Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Vorwort
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Leseprobe Band 2

Über die Autorin

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Miriam Mann wuchs in Norddeutschland und Südafrika auf. Nach dem Studium der Linguistik in Berlin und Sydney arbeitete sie viele Jahre als Übersetzerin. Heute ist sie Kinderbuchautorin. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Berlin.

Miriam Mann

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Ellas
verrückt-verrutschtes
Leben

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Boje

 

Für meine Tochter

 

Beim ersten Mal wusste ich nicht, dass es die Rutsche war. Ich wusste nicht, ob ich wach war oder träumte oder einfach endgültig verrückt geworden war. Und ich wusste außerdem nicht, dass so eine blöde Gans beißen kann.

Nun, eigentlich wusste ich noch nicht einmal, dass Gänse überhaupt Zähne haben.

Aber hinterher ist man immer schlauer, oder?

Besagte Rutsche stand in einem kleinen, verwilderten Stück Garten – neben der großen Scheune und unter einem knorrigen Kirschbaum. Sie war alt und verrostet und die gelbe Farbe fast ganz abgeblättert. Wahrscheinlich hätte ich sie überhaupt nicht weiter beachtet, wenn die dämlichen Gänse nicht gewesen wären. Dabei waren es ausgerechnet die Gänse, die schon eine Stunde später überhaupt nicht mehr existierten. Und nein, falls ihr euch das jetzt fragt: Ich habe sie nicht um die Ecke gebracht.

Aber vielleicht sollte ich einfach mal von vorne anfangen. Oder besser: woanders. Einen Augenblick vor der Sache mit der Rutsche.

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Kapitel 1

»Who or what are you?« Toni lag auf dem Tisch, der das Bett darstellen sollte, und blickte mich aus seinen dunkelbraunen Augen an.

Diese Augen! Ich beugte mich über meinen Klassenkameraden und starrte in sie hinein, so lange, bis ich mein eigenes Spiegelbild darin sah. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Wie immer, wenn ich vor Toni stand, bekam ich kaum ein Wort heraus. Auch nicht, wenn es nur Theater war.

»Du musst schon was sagen, Ella«, murmelte Toni grinsend.

Ich spürte, wie ich rot wurde.

Der Rest der Klasse fing an zu kichern, und ich stammelte schnell: »Ich … äh, ich meine, I’m …« Ich holte tief Luft, wischte mir die mittlerweile schweißnassen Haare aus dem Gesicht, schlüpfte in meine Rolle und wisperte heiser: »Ebenezer Scrooge!«

»Who’s that?«, erwiderte Toni.

»Ebenezer Scrooge«, wiederholte ich mit belegter Stimme. »I have come for you.«

Na ja, das hätte ich eigentlich sagen sollen, in meiner Rolle als Geist der Vergangenheit in Charles Dickens᾽ Weihnachtsgeschichte. Habe ich aber nicht. Ich sagte stattdessen das, was ich dachte. Das, was mir schon die ganze Zeit im Kopf herumschwirrte. Ich sagte: »Ebenezer Toni, ich liebe dich.«

Kaum hatten die Worte meine Lippen verlassen, schlug ich mir die Hand auf den Mund und versuchte verzweifelt, im Boden zu versinken. Aber der hellgrüne und ziemlich schmutzige Linoleumboden unseres Klassenzimmers blieb stur, und kein Loch tat sich auf.

»Dann komm zu meiner Party«, erwiderte Toni, und ich blickte ihn überrascht an.

Toni hatte mich eingeladen! Toni, der coolste Junge der ganzen Schule, hatte mich eingeladen! Mein Herz klopfte so stark, dass es in meinen Ohren rauschte. Leider hatte es mir nun völlig die Sprache verschlagen, und ich konnte nur wie blöd nicken.

Toni sprang auf. Und für einen Augenblick dachte ich, er würde mich umarmen, vielleicht sogar küssen. Schnell wischte ich mir noch mal eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht.

