben wäre, so wie die neue Reichsregierung auf Verlangen Wilsons zuvor schon den U-Boot-Krieg aufgegeben hatte. Die Auslieferung der deutschen Flotte an die Alliierten war für die Führung der Kaiserlichen Marine unvorstellbar. Stattdessen lautete ihr Credo: Deutsche Kriegsschiffe ergeben sich nicht – sie gehen mit wehenden Fahnen unter. Vorbild war das Ostasiengeschwader mit seinen 2200 Matrosen unter Vizeadmiral Maximilian Graf Spee, das am 8. Dezember 1914 gegen ein überlegenes britisches Geschwader bei den Falkland-Inseln im Südatlantik gekämpft hatte und untergegangen war.
Broschüre »Ursprung und Entwicklung der November-Revolution 1918. Wie die deutsche Republik erstand.« Von Lothar Popp unter Mitarbeit von Karl Artelt, Vorsitzende des Obersten Soldatenrates Kiel. Dezember 1918
Während all dieser diplomatischen Verhandlungen gingen die Kämpfe an der Westfront unvermindert weiter. Täglich starben Tausende deutscher Soldaten, und im Oktober 1918 bekamen im Deutschen Reich die Siebzehnjährigen ihre Einberufungsbefehle zum Militär zugestellt.20
Schon vor der Einstellung des U-Boot-Krieges hatte sich die Seekriegsleitung unter Admiral Scheer und dem Chef des Stabes der Hochseeflotte, Konteradmiral Adolf von Trotha, konkrete Gedanken gemacht, wie die Hochseeflotte auf eine solche politische Entscheidung der Reichsregierung reagieren könne. Kern dieser Pläne war, eine letzte große Seeschlacht mit der Royal Navy in der südlichen Nordsee bzw. am Eingang zum Ärmelkanal zu suchen. Ähnliche Pläne waren im Frühjahr 1917 und im April 1918 bereits zweimal vom Kaiser mit dem Argument abgelehnt worden, die Schlachtflotte für einen möglicherweise entscheidenden Einsatz gegen Kriegsende zu schonen. Vor der Reichsregierung ließe sich das Unternehmen jetzt als Unterstützung bzw. Entlastung für die noch in Flandern kämpfenden deutschen Truppen und Marineinfanteristen deklarieren, und im, wenn auch sehr unwahrscheinlichen, Fall eines Sieges über die britische Flotte könnte der Flottenvorstoß sogar die Verhandlungsposition der Reichsregierung gegenüber den Alliierten stärken. Zugleich bot die Operation der Hochseeflotte die Chance zur »Ehrenrettung«, damit sie sich nach dem Krieg nicht vorwerfen lassen müsste, die letzten Kriegsjahre untätig im Hafen geblieben zu sein, während das Heer unermüdlich in den Schützengräben gekämpft hatte. Unabhängig vom militärischen Ausgang der Operation spielte der Aspekt der Ehrenrettung der Hochseeflotte eine ganz entscheidende Rolle in den Plänen der Admiralität, wie Adolf von Trotha am 6. Oktober 1918 selbst formulierte:
Aus einem ehrenvollen Kampf der Flotte, auch wenn er ein Todeskampf wird in diesem Kriege, wird – wenn unser Volk nicht überhaupt national versagt – eine neue deutsche Zukunfts-Flotte hervorwachsen; einer durch schmachvollen Frieden gefesselten Flotte ist die Zukunft gebrochen.21
Die Entscheidung zu dieser finalen Seeschlacht sollte nach von Trothas Plänen von höchster Stelle getroffen werden. Als Reichskanzler Max von Baden am 20. Oktober gegenüber Admiral Scheer die Einstellung des U-Boot-Krieges erklärte, machte dieser gegenüber dem Reichskanzler ein paar Andeutungen über einen möglichen Flottenvorstoß gegen Großbritannien, ohne dem Regierungschef den bereits ausgearbeiteten Operationsplan in Gänze vorzulegen. Wären dem Reichskanzler die gewaltigen Ausmaße des Unterfangens erläutert worden, so wäre der Plan gewiss von der Reichsregierung abgelehnt worden, um die Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten nicht zu gefährden. So aber ließ Admiral Scheer den Reichskanzler gezielt im Unklaren und wertete den ausbleibenden Widerspruch als Zustimmung. Selbst eine ausdrückliche Ermahnung des Regierungschefs, alles zu unterlassen, was die Waffenstillstandsverhandlungen gefährden könne, ignorierte der Admiral bewusst. Die Niederschrift im Kriegstagebuch der Seekriegsleitung, angefertigt am 25. Oktober, vermerkt zur Besprechung zwischen dem Reichskanzler und Scheer am 20. Oktober:
Er beschwor dann den Admiral noch auf das eindringlichste, dass sich die Marine in das Unabänderliche fügen müsse, da Zwischenfälle, die die Friedensaktion stören könnten, auf jeden Fall vermieden werden müssen. Der Admiral sagte nunmehr vollste Loyalität der Marine zu, die nur dadurch zu gewährleisten sei, dass alle U-Boote zurückgerufen werden müssten.22
Die Seekriegsleitung ist mit ihrem militärisch sinnlosen und politisch widersinnigen Flottenvorstoß der Regierung bewusst in den Rücken gefallen und hat ihre eigenen Interessen über die Staatsräson gestellt. Ebenso hat sie bewusst gegen eine Verordnung des Kaisers vom 15. Oktober 1918 verstoßen, die der politischen Führung des Reiches die Kontrolle über den Obermilitärbefehlshaber gab. Wilhelm II. hatte verordnet: »Der Obermilitärbefehlshaber trifft alle seine Anordnungen und Entscheidungen im Einverständnisse mit dem Reichskanzler oder dem von diesem bestellten Vertreter.«23 Der Publizist und Historiker Sebastian Haffner sprach in diesem Zusammenhang über das Verhalten der Seekriegsleitung von »Gehorsamsaufkündigung größten Stils, Insubordination, Offiziersmeuterei«.24 Dass die Seekriegsleitung den Plan einer letzten Seeschlacht gegen die Royal Navy bereits seit längerer Zeit verfolgte, zeigt sich auch darin, dass Admiral Scheer bereits am 30. September 1918 befohlen hatte, die einzelnen Geschwader der Hochseeflotte auf Schillig Reede vor Wilhelmshaven zusammenzuziehen. Daraufhin hatte auch das III. Geschwader seinen Heimathafen Kiel verlassen und war in die Nordsee verlegt worden.
