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Benedikt Weibel

Das Jahr
der Träume

1968 und die Welt von heute

NZZ Libro

Inhalt

1. Vorspiel

2. Rausch

3. Ausnüchterung

4. Rückspiegel

5. Heute

6. Morgen

Anhang

Anmerkungen

Literatur

Dank

Der Autor

 

«Realize and accept that life isn’t fair.»

Aus dem Brief eines unbekannten Quäkers,

Wie werde ich ein besserer Mensch1

1.  Vorspiel

Ich musste lernen zu stricken, was nicht dem Rollenbild eines zehnjährigen Knaben in den 1950er-Jahren entsprach. Der äussere Anlass für diese Aktion zerstreute allerdings alle Zweifel. Sowjettruppen waren in Ungarn eingefallen und hatten die aufkeimende Revolution gegen den Kommunismus brutal unterdrückt. Deshalb strickten wir quadratische Wollplätzchen, die zu Decken zusammengenäht wurden. Tausende Pakete mit diesen Decken und anderen Gaben wurden nach Ungarn verschickt. Zehntausende Flüchtlinge strömten in den Westen. Istvan wurde uns als neuer Mitschüler vorgestellt und herzlich willkommen geheissen. Einige Monate später, am 1. Mai 1957, begleitete ich meine Mutter in die Stadt, als wir einem Umzug mit roten Fahnen begegneten. «Das sind Kommunisten, die, die in Ungarn einmarschiert sind», erklärte sie mir.

Es war das erste Ereignis der Weltgeschichte, das ich bewusst wahrgenommen habe. Es stand für die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer Welt, die in zwei Blöcke aufgeteilt war. Auf der einen Seite die in unserem Denken freie Welt, auf der anderen der Kommunismus mit seiner geknechteten Bevölkerung. Beide Systeme durch den Eisernen Vorhang streng getrennt. Diese Bipolarität prägte die Weltgeschichte. Der Wettbewerb zwischen den Systemen war unerbittlich und fand auf den verschiedensten Ebenen statt. Der Wettlauf um neue Vernichtungstechnologien, der sich in den letzten Kriegsjahren intensivierte, wurde von den USA und der Sowjetunion unvermindert weitergeführt. Der direkten kriegerischen Konfrontation gingen die Grossmächte zwar aus dem Weg, aber die Kämpfe verlagerten sich auf Nebenkriegsschauplätze. Eine völlig neue Dimension war die Eroberung des Weltalls; auch hier kämpften die Sowjetunion und die USA um den technologischen Vorsprung. Der entscheidende Kampf aber fand um die Wirtschaft statt. Hier würde sich zeigen, welches System überlegen war.

Es gehört zu den verblüffendsten Ereignissen der Geschichte, in welchem Tempo sich die Wirtschaft Europas von der Stunde null zur stärksten Wachstumsphase aller Zeiten aufschwang. Eben noch hatten Trümmerfrauen den Schutt in den zerstörten Städten beseitigt. Anfang der 1950er-Jahre waren in England, Deutschland und Österreich noch Lebensmittelkarten im Umlauf. Formell wurde der Kriegszustand zwischen Grossbritannien und Deutschland erst 1951 aufgehoben. 1955 kehrten die letzten Kriegsgefangenen nach Deutschland zurück. Die Konkurrenz zwischen den Blöcken beförderte diesen Wirtschaftsboom. Der nach dem amerikanischen Aussenminister benannte Marshall-Plan, eine milliardenschwere Aufbauhilfe der USA, wurde allen europäischen Staaten angeboten. Auf Druck der Sowjetunion verzichteten aber die zu Satellitenstaaten der UdSSR degradierten osteuropäischen Staaten auf die Unterstützung. Die Franzosen nennen diese Periode ausserordentlichen Wachstums nach 1945 «Les Trente Glorieuses», die Briten und Amerikaner «The Golden Age». Dieser wirtschaftliche Aufschwung fand unabhängig vom jeweiligen Wirtschaftssystem auf der ganzen Welt statt. Das sogenannte Goldene Zeitalter war ein weltweites Phänomen.1 Diese Entwicklung wäre ohne einen wirtschaftspolitischen Konsens, der auf den bitteren Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 beruhte, kaum zustande gekommen. Die Weltwirtschaftskrise wurde dem Versagen des schrankenlosen freien Markts angelastet. Staatliche Rahmenbedingungen sollten dies in Zukunft verhindern. Das Credo war: Nie wieder Massenarbeitslosigkeit!2

Der Frontstaat zwischen den beiden Blöcken war Deutschland. Das Land lag nach dem Krieg in Trümmern, hatte wichtige Gebiete verloren und war durch den Eisernen Vorhang in zwei Einflusssphären geteilt. Dank der Hilfe des Marshall-Plans, aber auch durch unbändige Schaffenskraft rappelte sich die Bundesrepublik Deutschland innert kürzester Zeit auf. Bald begann man vom Wirtschaftswunder zu sprechen. Als Vater dieses Wunders gilt der damalige Wirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard. Seine Parole war «Wohlstand für alle» und sein Modell die auf Privateigentum und Wettbewerb basierende «Soziale Marktwirtschaft». Dirigistische Staatseingriffe wurden abgelehnt. Staatliches Handeln sollte sich auf das Setzen wirksamer Rahmenbedingungen beschränken. Fehlentwicklungen des freien Markts wurden durch soziale Massnahmen abgefedert. Bereits Mitte der 1950er-Jahre wurden in grossem Stil soziale Reformen umgesetzt: die Fünf-Tage-Woche, ein allmählicher Übergang zur 40-Stunden-Woche und eine grosse Rentenreform. Das Gewicht, das dem Adjektiv «sozial» und den entsprechenden Massnahmen zugemessen wurde, erklärt sich nicht zuletzt als Folge der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West. Die «Soziale Marktwirtschaft» wurde zum durchschlagenden Erfolg. Das Bruttosozialprodukt wuchs in Deutschland in den 1950er-Jahren um über 10 Prozent pro Jahr.

