Horst Junginger
Der preußische Adler in der
deutschen Herrschaftsgeschichte
Der preußische Adler in der
deutschen Herrschaftsgeschichte
Eine Vogelkunde aus religionspolitischer Sicht
Tectum Verlag
Horst Junginger
Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte
Eine Vogelkunde aus religionspolitischer Sicht
© Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden–Baden 2021
ePub 978-3-8288-7809-9
(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4716-3 im Tectum
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Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung dieser Abbildung:
Krönungsgabe der Berliner Juden an Friedrich I., 1701,
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
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Inhalt
Einleitung
König des Himmels
Symbol für Preußens Aufstieg
Religiöser und militärischer Drill als Programm
Gottesfurcht im Plural
Der Raubvogel Europas
Der Choral von Leuthen
Alte und neue Kriege
Der Adler im innenpolitischen Einsatz
Das nachrevolutionäre Aktionsfeld
Imperiale Macht und Größe
Im Höhenrausch: der Erste Weltkrieg
Nach dem Krieg ist vor dem Krieg
Der nationalsozialistische Reichsadler
Im Orkus der Schande und des Vergessens
Anamnese
Apotheose
Bibliographie
Verzeichnis der Abbildungen
Einleitung
Vorliegende Studie untersucht die religionspolitische Bedeutung des preußischen Adlers vom Zeitpunkt der ersten Königskrönung in Königsberg 1701 bis zur Gegenwart in Potsdam 2021. In den 320 Jahren seiner Existenz hat der Adler viele Höhen und Tiefen erlebt, nie aber seine Funktion als ein im christlichen Glauben fußendes Symbol der politischen Herrschaft verloren. Seine Nähe zum Himmel und zu den himmlischen Heerscharen befähigt den König der Lüfte in besonderer Weise, den Menschen Orientierung zu geben. Sie blicken zu ihm auf, und wenn sie ihre Zuversicht in ihn setzen, können sie auffahren mit Flügeln wie er. Seine Wesensart wird dann die ihre und sie profitieren von seinem Mut, seiner Stärke und seinem Weitblick.
Der Aufstieg Preußens zur Großmacht beruhte wesentlich auf der engen Beziehung zwischen Religion und Militär, die in der 1732 eingeweihten Garnisonkirche in Potsdam ihr geistig-weltanschauliches Zentrum hatte. Die Garnisonkirche ragte nicht nur wie einer der „Langen Kerls“ aus der Leibgarde des Soldatenkönigs hoch in den Himmel auf. Sie war zugleich der Stamm- und Jagdsitz des preußischen Adlers. Er begleitete die preußischen Truppen auf Wappen und Emblemen bei allen ihren Feldzügen und Siegen. Mit der Niederwerfung Frankreichs stieg er 1871 zum Reichsadler und gesamtdeutschen Hoheitszeichen auf. Den Gipfel seines Einflusses erklomm er im Ersten Weltkrieg. Nie wurde mehr auf seine Macht vertraut und nie wurde er öfter abgebildet als in dieser Zeit.
Dem Ausspruch Friedrichs des Großen gemäß, dass Gott immer auf der Seite der stärkeren Bataillone steht, hatte der Adler nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg eine schwere Zeit zu durchleben. Manche wollten ihm ganz den Garaus machen. Die Republik ließ den Adler heraldisch am Leben, nahm ihm aber alle kriegerischen Attribute und königlichen Insignien. „Pleitegeier“ nannte ihn die politische Rechte deswegen. Fünfzehn lange Jahre dauerte die damnatio memoriae des Reichsadlers, bis er am „Tag von Potsdam“ im März 1933 wiederauferstand. Sein neuerlicher Höhenflug endete zwölf Jahre später in der „Nacht von Potsdam“, als am 17. April 1945 britische Flugzeuge mit der Garnisonkirche auch seinen Stammsitz zerstörten. Ohne festen Wohnsitz geisterte der Adler seitdem als Mythos in den Köpfen der Menschen herum.
