Marie Müller

Erstmals erschienen im Jahr 1799
Überarbeitung der 1814 erschienen Ausgabe
Umschlaggestaltung, Überarbeitung:
Daniel Neuner
1. Auflage 2015

1. Kapitel

Marie Müller war die einzige Tochter eines wohlhabenden Bürgers in L., – sein Stolz und die Freude seines Alters. Ihre Schönheit zeichnete sie früh vor allen Mädchen ihres Standes aus, und ihr Vater sparte nichts, seinen Liebling auch durch eine sorgfältige Erziehung über sie zu erheben. Marie hatte Talente, und liebte ein häusliches Leben. In ihrer Eingezogenheit bildete sich ihr Verstand durch Lesen nützlicher Bücher, und ihre Gefühle wurden durch Nachdenken und Natur verfeinert und veredelt. Sie lernte Klavier, und begleitete ihr Spiel mit einer sanften, melodischen Stimme; jedoch nur im Geheim, um nicht verspottet zu werden, da sie wohl wusste, dass Vorurtheile den unteren Ständen jedes Streben nach höherer Ausbildung untersagen. Fast in allen weiblichen Arbeiten war sie Meisterin, und eine liebenswürdige Bescheidenheit erhöhte den Wert ihrer Talente. Sie übte sie nur, um ihrem Vater Freude zu machen, und ihre einsamen Stunden nützlich und angenehm zu beschäftigen. In einer glücklichen Verborgenheit gingen ihre Tage vorüber; – unbekannt mit der Welt und ihren verführerischen Freuden, hatte sich Marie freilich jenen feinen Ton höherer Stände nicht erworben, der den Geist fesselt, aber in ihrem ganzen Wesen herrschte mit zauberischer Allmacht jene reine Innigkeit der unverdorbenen, und doch gebildeten Natur, die unwiderstehlich zum Herzen dringt.

Als sie achtzehn Jahr alt war, sagte der Vater: Marie! es ist Zeit, dass ich an Deine Versorgung denke. Ich bin alt und schwach, und würde mit schwerem Herzen sterben, wenn ich Dich so allein zurücklassen müsste. Sage mir, hast Du noch auf keinen Mann gesehen, mit dem Du glücklich sein könntest? Ich will Dich nicht zwingen, nicht einmal überreden, aber wenn Du den gefunden hast, den Du Deiner Liebe wert hältst, so entdecke Dich mir, und mache meine alten Tage froh durch Dein Zutrauen, und die Freude, Dich nach Deinem Herzen versorgt zu wissen.

Marie schlang ihre Arme um den redlichen Greis, und antwortete mit einer Träne und einem holden Erröten: Guter Vater, rede Er nicht so ernsthaft von den Zeiten, wo ich Ihn verlieren werde. Er tut mir zu weh damit. Nicht um nach Seinem Tode, den der Himmel noch lange entfernen möge, einen Schutz zu haben, nein, um Seinem Willen zu gehorchen, will ich Ihm recht aufrichtig sagen, was ich denke. Mein Vetter Ludwig ist brav, und scheint mir gut zu sein. Ich fühle eine recht herzliche Freundschaft für ihn, und glaube, ich würde ihm einst gern meine Hand geben, wenn ich denn doch einmal heiraten muss.

O Marie! rief der glückliche Alte, Du hast meinen größten Wunsch erfüllt, ohne es zu wissen. Längst wollt' ich Dir ihn vorschlagen, und jetzt kommst Du mir so freundlich zuvor. Er umarmte seine Tochter mit der ganzen Lebhaftigkeit seiner Freude.