Doch er lief einfach an mir vorbei, kletterte auf den Misthaufen neben dem Lehrerpult, streckte den Kopf in die Höhe und schrie: »Kikerikiii!«

Überrascht starrte ich ihn an …

… und wachte auf.

Noch immer rauschte es. Doch nun bemerkte ich, dass es der Regen war, der direkt durch das offene Fenster auf mein Kissen klatschte, dorthin, wo mein Kopf gerade noch gelegen hatte. Gerade eben, als meine Welt noch in Ordnung gewesen war. Wenn auch nur im Traum.

»So eine blöde Kacke!«, murrte ich, setzte mich auf und wischte mir meine schulterlangen, eichelbraunen Haare aus dem Gesicht. Von wegen schweißnass! Einen Augenblick lang stierte ich auf die Umzugskartons und die kahlen Wände. Dann sprang ich auf und schlug das Fenster zu.

Von meinem Zimmer aus sah ich den Hof und die Scheune, dahinter nichts mehr. Nichts als endlose Wiesen und Weiden. Bis zum Horizont erstreckte sich kilometerweite Langeweile.

Das also war mein erster Blick auf mein neues Zuhause. Wir waren erst spät in der Nacht angekommen. Und da war es so finster gewesen, dass ich von der Umgebung nichts mitbekommen hatte.

Wie heißt es noch? Der erste Eindruck trügt nicht? Tja, was soll ich sagen? Alles war grau: der Himmel, der Regen, die Felder. Nur der Wald, der wie eine düstere Wand den Horizont säumte, war noch dunkler. Fast schwarz.

So schwarz wie meine Laune.

»Kikerikiii!«, schallte es über den Hof.

Der Hahn war der einzige Farbklecks in der grauen Einöde im Morgenlicht. Er stolzierte über den Hof und hielt nur ab und zu an, um zu krähen.

Von wegen Toni.

Kawumm!

Ein lautes Poltern riss mich aus meinen Gedanken.

»Verdammt!« Die hohe Quietschstimme, das war Susi, meine neue Stiefmutter. Als sie meinen Papa geheiratet hatte, fand ich sie ja noch ganz okay, aber da wusste ich auch noch nichts von den Umzugsplänen! Denn kaum hatten die beiden ihre Heiratsurkunde unterzeichnet, unterschrieben sie auch schon den Kaufvertrag für diesen heruntergekommenen Bauernhof. Und danach ging es so weiter. Schritt für Schritt unterschrieben sie einfach mein ganzes Leben weg: Es folgten nämlich Papas und Susis Kündigungsschreiben für ihre Jobs, für unsere Wohnung und für meine Schule. Und am Schluss bekam auch das Umzugsunternehmen noch einen unterzeichneten Wisch.

Und damit haben die beiden mein Schicksal besiegelt. Kurz darauf packten Susi und Papa unsere Koffer (auch meinen, denn ich weigerte mich bis zum Schluss, auch nur einen Handschlag zu tun), schmissen alles in Kisten und Kartons, und ein paar Tage später waren wir hier, am anderen Ende des Landes. Am Hintern davon. Um nicht zu sagen: Arsch.

Mit düsteren Gedanken im Kopf schlurfte ich die Treppe hinunter in die Küche. Dort saß Susi auf dem Fußboden, die Tür vom Küchenschrank im Schoß.

Papa linste in den Schrank hinein und wich plötzlich einen Schritt zurück. »Boah, da drin stinkt’s!«, rief er.

»Der ganze Umzug hierher stinkt«, sagte ich.

Ich meine, niemand, der ganz bei Verstand ist, würde hierherziehen. Niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, wenn er denn überhaupt einen ordentlichen Schrank hätte und keinen, der schon bei einer einzigen Berührung zusammenbricht, würde so eine Bruchbude kaufen.

Niemand außer meinem Vater und Susi.

»Guten Morgen, Ella«, sagte Papa und ignorierte meinen Kommentar. So, wie er bisher alle meine Kommentare zum und Argumente gegen den Umzug ignoriert hatte.

