Richard Wagner: Siegfried. Der Ring der Nibelungen Zweiter Tag Textbuch – Libretto
Neuausgabe mit einer Biographie des Autors.
Herausgegeben von Karl-Maria Guth, Berlin 2017.
Umschlaggestaltung unter Verwendung des Bildes:
Boris Kustodiev, Siegfried, 1908
ISBN 978-3-7437-0310-0
Dieses Buch ist auch in gedruckter Form erhältlich:
ISBN 978-3-86199-168-7 (Broschiert)
ISBN 978-3-86199-169-4 (Gebunden)
Die Sammlung Hofenberg erscheint im Verlag der Contumax GmbH & Co. KG, Berlin.
Entstanden 1848–1874. Erstdruck der Dichtung als anonymer Privatdruck: Zürich 1853. Uraufführung 13.–17.08.1876, Festspielhaus, Bayreuth.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://www.dnb.de abrufbar.
Erster Aufzug: Wald
Zweiter Aufzug: Tiefer Wald
Dritter Aufzug: Wilde Gegend am Fuße eines Felsenberges, dann auf dem Walkürenfelsen[659]
Siegfried
Mime
Der Wandrer
Alberich
Fafner
Erda
Brünnhilde
Stimme des Waldvogels[660]
Wald
Den Vordergrund bildet ein Teil einer Felsenhöhle, die sich links tiefer nach innen zieht, nach rechts aber gegen drei Viertel der Bühne einnimmt. Zwei natürlich gebildete Eingänge stehen dem Walde zu offen: der eine, nach rechts, unmittelbar im Hintergrunde, der andere, breitere, ebenda seitwärts. An der Hinterwand, nach links zu, steht ein großer Schmiedeherd, aus Felsstücken natürlich geformt; künstlich ist nur der große Blasebalg: die rohe Esse geht – ebenfalls natürlich – durch das Felsdach hinauf. Ein sehr großer Amboß und andere Schmiedegerätschaften.
MIME sitzt am Amboß und hämmert eifrig an einem Schwerte; endlich hält er unmutig ein.
Zwangvolle Plage!
Müh ohne Zweck!
Das beste Schwert,
das je ich geschweißt,
in der Riesen Fäusten
hielte es fest:
doch dem ich's geschmiedet,
der schmähliche Knabe,
er knickt und schmeißt es entzwei,
als schüf ich Kindergeschmeid! –
Er wirft das Schwert unmutig auf den Amboß, stemmt die Arme ein und blickt sinnend zu Boden.
Es gibt ein Schwert,
das er nicht zerschwänge; –
Nothungs Trümmern
zertrotzt er mir nicht:
könnt ich die starken
Stücken schweißen,
die meine Kunst
nicht zu kitten weiß!
Könnt ich's dem Kühnen schmieden,
meiner Schmach erlangt ich da Lohn! –
Er sinkt tiefer zurück, das Haupt nachdenklich neigend.
Fafner, der wilde Wurm, –[661]
lagert im finstren Wald;
mit des furchtbaren Leibes Wucht
der Niblungen Hort
hütet er dort.
Siegfrieds kindischer Kraft
erläge wohl Fafners Leib:
des Niblungen Ring
erränge ich mir; –
ein Schwert nur taugt zu der Tat,
nur Nothung nützt meinem Neid,
wenn Siegfried sehrend ihn schwingt. –
Und ich kann's nicht schweißen,
Nothung das Schwert!
Er hat das Schwert wieder zurecht gelegt und hämmert in höchstem Unmute daran weiter.
Zwangvolle Plage!
Müh ohne Zweck!
Das beste Schwert,
das je ich geschweißt,
nie taugt es je
zu der einzigen Tat: –
ich tappre und hämmre nur,
weil der Knabe es heischt;
er knickt und schmeißt es entzwei,
und schmählt doch, schmied ich ihm nicht!
Er läßt den Hammer fallen.
SIEGFRIED mit jähem Ungestüm aus dem Walde auftretend, treibt einen großen Bären, den er mit einem Bastseile gezäumt, mit lustigem Übermute gegen Mime an.
Hoiho! Hoiho! –
Hau ein! Hau ein!
Friß ihn! Friß ihn,
den Fratzenschmied!