Ludwig war der Sohn seines verstorbenen Bruders, ein offener, redlicher Jüngling, seit seinen Kinderjahren mit Marien erzogen. Die Unbefangenheit jenes fröhlichen Alters knüpfte schon früh das Band der festesten Freundschaft unter ihnen. Er hatte sich den Forstwissenschaften gewidmet. Unverdorben, wie die schöne Natur, in der er immer lebte, war sein Sinn, und innig seine Liebe zu Marien. Sie hatte schon in den Tagen der Kindheit sein junges Herz erfüllt, und war fester und ernster in späteren Jahren geworden. Wenn den wilden, brausenden Knaben nichts zu bändigen vermochte, so gelang es Marien mit ihrer milden, liebkosenden Stimme, die sich sanft und beruhigend in die Tiefen seiner Seele stahl. Ein freundlicher Blick, ein Wort von ihr ging ihm über alles, und lenkte alle seine Handlungen und Wünsche. Auch Marie empfand ein herzliches Wohlwollen für ihn. Leidenschaft war es nicht, die sie zu ihm hinzog, es war Kenntnis seines Innern, Achtung für seinen edlen Charakter, lang gewohnte Vertraulichkeit, und die Unwissenheit ihres unbefangenen Herzens, das die Liebe noch nicht kannte.

Nach ihrer Erklärung säumte Müller nicht lange, den Jüngling von seinem Glück zu unterrichten. Ludwig eilte herbei, und empfing Mariens Geständnis mit Entzücken. O Marie! rief der Freudetrunkene aus, wie reich macht mich Deine Liebe! Wann, wann willst Du mein sein?

Sobald noch nicht, versetzte Marie. Du musst Dich erst noch mehr in der Welt umsehen, damit Dir dann ein ruhiges Leben desto besser behagt. O ich weiß wohl, wie Dirs zu Mut war, wenn wir so Sonntags hinaus an den Fluss gingen, und die Gegend breitete sich weit und fruchtbar vor uns aus; wie Du dann hinstarrtest, mit unbeweglichen Augen, und mich oft fragtest, schon als wir noch Kinder waren, ob ich mich nicht auch hinüber sehnte über die blauen Berge, wie Du? Oder wenn wir in der Ferne ein Posthorn blasen hörten, wie Dich das ergriff! Oder wenn ein leichter Reisewagen an uns vorüber rollte, da wurde es Dir so eng um die Brust, und Tränen standen Dir oft in den Augen, dass es mir nur selten gelang, mit aller meiner Liebe Deinen finstern Unmut zu zerstreuen. Geh, sieh Dich noch ein paar Jahre um, und dann… Ihre Worte verloren sich in einen leisen Seufzer, und eine leichte Röte flog über ihr Gesicht.

Es ward beschlossen, dass Ludwig einen Prinzen, der ihm vorzüglich wohl wollte, als Jäger noch ein oder zwei Jahr auf seinen Reisen begleiten sollte. Alsdann sollte er mit einem ihm angemessenen Dienst, der ihm versprochen war, die Hand seiner schönen Braut empfangen, eine Aussicht, die das Paradies vor ihm öffnete.

O ihr seligen Träume und Hoffnungen der Liebe, warum erfüllt euch die Wirklichkeit so selten? Die Zeit der Abreise nahte heran. Ludwig machte Anstalten, seinem neuen Berufe zu folgen. Lebe wohl, mein Freund! sagte Marie zu ihm in der Stunde des Abschieds. Gedenke meiner in der Entfernung, und kehre gut und brav wieder, wie Du von mir gehst.

Lebe wohl, Marie! antwortete Ludwig mit bebender Stimme, indem er ihr einen Ring von seinen Haaren gab, und große Tränen traten in sein redliches Auge. Darf ich Dir schreiben? Schreib meinem Vater, Ludwig, versetzte Marie, und neigte sich in seine Umarmung.

Ewig, ewig bin ich Dein! rief Ludwig, schloss sie fester an sein Herz, und eilte, wohin ihn sein Schicksal rief.

Ernsthaft stand Marie am Fenster, und sah ihm nach. Ihr ganzes Wesen bewegte sich mit Wärme für ihn. Er war so gut, er war so herzlich – nie fühlte sie das inniger als jetzt. Sie sah ihn noch, wie er vor ihr stand, im Schmerz der Trennung verloren, die hellen Tränen, die über die braune Wange flossen, den schüchternen Blick, der auf ihr ruhte, mit stillen Bitten um ihre Treue. Ja, ich werde glücklich mit ihm sein, rief sie, und ihr Auge hing noch immer an der Stelle, wo er verschwand. Sie setzte sich ans Fenster nieder, und versank in ernste Träumereien.