Ich setzte mich auf einen Karton.

»Oh, du hast schon geduscht!« Susi lächelte mich an.

Ich schwieg.

»Ist es nicht schön hier? Kein Straßenlärm, keine Hektik …«

»Nur so ein blöder Hahn«, entgegnete ich.

»Ach, daran wirst du dich schon gewöhnen.«

Niemals!

Papa lachte, und ich blitzte ihn wütend an. Da wurde er schnell wieder ernst. »Ich weiß, Ella, das mit dem Umzug kam jetzt alles sehr plötzlich. Aber diese Gelegenheit konnten wir doch unmöglich sausen lassen. Das musst du verstehen. Susis Traum war schon immer eine eigene Tierarztpraxis. Und ich kann endlich meinen eigenen Catering-Service starten, vielleicht sogar einen Hofladen eröffnen. Bei den Miet- und Kaufpreisen in der Stadt wäre das unmöglich gewesen. Und dieses Angebot konnten wir uns nicht entgehen …«

»Und was ist mit meinem Traum?«, fuhr ich dazwischen. Mein Traum, müsst ihr wissen, war die Party bei Toni, meinem absoluten Traumtypen, im wahrsten Sinne des Wortes.

»Sieh es doch mal positiv. Es sind Sommerferien, und du hast genug Zeit, dich einzuleben. Bestimmt findest du bald Anschluss hier – so groß ist der Ort ja schließlich nicht«, sagte Papa.

Ort? Hier gab es einen Ort? Ich hatte von meinem Fenster aus nichts gesehen.

Ich schüttelte nur den Kopf. Dieses Gespräch hatten wir bestimmt schon 173 Mal geführt. Papa verstand mich einfach nicht. Ob ich versuchen sollte, seine Sprache zu sprechen?

»Papa«, sagte ich also und ließ meine Stimme zuckersüß klingen, »in München lief für mich alles so gut wie … äh … wie für eine Fruchtfliege auf einer Papaya.« Papa liebt Papayas! Und Susi müsste doch Fruchtfliegen mögen, so als Tierärztin, oder? Und es stimmte ja auch: Es lief gut für mich, denn Toni hatte mich wirklich zu seiner Geburtstagsparty eingeladen. Wenn auch nicht während einer Theaterprobe, sondern direkt danach, und auch nicht persönlich, sondern per Einladungskarte.

Die Party sollte in zwei Wochen stattfinden! Und ich saß 742 Kilometer von Tonis Wohnung entfernt auf dem Land fest.

Papa guckte mich verständnislos an. Also versuchte ich es noch mal. »In München bin ich zu Hause. So wie eine Fledermaus in einer Höhle.«

Papa runzelte die Stirn, aber er sagte immer noch nichts. Ich seufzte und fuhr fort: »Also, hier fühle ich mich wie eine Fruchtfliege auf … hm … einem Blauschimmelkäse?«

Ich bin mir nicht sicher, wie eine Fruchtfliege sich auf Blauschimmelkäse fühlt. Aber wenn ich eine wäre, würde ich garantiert kotzen.

»Ella«, wunderte sich Papa, »seit wann interessieren dich denn Fruchtfliegen?«

Jetzt mischte sich auch noch Susi ein. »Übrigens«, sagte sie, »es gibt auch Fledermäuse, die in Bäumen wohnen.«

Ich warf Susi einen bösen Blick zu. Leider sah sie das nicht, denn sie himmelte schon wieder Papa an.

»Sieh es doch mal so«, meinte Papa. »Selbst Elefanten lassen sich umsiedeln. Und Elefanten haben bekanntlich ein sehr langes Gedächtnis.«

Ich seufzte noch einmal. »Elefanten werden vorher aber wenigstens betäubt.«

Nach dieser, wie ich fand, äußerst klugen Anmerkung, saßen wir drei eine Weile nur schweigend da. Ich spürte, wie Papa und Susi mich beobachteten, aber weil ich nichts mehr sagte, fingen sie an, sich über irgendwas anderes zu unterhalten. Keine Ahnung worüber. Ich hörte nicht zu.