Nach erfolgtem Wiederaufbau soll der Adler an die Spitze des Kirchturms zurückkehren. Erneut soll er den Kraftstrom zwischen der weltlichen und überweltlichen Herrschaft versinnbildlichen und zeigen, dass die Menschen in der Lage sind, sich zu neuen Höhen aufzuschwingen, wenn sie Glaubensstärke beweisen. Die gesamtdeutsche Vita des Adlers ist allerdings noch nicht zu Ende geschrieben. Im Moment sitzt er neben der Garnisonkirche in einer Voliere und harrt der Dinge, die da kommen.
Die Legitimation politischer Herrschaft macht das unvergleichliche Wesen des Adlers als Symboltier und Gruppenzeichen aus. Im engeren Sinn ist seine Funktion auf das Militärische gerichtet. Das entspricht seiner Veranlagung am besten. Aus der Perspektive einer religionspolitischen Ornithologie steht das Adlersymbol für den produktiven Zusammenhang zwischen Glauben und Tun, der immer dann erneuert werden kann, wenn sich die Menschen der mystischen Verbindung zwischen der Welt des Irdischen und der des Überirdischen bewusst sind.
König des Himmels
Der Adler symbolisiert von alters her Weitblick, Mut, Kraft und Unsterblichkeit. Er ist der König der Lüfte. Schon in der Antike wurde ihm als Beherrscher des Himmels eine besondere Nähe zu den Göttern attestiert. Wegen seiner achtungsgebietenden Eigenschaften ist der Adler nach dem Löwen das am häufigsten verwendete Wappentier in der Heraldik. Die machtorientierten Römer übertrugen das Adlermotiv vom Aufstieg in den Himmel auf die Repräsentanten der politischen Herrschaft. Es bot sich an, den Gedanken der Himmelsnähe auf die Kaiser Roms anzuwenden und ihnen den Ehrentitel Divus (der Göttliche, weiblich Diva) zu geben. Durch seine besondere Beziehung zu den himmlischen Göttern sorgte der Adler für das Wohlergehen des Volkes. Er konnte deshalb Respekt und Verehrung erwarten. Weltliche Interessen und die eigene Regentschaft auf höhere Mächte zurückzuführen, gehörte aber nicht nur zu den Herrschaftstechniken der Römer. Mit einem unmittelbaren Auftrag Gottes ausgestattet zu sein, begründete auch den Machtanspruch von Papst und Kaiser im christlichen Mittelalter. Die Kirche bestand darauf, dass es außer ihr keine andere Instanz geben durfte, um die Beziehung zwischen der weltlichen und überweltlichen Macht aufrechtzuerhalten.
Die leicht nachvollziehbare Vorstellung, dass der Adler bei seinem Auffliegen in die Sonne blickt, ließ ihn zum christlichen Sinnbild für den Aufstieg der Seele in den Himmel werden. Dort, in der Sphäre Gottes, erlangt der Mensch Erlösung und Unsterblichkeit. Das Dogma der leiblichen Himmelfahrt Christi (Ascensio Domini) bezeugt die Erhebung der menschlichen Natur in den Zustand der göttlichen Herrlichkeit. Am vierzigsten Tag nach Ostern feiert die Kirche mit diesem Fest die Rückkehr des Sohnes zum „Vater unser, der Du bist im Himmel“, wie es im wichtigsten christlichen Gebet heißt. Würde Gott nicht im Himmel thronen, hätte der Sonnenflug des Adlers keine religiöse Symbolkraft. Dem Kuratoriumsvorsitzenden der Stiftung Garnisonkirche, Wolfgang Huber, ist deshalb zuzustimmen, dass Sonne und Adler wichtige Symbole des christlichen Glaubens sind. Auch die Beteuerung des Altbischofs, dass der Adler „für einen Aufstieg‚ beflügelt vom Glauben an Gott“ steht (PNN 2014), klingt überzeugend.