Zwar oft, in ihren einsamen Stunden, hatte sich ihre Einbildungskraft ein Ideal entworfen, und diesem glich Ludwig nicht. Mit jeder männlichen Vollkommenheit geschmückt stand ein Bild vor ihrer Seele, dem sie huldigte in stiller Liebe; aber ach, wo sollte sie den finden, dem es ähnlich war? O wie würde ich ihn lieben, seufzte sie oft, wenn ich ihm begegnete, ihm, der meinem Bilde gleicht! Aber ihre Sehnsucht war umsonst. Er ist nicht auf dieser Erde, sagte sie traurig, und suchte ihr Ideal zu vergessen. Als sich Ludwig mit allem Feuer seiner Leidenschaft um sie bewarb, stellte sie es tiefer in den Hintergrund ihrer Seele, weil sie überzeugt war, es nie zu finden. Seine Güte, so anspruchslos und wahr, sein fester, männlicher Sinn, seine innige Liebe zu ihr, erwarb ihm ihre Dankbarkeit und Freundschaft. Sie duldete seine Zärtlichkeit, wenn sie sie auch noch nicht erwiderte, und sah mit Hoffnung und Ruhe in die Zukunft, die sie verbinden sollte.

Der Vater unterbrach ihre Gedanken, die sich mit fernen Tagen beschäftigten – es war ein Geräusch auf der Straße entstanden – sie hatte es nicht bemerkt. Sieh doch, Marie, sagte er zu ihr, wer mag wohl der Herr sein, der da an unserm Hause vorüber reitet? Marie öffnete das Fenster, und erblickte einen jungen, schönen Mann, der in einem einfachen Jagdkleide, umgeben von einigen Dienern in reicher Livree, auf einem mutigen Falben vorüber ritt. Eine englische Dogge begleitete ihn mit frohem Gebell; Marie sah gedankenvoll hinab – ein Armer bat um eine Gabe. Der Unbekannte hielt, und mit einer Leutseligkeit im Ton und Blick, die sein Geschenk noch übertraf, warf er mit freundlichen Worten ihm ein Goldstück zu, und sprengte rasch von dannen.

Er schien ungefähr sechs oder sieben und zwanzig Jahr alt zu sein, hatte eine schöne Gestalt voll Anstand und Würde, Augen, in denen eine sanfte Schwärmerei mit jugendlichem Feuer sich stritt, Lippen, auf denen der mildeste Ernst mit dem frohen Lächeln der Jugend sich paarte, eine Stirn, stolz und leicht empört, und regelmäßige Züge, durch eine sanfte Melancholie verschönert. Mit wilder Anmut flogen die seidenen Locken um ihn her, und kühn und gebieterisch wölbten sich die dunkeln Augenbraunen über den ernsthaft lächelnden Blick.

Marie ging hinab in den Garten. Sie bewohnten ein schönes Haus in der Vorstadt, dessen Garten eine freie Aussicht auf die lachende Landschaft hatte, die L. umgab. Sonst saß sie gern allein, in dem grünen Dunkel ihrer Lauben, aber heute war es ihr zum ersten Mal zu einsam. Eine ahnende Wehmut bemeisterte sich ihrer, sie wusste sich ihr Gefühl nicht zu erklären, so sehr sie ihm auch nachhing, und buntverworrene Bilder umgaukelten sie.

Der Anblick des schönen Fremden hatte die Spuren von Ludwigs Abschied halb verlöscht. Wer er wohl sein mag? fragte sie sich selbst. Doch was kann mir daran liegen, antwortete sie schnell, und setzte sich nieder zu ihrer Arbeit.

