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Von der Autorin bisher bei KBV erschienen:

Hochbahn
Teufelskuhle

Sabine Friemond, geb. 1968 in Duisburg, wuchs in der Gemeinde Spellen am Niederrhein auf. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Über Stationen in München, Nürnberg und Mosbach landete sie – nun verheiratet und mit drei Kindern – wieder in ihrer alten Heimat und führt dort seit 2009 eine eigene Buchhandlung. Nach Hochbahn (2019) und Teufelskuhle (2020) ermittelt Pastorin Christin Erlenbeck nun schon in ihrem dritten Fall Tendering.

Sabine Friemond

Tendering

Kriminalroman

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Für meine Kinder.
Ich war immer gerne mit Euch am Tender!

Inhalt

Prolog

ERSTER TEIL

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

ZWEITER TEIL

23. Kapitel

DRITTER TEIL

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Ein Wort an die Leser

Prolog

Haus Ahr, 20. Juni 1860

Rastlos lief Betty in ihrem Schlafzimmer auf und ab. Dieses Zimmer, in dem sie schon als kleines Mädchen gewohnt hatte, lag im ersten Stock, im Westflügel, wenn man ein so hochtrabendes Wort für diesen Bereich des Herrenhauses verwenden konnte. Hin und wieder versuchte sie, zur Ruhe zu kommen, indem sie am Fenster innehielt, um ihren Blick auf das Fließen des Rheins zu fokussieren. Viel konnte sie zwar nicht von dem mächtigen Strom sehen, da die blühenden Kronen verschiedener Bäume ihr die Sicht versperrten, aber schon das Wissen, dass sie ihm nahe war, hätte sie beruhigen können.

Hätte.

Wenn sie am nächsten Tag nicht heiraten sollte.

Wieder drückte sie angespannt ihre strahlend weißen Zähne in die Fingerknöchel ihrer rechten Hand, der Gedanke an das Versprechen, das sie geben würde, fuhr wie ein lähmender Gedanke in sie. Und zum wiederholten Male untersuchte sie diese Fingerknöchel kritisch, ob diesmal Abdrücke geblieben waren, die bis zum nächsten Tag, wenn Heinrich diese rechte Hand ergreifen würde, vielleicht noch zu sehen waren.

Vor Heinrich wäre es ihr nicht unangenehm gewesen. Aber vor Susanna, ihrer zukünftigen Schwiegermutter. Diese Schwiegermutter, die zwar über die Herkunft Bettys glücklich war, nicht aber über Betty selber.

Kapriziös.

Das war eines der netteren Wörter, mit denen sich Heinrichs Mutter in der Weseler Gesellschaft über sie ausließ.

Die hochgewachsene, nicht mehr ganz junge Frau warf ihre dunklen Locken, die ihr manchmal in das fein geschnittene Gesicht fielen, mit Schwung über ihre Schulter.

Melodramatisch, egoistisch und launisch waren die weniger schönen Worte.

Betty ballte ihre Hände zu Fäusten und versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Die Wände des großen Zimmers schienen auf sie zuzukommen. Sie fühlte sich eingeengt, nein, eingesperrt, wie der zerlumpte, jämmerlich aussehende Löwe, den sie bei einem Besuch ihrer Schwester Lina im Zoologischen Garten in Berlin gesehen hatte. Der, genau wie sie jetzt, mit stumpfem Blick zwischen zwei Wänden hin und her ging.

Wie hatte sie nur dieser Eheschließung zustimmen können?

Nein, dachte sie sofort, nicht schon wieder diese selbstzerfleischenden Gedanken!

Heinrich war ein warmherziger, geduldiger Mann, der sie so liebte, wie sie war. Nicht melodramatisch, sondern engagiert, nicht egoistisch, sondern selbstbewusst, nicht launisch, sondern sensibel.

Vor allem ihr gemeinsamer Wunsch zu reisen, bevor die familiären Verpflichtungen und das Älterwerden unbeweglich machten, ließ Betty seinem Heiratsantrag zustimmen.

Und natürlich ihr Alter. Sie war jetzt 29 Jahre alt. Ihre beiden älteren Schwestern Luise und Berta drängten sie schon länger, endlich einen der mittlerweile weniger gewordenen Heiratsanträge anzunehmen. Und als selbst ihre freigeistige große Schwester Lina mahnende Worte aus Berlin schrieb, sie solle sich genau überlegen, wie sie alt werden mochte, wurde Betty nachdenklich. Nach vielen Gesprächen mit dem Weseler Brauereibesitzer Heinrich Tigler fasste sie schließlich den Entschluss, seinen Antrag anzunehmen.

Und dieser Entschluss war richtig, sagte sie sich jetzt immer wieder.

»Betty!«, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. »Du bist ja immer noch nicht umgezogen.« Vorwurfsvoll betrachtete Berta, die Herrin des Hauses Ahr, ihre jüngere Schwester und schüttelte den Kopf. »Bitte, zieh dich jetzt endlich um. Du möchtest doch gleich, wenn der liebe Heinrich dich abholen kommt, nicht hetzen.«

Heinrichs Mutter hatte ihre zukünftige Schwiegertochter eingeladen, schon einen Tag vor der Hochzeit nach Wesel zu kommen und bei ihr und ihrem Mann zu übernachten. Betty war die Vorstellung, eine so lange Zeit mit Susanna Tigler zu verbringen, fast unerträglich, aber sie wollte nicht schon wieder als kapriziös gelten und sagte zu. Trotzdem hatte Heinrichs Mutter ihre Lippen zusammengekniffen. Sie fand, dass ihre zukünftige Schwiegertochter etwas begeisterter hätte zustimmen können.

Ihre Schwester Berta Auguste betrachtete kopfschüttelnd Bettys einfaches Tageskleid. »Du immer mit deinen tristen Kleidern! Meinst du, hier bei uns in der niederrheinischen Provinz wäre es nicht nötig, sich ein wenig eleganter zu kleiden?«, neckte Berta ihre kleine Schwester.

