Für meinen Enkel
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© 2021 Karlheinz Huber
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 9783753431215
Der Große Geist kommt in allem vor:
Im Stein schläft er,
in der Pflanze träumt er,
im Tier erwacht er,
und im Menschen ist er erwacht.
(Indianische Weisheit: Verfasser unbekannt)
Die Sonne brannte gnadenlos auf die beiden Kontrahenten herab. Zwischen ihnen drehten sich zwei Steppenroller und ein kleiner Staubwirbel zog rechts an ihnen vorbei. Im Hintergrund konnte man in der flimmernden Hitze die Silhouette der Stadt Cody erahnen. Doch das alles nahmen die beiden nicht wahr. Auch den Schweißperlen, die in kleinen Tropfen unter dem Cowboyhut über die Stirn liefen und zu Boden tropften, schenkten sie keine Millisekunde ihrer Aufmerksamkeit. Mit flachen Atemzügen fixierte Bill seinen Gegner, ohne eine Miene zu verziehen. Jede Gestik, ja die kleinste Bewegung, konnte sein weiteres Vorgehen negativ beeinflussen und vielleicht sein Ende bedeuten. Gleichzeitig suchte er im Gesicht seines Gegners nach Schwäche, nach Angst oder Unsicherheit. Doch keiner der beiden gab sich eine Blöße.
Minuten vergingen, ohne die kleinste Bewegung. Die Steppenroller waren längst verschwunden, und der Staubwirbel kam langsam, aber sicher zum Erliegen. Eine dicke fette Fliege setzte sich auf Bills Hut und starrte mit ihren Facettenaugen zu Bills Gegner, der weniger als zehn Schritte von ihm entfernt stand.
Die Zeit schien still zu stehen. Nur die Fliege flog in einem weiten Bogen zu einem Stein, setzte sich auf ihn und beobachtete, was nun folgen würde. Hinter dem Stein erhob sich der Kopf eines kleinen Feldhasen, der sich schüchtern umblickte.
Bills Gedanken setzten ein und er flüsterte:
„Ich ziele nicht mit der Hand,
ich ziele mit dem Auge.
Ich schieße nicht mit der Hand,
ich schieße mit dem Verstand.“
Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit zog er seinen 45er Revolver und feuerte.
Zwei laute Schüsse zerrissen die Stille.
Der Feldhase war längst verschwunden, nur die Fliege blieb ungerührt sitzen und verfolgte das Schauspiel.
Bill fasste sich an die Brust und ließ dabei den Revolver aus seiner schlaffen Hand zu Boden gleiten. Ungläubig schaute er zu seinem Gegner, der ihn hämisch und siegessicher angrinste. Bills Oberkörper sackte langsam in sich zusammen, und er ging in die Knie. Wie in Zeitlupe fiel er nach vorne und schlug hart auf dem staubigen Boden auf. Mit letzter Kraft drehte er sich um, die Hand immer noch fest auf die vermeintliche Schusswunde gepresst. Ein schmerzvolles Stöhnen entrang sich seiner Kehle. Seine Augenlider flatterten zuerst, doch dann schlossen sie sich für immer.
Da lag er nun am Boden, als Verlierer des Duells.
Die Sonne brannte weiterhin auf seinen Körper herab, der sich nicht mehr bewegte. Die Fliege hatte nun das Interesse an dem beendeten Duell verloren und flog einfach davon.
Plötzlich erklangen Schritte aus dem Hintergrund, und ein rhythmisches Klatschen setzte ein. Ein Schatten fiel über Bills Körper, und ein alter Cowboy trat heran. Als er die Fußspitzen erreicht hatte, stellte er das Klatschen ein. Mit der Stiefelspitze stupste er Bills Füße an und sagte:
„Gutes Schauspiel, aber solltest nicht du der Gewinner sein?“
Plötzlich begann Bill zu lachen, und der alte Mann half dem Jungen auf die Beine. Sie feixten - und nun lachte auch der alte Cowboy.
Mit Kopfschütteln sagte er:
„Lass uns mal schauen, ob du deinen Gegner wenigstens getroffen hast.“
„Opa, seit wann zweifelst du an mir?“, antwortete Bill grinsend, während er sich den Staub aus den Klamotten schlug.
Gemeinsam gingen sie zu der Holzfigur in Lebensgröße und suchten nach den Einschusslöchern.
„Na ja, weglaufen hätte er nach den beiden Beinschüssen nicht mehr gekonnt. Aber zielen und schießen hätte er noch können. Das kannst du besser.“
„Hey, ich bin noch jung, und du musst mir noch viel beibringen. Also streng dich an, alter Mann“, rief Bill und ging vorsichtshalber zwei Schritte zurück. Der Abstand, den er gewählt hatte, war zu kurz, denn der alte Mann hatte noch sehr gute Reflexe - und ehe sich Bill versah, lag er wieder am Boden.
Lachend stand Old John über ihm und reichte ihm seine Hand, die er gerne annahm.
Als er wieder stand, fragte er: „Opa, woher hast du eigentlich das fiese Gesicht, das du auf dem Holzcowboy angebracht hast?“
„Ausgeschnitten aus einem Steckbrief des Bandenchefs der Reno-Bande“, antwortete Old John.
„Dem möchte ich nicht im richtigen Leben begegnen“, sagte Bill ehrfurchtsvoll. Gemeinsam verstauten sie den Holzcowboy in einem kleinen Verschlag und machten sich auf den Heimweg.