Irgendwo im Haus klingelte ein Handy. Meins? Ich überlegte gerade, ob ich hochlaufen sollte, um ranzugehen, als eine fröhliche Stimme »Guten Morgen« flötete.

Ich schüttelte mich und blickte auf.

»Habt ihr auch so gut geschlafen?«, fuhr die Stimme fort. »Das muss die gute Landluft sein!«

Ach so, ja, das hätte ich fast vergessen. Darf ich vorstellen? Dodo. Meine beste Freundin.

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Kapitel 2

Dodo ist übrigens ganz anders als diese dicken, hässlichen Hühner mit den viel zu großen Schnäbeln, die bis auf das letzte ihrer Art von Seefahrern aufgegessen wurden.

Obwohl auch meine Dodo etwas vogelhaft wirken kann. Sie spricht nämlich immer in so einem fröhlichen Singsang. Hässlich ist sie auch nicht, obwohl ihre Nase ziemlich spitz und daher doch ein wenig schnabelartig ist.

Dodo heißt eigentlich Dorothea-Viola und sie ist Susis Tochter. Und somit nicht nur meine beste Freundin, sondern – ganz klar – neuerdings auch meine Schwester. Genauer gesagt meine Stiefschwester. Oder noch genauer: meine genau gleichaltrige Stiefschwester. Und an diesem Morgen meine viel zu gut gelaunte Stiefschwester. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete ich sie, aber sie tippelte nur glücklich in der Küche herum, klemmte dabei ihre goldbraunen, lockigen Haare hinter die Ohren und gab ihrer Mutter und meinem Vater jeweils ein Küsschen auf die Wange. Ich verzog meinen Mund:
Dodo und ich waren normalerweise und ansonsten immer einer Meinung gewesen. Und als unsere Eltern sich wegen uns kennengelernt, verliebt und dann sogar geheiratet hatten, fanden wir das toll. Aber was diesen Umzugsalbtraum anging, da hatten wir plötzlich so ganz unterschiedliche Ansichten.

Zielstrebig öffnete Dodo einen Karton, holte eine Packung Müsli und einen Liter haltbare Milch heraus und fragte: »Habt ihr auch so einen Hunger?«

Ich schloss die Augen und zählte bis sieben. Ich weiß nicht, warum, aber vielleicht war es Dodos glücklicher Tonfall, der das absolute Gegenteil zu meiner Stimmung war, vielleicht war es auch einfach dieser Augenblick, in dem mir klar wurde, dass ich nun wirklich auf diesem Hof leben und dort bleiben sollte. Wahrscheinlich wurde mir in diesem Moment endgültig klar, dass einfach nichts mehr so war oder je wieder so sein würde wie vorher.

Und dass ich es wohl wirklich nicht zu Tonis Party schaffen würde.

Als mein Vater neben mir einen weiteren Karton öffnete und klapperndes Geschirr herausnahm, Susi und Dodo lauthals über ihr anscheinend unendliches Glück plapperten, nun an diesem schönen Fleckchen leben zu dürfen, da schossen mir plötzlich Tränen in die Augen.

War ich denn die Einzige, die Heimweh hatte? Die Einzige hier, die sich in ihr altes Leben zurücksehnte?
Ich versuchte die Tränen herunterzuschlucken. Aber es ging nicht, es waren zu viele. Also stand ich auf und stürmte hinaus.

Denn vor Dodo und den anderen wollte ich nicht weinen. Ich wollte nur noch weg. Doch gerade, als ich Richtung Haustür rannte, hörte ich plötzlich, wie oben in meinem Zimmer mein Handy erneut klingelte.

Ich hielt inne. Wer rief mich denn jetzt an? Hoffnung flatterte in meinem Bauch. War das vielleicht Toni? Er hatte mich noch nie angerufen, aber jetzt, wo ich weggezogen war, da vermisste er mich vielleicht plötz…

Die Türklingel riss mich aus meinen Gedanken. Ich atmete tief durch, wischte mir mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht und öffnete die Tür einen Spaltbreit.

