Über dieses Buch
London, 1914. Als drei junge Frauen ihre Ausbildung am Londoner Nightingale Hospital beginnen, geht für jede von ihnen ein Traum in Erfüllung. Doch für ihr persönliches Glück müssen sie Opfer bringen. Während die aus einfachsten Verhältnissen stammende Sadie alles daransetzt, ihre Herkunft zu verbergen, erfährt Sonnenschein Anna zum ersten Mal, was es heißt, nicht dazuzugehören. Und Kate, die wie ihre Brüder Medizin studieren will, muss gegen den erbitterten Widerstand ihres Vaters kämpfen …
Über die Autorin
Donna Douglas wuchs in London auf, lebt jedoch inzwischen mit ihrem Ehemann in New York. Ihre Serie um die Schwesternschülerinnen des berühmten Londoner Nightingale Hospitals wurde in England zu einem Überraschungserfolg. Mehr über die Autorin und ihre Bücher erfahren Sie unter www.donnadouglas.co.uk oder auf ihrem Blog unter donnadouglasauthor.wordpress.com.
DONNA DOUGLAS
DIE NIGHTINGALE
SCHWESTERN
Aufbruch in ein neues Leben
Roman
Aus dem Englischen von
Ulrike Moreno
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2018 by Donna Douglas
Titel der englischen Originalausgabe: »A Nightingale Christmas Promise«
Arrow Books, an imprint of The Random House Group Limited, London
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Anja Lademacher, Bonn
Umschlaggestaltung: Tanja Østlyngen
Unter Verwendung von Motiven von © Colin Thomas, London
und © shutterstock: Erik Laan | FocusStocker |
Popmarleo |Olly Molly | Silver Spiral Arts
E-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf
ISBN 978-3-7325-9497-9
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Für Jacqui und Brian Quennell
mit viel Liebe!
Heiligabend 1913
»Verdammt!«, murmelte Anna vor sich hin.
»Das hab ich gehört!«, sagte ihre Schwester Liesel, die auf der anderen Seite der Backstube in der Bäckerei der Familie stand. »Ich werde Mutter sagen, dass du geflucht hast.«
»Ich konnte es mir nicht verkneifen.« Anna legte ihren Spritzbeutel hin und starrte stirnrunzelnd den Klacks Glasur auf der makellosen Oberfläche der Weihnachtstorte an. Sie hatte Stunden gebraucht, um das filigrane Muster aus miteinander verflochtenen Stechpalmen- und Efeublättern zu kreieren, und nun war es ruiniert.
»Lass mal sehen.« Edward Stanning, der Lehrling ihres Vaters, ließ den Teig liegen, den er gerade knetete, und ging zu den Mädchen hinüber, um sich den Schaden anzusehen. »So schlimm ist es auch wieder nicht«, meinte er. »Nichts, was sich nicht in Ordnung bringen ließe.«
Anna beugte sich über die Torte und strich den Klacks mit einer Fingerspitze glatt. »Aber ich wollte, dass sie wirklich perfekt wird. Papa sagte, sie sei für eine ganz besondere Kundin.«
»Anna hat einen Fe-he-ler gemacht«, trällerte Liesel, um sie zu ärgern. »Papa wird sich nie wieder auf dich verlassen können.«
»Ach, halt die Klappe, Liesel!«, fauchte Anna. »Kein Wunder, dass ich mich nicht konzentrieren kann bei deinem ständigen Geschwätz!«
Liesel streckte ihr die Zunge heraus. »Was kann ich dafür, dass ich gute Laune habe? Schließlich haben wir heute Heiligabend.«
»Als ob ich das nicht wüsste!« Anna reckte sich auf und wischte sich mit dem Saum ihrer Schürze die Stirn ab. Draußen vor dem beschlagenen Fenster wirbelte ein eisiger Wind den Schnee umher, und dennoch konnte Anna die Schweißtropfen zwischen ihren Schulterblättern spüren, die ihr in kleinen Rinnsalen über den Rücken liefen. »Ich bin seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen und habe Papa geholfen, die Öfen anzuzünden und die ersten Bleche Brot fertigzumachen – während du noch schnarchend in den Federn lagst!«, hielt sie Liesel vor.
»Ich schnarche nicht!« Liesel errötete. »Außerdem habe ich sowieso kaum ein Auge zugemacht bei dem Lärm, den ihr beide hier unten mit den Backblechen und eurer lauten Singerei veranstaltet habt.«
»Papa singt nun mal gerne Weihnachtslieder, wenn er arbeitet.« Stille Nacht und Ihr Kinderlein kommet waren die Lieblingslieder aus seiner früheren deutschen Heimat, die er zu dieser Jahreszeit immer sang.
»Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all«, sang Edward.
»Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall«, fiel Anna ein.