»Meine liebe Berta«, hob Betty jetzt zu einer Erklärung an, »du weißt, dass meine einfache Kleidung keine Geringschätzung eurer Gesellschaft ist. Eher ein Zeugnis dafür, wie wohl ich mich bei euch fühle und wie dieses Haus und diese Gegend hier noch mein Zuhause sind. Aber, nun denn«, Betty hob ihren rechten Arm und legte den Handrücken gegen ihre Stirn. Dabei rollte sie dramatisch mit den Augen und sprach dann weiter. »Ich werde mich jetzt in Tand und Flitter werfen, bis meiner geliebten, zukünftigen Schwiegermama die Augen herauskommen!«

Berta prustete los. »Ja, meine Liebe, so kenne ich dich! Das wird dir zwar mit dem lindgrünen Kleid hier nicht ganz gelingen, aber dafür hast du ja goldene Stickereien auf deinem Brautschleier.« Berta ging zu ihrer kleinen Schwester und legte ihre Arme um deren schlanken Oberkörper. »Du wirst sehr glücklich werden«, vorsichtig strich sie Betty über den Rücken, »dein Conrad Heinrich ist ein sehr feiner Mensch. Und eure Reise durch Amerika wird ein ganz besonderes Erlebnis. Du wirst sehen, es wird die richtige Entscheidung sein, ihn morgen zu heiraten.«

Durch das gestärkte Oberkleid und das Mieder konnte Berta spüren, wie sich Bettys Körper bei ihren Worten versteifte.

ERSTER TEIL

1. Kapitel

Samstag, 8. Dezember 2018

Sie wunderte sich darüber, wie sie, die graue, schüchterne Maus, über sich selbst hinausgewachsen war. Sie hatte nicht im Traum daran gedacht, sich für die Hauptrolle der Betty im gleichnamigen Theaterstück zu bewerben. Sie musste sich schon überwinden, ihr Interesse an einer kleinen Nebenrolle zu signalisieren. Aber plötzlich war sie die Betty!

Ein letzter Blick in den Spiegel.

Ihre großen, dunklen Augen. Die langen, braunen Haare in der Mitte gescheitelt, die Locken umspielten sanft ihre Schultern. Der kleine Mund, mit der etwas kräftigeren Unterlippe, in einem dunklen Rot geschminkt.

Perfekt, dachte sie. Und das Schönste war, dass es sich so echt anfühlte.

Endlich einmal.

Erstaunlicherweise hatte sie kein Lampenfieber. Vielleicht weil alles so gut passte? Bei diesem Gedanken musste sie innerlich kichern. Es waren mehrere Anproben nötig gewesen, bis die Schneiderin das Kostüm so geändert hatte, dass es richtig passte. Sie selbst war noch schlanker als Ingrid und hatte dann auch noch, vor lauter Nervosität, etwas abgenommen. Aber jetzt saß es, wie für sie persönlich gefertigt.

Sie raffte mit beiden Händen etwas den Rock in die Höhe, bevor sie gemessenen Schrittes die Treppe hinunterging.

Ihre Mutter kam in den Flur. »Du bist schon fertig?« Kritisch musterte sie die Tochter, von den glänzenden Locken bis zu den geschnürten Stiefeletten, dann lächelte sie. »Willst du etwa schon los?«

»Ja«, antwortete Lena, »ich gehe noch etwas spazieren, muss jetzt ein bisschen meine Ruhe haben und runterkommen.«

»Bei dem Sauwetter? Und es wird doch schon dunkel! Pass ja auf, dass nichts an das Kleid kommt«, ermahnte Kerstin Pachel ihre Tochter.

»Ja, Mama. Es ist trocken, nur ein bisschen windig. Nur ein paar Schritte. Wann fahrt ihr los?« Bei dieser Frage schaute Lena in den Spiegel, der im Flur hing, um ein letztes Mal ihr Aussehen zu überprüfen. Dabei schnitt sie eine Grimasse in Richtung des Spiegelbilds ihrer Mutter.

»Na, wir haben ja noch ein bisschen Zeit. Denk dran, uns die Plätze zu reservieren. Vier Stück.« Zur Bekräftigung hielt sie die entsprechende Anzahl Finger ihrer rechten Hand in die Höhe und schnitt dabei die gleiche Grimasse wie ihre Tochter.

Nachdem Lena gegangen war, hielt Kerstin Pachel die Klinke der Haustür noch umklammert. Ihre Lena! Ihr schüchternes Mädchen spielte gleich die Hauptrolle in einem Theaterstück! Vor Hunderten Zuschauern! Hoffentlich verdarb Mick seiner Schwester nicht ihren Triumph.

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Zum wiederholten Male schaute Ingrid Hassmann auf ihre Armbanduhr. Achtzehn Uhr. Und Betty, nein Lena, war noch nicht da.

Mein Gott, bremste sie ihre Ungeduld, es war noch früh genug!

Um neunzehn Uhr ging es erst los. Und nur, weil sich schon langsam der Saal füllte, brauchte sie nicht nervös zu werden.

Aber Ingrid hatte nicht damit gerechnet, dass dieses von ihr selbst geschriebene Theaterstück über die berühmte Voerderin Betty Tendering so viel Aufmerksamkeit bekommen würde. Sie hätte sich schon gefreut, wenn sie überhaupt eine kleine Truppe zusammenbekommen hätte, die das Stück unter ihrer Regie auf einer kleinen Bühne aufführen würde. Aber in der Aula des Gymnasiums! Und dann noch vor ausverkauftem Haus!

Einige Mitglieder des Ensembles waren schon da, zum Beispiel Mathilda Erlenbeck, die Betty als junges Mädchen spielen würde. Anna, die Zweitbesetzung, war noch nicht da. Das war zu erwarten gewesen.

Manchmal ärgerte Ingrid sich, dass sie sich hatte breitschlagen lassen, Lena die Hauptrolle zu geben. Anna wäre eindeutig die bessere Besetzung gewesen. Die junge Frau war wirklich eine gute Schauspielerin. Trotzdem sie eher launisch und oft auch sehr arrogant war, hatte sie eine tolle Bühnenpräsenz. Auch die leisen, gefühlvollen Szenen meisterte sie perfekt. Und obwohl Anna bei den Proben oft mit heruntergezogenen Mundwinkeln herumlief, veränderte sie sich völlig, wenn sie auf der Bühne stand. Sie erstrahlte richtig! Dann dachte Ingrid immer, ja, so könnte Betty Tendering gewesen sein.

Lena war auch gut, keine Frage.