Aber es wollte ihr heute nichts gelingen. Mit Unwillen bemerkte sie es. Sie fühlte sich so beklommen, alles schien ihr so öde, dass sie rasch aufsprang, und die Tür öffnete, die auf die Straße ging, um eine ihrer Nachbarinnen um ihre Gesellschaft zu bitten. Ängstlich sprang ihr, als sie heraustrat, die englische Dogge entgegen, die vor kurzem den Unbekannten begleitet hatte. Sie schien sich verlaufen zu haben, und eilte freundlich zu Marien, als wäre sie längst mit ihr bekannt. Marie, deren weiches Herz von einem reichen Wohlwollen für Menschen und Tiere erfüllt war, nahm den Flüchtling gütig auf, und dachte nicht mehr an die Nachbarin. Der Hund trug ein Halsband von blauem Sammet, mit einem goldenen Schloss, dem die Buchstaben C. v. W. zierlich eingegraben waren.

Sehe Er, Vater! rief Marie, da er ihr entgegen kam, sehe Er den Hund des Herrn, der vorhin vorbei ritt. Er muss seine Spur verloren haben. Wir wollen ihn behalten, bis uns die Zeitungen melden, wem er gehört, damit wir ihn dann zurückgeben können.

Der Alte war es zufrieden, und Marie übernahm die Pflege des schönen Tiers, das sehr bald ihre Zuneigung gewahr wurde, und sie erwiderte.

2. Kapitel

Es vergingen einige Tage. Marie dachte oft an Ludwig, doch öfter an den Fremden, dessen Bild sich ihrem Herzen tief eingeprägt hatte. Immer erblickte sie ihn vor sich, den Glanz der schönen Augen vom milden Schimmer der Wohltätigkeit überflossen, und ihre Fantasie malte die schönsten Züge, die sie jemals sah, aus, und grub sie tief in ihre Seele. Endlich trat der Vater mit einem Zeitungsblatt zu ihr. Lies, sagte er, man fordert Deinen Hausgenossen zurück. Marie ergriff das Blatt, ihr Blick durchlief es flüchtig, bis sie den Namen fand, den sie suchte; mit einem tiefen Erröten las sie: Carl Graf von Wodmar. Wehmütig betrachtete sie den Hund, der ihr so lieb geworden war, und der ruhig zu ihren Füßen schlummerte. Wir sollen uns trennen, sagte sie zu ihm, und neigte sich ihn streichelnd zu ihm herab, und ich hätte Dich so gern immer bei mir behalten. – Was wolltest Du wohl mit dem großen Tiere machen? versetzte der Alte. Nein, wir wollen ihn zurückgeben, und ich kaufe Dir lieber einmal ein Bologneserhündchen, oder ein kleines Windspiel, wie es sich eher für ein Mädchen schickt.

Also ein Graf? sprach Marie zu sich selbst, als sie allein war, und ein tiefer Seufzer schwellte unwillkürlich ihren Busen. Wie schön ist er nicht! Mich dünkt, ich sah nie einen schöneren Mann! Selbst Ludwig, der doch auch wohlgebildet ist, würde mir neben ihm so gemein, so alltäglich vorkommen. Und wie gut muss er nicht sein, fuhr sie mit gerührter Stimme fort, denn er war so freundlich, und schien so gern zu geben, als der Arme um ein Almosen bat! Aber was geht es mir an? Sie wurde unwillig über ihr Selbstgespräch, brach es schnell ab, und lief, ohne zu wissen warum, geschwind zu dem Vater, um ihn zu bitten, dass er doch gleich möchte im Zeitungs-Kontor bekannt machen, wo der Hund abzuholen sei. Es geschah, und in wenig Stunden darauf klopfte jemand an die Tür. Marie rief herein, es war der Kammerdiener des Grafen.

Mein Herr dankt Ihnen sehr, hub er an, und wandte sich zum alten Müller, der seine Pfeife Tabak in Ruhe rauchte, dass Sie Sich so gütig seines verirrten Hundes angenommen haben, den er wie seine beiden Augen liebt. Er bittet, Sie möchten diese Kleinigkeit, hier wollte er dem Alten sechs Louisd'or in die Hand drücken, als ein Zeichen seiner Erkenntlichkeit annehmen.

Sie sind Ihren Dank eigentlich meiner Tochter schuldig, antwortete Müller. Ich habe wenig Verdienste um das Tier, denn Marie hat sichs nicht nehmen lassen, dafür zu sorgen. Der Kammerdiener machte eine Verbeugung an Marien, und wollte ihr das Gold überreichen. Ihr holdes Gesicht glühte, sie fühlte sich in diesem Augenblick beleidigt, und von einer sonderbaren Beschämung durchbebt.