»Hört auf damit, ihr zwei. Ihr hört euch an wie zwei krakeelende Kater draußen in der Gasse!« Liesel hielt sich die Ohren zu. »Ihr seid zum Arbeiten hier, oder habt ihr das bereits vergessen?«
»Und du auch«, versetzte Anna. »Hast du nach den Brotlaiben im Ofen geschaut? Sie müssten eigentlich schon fertig sein.« Sie blickte zur Wanduhr hinauf. Es war fast drei Uhr, also nur noch eine Stunde vor Geschäftsschluss, aber das Glöckchen über der Ladentür hatte nicht mehr aufgehört zu klingeln, seit ihr Vater die Bäckerei am frühen Morgen geöffnet hatte.
»Vielen Dank auch, aber ich weiß, was ich tue«, sagte Liesel in einem beleidigten Ton. »Nur weil du die Älteste bist, kannst du mich noch lange nicht herumkommandieren.«
»Ich kommandiere dich nicht herum, ich ermahne dich nur. Du weißt doch selbst, wie unachtsam du sein kannst.«
»Fass dich an die eigene Nase! Schließlich hast du gerade Papas Torte ruiniert!«
Anna wandte sich traurig wieder der besagten Torte zu, die auf dem Ständer vor ihr stand. Es war ihr zwar gelungen, den Klacks Zuckerguss einigermaßen glattzustreichen, aber er war leider noch immer sichtbar.
»Und überhaupt! Ich weiß ja nicht mal, warum ich in der Backstube aushelfen muss«, fuhr Liesel mürrisch fort. »Wo ich doch eigentlich wie immer mit Mutter hinter der Theke stehen sollte …«
»Du weißt doch, dass Papa zu Weihnachten immer gerne selbst bedient.« Hinter den Türen, die in den Laden führten, konnte Anna ihren Vater mit seinen Kundinnen lachen und scherzen hören. Wie immer würde er auch heute allen Kindern Marzipan-Schweinchen und Ähnliches schenken und ihnen beibringen, wie man auf Deutsch »Frohe Weihnachten« sagte. »Außerdem willst du sowieso nur da draußen sein, um mit Jungs zu flirten!«
»Das ist nicht wahr!« Liesel errötete bis in die Spitzen ihrer blonden Haare.
»Ärgere deine Schwester nicht.« Edward grinste Anna an. »Sie ist schon sechzehn und darf flirten, mit wem sie will.«
»Genauso ist es! Im Übrigen sagt Papa, es heitere die Kunden auf, ein hübsches Gesicht hinter der Theke zu sehen«, brüstete sich Liesel. »Was wohl auch der Grund dafür sein dürfte, dass er dich in die Backstube verbannt!«, schloss sie lachend.
»Ich bin in der Backstube, weil ich die Einzige bin, der Papa was beibringen kann!«, gab Anna zurück. Aber sie war verletzt, weil ihr nur allzu gut bewusst war, dass Liesel das blonde Haar und die blauen Augen ihrer Mutter hatte, während sie den sehr schlanken Körperbau und das rötlich braune Haar ihres Vaters geerbt hatte. Und während Liesel mit ihren sechzehn Jahren an den richtigen Stellen sanfte weibliche Rundungen aufwies, wartete Anna mit einundzwanzig immer noch darauf, dass ihre knabenhafte Figur endlich weiblichere Formen annahm. Wenn sie in den Spiegel blickte, sah sie nichts als ihre Mängel: Ihre dunklen Augen waren zu klein, ihre Haut ein wenig zu gelblich und das Kinn viel zu spitz, als dass man sie jemals als hübsch bezeichnen würde.
»Und ganz abgesehen davon bin ich gerne hier«, sagte sie trotzig. Vor allem in dieser bitterkalten Jahreszeit, in der es so angenehm warm war in der Backstube und die Luft dort vom köstlichen Duft nach Zimt, Gewürznelken, Mandeln, Zucker und frisch gebackenem Brot erfüllt war.
Sämtliche Oberflächen waren mit Backblechen voller abkühlender Brote und Pasteten bedeckt, und hinzu kamen die Weihnachtsspezialitäten aus dem heimatlichen Deutschland ihres Vaters: mit Ingwer gewürzte Lebkuchen, süße Plätzchen, die so fein und zart waren, dass sie auf der Zunge zergingen, und natürlich fehlte auch das Lieblingsgebäck ihres Vaters nicht, die mit einer dicken Schicht Puderzucker bestäubten und mit Marzipan gefüllten Früchtestollen.
Und schließlich waren da auch noch die in hübschen, mit Schleifen verzierten Schachteln verpackten Weihnachtstorten. Jede Torte war ein Einzelstück und besaß eine einzigartige filigrane Verzierung aus frostig funkelndem Zuckerwerk. »Kunstwerke, in denen sehr viel Liebe steckt«, pflegte ihr Vater sie zu nennen.