Von weitem konnte man schon die Shiloh-Ranch sehen, das Zuhause der beiden.
Plötzlich fragte Bill: „Opa, was denkst du? Sind meine Eltern wirklich nur wegen der Goldsuche nach Westen weitergezogen, oder steckt etwas anderes dahinter?“
Old John blieb stehen und schaute seinem Enkel direkt in die Augen. Dann holte er noch einmal tief Luft und sagte: „Dein Vater ist ein lausiger Cowboy gewesen. Er hätte es hier auf der Ranch nie zu etwas gebracht. Daher war es eine weise Entscheidung, sich für das Gold und nicht für das Pferd zu entscheiden.
Und bevor du wieder fragst: Nein, du bist nicht der Grund. Du hast dich entschieden, hier bei mir zu bleiben. Was ich im Übrigen auch für eine weise Entscheidung halte.“
„Meinst du, es geht ihnen gut?“, fragte Bill weiter.
Old John erwiderte: „Du hast eine clevere Mutter, die sorgt schon dafür, dass es richtig läuft.“
Bill öffnete das große Gatter und schloss es wieder, nachdem sie eingetreten waren. Gemeinsam liefen sie auf das kleine Blockhaus zwischen der Ranch und dem Stall zu.
„He, Trampeltier“, rief plötzlich jemand, und Bill schaute sich um.
Auf dem oberen Balken des Zaunes saßen Chris, Tom, Roy und Andy, alles Jungs in seinem Alter. Chris schaute ihn belustigt an und warf einen kleinen Stein nach ihm. Geschickt wich Bill aus, doch dabei kam er ins Straucheln und fiel der Länge nach auf den staubigen Boden. Alle lachten spöttisch. Als Bill beim Aufstehen Conny, die Tochter des Ranchers, auf ihrem Pferd sitzen sah, die ihn ebenfalls auslachte, wurde er traurig. Er stand auf und musste mit anhören, wie sie „Bill, the Nobody“ im Chor sangen. Auch Conny stimmte mit ein! Old John hatte von dem Zwischenfall nichts mitbekommen. Doch als er die Rufe hörte, drehte er sich blitzartig um und schaute böse zu den Jungs. Sofort gab Conny ihrem Pferd die Sporen, und Andy fiel vor Schreck vom Zaun. Auch Tom und Roy sprangen schlagartig vom Gatter und liefen davon. Nur Chris blieb sitzen und schaute ohne Angst zu Old John.
„Das sollen deine Freunde sein?“, fragte der Alte vorwurfsvoll.
Bill antwortete kleinlaut: „Ich bin ja selbst schuld. Immer wieder passiert mir so etwas vor denen.“
Old John schüttelte den Kopf und ging weiter. Bill trottete hinter ihm her.
Bill dachte: ‚Verdammt, warum passiert mir das immer wieder‘, und lief zum Waschen an den Brunnen. Dort stand Kajika, der Indianer, der für den Rancher als Scout arbeitete.
„Sag nichts, roter Mann“, sagte Bill.
Doch Kajika dachte nicht daran zu schweigen und erwiderte:
„Weißer Mann ist feige!“
„Das stimmt nicht. Was bringt mir eine Schlägerei? Außerdem sind sie zu viert und ich bin alleine“, antwortete Bill bedrückt.
„Weißer Mann, deine Zeit wird kommen, bald schon“, sagte der Indianer und ging davon.
Bill betrat die Blockhütte und folgte seiner Nase.
Der Geruch einer frischen Rindfleischsuppe ließ ihn alles vergessen.
Am nächsten Morgen wachte Bill auf und blinzelte die Sonnenstrahlen weg.
Er stand auf, zog sich an und ging nach unten.
„Ach, der feine Herr ist auch schon wach. Kaffee?“, fragte sein Opa und strahlte ihn an.
Nachdem sie einen Kaffee getrunken hatten, gingen sie gemeinsam an die Arbeit. Old John war früher ein sehr guter Cowboy gewesen, doch nun konnte er nicht mehr an einem Trail teilnehmen. Die alten Knochen wollten nicht mehr so, wie er wollte. Doch der Rancher wollte nicht auf seine Dienste verzichten. Daher wurde er für die Pflege der Pferde auf der Ranch verantwortlich gemacht.
Nachdem sie sich um die Mustangs gekümmert hatten, fragte Old John seinen Enkel: „Willst du Storm zureiten?“
„Storm, der neue wilde Mustang?“, antwortete Bill fassungslos.
„Warum nicht? Du machst das doch ganz gut bis jetzt, und irgendwann musst du es mal versuchen. Immerhin hat der Rancher dir den Gaul geschenkt.“
„Ja, nachdem er jeden Cowboy abgeworfen hatte, der es versucht hatte“, erwiderte Bill. Doch dann dachte er an seine vermeintlichen Freunde.
Wenn er das schaffen würde, dann sahen sie ihn bestimmt mit anderen Augen. Und Conny würde ihn endlich zur Kenntnis nehmen!
„Okay“, sagte Bill, nahm das Lasso und schlüpfte durch das Gatter. Der wilde Hengst begrüßte ihn mit einem höhnischen Wiehern. Doch Bill ließ sich davon nicht beeindrucken.
Mit beruhigenden geflüsterten Worten näherte er sich dem Tier. Zuerst wich der Mustang zurück, doch dann blieb er stehen, und Bill streichelte ihm sanft über die Mähne.
