Kapitel 1 – Ich heiße Nicole …
Kapitel 2 – Ich folgte Lucy …
Kapitel 3 – Ich landete mit …
Kapitel 4 – Meine Knie gaben …
Kapitel 5 – Ich beschloss, alleine …
Kapitel 6 – Ich stieß ein …
Kapitel 7 – Die Klinge des …
Kapitel 8 – „Das könnte euch …
Kapitel 9 – Ich streckte beide …
Kapitel 10 – Ich stieß ein …
Kapitel 11 – „Wo … wo ist …
Kapitel 12 – Meine Turnschuhe tapsten …
Kapitel 13 – Der Raum begann …
Kapitel 14 – Die beiden Köpfe …
Kapitel 15 – Ich landete mit …
Kapitel 16 – Hastig drehte ich …
Kapitel 17 – Ich schob mich …
Kapitel 18 – Aber diesmal hatte …
Kapitel 19 – „Ach, du lieber …
Kapitel 20 – Ich wandte mich …
Kapitel 21 – Sie sah mich …
Kapitel 22 – „Du lügst“, stieß …
Kapitel 23 – Er ließ mich …
Kapitel 24 – „Was soll das? …
Kapitel 25 – „Lucy! Lucy!“ …
Kapitel 26 – Mit ungläubigem Gesicht …
Kapitel 27 – Das alles ist …
Alle Einzelbände der Reihe „Fear Street“ als eBook
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Impressum
Ich heiße Nicole Darwin und bin eine Versagerin.
So fühle ich mich jedenfalls in letzter Zeit. Nicht mal das herrliche Frühlingswetter – die roten und gelben Tulpen, die sich in der sanften, warmen Brise wiegen, oder der würzige Duft von frisch geschnittenem Gras – kann mich aufheitern.
Mein Leben ist die reinste Katastrophe.
Als ich mir heute Morgen beim Anziehen einen Fingernagel abgebrochen habe, bin ich gleich in Tränen ausgebrochen. So fertig bin ich mit den Nerven.
Meine Fingernägel sind lang und perfekt geformt. Manchmal lackiere ich sie rosarot und manchmal in einem dunklen Lila. Einige Mädchen ziehen mich deswegen auf. Aber mir gefallen sie nun mal so. Vielleicht sind sie auch nur neidisch.
Eigentlich finde ich, dass ich ziemlich gut aussehe. Ich bin vielleicht keine umwerfende Schönheit, aber soweit ganz okay. Meine Haare sind glatt und dunkelbraun. Ich trage sie lang und streiche sie meistens über die Schultern zurück. Und ich habe eine zarte, blasse Haut.
Alle sagen, das Schönste an meinem Gesicht seien die Augen. Sie sind hellbraun und sehr ausdrucksvoll. David, mein Freund, findet sie geheimnisvoll. Er sagt immer, dass er mir stundenlang in die Augen schauen kann und trotzdem keinen blassen Schimmer hat, was ich denke.
Das stimmt. Meistens hat er wirklich keine Ahnung, was in meinem Kopf vorgeht.
Er ist ein echt netter Typ, aber meistens nur mit sich selber beschäftigt.
Aber davon mal abgesehen, würde er sowieso nicht erraten, worüber ich so nachgrüble. Manchmal kommen mir nämlich ziemlich seltsame Gedanken.
Ich frage mich, ob es anderen vielleicht auch so geht wie mir.
Mom meint, ich könnte eine richtige Schönheit sein, wenn ich mehr lächeln würde. Sie findet, dass mein hübsches Gesicht gar nicht richtig zur Geltung kommt, weil ich immer so griesgrämig gucke.
Außerdem sollte ich mir ihrer Meinung nach die Haare abschneiden lassen. „Lange Haare sind doch unpraktisch“, sagt sie und schüttelt dabei den Kopf. Ihre eigene Frisur sieht wie ein ultrakurzer Herrenhaarschnitt aus. „Denk doch bloß mal an die Stunden, die du mit Waschen und Föhnen vergeudest.“
Mom bombardiert einen ständig mit guten Ratschlägen. Manchmal kann sie echt anstrengend sein. Sie müsste doch merken, dass ich unglücklich bin und dass mir irgendwas im Magen liegt. Aber das hält sie nicht davon ab, mich weiterzunerven.