»Lieferung für Herrn Kamitzki«, sagte der Mann, der dort im Blaumann und mit Kappe auf dem Kopf vor mir stand. »Sind Sie das?«

»Seh ich so aus?«, raunzte ich ihn an. Ich war enttäuscht. Irgendwie und insgeheim, so für eine halbe Sekunde ungefähr, da hatte ich nämlich fast gehofft, dass Toni vor der Tür stand, um mich hier aus der Einöde zu retten.

»Wohnen Sie hier?«, fragte er mich ungerührt und fummelte einen Zettel aus der Hosentasche.

»Nicht gerne«, erwiderte ich. »Und nicht freiwillig, und wenn Sie es genau wissen wollen …«

»Hier ist der Lieferschein«, unterbrach mich der Typ, der es anscheinend nicht genau wissen wollte, und drückte mir den Zettel in die Hand. »Bezahlt sind sie schon.«

»Aber …«, setzte ich an, doch der Mann drehte sich einfach um, stieg in seinen Lieferwagen und brauste davon, ohne mir auch nur einen weiteren Blick zuzuwerfen.

»Was soll das?«, murmelte ich leise vor mich hin. »Der Kamitzkityp ist doch tot. Deswegen muss ich jetzt ja hier leben. Und wer sind überhaupt sie«?

»Wer sind was?« Dodo, Susi und Papa standen mit einem Mal neben mir.

Doch ich brauchte nicht mehr antworten, denn im gleichen Moment sahen wir sie. Und wir hörten sie, denn sie waren ziemlich laut.

Ich hielt meine Ohren zu und starrte entsetzt auf die Albträume vor mir. Selbst der Hahn suchte bei so einem fürchterlichen Lärm das Weite.

»Oh …«, machte Susi überrascht, während Dodo kichernd in den Hof lief und überflüssigerweise das rief, was wir alle sehen konnten: »Gänse!«

Susi und Papa folgten ihr und strahlten die drei Vögel um die Wette an.

»Wir müssen die zurückgeben«, sagte ich laut. »Die hat noch dieser Kamitzki bestellt.«

»Dann gehören sie jetzt uns«, sagte Papa. »Wir haben doch den Bauernhof mit allem gekauft, was dazugehört.«

Ich seufzte aus tiefstem Herzen, was natürlich niemanden interessierte. Aber vielleicht hatte es auch einfach niemand gehört, so laut wie die dämlichen Federviecher gackerten.

»Wir brauchen Futter!«, rief Susi.

»Hühnerfutter tut es auch«, antwortete Papa. »Vielleicht ist was in der Scheune.«

»Die ist abgeschlossen«, sagte Susi. »Ella, bringst du mir mal den Schlüsselbund, der neben der Tür hängt?«

Ich seufzte noch einmal, für mich ganz allein, schnappte mir die Schlüssel und machte ein paar Schritte in den Hof. Es nieselte immer noch, aber die Luft war warm.

Doch kaum näherte ich mich den anderen, hörten die Gänse mit einem Mal auf zu gackern und begannen zu fauchen. Wer hätte gedacht, dass die so fauchen können? Und dass sie so schnell sind? Wie drei fauchende Furien fegten die Tiere auf mich zu.

Panisch wollte ich zurück ins Haus rennen, aber plötzlich war einer von den Riesenvögeln direkt hinter mir und versperrte mir den Weg. Mit ihrem nach mir schnappenden Schnabel kam die Gans direkt auf mich zu und biss mir in die Hand! Vor Schreck und vor Schmerzen ließ ich den Schlüsselbund fallen. Dodo rief irgendwas, aber ich konnte sie nicht verstehen.

Ich rannte los, am Schuppen vorbei in den Garten, und in der Mitte stand sie: diese ziemlich hohe, ziemlich alte und total verrostete Kinderrutsche.