Auch in den anderen Ländern Westeuropas war die Generation, die den eindrücklichen wirtschaftlichen Aufbau schaffte, von den Erfahrungen des Kriegs geprägt. Allmählich begann man sich an den zunehmenden Wohlstand zu gewöhnen. Auto, Fernsehen und vor allem das Einfamilienhaus wurden zu den prägenden Statussymbolen für den wachsenden Mittelstand. Man konnte sich wieder Reisen und Urlaube gönnen. Die Rollen in den Mittelstandsfamilien waren klar verteilt. Der Mann arbeitete, die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Heim und Arbeitsplatz waren sich so nahe, dass man zu Hause Mittag essen konnte. Dazu hörte die Familie schweigend die Mittagsnachrichten am Radio. Nach dem Essen legte sich der Gatte aufs Sofa und machte ein Nickerchen, während die Mutter das Geschirr wusch und die Kinder es abtrockneten. Dann servierte sie ihrem Mann den Kaffee, bevor er sich wieder auf den Weg zur Arbeit machte. Die Hierarchie war klar, der Erziehungsstil autoritär. Körperliche Züchtigung gehörte zum Arsenal und wurde meist dem Vater überlassen. Die zunehmenden Ausgaben für Haus, Auto und andere Konsumgüter führten immer wieder zu Geldsorgen. «Die Konzentration auf materielle Verbesserungen, auf Familie und häusliches Leben und der Stolz auf das Erreichte drängen das Interesse an Politik und an gesellschaftlichen Veränderungen vielfach in den Hintergrund.»3

Nach dem Chaos der Kriegsjahre war Ruhe und Ordnung das oberste Gebot. «Die Jungen wurden unentwegt zur ‹Korrektheit› angehalten. Wer nicht spurte, fing sich Prügel ein. Halt dich gerade. Mach deinen Diener. Sei schön artig. Stell die Negermusik ab. Was sollen die Leute davon denken. Heul nicht.»4 Keiner hat diese gesellschaftspolitische Realität sarkastischer ins Bild gesetzt als Paul Klee in seiner Radierung Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend. Das Bild zweier sich gegenseitig mit Bücklingen begrüssender Männer stammt zwar von 1903, wird den 1950er-Jahren aber immer noch gerecht. «Es war die mit gnadenloser Selbstzufriedenheit andauernde Nierentisch-Gemütlichkeit der stickigen Fifties …»5 Eine nach dem Krieg aufgewachsene Frau erinnert sich Jahrzehnte später an dieses Leben und an die damaligen Zukunftsaussichten. Es war «einfach langweilig, und die Perspektive, die man gehabt hat für das, was man später mal werden sollte, war noch langweiliger … Ungeschminkte Frau mit weiten Röcken, die mit ihren Kindern über die Wiese hüpft, so ungefähr habe ich meine Zukunft gesehen.»6

Nie in der Geschichte war der Bruch zwischen zwei Generationen grösser. Der Historiker und «retrospektive Zukunftsforscher» Joachim Radkau erinnert daran, wie bescheiden die Ansprüche der Kriegsgeneration damals waren. «Glück ist vor allem zu leben, seine gesunden Glieder zu spüren, seinen Frieden, seine Freiheit, seine Familie, seine Freunde, sein Zuhause zu haben, zu lieben und geliebt zu werden, in der Heimat zu sein, nicht hungern zu müssen, eine unantastbare Privatsphäre zu haben.»7 Die Eltern waren durch Entbehrung und Disziplin geprägt, ihre Kinder durch die Sorglosigkeit einer wachsenden Konsumgesellschaft. Für die Jugend war es schwierig, sich der häuslichen Idylle zu entziehen. Freizeitangebote für Jugendliche gab es kaum. Das Freiheitsgefühl, das vom Elternhaus sich abnabelnde Heranwachsende verspüren, erlebten viele das erste Mal bei den Pfadfindern oder ähnlichen Jugendorganisationen.

Nirgendwo war das Verhältnis dieser beiden Generationen belasteter als in Deutschland. «Wir hatten alle Eltern, die Dinge erlebt haben, über die sie mit ihren Kindern nicht reden konnten.»8 Die Kinder hatten eine vage Vorstellung von den Verstrickungen ihrer Väter. «Wir wussten als Kinder, dass unser Vater im Zuchthaus gewesen war, drei Jahre lang. Aber wir haben nicht den Mut gehabt, dem auf den Grund zu gehen.»9 Wer doch den Mut aufbrachte, der wurde mit einem «das muss auch einmal vorbei sein»10 abgespeist.

Für die Nachkriegsjugend prägte der deutsche Soziologe Helmut Schelsky 1957 den Begriff der «skeptischen Generation». Er wagte eine Prognose, die offensichtlich noch vom Lebensgefühl der Kriegsgeneration ausgeht: «… diese Generation wird nie revolutionär, in flammender kollektiver Leidenschaft auf die Dinge reagieren … Man wird sich auf keine Abenteuer einlassen, sondern immer auf die Karte der Sicherheit setzen, des minimalen Risikos, damit das mühselig Erreichte, der Wohlstand und das gute Gewissen, die gebilligte Demokratie und die private Zurückgezogenheit, nicht wieder aufs Spiel gesetzt wird. In allem, was man so gern weltgeschichtliches Geschehen nennt, wird diese Jugend eine stille Jugend werden.»11 So kann man sich täuschen. Ein Jahrzehnt später charakterisierte die unmittelbare Nachkriegsgeneration ihre Eltern mit der herablassenden Terminologie dieser Zeit als repressiv und aufwärtsmobil.