Glaubt sie etwa wirklich, ich möchte so sein wie sie?
Mom und Dad sind sterbenslangweilig. Es ist mitleiderregend, die beiden jeden Tag beim Abendessen zu beobachten, wie sie sich einen abkrampfen, um ein Thema zu finden, über das sie sich unterhalten können.
Sollte ich jemals heiraten, hoffe ich, dass ich dann nicht wie sie herumsitze und darüber rede, wie heiß es draußen ist oder ob man ein Unkrautvernichtungsmittel kaufen sollte oder nicht.
Das finde ich echt deprimierend!
Meine Eltern kleben mir ständig an den Fersen. Meinen Freunden an der Highschool von Shadyside ist das auch schon aufgefallen. Denn die haben alle viel mehr Freiheiten als ich.
Sie können sich einfach das Auto nehmen, abends in der Stadt herumfahren und Freunde besuchen. Sie müssen ihren Eltern nicht haarklein erzählen, wo sie hingehen und wann sie wiederkommen – so wie ich.
Immerhin gehe ich in die Abschlussklasse. Ich bin schon fast erwachsen.
Ich sehe einfach nicht ein, dass ich jedes Mal anrufen und meinen Eltern Bescheid sagen muss, wenn ich länger als ein paar Stunden von zu Hause weg bin.
Ich kann nämlich ganz gut auf mich selbst aufpassen. Sie müssen langsam mal lernen, mir ein bisschen mehr Freiraum zu lassen.
Über Mom und Dad könnte ich noch stundenlang weiterschimpfen. Aber sie sind nicht der einzige Grund, warum ich in letzter Zeit so down bin.
Ich hatte auch in der Schule ein paar Probleme. Muss wohl an der Frühjahrsmüdigkeit liegen.
Eigentlich hätte ich meine Hausarbeit in Bio längst fertig haben sollen, aber irgendwie hab ich’s nicht geschafft.
Mr Frost hat sich deswegen furchtbar aufgeregt. Ich kam mir vor wie eine Verbrecherin. Als ob ich jemanden umgebracht hätte oder so.
Ich musste nach der Schule zu einem „kleinen Schwätzchen“ zu ihm kommen. So nennt er es. Mr Frost und ich hatten schon mehrere dieser „Schwätzchen“. Dabei haben diese Gespräche mit einem angenehmen Plauderstündchen nun wirklich nichts zu tun.
„Deine Arbeit ist längst überfällig“, fiel Mr Frost gleich mit der Tür ins Haus.
Ich habe ihn übrigens Frosty getauft. Weil er so dick und rund ist wie ein Schneemann.
„Hmmm“, machte ich und versuchte, ihm nicht ins Gesicht zu gähnen.
Mit seiner pummeligen Hand scheuchte er eine Fliege weg, die ihn umschwirrte. „Die erste Fliege in diesem Frühling“, ging es mir durch den Kopf.
„Warum hast du sie noch nicht geschrieben?“, fragte er. Mr Frost sprach mit einer sanften, gedämpften Stimme, die immer leiser wurde, je mehr er sich aufregte.
Ich zuckte mit den Achseln. „Weiß nicht.“
Das stimmte auch. Ich hatte wirklich vorgehabt, sie zu schreiben. Ich hatte sogar schon die Bücher dafür ausgeliehen, aber irgendwie konnte ich mich nicht zum Schreiben aufraffen.
„Es muss doch irgendeinen Grund dafür geben, Nicole“, sagte Frosty schon wesentlich leiser.
Ich warf einen Blick aus dem Fenster. Die Tigers, unsere Baseballmannschaft, machten Aufwärmübungen auf dem Spielfeld. Die Wolken wanderten ein Stück weiter und helles Sonnenlicht erfüllte das Zimmer.
„Ich hab aber keine richtige Entschuldigung“, gab ich zu.
Wir führten unser „Schwätzchen“ im Stehen. Er hatte sich mit dem Rücken gegen die Tafel hinter seinem Pult gelehnt und ich stand mit verschränkten Armen davor.
Passend zu meiner Stimmung trug ich ein schwarzes Shirt und schwarze Jeans.
