Ein Leuchtturm ist ein Ort zwischen den Welten. Zwischen Land und Meer. Zwischen Feste und Wasser. Ein Ort, an dem sich das Endliche und das Unendliche berühren.
»Komm … Wasser … weg …« Eine flehende Stimme am aufgewühlten Meer und ein berstender Leuchtturm verfolgen die sechzehnjährige Rebecca im Traum. Als sie kurz darauf von Leuchtturmwärtern kontaktiert wird, glaubt sie nicht an einen Zufall. Doch nichts kann sie auf die erschütternden Dinge vorbereiten, in die sie nun eingeweiht wird. Plötzlich ist nichts mehr, wie es war – denn das Schicksal hat Rebecca eine ganz besondere Rolle zugedacht …
Würden die Pforten
der Wahrnehmung gereinigt,
erschiene dem Menschen alles,
wie es ist: unendlich.
William Blake
»Die Hochzeit von Himmel und Hölle«
Manchmal glaube ich,
an etwas Bedeutendem teilzuhaben,
ohne zu begreifen, was es ist.
Jean-Pierre Abraham
»Der Leuchtturm«
PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
EPILOG
DANKSAGUNG
Über den Autor
Impressum
Duenborg, 08. August 2007
Wäre das Leben nicht das Leben, sondern ein Film oder ein Roman, dann hätte es in dieser Nacht ganz sicher düstere, ominöse Vorzeichen gegeben: einen Sturm, der sich weit draußen über dem Meer zusammenbraut, eine Silbermöwe, die mit gebrochenem Flügel in den feuchten Sand stürzt, vielleicht sogar einen verrückten, einbeinigen Seemann, der mit irrem Blick über den Strand humpelt und gegen das Donnern der Brandung anschreit.
Doch weil das Leben das Leben ist, gab es keinen Sturm und keine abgestürzte Möwe, und der einzig eindeutig Verrückte in Duenborg war Jens Petersen. Aber der war kein Seemann, sondern verkaufte Fischbrötchen, besaß noch alle Gliedmaßen und lag zu dieser Zeit längst im Bett.
Vor etwas mehr als einer Stunde war die Sonne im Meer versunken. Eine leichte, ablandige Brise fuhr sanft durch das Dünengras. Simon Eckmühl saß auf der Holzveranda seines windschiefen Häuschens, das ein Stück abseits des Dorfes ein wenig versteckt in den Dünen lag. Er trug einen dicken, gerippten Pullover, schlürfte Tee aus einer Tasse, die aussah wie ein mittelgroßer Blumentopf, und lauschte dem friedlichen Rauschen der Wellen, über das sich ab und zu der heisere Ruf einer Seeschwalbe legte.
Nichts deutete darauf hin, dass es in dieser Nacht geschehen würde.
Simon zündete sich eine Zigarette an und ließ seine Augen über die nächtliche See wandern. Der Blick eines Leuchtturmwärters geht immer zum Meer, egal ob er gerade Dienst auf dem Turm tut oder mit einer Tasse Tee auf seiner Veranda sitzt. Vor allem dann, wenn er nicht nur ein Leuchtturmwärter, sondern darüber hinaus auch ein Wächter ist.
Simon Eckmühl war dreiundvierzig Jahre alt, groß und kräftig und befand sich in bester körperlicher Verfassung. Dörte Ditzum, die an den Wochenenden in der Platten Flunder in Duenborg kellnerte, geriet bei dem Gedanken an seine ausgeprägten Oberarmmuskeln, seine braunen Locken und markanten Gesichtszüge regelmäßig ins Schwärmen.
Hätte Simon davon gewusst, es wäre ihm herzlich egal gewesen. Ihn interessierte nicht sonderlich, was andere über sein Äußeres dachten – oder was sie darüber zu denken glaubten. Simon Eckmühl war ausgesprochen uneitel, und dennoch kreisten seine Gedanken an diesem Abend unaufhörlich um ein winziges graues Haar in seinem Bart …
Heute Morgen hatte die einwöchige Schicht auf dem Turm geendet. Nach der Ablösung durch seinen Kollegen Jan Staberhuk hatte Simon mit dem kleinen Außenborder an Land übergesetzt – was keine zwei Minuten dauerte – und war über den schmalen Dünenweg die eineinhalb Kilometer bis zu seinem Haus marschiert. Dort angekommen, hatte er die Post aus dem Briefkasten gefischt, sich zunächst ein Rührei mit Krabben und danach ein ausgedehntes Schaumbad gegönnt. Als er aus der Wanne stieg, war er bester Laune gewesen. Er hatte fröhlich vor sich hin gepfiffen, war mit dem Handtuch über den beschlagenen Badezimmerspiegel gefahren – aber beim Blick auf sein Spiegelbild war das Pfeifen abrupt verstummt: In seinem Bart schimmerte ein graues Haar. Sein erstes graues Haar.
Die Erkenntnis hatte ihn wie ein Schlag getroffen: Er wurde alt! Und mit erschreckender Klarheit war ihm bewusst geworden, was dieses graue Haar bedeutete. Für ihn. Für die Wächter. Für die Zukunft aller. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, dachte er mit wachsendem Unbehagen, während er durch den aufsteigenden Rauch seiner Zigarette hindurch auf den dunklen Strand blickte. Dem ersten grauen Haar würden bald weitere folgen. Seine Arme würden in nicht mehr allzu ferner Zukunft an Kraft verlieren. Irgendwann würden ihn seine Beine nicht mehr die Stufen zur Laterne des Turms hinauftragen. Und den anderen seiner Generation würde es ebenso ergehen. Sie würden aufhören, Leuchtturmwärter zu sein. Sie würden aufhören, Wächter zu sein.
Was dann?, fragte er sich und spürte, wie ein banges Gefühl in ihm aufstieg. Immer mehr Leuchttürme wurden im Zeitalter der Funk- und Satellitennavigation automatisiert oder außer Betrieb gestellt. Bald würde es keine Leuchtturmwärter und keine Wächter mehr geben. Wer sollte dann Licht auf das Wasser aussenden und den Weißen leiten? Erfüllte sich jede Prophezeiung? Oder wurden sogar Prophezeiungen manchmal vom Lauf der Zeit überholt?
Simon drückte die Zigarette aus, erhob sich aus seinem Korbstuhl und trat an das Geländer der Veranda. Das Dorf lag im Dunkeln; nur in einem der Ferienhäuser, die man auf halbem Weg zwischen dem Ortsausgang und seinem Haus errichtet hatte, brannte noch Licht. Duenborg war ein verschlafenes Küstennest, an dem die Segnungen des Tourismus weitestgehend vorbeigegangen waren. Mit den wenigen Urlaubern, die es in den Sommermonaten gab, hatte Simon kein Problem. Meist waren es ältere Paare oder Familien mit kleinen Kindern, die nicht irgendwelchen Trubel, sondern genau die Ruhe und Abgeschiedenheit suchten, die Duenborg bot. Das Fischerdorf hatte knapp sechshundert Einwohner, einen winzigen Hafen, zwei Kneipen – die Platte Flunder und den Roten Hering –, ein paar Läden, eine schmucke kleine Backsteinkirche und verfügte über genau zwei Attraktionen: Attraktion Nummer eins war die blaue Bretterbude im Hafen, auf deren Dach ein riesiger, orange beleuchteter Plastik-Hummer mit bedrohlich ausgefahrenen Scheren thronte und in der der verrückte Jens Petersen lautstark Fisch und Meeresfrüchte feilbot: »Nennt mich bekloppt, nennt mich beknackt, nennt mich bescheuert, aber ich leg nicht einen, ich leg nicht zwei, ich lege sage und schreibe noch drei Heringe gratis drauf! Und wenn ich schon mal dabei bin, noch ’n paar schnuckelige Sardinen und – Kinners, der Onkel Jens muss endgültig übergeschnappt sein – zum Nachtisch noch ’n lecker Stückchen Räucheraal für lau!«
Attraktion Nummer zwei war als Fotomotiv fast genauso beliebt wie der verrückte Jens und sein Hummer, und erhob sich vor einer schmalen Landzunge aus dem Meer. Simon wandte den Blick nach Westen, wo ein Lichtstrahl langsam über das Wasser wanderte.
