Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Personenliste Polizei und Staatsanwaltschaft
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Kapitel 30
  36. Kapitel 31
  37. Kapitel 32
  38. Kapitel 33
  39. Kapitel 34
  40. Kapitel 35
  41. Kapitel 36
  42. Kapitel 37
  43. Kapitel 38
  44. Kapitel 39
  45. Kapitel 40
  46. Kapitel 41
  47. Kapitel 42
  48. Kapitel 43
  49. Kapitel 44
  50. Kapitel 45
  51. Anmerkung der Autorin
  52. Personenverzeichnis

Über die Autorin

Nina Ohlandt wurde in Wuppertal geboren, wuchs in Karlsruhe auf und machte in Paris eine Ausbildung zur Sprachlehrerin, daneben schrieb sie ihr erstes Kinderbuch. Später war sie als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Marktforscherin tätig, bis sie zu ihrer wahren Berufung zurückfand: dem Krimischreiben im Land zwischen den Meeren, dem Land ihrer Vorfahren. Derzeit arbeitet sie am fünften Krimi um den Flensburger Hauptkommissar John Benthien.

Nina Ohlandt

Sturmläuten

Nordsee-Krimi

John Benthiens vierter Fall

BASTEI ENTERTAINMENT

Personenliste Polizei und Staatsanwaltschaft

Personenliste Kripo Flensburg

John Benthien, Erster Hauptkommissar

Tommy Fitzen, Oberkommissar, alter Jugendfreund von Benthien

Lilly Velasco, Oberkommissarin

Juri Rabanus, Hauptkommissar

Lester Smythe-Fluege, Hauptkommissar, der »Neue« aus Hannover

Leon Kessler, frisch gebackener Kommissar

Mikke Jessen, Kommissaranwärter

Annika Gerisch, Kommissaranwärterin

Ferner: Esther Talley und Thure Ludwig, Mitarbeiter im Innendienst

Personenliste Kriminaltechnik

Claudia Matthis, Leiterin der Kriminaltechnik

Stefano Rossi

Staatsanwälte

Dr. Thyra Kortum, derzeit in Australien

Dr. Hans-Paul Aubele, neuer Staatsanwalt aus Stuttgart

Weitere Personen siehe Anhang

Kapitel 1

»Sagst du mir, wohin wir fahren?«

Er fuhr sich durch seine üppigen Locken. »Wart’s ab! Es wird dir garantiert gefallen.«

Sie lächelte ihn an. »Ich liebe dich.«

Vergeblich wartete sie darauf, dass er sagte: »Ich liebe dich auch.« Sie betrachtete die Landschaft, die viel zu schnell am Autofenster vorüberzog: Wiesen, Schafe, Windräder. Hin und wieder ein Haus. Nur wenige Menschen waren zu sehen. Der Abend verwischte bereits die Farben, verdunkelte die leeren Felder. Sie seufzte leise. Das Leben war so eintönig, so langweilig, so gloomy gewesen, bis sie ihn getroffen hatte.

»Sind wir bald da?«

Er antwortete nicht. Sie spürte ein Ziehen im Bauch, zwischen den Beinen bis hinauf in den Magen. Ein verlockendes, verheißungsvolles Kribbeln. Es war, als wenn man ihr eine spannende Abenteuergeschichte versprochen hätte, wenn sie brav zu Bett gehen würde. Damals, als sie ein Kind war, hatte Oma am Bettrand gesessen, das dicke Buch aufgeschlagen, mit den Seiten geraschelt und angefangen, mit ihrer ruhigen, dunklen Stimme von Menschenfressern, Hexen, Prinzessinnen und Feen zu erzählen, und von jungen Burschen, die frohgemut in die Welt hinausgezogen waren, um ihr Glück zu suchen. Mit glühenden Ohren hatte sie zugehört, hatte an der Pfote ihres Schlafhasen genuckelt und war irgendwann eingeschlafen, die Kuscheldecke fest an sich gedrückt. Ein bisschen wie damals empfand sie auch jetzt.

Verheißung.

Vorfreude.

Ein Hauch von Glück.

»Woran denkst du gerade?«

Sie wusste, sie sollte solche Fragen nicht stellen. Er mochte das nicht. Vielleicht sollte sie einfach besser den Mund halten.

Aber er lächelte und bog in eine Einfahrt ein. Es war ein staubtrockener, unbefestigter Weg, der unter hohen alten Buchen ins Nirgendwo führte. Doch am Ende erwartete sie ein kleines Haus aus bröckelndem Backstein und einem Strohdach, auf dem Moos und gelbe Blumen wuchsen. Ein verlassener, verwunschener Ort inmitten wuchernden Gestrüpps. Ein Ort, der nach Einsamkeit roch, nach Romantik und düsteren Geheimnissen. Ein Ort für zwei. Ein Ort für die Liebe.