Gestern Abend hatte ich sogar überlegt, ob ich mir die Fingernägel schwarz lackieren sollte. Aber dann hatte ich über eine Stunde mit meiner besten Freundin Lucy Kramer telefoniert und war nicht mehr dazu gekommen.
„Tja, was machen wir denn jetzt mit dir?“, fragte Mr Frost gefährlich leise. „Ich würde dir nur ungerne eine Sechs geben, Nicole. Dann könntest du nämlich nicht an der Abschlussprüfung teilnehmen.“
Seine Worte rüttelten mich auf. Ich musste unbedingt zur Prüfung zugelassen werden! Schließlich zählte ich schon die Tage, bis ich endlich hier raus war.
„Äh … vielleicht könnte ich die Hausarbeit ein bisschen später abgeben“, schlug ich vor. „Es dauert bestimmt nicht lange, sie zu schreiben, Mr Frost. Das meiste habe ich schon gelesen. Glauben Sie mir.“
Ich hatte die ganze Zeit nervös an einer Haarsträhne herumgezupft, die ich mir jetzt über die Schulter warf.
Frosty presste die Lippen zusammen und schaute mich nachdenklich an. Dann strich er sich über sein gewaltiges Doppelkinn.
„Ich habe schon alle Vorbereitungen erledigt“, wiederholte ich. „Bitte lassen Sie mich die Arbeit noch schreiben. Ich bin mir sicher, dass sie ziemlich gut wird!“
Mr Frost spannte mich noch ein paar Sekunden auf die Folter. Dann sagte er: „Wenn du sie Montag abgibst, nehme ich sie an.“
„Aber heute ist doch schon Donnerstag!“, platzte ich heraus.
„Ich weiß, Nicole. Immerhin bleibt dir noch das Wochenende. Es wäre den anderen gegenüber nicht fair, wenn ich dir mehr Zeit einräumen würde. Gib dir Mühe. Ich verlass mich auf dich!“
Er griff nach einem Heft, das auf seinem Pult lag, und begann, darin herumzublättern. Das sollte wohl heißen, dass unser „Schwätzchen“ beendet war.
Ich murmelte leise „Danke“ und stapfte aus der Klasse.
Mann, war ich sauer! Aber eigentlich ärgerte ich mich mehr über mich selber als über Frosty. Schließlich war es nicht seine Schuld, dass ich den Abgabetermin verpasst hatte.
Ich fragte mich, warum ich es mir bloß selber immer so schwer machte. Aber mir fiel keine vernünftige Antwort ein.
Wahrscheinlich würde ich das ganze Wochenende wie verrückt schuften müssen, um diese verdammte Arbeit zu schreiben. Das hieß, ich musste David beichten, dass ich am Samstag nicht mit ihm in die Disko gehen konnte.
Das verbesserte meine Laune auch nicht gerade.
David hatte sich in letzter Zeit ziemlich komisch verhalten. Er hatte ein paarmal unsere Verabredungen abgesagt und wirkte irgendwie abwesend. Als ob er mit den Gedanken ganz woanders wäre.
Das sieht ihm gar nicht ähnlich. Er ist normalerweise ein richtiger Sunnyboy. Überhaupt kein zerstreuter Professor, sondern immer gelassen und gut drauf.
Na ja, jedenfalls wollte ich Samstagabend unbedingt mit ihm weggehen. Gerade weil er die letzten Tage so komisch gewesen war. Ich hatte gehofft, ich würde herausfinden, was mit ihm los war. Aber in die Disko zu gehen und die Hausarbeit zu schreiben war einfach nicht drin.
Zu meiner Überraschung stand David vor dem Bioraum. „Was machst du denn hier?“, begrüßte ich ihn verwundert.
„Auf dich warten“, antwortete er. David macht nicht viele Worte und bringt selten einen ganzen Satz raus. Wahrscheinlich findet er das cool und glaubt, dass die Mädchen darauf stehen.
So wie ich.
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss zu geben. David ist nämlich ziemlich groß – er überragt mich mindestens um einen Kopf.
Aber er trat einen Schritt zurück.
Erstaunt blickte ich zu ihm auf. Versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Er hat nämlich diese großen, braunen Dackelaugen, an denen man all seine Gefühle ablesen kann. Aber er wich meinem Blick aus.
„Was zum Teufel ist mit ihm los?“, fragte ich mich.