»Und wenn Anna immer im Laden gewesen wäre, hätten wir vielleicht nie Zeit miteinander verbracht und uns vielleicht auch nie verliebt.« Edward schlang seine Arme um Anna und küsste sie auf den Nacken.
Liesel runzelte die Stirn. »Das erzähle ich Papa …«
Im selben Moment öffnete sich die Küchentür, und Friedrich Beck und ihre Mutter traten ein.
»Ich sage doch nur, du hättest ihn ihr nicht geben sollen«, protestierte Dorothy Beck gerade. »Sie hat bisher nicht mal ihre Rechnung vom vergangenen Monat bezahlt.«
»Es ist Weihnachten, meine Liebe. Sollte ich die arme Frau da etwa abweisen?« Selbst nach fünfundzwanzig Jahren sprach Friedrich noch mit deutschem Akzent.
»Die arme Frau?«, entgegnete Dorothy verächtlich. »Wir werden arm sein, wenn du weiterhin jeden anschreiben lässt. Ist dir nicht klar, dass wir dieses Geld nie sehen werden?«
Anna und Liesel wechselten einen vielsagenden Blick.
»Mrs. Jarvis kauft schon seit zehn Jahren bei mir ein«, sagte Friedrich. »Sie ist eine meiner besten Kundinnen.«
»Wenn sie ihre Rechnung zahlt!«
Friedrich machte einen Schritt auf seine Frau zu, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und drückte einen Kuss auf ihre Stirn.
»Es wird alles gut gehen, das verspreche ich dir. Und sei mir bitte nicht böse. Es ist Weihnachten.«
Sie schob ihn errötend weg. »Euer Vater ist ein Narr, Mädchen«, sagte sie und lächelte ungeachtet ihrer Worte. »Er glaubt, er sei der Weihnachtsmann, und verteilt an Gott und jedermann Geschenke!«
»Und eure Mutter ist … wie heißt er doch noch, der Mann in dem Buch von Charles Dickens?« Friedrich runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern.
»Ebenezer Scrooge, Sir?«, half Edward ihm.
»Ja, genau! Mr. Scrooge!« Friedrich lachte. »Seht ihr, mein lieber Edward wusste genau, wen ich meinte. Offenbar kann er meinem Gedankengang folgen.«
»Aber nein … bestimmt nicht … Das wollte ich damit nicht sagen …«, stammelte Edward und machte ein beschämtes Gesicht.
»Mach dir nichts daraus«, flüsterte Anna. »Er zieht dich nur auf, Edward. Inzwischen müsstest du doch wissen, wie mein Vater ist.«
»Sie hat recht, ich hab nur Spaß gemacht, mein Junge. Hör nicht auf mich«, sagte Friedrich lächelnd. Er war ein munterer, adretter kleiner Mann mit strahlenden braunen Augen, einem eckigen Gesicht und stets glatt zurückgekämmten Haar. »Und wie kommst du mit meiner Torte voran, Schätzle?«, wandte er sich an Anna. »Ich erwarte ein Meisterwerk zu sehen.«
Anna warf Edward einen nervösen Blick zu. »Sie ist fertig, Papa.«
»Dann zeig sie mir.«
Anna biss sich auf die Lippe, als ihr Vater sich tief hinunterbeugte, um ihr Werk zu inspizieren, wobei er seine Augen prüfend zusammenzog und den Kopf mal hierhin und mal dorthin wandte, um die Torte von allen Seiten zu betrachten. Friedrich Beck würde niemals dulden, dass eine schlechte Arbeit seine Backstube verließ.
Schließlich beendete er seine Inspektion und richtete sich wieder auf.
»Perfekt!«, erklärte er.
Annas Schultern entspannten sich, und sie stieß den angehaltenen Atem aus. »Danke, Papa.«
»Du hast ein sehr geschicktes Händchen, Kind. Ich werde noch eine echte Konditormeisterin aus dir machen.« Er lächelte sie an. »Und jetzt müssen wir die Torte noch hübsch verpacken. Hol uns doch bitte eine Schachtel, Liesel. Und Seidenbänder. Eine Torte wie diese verdient es, ganz besonders schön präsentiert zu werden.«
»Für wen ist sie eigentlich?«, fragte Anna. »Du meintest, sie sei für eine ganz spezielle Kundin.«
»Oh ja, für eine wirklich sehr spezielle Kundin, Schätzle. Sie ist für deine Großmutter.«
Ein angespanntes Schweigen breitete sich in der Backstube aus. Anna warf einen schnellen Blick über die Schulter in das Gesicht ihrer Mutter, das wie erstarrt wirkte.
»Na, dann kannst du sie ja auch gleich in den Müll werfen«, sagte Dorothy mit ungewohnter Schärfe.