Die Welt war alles andere als friedlich. Die USA und die Sowjetunion rüsteten massiv auf, ihr nukleares Potenzial wurde quantitativ und qualitativ hochgefahren. Dieses «Gleichgewicht des Schreckens» prägte den Kalten Krieg. «Ganze Generationen wuchsen im Schatten einer globalen atomaren Schlacht auf, von der man allgemein glaubte, dass sie jeden Moment ausbrechen und die Menschheit vernichten könnte.»12 Einer direkten Konfrontation gingen die beiden Supermächte aber aus dem Weg. Die gegenseitigen Einflusszonen wurden respektiert. Der Westen akzeptierte stillschweigend, dass sowjetische Panzer den Arbeiteraufstand in der DDR von 1953 und den Aufstand in Ungarn von 1956 niederwalzten. Dafür wurden auf verschiedenen Schauplätzen Stellvertreterkriege ausgefochten. Die Richtschnur für amerikanisches Handeln war die Domino-Theorie. Auch auf fernen Schauplätzen in Asien und Afrika musste vermieden werden, dass sich ein kommunistisches Regime etablierte. So sollte verhindert werden, dass reihenweise angrenzende Staaten ins Reich des Bösen abdrifteten. Der erste dieser Kriege fand Anfang der 1950er-Jahre in Korea statt.

Gleichzeitig begannen sich die Überreste der alten Kolonialreiche aufzulösen. Indochina, Indonesien, Uganda, Kenia, Tunesien, Algerien, der Suezkanal waren die Schauplätze erbitterter Auseinandersetzungen zwischen Befreiungsbewegungen und den in letzten Energieschüben sich wehrenden Kolonialmächten. Im Kampf des kenianischen Geheimbundes Mau-Mau gegen die britische Kronkolonie kamen mehr als 100 000 Menschen ums Leben. Neben Grossbritannien war vor allem Frankreich betroffen. Am 7. Mai 1954 ergaben sich die französischen Truppen in Indochina nach einer 56-tägigen Belagerung der Dschungelfestung Dien Bien Phu. Fast gleichzeitig begann in Algerien eine Terrorwelle, ausgelöst von der Front National de Libération unter der Führung von Ahmed Ben Bella. Die Wunden des Algerienkriegs sind bis heute nicht verheilt.

Im Rüstungswettlauf schienen die USA überlegen zu führen. Ende 1952 testeten die USA zum ersten Mal eine thermonukleare Wasserstoffbombe, bereits im August 1953 zog die UdSSR nach. Ein regelrechter Schock für die USA war es, als die Sowjets am 4. Oktober 1957 völlig überraschend mit dem Sputnik 1 erstmals einen Satelliten auf eine Erdumlaufbahn schickten.

Die Wiedereinführung der Wehrpflicht und der Beitritt zur NATO führten in der Bundesrepublik Deutschland zu Protesten, die auch von der DDR unterstützt und gesteuert wurden. An einer Kundgebung in Essen am 11. Mai 1952 nahmen 30 000 vorwiegend junge Menschen teil. Als sich die Menge den Anordnungen widersetzte, schoss die Polizei und tötete den jungen Kommunisten Philipp Müller.13

Die Angst vor einem atomaren dritten Weltkrieg wuchs. Gleichzeitig weckte die zivile Nutzung der Kernenergie euphorische Erwartungen. Das «friedliche Atom» wurde als Schlüssel für die Energie der Zukunft proklamiert. 1956 erschien das Buch Wir werden durch die Atome leben, das für die nahe Zukunft prophezeite, dass man mit einem Teelöffel Atomenergie ein Auto jahrelang betreiben könne, ohne je nachzufüllen.14 Auch Biologie, Industrie und Technik, Land- und Forstwirtschaft würden durch das friedliche Atom revolutioniert. Das Wahrzeichen der ersten Weltausstellung nach dem Krieg, 1958 in Brüssel, war das Atomium, Symbol für die friedliche Nutzung der Atomenergie.

In dieser Zeit des «Schaffe, schaffe, Häusle baue» zeigten sich erste Vorboten von etwas völlig Neuem. Offenbar hatte der Papst eine Vorahnung, als er 1952 gegen die populäre Musik und die modernen Tänze protestierte. Der Geburtstag einer völlig neuen Jugendkultur war nämlich erst der 29. März 1954. Ein amerikanischer Lastwagenfahrer namens Elvis Presley veröffentlichte seine erste Single That’s All Right. «Plötzlich öffnete sich eine Tür in dieser scheintoten Welt.»15 Auch in Freehold, New Jersey, als der noch nicht zehnjährige Bruce Springsteen wie hypnotisiert vor dem Fernsehschirm sass. Elvis Presley trat in der Ed Sullivan Show auf und war, wie sich Springsteen erinnert, ein «hüftewackelndes menschliches Erdbeben».16 Es folgten Bill Haley mit Rock around the Clock und Chuck Berry mit Maybellene. So etwas hatte man noch nie gehört. Es war eine sinnliche, mitreissende Musik mit starken Beats und, wenn man sie live sah, voller sexueller Anspielungen. «Es klang wie das Eintrittsbillett zu einer Welt, die auf mich wartete und auf die ich wartete.»17

Von der Generation der Eltern wurde die neue Musik vehement abgelehnt und als «Negermusik» verteufelt, «ringsherum tosten damals die Diskussionen, ob man dieses Teufelszeug nicht besser verbieten sollte».18 Für die Heranwachsenden war es die Gelegenheit, sich von den Lebensentwürfen der Älteren abzuheben. Auch im Film fand die Jugend neue Idole. James Dean, «the rebel without a cause», verunfallte schon mit 24 Jahren mit seinem Auto tödlich. Er wurde zur Kultfigur einer Generation, deren Sehnsucht nichts mehr mit dem Einfamilienhaus gemein hatte. Vorerst handelte es sich noch um Subkulturen, weit von einer Massenbewegung entfernt. Aber langsam begannen sich die Codes einer neuen Jugendkultur herauszubilden, nicht zuletzt von James Dean beeinflusst. Haartolle, Jeans, karierte Hemden und Lederjacken waren die Identitätsmerkmale der ersten Rock-’n’-Roll-Generation. Im deutschsprachigen Raum nannte man die jungen Männer, die vorwiegend aus der Arbeiterklasse stammten, abwertend «die Halbstarken». Sie wurden zu einem Feindbild der bürgerlichen Mittelklasse. «Die Halbstarken waren … die erste Generation, die sich weltweit identisch unter den Zeichen einer neuen Zeit formierte. Ihre an technischen Innovationen orientierte Kultur erhob den Rhythmus und die Geschwindigkeit zum Paradigma. Nachfolgende Generationen praktizieren unter Namen wie Mods, Rocker oder Punks nur Variationen dieses erstmals in den 1950er-Jahren verbreiteten, transnationalen Identitätskonzepts im Namen des Pop. Es spricht somit einiges für die These, dass die Popkultur mit den Halbstarken erst richtig begann.»19