Innen war das Haus so gut wie leer. Eine altmodische Tapete mit Blümchenmuster hing in Fetzen von den Wänden, die ehemals weißen Fensterrahmen waren vergilbt und blätterten ab. Eine Matratze lag auf dem Boden, und zu ihrer Verwunderung entdeckte sie einen langen Tisch aus glänzendem Edelstahl, außerdem ein Regal und einige Geräte, meist aus Holz, deren Funktion sich ihr nicht erschloss. In einer dunklen Ecke lagen Gewichte mit Seilen daran. Erstaunlicherweise war nirgendwo Staub zu sehen. Ein großer silberner Leuchter mit fünf schwarzen Kerzen auf dem Edelstahltisch schien nur darauf zu warten, die Beleuchtung für ein romantisches Candlelight-Dinner zu geben.

Er lächelte sein herzzerreißendes Lächeln unter einer Locke, die in die Stirn fiel. »Zündest du schon mal die Kerzen an?«

Gespannt fragte sie: »Was hast du vor? Bleiben wir heute Nacht hier?«

»Ich weiß nicht. Wenn du magst …«

Er holte seinen schweren Koffer aus dem Auto, während sie den Picknickkorb ausräumte, die Platzsets, die Gläser und das Geschirr verteilte und die beiden Weinflaschen auf den Tisch stellte.

»Wozu brauchst du den Koffer? Was ist da drin?«, fragte sie, neugierig wie ein kleines Kind, als er zurückkam.

Er fuhr sich durch sein volles Haar. »Frag nicht. Dann ist es keine Überraschung mehr.«

Wieder lief ein angenehmer Kälteschauer über ihre Haut. Sie ging zu dem seltsamen Gestell mit dem spitz zulaufenden Zapfen in der Mitte und strich über das glänzende Holz. »Verrätst du mir, was das ist?«

»Lass uns erst essen, Süße. Ich komme um vor Hunger.«

Erst jetzt fiel ihr auf, dass im zweiten, völlig leeren Zimmer ein Spruch beinahe die gesamte Wand bedeckte:

Ich habe den Teufel im Blut, den Engel im Herzen und den Wahnsinn im Kopf.

Die Schrift glänzte, sie war noch nicht ganz getrocknet. Ihr wurde unheimlich zumute.

Draußen brach die Dunkelheit herein.

Paddy hüpfte über die Straße, wobei er eine verbeulte Cola-Dose über das Pflaster scheppern ließ. Ihm gefiel der Lärm, und die missbilligenden Blicke, die ihm ein älteres, schlecht gelaunt wirkendes Ehepaar zuwarf, spornten ihn erst recht an. Schließlich war in dieser Siedlung so gut wie nie etwas los, schon gar nicht jetzt, im Dezember, an einem grauen Sonntagnachmittag, an dem der Nebel tief über der Flensburger Förde hing und es von allen Bäumen tropfte.

Während er mit der Dose dribbelte, beobachtete er die beiden älteren Leute verstohlen. Er kannte sie nicht, offenbar waren es die ersten Weihnachtsgäste hier im kleinen Örtchen Schausende.

Paddy seufzte abgrundtief. Dieser Sonntag war einfach zum Erbrechen langweilig! Außerdem hatte er zu Hause Ärger, weil er einen Streifen Butterkuchen für den Besuch am Nachmittag aus der Küche gemopst und gegessen hatte. Seine Mutter hatte sich fürchterlich aufgeregt und dabei übersehen, dass auch sein Bruder bereits vom Kuchen genascht hatte.

Da hatte es Paddy gereicht. Er hatte noch zwei weitere Kuchenstreifen in seinen Rucksack gepackt und war abgehauen. Und er würde bis zum Abendessen wegbleiben, mindestens. Vielleicht fragten sich seine Eltern dann, wo er steckte, und würden sich Sorgen machen.

Während er weiter die Straße entlanglief, fiel ihm ein, dass Anna-Lena, die er drüben, auf der anderen Seite der Bucht in der Nähe des Kliffs, besuchen wollte, wahrscheinlich gar nicht daheim war. Bestimmt musste sie wieder mit ihren Großeltern spazieren gehen. Paddy bedauerte Anna-Lena sehr. Gab es etwas Schlimmeres, als an einem kalten, windigen Sonntag mit alten Leuten durch die Gegend zu laufen? Eine Gegend, die man in- und auswendig kannte, weil man ja dort wohnte? Sicher, der Strand, die Steilküste, die Förde, die ein beliebtes Segelrevier war, das war alles sehr schön. Sie hatten schon so manches Abenteuer hier erlebt, etwa als sie die jungen Fuchswelpen entdeckt hatten, die in einem der Knicks lebten und fröhlich über die Wiese tollten. Aber jetzt?

Er war allein, es war Winter und ziemlich kalt draußen. Kein Boot war auf der Innenförde zu sehen und kein Kind auf der Straße. Während Paddy die menschenleere Wohnstraße entlangsprang und so tat, als wäre er Thomas Müller in einem wichtigen Länderspiel – die Cola-Dose musste unbedingt ins Tor, nämlich in das offenstehende Gartentor, an dem er gleich vorbeikommen würde –, kam seinem nach Abenteuern lechzenden Hirn die Schokoladenfrau in den Sinn.

Dort könnte er hingehen, falls Anna-Lena nicht da sein sollte!