Lachend.
Hahahahahahahahahah ...!
Mime entsinkt vor Schreck das Schwert; er flüchtet hinter den Herd. Siegfried treibt ihm den Bären überall nach.
MIME.
Fort mit dem Tier!
Was taugt mir der Bär?
SIEGFRIED.
Zu zwei komm ich,
dich besser zu zwicken.
Brauner, frag nach dem Schwert!
MIME.
He! Laß das Wild![662]
Dort liegt die Waffe;
fertig fegt ich sie heut.
SIEGFRIED.
So fährst du heute noch heil.
Er löst dem Bären den Zaum und gibt ihm damit einen Schlag auf den Rücken.
Lauf, Brauner!
Dich brauch ich nicht mehr.
Der Bär läuft in den Wald zurück. Mime kommt hinter dem Herde hervor.
MIME.
Wohl leid ich's gern,
erlegst du Bären;
was bringst du lebend
die braunen heim?
SIEGFRIED.
Nach bess'rem Gesellen sucht ich,
als daheim mir einer sitzt;
im tiefen Walde mein Horn
ließ ich hallend da ertönen:
ob sich froh mir gesellte
ein guter Freund? –
Das frug ich mit dem Getön'.
Aus dem Busche kam ein Bär,
der hörte mir brummend zu;
er gefiel mir besser als du, –
doch bess're fänd' ich wohl noch!
Mit dem zähen Baste
zäumt ich ihn da,
dich Schelm nach dem Schwerte zu fragen.
Er springt auf und geht auf den Amboß zu.
MIME nimmt das Schwert auf, um es Siegfried zu reichen.
Ich schuf die Waffe scharf,
ihrer Schneide wirst du dich freu'n?
Er hält das Schwert ängstlich in der Hand fest, das Siegfried ihm heftig entwindet.
SIEGFRIED.
Was frommt seine helle Schneide,
ist der Stahl nicht hart und fest?
Das Schwert prüfend.
Hei! was ist das
für müß'ger Tand!
Den schwachen Stift
nennst du ein Schwert?
Er zerschlägt es auf dem Amboß.
Da hast du die Stücken,
schändlicher Stümper![663]
Hätt ich am Schädel
dir sie zerschlagen! –
Soll mich der Prahler
länger noch prellen?
Schwatzt mir von Riesen
und rüstigen Kämpfen,
von kühnen Taten
und tüchtiger Wehr;
will Waffen mir schmieden,
Schwerte schaffen;
rühmt seine Kunst,
als könnt er was rechts:
nehm ich zur Hand nun,
was er gehämmert,
mit einem Griff
zergreif ich den Quark!
Wär mir nicht schier
zu schäbig der Wicht,
ich zerschmiedet ihn selbst
mit seinem Geschmeid,
den alten albernen Alp: –
des Ärgers dann hätt ich ein End!
Siegfried wirft sich wütend auf eine Steinbank. Mime ist ihm immer vorsichtig ausgewichen.
MIME.
Nun tobst du wieder wie toll!
Dein Undank, traun, ist arg!
Mach ich dem bösen Buben
nicht alles gleich zu best,
was ich ihm Gutes schuf,
vergißt er gar zu schnell.
Willst du denn nie gedenken,
was ich dich lehrt vom Danke:
dem sollst du willig gehorchen,
der je sich wohl dir erwies.
Siegfried wendet sich ab, mit dem Gesicht nach der Wand.
Das willst du wieder nicht hören!
Er steht verlegen; dann geht er in die Küche am Herd.
Doch speisen magst du wohl?
Vom Spieße bring ich den Braten:
versuchtest du gern den Sud?
Für dich sott ich ihn gar.
Er reicht Siegfried Speisen hin; dieser, ohne sich umzuwenden, schmeißt ihm Topf und Braten aus der Hand.[664]
SIEGFRIED.
Braten briet ich mir selbst:
Deinen Sudel sauf allein!
MIME mit kläglich kreischender Stimme.
Das ist nun der Liebe
schlimmer Lohn!
Das der Sorgen
schmählicher Sold!
Als zullendes Kind
zog ich dich auf,
wärmte mit Kleidern
den kleinen Wurm:
Speise und Trank
trug ich dir zu,
hütete dich
wie die eig'ne Haut.