Hinter mir schnatterte und schnappte und fauchte es. Konnten diese gigantischen Gänse eigentlich auch fliegen? Ich hoffte nicht. Ich kletterte also, so schnell ich konnte, auf die Leiter und dann die Rutsche hinauf. Dabei muss ich irgendwo hängen geblieben sein. Denn ich hörte, wie der Stoff meines Nachthemdes riss. Na, super! Auch das noch.

Schnaufend setzte ich mich auf die Rutsche und sah mich um. Die Gänse schnatterten noch immer aufgebracht, aber jetzt war es ein anderer Vogel, der mir Angst machte. Denn auf der Rutsche saß schon jemand: der Hahn.

Der konnte anscheinend fliegen! Und wollte anscheinend auch Reißaus vor den Gänsen nehmen. Denn er flatterte aufgebracht mit den Flügeln, flog dann ein bisschen in die Höhe und landete, man glaubt es kaum, auf meinem Kopf.

Unter mir waren also die fauchenden Gänse, auf meinen Haaren saß der gackernde Hahn. Und Dodo stand lachend am Gartentor.

Sie lachte und lachte und lachte. Ich guckte sie böse an, aber ich weiß nicht genau, ob man überhaupt böse aussehen kann, wenn einem ein Hahn auf dem Kopf sitzt. Ganz zu schweigen von den zerzausten Haaren und dem gerissenen Nachthemd.

Und während Dodo mich auslachte, zogen die Gänse ab. Einfach so.

Wieso hatten mich die doofen Viecher überhaupt gejagt? Und warum ließen sie Dodo in Ruhe?

Der Hahn hatte sich mittlerweile irgendwie in meinen Haaren verheddert und zuckte aufgebracht auf meinem Kopf herum. Aber er saß fest.

Ich wollte am liebsten heulen. Das schien auch Dodo zu merken, denn endlich hatte sie Mitleid mit mir.

»Ich helfe dir«, kicherte sie und kletterte die Leiter hinauf.

Sie streckte ihre Hände nach dem Hahn aus, doch der flatterte wie verrückt mit den Flügeln, und Dodo verlor das Gleichgewicht. Mit einem spitzen Schrei fiel sie nach vorne und auf mich drauf.

Ich konnte mich nicht mehr halten. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, glitschten wir – wusch – die Rutsche hinunter. Auf meinem Kopf der Hahn, und auf uns beiden Dodo.

Bong!

Irgendein Körperteil von Dodo knallte gegen die Rutschenkante. Sie kreischte: »Au, verdammt!«

Und schon waren wir unten.

Oder nicht?

Der Hahn ist jedenfalls plötzlich weg.

Und Dodo auch.

Überhaupt ist alles weg: die Rutsche, die Gänse, der Garten.

Stattdessen sitze ich auf einem Karton in der Küche. Papa sagt gerade: »Ella, seit wann interessieren dich denn Fruchtfliegen?«

WAS???

Ich kann nur den Kopf schütteln. Ich glaube, ich träume.

»Übrigens«, meldet sich da Susi zu Wort, »es gibt auch Fledermäuse, die in Bäumen wohnen.«

Ich mache die Augen zu. Und wieder auf.

Papa spricht weiter: »Sieh es doch mal so: Selbst Elefanten lassen sich umsiedeln.«

Dieses Gespräch haben wir doch gerade eben geführt!

Bevor Dodo mit ihrer guten Laune auftauchte.

Bevor die Gänse kamen.

Bevor ich mit dem Hahn auf dem Kopf auf der Rutsche saß.

Aber wieso bin ich jetzt wieder in der Küche?

Ich gucke mich um. Susi nickt Papa zu und lächelt mich danach an. Ich reibe mir die Augen. Schüttele den Kopf. Immer wieder schüttele ich den Kopf.

»Und Elefanten haben bekanntlich ein sehr langes Gedächtnis«, dröhnt Papas Stimme weiter in meinem Ohr, aber ich höre gar nicht mehr richtig zu.

Außerdem kenne ich das Gespräch ja schon.