Der Wiederaufbau der Garnisonkirche und die Fertigstellung einer drei Tonnen schweren, 200000 Euro teuren und mit einem goldenen Adler an der Spitze des Kirchturms versehenen Wetterfahne würdigt den Aufstieg Preußens in einer dem entsprechenden Weise. Wie die Potsdamer Neuesten Nachrichten am 10. Mai 2014 außerdem berichteten, hätten sich neben Wolfgang Huber auch der frühere brandenburgische Innenministier Jörg Schönbohm, Wirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel sowie Altbundespräsident Richard von Weizsäcker zuversichtlich über die baldige Fertigstellung des Garnisonkirchenturms gezeigt (ebd.). Ein dreiviertel Jahrzehnt danach geht der von maßgeblichen Repräsentanten in Politik und Kirche verfolgte Plan – zumindest was den Kirchturm betrifft – seiner Erfüllung entgegen. „Meinem Mann lag der Wiederaufbau sehr am Herzen, die Kirche war mit seinem Leben verbunden,“ sagte Marianne von Weizsäcker über das Engagement ihres 2015 verstorbenen Gatten (PNN 2019). Die emotionale Verbindung zur Garnisonkirche hatte mit den Gottesdiensten zu tun, die Richard von Weizsäcker dort als junger Mann feierte. 1938 war er mit 18 Jahren Mitglied des Potsdamer Infanterie-Regiments 9 geworden, in deren Hauskirche von einer friedenspolitischen Agenda allerdings nicht die Rede sein konnte. Ganz im Gegenteil: Wie in den zweihundert Jahren davor, so diente die Garnisonkirche auch für ihn der religiösen Zurüstung zum Krieg, der Richard von Weizsäcker Ende 1941 bis kurz vor Moskau führte (Nayhauß 1994).
In der von Wolfgang Huber, dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, dem preußischen Adler zugesprochenen Vermögen, zwischen dem Glauben an Gott und der Herrschaftslegitimierung durch den Glauben an Gott eine symbolische Verbindung herzustellen, findet die ideologische Dimension des Streits um die Garnisonkirche ihren adäquaten Ausdruck. Das griechische Verb symbállein bedeutet seinem Ursprung nach „zusammenbringen“. Dinge oder Interessen werden zu einem Sinnkomplex zusammengeführt, der den Bereich des bloß Materiellen und Rationalen transzendiert. In religiösen Symbolen manifestiert sich die Teilhabe des Menschen an der numinosen Qualität des Heiligen.
Symbol für Preußens Aufstieg
Mit der Krönung Friedrichs I. (1657–1713) zum ersten König schickte sich Preußen am 18. Januar 1701 in Königsberg an, in den Kreis der europäischen Großmächte einzutreten. Der dabei an den Tag gelegte Prunk sollte den anderen Herrscherhäusern Europas zeigen, dass mit Preußen zu rechnen war. Allein die Krönungsfeier verschlang mit sechs Millionen Talern mehr als das Doppelte der Jahreseinnahmen der Hohenzollern (Clark 94). Die eigens erhobene Kronsteuer reichte bei Weitem nicht aus, um das höfische Zeremoniell mit dem in hunderten von Kutschen aus Berlin angereisten Hofstaat zu finanzieren. Den bikonfessionellen Verhältnissen Rechnung tragend, amtierten bei der Salbung des Königs ein lutherischer und ein calvinistischer Bischof, die eigens für diesen Zweck ernannt worden waren. Vorher hatte sich der neue „Rex in Prussia“ jedoch selbst die Krone aufs Haupt gesetzt. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass sein Gottesgnadentum nicht von der Kirche abhing. Eine evangelische Gesamtkirche gab es nicht und die Bevorzugung von einer der beiden Konfessionen hätte ihn automatisch in Konflikt mit der anderen gebracht.