Sagen Sie Ihrem Herrn, sprach sie, dass ich, ohne mich belohnen zu lassen, meine Schuldigkeit tue. Der Hund ist sein, und ich gebe ihn unentgeltlich zurück. Ihr Herr, fuhr sie zögernd fort, scheint von seinem Gelde den besten Gebrauch zu machen, indem er gütig seinen Überfluss unter die Armen verteilt; – bitten Sie ihn, die mir zugedachte Belohnung ebenso anzuwenden. Sie liebkoste Pallas, so hieß der Hund, zum Abschied, entfernte sich dann, begleitet von den verwunderungsvollen Blicken des Kammerdieners, der niemals so viel Schönheit und Anmut beisammen gesehen hatte.

Georg, dies war sein Name, kehrte zum Grafen zurück, und nachdem er ausführliche Rechenschaft von seinem Auftrage abgelegt hatte, ergoss er sich in eine Menge Lobsprüche über Mariens Reize. Der Graf, ein junger Libertin, wurde neugierig, eine Bekanntschaft zu machen, von der Georg ganz begeistert war. Sie hat mein Geld verschmäht, sagte er zu ihm, – meinen Dank wird sie doch annehmen. Morgen will ich einen Augenblick hingehen, und sehn, ob dein Lob nicht übertrieben ist.

Mariens Gemüt, das durch des Grafen Anblick bewegt worden war, fing gerade an diesem Tage an, wieder ruhig zu werden. Sie dachte ernsthaft an Ludwig und an die Zukunft, und eine sanfte Schwermuth bemächtigte sich ihrer, und füllte ihr Auge mit Tränen. Neben den schönen Grafen stellte sie im Geist ihren Ludwig mit seiner treuen Liebe, und so, glaubte sie, würde ihr es leicht werden, den Mann zu vergessen, den sie gleichsam nur im Vorüberfliegen gesehen hatte, und der wie ein Zauberbild aus einer schönen Ideenwelt vor ihrer Seele schwebte. Da hörte sie einen leisen Gang vor ihrer Tür, endlich Pallas wohlbekanntes Bellen; unentschlossen stand sie noch da, als es klopfte; sie öffnete, und der Graf mit seiner Dogge stand vor ihr. Pallas lief auf sie zu, und bezeugte ihr seine Freude, sie wieder zu sehen; sie neigte sich lächelnd zu ihm, und Wodmar, dessen Erwartung weit übertroffen war, redete sie an. Verzeihen Sie, liebenswürdiges Mädchen! sagte er, dass ich selbst komme, Ihnen den Dank zu überbringen, den ich Ihnen schuldig bin. Er schwieg, aber sein Auge sprach fort. Marie schlug errötend die Ihrigen nieder, eine süße Unruh bewegte ihr Inneres: O gnädiger Herr! stammelte sie leise, und schwieg dann verlegen. Gerade zur rechten Zeit kam der alte Müller, der beim Anblick seines vornehmen Gastes in ein angenehmes Erstaunen geriet. Der Graf wurde zum Sitzen genötigt, und Marie erlangte ihr unbefangenes Wesen wieder, als ihr der Vater den Auftrag gab, eine Flasche alten Rheinwein aus dem Keller zu holen, mit welcher er ihn bewirten wollte. Wodmar folgte ihr mit seinen Blicken, – Marie war schön wie ein Engel. Ihre einfache, aber saubere, bürgerliche Kleidung lieh ihren Reizen nichts, ohne sie allzu neidisch zu verhüllen. Sie war liebenswürdig durch sich selbst, und brauchte keiner fremden Hülfe um zu gefallen. Die holde Sittsamkeit auf ihrer leicht errötenden Wange, und die kunstlose Anmut, die ihre Bewegungen schmückte, alles dies gab ihrer Schönheit in seinen Augen doppelten Reiz.