Die Schokoladenfrau war reich und alt und lebte in einem großen Anwesen auf einem Hügel in der Nähe des Kliffs, zwanzig Fußminuten von hier entfernt. Unten, am Fuß des Hügels, fast direkt am Wasser, standen zwei kleinere Häuser, und in einem davon wohnte Anna-Lena bei ihren Großeltern. Falls sie nicht da war, wäre die Schokoladenfrau jedenfalls eine gute Alternative. Zu ihrem Anwesen gehörte ein großes Grundstück, auf dem sich in einer Senke angeblich ein supercooler Spielplatz befand. Paddys Vater hatte ihm davon erzählt, denn früher, als Kind, hatte er dort mit dem Sohn der Schokoladenfrau gespielt. Da gab es eine Ritterburg aus Holz und ein Piratenschiff, auf dem man bis in den hohen Mast klettern konnte. Ob er einfach hingehen sollte? Schließlich wohnte in dem großen Haus nur die alte Frau, deren Sohn längst ausgezogen war, und mehr als ein bisschen schimpfen konnte sie nicht. Dennoch wollte er vorsichtig sein. Am Fuß des Hangs, nicht weit entfernt von Anna-Lenas Haus, stand ein kleineres Haus mit einem großen Garten, der an denjenigen der Schokoladenfrau grenzte. Wenn er sich auf diesem Wege näherte, würde sie es garantiert nicht merken.

Er kickte die Dose ins Garagentor und überlegte seinen nächsten strategischen Schritt. Ihm fiel erst jetzt ein, dass ein Fahrrad ganz nützlich wäre, sonst müsste er ja den ganzen Weg von Schausende rund um die Bucht bis zum Kliff laufen. So ein Mist! Er hätte früher daran denken sollen. Was also tun? Da fiel ihm Lukas’ Rad ein. Der wohnte in einem der großen Hochhäuser, er war zurzeit krank und würde sein altes Rad so bald nicht brauchen. Wahrscheinlich stand es irgendwo auf dem Parkplatz, unverschlossen, denn hier, auf der Halbinsel Holnis, nördlich vom größeren Glücksburg und dem noch viel größeren Flensburg, hier, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, wurde nie etwas geklaut – sonst wäre das Leben ja auch ein bisschen aufregender gewesen!

Auf dem Parkplatz entdeckte Paddy Lukas’ Rad sofort; er hatte es wie üblich in die Hecke geworfen, die den Parkplatz zur Förde hin abgrenzte. Er schnappte es sich und bretterte in rasendem Tempo den grasnarbigen Weg hinunter, der am Wasser entlangführte. Er fuhr um die Bucht, in der ein paar Möwen lärmten, hinein in den Dunst, der das Kliff und den gegenüberliegenden Hang mit den drei Häusern einhüllte.

Während er auf das kleine rote Backsteinhaus am Fuß des Hügels zuradelte, bemerkte er, wie sich dort die Türe öffnete und ein Mann und eine Frau herauskamen. Beide waren alt und gingen sehr langsam. Das lag vor allem an der alten Frau, die so ein Rolldings vor sich herschob. Paddy begriff nicht, warum Erwachsene so wild waren aufs Spazierengehen. Aber immerhin gingen sie weg. Gleich würde ihn niemand mehr beobachten. Das nächste Haus, ein Stück entfernt, war das, in dem Anna-Lena wohnte, und dort brannte kein Licht. Sonst gab es in Sichtweite nur noch eine Pferdekoppel ohne Pferde und eine wild wachsende Wiese mit drei Schafen.

Er ließ das Fahrrad ins Gras fallen, öffnete das Törchen des roten Backsteinhauses und ging nach hinten in den Garten, der eigentlich nur aus ein paar alten, kahlen Bäumen bestand und aus einem Gartenteich, in den er beinahe hineingelaufen wäre, weil er wegen des wuchernden Sumpfgrases kaum zu sehen war. Paddy lief um ihn herum zur hinteren Einfriedung. Zu seiner Enttäuschung hatte er auch von dort keinen Einblick in das Grundstück der Schokoladenfrau, weil es von einer hohen, immergrünen Hecke abgeschirmt wurde.

Allerdings, er könnte auf einen Baum klettern … Paddy sah sich um. Ganz in seiner Nähe stand ein märchenhafter verschlungener alter Baum aus mehreren Stämmen, deren stabile Äste teilweise bis knapp über den Boden reichten. Oben, im kahlen Geäst, entdeckte er zudem ein großes Vogelnest, vielleicht von Elstern. Da gab es für Paddy kein Halten mehr. Geschickt manövrierte er sich von Ast zu Ast, bis er das leere Vogelnest erreicht hatte. Wie ein Pirat hoch oben im Ausguck saß er auf dem Ast und inspizierte den Nachbargarten. Allerdings war das, was er sah, enttäuschend. Von einem Spielplatz mit Holzburg und Piratenschiff keine Spur. Dort gab es nur langweiligen Rasen, ein paar Sträucher und mit Reisig zugedeckte Beete. Nicht mal einen Swimmingpool hatte die Schokoladenfrau! Armselig war das und wirklich nicht der Mühe wert.