Und wenn es dieser jungen Frau half, dachte sie, wie schon häufiger. Denn nach dem Vorsprechen hatte tatsächlich Lenas Therapeut bei ihr angerufen. Dass diese Rolle Lenas Entwicklung aus ihrer extremen Schüchternheit heraushelfe, hatte er gesagt. Sie sei ja schon auf einem guten Weg. Außerdem sei sie doch sowieso die perfekte Besetzung, bei ihrer Vernarrtheit in das 19. Jahrhundert. Als dann noch Vater Pachel sie um ein Gespräch bat, hatte Ingrid ihrem Herzen einen Ruck und Lena die Hauptrolle gegeben.

Ingrid Hassmann lief durch die »Garderobe« der Schauspieler. Wenn man diesen Raum neben der Aula, in dem sich jeder einen Platz suchen musste und in dem alles kreuz und quer herumlag, überhaupt so nennen konnte.

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Anna betrachtete den kleinen Gegenstand in ihrer Hand. Klein, aber gemein. So wie das Leben eben sein konnte. Wenn alles so funktionieren sollte, wie sie es geplant hatte, müsste sie jetzt los.

Zögernd gestattete sie sich ein Grinsen, das sich dann über ihr ganzes Gesicht ausbreitete.

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Lena parkte ihren kleinen Twingo auf dem Parkplatz am Tenderingssee. Es war schon dunkel, nur der Mond spendete etwas Licht.

Sie atmete tief durch und zählte langsam bis fünf. Obwohl sie nicht in Hektik verfallen wollte, nahm sie die Zigarette aus der Packung, bevor sie bei zehn angekommen war. Eine zur Beruhigung.

Gerade als sie die Zigarette anzündete und ein paar Schritte zum Ufer des Sees ging, hörte sie ein Geräusch hinter sich.

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»Hast du schon Lena gesehen? Oder Anna? Bist du etwa auch gerade erst gekommen?«, fragte sie Gerald, der mit einem Zylinder in der Hand und hochrotem Kopf an ihr vorbeihetzte.

»Nein, äh, ja«, stotterte er, zog den Kopf zwischen seine Schultern und lief weiter.

Fünf nach halb sieben. Ingrid atmete tief durch und wandte sich dann Luisa zu, die Schwierigkeiten beim Binden ihres Häubchens hatte.

»Da bist du ja endlich!«, zischte Ingrid Hassmann wenige Minuten später Anna an. »Wo ist Lena? Ist sie mit dir gekommen?« Aufgebracht reckte die ältere Frau ihre Hände in die Höhe, man konnte ihr ansehen, wie sie sich beherrschen musste, nicht aufzustampfen oder Anna zu schütteln. Auch Gerald, der hinter Ingrid aufgetaucht war, schaute sie durch sein drahtiges Brillengestell vorwurfsvoll an.

Verwirrt verneinte Anna. »Sorry, mein Autoschlüssel war spurlos verschwunden! Ist Lena noch nicht da?«

Ingrid sah in Annas gerötetes Gesicht und traf blitzschnell eine Entscheidung. »Nein, Lena ist noch nicht da. Es kann doch echt nicht wahr sein, dass ihr zwei so zuverlässig und toll mitgearbeitet habt und heute, gerade heute beide so spät kommt.« Ingrid nickte in Richtung des Garderobenraums. »So, egal jetzt. Wir müssen uns beeilen. Du bist jetzt die Betty. Da Lena das Kostüm mitgenommen hat, müssen wir improvisieren. Komm!«

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Blitzlichtgewitter. Das Dröhnen des tosenden Applauses. Und immer wieder Verbeugungen zum Publikum, das sie, geblendet durch die Scheinwerfer, gar nicht sah. Und ein Lächeln, das nur einer Person im Publikum galt, die sie bisher nicht gesehen hatte, aber von der sie wusste, dass sie da war.

In ihrem ganzen, bisher zwanzig Jahre währenden Leben hatte sich Anna noch nie so rundum glücklich gefühlt. Sie hatte ein Empfinden, als wäre ihr ganzer Leib mit Freude und Zufriedenheit gefüllt.

Bis auf eine kleine Stelle, irgendwo in einer der hinteren Herzkammern. Genau eine kleine Stelle, die ihr sagte, dass es nicht ganz richtig war.

2. Kapitel

Sonntag, 9. Dezember 2018

Du hättest nicht mitkommen müssen, Krümmel und ich hätten das auch alleine geschafft.« Patrick versuchte alles, um seine missmutige Freundin zu besänftigen. Obwohl er keine Schuld an ihrer schlechten Laune hatte. Sie hätte nach ihrer Nachtschicht weiterschlafen können, aber gerade als er den Hund anleinen und sich hinausschleichen wollte, fegte dieser vor Aufregung drei Flaschen, die zum Altglas mussten, um. Das laute Scheppern und Klirren hatte Charlotte geweckt, und sie beschloss, die beiden bei dem Spaziergang zu begleiten.

»Nein, ist okay. Ich lege mich gleich noch einmal hin. Oder vielleicht auch nicht«, überlegte sie laut, »war ja meine letzte Nachtschicht, sonst kann ich heute Abend nicht schlafen.«

Von der B 8 aus fuhr Patrick rechts in den Tenderingsweg und parkte dann auf einem Parkplatz, auf dem sich sonst die Taucher trafen. Nur ein weiteres Auto stand noch dort, ansonsten war kein anderer Mensch zu sehen. Beide mochten den Spaziergang am Tenderingssee. Man brauchte nicht weit zu fahren und hatte eine schöne, ruhige Strecke zwischen dem Wasser und den Bäumen.

Eine Weile schlenderten sie, ohne miteinander zu reden, den Fußweg am See entlang. Auch hier begegnete ihnen niemand – kein Wunder, so früh an einem Sonntagmorgen im Dezember. Charlottes Miene hellte sich auf. Ihren jungen Hund beim Herumtollen zu beobachten, machte ihr immer Freude. Zwischen den mit Raureif überzogenen Bäumen und der Aussicht auf ein paar freie Tage fiel der Stress der vergangenen Nachtschicht langsam von ihr ab.

»Gott sei Dank ist es nicht so matschig«, grinste sie ihren Freund an, »dann brauchst du das Krümmelchen gleich nicht komplett zu baden!«

»Ja, aber ins Wasser soll er trotzdem nicht«, antwortete Patrick und schaute dem Hund hinterher, der sich einen Weg hinunter zum Ufer gesucht hatte. »Krümmel!«, rief er. Dann stutzte er. »Guck mal, Charlotte, da ist ein Boot! Da, unter den Bäumen, direkt am Ufer!«

Zusammen gingen sie den gleichen Weg, den vorher schon ihr Hund genommen hatte, zum See hinunter.