Mit der Hand fahre ich durch meine zerzausten Haare. Sie sind noch nass vom Regen, der mich geweckt hat. Aber irgendwas steckt darin. Vorsichtig ziehe ich es heraus.

Es ist eine Feder.

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Kapitel 3

Susi betrachtete das Ding in meiner Hand. »Eine Hahnenfeder«, sagte sie.

Wie in Zeitlupe legte ich die Feder beiseite.

»Warst du heute früh schon draußen?«, fragte Papa.

»I-ich …«, stammelte ich, aber mehr ging noch nicht. Ich glaube, ich stand unter Schock. Hatte ich nicht eben noch auf der Rutsche gesessen? Hatte ich das alles gerade geträumt? Und wo war eigentlich Dodo?

»Wusstest du, dass Hahnenfedern im Mittelalter ein Zeichen für den Teufel waren?«, fragte Susi, nahm die Feder und hängte sie an den Kühlschrank.

Bei dem Wort Teufel lief mir ein Schauer über den Rücken. War das ein böses Omen?

Ich sprang auf und sah aus dem Fenster. Hinter mir unterhielten sich Papa und Susi über Federn, während ich den Hof mit den Augen absuchte. Keine Gans weit und breit. Nur der Hahn stolzierte dort herum, ganz so, als wäre er hier der Chef.

Ich schüttelte noch einmal den Kopf, als könnte ich damit das Geschehene wegschütteln. Als könnte ich mein Gehirn dazu zwingen, irgendwie Sinn daraus zu machen, was mir gerade passiert war.

Wenn Dodo nämlich nicht in der Küche war und Papa mit mir gerade eben noch das Fruchtfliegengespräch geführt hatte, dann war ich irgendwie in der Zeit zurückge…ge…ge… was? Gereist? Gesprungen? Gerutscht?

Aber das war doch absoluter Blödsinn.

Wie ein Schlafwandler lief ich in den Flur.

Wenn es so wäre, dann müsste Dodo gleich runterkommen, kurz bevor der Typ die Gänse bringen würde und mein Handy …

Es klingelte oben in meinem Zimmer.

Ich blickte auf. Dodo stand auf dem Treppenabsatz über mir. Der Blick, den sie mir zuwarf, verriet, dass auch sie ahnte, vielleicht fürchtete, vielleicht genau wie ich wusste, dass gerade etwas ganz Großes passiert war.

Wir starrten uns einen Augenblick an.

Mein Handy verstummte.

Es klingelte an der Tür.

Ich rührte mich nicht, starrte nur weiter zu Dodo.

»Mach auf«, wisperte sie, und ihre Stimme klang überhaupt nicht so zwitschernd wie sonst. Sie kam die letzten Stufen hinab und stellte sich neben mich.

Mit klopfendem Herzen öffnete ich die Tür.

Da stand er tatsächlich: der Typ im Blaumann. Er leierte seinen Spruch runter, drückte mir den Lieferschein in die Hände und rauschte wieder davon.

Plötzlich schubste Dodo mich an. Sie war ganz blass geworden. Und ich wusste auch genau, warum, schließlich hatte ich Augen im Kopf.

Gemeinsam und nach wie vor schweigend starrten wir in den Hof. Ich öffnete den Mund, aber schloss ihn dann gleich wieder. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich bekam eine Gänsehaut. Aber das war alles, was gänseartig war. Denn von den Gänsen fehlte jede Spur.

Papa und Susi tauchten nun auch neben uns auf und fragten, was los sei. Stumm zeigte ich hinaus.

»Oh«, rief Susi ganz verzückt und rannte in den Hof. »Truthähne!«

»Wo sind die Gänse?«, krächzte Dodo heiser in mein Ohr. »Wir waren auf dieser Rutsche.« Dodo flüsterte. »Und dann …«, sie blinzelte ganz langsam, wie eine verschlafene Eule. »Ich hab mir den Ellenbogen gestoßen, als wir …«

»Ich weiß«, unterbrach ich sie und zeigte auf die Vögel. »Wieso hat der Typ jetzt Truthähne gebracht?« Obwohl das womöglich gar nicht die erste Frage hätte sein sollen. Vielleicht eher die vierte oder fünfte. Nach: Was ist uns passiert? Sind wir verrückt? Wie konnte das passieren? Zeitreisen gibt es doch nicht, oder? Und vor allem: Warum mussten wir überhaupt hierher an diesen Ort kommen?