Er nahm das Elsternnest vorsichtig aus den Zweigen und steckte es in seinen Rucksack. Mussten sich die Vögel im Frühjahr eben ein neues bauen. Flüchtig überlegte er, ob die Elstern nachts darin schliefen oder ob sie es nur für die Eier und die Jungvögel brauchten. Vielleicht beraubte er sie ja jetzt ihres Schlafplatzes. Aber Paddy fand das Nest viel zu spannend, um es hierzulassen. Er könnte es sogar im Biologie-Unterricht zeigen! Der olle Findeisen würde Augen machen. Und vielleicht auch ein paar von den Mädchen aus seiner Klasse.

Vorsichtig hangelte er sich wieder nach unten. Er konnte sein Glück kaum fassen, als er ein zweites Nest entdeckte. Es schien, wie eine Krone, direkt auf dem dicken Hauptstamm aufzusitzen, gut zwei Meter über dem Boden, gerade an der Stelle, wo etliche stabile Äste entsprangen.

Neugierig näherte sich Paddy dem Nest. Es sah merkwürdig aus, fast wie aus Menschenhaar gesponnen. Aber wo sollten die Vögel so viele Haare herbekommen? Als er auf dem Ast saß, der auf der Höhe des Nestes aus dem Stamm herauswuchs, konnte er es genauer untersuchen. Es war zweifellos ein schönes, dickes, weiches und bequemes Nest. In die blonden Fasern hatten die Vögel oder der Wind Efeustränge und dünne Zweige eingewoben, wahrscheinlich zur Stabilisierung. Paddy beugte sich vor und versuchte vorsichtig, das Nest aufzunehmen, doch es schien so fest im Stamm verankert zu sein, dass es sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegte.

Paddy geriet ins Schwitzen. Rittlings auf dem Stamm sitzend, rückte er immer näher an das Nest heran. Mit beiden Händen versuchte er, unter das Nest zu gelangen, um es vom Untergrund zu lösen. Doch seine Hände fanden kein Durchkommen. Das Nest schien festzukleben. Er beugte sich so weit nach vorn, dass er fast das Gleichgewicht verloren hätte. Komischerweise ließ sich das Vogelnest an einer Seite doch etwas anheben. Paddy, das Gesicht schon unterhalb seiner Knie, betrachtete das, was unter dem Nest war. Es sah aus, als ob es aus bräunlichem, fleckigem Leder wäre, und fühlte sich seltsam an. Beinahe schien es, als wären die Fasern des Nestes fest verwachsen mit dem Untergrund, und noch seltsamer war, dass sie sich fast wie echte Menschenhaare anfühlten, allerdings sehr schmutzige. Paddy packte die Haare und zog daran, und etwas, das unten an den Haaren festhing, bewegte sich ein Stück nach oben. Wieder beugte sich der Junge nach vorn, und nun entdeckte er auch, was sich unterhalb des Lederstreifens befand: zwei tiefe, leere Augenhöhlen …

Paddy wollte schreien, doch nur ein ersticktes Keuchen kam aus seinem Mund. Er fiel zu Boden, zu seinem Glück in hohes, dichtes Gras, dann rappelte er sich auf und rannte wie um sein Leben. Er rannte aus dem Garten, den Weg hinunter, er stolperte über seine eigenen Füße und fiel der Länge nach hin, er rollte in einen immergrünen Busch, er musste kurz spucken, kam wieder auf die Beine und rannte weiter, keuchend, japsend, er rannte, als ob die Untoten sämtlicher Horrorfilme, die er jemals heimlich gesehen hatte, hinter ihm her wären. Dass er mit Lukas’ Rad gekommen war, hatte er längst vergessen.

Und er schwor sich, nie, niemals, so lange er lebte, auch nur einer Menschenseele zu verraten, was sich dort in diesem Baum verbarg.

Kapitel 2

»Was sollen wir jetzt nur tun?«

Celina fühlte, wie Panik in ihr aufstieg. Mirja schien es nicht besser zu gehen. Sie hockte wie ein Häufchen Elend in dem unbequemen Designersessel mit den riesigen Micky-Maus-Ohren vor dem inzwischen erkalteten Kamin, kuschelte sich in ihren Designer-Parka, als ob sie fröre, und rupfte an dem echten Fuchspelz herum, der den Saum ihrer Kapuze zierte. Vor ihnen auf dem teuren Seidenteppich lag, still und stumm, ihr Gastgeber. Seine Atemzüge waren kaum zu erkennen. Atmete er überhaupt noch? Celina ergriff Panik bei dem Gedanken, sich ihm zu nähern. Hilflos blickte sie zu ihrer Freundin hinüber.

»Ruf Leander an«, sagte Mirja und biss so fest in ihre Fingerkuppe, als hätte sie seit langem nichts mehr gegessen und sich nun dazu entschlossen, mit ihrem Finger anzufangen. Ihre weißen, perlengleichen Zähne zerrten wie eifrige kleine Piranhas an der Nagelhaut herum.