»Patrick! Da liegt jemand! Eine Frau! Das kann doch nicht wahr sein!« Aufgeregt ergriff sie Patricks Arm. »Die schläft. Ist der nicht kalt?«

Patrick wand sich aus dem Griff seiner Freundin und rannte zum Boot, das ganz sanft hin und her schaukelte. »Ruf einen Krankenwagen, hier … sie … da stimmt was nicht!«

Nur kurz nahm er die schlaffen, heruntergezogenen Mundwinkel in dem stark geschminkten Gesicht der jungen Frau wahr. Ihre wie zum Gebet ineinander gefalteten Hände, in denen eine dunkelrote, fast schwarze Rose vor sich hin welkte. Das ordentlich drapierte, altmodische Kleid.

Dann stapfte er ins Wasser, zog das Boot zu sich und beugte sich über die Frau. Er legte zwei Finger an ihre Halsschlagader – und fühlte nur noch eine unendliche Stille.

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Mit zusammengepressten Lippen krempelte er sich die Ärmel seines Hemdes hoch. Dann griff er entschlossen zur Flasche und kippte sich eine ordentliche Portion des Inhalts auf die Handfläche. Ohne eine Miene zu verziehen, verrieb er die Substanz zwischen seinen Handflächen. Er fixierte den Berg aus Fleisch, der vor ihm aufragte.

Er atmete tief durch und konzentrierte sich darauf, dass ihm seine Gesichtszüge nicht entglitten. Dies würde sie ihm nie verzeihen.

Er legte seine Hände auf den Fleischberg. In dem Moment spürte er einen kleinen Schlag gegen seine rechte Hand.

»Wenn Sie Widerstand leisten, werde ich meine Kollegen anfordern!«, knurrte Freddie leise durch die Zähne. »Verhalten Sie sich ruhig, da müssen wir jetzt beide durch.«

Christins ebenso angespannte Miene löste sich auf. »Dein Gesicht müsstest du sehen«, prustete sie laut heraus. Sie musste sich auf ihre Ellenbogen stützen, weil ihr sonst vor Lachen die Luft weggeblieben wäre.

Auch Freddie konnte sich nicht mehr beherrschen. »Sorry«, schnaubte er hervor, »irgendwie finde ich das alles hier sehr lustig. Ich komme mir vor, als ob ich einem Walross den Bauch kraulen sollte!«

Wieder prusteten Freddie und Christin los.

»Psst!«, ermahnte Martina Klöppels lächelnd.

Martina war die Hebamme, die »das alles« anleitete. Christin und Freddie besuchten nun schon zum vierten Mal den Geburtsvorbereitungskurs im Geburtshaus Mandala, aber der Polizist konnte sich immer noch nicht mit dem nötigen Ernst auf die ihm gestellten Aufgaben einlassen. Er hätte nie gedacht, dass Atmen so kompliziert sein könnte und dass er mal Körperteile einer Frau zwischen den Fingern massieren würde, über die er noch nie in seinem Leben nachgedacht hatte.

Auch jetzt sah er naserümpfend auf seine von Massageöl triefenden Hände, von denen schon ein paar Tropfen auf seine Lieblingsjeans gekleckert waren. Er riss sich zusammen, hob seine Hände und legte sie erneut auf den irrwitzig kugeligen Bauch seiner Frau. Wieder trat sein ungeborenes Kind gegen seine Handflächen.

»Christin«, stöhnte er mit gespielter Verzweiflung auf, »ich hoffe, das Minimum meint das nicht persönlich. Im Moment überlege ich echt, ob es in Deutschland noch Besserungsanstalten gibt.«

Wieder musste Christin kichern. »Keine Sorge. Es ist im Moment wach. Außerdem, da es mindestens zur Hälfte deine Gene hat, wird es wohl etwas lebhafter als Matti und Oskar. Und deine Eltern sind auch mit dir klargekommen. Du bist ja sogar Beamter geworden!«

In diesem Moment hörten sie ein leichtes Brummen von Freddies Diensthandy. Beide guckten das Handy mit bösem Blick an. Entschuldigend sah Freddie zu Martina.

»Ich habe dir ja gesagt, dass ich Bereitschaft habe«, meinte er. Dann blickte er hilflos auf seine öligen Hände.

Christin, die sein Dilemma erkannte, richtete sich auf, nahm das Handy und hielt es an Freddies Ohr.

»Ja? Oh. Mannomann! Okay, bin gleich da«, hörte die Pfarrerin ihren Mann einsilbig antworten. Fragend blickte sie ihn an. »Ich glaube, wir wissen jetzt, warum diese Lena gestern nicht zur Premiere da war«, murmelte er mit belegter Stimme.

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Eine Szene wie aus einem Film.

Freddie und Christin sahen einen Streifenwagen, der die weitere Durchfahrt des Tenderingsweges blockierte. Die blauen Blinklichter rotierten leise im milchigen Dunst des Wintermorgens. Ein Rettungswagen und das Auto des Notarztes standen nebeneinander halb auf der Straße, halb in der Zufahrt des Parkplatzes, das Fehlen jeglicher hektischer Aktivitäten unter den Sanitätern ließ das Schlimmste ahnen. Rot-weißes Absperrband, das kraftvoll und straff die Szenerie zu umarmen schien, komplettierte das Bild.

Freddie wurde schon erwartet, seine neue Kollegin, Polizeianwärterin Laura Bauer, fing ihn ab. »Du musst hier halten«, informierte sie ihn, »wir haben alles rund um den Taucherparkplatz abgesperrt.«

Freddie fuhr an den rechten Straßenrand.

»Dir ist klar, dass du hier sitzen bleiben musst?« Frederick Neumann wandte sich Christin auf dem Beifahrersitz zu und strich ihr zärtlich über die Wange. »Dies scheint ein Tatort zu sein, da darfst du jetzt nicht mit.«

»Das weiß ich«, nickte die Pfarrerin und zog ein Buch, auf dessen Cover ein attraktiver Mann lächelte, aus ihrer Tasche. »Ich warte jetzt hier, und wenn es mir zu lange dauert, rufe ich meine Eltern an, ob die mich eben abholen können.« Dann fügte sie noch hinzu: »Meinst du, das klappt heute Abend mit dem Vortrag?« Sie hielt ihm das Buch entgegen.