Eine zweite stilgebende Bewegung hatte sich bereits Ende der 1940er-Jahre zu formieren begonnen. Ihre Protagonisten waren amerikanische Schriftsteller und Lyriker, die sich als «Aussenseiter der Gesellschaft und Vertreter einer neuen Literatur verstanden».20 Es waren nicht viele, aber sie begriffen sich selbstbewusst als eine neue Generation, die sie die Beat Generation nannten. Die Leitfiguren der Beatniks waren Jack Kerouac und Allan Ginsberg. Im Herbst 1955 katapultierte eine Dichterlesung in San Francisco die Bewegung in eine breite Öffentlichkeit. Allen Ginsberg trug sein überlanges Gedicht Howl vor, mit der legendären Anfangszeile «I saw the best minds of my generation destroyed by madness». Der Herausgeber eines Standardwerks über amerikanische Literatur qualifizierte dieses Ereignis «als Orientierungspunkt für die neue Nachkriegsliteratur … Howl steht sowohl für das Gefühl der von der Gesellschaft verstossenen Aussenseiter als auch für die aus der Marginalisierung gewonnene mystische Vision …»21

Im Sommer 1947 brach Jack Kerouac auf die grosse Reise von der Ost- an die Westküste der USA auf, mit fünfzig Dollar in der Tasche und wenigen Habseligkeiten in einem Segeltuchsack. Seine damalige Gefährtin Joyce Johnson erinnert sich. «Es war offenbar eine Reise im Geist empirischer Suche, Hoffnung, vermischt mit Verzweiflung – der Versuch, eine ganz neue Wirklichkeit zu finden, die der Phantasie gleichkäme.»22 Er entdeckte «die schiere Freude am Unterwegssein».23 Nach mehreren vergeblichen Versuchen schrieb er 1951 in nur drei Wochen den Roman On the Road auf eine Papierrolle, weil er keine Zeit beim Wechseln der Bögen verlieren wollte. Jahrelang fand er keinen Verleger, erst 1957 war die Zeit für eine Veröffentlichung reif. Die Kritik verglich das Buch mit The Sun Also Rises von Hemingway. Joyce Johnson erlebte, wie Kerouac mit einem Schlag zum Star wurde. «Zum letzten Mal im Leben ging Jack als ein Unbekannter zu Bett. Am nächsten Morgen weckte ihn das klingelnde Telefon, und er war berühmt.»24 On the Road wurde zum Kultbuch einer heranwachsenden Jugend, «zu einem die Epoche kennzeichnenden und die antibürgerliche Haltung einer Gegenkultur spiegelnden Klassiker».25 Die beiden Helden Sal Paradise und Dean Moriarty «sind unterwegs zu neuen Ufern jenseits der engen Grenzen der amerikanischen Realität als Tramps auf der Strasse zwischen Ost und West, in der Ekstase von Sex, Drogen und Alkohol, in der Illegalität».26

Das war in den USA zu dieser Zeit eine unerhörte Provokation. Besonders die unverhohlenen Anspielungen der Beatniks auf bisexuelle Praktiken waren ein Tabubruch. Alles, was ausserhalb der Norm war, war links. Links hiess kommunistisch, und alles, was kommunistisch war, musste ausgerottet werden. In der nach dem Senator Joseph McCarthy benannten Ära herrschte ein «apokalyptischer Antikommunismus», der eine «abscheuliche und irrationale Raserei der antikommunistischen Hexenjagden» auslöste.27 Auch in Deutschland wird der Antikommunismus zur Staatsdoktrin. 1960 wurde eine Liste veröffentlicht mit 450 Namen von Hochschullehrern, Schriftstellern und anderen Personen des öffentlichen Lebens, die im Verdacht standen, kommunistisch unterwandert zu sein. Darunter finden sich Namen wie Erich Kästner, Wolfgang Koeppen und Ernst Rowohlt. Bereits auf den «Verdacht, gegen die Staatsideologie des Antikommunismus zu verstossen, sollte Ausschluss aus der Gesellschaft stehen».28

Joyce Johnson, kurze Zeit die Gefährtin von Kerouac, beschreibt die Gefühle der Heranwachsenden in diesem Milieu der frühen 1950er-Jahre. «Dieses Wohnzimmer hat etwas schrecklich Rührendes, eine angespannte, gewollte Vornehmheit. All diese in Ehren gehaltenen Einrichtungsgegenstände – das Klavier, der Teppich, das Ölgemälde – sind gleichsam Gefangene eines höheren Strebens. Werden die Schonbezüge einmal abgenommen, die schweren Vorhänge gezogen, so zeigt sich, dass das so sorgfältig Bewahrte längst schäbig und verschlissen ist.»29 Sie beschreibt die Sehnsucht der jungen Generation nach dem «wahren Leben … Nicht das langweilige Dasein meiner Eltern, sondern ein aufregendes, unvorhersehbares, vielleicht sogar gefährliches Leben.» Vorstellungen von Abenteuer und Erlebnis hatten sie «gepackt wie ein brennendes Fieber. Ideen lagen in der Luft – wie Bakterien, die einige anstecken, andere nicht.»30 Gegen Ende des Jahrzehnts sollte diese «aufgestaute Begierde der fünfziger Jahre … losgelassen werden … Die ‹Suche nach irgendetwas› war der psychische Hunger meiner Generation*.»31