Der protestantische Dissens nötigte den König deshalb dazu, seine Herrschergewalt auf die unmittelbare Beauftragung durch Gott zurückzuführen. Am Tag vor der Krönung hatte Friedrich III. noch als Kurfürst von Brandenburg und Herzog in Preußen den Hohen Orden vom Schwarzen Adler mit der Aufschrift Suum cuique („Jedem das Seine“) gestiftet. 1732 beurkundete der Allianzvertrag zwischen den drei Schwarzen Adlern, dass sein Vorhaben aufgegangen war und dass Preußen jetzt von Russland und Habsburg als Machtfaktor ersten Ranges ernst genommen wurde.
Abb. 1: Krönung Friedrichs III. von Brandenburg zum ersten König in Preußen, Königsberg 1701
Krönungsgabe der Berliner Juden an König Friedrich I., Titelseite eines Huldigungsgedichts 1701. Unter Auslassung der Kirche als Legitimationsinstanz zeigt das Bild die Gottunmittelbarkeit des Königs. Auf diese Weise sollte dem Lebensrecht der Juden Nachdruck verliehen werden.
Abb. 2: „O von Gott gesegneter König“, Druck zur Königskrönung, Halle 1701
Der Kron-würdige Preussische Adler / Als Der Allerdurchlauchtigste (…) Herr Friderich / erster Christl. König in Preußen / (…) Von der den 18. Jan. 1701 in Königs-Berg höchstfeyerlich vollbrachten Königlichen Salbung Ihren solennen Einzug in dero Residentz-Stadt Cölln an der Spree mit ungemeiner königlichen Pracht und allgemeinem Frohlocken hielten / in allerunterthänigster Schuldigkeit vorgestellet von Johann Peter von Ludewig.
Sieht man einmal vom festen Glauben an den Beistand Gottes ab, gründete der Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht auf der Stärke seiner Armee. Vor allem Friedrich Wilhelm I. (1688–1740) konzentrierte die staatlichen Finanzmittel soweit als möglich auf den militärischen Ausbau des Landes. Von den 26 Schlössern seines Vaters verkaufte er über die Hälfte, nicht benötigtes Gold- und Silbergerät ließ er einschmelzen (Hillerbrand 36). Selbst das königliche Essen wurde auf sechs Gänge reduziert, so dass man sagen könnte, der seit 1713 amtierende Herrscher habe sich seine Vorliebe für das Militär am eigenen Munde abgespart. In Wirklichkeit bezahlte das Volk die Rechnung für die Armee, deren wichtigste Aufgabe darin bestand, den Steuerfluss zu gewährleisten und das Aufkommen oppositioneller Bestrebungen bereits im Keim zu ersticken (Kathe 44). Der Erfolg, mit dem Friedrich Wilhelm I. Preußen in einen Militärstaat verwandelte, trug ihm zu Recht den Beinamen „Soldatenkaiser“ ein.
Eine besondere Schwäche hatte der König für Soldaten mit einem Gardemaß von mindestens 1,88 Meter Körpergröße. Für die Rekrutierung der „Langen Kerls“ ließ er in ganz Europa Werber ausschwärmen. Ein inländischer „Sechsfüßler“ kostete ihn mehrere Hundert, ein ausländischer mehrere Tausend Taler. Insgesamt verauslagte der König für 3.400 Gardesoldaten zwölf Millionen Taler. Das im Berliner Stadtschloss eingebaute Bernsteinzimmer ging ebenso wie eine Luxusjacht seines Vaters an Zar Peter den Großen, wofür ihm dieser „jährlich hundert Moskowiter Riesen nach Potsdam schickte“ (Gass 62). War die Beschaffung der Rekruten in vielen Fällen nicht ohne Gewalt möglich, nahm ihre Requirierung später oft exzesshafte Formen an. Unbotmäßigkeit wurde mit dem gefürchteten Gassen- oder Spießrutenlaufen bestraft, auf Desertion stand die Todesstrafe.