»Das weißt du doch gar nicht, meine Liebe«, versuchte Friedrich, sie zu beschwichtigen. »Vielleicht ist sie ja dieses Jahr bereit, uns zu verzeihen.«
»Glaub mir, da ist es wahrscheinlicher, dass Mrs. Jarvis ihre Rechnung zahlt! Wie kommst du darauf, dass es dieses Jahr anders sein könnte als in den letzten fünfundzwanzig?«
»Weil ich nicht glaube, dass jemand auf ewig verärgert sein kann«, antwortete Friedrich.
»Dann kennst du meine Mutter nicht!«
»Nein, meine Liebe, da hast du recht. Sie hat mir leider nie die Gelegenheit dazu gegeben.«
Anna sah die betrübte Miene ihres Vaters und fragte sich, wie ihre Großmutter einem so wundervollen, freundlichen Mann gegenüber so hartherzig sein konnte. Sein einziger Fehler – soweit sie wusste – bestand darin, dass er nicht der Mann war, den ihre Tochter eigentlich hatte heiraten sollen.
Sie alle hatten die Geschichte schon oft genug gehört. Ihre Mutter war ursprünglich mit einem vielversprechenden jungen Buchhalter aus der Firma ihres Vaters verlobt gewesen, aber dann hatte ein mittelloser junger Bäcker aus Stuttgart im Sturm ihr Herz erobert. Als Dorothys Eltern sich weigerten, diese Beziehung zu akzeptieren, hatte sie ihrem Verlobten den Laufpass gegeben und war mit dem jungen Bäcker durchgebrannt.
Damals hatten ihre Eltern jeglichen Kontakt zu ihr abgebrochen. Selbst als Dorothys Vater und Annas Großvater vor zehn Jahren verstorben war, hatte Großmutter Grey sich geweigert, ihrer Tochter die Teilnahme am Begräbnis zu gestatten.
Anna warf einen Blick auf das verkniffene Gesicht ihrer Mutter, aber sie wusste, dass diese Maske des Zorns nur verbarg, wie sehr es ihre Mutter immer noch schmerzte, dass sie von ihren Eltern so abgelehnt worden war.
»Es ist schade um all die Zeit und Mühe, die du dafür vergeudet hast«, sagte sie nur knapp.
»Etwas so Schönes herzustellen, ist niemals Zeitverschwendung«, entgegnete Friedrich. »Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Dinge sich im nächsten Jahr für uns ändern könnten. Was glaubst du, Edward, mein Junge?«, fragte er seinen Lehrling augenzwinkernd.
»Dein Problem ist, dass du viel zu optimistisch bist.« Dorothy griff nach einem Tuch und begann mit hektischen Bewegungen einen unsichtbaren Fleck auf der Tischplatte zu bearbeiten.
»Ja, das bin ich zweifellos«, sagte ihr Ehemann. »Aber ohne meinen Optimismus wäre ich nie in dieses Land gekommen, meine Liebe. Ich hätte niemals eine Bäckerei in Bethnal Green eröffnet und schon gar nicht gewagt zu glauben, dass sich so ein schönes junges Mädchen wie Miss Dorothy Grey in mich verlieben könnte.«
»Dann weiß ich nicht, wer von uns der größere Narr ist«, murmelte Dorothy, ohne ihre Putzerei zu unterbrechen. »Was tust du denn da?«, protestierte sie, als ihr Mann seine Arme um ihre Taille schlang und sie zu sich herumdrehte. »Lass mich los, wir haben keine Zeit für diesen Unsinn …«
Im selben Moment hörten sie die Ladenglocke.
»Da hast du ja noch mal Glück gehabt«, sagte Friedrich schmunzelnd und ließ sie los. »Na komm, dann lass uns weitermachen. Und du kommst auch mit, Liesel. Wir brauchen dein Lächeln, um die Kunden zu bezaubern.«
»Ja, Papa.« Mit einem triumphierenden Grinsen schaute Liesel ihre Schwester an und folgte ihren Eltern in den Laden.
»Gut, dass sie weg ist«, sagte Anna, als die Tür sich hinter ihnen schloss. »Sie ist hier sowieso eher ein Ärgernis als eine Hilfe.« Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. »Ich werde jetzt mal nach diesen Broten sehen …«
»Die können ruhig noch eine Minute warten.« Edward machte einen Schritt auf sie zu und versperrte ihr den Weg. »Da ist noch etwas anderes, was ich vorher tun möchte.«
Anna runzelte die Stirn. »Aber ich …« Sie kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden, weil Edward sie in die Arme nahm und küsste.