Das Epizentrum, in dem sich die Sehnsüchte von Joyce Johnson bündelten, war der Washington Square Park im Greenwich Village in New York. Dort sangen die Folkies mit ihren Gitarren und Banjos We Shall Overcome. Im Gegensatz zu den Beatniks und den Halbstarken waren viele der Protagonisten der Folkszene politische Aktivisten. Ihre Urväter und Vorbilder waren Woody Guthry und Pete Seeger. Woody Guthry hatte die Folgen der Great Depression, der Weltwirtschaftskrise, am eigenen Leib erlebt. Er schrieb ins seinem Leben 3001 Songs, darunter die Hymne This Land Is Your Land. Er verfasste Kolumnen für die kommunistische Zeitung Daily Worker, obwohl er nicht Mitglied der Partei war. Pete Seeger war zeitweise mit Woody als Hobo auf Güterwagen und per Anhalter in den USA unterwegs. In seiner Jugend war Seeger Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation, die er später verlassen hat. Seine Sympathie gegenüber der kommunistischen Bewegung hat er nie verleugnet. Natürlich wurde auch er vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe geladen. Er wurde verurteilt und stand jahrelang auf der Schwarzen Liste. Sein Song If I Had a Hammer galt als kommunistisch und wurde nirgends gespielt, bis ihn die Band Peter, Paul and Mary zum grossen Hit machte.

Joyce Johnson beschreibt die Gefühle, die sie ergriffen, als sie als junges Mädchen erstmals einen Sonntag auf dem Washington Square verbrachte. «Die Männer klappen … ihre Jackenkragen hoch. Während sich das Publikum verläuft, stimmen sie einen neuen Song an, sehr passend: Let the Circle Be Unbroken. Sie singen gegen den Wind, der ihre Stimmen davonträgt wie flatternden Rauch. Es regnet in Strömen, aber um nichts in der Welt würde ich von hier fortgehen. Ich liebe sie alle, diese jungen Leute, die so anders sind. Irgendwie verkörpern sie die Sehnsucht, die schon lange in mir lebendig ist.»32

Die 1950er-Jahre neigen sich dem Ende zu. Die Saat ist gestreut. Die Welt ist reif für die grosse Party.

2.  Rausch

Zuerst ist der Sound. Die 1960er-Jahre sind das Jahrzehnt der Rockmusik. 1988 veröffentlicht der Spiegel eine achtteilige (!) Serie über dieses Jahrzehnt mit dem Titel «Träume im Kopf und Sturm auf den Strassen». Die Illustrationen am Anfang des ersten Artikels zeigen die Porträts von Bob Dylan, Janis Joplin, Jim Morrison und Jimi Hendrix. 2016 folgt ein Sonderheft des Spiegels über die 1960er-Jahre. Das erste Kapitel trägt den Titel «Yeah», es zeigt ein Bild von Bobbies, die kreischende junge Damen zu zähmen versuchen, und erzählt die Geschichte der Beatles. Die Beatles «haben den Sechzigerjahren einen Sound gegeben, der auf ewig mit dem Gefühl des Aufbruchs verbunden sein wird».1

Das zweite Kapitel, «Über die Wut, die Energie und die Macht der Popmusik und warum alles, was vorher war, nicht mehr galt»,2 ist mit den Plattencovers von King Crimson, den Rolling Stones, The Velvet Underground und Pink Floyd illustriert. Es folgt das berühmte Bild des in eine bunte Decke gehüllten Paars am Woodstock-Festival. «In den Sechzigerjahren entstanden Hunderte grossartiger Popsongs – kleine Kunstwerke, die für viele Fans ein Teil ihres Lebens wurde.» Zehn davon werden vorgestellt, allen voran Like a Rolling Stone von Bob Dylan, ein Song, der in wiederholten Abstimmungen im gleichnamigen Musikmagazin zum besten Popsong aller Zeiten gekürt wurde.

Für Eric Hobsbawn, einen der grössten Sozialhistoriker des 20. Jahrhunderts, ist die mit rasantem Tempo sich überall auf der «modernisierten» Welt verbreitende Populärkultur das herausstechende Merkmal des Jahrzehnts. Erstmals in der Geschichte entwickelt sich eine globale Jugendkultur.3 In England herrscht Vollbeschäftigung, und die Jugend verfügt über beträchtliche finanzielle Mittel.4 Das gilt auch für viele andere westliche Länder und ist mit ein Grund für die explosive Verbreitung dieser Kultur. «Neuartig an ihr waren die aussergewöhnliche Geschwindigkeit ihres Ablaufs und ihre Universalität.» Hobsbawn illustriert das Phänomen anhand der Schallplattenverkäufe. Bis zu 80 Prozent der Käufe im Segment Rockmusik erfolgten durch Jugendliche im Alter zwischen 14 und 25 Jahren.5 Die Gewinne der amerikanischen Schallplattenindustrie stiegen von 600 Millionen Dollar im Jahr 1959 auf 2000 Millionen Dollar im Jahr 1973.6 Kurzum: «Wer jung war in den 60er Jahren und wach, der lebte nicht einfach Musik. Er lebte in der Musik.»7

2016 widmet das Victoria and Albert Museum in London den späten 1960er-Jahren eine spektakuläre Ausstellung mit dem Titel «You Say You Want a Revolution? Records and Rebels». «Die Musik hielt alle Strömungen dieser Zeit zusammen», erklärt einer der Ausstellungsmacher.8 Sie war das universelle Kommunikationsmittel in einer Welt, in der es noch keine Smartphones gab.9 Neue Ideen verbreiten sich weltweit über die immer pointierter werdenden Songtexte.10

