Originalausgabe 2021
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© 2021 Jörg Mehrwald
Lektorat: Eric Kästchen
ISBN: 978-3-7534-3152-9
Über den Autor
Jörg Mehrwald schrieb 12 Romane, mehrere Sachbücher, drehte Doku-Kinofilme und war Autor für Hörspiele und TV-Produktionen wie "7 Tage, 7 Köpfe". Er schrieb für den ARD-Zweiteiler "Gier" von Dieter Wedel die Romanfassung. Er arbeitete für Produktionen von fünf deutschen TV-Anstalten als Drehbuch- und Gag-Autor. Auf der Insel Hiddensee gründete er 2013 das Kabarett "Lach- & Nordlichter" für das Zeltkino Hiddensee, dessen Chef er war und das er zum Arthouse-Kult-Kino machte, das 2019 den Kinokulturpreis MV erhielt. Er schrieb und spielte 17 Kabarettprogramme, darunter auch die historischen literarischen Programme, die komplett oder in Auszügen hier abgedruckt sind. In dieser Zeit entstanden auch die Theaterstücke "Faust - Schlagzeilen des Teufels" und "Rotling" (Premieren in Cottbus) und die Gesellschaftskomödie "Bull" über die Bild-Zeitung. Seine Hörbücher wurden kürzlich in zweiter Auflage als Streamversionen wieder veröffentlicht.
Mehrwald verließ 2020 Hiddensee und ist heute Gastgeber im UNESCO-Welterbe-Forum im Nationalpark Jasmund auf Rügen.
Die Handlungen und Darstellungen in diesem Buch sind rein fiktiv.
Viele historische Details und Bezüge entsprechen der damaligen Realität, dienen aber nur dem Zweck der fiktiven Erzählung.
Asta, Ringelnatz und die unbekannten Treffen auf Hiddensee
Ein Programm der Lach- & Nordlichter von Jörg Mehrwald
Die Lesung hatte 2017 Premiere im Zeltkino Hiddensee und kam dann bis zum Saisonende 2020 immer wieder zur Aufführung hauptsächlich im Henni-Lehmann-Haus in Vitte. Die Nachfrage des Publikums nach einer gedruckten Form besonders dieser Geschichte geht nun nach 4 Jahren in Erfüllung.
Im Jahr 1930 spielt unsere Geschichte, die bislang unbekannt war. In jenem Jahr wurden einige Personen geboren, die in unserer kulturellen Zivilisation beim Massenpublikum nicht unwesentlichen Eindruck schinden konnten.
Zum Beispiel Revolverheld Clint Eastwood, der in seinen frühen Werken mit 20 Zeilen Text auskam.
Den Rest erzählten Smith & Wesson.
Ur-James-Bond Sean Connery, der stets die Welt mit einem Aufwand rettete, dass man sich fragte, ob es nicht kostengünstiger wäre, den Schurken einfach walten zu lassen. Bekanntlich sind Schurken vor dem Versagen ihrer Superwaffen auch nicht gefeit.
Einheitskanzler und Hobby-Agrar-Ökonom Helmut
Kohl, der Missernten gern mit dem Hinweis auf blühende Landschaften in euphemistische Visionen verwandelte.
Rolf Hoppe, der Dresdner Mime mit dem Betongesicht, der so wundervoll die Schurken mit Tiefe spielte.
Armin Müller-Stahl, der später Hollywood beweisen durfte, dass auch aus der DDR Schauspieler kamen, die es dort zu etwas bringen konnten.
Was passierte noch?
Henri Ford gründet die Kölner Fordwerke
Die NSDAP wird zweitstärkste Partei bei Reichstagswahl.
Al Capone teilt Chicago auf.
Wolfgang Pauli postuliert das Neutrino.
Paul Dirac postuliert die Antimaterie.
Der Zwergplanet Pluto wird entdeckt, im gleichen Jahr tritt das erste Mal in einem Micky-Mouse-Film von Disney der Hund Pluto auf.
Der Großrundfunksender sendet auf Kurzwelle.
Das erste Bildtelegramm wird von Deutschland nach China übertragen.
Das Singspiel „Im weißen Rößl“ hat Premiere.
Die tönende Wochenschau wird von Fox ins Kino gebracht.
„Das Flötenkonzert von Sansoussi“ kommt ins Kino und der ständige Hiddensee-Gast, Otto Gebühr, wurde danach als Fridericus Rex in mehreren Filmen berühmt. Aber der Film bekommt eine ungute Begleitmusik. Es kommt zu gewalttätigen Unruhen in den Berliner Kinos, weil der einen Tag zuvor angelaufene Film „Im Westen nichts Neues“ nach Erich Maria Remarque verboten wurde. Wir schreiben das Jahr 1930.