Erstaunt trat sie zurück. »Wofür war das denn?«
»Es ist Weihnachten. Warum sollte ich also nicht das Mädchen küssen, das ich liebe?«
Anna wandte ihren Blick ab und strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht. »Aber ich muss ja furchtbar aussehen.«
»Für mich siehst du so bezaubernd aus wie immer.« Und dann küsste er sie noch einmal, diesmal so lange, intensiv und leidenschaftlich, dass Anna spürte, wie ihr Widerstand unter dem Drängen seines warmen Munds dahinschmolz und jeder vernünftige Gedanke aus ihrem Bewusstsein wich …
Ein Hüsteln hinter ihr brachte sie jedoch schlagartig ins Hier und Jetzt zurück. Anna löste sich sofort von Edward und drehte sich zu einem jungen Mann um, der im Eingang stand. Er war groß und schlank, aber seine Schultern waren gebeugt und seine Kleidung schäbig. Aus dunklen Augen in einem schmalen, raubvogelartigen Gesicht starrte er sie und Edward an.
»Tom!« Eine heiße Röte schoss ihr ins Gesicht. »Ich … ich wusste nicht, dass du da bist.«
»Du hättest anklopfen sollen«, fügte Edward schroff hinzu.
Der junge Mann nahm seine Mütze ab und fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes schwarzes Haar. »Ich konnte ja nicht wissen, dass du gerade wieder mit der Tochter des Chefs rummachst.«
»Was fällt dir ein, so mit mir zu reden!«, fuhr Edward ihn an. »Du bist hier nur der Laufbursche, vergiss das nicht.«
»Und du nichts weiter als ein Angestellter.«
Edward blickte ihn aus zusammengezogenen Augen an. »Wie bitte?«
»Du hast mich schon verstanden.«
»Es wird Zeit, dass dir mal jemand Manieren beibringt!«
»Na, dann versuch’s doch mal«, entgegnete Tom spöttisch.
Anna blickte zu Edward auf und sah, wie sich seine Kiefer anspannten. »Nicht, Edward! Bitte nicht!«, beschwor sie ihn, aber er ging bereits mit geballten Fäusten auf den Laufburschen zu.
Tom straffte seine Schultern und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Anna sah, wie sein schmales Gesicht sich verfinsterte und seine dunklen Augen fast schwarz wurden und eine eiskalte Absicht offenbarten, die ihr Angst einjagte.
Sie ergriff Edward am Arm und zog ihn mit aller Kraft zurück.
»Nicht!«, bettelte sie. »Lass es bitte. Er ist es nicht wert.«
Zu ihrer großen Erleichterung blieb Edward stehen. »Sie haben recht, entschuldigen Sie, Miss«, murmelte er. »Ich habe Besseres zu tun, als mich mit einem Straßenköter herumzubalgen!«
Daraufhin drehte Anna sich zu Tom um. »Was war es denn, was du wolltest?«, fragte sie ihn so neutral wie möglich.
»Mr. Beck sagte, Sie hätten eine spezielle Lieferung, die in den Westen rauf muss«, antwortete Tom und bedachte Edwards Rücken mit einem bösen Blick.
»Oh, damit meinte er sicher diese Torte.« Anna beeilte sich, die Schachtel zu holen. »Die Adresse steht auf dem Etikett«, sagte sie, als sie ihm den Karton übergab. »Geh vorsichtig damit um, die Glasur ist noch nicht ganz fest …«
Aber Tom war schon gegangen und knallte die Tür so heftig hinter sich zu, dass der Rahmen erzitterte.
Edward sah ihm nach. »Dieser unverschämte Bengel!«, murmelte er. »Eines Tages werde ich ihm Manieren einbläuen.«
»Du solltest ihn nicht provozieren.«
»Ich habe keine Angst vor ihm.«
Das solltest du aber, dachte Anna, die den unverhohlenen Hass in Toms Augen gesehen hatte. Edward mochte zwar auch ein harter Junge aus dem East End sein, aber Tom Franklin hatte etwas wirklich sehr Bedrohliches an sich.
»Ich verstehe nicht, warum dein Vater ihn überhaupt eingestellt hat«, meinte Edward. »Hier weiß doch wirklich jeder, dass die Franklins alle Kriminelle sind.«
»Papa mag ihn eben.«
Die Franklins waren wohlbekannt im Ort. Die Familie, die aus vier mutterlosen Jungen und einem ewig betrunkenen Vater bestand, lebte in erbärmlichen Verhältnissen in der Gegend zwischen Bethnal Green und Shoreditch, die als die Hatcheries bekannt war. Anna war dort noch nie gewesen, aber sie hatte von dem dunklen Gewirr aus schmalen Gassen und den überfüllten, von Ratten, Ungeziefer und Krankheiten befallenen Behausungen dort gehört. Das Viertel hatte einen denkbar schlechten Ruf, und den hatten die Franklins auch. Sie alle hatten schon einmal im Gefängnis gesessen, der Vater wie die Söhne, und es gab Gerüchte, dass einer von ihnen sogar einen Mann getötet hatte. Aber aus irgendeinem Grund hatte ihr Vater Mitleid mit dem jüngsten Sohn der Familie gehabt und ihm eine Arbeit angeboten.