Und wie du erwuchsest,
wartet ich dein,
dein Lager schuf ich,
daß leicht du schliefst.
Dir schmiedet' ich Tand
und ein tönend Horn;
dich zu erfreun,
müht ich mich froh:
mit klugem Rate
riet ich dir klug,
mit lichtem Wissen
lehrt ich dich Witz.
Sitz ich daheim
in Fleiß und Schweiß,
nach Herzenlust
jagst du umher.
Für dich nur in Plage,
in Pein nur für dich,
verzehr ich mich alter
armer Zwerg!
Schluchzend.
Und aller Lasten
ist das nun mein Lohn,
daß der hastige Knabe
mich quält
Schluchzend.
und haßt!
Siegfried hat sich wieder umgewendet und ruhig in Mimes[665] Blick geforscht. Mime begegnet Siegfrieds Blick und sucht ihn scheu zu bergen.
SIEGFRIED.
Vieles lehrtest du, Mime,
und manches lernt ich von dir,
doch was du am liebsten mich lehrtest,
zu lernen gelang mir's nie: –
wie ich dich leiden könnt!
Trägst du mir Trank
und Speise herbei, –
der Ekel speist mich allein.
Schaffst du ein leichtes
Lager zum Schlaf, –
der Schlummer wird mir da schwer.
Willst du mich weisen
witzig zu sein, –
gern bleib ich taub und dumm.
Seh ich dir erst
mit den Augen zu,
zu übel erkenn ich,
was alles du tust!
Seh ich dich stehn,
gangeln und gehn,
knicken und nicken,
mit den Augen zwicken –
beim Genick möcht ich
den Nicker packen,
den Garaus geben
dem garst'gen Zwicker! –
So lernt ich, Mime, dich leiden. –
Bist du nun weise,
so hilf mir wissen
worüber umsonst ich sann: –
in den Wald lauf ich,
dich zu verlassen; –
wie kommt das, kehr ich zurück?
Alle Tiere sind
mir teurer als du,
Baum und Vogel,
die Fische im Bach,
lieber mag ich sie
leiden als dich: –
wie kommt das nun, kehr ich zurück?
Bist du klug, so tu mir's kund.[666]
MIME sucht sich ihm traulich zu nähern.
Mein Kind, das lehrt dich kennen,
wie lieb ich am Herzen dir lieg.
SIEGFRIED.
Ich kann dich ja nicht leiden: –
vergiß das nicht so leicht!
MIME fährt zurück und setzt sich weiter abseits, Siegfried gegenüber.
Des ist deine Wildheit schuld,
die du Böser bänd'gen sollst! –
Jammernd verlangen Junge
nach ihrer Alten Nest:
Liebe ist das Verlangen; –
so lechzest du auch nach mir,
so liebst du auch deinen Mime –,
so mußt du ihn lieben!
Was dem Vöglein ist der Vogel,
wenn er im Nest es hegt –
eh das flügge mag fliegen,
das ist dir kind'schem Sproß
der kundig sorgende Mime, –
das muß er dir sein!
SIEGFRIED.
Ei, Mime! bist du so witzig,
so laß mich eines noch wissen. –
Es sangen die Vöglein
so selig im Lenz,
das eine lockte das andre; –
du sagtest selbst,
da ich's wissen wollt, –
das wären Männchen und Weibchen:
sie kosten so lieblich,
und ließen sich nicht,
sie bauten ein Nest,
und brüteten drin;
da flatterte junges Geflügel auf,
und beide pflegten der Brut.
So ruhten im Busch
auch Rehe gepaart,
selbst wilde Füchse und Wölfe;
Nahrung brachte
zum Neste das Männchen;
das Weibchen säugte die Welpen: –
da lernt ich wohl
was Liebe sei,[667]
der Mutter entwandt' ich
die Welpen nie.
Wo hast du nun, Mime,
dein minniges Weibchen,
daß ich es Mutter nenne?
MIME ärgerlich.
Was ist dir Tor?
Ach, bist du dumm!
Bist doch weder Vogel noch Fuchs?
SIEGFRIED.
Das zullende Kind
zogest du auf,