Mittlerweile hatte sich herumgesprochen, dass es Bill mit dem Hengst aufnahm. Einige Cowboys hatten sich am Gatter versammelt, um dem Schauspiel zuzuschauen. Old John drückte seinem Enkel fest die Daumen und sah erfreut, wie Bill die Schlinge über den Kopf des Mustangs zog. Ganz langsam lief Bill zur Seite und streichelte die Mähne des Tieres. Die Nüstern des Hengstes flatterten nicht mehr aufgeregt - und dann wagte Bill den Sprung auf den Rücken!
Genau in diesem Moment klatschte jemand laut in die Hände.
Der Hengst erschrak, bäumte sich auf, warf Bill zu Boden und galoppierte davon.
„Bill, the Nobody“, war das Erste, was er hörte, als er zu sich kam. Langsam setzte er sich auf und schaute in grinsende Gesichter. Enttäuscht ließ er sich wieder auf den Rücken fallen und dachte: ‚Bill, der Niemand! So werde ich in die Geschichte eingehen‘.
Es dauerte etwas, bis er sich wieder gefangen hatte und trotz der Schmerzen aufstand. Die Zuschauer waren mittlerweile verschwunden, und Old John stand neben ihm.
„Hör zu: Du warst so nah dran wie noch nie. Und hätte dieser dämliche Chris nicht geklatscht, hättest du es geschafft. Bill, gib nicht auf. In dir steckt ein guter Cowboy! Ich weiß es, und ich glaube an dich.“
„Danke, Opa“, flüsterte er und ging zum Gatter zurück.
Der Tag verlief schweigend zwischen den beiden. Beim Abendessen fragte Old John: „Sollen wir morgen mit den Dosen weiter machen?“
Bill nickte, flüsterte ein „gute Nacht“ und verschwand nach oben.
In der Nacht träumte er davon, als echter Cowboy mit einem Trail unterwegs zu sein. Als Flügelmann behielt er die Rinder auf dem beschwerlichen Weg sicher in der Herde.
Gut gelaunt wachte er am Morgen auf und ging mit Old John zu dem Verschlag, unweit der Ranch. Sie holten drei Dosen. Old John platzierte sie auf einem Stein. Bill ging in Position, zog seine 45er und feuerte. Jeder Schuss traf sein Ziel, und Bill feuerte weiter, bis das Magazin leer war. Immer weiter und weiter. Doch dann passierte das Unglück! Nachdem Bill die Waffe zum x-ten Mal geladen hatte, berührte er den Lauf. Schreiend verbrannte er sich die Finger, und die Waffe fiel zu Boden. Dabei löste sich ein Schuss, und eine Patrone machte sich auf eine unglaubliche Reise. Zuerst traf sie einen Felsen, danach einen Stein, dann noch einen Stein, um anschließend am Verschlag abzuprallen, sich durch Bills Stiefel zu bohren und im Boden stecken zu bleiben.
Mit großen Augen starrte Bill auf seinen Stiefel und wollte einfach nicht glauben, was gerade passiert war. Als ihm endlich bewusst wurde, was los war, kam der Schmerz - und er begann zu schreien!
Old John beruhigte ihn und setzte sich neben ihn auf den Boden. Schnell zog er Bill den Stiefel vom Fuß, ehe der protestieren konnte. Dann begann er zu lachen. Bill verstand die Welt nicht mehr. Als er sah, was die Kugel angerichtet hatte, musste auch er lächeln, und der Schmerz war nicht mehr so groß.
„Ein Streifschuss, Glück gehabt“, sagte Old John. „Aber du musst zum Rancher. Die Wunde muss gesäubert und verbunden werden. Ich trage dich hin.“
Ehe Bill protestieren konnte, hing er über Old Johns Rücken.
Wenig später saß er auf einer Pritsche im Haupthaus.
„Ich geh jemanden holen“, sagte Old John und verschwand mit einem Lächeln auf den Lippen.
Bill saß auf der Pritsche und schaute sich um. Als er den Steckbrief an der gegenüberliegenden Wand sah, überlief ihn ein kalter Schauer:
„Reno-Bande : John Reno 10.000 $, Butch Cassidy 8.000 $. Für jedes weitere Bandenmitglied 5.000 $ Belohnung, tot oder lebendig“, las er laut vor.
Dabei hörte er nicht, wie sich die Tür öffnete.
Plötzlich stand Conny, die Tochter des Ranchers, vor ihm und sagte:
„Fiese Typen! Hoffentlich bekommen wir sie nie zu sehen. Wo ist denn deine Verletzung, Bill?“
Bill war so überrascht, dass er kein Wort heraus bekam. Irgendwann zeigte er auf seinen Fuß und stotterte „daaaaaaa.“
Als Conny die Wunde versorgte, wurde Bill klar, warum Old John beim Hinausgehen so gegrinst hatte. Er hatte dafür gesorgt, dass sie sich um ihn kümmerte. ‚Na warte, Opa‘, dachte er.
Conny sagte: „Hast du schon gehört, dass in wenigen Tagen der neue Trail-Boss kommen soll?“
Bill schüttelte den Kopf.
Sie sprach weiter: „James Averill ist sein Name. Soll einer der Besten sein. Mein Vater hat ihn für den nächsten Transport der Rinder nach Miles City angeheuert. Ich werde diesmal den Trail begleiten, das wird bestimmt toll.