»Wie kann ein Mensch je hoffen, sich zu ändern, wenn ihm niemand hilft?«, hatte er auf die Proteste seiner Frau erwidert. »Die Menschen können einen überraschen, wenn man ihnen eine Chance gibt.«
»Dein Vater ist zu vertrauensvoll«, sagte Edward.
»Bisher hat er aber recht behalten«, widersprach Anna. Ein Jahr nachdem ihr Vater dem jungen Mann die Anstellung gegeben hatte, erschien Tom Franklin noch immer pünktlich bei Tagesanbruch in der Bäckerei und fuhr bei jedem Wetter mit seinem Fahrrad Lieferungen aus, ohne sich je zu beklagen. Er sprach kaum ein Wort mit irgendjemandem, doch er besaß die angeborene verhaltene Treue eines Hundes, der sich nach Jahren der Grausamkeit plötzlich in den Händen eines freundlichen neuen Herrn wiederfindet.
»Denk an meine Worte«, sagte Edward. »Eines Tages wird er sich umdrehen und nach der Hand, die ihn füttert, schnappen. Das ist immer so bei seinesgleichen.«
»Müssen wir eigentlich über ihn reden?«, fragte Anna. Denn Tom rief ein ungutes Gefühl in ihr hervor, weil ihr nicht gefiel, wie er sie manchmal ansah.
»Da hast du natürlich recht.« Edwards Gesichtszüge entspannten sich, und sein freundliches, unbeschwertes Lächeln kam wieder zum Vorschein. »Wir dürfen uns diesen Moment nicht von ihm verderben lassen.«
Anna runzelte die Stirn. »Was für einen Moment?«
Edward ergriff ihre Hände. »Anna, es gibt etwas, was ich dich fragen möchte …«
»Die Brote!«, rief sie plötzlich.
»Was?«
»Sie verbrennen! Riechst du das nicht?« Anna riss sich von ihm los und lief zum Backofen.
»Kannst du sie nicht für einen Moment vergessen? Wahrscheinlich sind sie inzwischen sowieso schon halb verkohlt.«
»Aber vielleicht können wir noch ein paar retten.« Anna riss die schwere Ofentür auf und trat hustend und würgend zurück, als eine Wolke beißenden Rauchs sie einhüllte.
»Anna …«
»Mach schnell ein Fenster auf, um den Rauch hinauszulassen!«, befahl sie Edward, während sie selbst zur Hintertür eilte, um sie zu öffnen.
»Anna, bitte …«
»Schon besser«, sagte sie und atmete tief die frische, kalte Luft ein. Hinter der Hofmauer konnte sie das Rumpeln von Schubkarrenrädern auf dem Kopfsteinpflaster hören, als die Hausierer und Straßenhändler auf der nahen Columbia Road ihre Waren zusammenpackten. »Aber es ist wirklich schade um das Brot. All die Mühe, die du dir gegeben hast, für nichts und wieder nichts.«
»Vergiss die Brote.«
»Aber was für eine Verschwendung …«
»Herrgott noch mal, Anna! Ich versuche, dir einen Antrag zu machen!«
Langsam drehte sie sich zu ihm um. »Was?«
Edward stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. »So war es allerdings nicht vorgesehen«, sagte er. »Und dabei hatte ich alles so schön geplant. Ich wollte eigentlich vor dir niederknien, und ich habe auch schon einen Ring für dich … Schau mal.«
Er zog ein kleines Kästchen aus seiner Schürzentasche, klappte es auf und hielt es Anna hin. »Es sollte ein ganz besonderer Moment für dich werden. Ich weiß doch, wie sehr du Weihnachten liebst«, sagte er.
Anna war so überrascht, dass ihr die Worte fehlten und sie nur sprachlos den funkelnden Ring in seinem Kästchen anstarren konnte.
Als sie wieder zu Edward aufblickte, öffnete sich jedoch im selben Augenblick die Tür, und ihr Vater, ihre Mutter und Liesel kamen einer nach dem anderen herein.
»Wir haben Geschrei gehört«, sagte Friedrich. »Hast du sie schon gefragt?«, wandte er sich dann an Edward, der zustimmend nickte. »Und?«
Dorothy hob den Kopf und schnupperte stirnrunzelnd. »Haben die Brote im Ofen Feuer gefangen?«
»Vergiss die Brote!«, tat Friedrich ihre Frage ungeduldig ab. »Unsere Tochter wird heiraten!«
»Ich weiß nicht, ob sie das tun wird«, sagte Edward. »Sie hat mir noch keine Antwort gegeben.« Dann sah er Anna an. »Und? Was sagst du?«, fragte er.
Anna erwiderte seinen Blick. Er sah regelrecht besorgt aus, als ob er je an ihrer Antwort hätte zweifeln können.
»Ich sage Ja!«, rief sie.