Freddie zog kurz die Augenbrauen hoch. Dann fiel es ihm wieder ein. Der Autor, dessen Buch Christin momentan verschlang, war am Abend in der hiesigen Buchhandlung zu Gast und würde aus seinem Werk lesen. »Um sechs ist das? Vielleicht, ich kann es nicht versprechen«, antwortete er zögerlich.

»Alles klar, sonst gehe ich alleine«, sagte Christin und lächelte ihn an.

Innerlich grinsend warf Freddie die Autotür zu. Er wusste genau, dass seine Frau diese geschenkte Zeit zum Lesen genießen würde. »So, Polizeianwärterin Bauer«, wandte er sich im Gehen an seine Kollegin, »was ist hier los?«

Laura Bauer strengte sich an, mit Freddies ausholenden Schritten mitzuhalten.

»Ein Pärchen hat vor circa einer Dreiviertelstunde, also gegen halb zehn, beim Spazierengehen um den See ein Boot bemerkt, in dem eine tote Frau liegt«, berichtete Laura Bauer.

»Wie ist sie gestorben?«, fragte Freddie, als von seiner Kollegin nichts mehr kam.

»Wahrscheinlich Fraktur des Os occipitale«, antwortete sie.

»Alles klar, Frau Musterschülerin«, knurrte Freddie. »Und jetzt auf Deutsch.«

»Bisher sieht es so aus, als wäre der Schädelknochen des Hinterkopfes zertrümmert«, erläuterte die angehende Polizistin.

Geräuschvoll sog Freddie Luft durch seine zusammengebissenen Zähne ein. »Aua, bestimmt kein schöner Anblick. Wissen wir schon, wer die arme Frau ist?«

Laura nickte und guckte dann auf ihren Notizblock.

»Ja. Zufällig kam heute Morgen gegen neun Uhr ein Ehepaar auf die Wache«, sagte Laura. »Sie fragten nach, ab wann jemand als vermisst gilt. Sie hatten seit gestern Abend, circa achtzehn Uhr, keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter, die noch bei ihnen wohnt. Leo hat erst einmal nur informell die Daten aufgenommen, aber die Beschreibung passt genau. Schlüter ist auf dem Weg zu ihnen, um uns ein aktuelles Foto zu schicken.«

»Der Name?« Freddie hatte den Wirbel um die nicht aufgetauchte Schauspielerin hautnah miterlebt. Fast schämte er sich schon für seine spöttischen Bemerkungen, die er am Vorabend losgelassen hatte. Er hatte sich grinsend zu seinem Stiefsohn Oskar geneigt und gesagt, dass das Stück wohl so öde sei, dass selbst die Hauptdarstellerin laufen gegangen sei. Woraufhin Oskar sich vor Lachen kaum noch einkriegte. Und Christin sie mit ihrem schärfsten Blick, der die beiden Kulturbanausen fast sofort durchbohrt hatte, anguckte.

»Lena Pachel«, bestätigte Laura.

»Oh Mann!« Der Polizist schüttelte den Kopf.

»Was ist? Kennst du sie?« Laura schaute ihren Vorgesetzten kurz von der Seite an, sah aber nur auf sein ausdrucksloses Narbengewebe.

»Ja. Das ist die junge Frau, die die Betty in diesem Theaterstück spielen sollte, in dem Matti auch mitspielt«, klärte Freddie sie auf. »Und zu dem du gestern nicht hingekommen bist«, ergänzte er vorwurfsvoll. Im Vorbeigehen nickte der Polizist den Rettungssanitätern zu, die dabei waren, ihren Wagen für die Abfahrt zu schließen. Die Notärztin stand unschlüssig an ihrem geöffneten Kofferraum.

»Jaja, schon gut«, antwortete Laura unwirsch, »ich werde nie wieder den Geburtstag eines meiner Familienmitglieder einem Auftritt Mathildas bei einer Premiere vorziehen. Aber ich habe Karten für heute Abend.«

Freddie sprach die Notärztin an, die sich gerade aus dem Schutzanzug schälte, den sie bei ihrer Ankunft vorsichtshalber angezogen hatte. »Hallo, Polizeihauptmeister Freddie Neumann«, stellte er sich kurz vor. »Was können Sie mir zu der Leiche sagen?«

»Fraktur des Os occipitale«, antwortete die Ärztin und klappte den Kofferraumdeckel zu.

Freddie nickte. »Können Sie mir sagen, wie lange sie schon tot ist?«, fragte er weiter.

»Nur ganz grob«, entgegnete sie. »Da ich auf den ersten Blick keine Verletzungen sah, habe ich nur den Kopf angehoben. Die Haare sahen so verklebt aus. Der Hinterkopf ist komplett eingedrückt, Hirnmasse ist ausgetreten.« Die Ärztin stockte kurz. »Ich habe den Kopf ganz vorsichtig wieder hingelegt. Die Körpertemperatur habe ich nicht gemessen, da hätte ich zu viel verändern müssen, aber aufgrund der Hautfarbe und der Leichenstarre würde ich auf mindestens zwölf Stunden tippen.«

Freddie bedankte sich bei der Notärztin, die zu einem neuen Einsatz musste.

»Das kommt ja dann mit der Aussage der Eltern, dass sie ihre Tochter um achtzehn Uhr zuletzt gesehen haben, hin«, meinte Freddies junge Kollegin.

»Hm«, nickte der Polizist. »Sind das die beiden, die die Tote gefunden haben?«, fragte er, in Richtung eines Pärchens weisend, das eng nebeneinanderstand. Der Mann, dessen Hosenbeine bis zu den Knien nass waren, hielt seine Freundin im Arm, sie hatte ihren Kopf auf seine Schultern gelegt. Zu ihren Füßen kauerte ein Hund, der unruhig alles beobachtete.

»Ja«, antwortete die Polizeianwärterin und schaute auf ihren Notizblock. »Charlotte Kund und Patrick Niehaus. Beide arbeiten als Krankenpfleger. Gingen hier mit ihrem Hund spazieren und entdeckten das treibende Bötchen mit der Leiche. Er hat den Tod festgestellt und dann nur noch das Boot etwas an Land gezogen, damit es nicht wieder auf den See hinaustreibt. Dann haben die beiden 112 und uns benachrichtigt.«

Freddie sagte dem Pärchen seinen Namen, dann stellte er ohne Umschweife seine Fragen. »Kennen Sie die Tote?«, wollte er als Erstes wissen.