Ich beschloss, ihm lieber gleich zu erzählen, dass unser Treffen geplatzt war.
Doch er kam mir zuvor. „Ich … ich kann Samstag nicht mit dir weggehen“, stotterte er unbehaglich und blickte den leeren Flur entlang.
„Was? Warum denn nicht?“, fragte ich entgeistert.
David zögerte. Wir waren langsam nebeneinanderher auf meinen Spind zugegangen, aber jetzt blieb er plötzlich stehen. „Kann eben nicht“, murmelte er und schob die Hände in die Taschen seiner Jeans.
„Hey, was läuft hier eigentlich?“ Ich versuchte, meine Stimme nicht schrill klingen zu lassen. „Was ist denn Samstagabend los?“
Er zuckte mit den Achseln. „Hab was anderes vor“, meinte er nur. Auf einmal sah er ganz verlegen aus. „Hör zu, Nicole …“
Ich wartete, dass er weitersprach. Aber es kam nichts mehr.
Plötzlich bekam ich Angst. Eine eisige Kälte breitete sich in mir aus. „Soll das etwa heißen – du machst Schluss?“
Die Worte klangen ganz merkwürdig. Sie schienen überhaupt nicht von mir zu kommen.
Ich hatte mich auf David verlassen. Die letzte Zeit war hart für mich gewesen. Ziemlich hart. Ich brauchte David, damit ich nicht völlig den Boden unter den Füßen verlor.
Mir war sowieso schon zum Heulen. Auf noch mehr schlechte Neuigkeiten konnte ich echt verzichten.
„Also, was ist? Machst du Schluss?“, hakte ich nach.
Er nickte. Warf mir einen betretenen Blick aus seinen braunen Hundeaugen zu. „Ja. Denke schon.“
„Aber – warum denn?“, schrie ich. Ich war so geschockt, dass ich nicht länger so tun konnte, als wäre ich völlig gelassen.
„Es ist zu viel“, sagte er.
Diese Antwort war typisch für David. Was sollte das denn jetzt wieder heißen?
Verzweifelt griff ich nach seinem Arm. „Ich versteh’s nicht“, rief ich. „Sag mir doch wenigstens warum.“
„Es ist einfach zu viel“, wiederholte er.
Ich merkte, dass sich meine Fingernägel in seine Haut gruben. Er riss seinen Arm weg und wich ein Stück zurück.
„David!“, wimmerte ich.
„Hör mal, ich ruf dich später an oder so“, meinte er verlegen und ging langsam rückwärts den Flur entlang. „Tut mir leid. Tut mir echt leid, Nicole.“
Dann drehte er sich um und entfernte sich mit langen Schritten.
Er blickte sich nicht mal um.
Wie vom Donner gerührt, blieb ich stehen und starrte ihm hinterher, bis er um die Ecke verschwunden war. Kurz darauf hörte ich die schwere Eingangstür der Schule zuschlagen.
Ich merkte, dass ich am ganzen Körper zitterte. Wie in Zeitlupe ging ich zu meinem Spind und versuchte, das Zahlenschloss zu öffnen. Aber ich konnte meine Hand nicht ruhig halten, und meine Augen schwammen so in Tränen, dass ich die Ziffern kaum erkannte.
„Warum hat er mir denn nicht mal ’ne Erklärung gegeben?“, fragte ich mich.
„Es ist einfach zu viel.“
Was sollte das heißen? Was wollte er mir damit sagen?
Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es mir endlich, das Schloss zu entriegeln und die Tür zu öffnen. Mit einem tiefen Seufzer kniete ich mich hin und stopfte Bücher und Hefte in meinen Rucksack. Ich achtete gar nicht richtig auf das, was ich tat.
„Ich muss hier raus!“, ging es mir durch den Kopf. „Wenn ich nicht ganz schnell verschwinde, ersticke ich noch.“
Hastig knallte ich die Spindtür zu, warf mir den Rucksack über die Schulter und rannte den Flur entlang. Zwei Lehrer kamen um die Ecke und amüsierten sich über irgendetwas.
Als sie mich sahen, blieb ihnen das Lachen im Halse stecken. Offenbar war ihnen mein unglückliches Gesicht aufgefallen.
„Nicole – ist alles in Ordnung mit dir?“, rief mir der eine hinterher.