»Mailbox«, sagte Celina verzagt. »Meinst du, er stirbt?«

»Wer, Leander?«

Mirja war manchmal einfach zu blöd. Sie hielt sich jetzt schon für eine zweite Heidi Klum. Nächstes Jahr, wenn sie sechzehn wäre, wollte sie sich für die Model-Casting-Show bewerben, egal, was ihre Eltern dazu sagten. Und nach New York gehen. Sie tat immer so überlegen, so cool, aber wenn es drauf ankam wie jetzt, war sie einfach nur eine dumme Heulsuse. Dabei war es ihre Idee gewesen, die Einladung von dem Typ anzunehmen! Er hatte sie beide vor ein paar Tagen auf dem Husumer Weihnachtsmarkt angequatscht, ihnen Glühwein spendiert, und Mirja, ganz die große Dame von Welt, hatte so getan, als wäre sie es gewöhnt, mit Männern zu flirten, die ihr Vater sein könnten. Zugegeben, er sah gut aus, und er schien Geld zu haben. Zum Schluss hatte er den beiden eine Weihnachtsparty vorgeschlagen, als wäre es völlig normal, unbekannte fünfzehnjährige Schulmädchen mit Alkohol abzufüllen und dann zu einer Party einzuladen. Gut, Mirja konnte man vielleicht für siebzehn halten, aber sie, Celina, mit der Himmelfahrtsnase, den langen karottenroten Haaren, den Sommersprossen und den – zu ihrem Leidwesen – noch immer etwas runden Wangen würde man wohl kaum älter als fünfzehn schätzen.

»Du weißt aber schon, was der von uns will?«, hatte sie Mirja vorgehalten, doch die hatte nur gelacht.

»Natürlich weiß ich, was dieser notgeile Fatzke von uns will! Aber da hat er sich geschnitten. Wir werden ihm eine Lektion erteilen!«

»Und wie willst du das machen?«

Mirja hatte es ihr erzählt, und Celina hatte die Idee zwar ziemlich verrückt, aber auch faszinierend und verlockend gefunden. Der Gedanke, etwas Verbotenes zu tun, von dem ihre strenge Mutter nie erfahren würde, einem blöden, eingebildeten Typen, der glaubte, sie hereinlegen zu können, eins auszuwischen, und die Vorstellung, bald wie durch Zauberhand genug Kohle zu haben, um mit Leander ihren Vater über Weihnachten besuchen zu können, das war so absolut geil und grandios, dass Celina jede Vorsicht und alle Bedenken beiseitegeschoben hatte.

»Bist du sicher, dass er nicht die Polizei einschaltet?«, hatte sie dennoch gefragt.

Mirja lachte. »Glaubst du wirklich, der geht zu den Cops? Erzählt denen, dass er zwei Minderjährige vergewaltigen wollte, die ihn dann aber betäubt und beklaut haben? Der wird schön brav die Klappe halten. Und es sich das nächste Mal zweimal überlegen, bevor er kleine Mädchen zu einer Sexparty einlädt! Es ist absolut okay, dass der für seine Frechheit bezahlt. So ein Sexgangster muss bestraft werden! Sag mal, kannst du zwanzig Euro dazugeben? Hajo nimmt ganz schön viel Kohle für die Tropfen, die er verhökert.«

Sie hat ja recht, dachte Celina, während sie ihre letzte Geldreserve anzapfte. Und auf einmal kam sie sich groß vor, wichtig und heroisch, als agiere sie in einem Hollywood-Thriller, dessen Drehbuch sie und Mirja eigenhändig geschrieben hatten. Endlich passierte mal etwas! Wurde ja auch Zeit. Leander hingegen, seit zwei Monaten ihr fester Freund, war nicht so angetan von der Idee; er fand ihr Vorhaben gefährlich und tat alles, um Celina und Mirja von ihrem Plan abzubringen.

»Er sieht ja süß aus mit seinen Locken, fast wie Tim Bendzko früher«, hatte Mirja erklärt, »aber Mumm hat er keinen. Den musst du dir noch ein bisschen erziehen.«

»Er hat sehr wohl Mumm!«, hatte Celina Leander verteidigt, »er ist nur nicht mehr so unreif wie die Typen bei uns auf der Schule. Obwohl er erst sechzehn ist, ist er schon viel erwachsener.«

In Wirklichkeit hatte sie den Verdacht, dass die schöne, modellmäßige Mirja, die sich angeblich nur für ältere Männer ab zwanzig interessierte, selbst gar nicht so uninteressiert an Leander war. Wahrscheinlich wollte sie ihm mit ihrem Plan imponieren, ihm zeigen, wie viel Mut und Charakter in ihr steckte.

Doch darüber konnte Celina jetzt nicht nachdenken, denn ihr Gastgeber begann plötzlich zu husten und zu würgen.

»Wenn er jetzt kotzt und an seiner Kotze erstickt …« Mirja kaute heftiger an ihren Fingerspitzen.

Celina sprang auf. »Wir müssen ihn in die stabile Seitenlage bringen. Los, steh auf!«

Sie beugte sich zu dem Mann hinunter, dessen schönes blaues Hemd inzwischen völlig verknittert war und halb aus der Hose hing. Sie versuchte, ihn an der Schulter zu packen und auf die Seite zu rollen, doch er war zu schwer und fiel immer wieder zurück.