»Nein«, antworteten beide nacheinander.

»Nie gesehen?«, hakte der Polizist nach.

»Nein«, entgegneten wieder beide.

»Ist Ihnen heute Morgen irgendjemand hier auf dem Parkplatz oder auf dem Weg begegnet?«

Die Krankenpfleger guckten sich an und überlegten.

»Nein«, sagte die junge Frau. »Wir haben tatsächlich niemanden gesehen. Das hat mich gewundert, eigentlich treffen wir hier immer jemanden. Andere Leute mit Hund oder auch Jogger.«

»Ist Ihnen ein Auto auf dem Parkplatz begegnet?«, fragte Freddie weiter.

»Nein«, antwortete jetzt der Mann. »Wir haben nur den kleinen Twingo ganz in der Ecke gesehen, aber sonst stand da kein anderes Auto, und uns ist auch keins entgegengekommen.«

»Können Sie mir bitte jetzt die Stelle zeigen, wo Sie die Tote gefunden haben? Laura, holst du bitte Schutzanzüge?«, bat Freddie.

Nachdem sich alle vorschriftsmäßig die dünnen Overalls angezogen hatten, die einen Tatort vor der Verunreinigung durch Spuren von Unbeteiligten schützen sollten, ging das Pärchen voran, rechtsherum zurück auf den Weg, der am Ufer des Sees verlief.

Auch hier war entlang des Weges alles mit dem rot-weißen Absperrband der Polizei markiert.

Schweigend gingen sie etwa zweihundert Meter, dann führte der Weg linksherum, und Freddie konnte schon die Spitze eines kleinen Bootes sehen.

»Da ist es«, sagte der Krankenpfleger in die Stille hinein und deutete auf das Boot. »Da vorne ist unser Hund runtergerannt. Und wir dann hinterher.«

Jetzt sah Freddie auch die junge Frau, die, wie aufgebahrt, in dem kleinen Holzboot lag. Nur das absolut schneeweiße Gesicht und die ineinander gefalteten, ebenso weißen Hände ließen ahnen, dass dieser Körper nicht mehr lebendig war.

Polizeihauptkommissar Frederick Neumann ließ den Anblick auf sich wirken. Langsam ging er ein paar Schritte weiter. Seine Begleiter blieben stehen.

»Haben Sie meinen Kollegen schon gesagt, was Sie alles angefasst haben?«, fragte Freddie dann, den Blick immer noch auf das Boot mit dem stillen Passagier gerichtet.

»Ja«, antwortete der Krankenpfleger.

»Haben Sie auch die Wunde am Hinterkopf gesehen?«

Patrick nickte. »Ja«, sagte er nur.

Freddie kniff seine Augen zu einem Schlitz zusammen, so als ob er schärfer sehen wollte. »Was hat die Tote zwischen ihren Händen?«, fragte er den Krankenpfleger.

»Eine Rose«, antwortete dieser und fügte noch »ziemlich gruselig« hinzu.

Freddie nickte bestätigend. »Danke«, sagte er dann an das Pärchen mit dem Hund gewandt. »Sie beide müssen jetzt zur Wache an die Frankfurter Straße und sich Ihre Fingerabdrücke abnehmen lassen.« Dann wandte er sich an Laura. »Du rufst jetzt bitte die Kripo in Duisburg an. Die sollen die Spurensicherung mitbringen«, wies Freddie sie an. »Und bitte sie darum, Skalecki zu schicken. Die kennt unsere Mörderstadt ja schon«, fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu.

»Gehen wir da jetzt runter?«, fragte die Polizeianwärterin. »Nein, natürlich nicht«, schüttelte Freddie energisch den Kopf, »oder willst du Ärger mit der Kriminaltechnik?«

In diesem Moment gab Lauras Smartphone ein kurzes »Ping« von sich. Sie schaute auf das Foto, das Schlüter ihr geschickt hatte, und hielt dann ihrem Kollegen den Bildschirm hin.

Freddie nickte. »Ja, mein Gott«, stöhnte er leise, »das ist Lena.«

3. Kapitel

Sonntag, 9. Dezember 2018

Manuel Klein musterte seine Mutter, die ihm am Frühstückstisch gegenübersaß. Sie war immer sehr schlank gewesen und hatte sich aufrecht gehalten, aber jetzt sah sie mager aus, die spitzen Schultern waren leicht nach vorne gebeugt. Ihre sonst so adrette und elegante Kleidung hing formlos an dem schmalen Körper, sogar Flecken konnte er auf der Bluse erkennen. Kraftlos rührte sie in ihrem Kaffee, die lieblos hergerichtete Scheibe Brot mit Marmelade hatte sie noch nicht angerührt.

»Schade, dass du gestern Abend nicht mitgekommen bist«, versuchte Manuel in ihre Gedanken einzudringen.

Seine Mutter schaute fragend auf.

»Mama!«, rief er tadelnd und ergänzte: »In das Theaterstück, Betty.«

Ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen ließ erkennen, dass sie sich erinnerte. »Das von der eingebildeten Ingrid Hassmann«, stieß sie hervor und schnaubte durch die Nase. »Das interessiert mich nicht. Nur Lügen.«

»Anna hat die Hauptrolle gespielt. Sie hat das sehr gut gemacht«, berichtete er weiter. »Wann bist du denn von deinem Spaziergang nach Hause gekommen? Du warst noch nicht da, als ich ging, und es war schon dunkel.«

»Guck mich nicht so vorwurfsvoll an«, sagte sie, jetzt liebevoll lächelnd und sich auf dem Küchenstuhl aufrichtend. »Ich habe eine schöne Runde gemacht. Leider hatte das Schokoladenmuseum schon zu, sonst wäre ich dort mal wieder hineingegangen.« Mit dem abgespreizten kleinen Finger führte sie geziert die Tasse mit dem Kaffee zum Mund.

Manuel konnte sich nicht daran erinnern, wann seine Mutter zuletzt in Köln gewesen war, aber es schien ihr noch positiv im Gedächtnis zu sein. Zufrieden registrierte er, dass sie den Kaffee mit dem leichten Sedativum ausgetrunken hatte. Schon gähnte sie.

So konnte er sich in Ruhe auf den heutigen Abend vorbereiten.

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Ihr schlanker Körper steckte in hautenger Sportkleidung, und sie strahlte ihm entgegen.