Sehr zu Annas Verlegenheit ließ ihr Vater es sich nicht nehmen, seiner gesamten Kundschaft von Annas bevorstehender Heirat zu erzählen. Und nicht nur das – er zog sie aus der Küche und präsentierte sie seinen Kundinnen, damit sie ihr auch gratulieren konnten.
Anna konnte sich nur allzu gut vorstellen, was sie von ihr dachten, wenn sie sie so dünn, verschwitzt und schmuddelig in ihrer fleckigen Schürze an Edwards Seite stehen sahen. Er war so ein gutaussehender Mann mit seiner großen, stattlichen Gestalt, dem blonden Haar, den blauen Augen und seinem hinreißenden Lächeln, dass sich sicherlich alle gefragt hatten, wie sie an einen so attraktiven Mann gekommen war. Schließlich konnte sie es sich selbst ja kaum erklären.
Sobald der letzte Kunde gegangen war, schloss Friedrich den Laden und lud alle unmittelbaren Nachbarn zu einer kleinen Feier ein. Da waren die Hudsons, die die Metzgerei nebenan betrieben, und die Wheelers, die das Café an der Straßenecke führten und ihr Brot und ihren Kuchen stets bei ihrem Vater kauften. Sogar Mr. Gold und seine Tochter, mit der er erst kürzlich eine Schneiderei eröffnet hatte, waren gekommen. Alle drängten sich in dem kleinen Laden, und mit dem Bier, das Mr. Hudson aus dem Angel and Crown an der Ecke mitgebracht hatte, brachten alle einen Toast auf das glückliche junge Paar aus.
Von ihren guten Wünschen überhäuft, stand Anna zwischen ihnen, war aber noch zu benommen, um das alles wirklich in sich aufzunehmen. Sie schaute nur immer wieder den Ring an ihrem Finger an und konnte kaum glauben, dass sie ihn wirklich trug.
Dann setzte ihr Vater zu einer Rede an. »Vielen Dank, liebe Freunde, dass ihr gekommen seid, um diesen ganz besonderen Tag mit uns zu feiern«, sagte er mit einem strahlenden Lächeln in die Runde. »Es macht mich sehr glücklich, Edward in unserer Familie aufzunehmen. Seit dem Tag, an dem ich ihn als Lehrling einstellte, ist er wie ein Sohn für mich … und ich hoffe sehr, auch er betrachtet mich inzwischen als Vater.«
Anna warf Edward aus dem Augenwinkel einen Blick zu. Er war in einem der von Thomas John Bernardo gegründeten Heime für mittellose Kinder in Stepney Causeway aufgewachsen, nachdem seine Mutter gestorben war und sein eigener Vater ihn im Stich gelassen hatte. Da er jedoch nie darüber sprach, konnte Anna nur vermuten, wie schwer und schmerzvoll seine Kindheit gewesen sein musste.
»Und nun wird er zu unserer Familie gehören«, fuhr Friedrich fort. »Ich kann euch gar nicht sagen, liebe Freunde, wie stolz und glücklich mich das …«
In diesem Moment schlug die Hintertür zu, und alle fuhren zusammen. Kurz darauf tauchte Tom mit einer Kuchenschachtel in den Händen in der Tür zur Küche auf.
Edward stieß einen ärgerlichen Seufzer aus. »Wie typisch, taucht hier auf und verdirbt alles«, flüsterte er.
Der junge Mann ging augenblicklich in die Defensive, straffte die Schultern und bedachte die ganze Gesellschaft mit einem bösen Blick.
»Sie wollte sie nicht«, sagte er nur knapp und hob die Kuchenschachtel hoch.
Anna schaute ihre Mutter an. Dorothy Becks Gesicht blieb unbewegt wie eine Maske, aber ihre schmalen Lippen waren weiß vor Zorn.
»Das macht nichts.« Friedrich ging freundlich lächelnd und mit ausgestreckten Händen auf Tom zu. »Du musst uns Gesellschaft leisten, mein Junge. Wir feiern, weil Anna und Edward sich verlobt haben. Ist das nicht wunderbar?«
Tom warf Edward einen finsteren Blick zu, sagte aber nichts.
»Du musst ein Glas Bier mit uns trinken …«, begann Friedrich von Neuem, aber Tom ließ ihn nicht ausreden.
»Ich kann nicht bleiben.«
»Dann musst du wenigstens die Torte mitnehmen. Als Weihnachtsgeschenk von unserer Familie an die deine.«
Toms zog die Augen voller Misstrauen zusammen, als wäre er sich nicht sicher, ob Friedrich sich über ihn lustig machte oder nicht.
»Schau ihn dir an«, flüsterte Edward Anna zu. »Ich darf gar nicht daran denken, dass all die Mühe, die du dir damit gegeben hast, an diesen Haufen Wilder verschwendet werden soll!«
Anna erwiderte nichts darauf. Es hatte schon fast etwas Bemitleidenswertes, wie deplatziert der junge Mann in seiner schäbigen Kleidung zwischen den anderen Gästen wirkte.