So, fertig. In zwei Tagen bist du wieder fit.“
Sie stand auf und sah ihn an. Er errötete, und sie lächelte. Das süßeste Lächeln, das er je gesehen hatte! Dann verabschiedete sie sich.
Als sie die Tür geschlossen hatte, atmete er aus und schaute wieder zu dem Steckbrief. Wenig später betrat Old John das Zimmer, und ehe Bill etwas sagen konnte, hob er die Hände in die Höhe und sagte: „Ich bin unschuldig, ehrlich.“
Dann lachten beide, und Bill humpelte hinter Old John zu ihrem Blockhaus.
Zwei Tage später war die Wunde vollständig verheilt und er konnte Old John wieder bei der Arbeit helfen. Die Pferde freuten sich richtig, als er sie begrüßte. Auch er freute sich, wieder bei ihnen zu sein.
Plötzlich sagte eine Stimme hinter ihm: „Na, Nobody, wieder genesen?“
„Was geht dich das an, Chris? Lass mich in Ruhe.“
„Stimmt es, dass du dich selbst angeschossen hast?“, bohrte Chris weiter.
Plötzlich erschienen Tom, Andy und Roy. Hämisch grinsend warteten sie auf Bills Antwort.
„Ihr könnt mich mal“, erwiderte Bill und lief mit zwei Pferden aus dem Stall. Die vier folgten ihm und riefen immer wieder: „Bill, the Nobody“.
Als sie Old John sahen, gaben sie Fersengeld, und Sekunden später waren sie verschwunden.
Als Bill bei ihm ankam, sagte er: „Old John, wo ist der Mustang?“
„Du meinst den Wilden?“
„Ja, genau! Wo ist er? Ich will es heute versuchen“, sagte Bill in einem Ton, der keine Widerrede duldete.
Old John antwortete: „Draußen auf der großen Koppel.“
Ohne weitere Worte reichte Bill Old John die Zügel, sie setzten sich auf die Pferde und ritten los.
Am Gatter machte Bill sein Pferd fest und betrat entschlossen die Koppel. Der Mustang war unverkennbar, denn er war der Einzige, der wild herum galoppierte. Doch Bill ließ sich davon nicht beeindrucken. Langsam lief er auf den bockenden Gaul zu und sprach beruhigende Worte vor sich hin. Dabei vergaß er nicht, die anderen Pferde zu begrüßen. Als er den Mustang erreicht hatte, bäumte der sich vor ihm auf. Doch Bill blieb entspannt. Ohne Furcht redete er weiter, bis sich der Mustang langsam beruhigte. Entschlossen legte Bill seine Hand auf den Kopf des Pferdes. Zuerst wollte es zurückweichen, doch Bill streichelte sofort die Mähne - und der Mustang blieb stehen.
Dann tat Bill etwas, was er noch nie zuvor gemacht hatte! Er flüsterte dem Tier etwas ins Ohr. Der Gaul wieherte einmal und ließ es tatsächlich zu, dass sich Bill auf seinen Rücken schwang. Old John traute seinen Augen nicht! Natürlich hatte er gewusst, dass es Bill eines Tages schaffen würde. Aber so schnell auch wieder nicht!
Stolz ritt Bill einige Meter, doch er übertrieb es nicht. Bald schon schwang er sich herab. Wieder flüsterte er dem Tier etwas ins Ohr. Dann klatschte er lachend auf das Hinterteil des Mustangs, der laut wiehernd davon galoppierte und wieder wie wild über die Koppel jagte.
Bill schritt langsam auf Old John zu, der mit offenem Mund am Gatter stand. Dann nahm er seinen Enkel in den Arm, und beide lachten fröhlich.
„Was hast du ihm denn ins Ohr geflüstert?“, wollte Old John wissen.
Bill antwortete: „Seinen Namen, Storm!“
Sie sahen nicht den Cowboy mit dem komischen Hut, der die ganze Szene interessiert beobachtet hatte. Er nickte anerkennend, trat mit den Hacken leicht in die Flanke seines Pferdes und ritt weiter.
Am nächsten Morgen beim Frühstück wurde Bill mit einer neuen Nachricht überrascht. Ein Besucher würde heute bei ihnen eintreffen. Doch nicht der Trail- Boss wurde erwartet, denn der war schon eingetroffen, sondern ein alter Freund seines Opas. Ein Trapper namens Hugh, den sein Opa schon ewig kannte, aber schon lange nicht mehr gesehen hatte. Bill half mit, im oberen Stock einen Schlafplatz einzurichten und freute sich auf Hugh. Old John hatte schon so viel erzählt, dass es bestimmt spannend werden würde.
„Na, willst du deinen Freunden nicht von deinem Erfolg bei Storm berichten?“, fragte Old John. Doch bescheiden wie immer, verneinte Bill.
„Ich werde mir den neuen Trail-Boss mal anschauen“, sagte Bill stattdessen und lief zur Ranch. Er gesellte sich zu Kajika, dem Indianer, und beobachtete, wie sich der Rancher mit dem Neuen auf der Veranda angeregt unterhielt.
„Komischen Hut hat das Bleichgesicht“, sagte Kajika.