Der Wein öffnet die Herzen; besonders hatte er auf Müllern, der ihn selten zu trinken pflegte, für den Grafen den wohltätigsten Einfluss. Er wurde lustig und vertraulich. Wodmar besaß die Gabe, sich mit einer Geschmeidigkeit, die man nur in der großen Welt erlernt, in jede Lage zu fügen, und so verschlossen auch Müller gegen jede neue Bekanntschaft war, so offen wurde er bald gegen ihn. Diese abgeglättete Feinheit, die den Mann von Ton charakterisiert, diese Politur, die sich nur im Glanz der Höfe und eines rauschenden Lebens erwerben lässt, und ach! unter welcher oft die schönste Würde des Menschen, die edle Einfalt und Unschuld des Herzens verloren geht, wie gefährlich ist sie nicht dem stillen Biedersinn des redlichen Bürgers, der keine Tiefe ahnet, wo er eine klare, ruhige Fläche sieht.

Marie saß bescheiden in einiger Entfernung den beiden Trinkenden gegenüber. Ihr ganzes Gesicht wurde Glut, als der Vater in seiner gutmütigen Geschwätzigkeit dem Grafen ihr Verhältnis zu Ludwig entdeckte, unterm Spiegel ihm seinen Schattenriss zeigte, und das Glas mit den Worten: Er soll leben! hoch empor hob, und dann leerte. Das soll er, versetzte der Graf, indem er langsam trank, und einen ernsten, forschenden Blick auf Marien heftete, der dies Gespräch immer peinlicher wurde. Dann stand er auf, ging hin zu dem Schattenriss, und sah ihn an. Marie, die ihn in den letzten Tagen vernachlässigt hatte, putzte den Staub herunter, und mit einer stillen Melancholie in seinen Zügen betrachtete er den glücklichen Bräutigam.

Lieben Sie Ludwig? fragte er leise Marien, auf deren Gesicht er einen verschwiegenen Kummer wahrzunehmen glaubte.

Ich schätze ihn hoch, war ihre Antwort.

Sie schätzen ihn, aber Sie lieben ihn nicht? fuhr er dringender fort. Ich bin ihm gut, versetzte das errötende Mädchen. Reden Sie bestimmt, ich beschwöre Sie bei dem Glück meines Lebens! Lieben Sie Ihren Bräutigam? Mariens Auge sank zu Boden; sie schwieg.

Des Grafen Blicke wurden inniger, eine brennende Röte flammte auf seinen Wangen, er drückte ihre Hand, und setzte sich wieder zum Alten.

Marien wurde es zu eng im Zimmer. Sie eilte hinaus, und machte sich Vorwürfe über ihr Betragen. Wie töricht habe ich mich aufgeführt, rief sie aus. Muss nicht der Graf denken, dass mir Ludwig so gleichgültig ist, wie ein Fremder? Warum sagt' ich denn nicht, dass ich ihn liebe? Und liebe ich ihn etwa nicht, fuhr sie nach einer Pause fort, hat ihm nicht seine Gefälligkeit, seine Treue, seine Liebe für mich die meinige erworben? Sie dachte nach über ihre Gefühle, und sie wurden ihr klarer. Mit tiefem, edlem Unwillen über sich selbst erblickte sie Ludwigs Bild in ihrem Herzen von des Grafen Liebenswürdigkeit ganz in Schatten gestellt. Sie wurde bestürzt über Empfindungen, die sie für Sünde hielt. Ich war auf dem Wege mich zu verirren, sagte sie, und holte aus ihrem Schmuckkästchen Ludwigs Ring, den sie an ihren Finger steckte, und zärtlich betrachtete. Vergib mir, Ludwig! Dieser Ring, das Andenken Deiner Liebe soll mich erinnern was ich Dir schuldig bin, und mir selbst, wenn eine unselige Schwäche es mir vergessen lassen sollte. Bei diesen Worten trocknete sie ihr Auge, das eine unwillkürliche Träne benetzte, und ging wieder zu ihrem Vater, welcher allein war. Der Graf hatte so viel Vergnügen an seinem Umgange gefunden, dass er mit dem Versprechen gegangen war, öfter wieder zu kommen.