»Mensch, jetzt hilf mir doch mal!«

»Ich fass den nicht an!«, kreischte Mirja. Hektisch strich sie sich ihre weizenblonde Mähne von einer Seite des Kopfes auf die andere. Manchmal tat sie das mehrmals pro Minute. Celina hatte diese lässige Bewegung immer bewundert, doch jetzt hätte sie Mirja am liebsten durch- und durchgeschüttelt. Verzweifelt sank sie auf die Fersen zurück. »Ich krieg das alleine nicht hin, du dämliche Nudel!«

Mirja rührte sich nicht. »Vielleicht war die Dosis zu hoch«, flüsterte sie. »Oder er wird jetzt wach, dann sollten wir schleunigst abhauen.«

Doch der Typ schien nicht zu sich zu kommen. Er röchelte ein paarmal, dann war er plötzlich erschreckend still.

»Ist er tot?«, flüsterte Mirja.

Mit einem Mal gelang es ihr, aufzustehen. Sie stakste auf unsicheren Beinen, wie ein gerade geborenes Fohlen, zu dem Sessel, auf dem das Jackett ihres Gastgebers lag.

»Was machst du da?«

»Ich suche sein Portemonnaie«, gab Mirja trotzig zurück. »Wenn schon so was Schreckliches passiert, soll es wenigstens einen Sinn ergeben.« Sie zog etliche Geldscheine und mehrere Plastikkarten aus der Brieftasche.

Celina suchte unterdessen in ihrem Rucksack nach ihrem kleinen Kosmetikspiegel. Sie hatte gelesen, dass man mit Hilfe eines Spiegels feststellen konnte, ob jemand noch lebte. Sie musste dem Mann nur den Spiegel vor Mund und Nase halten. Atmete er noch, würde der Spiegel beschlagen.

Während sie sich über den Typ beugte und mit zitternden Händen den Spiegel hielt, schrie Mirja leise auf. »Mein Gott, ist der blöd! Du glaubst es nicht! Ich habe in seinem Geheimfach einen Zettel mit PIN-Nummern gefunden. Mensch! Meinst du, der hatte Alzheimer oder was? Ist das nicht brutal geil? Jetzt kommen wir wirklich an die große Kohle ran!«

»Halt mal die Klappe!« Celina versuchte, sich zu konzentrieren, aber in ihrer Aufregung konnte sie nicht genau sehen, ob der Spiegel beschlug. Am liebsten hätte sie geheult. Was sollten sie jetzt nur tun? John anrufen, den Ex ihrer Mutter? Er war Kriminalkommissar, und zu ihm hatte sie immer noch großes Vertrauen. Und warum meldete sich Leander nicht? In was für eine Situation hatte sie sich da bloß gebracht!

»Ich glaube, er ist tot, Mirja«, flüsterte sie. »Und wir beide haben ihn getötet. Egal, ob er ein notgeiler Fatzke war, wir sind jedenfalls zwei Mörderinnen!«

»Quatsch!«, fauchte Mirja, während sie sich langsam auf Zehenspitzen näherte. »Wir sind keine Mörderinnen. Wir wollten ihn ja gar nicht umbringen!«

Celina hätte beinahe laut aufgestöhnt. Mirja und ihre Logik!

Beide Mädchen beugten sich über ihren reglosen Gastgeber und starrten ihn an. »Er hat die Augen zu«, hauchte Mirja, »er ist nicht tot. Wenn sie tot sind, sind die Augen offen.«

»Außer, wenn sie im Schlaf sterben«, flüsterte Celina. »Und wir haben ihn ja betäubt, das ist wie schlafen. Glaube ich jedenfalls.« Aus irgendeinem Grund wagte sie nicht, laut zu sprechen. »Wir haben ihm wahrscheinlich aus Versehen eine Überdosis gegeben, Mirja, daran kann man schließlich sterben. Hast du Hajo wirklich nach der richtigen Dosis gefragt?«

Mirja blickte betreten zu Boden und schüttelte den Kopf.

»Und was machen wir jetzt?«

Celina blickte hinaus in den winterlichen Garten. Über die bereiften Gräser senkte sich langsam die Dämmerung. Einige Ziersträucher trugen schon ihren Weihnachtsschmuck, Girlanden aus gelben Sternen, die im Dunkeln verheißungsvoll leuchten würden. Mitten auf dem gepflegten Rasen stand ein beleuchteter Weihnachtsmann mit einem ziemlich dummen Gesicht, Plastikkitsch aus der Weihnachtsabteilung. Zum Glück gab es keine Nachbarn. Das neu erbaute Reetdachhaus stand etwas außerhalb von Husum in einer Senke, ein Friesenwall, bewachsen mit einer buschigen Hecke aus Hundsrosen, verhinderte, dass man von außen Einsicht nehmen konnte. Ringsherum war es, bis auf das Krächzen einer Schar von Krähen, totenstill. Eine Elster äugte neugierig zum großen Panoramafenster herein.