Dodo zuckte mit den Schultern. »Als Letztes waren wir auf der Rutsche, bevor …« Ihre Stimme wurde noch leiser. »Bevor wir …« Aber ihr fiel nichts ein.

»Ich …«, begann ich, aber auch mir fehlten die Worte, also nickte ich nur.

Da zog Dodo mich zur Terrassentür, die vom Wohnzimmer direkt in den hinteren Teil des Hofes führte.

Wir mussten also nur noch über den Zaun, und dann standen wir schon neben der Scheune in dem kleinen Garten vor der Rutsche.

Dodo kletterte die Leiter hinauf. Ich zögerte.

»Wir müssen es probieren«, sagte sie. »Ich kann einfach nicht glauben, dass wir eben …« Sie verstummte erneut. Unmögliches kann man auch unmöglich in Worte fassen.

Ich nickte, ich wusste ja, was sie meinte.

Mit einem Seufzer folgte ich Dodo auf die Rutsche. Dabei fiel es mir auf. Ich zeigte in den Himmel und murmelte. »Die Sonne scheint.«

»Ja, es ist ein schöner Tag.« Dodo zog die Augenbrauen hoch.

Ich schüttelte den Kopf. »Aber verstehst du denn nicht? Eben, als wir hier waren, da hat es doch geregnet.«

»Stimmt!« Dodo runzelte die Stirn. Aber dann lächelte sie ein bisschen. »Es ist Sommer, Ella. Da wechselt es doch öfter mal von Regen zu Sonne.«

»Hm«, machte ich nur. Mir war nichts mehr geheuer.

Aber als ich da oben hinter Dodo saß und mich an sie klammerte, musste ich plötzlich doch kichern. Das Ganze war so unwirklich. Vielleicht war ich auch einfach nur hysterisch.

»Eigentlich sind wir doch viel zu alt zum Rutschen«, sagte ich.

Dodo antwortete nicht.

»Na gut, also los!«, flüsterte ich nach einer Weile.

Dodo nickte nur, aber sie drehte sich nicht noch einmal zu mir um.

Wir rutschten hinab.

Die Rutsche ist weg. Dodo auch. Ich sitze auf einem Karton in der Küche.

Papa sagt: »Ella, seit wann interessieren dich denn Fruchtfliegen?«

Ich sprang auf, sprintete aus der Küche durch den Flur und die Treppe hinauf. Papa rief mir noch irgendetwas hinterher, aber da war ich schon in Dodos Zimmer gestürmt.

Meine beste Freundin stand mitten im Raum, sodass ich sie fast umgenietet hätte.

»Es ist 8.13 Uhr«, sagte sie und deutete auf ihr Smartphone.

»Hast du vorhin auch auf die Uhr geguckt?«, fragte ich und verbesserte mich: »Beziehungsweise eben, bevor wir … du weißt schon.«

Dodo schüttelte den Kopf, dann nickte sie. »Beim ersten Mal nicht«, sagte sie. »Also, als ich einfach normal aufgewacht bin. Aber eben, als die Truthähne …« Dodo holte tief Luft und fuhr fort: »Da war es fünf nach acht. Ungefähr.« Sie öffnete einen kleinen Umzugskarton, fischte daraus ein Notizbuch und einen Stift hervor. Sie notierte die Uhrzeiten.

»Gleich müsste der Gänsetyp kommen«, murmelte sie.

»Und mein Handy klingeln«, sagte ich. »Ich hole es mal!«

Ich lief in das Zimmer nebenan. Mein Zimmer wollte ich, konnte ich es noch nicht nennen.