Bill antwortete lachend: „Und du hast einen komischen Namen.“
„Nicht frech werden, weißer Mann, sonst hole ich mir deinen Skalp.“
„Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen.“
‚Geht geräuschlos‘, bedeutet mein Name in eure Sprache übersetzt.“
„Das passt ja perfekt zu dir. Haben alle Indianer solche Namen?“
„Fast alle. Manche heißen auch fauler Hund oder ängstlicher Hase“, erwiderte Kajika. Beide lachten, bis sie von einer Stimme unterbrochen wurden. Erschrocken schauten sie auf und starrten in die Augen des Trail-Bosses.
„Darf ich mit lachen?“, fragte er höflich.
Bill überlegte fieberhaft, was er sagen sollte. Aber Kajika kam ihm zuvor:
„Über euren komischen Hut haben wir gelacht, weißer Mann.“
„Du bist mutig, Rothaut! Das gefällt mir. Der Hut ist mein Markenzeichen, meine Macke sozusagen“, antwortete der Trail-Boss. Alle drei lachten.
„Hallo, und herzlich willkommen! Ich bin Bill, und das ist Kajika“, sagte Bill schüchtern, als er seine Sprache wieder gefunden hatte.
„Warst du das gestern mit dem Mustang auf der Koppel?“ fragte er.
Bill war überrascht und antwortete zögerlich: „Das war doch nichts Besonderes. Ich kann halt ganz gut mit Pferden. Und manchmal habe ich Glück, das ist alles.“
„Also ich finde, das war sehr gut. So, nun entschuldigt mich, ich werde jetzt die anderen Cowboys begrüßen. Hat mich gefreut, Kajika und Bill“, sagte er und tippte dabei respektvoll mit dem Zeigefinger an seinen Hut.
„Was hast du angestellt?“, fragte Kajika, als der Mann weit genug weg war.
Bill antwortete: „Ich habe Storm zugeritten, das ist alles.“
„Was, den verrückten Mustang? Respekt! Ich sag ja, aus dir wird mal etwas“, antwortete Kajika und ging davon.
Bill machte sich, etwas stolzer als vorher, ebenfalls auf den Heimweg. Von weitem hörte er das Lachen zweier Männer aus der Blockhütte. Voller Vorfreude trat er ein.
Ein hagerer großer Mann mit Vollbart und Lederoutfit saß in der Küche. Neben ihm auf dem Stuhl lag die typische Bibermütze eines Trappers. Er drehte sich um und sagte: „Meine Güte, bist du groß geworden, Bill. Als ich dich das letzte Mal sah, warst du noch ein Baby. Sag, wie alt bist du jetzt?“
„Ich bin schon sechzehn“, antwortete Bill und setzte sich zu den beiden.
Trapper Hugh wollte alles über Bill wissen. Old John lobte ihn so sehr, dass es für Bill schon wieder peinlich wurde. Nach dem Essen setzten sie sich auf die Veranda. Jetzt war Bill an der Reihe, Fragen zu stellen. Er hatte sich gut überlegt, was er wissen wollte. Zuerst stellte er nur eine einzige Frage:
„Hugh, warum bist du vom Cowboy zum Trapper geworden?“
Hugh musterte Bill sehr lange, dann grinste er und erwiderte:
„Dein Opa hat vollkommen recht. Du bist ein cleveres Kerlchen.“
Dann lehnte er sich zurück, nahm einen kräftigen Schluck des goldbraunen Whiskys, der auf dem Tisch stand, und begann zu erzählen:
„Als ich so alt war wie du, arbeiteten John und ich zusammen auf einer Ranch in der Nähe von Dodge City.
Eines Tages wurden wir angeheuert für einen Trail nach Miles City. Mit mehr als zehntausend Rindern und fünfzig Cowboys machten wir uns auf den beschwerlichen Weg. Achthundert Meilen lagen vor uns, zum Teil durch unwegsames Gelände, und natürlich auch Indianergebiete. Anfangs lief alles glatt. Unser Trail-Boss war ein erfahrener Mann - dachten wir zumindest. Aber irgendwann ging alles schief, was auf einem Trail schiefgehen kann. Zuerst schlugen die Pferdediebe zu, und wir mussten mit einem Drittel weniger auskommen. Die armen Tiere mussten viel ertragen. Aber auch wir, denn plötzlich wurden einige Cowboys krank. Sie mussten sich ständig übergeben und es ging ihnen sehr schlecht. Wir fanden heraus, dass sie vergiftetes Wasser getrunken hatten. Doch wer das Wasser vergiftet hatte, wussten wir nicht. Dann passierte die erste Stampede. Alle Rinder spielten verrückt, liefen wie wild unkontrolliert durch die Gegend. Wir brauchten über zwölf Stunden, um die Herde unter Kontrolle zu bringen. Wir hatten mehr als tausend Rinder verloren. Drei Cowboys waren auch verschwunden.“
„Bill, du kannst dir nicht vorstellen, wie hart das war. Wir waren zu wenige, und hatten nicht genug Pferde, und unser Old Woman musste zusätzlich die Kranken versorgen“, übernahm Old John das Reden.
„Old Woman?“, fragte Bill. Die beiden Männer lachten.
„Auf jedem Trail ist immer mindestens ein Chuckwagen mit einem Koch dabei, und der wird immer Old Man oder Old Woman genannt.
Als wir endlich dachten, das Schlimmste überwunden zu haben, sonderten sich einige Cowboys von uns ab. Es bildeten sich zwei Gruppen, was sehr ungewöhnlich ist. Normal halten die Jungs immer zusammen“, sagte Old John. Hugh erwiderte: „Ich habe dir damals schon gesagt, da stimmt was nicht! Aber was hätten wir tun sollen? Dann, ungefähr auf der Hälfte der Strecke, zeigte der Trail-Boss sein wahres Gesicht. Ehe wir etwas unternehmen konnten, wurden wir überwältigt.