Die Mädchen fuhren entsetzt zusammen, als in der Stille plötzlich ein Handy klingelte. Ob Leander zurückrief? Zeitgleich erklang die Türglocke. Der Besucher draußen schien nicht gerade mit Geduld gesegnet zu sein, denn kurz darauf hämmerte er mit den Fäusten an die Tür. Er rief etwas, das die Mädchen nicht verstehen konnten.

Panisch sahen die beiden sich an. »Verdammt! Meinst du, der Kerl hat noch einen Typ zu seiner Party eingeladen?«, stotterte Celina.

»Mach das Handy aus oder geh ran!«, zischte Mirja. »Der Typ da draußen darf das Klingeln nicht hören. Blöd, dass er jetzt weiß, dass der Kerl zu Hause ist. Er sieht ja das Auto vor der Garage stehen!«

Rasch sprang sie hoch und zerrte einen Sessel vor den regungslosen, halb unter dem niedrigen Wohnzimmertisch liegenden Mann, sodass man ihn von draußen nicht sehen konnte.

»Wir müssen uns verstecken«, hauchte Celina mit weißen Lippen und sah wild um sich. »Hier kann man uns sehen, aber im Flur auch. Die Tür ist an den Seiten aus Glas.«

Mirja ließ sich auf den Boden fallen. »Runter!«, zischte sie. »Wir verstecken uns hinter dem Sofa. Vielleicht geht er in den Garten und guckt durchs Fenster. Er darf uns nicht sehen, und die Leiche auch nicht!«

Celina, deren Herzschlag so laut war, dass sie fürchtete, der Besucher vor der Tür müsste ihn hören, schmiegte sich eng an den Teppich. Wollfussel brachten sie beinahe zum Niesen. Tränen der Verzweiflung liefen ihr übers Gesicht. Ihr Rucksack, der aussah wie ein kleines, wolliges weißes Schaf, thronte noch immer, für jeden Neugierigen von außen gut sichtbar, auf dem Sessel.

Karin Jacobs fuhr mit der weichen Bürste durch Iris’ schneeweiße Haare, die sich anfühlten wie Flusen. Dabei betrachtete sie das immer noch schöne Gesicht ihrer Mutter im Spiegel. Vor allem die großen tiefblauen Augen unter den schweren Lidern wussten zu beeindrucken, und ihre Mutter ließ es sich auch in ihrem Alter, mit dreiundsiebzig, nicht nehmen, sie mit dunkelblauem Kajalstift dezent zu betonen.

Auch jetzt griff sie zur Schminke.

»Nicht, Mama, du gehst doch jetzt ins Bett!« Karin versuchte, der Mutter den Stift aus der Hand zu nehmen, aber Iris Fahrenhost hielt ihn krampfhaft fest.

»Mama!«

»Lass sie doch«, sagte ihr Vater, der gerade das Badezimmer betrat. »Wenn es ihr Spaß macht.«

»Aber sie verschmiert das Kissen!«

Frieder Fahrenhost sah Karin aus blassblauen Augen an. »Und wen interessiert das, mien Deern?«

»Geh jetzt«, sagte die Mutter zur Tochter und griff nach dem kleinen alten Teddybären, der auf der Ablage über dem Waschbecken saß. »Ich muss nur noch aufs Klo. Das macht jetzt alles Frieder.«

Mit einem zweifelnden Blick auf ihren Vater verließ Karin das Bad. Er war zu alt, um ihre Mutter zu pflegen, und es wurde zu viel für ihn. Außerdem hatte er keine Ahnung von Altenpflege. Sie hoffte, in der Zeit, in der sie über Weihnachten zu Besuch war, ihre Eltern doch noch überzeugen zu können, in ein Seniorenheim zu ziehen.

Als Karin ihr altes Kinderzimmer betrat, das sie zurzeit mit ihrer dreizehnjährigen Nichte teilen musste, die auf dem Bett saß und mit dem Handy spielte, hörte sie plötzlich einen Schrei. Sie eilte ins Badezimmer, wo ihr schmächtiger Vater gerade versuchte, Iris vor einem Sturz zu bewahren. Offenbar war sie von der Toilette abgerutscht und hing nun halb in den Armen ihres Mannes, der sie nur mit Mühe halten konnte. Auf dem Fliesenboden breitete sich eine immer größer werdende Pfütze aus.

»Sue!«, schrie Karin ins Erdgeschoss hinunter, während sie ihrem Vater zu Hilfe kam und sie mit vereinten Kräften versuchten, Iris auf die Klobrille zu hieven. Obwohl ihre Mutter zierlich war, mit schmalen, zarten Knochen unter einer Haut ohne Fettreserven, war sie doch unerwartet schwer. Beide, Vater und Tochter, keuchten, als Iris endlich sicher auf der Toilette saß.