Der Leuchtturm Duenborg hieß nur offiziell Leuchtturm Duenborg. Die Ortsansässigen sprachen von ihm stets als die Nadel. Seinen Namen verdankte er einem schroffen, gischtumtosten Felsen, der eine halbe Seemeile vor der Landzunge aus dem Meer aufragte, ebenfalls die Nadel genannt wurde und auf dem man den Turm vor über hundertfünfzig Jahren unter schwierigsten Umständen erbaut hatte. Das Fundament des Leuchtturms bestand aus Granitstein, er war einunddreißig Meter hoch, hatte einen rot-weißen Anstrich und eine Leuchtfeuer-Tragweite von siebzehn Seemeilen. Er war sicher nicht der schönste aller Türme und hatte nur wenig mit einer spitzen Nadel gemein. Sein Anblick erinnerte eher an eine dickbauchige, etwas ramponierte Thermoskanne.
Jacques Cordouan, der oberste Wächter, hatte Simon einmal erklärt, dass es im Prinzip nur zwei Arten von Leuchttürmen gab: schlanke, elegante Türme, von deren Licht sich der Seemann leiten ließ wie von dem Strahlen in den Augen einer Geliebten – und die plumpen, gedrungenen Bauten, die vielleicht keine Geliebten, aber gute, zuverlässige Freunde waren und deren vertrauliches, augenzwinkerndes Blinken jedes Schiff sicher durch die stürmische See lotste.
Der Duenborger Leuchtturm gehörte fraglos in die Gute-Freunde-Kategorie. Im Vergleich zu Prachtbauten wie dem berühmten Leuchtturm Kéréon vor der bretonischen Küste, in dessen Inneren man Eichenvertäfelungen und Intarsienparkett bestaunen konnte, war die Nadel äußerst schlicht ausgestattet. Ganz sicher wäre kein Schriftsteller auf die Idee gekommen, dem Bau ein literarisches Denkmal zu setzen, so wie es Virginia Woolf mit dem Leuchtturm Godrevy in einem ihrer Romane getan hatte. Und dennoch war die Nadel etwas Besonderes: Der Turm war nicht automatisiert, wie die meisten Leuchttürme im 21. Jahrhundert. Auf ihm taten noch immer Leuchtturmwärter wie Simon Eckmühl und Jan Staberhuk Dienst.
Dieser Umstand war nicht etwa einer sentimentalen Anwandlung der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung zu verdanken. Die Behörde, deren Hauptaugenmerk auf den Betriebskosten lag, hatte den Turm schon vor Jahren automatisieren wollen. Dann aber war der Tourismusverband Westeuropäische Küste auf den Plan getreten, hatte sich bereit erklärt, die Gehälter der Leuchtturmwärter zu übernehmen, und die Verwaltung umgestimmt. Der Tourismusverband hatte dahingehend argumentiert, dass für viele Urlauber zur Küstenidylle auch ein wettergegerbter, wortkarger Leuchtturmwärter gehört und dass ein automatisierter Turm weitaus weniger Touristen anzieht als einer mit knurrigem Wärter-Original, das launige Führungen durch den Turm anbietet. Was natürlich alles völliger Humbug war. Einen Tourismusverband Westeuropäische Küste gab es nicht – dahinter steckten die Wächter. Der dubiose Verband war in sämtlichen Küstenregionen Nord- und Westeuropas aktiv geworden. So war es ihnen gelungen, die Türme, die für das Ereignis infrage kamen, weiterhin mit Wächtern zu besetzen.
Aber für wie lange noch?, dachte Simon. Wenn es nicht bald geschieht, wird es niemals geschehen. Und wir werden nie erfahren, was es bedeutet, frei zu sein …
Sein Tee schmeckte mit einem Mal bitter. Er warf einen letzten Blick auf den Leuchtturm und schickte einen gedachten Gruß an Jan Staberhuk über das Wasser. Dann nahm er seine Zigaretten, das Feuerzeug und die Teetasse, ging ins Haus und schloss die Tür.
Manchmal gelang es Simon, düstere Gedanken zu verscheuchen, indem er sich auf einfache Tätigkeiten konzentrierte. Während er sich der Zubereitung eines späten Abendessens widmete, hellte sich seine finstere Stimmung allmählich auf. Er entkorkte eine Flasche Weißburgunder, schnitt zwei dicke Zwiebeln in Würfel, presste eine Zitrone und hackte ein Bund Dill. Dabei summte er Yellow Submarine vor sich hin, gelegentlich nahm er einen Schluck Wein und blickte auf den kleinen Uralt-Fernseher, der auf dem blau lackierten Küchenschrank stand. Die Spätnachrichten liefen – was Simons Stimmung alsbald wieder sinken ließ. In letzter Zeit musste er sich regelrecht überwinden, um sich über die Ereignisse des Tages zu informieren. Das Ausmaß an Barbarei, Ausbeutung, Rücksichtslosigkeit und Intoleranz schien von Tag zu Tag größer zu werden. Und überall Denkfaule, die ihre Denkfaulheit wie ein stolzes Banner vor sich hertrugen, für einfache Antworten auf komplizierte Fragen dankbar waren und bereitwillig jedem Rattenfänger folgten, der ihnen diese Antworten lieferte.
Simon, der zu den wenigen Menschen gehörte, die wussten, warum all dies tatsächlich geschah, hörte nach ein paar Minuten nur noch mit halbem Ohr hin. Er goss Olivenöl in eine kleine Pfanne und nahm das Steinbuttfilet, das er heute Nachmittag bei Jens Petersen gekauft hatte, aus dem Kühlschrank – als ihn die Stimme des Nachrichtensprechers aufhorchen ließ.
»… gelang es einem internationalen Archäologenteam, aus den Gewässern vor Alexandria unweit der Stelle, an welcher der legendäre Leuchtturm von Alexandria, eines der antiken Weltwunder, gestanden haben soll, eine siebzig Tonnen schwere Statue aus Granit zu bergen, die ersten Vermutungen nach den ptolemäischen König Ptolemaios I. darstellt.«
Ein erstickter Aufschrei entfuhr Simons Mund. Seine Hand stieß gegen das Weinglas, das klirrend auf den Dielen zersprang; der Steinbutt glitt ihm aus den Fingern und landete mit einem klatschenden Geräusch auf dem Küchenboden. Wie zu einer Salzsäule erstarrt stand er da, stierte mit weit aufgerissenen Augen auf den Fernseher und sah zu, wie ein riesiger Schiffskran die kolossale Statue aus dem Meer barg.