Er schaute sich verstohlen um, ob sie auf diesem kleinen Nebenweg, mitten im beliebten Wohnungswald, der etwas abseits der üblichen Laufstrecken lag, alleine waren.

»Na«, begrüßte sie ihn, »wie war ich?«

Am liebsten hätte er sie in seine Arme geschlossen, hob stattdessen aber nur kurz die Hand. »Grandios!«, grinste er Anna an. »Ich habe nichts anderes erwartet! Du hast es tatsächlich geschafft, dass du spielen konntest!«

Die junge Frau zuckte mit den Schultern. »Ja, hat mich auch gewundert!«, sagte sie. »Aber Lena ist einfach nicht aufgetaucht. Ich hatte …«, sie zögerte, bevor sie weitersprach, »dieses Pulver dabei, das du mir gegeben hattest, aber Gott sei Dank brauchte ich es nicht. Sie war einfach nicht da! Ingrid hat getobt!«

»Egal, du warst spitze!« Jetzt strich er ihr doch leicht über die Schulter. »Ich habe heute schon mit meinem Freund telefoniert und ihm erzählt, wie gut du warst«, fuhr er fort, »er möchte dich unbedingt kennenlernen. Bei einem offiziellen Vorsprechen.«

Annas fröhliche Miene erstarrte ein wenig. Wäre er nicht so ein aufmerksamer Beobachter, wäre es ihm entgangen.

»Was ist los? Freust du dich nicht?«, fragte er nach.

Anna wandte sich etwas ab. »Ich … weißt du, ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch Schauspielerin werden will«, stieß Anna hastig hervor, als ob sie allen Mut zusammennähme. »Meinen Eltern passt das nicht, und wie soll ich die Schauspielschule und alles bezahlen, wenn sie sich querstellen?«

»Aber darüber haben wir doch schon gesprochen!«, rief er. »Du wirst bei mir wohnen, und ich bezahle die Schulgebühren.«

Jetzt drehte sie ihm komplett ihren Rücken zu und machte, wie um die Nebensächlichkeit ihrer Aussage zu unterstreichen, ein paar halbherzige Dehnübungen. »Also«, sagte sie wie zu niemand Bestimmtem, »eigentlich habe ich mir überlegt, eine Ausbildung zu machen, bei Papa im Betrieb. Außerdem habe ich mich, glaube ich, in Gerald verliebt – und er sich in mich.« Zaghaft lächelnd drehte sie sich wieder zu ihm, sah aber nur in seine besorgte Miene.

»Anna«, sagte er mit ruhiger Stimme, »du weißt, dass das mit deinem Vater niemals gut gehen wird. Und Gerald? Wie alt ist der denn? Er ist doch noch ein Kind! Er wird dir nicht guttun.«

Die junge Frau wandte sich wieder ab.

»Anna, lass erst einmal alles sacken, wir reden später noch einmal.«

Als sie sich, bevor sie wieder losrannte, zum Abschied noch einmal zu ihm umdrehte, sah Anna, wie erwartet, kein Lächeln mehr.

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Freddie hatte die wartende Christin noch nach Hause gebracht, bevor er selber zur Voerder Polizeiwache weiterfuhr. An seiner verschlossenen Miene erkannte sie, wie nah ihm dieser Fall ging. Kein Wunder, auch sie war geschockt über diesen brutalen Mord an der jungen Frau, die tatsächlich Lena Pachel war, wie Freddie noch am Tatort erfahren hatte. Auch die Überlegung, wie sie die grausamen Geschehnisse ihrer Tochter Mathilda schildern sollte, bedrückte sie. Matti hatte nach den Theaterproben oft begeistert von Lena erzählt.

Gerade als sie den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, machte jemand von innen die Haustür auf. Die Pfarrerin verlor kurz das Gleichgewicht und stolperte über die Schwelle, wo ihr Dietmar Ohler reflexartig die Hand entgegenstreckte.

»Entschuldigung«, riefen beide gleichzeitig.

»Oh, Sie sind schon zurück«, stammelte ihre Vertretung und wich dabei so weit zur Seite, dass Christin mit ihrem beträchtlichen Leibesumfang an ihm vorbeikonnte.

»Ja, ein Notfall«, erklärte sie.

»Oh«, sagte er wieder und hastete dann nach draußen. Dort drehte er sich noch einmal kurz zu ihr um. »Äh, aber nichts mit …«, deutete er fragend auf ihren Bauch.

»Nein, nein. Freddie wurde zu einem Einsatz gerufen«, erklärte sie.

»Gut. Also, Entschuldigung, natürlich nicht gut«, stotterte er fast und wurde rot. »Ich gehe jetzt zur Senioren-Adventsandacht«, sagte er noch, bevor er zu seinem Auto hastete.

Kurz war Christin von ihren düsteren Gedanken abgelenkt. Nachdem sie die Haustür geschlossen hatte, schüttelte sie den Kopf. Dietmar Ohler war jetzt seit fast zwei Monaten ihr Vertreter in der Kirchengemeinde. Da die Vertretungszeit auf sechs Monate begrenzt war und er seine Wohnung in Osnabrück noch unterhielt, hatte man dem gebürtigen Voerder das geräumige Dachzimmer im Pfarrhaus angeboten. Die Familie Erlenbeck-Neumann konnte sich nicht über ihn beschweren, Ohler war sehr ruhig und freundlich, aber seine Verschlossenheit verhinderte einen unkomplizierten, herzlichen Umgang miteinander. Und dass er es ablehnte, sich mit Christin und Freddie zu duzen, verstärkte dieses Fremdbleiben noch.

Wie erwartet brach Mathilda in Tränen aus, als Christin ihren Kindern behutsam von dem Verbrechen erzählte. Der elfjährige Oskar, Mathildas jüngerer Bruder, starrte fassungslos aus dem Fenster. Dann wandte er sich wieder an Christin. »Kommt Skalecki? Freddie und Skalecki werden den Mörder doch bestimmt wieder kriegen?«, fragte Oskar mit zitternder Stimme.

»Ja«, antwortete seine Mutter. »Die beiden schaffen das ganz bestimmt wieder.«

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»Diiiiiiiietmar«, hallte es in ihm nach. Bevor er den Motor startete, legte er beide Hände ans Lenkrad und umklammerte es so fest, als ob er es zerquetschen wollte.