Großen Wert legte der Soldatenkönig auf die innere Konsolidierung des Landes. Das wachsende Bedürfnis nach Einnahmen machte es notwendig, Handwerk und Manufakturwesen auszubauen und die Entwicklung der Produktivkräfte mit einer modernen Wirtschaftspolitik und effizienten Verwaltung zu unterstützen. Über eine aktive Peuplierungspolitik sollte die Zahl der steuerpflichtigen Untertanen erhöht werden, um die Bodenschätze und Landwirtschaftsflächen besser auszunutzen. Abgesichert wurde das Wirtschaftssystem des Merkantilismus durch die Armee. Sie sorgte für die nötige Stabilität und hielt den reibungslosen Zufluss von Steuern und Abgaben aufrecht. Dadurch konnte der König nicht nur zu den anderen „Puissancen“ in Europa aufschließen, sondern ihnen sogar Paroli bieten. Friedrich Wilhelm I. gelang es mit seiner Politik, die Militärausgaben Preußens auf 80 Prozent des Staatshaushaltes zu steigern. Das war deutlich mehr als die 50 Prozent, die Österreich und die 60 Prozent, die Frankreich für ihre Armeen aufzuwenden in der Lage waren (Kathe 43).
Der militärischen Aufrüstung entsprach auf ideologischem Gebiet die Stärkung der Religion. Wenn es seinen Interessen diente, öffnete der König Preußen auch für Glaubensflüchtlinge. Das geschah vor allem dann, wenn sie als Protestanten von katholischen Herrschern verfolgt wurden, wie das bei 20000 Salzburger Exulanten der Fall war. Die meisten von ihnen ließen sich in Ostpreußen nieder und trugen dazu bei, das durch eine Pestepidemie entvölkerte Land zu „re-peuplieren“. Ungeachtet seiner eigenen calvinistischen Konfession schätzte Friedrich Wilhelm I. den lutherischen Pietismus und unterstützte ihn nach Kräften. 1717 ernannte er Lambert Gedicke, der bei August Hermann Francke in Halle Theologie studiert hatte, zum Feldprobst und dadurch zum Aufseher über alle preußischen Garnisons- und Feldprediger. Die sprichwörtliche Untertanentreue in Preußen speiste sich vornehmlich aus der Religion und betraf die weltliche genauso wie die überweltliche Obrigkeit. Aus calvinistischer Perspektive schlug sich die Gunst des Allmächtigen im Wohlergehen des Landes nieder. Von den Lutheranern wurde dagegen die Pflicht des Einzelnen, der Regierungsgewalt gehorsam zu sein, in den Vordergrund gestellt. 1795 stiftete Friedrich Wilhelm II. (1712–1786), der spätere Friedrich der Große, eine spezielle „Medaille für Untertanentreue“, die Zivilisten verliehen wurde, die sich im Einsatz gegen einen Aufruhr der polnischen Bevölkerung in Südpreußen hervorgetan hatten.
Die Potsdamer Garnisonkirche,
Stammsitz des Adlers
Das Herz der preußischen Militärmonarchie schlug nicht in Berlin, sondern in Potsdam. Als Garnisonstadt par excellence wurde Potsdam im Laufe der Zeit immer stärker von militärischen Anlagen dominiert und vom Geist des preußischen Soldatentums durchdrungen. Weil der Kirchgang zu den elementaren Pflichten aller Staatsbürger und Militärangehörigen gehörte, scheute Friedrich Wilhelm I. keinen Aufwand, um im sumpfigen Gelände eine der Garnisonstadt gemäße Soldatenkirche errichten zu lassen. Zwar musste der erste Fachwerkbau wegen baulicher Mängel wieder abgetragen werden. Doch unter Philipp Gerlach, dem Oberbaudirektor der königlichen Residenzen, wurde in kurzer Zeit ein gigantischer Neubau realisiert.