Ptolemaios I. Die Statue eines Königs! Die Prophezeiung des Sostratos …
»Erwartet ihn zur Stunde, da der König aus der Tiefe steigt«, wisperte Simon mit stockendem Atem. Es fühlte sich an, als wäre eine seit Ewigkeiten verschlossene Tür mit einem Schlag weit aufgestoßen worden. Er fuhr auf dem Absatz herum, schrie: »Jan! Jan! Es geschieht!«, und stürzte aus dem Haus.
Sein Herz schlug bis zum Hals. Es geschieht! Es geschieht wirklich! Es geschieht jeden Moment!, war alles, was er denken konnte, während er zwischen den Dünen hindurch auf die Landspitze zustürmte. Dabei war sein Blick wie gebannt auf den Turm gerichtet. Das Leuchtfeuer blinkte in genau den rhythmischen Abständen, in denen es immer blinkte: einer spezifischen Kennung, über die jeder Leuchtturm verfügt und über die man ihn identifizieren kann. Alles war wie immer. Nichts schien ungewöhnlich, aber …
Würde es hier geschehen? Würde die Nadel der Turm der Ankunft sein? Hatte Jan Staberhuk die Nachrichten auch gesehen? Hatte er verstanden, was er gesehen hatte? Jan war ein Wächter – er musste es verstanden haben!
Völlig außer Atem erreichte Simon den Bootsanleger, als er aus dem Augenwinkel heraus eine plötzliche Bewegung in der Dunkelheit wahrnahm. Er warf den Kopf herum, kniff die Augen zusammen und sah, etwa hundert Meter entfernt, eine schattenhafte, kleine Gestalt über den Strand auf das Wasser zulaufen. Ein Kind!, schoss es ihm durch den Kopf. Was um alles in der Welt machte ein kleines Kind um diese Zeit alleine am Strand?
»Komm da weg! Komm vom Wasser weg!«, brüllte er, doch sein Rufen ging unter in einem lauten, Unheil verkündenden Geräusch, das wie aus dem Nichts plötzlich die Luft zerschnitt. Rotoren!
Und dann sah Simon sie: zwei kleine, wendige Hubschrauber. Sie kamen vom Meer her und hielten so entschlossen auf den Leuchtturm zu wie heimtückische Raubinsekten auf ihre Beute.
»Nein! Bitte nicht!«, flehte Simon. »Nein!«
Aber da hatten die Helikopter den Turm bereits erreicht. Aus beiden Hubschraubern heraus wurde das Feuer eröffnet. Mündungsblitze, das bösartige Rattern automatischer Waffen – und mit einem lauten Knall barst das Glas der Laterne. Tausende spitzer, glänzender Splitter spritzten durch die Luft und stürzten, einem gläsernen Meteoritenschauer gleich, in die See. Im folgenden Augenblick geschah etwas, das aller Vernunft nach nicht geschehen konnte: Der Lichtstrahl des Leuchtturms krümmte sich, beschrieb einen Bogen, fiel landeinwärts, fuhr wie ein Scheinwerferspot über den Strand und die Dünen und über Simons Gesicht. Er fühlte ein kurzes heftiges Glühen in seiner linken Schulter, so als hätte ihm jemand ein heißes Stück Metall auf die Haut gepresst. Simon schrie vor Schmerz laut auf und ging zu Boden.
Als er wieder auf die Füße kam, war das Licht des Turms erloschen. Das Geräusch der Hubschrauberrotoren entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit, bis es nicht mehr zu hören war. Eine schreckliche, alles erstickende Stille legte sich über den nächtlichen Strand.
Das Kind! Wo ist das Kind?, fuhr es Simon durch den Kopf und seine Augen suchten hektisch das Ufer ab. Aber die kleine Gestalt war spurlos verschwunden. Hatte er sie sich nur eingebildet? Hatte der Feind sie ihn nur sehen lassen, um ihn zu verwirren? Sein Blick wanderte unruhig zwischen Leuchtturm und Strand hin und her. Unschlüssig darüber, was er tun sollte, zögerte er einen Moment – dann sprang er in das Boot, startete den Motor und steuerte auf die Nadel zu.
»Jan!«, brüllte er und hastete die ausgetretenen Stufen des Turms hinauf.
Als er die Laterne erreichte, bot sich ihm ein Bild des Grauens: Die Scheinwerferoptik war völlig zerstört, nahezu pulverisiert. Der gesamte Raum war mit scharfkantigen Splittern übersät – ebenso wie der zusammengekrümmte Körper von Jan Staberhuk, der regungslos am Boden lag.
Simon eilte zu dem Schwerverletzten und kniete sich neben ihn. Jan blutete aus mehreren Wunden, seine Augen waren geschlossen, aber als Simon nach seiner Hand griff, riss er plötzlich die Lider auf und versuchte zu sprechen. Simon beugte sich vor und brachte sein Ohr an den Mund des Wächters.
»Der Weiße … ist gekommen. Endlich …«, flüsterte Jan Staberhuk mit so leiser Stimme, dass er kaum zu verstehen war. »Habe ihn geführt … hatte mich fast erreicht … als sie kamen …« Er sog mit einem pfeifenden Geräusch Luft ein, sein Gesicht verzog sich vor Schmerz, doch um seine Lippen spielte plötzlich ein schwaches Lächeln. Er drückte Simons Hand fester und blickte ihn beschwörend an. »Er ist verletzt, aber … er ist hier. Wie es prophezeit war. Endlich habe ich … verstanden. Vier wird er sein in dieser Welt. Ihr müsst … müsst die Asyle finden. Versprich es mir, Simon!«
»Ich verspreche es.« Simons Stimme zitterte und Tränen stiegen ihm in die Augen.
»Alles wird gut …«, hauchte Jan Staberhuk mit ersterbender Stimme, dann brach sein Blick und sein Kopf fiel zur Seite.
Simon Eckmühl saß die ganze Nacht inmitten der Glassplitter und hielt die Hand seines toten Freundes, während seine Gedanken wieder und wieder um dieselben Fragen kreisten.
Wo ist der weiße Passagier? Wer sind die Asyle?
Als der Morgen dämmerte und die ersten Sonnenstrahlen in die Laterne des Turms fielen, erhob er sich und blickte über das Meer. Gestern Abend hatte er sich Sorgen um ein einzelnes graues Haar gemacht. An diesem Morgen gab es auf seinem Kopf kein Haar mehr, das nicht über Nacht eisgrau geworden war.
Zehn Jahre später
Hamburg, 23. September 2017
Der Boden ist mit Scherben und Splittern übersät. Ich wate durch eine klebrige Lache aus verschütteten Getränken und bewege mich in vorsichtigem Slalom zwischen zerbrochenen Flaschen und zerschlagenen Gläsern hindurch. Halb zwölf! Aus den Boxen dröhnt übelste Elektro-Mucke. Verzweifelt versuche ich, Mareike in der feierwütigen Menge auszumachen. Um elf war ich ein ganz klein wenig beunruhigt, eine Viertelstunde später habe ich begonnen, nervös Ausschau nach ihr zu halten, und spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um offiziell panisch zu werden. In einer halben Stunde müssen wir zu Hause sein! Doch Mareike ist nirgendwo zu sehen und ich habe keine Ahnung, wie ich sie in diesem Chaos ausfindig machen soll.