Diese verdammten Blagen, dachte er wütend. Glaubten sie wirklich, er würde ihr Getuschel nicht hören?

Die Knöchel auf seinen Handrücken wurden ganz weiß, er zählte seine Atemzüge, dann lockerte er seinen Griff und startete den Wagen.

Er wusste nicht, wie lange er es noch in dem Pfarrhaus der evangelischen Gemeinde Grünstraße aushalten musste. Jeden Tag ärgerte er sich über sich selbst, dass er sich von dem wohlmeinenden Vorschlag der Presbyter und der Pfarrerin, in das geräumige Dachzimmer zu ziehen, hatte überrumpeln lassen. Lächelnd hatte er den Vorschlag, der seiner Meinung nach eher wie ein Befehl formuliert war, angenommen. Aber er hatte Angst gehabt, dass eine Ablehnung zu viele Fragen aufgeworfen hätte. Fragen nach einer plausiblen Begründung. Er hätte dann schlecht sagen können, dass er diese Nähe zu anderen Menschen nicht mochte. Dass er im Grunde ein Einzelgänger war. Dass Frauen ihn verunsicherten. Dann hätten sie vielleicht weiter nachgebohrt, warum er im Moment zur Verfügung stand und in Osnabrück entbehrt werden konnte.

Außer der räumlichen Nähe zu für ihn wildfremden Menschen wog für ihn schwer, dass ausgerechnet Frederick Neumann einer seiner Gastgeber war.

Bisher war er Miriam noch nicht begegnet, und er hoffte auch stark, dass das so bleiben würde. Vorerst.

Miriam Neumann.

Jetzt hieß sie anders. Wie er herausgefunden hatte, war sie mittlerweile verheiratet und hatte zwei Kinder. Wahrscheinlich hatte sie ihn längst vergessen.

Hoffentlich!

Und dass dieser Hund, diese haarige, große Töle ihn immer so intensiv musterte, bildete er sich wahrscheinlich nur ein.

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Polizeioberkommissar Michael Schlüter wartete geduldig. Er versuchte, sich in sich selbst zurückzuziehen, in der Hoffnung, dass diese furchtbarsten Minuten bald vorbei sein würden. Diese Minuten, nachdem man einer Mutter und einem Vater hatte mitteilen müssen, dass ihr Kind gestorben war. In diesen Minuten machte es erst einmal keinen Unterschied, wie ihr Sohn oder ihre Tochter zu Tode gekommen war.

Erst später, wenn die Erkenntnis, dass ihre Tochter ermordet worden war, sich langsam in den Vordergrund schob, würde eine unfassbare Wut Kerstin und Jörg Pachel übermannen.

Immer wieder, was Gott sei Dank selten vorkam, war Schlüter in so einer Situation etwas erleichtert, wenn er erfuhr, dass es noch ein Geschwisterkind gab. Und immer wieder grübelte er darüber nach, ob dies wirklich einen Unterschied machte. Sicher war auf jeden Fall, dass das Leben der ganzen Familie nach diesem Verlust anders werden würde.

Freddie schien Laura Bauer schon instruiert zu haben, sie lehnte still an einem Highboard, auf dem gerahmte Fotos standen, und sagte kein Wort.

Jetzt musste er es schaffen, dass sich Lenas Eltern und ihr etwa achtzehnjähriger Bruder Mick etwas fingen, damit er die Fragen stellen konnte, die erst einmal den Ausgangspunkt ihrer Ermittlungen bilden würden.

Schlüter versuchte, Jörg Pachels Blick einzufangen. Auch hier stellte er sich oft die Frage, warum es in so einer Situation meistens dem Klischee entsprach, dass Männer gefasster waren. War dies ein Urinstinkt? Vernünftig bleiben, um die Familie beschützen zu können?

Jörg Pachels Augen waren zwar unnatürlich gerötet, aber sie waren trocken. Er schluckte und nickte dem Polizisten zu.

»Ist es in Ordnung, dass meine Kollegin sich ganz kurz Lenas Zimmer anguckt?«, fragte Schlüter beiläufig.

Noch bevor Lenas Eltern antworten konnten, stieß Laura sich vom Highboard ab und wandte sich zur Tür.

»Ihr Zimmer ist im Dach. Einfach beide Treppen hoch«, murmelte Jörg Pachel. »Soll Mick mitgehen?«

»Nein, meine Kollegin muss dort erst einmal alleine alles sichten«, entgegnete Schlüter. Dann fuhr er fort. »Es tut mir sehr leid«, begann Schlüter mit fester Stimme die Befragung, »aber ich muss jetzt sofort schon ein paar Dinge wissen.«

Das Ehepaar reagierte nicht, auch Mick starrte fortwährend teilnahmslos auf den Fußboden, deswegen öffnete Schlüter seinen Notizblock und sprach weiter.

»Wann haben Sie Ihre Tochter zuletzt gesehen?«

Kerstin Pachel schluchzte auf, schaffte es aber zu antworten. »Gestern Abend«, presste sie hervor.

»Können Sie mir eine ungefähre Uhrzeit nennen?«, hakte der Polizist nach.

Kerstin Pachel nickte kurz. »Etwa Viertel vor sechs.«

»Können Sie mir erzählen, was Ihre Tochter vorhatte?«

Lenas Mutter löste sich zitternd aus der Umarmung ihres Mannes und setzte sich vorsichtig hin, als hätte sie Angst, dass der Sessel sie nicht tragen könnte. »Gestern war die Premiere eines Theaterstücks, in dem Lena die Hauptrolle spielt.« Die falsche Zeitform bemerkte sie offenbar nicht und erzählte weiter: »Sie musste erst gegen zwanzig nach sechs in der Aula des Gymnasiums sein.« Erneutes Schluchzen. »Sie war für den Auftritt schon komplett fertig. Sie … sie kam die Treppe runter und wollte los. Ich … ich fragte noch, ob sie schon loswolle, es … es war noch so früh, aber sie wollte noch etwas frische Luft schnappen, um sich selber zu beruhigen.« Ihre Stimme brach, ein tiefes Schluchzen übermannte die trauernde Mutter wieder.

»Wollte Lena sich mit jemandem treffen?«, fragte Schlüter.

Jörg Pachel schüttelte den Kopf. »Nein. Oder«, er zögerte kurz, bevor er weitersprach, »eigentlich wissen wir das nicht.«

Schlüter guckte ihn fragend an. »Hatte sie einen festen Freund?«

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