Aber dann schaute er plötzlich auf und suchte ihren Blick, und es lief ihr kalt über den Rücken, als sie die abgrundtiefe Verachtung in seinen Augen sah.
Tom Franklin brauchte oder wollte ihr Mitleid nicht, wie sie ihm nur allzu deutlich ansehen konnte.
Sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab, verließ Anna die Party und schlich zu ihrem Zimmer hinauf, um Atem zu schöpfen. Es war alles so schnell geschehen, dass sie sich einen Moment lang Ruhe gönnen musste, um sich über alles klarzuwerden.
Es war schon Abend, und als sie die Gaslampe neben ihrem Bett anzünden wollte, ertönte plötzlich eine Stimme aus dem Dunkel, sodass sie vor Schreck zusammenfuhr.
»Lass sie aus. Ich bin gern im Dunkeln.«
Anna fuhr herum. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie die Umrisse ihrer Schwester ausmachen, die es sich auf dem Doppelbett, das sie miteinander teilten, bequem gemacht hatte.
»Liesel? Was machst du hier oben? Ich dachte, du würdest dich auf der Party amüsieren.«
»Da unten das ist deine Party und nicht meine«, erwiderte ihre Schwester mürrisch. »Es würde doch sowieso niemand bemerken, ob ich dabei bin oder nicht.«
Anna unterdrückte einen Seufzer. Mit Liesel war einfach nicht zu reden, wenn sie ihre Launen hatte.
»Nun übertreib doch nicht so.« Anna zündete die Lampe an und drehte sie auf, bis sie den Raum mit einem sanften Licht erfüllte. Dann ging sie zu dem Spiegel hinüber und betrachtete sich prüfend. Sie sah sogar noch schlimmer aus, als sie gedacht hatte – selbst das Haar hing ihr in schlaffen glatten Strähnen um ihr blasses, müde aussehendes Gesicht.
»Anna, die Ballschönheit«, spöttelte Liesel.
»Hör auf damit.« Anna versuchte, ihr Haar im Nacken zusammenzunehmen, was aber nur die Aufmerksamkeit auf ihr knochiges Gesicht lenkte.
»Moment! Lass mich das machen«, sagte Liesel seufzend und kroch über das Bett zu Anna hinüber. »Du darfst es nicht so streng zusammennehmen, es muss weicher wirken …«
Anna sah zu, wie ihre Schwester sie kämmte, die einzelnen Haarsträhnen dann raffiniert miteinander verschlang und feststeckte und ihr störrisches Haar nach und nach in eine Frisur verwandelte, die schon beinahe hübsch aussah.
»Wann wirst du ihn heiraten?«, fragte Liesel dann plötzlich, und als Anna erstaunt zu ihr aufblickte, sah sie, dass sie sich nach wie vor intensiv mit ihrem Haar beschäftigte.
»Keine Ahnung«, sagte sie. »Aber ich denke, vorerst nicht. Wir werden erst mal sparen und eine Wohnung für uns finden müssen …«
Liesel schwieg und zog erneut den Kamm durch Annas Haar. »Ich will nicht, dass du weggehst«, entfuhr es ihr dann plötzlich.
Anna lächelte. »Aber du sagst doch immer, du könntest es kaum erwarten, dass ich ausziehe, damit du dieses Zimmer für dich allein haben kannst!«
»Ja, aber das war nie ernst gemeint.« Liesel ließ den Kamm fallen und umarmte ihre Schwester ganz unerwartet fest. »Warum müssen sich die Dinge immer ändern?«, flüsterte sie. »Ich lebe gerne hier mit dir und Mutter und Papa.«
»Ich auch.« Anna strich über Liesels weiche Locken, die nach weihnachtlichen Backgewürzen rochen. »Und daran wird sich auch nichts ändern«, sagte sie tröstend. »Edward und ich werden noch lange nicht heiraten. Und selbst wenn wir es tun sollten, werden wir nach wie vor hier in der Bäckerei arbeiten.«
»Ja, aber es wird nicht mehr dasselbe sein, weil du dann eine verheiratete Frau bist.«
»Aber noch immer deine Schwester, Li. Und selbst wenn sich wirklich etwas ändern sollte, wird es zum Besseren sein.«
»Versprichst du es mir?«
Anna dachte einen Moment nach. Eigentlich war sie vollkommen zufrieden und hatte alles, was sie wollte. Edward liebte sie und wollte sie heiraten, sie hatte eine liebevolle Familie, ein gemütliches Zuhause und eine Arbeit, die ihr Freude machte. Wenn sie in die Zukunft blickte, sah sie nur noch mehr Liebe und Glück auf sich zukommen.
Sie wünschte nur, sie hätte diesen Moment einfangen können, um ihn für immer wie einen Schatz zu hüten.
»Versprochen«, sagte sie.