Ich wusste von Anfang an, dass es eine Schnapsidee war, hierherzukommen. Aber wie erklärt man das einer besten Freundin, die regelrecht elektrisiert ist, sobald sie Begriffe wie sturmfreie Bude und Megaparty hört – und deren Augen wie zwei Tausend-Watt-Strahler zu leuchten beginnen, wenn diese Worte auch noch aus dem Mund von Sören Radeberg kommen. Von dem ist sie so hingerissen, dass sie vielleicht nicht gerade ihre rechte Hand, aber schon so einiges dafür geben würde, um von ihm auf eine Party eingeladen zu werden. Nicht anders als die meisten meiner Mitschülerinnen. Was ich mir nur mit irgendeiner hoch ansteckenden Form vollkommener Verblendung erklären kann. Ich gehöre nicht zu dem Kreis der Sören-Anbeterinnen. Großkotziges Gehabe, eine affektierte Sprechweise und ein öliges Dauerlächeln sind nicht unbedingt das, was mich vor Verzückung dahinschmelzen lässt. Falls jemanden meine Kurzcharakterisierung von Sören Radeberg interessiert: ein selbstverliebter Schwachkopf, der zu viel Zeit vor dem Spiegel verbringt und nur deshalb ständig lächelt, weil er nichts Substanzielles zu sagen hat.
Wobei ich mir sehr sicher bin, dass er nicht mehr lächeln wird, wenn seine Eltern aus dem Urlaub zurückkehren und feststellen, dass ihre vornehme Eppendorfer Villa ein Trümmerfeld ist. Das Wohnzimmer hat die Ausmaße eines Ballsaals und sieht aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen: umgestürzte Sessel und Sofas, eine zu Bruch gegangene Porzellanskulptur, ein Scherbenhaufen, der vor ein paar Stunden noch ein Glastisch war. Zwei von Sörens dumpfbackigen Kumpeln haben es mit vereinten Kräften geschafft, den riesigen Flachbildfernseher von der Wand zu reißen, und irgendein Honk hat Energydrinks in das Aquarium mit den tropischen Edelfischen gekippt. Ich kämpfe mich durch einen Pulk grölender Feierbiester. Wenn ich eine grobe Schätzung wagen müsste: Es sind an die zweihundert Leute, die die Villa der Radebergs in Beschlag genommen haben, und ich hege den starken Verdacht, dass ich die einzige nüchterne Person auf dieser Veranstaltung bin. Die Spaßbremse, wie Sören so charmant gesagt hat. Letzten Mittwoch, als er uns zu der Party eingeladen hat. Besser gesagt: als er Mareike eingeladen hat …
Mareike Bahlsen ist genau einen Tag jünger als ich. Vor zwei Monaten haben wir zusammen unseren sechzehnten Geburtstag gefeiert. Wir wohnen nur fünf Häuser voneinander entfernt, mögen die gleiche Musik, die gleichen Filme, tragen praktischerweise die gleiche Kleidergröße und sind die Art von Freundinnen, die keine Geheimnisse voreinander hat. Ich kenne niemanden, der so schlagfertig ist wie sie. Mareike ist unfassbar schnell im Kopf, saugt jeden Lernstoff mühelos auf und ist normalerweise mit einem äußerst gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet. Umso erschreckender ist die völlig unerklärliche Verwandlung, die jedes Mal mit ihr vorgeht, wenn Sören Radeberg auch nur am Horizont auftaucht. Als er auf dem Schulhof mit seinem Sören-Lächeln auf uns zusteuerte, Mareike erzählte, dass seine Eltern für zwei Wochen nach Malta fliegen und er in ihrer Abwesenheit eine Riesenparty zu schmeißen beabsichtigt (er sagte tatsächlich: »Ich beabsichtige, eine Party zu schmeißen«), da sah sie plötzlich aus, als würde sie ohnmächtig werden. Im Bruchteil einer Sekunde verwandelte sie sich von einer überdurchschnittlich intelligenten Sechzehnjährigen in ein errötendes, unsicheres Etwas, hauchte: »Wow! Klar komme ich. Total gerne!«, und begann zu kichern wie eine Zehnjährige, die am Eierlikör genippt hat.
»Dann bis Samstag! Wird unter Garantie ziemlich abgefahren.« Sören zwinkerte ihr vieldeutig zu (ein herzliches »Würg!«) und drehte wieder in Richtung seiner Kumpel ab.
»Ähm … Rebecca ist doch auch eingeladen, oder?«, wisperte Mareike schüchtern und warf mir einen flehenden Bitte, bitte, du musst auf jeden Fall mit mir da hinkommen-Blick zu, obwohl ihr klar sein musste, dass ich lieber eine Woche in einem Labor für biologische Kampfstoffe verbringen würde.
Sören Radeberg drehte sich um und verzog das Gesicht. »Wenn es sein muss. Von mir aus.« Er musterte mich von oben bis unten und warf mir einen scheelen Blick zu. »Vielleicht versucht du ausnahmsweise mal, keine Spaßbremse zu sein.«
Unter lautem Gekreische wird in der Mitte des verwüsteten Wohnzimmers ein spontan improvisierter Wet-T-Shirt-Contest eingeleitet. Warum um alles in der Welt habe ich mich dazu breitschlagen lassen, zu dieser bescheuerten Party mitzukommen?, frage ich mich zum hundertsten Mal an diesem Abend. Dabei kenne ich die Antwort natürlich: weil Mareike meine beste Freundin ist. Ihre Eltern sind Anhänger eines, sagen wir mal, eher konservativen Erziehungsstils. Und nachdem Mareike bei unserer gemeinsamen Geburtstagsfeier ein wenig über die Stränge geschlagen war, hätten sie sie unter Garantie nicht alleine zu der Sören-Party gehen lassen. Doch als sie mich als Anstands-Wauwau präsentiert hat, waren Herr und Frau Bahlsen halbwegs beruhigt. Sie halten mich für die Vernünftigere von uns beiden – womit sie nicht ganz unrecht haben.
Auf jeden Fall ist klar, dass ich dafür verantwortlich bin, dass Mareike heute pünktlich zu Hause erscheint. Und jetzt lässt sie mich hängen und setzt sich einfach ab! Wenn wir zu spät kommen, bedeutet das für uns beide ernsthafte Unannehmlichkeiten, wenn auch unterschiedlicher Art: Mareikes Vater (er ist Anwalt für Schifffahrtsrecht) neigt zu cholerischen Ausbrüchen und der Verhängung drakonischer Hausarreste. Ich hingegen darf mir zu Hause eine der endlosen Wir sind so schrecklich enttäuscht von dir-Predigten von Lothar und Karin anhören. Man kann geteilter Meinung darüber sein, was schlimmer ist.
Ich schiebe mich weiter durch die feiernde Meute. Bis zehn Uhr hat sich alles noch halbwegs im Rahmen bewegt, aber dann ist von irgendwoher ein größerer Vorrat an Wodkaflaschen aufgetaucht und von da an begann die Sache völlig aus dem Ruder zu laufen.
»Hey, Rebecca! Wie sieht’s aus, Miss McNerdy? Zur Feier des Tages vielleicht auch mal ’n Schluck?« Chris Holstein, einer von Sörens hohlköpfigen Freunden, kommt mit einer Flasche in der Hand auf mich zugestolpert.