«Die Geschichte der Beatles ist die Geschichte dieses Jahrzehnts. Im Sommer 1960 spielten sie in Hamburg ihr erstes Konzert unter dem Namen The Beatles, und 1970 lösten sie sich auf. Ihre Geschichte beginnt in Schwarz-Weiss und endet in Farbe.»11 Die Beatles steigen auf wie ein Komet, in rasender Geschwindigkeit auf enorme Höhe, dort verglüht er rasch, nicht aber sein Schweif, der noch heute sichtbar ist. Für Malcolm Gladwell, der in seinem Weltseller Überflieger über die Ursachen herausragender Leistungen schreibt, ist die von ihm nachgewiesene 10 000-Stunden-Regel «so etwas wie ein Naturgesetz des Erfolgs».12 Er erläutert seine These auch anhand der Beatles. Es war purer Zufall, dass ein Hamburger Nachtclubbesitzer nach Liverpool kommt und dort Bands für sein Striplokal rekrutiert. Im Indra, einem berüchtigten Klub im Rotlichtviertel St. Pauli, beginnt die Hamburger Karriere der Beatles. «Das Rezept war immer dasselbe. Es war eine Nonstop-Striptease-Show, die stundenlang lief, während das Publikum rein- und rausging. Und die Bands spielten ununterbrochen, um die Passanten in den Club zu locken.»13 Die Bezahlung ist schlecht, die Akustik miserabel und das Publikum wenig empfänglich für ihre Musik. Sie spielen bis zu acht Stunden ohne Unterbruch. Ex-Beatle Pete Best erinnert sich: «Wir haben sieben Tage die Woche gespielt. Zuerst fast nonstop bis halb eins, bis der Club zugemacht hat, und dann, als wir besser waren, sind die Leute an den meisten Tagen bis zwei Uhr morgens geblieben.»14

Zurück in Liverpool sind sie nicht nur hervorragende Musiker, sondern auch eine perfekte Band geworden. Ihr Erfolg beruht auf einem völlig neuen Ansatz. «Das Konzept gab es damals einfach noch nicht. Popmusiker waren im Showgeschäft jener Tage Sänger, die mit Mietmusikern spielten – Bands gab es nicht.»15 Als die Beatles in den USA in der Ed Sullivan Show auftraten, schlugen sie ein wie eine Bombe. Auch beim jugendlichen Bruce Springsteen: «… das Herz schlug mir bis zum Hals … Die Beatles … Die Beatles … Die Beatles … Die Beatles … Die Beatles … Die Beatles … 1964 war es das Schönste, was man in der englischen Sprache sagen konnte.»16

Während ihres Aufenthalts in Hamburg lernen die Beatles den Fotografen Jürgen Vollmer kennen. Er imponiert ihnen vor allem wegen seines pilzartigen Haarschnitts. John Lennon und Paul McCartney trampen nach Paris, wo Vollmer wohnt, um sich von ihm frisieren zu lassen. Mit diesem Haarschnitt haben sich die Beatles nicht nur eine unverwechselbare Identität zugelegt, sondern das Erscheinungsbild einer ganzen Generation junger Männer geprägt. Am Anfang ist es ein Haar-Pilz, dann wird das Haupthaar länger und länger. Die Haare werden zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal, mit dem sich die Vertreter eines neuen Zeitgeistes vom angepassten Teil ihrer Altersgruppe abgrenzen. «Heutzutage jemandem verständlich machen zu wollen, welche Wirkung … DIE FRISUREN … hatten, ist fast unmöglich. Die Prügel, die Schmähungen, die Gefahren und die Verunglimpfung als Aussenseiter, die man hinnehmen musste, wollte man eine solche Frisur tragen …»17 Es dürfte wenige Themen gegeben haben, über die sich Väter und Söhne zu dieser Zeit erbitterter gestritten haben als über die Haare. Nicht verwunderlich, dass ein Meilenstein der Popkultur schlicht Hair heisst.

Am 24. Dezember 2015 wird der ganze Kanon der Beatles-Songs auf den verschiedenen Streaming-Plattformen freigeschaltet. Wenige Tage später werden die Songs über 70 Millionen Mal gestreamt, vorwiegend von jungen Hörern. 2016 kommt der Film The Beatles: Eight Days a Week in die Kinos. Der Film konzentriert sich auf die knapp drei Jahre der «touring years». Die Beatlemania beginnt am 13. Oktober 1963 und endet mit ihrem letzten Konzert am 29. August 1966 in San Francisco. Auch fünfzig Jahre später ist die Magie noch da. Man starrt ungläubig auf die Szenen einer weltweiten Massenhysterie. Weder vorher noch nachher hat sich je solches ereignet. Zuvorderst junge Frauen, die reihenweise ohnmächtig aus den Konzerten getragen werden. Man ist geneigt, diese Ausbrüche als einen Akt der Emanzipation zu interpretieren, von Frauen, die in den grauen 1950er-Jahren noch mehr unter den repressiven Familienverhältnissen litten als ihre Brüder. Inmitten dieses unvorstellbaren Trubels bewegen sich die vier adrett gekleideten Pilzköpfe, die, scheinbar unbeeindruckt, eine unbändige Fröhlichkeit und einen in der Popkultur seltenen spontanen Witz zelebrieren. «Ihr Charme, ihr Witz und ihre Musik treffen einen wie ein Hitzestrahl.»18 In einer Besprechung des Films interpretiert ausgerechnet eine Zeitschrift, die sonst nie müde wird, alles Übel dieser Welt den 68ern anzulasten, das Phänomen der Beatlemania als einen Aufstand gegen die verkrustete Autorität. «Die Beatles waren der Nukleus, der die verkarsteten Beziehungen zwischen Erwachsenen und der Jugend aufsprengte und ein Feuerwerk von ‹magic moments› entfachte.»19

Die Beatles sind eine unpolitische Band. Aber als sie in Jacksonville vor einem nach Hautfarbe getrennten Publikum spielen sollen, weigern sie sich. Der Organisator gibt nach und erstmals mischen sich in den USA in einem Konzert schwarze und weisse Menschen. Und bei einem Sit-in in Berkeley gegen die Anwerbung von Soldaten für den Vietnamkrieg singen die Aktivisten Yellow Submarine.