Aneinander gefesselt, mussten wir mit ansehen, wie die Brandzeichen der Tiere manipuliert wurden. Einen Tag später machten sie sich aus dem Staub und ließen uns fünfzehn Männer ohne Verpflegung und gefesselt zurück. Einer der Kranken erholte sich schneller als gedacht. Er hatte ein Messer in seinem Stiefelschaft versteckt. Natürlich hatten die Diebe uns alles abgenommen, auch unsere Schuhe. Aber wir waren frei - dachten wir zuerst, bis wir die Indianer auf dem Hügel hinter uns sahen! Wir wussten, dass unser eigentlicher Stopp Fort Laramie sein sollte, was ungefähr fünfzehn Meilen nordöstlich von unserem Standort lag. Uns blieb nichts anderes übrig, als zu laufen, was nicht so einfach war, weil wir unseren Kranken helfen mussten. So kamen wir nur langsam voran. Unsere Füße hatten wir mit Tüchern geschützt. Doch die scharfkantigen Steine drangen mühelos in die Haut ein. Wir hatten unglaubliche Schmerzen. Doch wir wollten nicht von den Cheyenne-Indianern skalpiert werden. Die Indianer kamen immer näher. Dann hatten sie uns eingeholt und umzingelten uns. Eigentlich waren wir von vornherein chancenlos. Ohne Widerstand ergaben wir uns dem Schicksal, das uns ereilt hatte. Stolz, und ihres Sieges gewiss, ritten die Sieger auf ihren Pferden und zogen den Kreis um uns immer enger. Dann blieben sie einfach stehen und grinsten uns höhnisch an. Ihre Kriegsbemalung leuchtete in der Abendsonne. Sie sahen dadurch noch bedrohlicher aus. Wir hatten fürchterliche Angst! Als die Cheyenne ihre Messer und Tomahawks zückten und das Kriegsgeschrei losging, sackten wir alle mutlos auf die Knie, schlossen unsere Augen und warteten auf unser Ende.
Plötzlich wurde es still und ein hohles Lachen erklang. Ungläubig öffnete ich meine Augen und schaute in das Gesicht eines US-Armee-Generales, der mir freundschaftlich die Hand reichte.
„Entschuldigt bitte den Spaß, den sich unsere Späher erlaubt haben. Aber es sind nun mal Wilde, das kann man ihnen nicht austreiben.“
Während ich seine Hand nahm, redete er einfach weiter:
„Mein Name ist Georg Custer. Meine Division ist in Fort Laramie stationiert. Sagt, Jungs! Was ist euch denn zugestoßen?“
Wir erzählten ihm unsere Geschichte, und er schüttelte mehrmals ungläubig den Kopf, sodass seine wallenden blonden Locken dabei hinund her wippten. Mittlerweile waren die Indianer verschwunden. Ein Trupp Soldaten begleitete uns sicher ins Fort, während General Custer die Viehdiebe verfolgte. Mit Blasen an den Füßen und gefühlten tausend Wunden am Körper, wurden wir im Fort gesund gepflegt. Ja, und ab da hatte ich die Schnauze voll von Menschen aller Art. Ich wollte nur noch alleine sein. Ich und die Natur.“
Bill, der vor Aufregung vergessen hatte zu atmen, holte tief Luft. Hugh wischte eine Träne aus seinem Auge, nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und reichte sie Old John, der es ihm gleichtat.
„Opa, warum hast du mir nie davon erzählt?“, fragte Bill
Hugh antwortete ihm: „Er hat sich lange geschämt, und er wollte dir nicht den Spaß und die Freude am Cowboydasein nehmen. Stimmt’s, alter Mann?“
Old John nickte nur, und Hugh fuhr mit seiner Erzählung fort:
„Wir haben uns dann getrennt und einige Jahre aus den Augen verloren. Ich machte mich auf den Weg nach Nordwesten, in die Rocky Mountains, und landete schließlich in Missoula Mills. Dort wurde gerade die erste transkontinentale Eisenbahnlinie eingeweiht, und es fand eine große Feier statt. Auf der Feier lernte ich dann einige Trapper kennen und schloss mich ihnen an. Wir fuhren auf den Kajaks den Clark Fork hinauf, und ich lernte zu jagen, Fallen zu bauen und Felle zu trocknen. Aber ich lernte auch, sparsam mit meinem Proviant umzugehen, um für schlechte Zeiten vorzusorgen. Immer wieder trafen wir auf andere Trapper, die Schauergeschichten erzählten.