»Hast du Mareike gesehen?«, frage ich.
»Häh?« Er glotzt mich begriffsstutzig an.
»Weißt du, wo Mareike ist?«
»Nö, keine Ahnung.« Chris nimmt einen tiefen Schluck, erspäht am anderen Ende des Raums einen Bekannten, brüllt »Hey, Stevie, du alte Pottsau!« und torkelt davon.
Natürlich verfügt diese Luxusimmobilie auch über eine Eingangshalle. Hier ist es noch voller als im Wohnzimmer. Nur unter massivem Ellenbogeneinsatz schaffe ich es, mich voranzukämpfen, und stolpere beinah über drei Gestalten, die im Kreis auf dem Boden sitzen und durch lange Strohhalme irgendwas Ekliges aus einem Eimer schlürfen. Vor dem zwei Meter hohen antiken Wandspiegel stehen zwei arg verschwitzt aussehende Mädels und erneuern ihr Make-up.
Ich bin ganz eindeutig underdressed. Ich trage das, was ich am liebsten trage: Chucks, schwarze Jeans, T-Shirt und Jeansjacke. Die meisten der weiblichen Partygäste haben sich dagegen aufgebrezelt, als wollten sie für den Bachelor gecastet werden. Cocktailkleid, verlängerte Wimpern, schicke Sandälchen und kunstvoll gebastelte Frisuren. Eines der beiden Schminkmädels bedenkt mich mit einem abschätzigen Blick.
Was willst du denn, du gefärbtes Nüsschen?, denke ich. Vielleicht habe ich heute keine drei Stunden beim Friseur verbracht, aber dafür ist mein Blond wenigstens echt.
Auf der breiten Treppe, die in die obere Etage führt, steht ein reichlich angeschickerter Typ und führt die Flugkünste einer Drohne vor. Keine Spur von Mareike. Als letzte Hoffnung bleibt nur noch das Obergeschoss. Während ich die Stufen hinaufsteige, höre ich, wie die Drohne abschmiert und in den Spiegel kracht. Lautes Gejohle. Irgendein Blödi klatscht Beifall.
»Hallo, du süßer Wackelpudding. Komm doch mal löffelweise rübergeschwabbelt«, empfängt mich ein Kerl mit glasigen Augen oben an der Treppe und greift nach meinem Arm. Ich drohe ihm, dass sein Unterleib in einer Sekunde Bekanntschaft mit meinem Knie macht, und gebrauche dabei ebenfalls das Wort Wackelpudding. Das wirkt. Mit verdattertem Gesichtsausdruck wankt er von dannen.
Oben ist es auch nicht bedeutend schöner als unten. Irgendwelche Witzbolde haben die Badezimmertür ausgehängt. Ein Mädchen in einem pinkfarbenen Kleid kniet vor der Toilettenschüssel und gibt würgende Geräusche von sich. Am Ende des Korridors steht eine Tür einen Spalt weit auf. Das Schlafzimmer von Sörens Eltern. Eine schwere, süßliche Rauchwolke wabert mir entgegen. Auf dem Bett hocken zwei Jungs und zwei Mädchen und starren die Wand nieder.
»Hat jemand von euch Mareike Bahlsen gesehen?«
In Zeitlupentempo hebt eines der Mädchen, eine Brünette mit Flechtfrisur, den Kopf, blickt mich unter verhangenen Lidern an und nuschelt: »Mareike? So ’ne süße Rothaarige im schwarzen Kleidchen? Jede Menge Sommersprossen?«
»Ja. Das ist sie.«
»War vorhin kurz hier. Mit Sören. War ziemlich neben der Spur. Hatte ganz schön getankt. Mann, Alkohol ist so ’ne Scheißdroge.«
»Wo ist sie hin?«, frage ich, während mich ein ausgesprochen ungutes Gefühl beschleicht.
»Glaube, Sören wollte ihr den Garten zeigen«, sagt die Flechtfrisur, blickt wieder zur Wand und murmelt: »Wow, ist das bunt hier!«
Aber da bin ich schon draußen, renne durch den Korridor und stürme die Treppe hinab. Im Wohnzimmer hat die Stimmung ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Lasse Reusward aus der Elften schwingt, am Kronleuchter hängend, durch den Raum und stößt dabei markerschütternde Tarzan-Schreie aus, angefeuert vom rhythmischen Klatschen sämtlicher noch zum Klatschen fähigen Partygäste.
Ich schiebe die schwere Glastür zur Terrasse auf und schlüpfe ins Freie. Der Garten der Radebergs ist in etwa so groß wie ein Fußballfeld und erstreckt sich bis zur Alster hin. Eine penibel gepflegte Rasenfläche, Trauerweiden mit tief hängenden Ästen, eine geschmacklose Amor-Statue und, direkt am Wasser, ein kleiner Gartenpavillon.
Ich haste die Stufen der Terrasse hinab – und in diesem Moment passiert es.
Ohne jede Vorwarnung.
Ein plötzlicher stechender Schmerz hinter meiner linken Schläfe, so heftig, dass es mir für einen Moment den Atem nimmt. Und dann: Glocken! Ich höre Glockengeläut … und einen leisen, undeutlichen Singsang. Zehn Sekunden lang. Vielleicht auch nur fünf – ich kann es unmöglich sagen. Dann verstummen Glocken und Gesang abrupt. Zurück bleibt ein durchdringendes Rauschen in meinen Ohren. Ich stehe wie angewurzelt da. Mein Mund fühlt sich staubtrocken an, mir ist schwindelig und ich muss mich an einem Baumstamm abstützen. Was war das? Was um alles in der Welt war das?
»Alles in Ordnung?«, ertönt eine Stimme und ich blicke erschrocken auf.
Ein Junge mit braunen, verstrubbelten Haaren und dunklen Augen, der mich besorgt betrachtet. Auf seiner linken Wange zeichnet sich eine kleine sichelförmige Narbe ab. Keiner von Sörens Kumpeln, das wird beim ersten Blick klar. Sörens Clique bevorzugt Markenklamotten. Der Junge vor mir trägt eine verschlissene Bootsjacke, ausgetretene Chucks und abgewetzte Jeans.
»Du siehst nicht gut aus«, befindet er unbeschönigend ehrlich. »Kann ich was für dich tun?«
»Würdest du … würdest du mir vielleicht ein Glas Wasser holen?«, sage ich und schnappe nach Luft.
Er fährt herum und flitzt über die Terrasse ins Haus, während ich mich noch immer frage, was mir gerade widerfahren ist. Was waren das für Glocken? Warum höre ich Glocken in meinem Kopf?
In Rekordzeit ist der Junge zurück und reicht mir ein Glas Wasser, das ich in einem hastigen Zug leere.
»Geht es wieder?«, fragt er.
Ich fahre mir mit dem Arm über die Stirn und atme tief durch. »Ja. Danke, äh …?«
»Finn«, sagt er lächelnd. »Ich heiße Finn Westerbeek. Ist ein ziemliches Idiotenfestival hier, was?«
»Kann man so sagen. Und ich sollte längst auf dem Weg nach Hause sein. Aber ich suche meine Freundin. Du hast sie nicht zufällig gesehen? Sie hat rote Haare und –«
»Sie ist mit so einem Schnöselhörnchen da drin verschwunden.« Er deutet auf den kleinen Holzpavillon am Alsterufer.