Die Einweihung der Königlichen Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam wurde am 17. August 1732 mit einem Gottesdienst für die Lutheraner am Vormittag und einem für die Reformierten am Nachmittag begangen. Der König ließ es sich nicht nehmen, an beiden teilzunehmen (Bamberg 181). Im riesigen Innenraum der Kirche fanden annähernd 3000 Gläubige Platz, bei einer Stadtbevölkerung von nur etwa 5500 Personen. Später stieg der Prozentsatz des Militärpersonals auf bis zu 50 Prozent der Einwohner Potsdams an. Um keine teuren Kasernen unterhalten zu müssen, wurden die Soldaten in den Häusern der Zivilbevölkerung untergebracht. Das wiederum ließ die Zahl der unehelichen Kinder in die Höhe schnellen und machte 1724 den Bau eines Militärwaisenhauses notwendig. Zudem stellte Friedrich Wilhelm I. fest, dass viele ihre Kinder nicht im Christentum erzogen, „als welches doch das einzige Mittel ist, wodurch gute Untertanen gemacht werden müssen“ (Potsdam 33). Auf dieser Grundlage ließ er in Potsdam nach Halleschem Muster eine Erziehungsanstalt errichten, in der mit christlicher Unterweisung, militärischem Drill und harter Arbeit Kinder bis zum Alter von 14 Jahren in nützliche Untertanen verwandelt wurden (Kotsch 27–29).
Abb. 3: Potsdamer Riesengarde vor dem Hintergrund der Garnisonkirche
In militärischer wie in religiöser Hinsicht bildete die Garnisonkirche das geistige Zentrum Potsdams. Ihre beeindruckende Höhe von fast 90 Metern korrespondierte mit der Körpergröße der Soldaten des altpreußischen Infanterie-Regiments 9, dessen Mitglieder mindestens sechs Preußische Fuß messen mussten. Nicht nur im Hinblick auf die Größe harmonierten Kirche und Militär. Auch die Pflicht zur bedingungslosen Subordination hatte hier wie dort den gleichen Stellenwert.
An der Spitze des Garnisonkirchenturms verlängerte sich das Kreuz der Königskrone zur Wetterfahne, die einem zur Sonne aufblickenden Adler Sitz bot. In seinen Krallen hielt er ein Blitzbündel, den Donnerkeil. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich das vergoldete Monogramm des Königs FWR: Fridericus Wilhelmus Rex. Es hatte eine Höhe von 2,25 Meter und zeigte an, von woher der Wind wehte. Die Sonne war aus Kupfer gefertigt und hatte einen Durchmesser von 2,40 Meter. Insgesamt wog die Wetterfahne 24 Zentner (Schwipps 35). Um sie im Gleichgewicht zu halten, wurde passenderweise auf der gegenüberliegenden Seite des Adlers neben den Initialen FWR eine Kanonenkugel angebracht.
Abb. 4: Wetterfahne bei der Instandsetzung, 1927
Abb. 5: Wetterfahne der Potsdamer Garnisonkirche, Animation 2013
Der preußische Adler auf dem Turm der Garnisonkirche symbolisierte das Vertrauen, das der König auf Gott, den Herrn der himmlischen Heerscharen, setzte. Dem vertrauensvollen Blick des Adlers nach oben zu ihm entsprach auf der horizontalen Machtebene die neue Frontstellung Preußens gegen Frankreich. Dessen „Roi-Soleil“ hatte sich die Sonne zum Symbol seiner Herrschaft erkoren, um seinem absoluten Machtanspruch adäquaten Ausdruck zu verleihen. So wie Ludwig XIV. im Zentrum des höfischen Absolutismus stand, so sollten die anderen Mächte um Frankreich als Mittelpunkt des politischen Sonnensystems in Europa kreisen. Friedrich Wilhelm I. wollte sich als Protestant mit diesem Anspruch des katholischen Gottesgnadentums nicht abfinden. Er sah im Sonnenkönig seinen Hauptgegner und stellte dem Motto Ludwigs XIV. Nec pluribus impar („Auch nicht mehreren unterlegen“) den Wahlspruch Non soli cedit („Nicht einmal der Sonne weicht er“) entgegen. Niemand sollte Zweifel daran haben, dass Preußen vorhatte, Frankreich Konkurrenz zu machen:
„Zur damaligen Zeit regierte in Frankreich der Sonnenkönig Ludwig XIV., mit dessen Truppen sich die Brandenburger schon in manchem heißen Kampf gemessen hatten. Jene trugen ihrem Königlichen Herrn zu Ehren auf ihren Feldzeichen eine oder mehrere strahlende Sonnen. Dass die junge aufstrebende Macht der brandenburgischen Kurfürsten aber nicht gesonnen war, sich vor dem großmächtigen Frankreich ängstlich ins Mauseloch zu verkriechen, sollte der Adler, der mit dem Schwert und den zuckenden Blitzen in den bewehrten Fängen die Sonne angeht, zum Ausdruck bringen.“ (Lezius 28 f.)