Ich lernte schnell - schneller als andere. Bald schon hatte ich die größte Beute vorzuweisen, was den anderen natürlich nicht gefiel. Eines Morgens wachte ich auf und alle waren verschwunden, natürlich mit meinen Fellen. Wenigstens hatten sie mir meine Ausrüstung gelassen. Wieder von der Menschheit enttäuscht, zog ich alleine weiter. Einige Meilen nördlich, über dem Flat Head-See, fand ich die Ruhe, die ich suchte und benötigte. Pelzhändler hatten dort die Siedlung White Fish gegründet - und genau dort ließ ich mich zunächst nieder. Einige Zeit dachte ich darüber nach, wie es mit meinem Leben weitergehen sollte. Dann nahm ich Kontakt zu den Pelzhändlern auf, die mich ermutigten, als Trapper weiter zu machen, was ich letztendlich auch tat. Es gab noch nicht viele Trapper, und die Pelzhändler zahlten sehr gut. Ich bekam einen Vorschuss, kaufte neue Ausrüstungsgegenstände und machte mich auf den Weg nach Osten. Hinter den Bergen sollte es einen See geben, der sehr reich an Tieren und sehr menschenarm sein sollte. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich den Artenreichtum sah, und machte mich an die Arbeit. Es dauerte nicht lange und ich hatte mehr Biber-, Otter-, Nerz- und Fuchsfelle, als ich transportieren konnte. Ich konnte mein Glück kaum fassen und machte mich auf den Weg nach White Fish. Der Pelzhändler war begeistert und zahlte gut. Ich machte mich wieder auf den Weg. Diesmal sollte aber alles anders laufen als geplant - wieder einmal.
Als ich an meinem errichteten Lager ankam, war alles verwüstet. Ich hatte keine Ahnung von wem und warum. Mit Mühe baute ich die kleine Hütte wieder auf und stellte meine Fallen. Als ich zurückkam, stand ein Fuchs vor meiner beschaulichen Hütte, und ich konzentrierte mich auf ihn. Dabei vergaß ich meine Umgebung - das wurde mir zum Verhängnis! Plötzlich stürzte direkt neben mir ein riesiger Grizzlybär aus dem Unterholz. Ich war nicht in der Lage auszuweichen. Wir prallten zusammen, und er legte seine Pranken mit den riesigen Krallen auf meine Schultern, öffnete sein Maul und brüllte mich an.“
Hugh machte eine Pause, und Bill nahm die Hand vom Mund, mit der er einen Aufschrei unterdrückt hatte. Auch Old John atmete tief durch, während Hugh grinsend sagte: „Was ist los? Ich bin doch hier, also habe ich überlebt. Aber wie - das erzähle ich euch gleich, wenn der Fremde da hinter dem Baum hervorkommt und sich mir vorstellt.“
Langsam trat Kajika hervor und grinste.
Hugh fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er ihn sah. Dann sprang er auf, und die beiden umarmten sich freundschaftlich.
Bill konnte sich nicht verkneifen zu sagen: „Geht geräuschlos‘, sollst du heißen. Nicht für einen Trapper.“
„Werd nicht frech, Nobody“, erwiderte Kajika lachend und setzte sich zu ihnen.
„Bill, du musst wissen, dass Kajika damals als Küchenjunge beim Trail dabei war“, sagte Old John.
„Ich will jetzt endlich wissen, wie du dich vor dem Bär gerettet hast“, sagte Bill aufgeregt.
Und Hugh fuhr fort: „Wir standen uns also aufrecht gegenüber, und seine Krallen gruben sich in meinen Rücken, so dass ich vor Schmerzen aufschrie. Dann bemerkte ich, dass meine Schreie den Bären irritierten. Ich begann so laut zu schreien, wie ich nur konnte. Plötzlich stieß mich der Bär von sich und rannte davon. Zuerst dachte ich, dass meine Schreie ihn davongejagt hatten. Doch dann sah ich Pfeile, die hinter ihm herflogen. Ja, und dann - sah ich nichts mehr!
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Tipi. Jemand beugte sich über mich und tröpfelte Wasser in meinen Mund. Jede Faser meines Körpers schmerzte, und ich spürte das Glühen des Fiebers in mir. So ging es einige Tage weiter. Langsam erholte ich mich. Die Indianerin, die mich gesundpflegte, sprach mich an, doch ich verstand kein Wort.
Mit Handzeichen gab ich zu verstehen, dass ich gerne wissen würde, wo ich mich befand und wem ich mein Leben zu verdanken hatte. Sie verstand mich, und wenig später betrat ein stattlicher Indianer das Tipi und beugte sich zu mir herab. Seiner Kopfbedeckung und seiner Kleidung nach, musste es sich um einen Häuptling handeln. Und so war es auch. Die Blackfoots hatten mich gerettet.“
Kajika spuckte auf den Boden und verzog angewidert das Gesicht.
„Ich weiß, die Crow mögen die Blackfoot nicht. Aber sie haben mir das Leben gerettet. Das musst du jetzt verkraften, alter Freund.“
„Weißt du, warum sie Blackfoot genannt werden?“, fiel ihm Kajika ins Wort. „Weil die Asche der verbrannten Wiesen ihre Fußsohlen schwarz färben. Weil sie nämlich zu dumm zum Reiten sind.“
Alle schauten Kajika überrascht an. Der aber zeigte auf Hugh und sagte:
„Erzähl weiter, weißer Mann.“
Es dauerte eine Weile, bis sich Hugh wieder gefangen hatte. Dann schüttelte er noch einmal kurz den Kopf und fuhr fort: „Jedenfalls durfte ich eine Weile bei ihnen bleiben. Ich lernte sehr viel von ihnen. Bill, merke dir eines: nicht alle Indianer sind Wilde. Sie haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten, von dem sich die Bleichgesichter eine Scheibe abschneiden können. Am liebsten wäre ich noch eine Zeitlang bei ihnen geblieben, doch sie zogen weiter nach Norden. Ich wurde zu meinem Versteck begleitet und war erstaunt, dass alles repariert war. Sogar die Fellspanner standen in der Sonne, und all meine Felle waren noch da. Ich wurde mit Proviant und einer dicken Felldecke ausgestattet. Es würde ein harter Winter kommen. Ich sollte mich darauf vorbereiten. Der Abschied fiel mir sehr schwer, denn ich hatte viele der Sippe als Freunde gewonnen, trotz der Sprachbarriere.