»Oh«, sage ich verdutzt. »Ja, dann … dann sollte ich wohl … Vielen Dank noch mal. Für das Wasser.«
»Keine Ursache. War schön, dich kennenzulernen, Rebecca.«
Ich gebe das Glas zurück, nicke ihm zum Abschied zu und renne schon in Richtung Pavillon, als in meinem Gehirn eine Fehlermeldung aufpoppt: War schön, dich kennenzulernen, Rebecca? Woher kennt er meinen Namen? Ich stoppe in vollem Lauf und drehe mich um, aber Finn ist nicht mehr zu sehen. Wie von der Dunkelheit verschluckt. Ich frage mich, wohin er so plötzlich verschwunden ist. Da schwebt ein kieksiges Kichern durch den Garten. Mareike!
Die Tür des Pavillons steht offen. Im Flackern eines Windlichtes erkenne ich zwei Gestalten, die auf einem breiten Korbsofa rumrutschen.
»Mareike! Wir müssen los!«
Die beiden fahren auseinander, Sören springt auf und funkelt mich wütend an. »Was willst du hier? Siehst du nicht, dass du störst?«
Ich schiebe ihn zur Seite und greife nach Mareikes Arm. Ihre Augen stehen auf halb acht. »Warum ’n jedds schonn? Will noch nich’!«, lallt sie, wehrt sich aber nicht, als ich sie an die Hand nehme und aus dem Pavillon ziehe.
»Du hörst doch, was deine Freundin sagt!« Sören stellt sich mir in den Weg und lächelt überheblich. »Sie will noch nicht gehen!«
»Sie weiß doch überhaupt nicht mehr, was sie will, du Hilfshirn. Dafür hast du ja charmanterweise gesorgt, indem du sie total abgefüllt hast.« Ich deute auf die leere Flasche, die unter dem Sofa hin und her rollt. »Was bist du denn für ein armer Ersatzgigolo? Ich hätte große Lust, dir die Flasche über den Schädel zu ziehen!«
»Jetzt krieg dich mal ganz schnell wieder ein, Rebecca!«, zischt er und wirft mir einen drohenden Blick zu. »Sonst –«
»Sonst was?«, entgegne ich, recke den Kopf angriffslustig vor und füge in beiläufigem Ton hinzu: »Übrigens … vielleicht interessiert es dich, dass deine Eltern vorzeitig aus dem Urlaub zurück sind und dich suchen. Sie sahen irgendwie so aus, als hätten sie dringenden Gesprächsbedarf.«
»Was?« Sören wird grün im Gesicht. Im gleichen Moment schafft es irgendeiner der Schwachmaten, im Haus einen Rauchmelder auszulösen, was augenblicklich ein Sprinklersystem in Gang setzt. »Oh … Scheiße!«, entfährt es Sören und er stolpert in Richtung der Terrasse davon.
Mareike trottet mit dem Gesichtsausdruck eines willenlosen Zombies neben mir über den Leinpfad und hat schwere Steuerbord-Schlagseite. Zehn vor zwölf. Von der Radeberg’schen Villa bis zur Heilwigstraße sind es genau zehn Minuten Fußweg. Unter normalen Umständen würde ich es pünktlich schaffen. Aber unglücklicherweise habe ich eine vor sich hin lallende beste Freundin untergehakt, der alle fünf Meter die Beine wegknicken.
Auf dem Weg über den Leinpfad begegnet uns dankenswerterweise kein Mensch und als wir in die Heilwigstraße einbiegen, atme ich erleichtert auf: nur noch ein paar Schritte bis zu Mareikes Zuhause. Doch kaum haben wir das Grundstück erreicht, murmelt sie: »Mir iss schlecht«, reißt sich von meiner Hand los und übergibt sich schwungvoll in den elterlichen Vorgarten.
Während sie rauslässt, was rausmuss, halte ich ihr die Haare aus dem Gesicht und passe auf, dass sie nicht kopfüber in die Hecke kippt. Da bemerke ich, ein Stück hinter uns, ein Paar, das im Licht einer Laterne steht. Ein Liebespaar, denke ich im ersten Augenblick, aber dann wird mir klar, dass die beiden uns beobachten. Reglos wie zwei Gipsstatuen stehen sie da und starren zu uns hinüber. Ein mulmiges Gefühl überkommt mich: Das Pärchen sieht nicht gerade nach alteingesessenem Eppendorfer Adel aus. Die Frau hat langes dunkles Haar, trägt ein luftiges Kleidchen und dazu schwere, geschnürte Stiefel. Der Mann ist einen Kopf kleiner als sie, verfügt über die gedrungene Statur eines Kirmesboxers und steckt in einem Anzug, der aussieht, als könnte er ihm jeden Moment vom Leib platzen.
Meiner Freundin ist schlecht. Was gibt es da zu glotzen?, denke ich. Geht weiter! Verzieht euch!
»Glaub, es iss alles raus«, keucht Mareike in diesem Moment, richtet sich auf und wischt sich mit der Hand über den Mund. »Danke. Fürs Haarehalten und so …«
»Keine Ursache«, seufze ich und als ich wieder aufschaue, ist das merkwürdige Paar verschwunden. Wie weggebeamt. Von einer Sekunde auf die andere. So wie vorhin Finn, der Junge im Garten der Radebergs. Als wären sie nie da gewesen. Ungläubig blicke ich zu der Laterne, um die nur noch eine verirrte Motte schwirrt.
»Wassn los, Becca?«, nuschelt Mareike.
»Nichts. Ich dachte gerade, da wäre … Egal. Wir müssen dich jetzt irgendwie ungesehen ins Haus kriegen.« Ich ziehe mein Smartphone aus der Jeansjacke, sage: »Benjamin Bahlsen«, und die Verbindung wird aufgebaut.
»Was willst du, Rebecca?«, meldet sich Mareikes großer Bruder genervt.
»Hör zu, Benny! Mareike und ich stehen unten vor dem Haus. Sie hat ein bisschen … sie ist sturzbetrunken.«
»Na super«, mault er.
»Schaffst du es, sie an euren Eltern vorbeizuschleusen?«
»Ich komme runter«, stöhnt Benny resigniert.
Dreißig Sekunden später nimmt er seine Schwester an der Tür in Empfang. Als kurz darauf das Licht in Mareikes Zimmer angeht, atme ich erleichtert auf. Mission erfolgreich abgeschlossen!