In die Angriffspläne der Seekriegsleitung eingeweiht war lediglich General Ludendorff von der Obersten Heeresleitung, er wurde jedoch am 26. Oktober auf Verlangen des Reichskanzlers vom Kaiser entlassen, weil er zwei Tage zuvor einen Armeebefehl geschrieben hatte, der angesichts der verschärften Waffenstillstandsbedingungen Wilsons nach der Versenkung der »Leinster« zu verstärktem Widerstand gegen die Alliierten an der Front aufgefordert hatte, und so der Absicht der politischen Führung, Frieden zu schließen, in den Rücken fiel. Angesichts Ludendorffs Eingeständnis vom 29. September, dass der Krieg definitiv verloren sei, kann diese erneute Volte des Generals nur als eine gezielte Desavouierung der Reichsregierung unter Max von Baden verstanden werden, die seine Entlassung zwingend notwendig machte. Es war zugleich der Versuch der Reichsregierung, den Primat der Politik gegenüber dem Militär durchzusetzen, das seit der Einsetzung der 3. Obersten Heeresleitung im August 1916 Deutschland quasi wie eine Militärdiktatur regiert hatte.
Während die Admirale ihren Flottenvorstoß gegen Großbritannien vorbereiteten, leitete die Reichsregierung am 25. Oktober weitere, sehr wichtige Schritte zur Einführung eines parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland ein. Als Ergebnis der sogenannten Oktoberreformen wurde die Reichsverfassung am 28. Oktober dahingehend geändert, dass der Reichskanzler zu seiner Amtsführung des Vertrauens des Reichstags bedurfte. Das heißt, die Reichsregierung musste von der Mehrheit der Abgeordneten im Parlament getragen werden und war nicht mehr allein dem Kaiser verantwortlich. Das Deutsche Reich wurde dadurch zu einer parlamentarisch-demokratischen Monarchie. Mit diesem Schritt wollte die neue Reichsregierung den alliierten Forderungen nach einer Demokratisierung Deutschlands nachkommen, ihre Friedenspolitik auf eine breitere innenpolitische Basis stellen und zugleich ihre Verhandlungsposition gegenüber den Alliierten als eine von der großen Mehrheit des deutschen Volkes legitimierte Regierung stärken. Der geplante militärische Alleingang der Admirale richtete sich also eindeutig gegen die Interessen der Regierung und der deutschen Bevölkerung und hätte zu einer massiven Untergrabung der Glaubwürdigkeit der Reichsregierung nach außen geführt. Eine Regierung, die Waffenstillstandsgespräche führt, aber gleichzeitig die ihr unterstellten Militärs nicht unter Kontrolle hat, konnte für die Alliierten kein ernstzunehmender Verhandlungspartner sein. Während die Reichsregierung die Parlamentarisierung Deutschlands im Eilverfahren vorantrieb, verließ der Kaiser am 29. Oktober Berlin, begab sich in das Große Hauptquartier in Spa in Belgien und entzog sich so der Debatte um seine zukünftige politische Rolle.
Am 24. Oktober wurde der streng geheime Operationsbefehl Nr. 19 für den Flottenvorstoß in allen Einzelheiten festgelegt.25 Der Vorstoß sollte am 30. Oktober beginnen, und der Operationsbefehl sollte den Offizieren und Mannschaften erst dann bekannt gemacht werden, wenn die Flotte bereits ausgelaufen, der Kontakt zum Land abgerissen war und es kein Zurück mehr gab. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der strengen Geheimhaltung der Pläne machten bald Gerüchte über eine geplante Seeschlacht unter den Matrosen auf den versammelten Linienschiffen die Runde. Mochten eine finale Seeschlacht oder ein ehrenvoller Untergang für die Offiziere der Hochseeflotte eine »Ehrenrettung« und die Basis für einen späteren Neuaufbau der deutschen Flotte darstellen, so waren die Matrosen aber nicht mehr bereit, ihr Leben für ein solches Ehrverständnis der Offiziere herzugeben. Für sie machte ein Himmelfahrtskommando gegen die weit überlegene britische Flotte mit Tausenden zu erwartenden Toten so kurz vor dem absehbaren Ende des Krieges keinerlei Sinn.