Sue erschien in der Tür. »Was ist los? Warum brüllst du so durch die Gegend, Schwesterherz?«

»Du bist mal wieder zu spät, wie immer, wenn man dich braucht. Hör wenigstens auf, im Haus zu rauchen! Mama verträgt das nicht, geht das nicht in deinen Schädel rein?«

Sue lächelte. »Liebenswürdig wie immer, mein großes Schwesterlein. Ich hatte mir gerade eine Zigarette angezündet, als ich dein zartes Stimmchen vernahm, da habe ich sie eben mitgenommen. Was ist hier überhaupt los?«

Karin strich sich ärgerlich eine kupferfarbene Locke aus der Stirn. Sie wollte gerade eine scharfe Antwort geben, als ihre Mutter ihr zuvorkam. »Susilein!«, sagte sie lächelnd. »Wie schön, dass du auch da bist. Bist du den weiten Weg aus Amerika gekommen, um uns an Weihnachten zu besuchen? Und hast du auch unser Enkelchen mitgebracht? Wie heißt die Kleine doch noch gleich, Lina oder Iris oder …?«

»Vivian, Mama. Aber sie nennt sich Vivi und ist dreizehn Jahre alt. Und wir sind schon seit fünf Tagen hier.«

Sue hielt sich krampfhaft von der Pfütze fern, in der die nackten Füße ihrer Mutter kleine Kreise zogen.

»Geh um Himmels willen mit deiner Kippe wieder nach unten«, fuhr Karin sie an.

Iris lächelte. »Ich wusste doch, dass es was mit ›i‹ war. Ist dein Mann auch hier bei uns, Susilein? Lernen wir ihn endlich mal kennen?«

»Mama! Wir sind seit einer Ewigkeit geschieden!«

Karin wischte sich den Schweiß aus der Stirn. »Geh einfach nach unten oder in dein Zimmer oder sonst wohin. Merkst du nicht, dass du störst? Wenn du uns schon nicht helfen willst.«

»Wir kriegen das schon hin, Suse«, meinte Frieder begütigend, der gerade mit einem Eimer zurückkam und seiner jüngeren Tochter den Rücken tätschelte. »Kannst du mal die Beine hochheben, Liebes?«, wandte er sich an seine Frau.

Sue verschwand, und Karin nahm ihrem Vater den Eimer aus der Hand. »Halt du Mama nur die Füße und das Nachthemd hoch, Papa, den Rest mache ich.«

Eine halbe Stunde später lag Iris endlich im Bett. Nachdem Karin das Kissen aufgeschüttelt, die Wärmflasche im Bett deponiert und die Bettdecke um die frisch gewaschenen Füße ihrer Mutter festgesteckt hatte, wollte sie die Nachttischlampe ausmachen, aber ihre Mutter hielt sie am Arm fest. »Setz dich noch ein bisschen zu mir her, Kind, wir hatten heute so wenig Gelegenheit zu reden. Ich sehe doch, dass du dir Sorgen machst. Geht es um Celina? Hat sie Schwierigkeiten in der Schule?«

Karin setzte sich auf den Bettrand. »Nein, Celina geht es gut. Sie ist doch jetzt in diesem Internat bei Husum, Mama, da …«

»Das weiß ich, Kind. Ich vergesse zwar vieles, aber manche Dinge behalte ich auch ganz unerwartet.« Iris lächelte schmerzlich. »Wahrscheinlich die, die mir wichtig sind. Wenn es nicht um Celina geht, dann vielleicht um John? Siehst du ihn denn gar nicht mehr?«

»Doch.« Karin schluckte. Sie war müde, und sie hatte keine Lust, sich jetzt noch mit ihrer Mutter über ihre privaten Angelegenheiten zu unterhalten. Schon gar nicht über die eine, die sie am meisten bewegte und wegen der sie hergekommen war. Darüber musste sie zuerst mit ihrem Vater sprechen. Und mit Jutta Godewies. Beide sollten ihr helfen, ihre Mutter zu überzeugen, in ein Pflegeheim zu gehen. Aber Karin wusste, das würde schwierig werden, denn ihre Mutter war stur. Ein Pflegeheim kam für sie nicht in Frage. Und mit ihr jetzt darüber zu reden, ohne ein paar Fürsprecher an ihrer Seite zu haben, hieße, ihre Mutter aufzuregen, dann würden sie beide heute Nacht kein Auge mehr zu tun. Deshalb strich sie ihr nur beruhigend über die Hand.

»Mama, du bist müde, und ich bin es auch. Wir wollen jetzt schlafen. Morgen beim Frühstück können wir dann ganz gemütlich zusammen klönen, meinst du nicht?«

»Ich bin kein guter Gesprächspartner mehr, Liebes, das weiß ich«, sagte Iris mit klarer Stimme. »Aber schreib mich noch nicht ganz ab. Ich habe auch gute Momente, weißt du.« Sie griff nach dem alten Plüschbären, dessen Fell stellenweise gar nicht mehr vorhanden war, und drehte sich mühsam auf die Seite. Die Füße des Bären steckte sie sorgsam unters Kopfkissen.

Warum, fragte sich Karin ärgerlich, als sie die Zimmertüre hinter sich schloss, macht sie mir immer ein schlechtes Gewissen. Das kann sie wirklich gut. Sie rief ihrem Vater, der noch im Bad war, einen Gute-Nacht-Gruß zu, dann ging sie hinunter in die Küche, um ihre angespannten Nerven mit einem Nachttrunk zu beruhigen. Whisky vielleicht, oder sollte sie sich einen Grog machen?