Für die wenigen Meter bis nach Hause lasse ich mir dann reichlich Zeit. Ob ich mich um fünfzehn oder um fünfundzwanzig Minuten verspäte, spielt keine Rolle. So oder so steht mir eine nervtötende Ansprache von Lothar und Karin bevor. Während ich an hohen Hecken und gepflegten Kieseinfahrten vorbeispaziere und mich innerlich für den anstehenden Vortrag über Vereinbarungen und Verlässlichkeit wappne, spüre ich plötzlich ein Ziehen hinter meinen Schläfen – und es geschieht erneut: das Gefühl, als würde ich keine Luft bekommen und dann … keine Glocken, sondern eine leise, eindringlich flüsternde Stimme in meinem Kopf: »Wo bin ich Fremdling? Im Schatten des Todes. Auf welchem Wege gehe ich? Den Weg des Irrtums. Und welchen Trost habe ich?«
»Stopp!«, schreit eine zweite Stimme dazwischen. »So kann ich nicht arbeiten! Ist der Kerl am Licht besoffen? Das ist doch alles völlig unprofessionell hier!«
Und – Ruhe. Als wäre eine Telefonverbindung gekappt worden. Ein kurzes, heftiges Schwindelgefühl, ein hohes Fiepen in meinem rechten Ohr. Schwer atmend lasse ich mich auf ein niedriges Mäuerchen sinken, hocke bewegungslos da und starre ins Leere. Erst Glocken. Und jetzt auch noch Stimmen. Was passiert mit mir? Ich fühle mich wie nach einem Systemabsturz. War das ein Anfall? Vielleicht das erste Anzeichen einer Epilepsie?, schießt es mir durch den Kopf und mein Magen krampft sich vor Angst zusammen. Für den Bruchteil einer Sekunde denke ich sogar daran, mich Lothar und Karin zu offenbaren. Aber schon im nächsten Moment verwerfe ich den Gedanken wieder. Wenn ich ihnen erzähle, dass ich Glocken und Stimmen in meinem Kopf höre, ist das Erste, was ihnen einfällt, mich zu einem Drogentest zu schleifen und … Ich stutze. Vielleicht lägen sie mit ihrem Verdacht gar nicht mal so verkehrt. Ich nehme keine Drogen, aber vorhin auf der Party sind dichte Rauchschwaden durchs Haus gezogen und einige davon rochen ziemlich illegal. Wer das Atmen nicht vollständig eingestellt hatte, konnte es überhaupt nicht vermeiden, etwas davon abzubekommen. Was zunächst mal eine Schweinerei ist – ich habe schließlich nicht darum gebeten, stoned zu werden –, aber es wäre zumindest eine halbwegs plausible Erklärung dafür, warum ich auf einmal Stimmen höre.
»Wo bin ich Fremdling?« »Ist der Kerl am Licht besoffen?« Völlig wirrer und unzusammenhängender Schwachsinn. Ich muss ganz schön was von dem Zeug abgekriegt haben. Trotzdem ist der Gedanke beinah beruhigend, denn er bedeutet, dass diese Stimmen auch wieder verstummen werden. Sobald die Wirkung nachlässt.
Meine Knie zittern zwar noch immer ein wenig, als ich mich erhebe, aber ich bin mir so gut wie sicher: Es müssen die Rauchschwaden gewesen sein. Ich habe keine Epilepsie, ich habe nur ein paarmal zu tief eingeatmet! Und wenn ich mich erst mal ausgeschlafen habe, wird es keine Stimmen mehr geben. Und auch keine Glocken. Kein Grund, panisch zu werden, Rebecca. Alles kommt wieder in Ordnung.
Ich darf mir jetzt nur nichts anmerken lassen, damit Lothar und Karin nicht Lunte riechen …
Terhoeven steht in verschnörkelter Schrift auf dem überdimensionalen, beleuchteten Klingelschild neben der Haustür. Wogegen nichts zu sagen ist, denn so lautet der Name meine Eltern nun mal. Genauer gesagt: meiner Pflegeeltern. Lothar und Karin Terhoeven. Blöd nur, dass mein Name nicht an der Klingel steht. Obwohl ich seit zehn Jahren hier lebe. Ich heiße Quist. Rebecca Quist.
Ich öffne die Tür und schlüpfe so leise wie möglich ins Haus. Wir haben keine Eingangshalle, ansonsten sieht es aber nicht bedeutend weniger nobel aus als bei Familie Radeberg. Ein schmaler Lichtstreifen fällt aus dem Wohnzimmer in den Flur. Und egal wie leise ich bin, Karin hat Ohren wie ein Luchs.
»Rebecca, kommst du bitte mal?«, ertönt ihre Stimme, bei der man unwillkürlich an eine ungeölte Türangel denken muss.
Ich puste einmal kräftig durch und trete ein. Und wie jedes Mal habe ich das Gefühl, plötzlich auf einer Bühne zu stehen. Oder in einem Museum für moderne Kunst. Alles im Wohnzimmer ist in Schwarz und Weiß gehalten: schachbrettmusterartig angeordnete Bodenfliesen, eine ausladende weiße Ledercouch, schwarz glänzende moderne Skulpturen, eine mannshohe weiße Vase neben der Terrassentür. An der gegenüberliegenden Wand hängen zwei riesige Ölgemälde. Eines ist vollkommen weiß, abgesehen von einer dünnen schwarzen Schlängellinie, die sich quer über das Bild zieht. Das andere ist nachtschwarz, bis auf eine Stelle am linken oberen Rand, wo ein paar weiße Farbsprengsel zu erkennen sind. Karin ist Galeristin und die Gemälde stammen von einem isländischen Maler, dessen Werk sie vor drei Jahren ausgestellt hat.
Meine Pflegeeltern fügen sich nahtlos in das Gesamtkunstwerk Wohnzimmer ein. Ganz in Schwarz gekleidet sitzen sie auf der weißen Couch, haben die Beine übereinandergeschlagen und sehen aus, als wollten sie eine Kultursendung im Spätprogramm moderieren. Auf dem Glastisch vor ihnen stehen eine geöffnete Flasche Rotwein und zwei Gläser. Aus den Lautsprechern des Soundsystems erklingt leise Klaviermusik: Bilder einer Ausstellung von Mussorgski.
»Ich bin mir sicher, dass es einen nachvollziehbaren Grund für deine Verspätung gibt«, sagt Karin und betrachtet mich hinter den Gläsern ihrer schwarz geränderten Brille mit einem Blick, der gleichzeitig Besorgnis und Verärgerung ausdrückt und den sie über viele Jahre hinweg perfektioniert hat. »Wärst du so freundlich, uns diesen Grund mitzuteilen?«
Eher beiße ich mir die Zunge ab, als dass ich Mareike in die Pfanne haue. »Es gibt keinen Grund. Ich habe nur die Zeit vergessen. Entschuldigt bitte. Es tut mir leid.«
Karin zieht die Brauen hoch, bis sie beinah unter ihrem gerade geschnittenen Pony verschwinden. »Wir sind sehr von dir enttäuscht, Rebecca. Ist dir klar, dass wir uns wahnsinnige Sorgen gemacht haben?«
Ich blicke zu Boden und denke: Oh, ja. Wie es scheint, seid ihr regelrecht verrückt geworden vor Sorge. Auf die kultivierte Art. Mit Rotwein und Klaviermusik.
Lothar tätschelt beschwichtigend Karins Hand. Er ist ein schwer angesagter Schönheitschirurg mit Marmorboden-Praxis und internationaler Patientenkartei. Viele seiner Arbeiten kann man in Boulevardmagazinen und bei diversen Charity-Events bestaunen. Lothar gibt bei diesen Gesprächen immer den guten Cop und jetzt kommt sein Einsatz. Er räuspert sich bedeutungsschwer und sagt in neutralem Tonfall: »Wir haben doch schon mehrmals darüber gesprochen, Rebecca: Soziale Systeme funktionieren nur, wenn sich alle ihre Mitglieder an gemeinsam getroffene Vereinbarungen halten. Wir erfüllen unseren Teil der Vereinbarung und wir erwarten, dass du deinen Teil erfüllst. Ist das zu viel verlangt?« Er verschränkt die Arme und lehnt sich in die Ledercouch zurück, während mich seine habichtartigen Augen fragend anblicken.