Mit dem neuen Wissen habe ich sehr viel mehr Beute gemacht. Nun, nach all den Jahren, habe ich genug angespart, um mich zur Ruhe zu setzen.
Bill, für dich habe ich noch ein Geschenk dabei.“
„Was ist das?“, fragte Bill.
Hugh antwortete: „Schnürsenkel aus Tiersehnen, die Besten und Widerstandsfähigsten. Und morgen werde ich dir aus Hirschfell ein Paar Mokassins anfertigen. Ich wusste ja deine Größe nicht.“
„Danke! Aber ich habe noch eine Frage an dich“.
„Und die wäre?“
„Stimmt es, dass ihr euch in einen Ameisenhaufen legt, um eure Läuse und Flöhe loszuwerden?“
Lachend antwortete Hugh: „Stimmt genau - und das solltest du auch gleich ausprobieren. Ich sehe da mehrere Läuse auf deinem Kopf, mein Freund.“
Lachend sahen sie zu, wie Bill zusammenzuckte und wild seine Haare durchsuchte. Irgendwann verstand Bill den Witz und lachte mit.
Als Bill zu Bett ging, lauschte er noch eine Weile den drei Männern.
Dann schlief er ein und träumte vom Trapperleben, Indianern und Bären.
Als er morgens aufstand, staunte er nicht schlecht, als er die Mokassins sah, seine neuen Mokassins!
„Hey los, beeil dich. Es macht keinen guten Eindruck, wenn man zu spät kommt, wenn der Trail-Boss die Leute auswählt“, rief Old John.
Schon war Bill verschwunden.
„Denkst du, sie nehmen ihn mit auf den Trail?“, fragte Hugh.
Old John antwortete: „Ich hoffe es für ihn.“
Bill ging in den Stall, um sein Pferd zu holen. Als er Storm in einer Box stehen sah, wunderte er sich, wie schnell sein Opa ihn dazu gebracht hatte, im Stall zu stehen. Er blickte verstohlen zu Storm, und seine Gehirnzellen begannen zu arbeiten.
‚Es würde Eindruck machen, wenn mich die anderen auf ihm sehen würden. Andererseits könnte ich mich auch lächerlich machen‘, dachte er.
Dann entschied er sich doch für das Risiko. Langsam schritt er auf Storm zu und betrachtete ihn von allen Seiten. Storm war ein kräftiger Mustang, der in der Wildnis geboren wurde. Seine Fellfarbe war schwarz, wie die dunkelste Nacht. Doch seine Mähne und sein Kopf strahlten in hellem Weiß. Bill grinste, trat auf sein Pferd zu und streichelte die schneeweiße Mähne. Wenig später sattelte er ihn und machte sich bereit aufzusitzen. Doch dann hielt er inne. Vorsichtig, mit den Zügeln in der Hand, machte er zwei Schritte nach vorne und sagte in Storms Ohr: „Bitte blamiere mich nicht, Storm.“
Plötzlich, als ob Storm verstanden hätte, was Bill zu ihm sagte, wieherte er und neigte seinen Kopf nach unten. Lächelnd holte Bill eine Karotte aus seiner Hosentasche, steckte sie Storm ins Maul, streichelte ihn noch einmal und stieg ohne Probleme auf. Langsam ritten sie zur Ranch. Er sah von weitem, dass sich schon viele Cowboys versammelt hatten. Der Rancher und der Trail-Boss waren noch nicht da. Auch Conny war nirgendwo zu sehen.
Bill stieg ab und band Storm am Gatter fest. Gerade wollte er sich umdrehen, als er seinen Namen hörte. Irritiert drehte er sich in die Richtung des Rufenden und erkannte Chris, der mit Andy, Tom und Roy auf dem Gatter saß und ihn zu sich winkte. ‚Was will der Angeber von mir‘, dachte Bill und übersah den Stein vor seinen Füßen. Es kam, was kommen musste: Bill stolperte und fiel in den Staub. Chris sagte lachend: „Du musst dich nicht vor mir in den Staub werfen. Ich wollte dich doch nur fragen, ob du mit uns den wilden Stier anschauen gehst.“
Unsicher stand Bill auf und schlug sich den Staub aus den Klamotten. Er überlegte nicht lange und lief den Jungs hinterher.
„Hey, du hast dein Nickituch vergessen“, sagte Chris und warf Bill ein Tuch zu. ‚Stimmt! Das ist aber freundlich von Chris, er ist doch sonst nicht so‘, dachte Bill, band das Tuch um seinen Hals und lief weiter. Dabei bemerkte er nicht, dass die anderen alle stehenblieben und er alleine in der Koppel stand.
Quietschend schloss sich hinter ihm das Gatter.
Bill drehte sich um und sah, wie sich die Jungs über ihn lustig machten. Dann hörte er ein wildes Schnauben und drehte sich wieder um. Keine fünfzehn Meter von ihm entfernt stand der furchteinflößende Stier und scharrte mit den Hufen. Seine Nüstern schwollen immer mehr an, und Bill wunderte sich, warum das Tier plötzlich so wild war.