Es war damals fast in Wurzen, als Joachim Ringelnatz, der hier als Hans Gustav Bötticher 1883 geboren wurde, jenen Mann kennen lernte, der mein Opa war. Unser Opa war ein ganz heißer Feger. Ihn zog es nach Berlin. Den Ringelnatz hatte es schon gezogen. Mein Opa war ein junger Mann und wollte etwas werden. Etwas Großes natürlich, die Größenordnung Klein, hatte sich damals bereits aus seiner Vorstellungswelt verabschiedet. Nun liefen einem in Wurzen nicht gerade jeden Tag Geistesgrößen über den Weg. Und aus diesem beschaulichen Orte kam der Joachim Ringelnatz, der eigentlich in Hamburg zum Seemann wurde. Er hinterließ den Hanseaten auch ein unvergessliches Werk, das später den Fremdenverkehr auf ungeahnte Weise beflügelte: Die Ameisen. Was die Menschheit bisher nicht kannte, die Fortsetzung. Sie wurde auf Hiddensee bei Ausgrabungen unter dem Asta-Nielsen-Haus gefunden.
Ameisen 2
Die beiden Ameisen wollten aber nicht verzichten schon gar nicht auf Urlaub unter Fichten
Also nahmen sie sich als Taxi einen Hund
Der hieß Ronny und war nicht ganz gesund
Er bellte, krächzte und hustete mit jedem Schritt
Die Ameisen hatten bald genug von diesem Ritt
In Hamburg suchten sie eine Kneipe auf
Hier nahm das Schicksal seinen Lauf.
Als sie 10 Tropfen Bier intus hatten
Sehnten sie sich nach Hängematten.
Da kam ein einfacher Beutel des Weges
Er war aus Jute, bequem und nix Edles
Das sagte die eine Ameise ganz wichtig
Lass uns darin schlafen, dann sind wir richtig.
Also der lustige Ringelnatz fiel auf. Genauer gesagt, fiel er meinem Opa nicht in Wurzen, sondern auf der Zugfahrt nach Berlin auf. Als die wütend stampfende Lok ordentlich Dampf abließ. Mein Opa reiste gern bei offenem Fenster, während Ringelnatz einen dicken Hals fürchtete und diesen vorsorglich als Gemütszustand zu erkennen gab. Man kam ins Gespräch, zuvor schloss mein Opa das Fenster, entschuldigte sich und gab ein Gedicht zum besten. Man ahnte es, aus des Meisters Feder war es geflossen. Womit dieser sich nun schmücken konnte.
"Arm Kräutchen" hieß es.
Nicht unbeeindruckt befragte Ringelnatz höflichkeitshalber den Huldiger, nach dessen Berufe. Mein Opa kam dann auch ganz schnell auf den Punkt. „Ich bin der beste Agent Deutschlands – ich vermittle Schauspieler.“
Nun hätte Ringelnatz fragen können, warum der beste Agent Deutschlands nicht standesgemäß erster Klasse fuhr. Aber er hatte kein besonderes Verhältnis zum damals in Mode gekommenen Klassenkampf und lenkte sein Interesse auf Modalitäten. Mein Opa sollte doch mal Näheres verbreiten, er wüsste zu gern, wer denn bei ihm im Stall als bestes Pferd wiehere und wie denn so ein Vertrag aussehen könnte. Vielleicht sogar beispielsweise mit ihm. Da er sich zwar in Berlin ganz gut bewegen könne, aber München und andere Spielstätten und Städte, ihm inzwischen eine gewisse Mühsal bereiteten.