Herrgott, denke ich. In den zehn Jahren, in denen ich bei euch lebe, bin ich vielleicht fünfmal zu spät gewesen. Und ihr macht deswegen jedes Mal ein Riesenfass auf. Aber weil ich weiß, wie die Dinge hier laufen, sage ich nur: »Es wird nicht wieder vorkommen«, und lege den schuldbewussten Blick auf, den Lothar und Karin an dieser Stelle von mir erwarten.
Ich nenne sie immer Lothar und Karin. Papa oder Mama kommt mir auch nach zehn Jahren nicht über die Lippen. Und wäre auch falsch. Zum einen, weil sie nicht meine leiblichen Eltern sind, und zum anderen, weil sie einfach kein Vater und keine Mutter sind. Lothar und Karin sind verantwortungsbewusste Erziehungsbeauftragte mit einer erzieherischen Leitlinie und einem pädagogischen Konzept. Was etwas völlig anderes ist, als Eltern zu sein.
Lothars feingliedrige Chirurgenhände fahren über sein kurz geschnittenes Haar. »Rebecca, es geht hier um Vertrauen. Wir haben dir einen Vertrauensvorschuss gewährt, indem wir dich zu dieser Party gehen ließen. Und du missbrauchst diesen Vorschuss an Vertrauen, indem du zu spät kommst. Wir haben doch eine klare Verabredung bezüglich deiner Ausgangszeiten.«
»Noch einmal: Entschuldigung«, sage ich. »Kann ich jetzt bitte schlafen gehen? Ich bin todmüde.«
Meine Pflegemutter beugt sich vor und rümpft die Nase. »Du riechst nach Rauch und nach … Alkohol! Hast du etwa getrunken? Du bist erst sechzehn Jahre, Rebecca!«
»Ich habe nichts getrunken. Irgendwer hat mir was über die Jacke gekippt.«
Karin kneift die Lippen zusammen und mustert mich misstrauisch. »Hauch mich bitte an, Rebecca!«
»Ich habe nichts getrunken!«
»Hauch mich an. Sofort!« Sie winkt mich mit dem Zeigefinger zu sich heran.
»Geht’s noch eine Nummer demütigender?« Ich rolle mit den Augen, trotte aber zu ihr hinüber und tue, was sie verlangt.
»Hmm … Wie es scheint, sagst du die Wahrheit«, befindet sie nach einer Kurzanalyse meines Atems.
Ich spüre, wie meine Halsschlagader zu pochen beginnt. »Vielleicht könntet ihr mir zur Abwechslung ja mal wirklich vertrauen, statt es nur ständig zu behaupten!«, entfährt es mir, dummerweise etwas lauter als beabsichtigt.
»Es gibt keinen Grund, die Stimme zu erheben, Rebecca«, befindet Lothar mit tadelndem Unterton. »Willst du Karin etwa vorwerfen, dass sie ihrer Verantwortung nachkommt? Bevor man Vertrauen einfordert, muss man es sich erst einmal erarbeiten.«
»Ja. Schön. Kann ich jetzt endlich schlafen gehen?« Ich bin im Begriff, mich zur Tür umzudrehen, als wieder etwas vollkommen Unglaubliches geschieht: Im Wohnzimmer breitet sich plötzlich ein strahlend blaues Licht aus. Wie paralysiert starre ich auf die Boxen des Soundsystems, unfähig zu glauben, was ich sehe. Die Töne des Klavierkonzertes ergießen sich aus den Boxen wie Bäche aus blauem, schimmernden Licht, fließen ineinander, teilen sich wieder … Hohe Töne steigen als hellblau blinkende Sternchen zur Decke, dunkle Töne sinken als schwere, dunkelblaue Tropfen zu Boden …
Das gibt es nicht! Das darf nicht wahr sein! Ich kann die Musik sehen! Das Blau geht in ein zartes Violett über und …
»Rebecca! Hast du gehört, was ich gesagt habe?«, dringt Karins knarzige Stimme zu mir durch. Schlagartig ist das Licht verschwunden.
»Ich … was?« Verwirrt blicke ich zu ihr.
»Ich habe gesagt, dass du zu Bett gehen kannst. Aber diese Diskussion ist noch nicht beendet. Wir werden unser Gespräch morgen fortsetzen.«
»Ja. Gute Nacht«, sage ich abwesend, gehe zur Tür und blicke noch einmal zu den Boxen. Aber die Töne sind wieder unsichtbar.
Wie in Trance steige ich die Treppe hoch, schließe die Tür meines Zimmers hinter mir und lasse mich aufs Bett fallen. Glocken. Stimmen. Musik, die als Licht durch den Raum schwebt … Fehlt nur noch eine Marienerscheinung. Und dann die seltsame Geschichte auf der Party. Mit diesem Jungen – Finn. Woher kennt er meinen Namen? Ich habe meinen Namen nicht genannt. Oder habe ich ihn vielleicht doch erwähnt … und kann mich nicht mehr daran erinnern? Was immer ich da eingeatmet habe, das Zeug ist heftig! Ich trete vor den Spiegel und überprüfe, ob meine Pupillen unnatürlich geweitet sind. Aber sie sehen, soweit ich das beurteilen kann, nicht anders aus als sonst.
Wie auch immer … Morgen früh ist es vorbei, beruhige ich mich. Du musst dich nur ausschlafen. Morgen ist alles wieder normal. Ganz bestimmt!
Und zu meiner allergrößten Erleichterung behalte ich recht. Nachdem ich bis in den späten Vormittag hinein geschlafen habe, erwache ich völlig ausgeruht, ohne Stimmen oder Lichter. So ganz traue ich der Ruhe zwar noch nicht, doch obwohl ich während der folgenden Stunden ständig in mich hineinhorche, in der Befürchtung, plötzlich doch wieder etwas Merkwürdiges zu sehen oder zu hören, geschieht nichts dergleichen. Keine Glocken, kein »Wo bin ich Fremdling?«, kein »Ist der Kerl am Licht besoffen?«. Ganz allmählich lässt meine Anspannung nach. Wie es aussieht, lag ich mit meiner Nur zu tief eingeatmet-Theorie richtig. Und jetzt hat mein Körper dieses Zeug offenbar so weit abgebaut, dass es sich nicht mehr bemerkbar macht. Alles gut, sage ich mir. Alles wieder in Ordnung.
Nachmittags bereite ich ein Geschichtsreferat über die Weimarer Republik vor, das ich am Mittwoch halten muss. Ich bin so auf meine Arbeit konzentriert, dass ich alles andere ausblende, und als Karin mich kurz vor sieben zum Abendessen ruft, habe ich die merkwürdigen Stimmen schon wieder so gut wie vergessen.
Die Vorstellung, dass sich eine Familie zu einem Essen zusammenfindet, bei dem fröhlich durcheinandergeredet, gelacht und gescherzt und sich manchmal auch gestritten wird, finde ich ganz wunderbar. Das gemeinsame sonntägliche Abendessen in unserer Familie gleicht allerdings eher dem Arbeitsessen eines Organisationskomitees. Unter Karins Federführung wird die kommende Woche perfekt durchorganisiert, ein Einkaufs- und Speiseplan erstellt, Termine gemacht und aufeinander abgestimmt, und jedes Familienmitglied an seine anstehenden Aufgaben erinnert. Ein Wunder, dass nicht auch noch ein Sitzungsprotokoll geführt wird.