Es ist nicht nur der kaum vorstellbare Stress während ihrer andauernden Welttournee, der die vier Beatles allmählich zermürbt. Immer mehr kommt es an ihren Konzerten zu gewalttätigen Szenen. Einmal müssen sie gar in einem gepanzerten Fahrzeug aus dem Stadion evakuiert werden. Dieses Kippen des unbeschwerten Aufbruchs in eine Phase der Bedrohlichkeit steht für die Entwicklung des Jahrzehnts. «Am Anfang sind die Töne … strahlend, und am Ende werden sie düster. Wie die Sechziger.»20

Die Beatles beschliessen, nie mehr auf der Bühne zu stehen. Als Studioband schwingen sie sich nochmals zu neuen Höhen auf. Mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, ihrem ersten Album nach der Live-Phase, setzen sie einen Meilenstein. Schon das Plattencover sprengt die Grenzen, es ist ein Pop-Art-Kunstwerk, das vor Einfallsreichtum strotzt. Seit seiner Veröffentlichung wird das Album immer wieder als beste LP aller Zeiten ausgezeichnet. Die Szene hat sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Der Kauf des Albums in einem meiner geliebten Plattenläden war wie ein ritueller Akt. In meiner Studentenbude legte ich die Platte ehrfürchtig auf den Teller meines Kofferplattenspielers und war hin und weg. Einzig When I’m Sixty-Four war damals ausserhalb meiner Vorstellungskraft.

Die Beatles spielen noch in Hamburg, als auf dem Washington Square ein neues Gesicht auftaucht. Wie er erzählt, war er in jungen Jahren in New Mexico von seinen Eltern verlassen worden und lebte in einem Wanderzirkus. Suze Rotolo begegnet ihm 1961 im Village. «Ich fand, dass er seltsam altmodisch wirkte, auf eine zottelige Art charmant. Seine Jeans waren so zerknittert wie sein Hemd und selbst bei dieser Hitze trug er seine schwarze Cordmütze. Er machte einen schelmischen und zugänglichen Eindruck auf mich … irgendetwas an ihm strahlte eine Intensität aus, vor der man sich besser in Acht nahm … Er war nicht geradlinig: er war schrullig und nervös für alles, was ihn umgab.»21 Er nennt sich Bob Dylan, und das ist ebenso eine Legende wie seine Vergangenheit im Wanderzirkus. «Kaum eine der Legenden, die er kolportierte, entsprach den Tatsachen … (Er) baute aus Täuschungen und Maskeraden seine eigene, sorgsam gehegte Wahrheit auf.»22 Suze Rotolo lebt vier Jahre mit Dylan zusammen. Noch Jahrzehnte später kann sie ihren Ärger nicht verbergen, dass sie nur durch einen Zufall erfuhr, dass Dylan mit richtigem Namen Robert Allen Zimmermann heisst. Kein Wunder, dass das erste Kapitel einer Biografie über Bob Dylan den Titel «Alias» trägt.23 «Noch in intimen Selbstenthüllungen hat der Alias immer etwas von einem ironischen Poseur, dessen Geradlinigkeit darin besteht, fortwährend Haken zu schlagen.»24 Er macht sich ein Statement von Bert Brecht zu eigen: «Wer immer es ist, den ihr hier sucht, ich bin es nicht.» Bei Dylan heisst es It Ain’t me Babe und Masked and Anonymous. Konsequent entzieht er sich jedem Versuch, als Identifikationsfigur vereinnahmt zu werden. Er will bis heute nur eines sein, ein Song-and-Dance-Man, kein Protestsänger und schon gar nicht ein Prophet.

Als er 1961 durch die Folkszene im Village tourt, machte er sich schnell einen Namen. Er spielt hervorragend Mundharmonika, ist ein eher mittelmässiger Gitarrenspieler und seine Stimme, ja, darüber teilen sich die Meinungen. «Sie klingt, als käme sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums», schreibt das Time Magazine.25 Einer seiner vielen Biografen verwahrt sich gegen diesen «simplen Parodieversuch» und schreibt von einer «Stimme von unvergleichlicher Ausdruckskraft, Wandlungs- und Modulationsfähigkeit».26 Was ihn von allen anderen Populärmusikern unterscheidet, ist die Qualität und Hintergründigkeit seiner Texte. Dylan ist ein manischer Leser und lässt sich von Rimbaud, Brecht und den Beat-Poeten befruchten. Am 29. September 1961 erscheint in der New York Times der Artikel «Bob Dylan: A Distinctive Folk-Song Stylist». Das ist sein Durchbruch.

Die erste LP, vor allem mit Coverversionen bestückt, hat noch mässigen Erfolg, das zweite Album, The Freewheelin’ Bob Dylan, startet dann voll durch. Das Plattencover zeigt ihn mit Suze Rotolo durchs winterliche New York flanierend. Das Album wird mit dem Song Blowing in The Wind eröffnet. Die findigen Marketingleute haben ihn schon vorab via das Folktrio Peter, Paul and Mary zum Hit gemacht. Er ist bis heute eine Hymne geblieben, die vom Marsch auf Washington bis zum Pfadfinderabend allzwecktauglich ist. Daneben finden sich Perlen wie Don’t Think Twice It’s All Right, der erste «love and hate song», ein Genre, das von Dylan erfunden wurde. Und A Hard Rain’s A-Gonna Fall, ein Song, «der bis dahin überhaupt nichts seinesgleichen hatte».27 Das folgende Album trägt den programmatischen Titel The Times They Are A-Changin’. «Your sons and your daughters are beyond your command», warnt er die Eltern. Sein Ratschlag im Song The Times They Are A-Changin’ «you better start swimming or you sink like a stone» hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Dylan wird zum Helden der Folkszene, bis er 1965 am Newport Folk Festival mit Elektrogitarre und Rockband auftritt. Damit «verliess (er) die Woge, die ihn einige Jahre so zuverlässig nach oben getragen hatte, mit einem Kopfsprung ins Unbekannte. Er verlor seine Anhänger nicht nur, er stiess sie von sich.»28