Es macht uns nicht immer glücklich, wenn es uns klar ist, was wir fühlen. Mariens Nachdenken über sich selbst führte die erste dunkle Stunde ihres Lebens herbei. Ihre Lage erschien ihr jetzt in einem ganz andern Lichte, wie ehemals. Wo sie zu lieben glaubte, fand sie nur Freundschaft, und ihr Wohlgefallen an dem Grafen führte sie zu aufkeimender Liebe. Noch immer erblickte sie ihn neben sich, als er, Ludwigs Schattenriss in der Hand, mit einem festen, ausdrucksvollen Blick sie ansah, als wollte er in ihrem Herzen lesen. Immer kehrte die süße Beklemmung wieder, die bei seinem Händedruck ihr Wesen mit einem wonnevollen Schauder durchdrang. Immer rief sie sich die Melodie seiner Stimme, die Zauberkraft seines Anblicks, die rührende Schwermuth zurück, die seine Züge bewölkte, und suchte dann das Bild wieder zu verlöschen, mit dem sie sich so gern beschäftigte. Die reichen Fräulein sind doch glücklich, dachte sie oft, wenn sie allein war, und Er ihre Gedanken belebte. Sie dürfen ihn anhören, wenn er von Liebe spricht, sie dürfen hoffen! Aber ich, ich murre nicht über meinen niederen Stand, ich murre nicht über mein Schicksal, ich bin ja Ludwigs Verlobte. Er wird mich glücklich machen, meine Wünsche sind Träume, ich will sie vergessen. Sie bemühte sich, es zu tun, es kostete ihr Seufzer, und oft auch heimliche Tränen, und Wodmars Bild grub sich dennoch mit unauslöschbaren Zügen in ihr Herz.

Drei Tage waren vergangen seit seinem Besuche. Er wird nicht wiederkommen, sagte sie traurig zu ihrem Vater. Wer, mein Kind? antwortete Müller. Sie schwieg, lächelte schmerzlich, und setzte sich zum Klavier, um durch Musik die dumpfe Traurigkeit, die ihre Seele umlagerte, in milde Wehmut aufzulösen. Der Vater ging seinen Geschäften nach, und ließ sie allein mit ihrer Schwermuth, die er Ludwigs Abwesenheit zuschrieb. Da flog die Tür auf, sie sah sich um, und Totenblässe wechselte schnell in ihrem Gesicht mit dem hohen Roth der Freude, die ihren schönen Augen doppelten Glanz gab, als sie den Grafen mit einem schmeichelhaften Erstaunen, sie am Klavier zu finden, vor sich stehen, und ihre Hände mit Innigkeit fassen sah.

3. Kapitel

Sie scheinen verwundert, mich wieder zu sehn, sagte er mit einem unaussprechlich süßen Ton, der tief in ihr Herz drang; darf ich hoffen, Ihnen willkommen zu sein? Willkommen sind Sie wohl überall, versetzte Marie, und sah verlegen zur Erde. Als sie zu viel gesagt zu haben fühlte, fuhr sie fort: Darf ich fragen, was uns die Ehre Ihres Besuchs verschafft?

Der Wunsch, näher mit Ihnen bekannt zu sein, holde Marie, antwortete der Graf, und sah ihr bittend ins Auge. Sehr neu ist unsere Bekanntschaft, aber warm und innig der Anteil, den ich an Ihnen nehme. Sie sind liebeswürdig, Marie! das fühl' ich, und ich sage immer was ich fühle; nehmen Sie mein Geständnis mit Güte auf. Die himmlische Einfalt, die Reinheit, die Weiblichkeit Ihres Wesens hat mich bezaubert, und mir eine Achtung für Sie eingeflößt, die ich noch für sehr wenig Mädchen empfunden habe. Mein Schicksal bestimmt mich, im Geräusch der großen Welt zu leben; aber ich habe in ihrem Getümmel nicht den Sinn für höhere, obwohl stillere Freuden verloren, die allein beglücken. Darf ich Ansprüche auf Ihre Freundschaft machen, Marie? Sie schmücken den Stand, zu dem Sie gehören, und über den ich sonst gleichgültig hinweg sah, Sie machen mir ihn wert. Darf ich, ermüdet vom seelenlosen Einerlei des Hofes und meines geräuschvollen Lebens, zuweilen eine Stunde der Erholung an Ihrer Seite damit zubringen, dass ich Sie bewundre, und die Verhältnisse beklage, die mich von Ihnen trennen?