„Klar. Alles bestens!“ Dann drückte ich die schwere Eingangstür auf und floh aus dem Schulgebäude.
Die Luft duftete frisch und süß. Der Kirschbaum auf der gegenüberliegenden Straßenseite war über Nacht voll erblüht und über und über rosarot.
Ich richtete meinen Blick auf die Straße. Ein Stadtbus fuhr gerade von der Ecke ab. Zwei Kids auf Inlineskates rasten auf dem Bürgersteig vorbei.
Es war niemand zu sehen, den ich kannte. Meine Freunde waren alle schon nach Hause gegangen oder unterwegs zu irgendwelchen Jobs, mit denen sie sich nach der Schule was dazuverdienten.
„Mom fragt sich wahrscheinlich, wo ich bleibe“, dachte ich bitter. Ich konnte sie jetzt schon hören: „Nicole, warum hast du mich denn nicht angerufen, wenn du wusstest, dass es später wird?“
Als ob ich nicht schon genug Ärger gehabt hätte!
Als ich seufzend die Stufen hinuntertrottete, sah ich plötzlich Lucy auf mich zukommen, die mir freundlich winkte. Ich lief ihr entgegen, um sie zu begrüßen. Wir beide sind schon seit der Vorschule die dicksten Freundinnen.
Lucy hat glatte, blonde Haare, etwas kürzer als meine und sie trägt meistens einen Pferdeschwanz. Sie hat smaragdgrüne Augen, eine kleine Stupsnase und ein süßes Lächeln. Eigentlich ist sie eher niedlich als hübsch.
Ich stürzte auf sie zu und fiel ihr in die Arme. Plötzlich wurde ich von meinen Gefühlen überwältigt. „Lucy – ich hatte einen furchtbaren Tag!“, platzte ich heraus. Heiße Tränen liefen mir über die Wangen.
Lucy war so verständnisvoll. So klug. Und sie kannte mich besser als jeder andere.
Wir hatten keine Geheimnisse voreinander. Überhaupt keine. Es war wunderbar, eine beste Freundin zu haben, auf die ich mich voll und ganz verlassen konnte.
„Mein Leben ist die reinste Katastrophe“, stöhnte ich. „Und heute ist es besonders schlimm. Ich … ich fühl mich so hilflos und unglücklich.“
„Mir geht’s genauso“, flüsterte Lucy zurück. „Ich glaub, ich habe gerade eine Pechsträhne, Nicole.“
Ich ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Mit beiden Händen wischte ich mir die Tränen von den Wangen und sah sie erstaunt an. „Du auch?“, stieß ich hervor. „Dir geht’s genauso mies?“
Sie nickte heftig. Dann leuchteten ihre Augen plötzlich auf. „Aber ich habe eine Idee“, flüsterte sie. „Ich weiß, was wir tun können.“
„Eine Idee?“, wiederholte ich und starrte sie an. „Was meinst du damit, Lucy?“
Ihre Augen leuchteten wie grünes Feuer und ihr Gesicht glühte vor Aufregung. „Lass uns unsere Körper tauschen“, sagte sie.
Ich folgte Lucy zur Fear Street. Auf dem Weg dorthin war ich vor Ungeduld ganz kribbelig. Es kam mir vor, als würde ein elektrischer Strom durch mich hindurchfließen und mich aufladen.
Hatte sie das ernst gemeint? Würden wir wirklich unsere Körper tauschen?
Der Boden unter unseren Füßen wurde abwechselnd dunkel und wieder hell, wenn die Wolken, die über den Himmel jagten, sich vor die Sonne schoben und dann weiterwanderten. Das wechselnde Licht ließ alles um uns herum geheimnisvoll und unwirklich erscheinen.
Ich erzählte Lucy, was ich heute Schlimmes erlebt hatte und warum ich so unglücklich war. Von David und Mr Frost und der Bio-Hausarbeit. Und von meinen Eltern, die mich mit ihrer Fürsorge erstickten.
Sie nickte verständnisvoll. Es war gar nicht nötig, dass sie etwas dazu sagte.
Lucy trug einen kurzen schwarzen Rock über einer von Silberfäden durchzogenen, schwarzen Strumpfhose. Ihr ärmelloses gelbes T-Shirt enthüllte ihre schlanken, winterblassen Arme.