Der Bruch von Blowing in the Wind zu Like a Rolling Stone ist total. Sechs Minuten – zum ersten Mal war ein Song so lang, dass er auf die A- und B-Seite einer Single verteilt werden musste – treibt diese Musik unerbittlich sich steigernd dem Refrain «how does it feel?» entgegen. Auf der anschliessenden Welttournee spielt sich bei jedem Auftritt dasselbe Szenario ab. Zuerst ein Set mit Bob Dylan solo mit seiner Mundharmonika und akustischer Gitarre, begleitet von höflichem Applaus. Im zweiten Teil tritt er mit seiner Rockband auf, und jeden Abend wird er gnadenlos ausgebuht. Der Höhepunkt findet in Manchester statt, als er aus dem Publikum mit «Judas» beschimpft wird. Er antwortet: «I don’t believe you», und weist seine Band an: «Play fucking loud.» Dieses konsequente Anspielen gegen sein Publikum und die begleitenden Drogen- und Alkoholexzesse fordern ihren Tribut. Dylan verunfallt mit seinem Motorrad und zieht sich für lange Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. Er kommt zurück, zunächst als Country-Sänger, dann konvertiert er zum Christentum und stösst damit seine Anhänger erneut vor den Kopf. Aber er ist immer noch da, und er hat immer wieder Meisterwerke geschrieben.

Fünfzig Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Albums verbeugt sich die letzte Instanz der Rockmusik, das Magazin Rolling Stone, vor Bob Dylan. «Kein anderer Musiker und Dichter hat tiefere Spuren in der Popkultur hinterlassen. Bis heute.»29 «Er verwandelt Poesie in Musik», so der Titel unter einem Dylan-Porträt auf der Front der NZZ am 14. Oktober 2016.30 «Noch nie ist ein Sänger mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Es ist, als kehrte damit die Literatur zu ihren Anfängen zurück.»31

Der dritte Gigant der Rockmusik der 1960er-Jahre tritt erst auf den Plan, als die Beatlemania schon ihren Höhepunkt erreicht hat. Die Marketingstrategie der Rolling Stones ist ebenso einfach wie clever: «Wir werden einfach das machen, was die Beatles nicht machen.»32 Die Beatles hatten es geschafft, dass die etwas progressiveren Eltern sie zu mögen begannen. Das sollte den Stones nicht passieren. Je mehr die Eltern sie hassten, desto mehr würden die Kids sie lieben. Ihre Haare sind länger und struppiger, ihre Musik lauter und aggressiver. Nicht kreischende Mädchen prägen ihre Konzerte, sondern Saalschlachten und Prügeleien. Auch die Beatles und Bob Dylan spielen im Alkohol- und Drogenrausch, das sind aber laue Lüftchen im Vergleich zu den Drogenexzessen der Stones. «Juli und August 1964 waren wahrscheinlich die horrormässigsten Monate unserer Karriere. Jeder Gig wurde von der Polizei unterbrochen, Menschenmassen auf der Bühne. Saalschlachten, Massenschlägereien, Strassenschlachten.»33 Dass die Positionierung der Rolling Stones rundum gelungen war, zeigen die Worte des Schriftstellers mit dem eierschalenfarbenen Anzug, Tom Wolfe: «Die Beatles wollen deine Hand halten, die Stones wollen deine Stadt niederbrennen.»34 Bald wird die Frage «Beatles oder Stones?» zur ultimativen Gewissensfrage. Anpassung oder Widerstand? Es scheint nur ein Entweder-oder zu geben.

Der Kern der Stones sind Mick Jagger und Keith Richards. Der smarte Student der London School of Economics und der Arbeitersohn. Der eine ist die Stimme der Stones, der andere hat den Sound mit seinen unnachahmlichen Gitarrenriffs geprägt. Mit Satisfaction liefern die Stones ihr Meisterstück. Andy Warhol erinnert sich: «Es war der Sommer (1965, d. V.) von ‹Satisfaction› – die Stones dröhnten aus jeder Tür, jedem Fenster, jedem Schrank und jedem Auto … Ich meine, du wusstest, dass es ‹Satisfaction› war, bevor ein Bruchteil der ersten Note gespielt war.»35 Die Rolling Stones machen keine politische Musik wie Dylan zu seinen Anfangszeiten. Und doch liefern ihre Songs wie Sympathy for the Devil und Street Fighting Man den Soundtrack für die Phase des Aufruhrs in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre. «Die Jugend Europas und Amerikas war in Aufruhr, und die Stones schrieben die Musik dazu.»36 Die Beatles stehen für den hedonistischen Aufbruch, die Stones für die Revolte. Die Stones werden auch zum Symbol für das Ende des Festes, als 1969 an ihrem Konzert in Altamont vor ihren Augen ein Festivalbesucher von einem Hell’s Angel erstochen wird.

Das Erstaunlichste ist, dass die Stones nach diesem exzessiven Leben immer noch auf der Bühne stehen. Nach einem Atomkrieg, konnte man lesen, überleben nur Küchenschaben und Keith Richards. Die Beatles haben sich in zehn Jahren musikalisch enorm entwickelt. Bob Dylan hat sich laufend neu erfunden. Die Stones sind geblieben, was sie immer waren: die beste Liveband.

In einer Songzeile von Tangled Up in Blue bringt Bob Dylan die Stimmung dieser Zeit auf einen knappen Nenner. «There was music in the cafés at night/ And revolution in the air.»37 Einer hat es früh gemerkt. Erich Honecker, Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzender des Staatsrats der DDR, warnt 1965 vor der «Übersteigerung von Beat-Rhythmen», die «Jugendliche zu Exzessen» aufputschen.38

Dass der 23. 39Schuld war nur der Bossa NovaDas SchweigenSpiegel