In einem ähnlichen Duktus schrieb der Potsdamer Denkmalpfleger Andreas Kitschke, dass sich in dem Wahlspruch Non oder Nec soli cedit das neue Selbstbewusstsein des jungen Staates Preußen manifestierte, „der im Begriff war, eine europäische Großmacht zu werden. Der preußische Adler erhob sich gegen die Rangordnung in Europa. Die französische ‚Sonne‘ begann zu sinken.“ (Kitschke 1991, 8) Immer wenn man vom militärischen Katechismus des Soldatenkönigs abwich, sei es mit Preußen abwärts gegangen, doch „wo man sich auf die ursprünglichen Soldatentugenden besonnen hat, da ist der preußische Adler in seinem Fluge aufwärts gestiegen. Der Adler, der in seinen Fängen den Spruch trägt: Nec soli cedit – selbst der Sonne weicht er nicht!“ (Zappe 11)
Ein paar Jahre vor der Garnisonkirche in Potsdam schmückte der Leitspruch des Königs bereits die Berliner Garnisonkirche, wo er über jedem Eingang und an der Kanzel zu lesen war: „Kampfbereit schaute der Adler, der ein Blitzbündel gegriffen hatte, zur vergoldeten Sonne auf.“ (Bamberg 220) Auch die Dukatmünze mit dem Konterfei Friedrich Wilhelms I. aus dem Jahr 1713 zeigt auf der Rückseite einen Adler in aggressiver Angriffshaltung gegen die Sonne fliegen. Über der Sonne steht in Großbuchstaben: NEC SOLI CEDIT. Im königlichen Siegel und im Fahnenmuster der königlichen Regimenter hatte der die französische Sonne angreifende preußische Adler ebenfalls einen prominenten Platz (Schobeß 48, Kündiger 76 f.): NON SOLI CEDIT.
Abb. 6: Siegel der Berliner Garnisonkirche
Abb. 7: Siegelmarke der Königlichen Garnisonkirche zu Berlin, 1722
Abb. 8: Kompaniefahne des Königs-Regiments No. 6, Fahnenmuster 1713–1717
Die königliche Losung des Non oder Nec soli cedit konnte sich unmöglich gegen Gott oder Jesus gerichtet haben. Eine solche Interpretation ist völlig abwegig. Wie käme der preußische König dazu, sich gegen die göttliche Sonne zu erheben?
Im Innenraum der Garnisonkirche befand sich die Allegorie des auffliegenden Adlers in geschnitzter Form an den Bänken, am Kanzelkorb und an der Orgel, wo die Sonnen durch ein mechanisches Getriebe in Drehung versetzt werden und die Adler drohend mit den Flügeln schlagen konnten (Kitschke 1991, 8).
Abb. 9: Innenraum der Potsdamer Garnisonkirche
Friedrich der Große (1712–1786) änderte später den preußischen Wahlspruch Nec soli cedit in Pro Gloria et Patria („Für Ruhm und Vaterland“). Die Teilnahme Frankreichs am Siebenjährigen Krieg veranlasste ihn dann trotz seiner frankophonen Neigungen, das alte Nec soli cedit am Giebel des 1769 fertiggestellten Neuen Palais als Gegenmotto zum französischen Nec pluribus impar („Auch mehreren nicht unterlegen“) anzubringen (Hüneke 2014, 20).