Marie fühlte sich von seiner Rede heftig ergriffen. O Herr Graf, sagte sie, und zog leise ihre Hand aus der seinigen; was kann Ihnen an der Freundschaft eines armen, unbedeutenden Mädchens liegen?

Viel, alles! versetzte Wodmar mit Feuer. Unbeschreiblich ist der Eindruck, den Sie auf mich gemacht haben, ewig wird seine Dauer sein. Lassen Sie uns aufrichtig mit einander reden, Marie, und beantworten Sie mutig meine Frage: sind die Bande, die Sie an Ludwig knüpfen, unauflöslich? – Marie schwieg und weinte. Ist es keine Möglichkeit, fuhr er fort, eine Verbindung wieder zu zerreißen, die, wie ich an Ihren Tränen sehe, Sie nicht glücklich machen würde?

Marie ermannte sich. Gnädiger Herr, nahm sie das Wort, ich bin Ludwigs Braut. Freiwillig hab' ich ihn gewählt, und er verdient das Zutrauen, mit dem ich von ihm das Glück meines Lebens erwartete. Diese Tränen o Herr Graf, verkennen Sie mich nicht, wenn ich gestehe, was ich vielleicht ewig verschweigen sollte diese Tränen fließen nicht aus Reue, weil ich Ludwig meine Hand versprach; sie fließen, weil ich fühle, dass ich ihn glücklicher gemacht haben würde, wenn ich Sie nie gesehen hätte.

Wodmar umschlang sie mit Entzücken. Ist es möglich, rief er, indem er sie fest an seine Brust drückte, ist es möglich, was ich kaum zu hoffen ahnte, dass ich meiner Marie nicht gleichgültig bin? Marie, mit fortgerissen durch den Sturm seiner Leidenschaft, barg ihr Gesicht an seinen Busen, und antwortete nur durch Tränen. So hab' ich denn endlich gefunden, was Jahrelang meine heiße Sehnsucht vergebens sucht, Liebe in einem reinen, unverwahrlosten Herzen! Sein dankender Blick hob sich zum Himmel, und Marie entwand sich seinen Armen, um aufs Neue in sie zurück zu kehren.

Ja, rief sie endlich, und ihre Wangen glühten höher vom Morgenrot der Liebe, ja ich liebe Sie, aber ich will meine Neigung beherrschen, denn sie ist ein Verbrechen.

Wie schwach ist ein Herz, zum ersten Mal von der heiligen Flamme der Liebe durchlodert, wie schwach ist es, sie zu löschen! Mariens Vorsatz war ernst, aber die Umarmungen des Geliebten erstickten ihn, und sie überließ sich einem nie gefühlten Entzücken. Eine neue Welt lag vor ihr, geschmückt mit allen Farben des Lichts, und breitete eine rosenfarbene lächelnde Zukunft vor ihr aus. Ihr war, als fühlte sie jetzt erst den ganzen Wert ihres unbemerkten Lebens, jetzt, da die Liebe sie in den schönen Schatten ihrer Myrten nahm.

Eine selige Stunde war vorüber, die Liebenden mussten sich trennen. Lebe wohl, Geliebter! hieß es beim Abschied; lebe wohl, Marie! antwortete der Graf, und tausend Küsse besiegelten den Bund ihrer Liebe. Endlich riss er sich aus den liebkosenden Armen, getröstet und beruhigt durch das Versprechen, das er mit zärtlicher Gewalt ihr abgedrungen hatte, den andern Abend mit Aufgang des Mondes sie allein in ihrem Garten zu sehn.

Als er fort war, als sie ihn nicht mehr vor sich sah, als nach und nach die Stimme der Vernunft den Sirenengesang der Leidenschaft übertäubte; da sank der Schleier von dem Abgrund, zum dem die Liebe sie hingeführt hatte.