Mein Opa war erfreut. Es seien da einige Schauspieler und holde Damen bei ihm unter Vertrag. Diese Verträge enthielten aber alle die eine wichtige Klausel: tiefstes Schweigen darüber, dass man überhaupt einen Agenten bemühe. Das alles wäre ganz neu und käme aus Amerika. Das sei der sogenannte Secret Service, flunkerte er. Einen Vertrag könne er sich mit Ringelnatz vorstellen, aber vor allem müsse dieser erst mal zum Film. Da traf der Blitz in den richtigen Frontallappen, denn davon war seit einiger Zeit auch Ringelnatz selbst höchst überzeugt. Und so überkam beide das Gefühl im richtigen Zug der Zeit zu sitzen, in dem, der pünktlich ankommen würde. Diese Zugfahrt stand für den Beginn einer Geschichte, die meinen Opa ganz schnell in die Gesellschaft torpedierte, in der etwas ganz Großes werden wollte. Um dort nicht gleich gnadenlos wegen schier unglaublicher Unbekanntheit durchzufallen, hatte er sich auf dubiose Weise einen Brief von Amerikas Hollywood-Topagenten Raul Finkelstein besorgt, der nicht mehr nach der Echtheit des Geschriebenen befragt werden konnte, da ihn die Mafia samt seiner Familie und sämtlichen möglichen Zeugen eliminiert hatte. Der Konkurrenzkampf in Amerika war hart, aber die Mafia zeigte sich bereits im Unterhaltungsgeschäft angekommen. Man fand die Finkelsteins kopfüber im Beton erhärtet. So kamen auch sie zu einer spektakulären Titelseite im Fachblatt Variety, für die Raul Finkelstein sonst ein Leben lang mit allen Tricks hätte kämpfen müssen. Immerhin war der Name bis Berlin gedrungen, denn Erich Pommer, der Produzent der UFA, kannte Finkelstein noch lebend. Und wusste, dass dieser die wichtigsten Stars der aufstrebenden aber zutiefst unseriösen Filmbranche unter Vertrag hatte. Nun war mein Opa im Namen von Finkelstein unterwegs und seine Reputation war unbestritten. Allein fehlte meinem Opa der große Knüller, der ganz große. Schon im Zug entwickelte er die Vision eines genialen Streifens, der alles hatte, Sensationen, mindestens einen Weltstar und Ringelnatz. Vor allem ein Drehbuch und jede Menge Rechte, an denen mein Opa beteiligt werden wollte.
Und so kam es, dass die beiden Männer sich in Berlin des Abends im Kabarett „Schall und Rauch“ trafen, wo Ringelnatz auftrat und mein Opa ihn frenetisch feierte.
Am nächsten Mittag brachen sie gemeinsam auf. Nach Hiddensee. In jenen Jahren war bekanntlich halb Berlin unterwegs an die Ostsee, aber die meisten Künstler versammelten sich auf dem söten Länneken. Das Romanische Cafè aus Berlin, jener Künstlertreffpunkt, in dem es sehr hierarchisch nach Gunst und Publikum ging, machte seinen Betriebsausflug auf die Insel Hiddensee. Freilich ohne Personal eigentlich nur mit den Stammgästen. Und die konnten sich sehen lassen. Darunter Gottfried Benn, Billy Wilder, Franz Werfel, Stefan Zweig, Erich Maria Remarque, Die drei K`s: Kästner, Kisch, Kuh, Else Lasker Schüler und eben Ringelnatz. Auch Friedrich Hollaender zählte dazu. Und genau der geisterte meinem Opa schon im Kopf herum. Er hatte von einer Filmproduktion gehört, die im Winter auf die Leinwand kommen sollte. „Der blaue Engel“, einem der ersten richtigen professionellen Tonfilme mit einem Bühnenschauspieler, der bereits über 100 Stummfilmrollen gespielt hatte und nach seinem Debut im ersten deutschen Tonfilm „Die Nacht gehört uns“ nun zum Star aufstieg. Einem gewissen Hans Albers. Mein Opa war ein Visionär. Wenn man die Geräusche im Kino hören würde, wenn man die Schauspieler mit echten Stimmen hören könnte - dann würden die Leute in die Kinos strömen. Da war er sich sicher. Wenn die Kunst der Sprache endlich die Leinwand erreichen würde, dann wäre auch Ringelnatz ein Lacher. Und darauf kam es am Ende an. Die Leute wollten sich wie Bolle amüsieren – der ganze Kritikerkram war ihnen egal. Zwei wichtige Pfeiler seiner großen Karriere hatte mein Opa bereits im Griff. Er konnte sich auf einen guten Informanten aus der Filmszene verlassen. Freddy Unterlauf, genannt „Der Stumpen“, der sein unseriöses Geld mit Pferdewetten auf der Galopprennbahn Hoppegarten verdiente und für viele Stars zockte, und bei dem man sich nie sicher war, ob er nicht schon nachts im Stall den Pferden bereits einredete, welcher Einlauf für seine gute Quote von Vorteil wäre. Stumpen war der eine sichere Pfeiler. Der andere war sein präzises Gefühl dafür, was das Publikum unbedingt sehen wollte. Mein Opa hatte im Berlin der 20er Jahre trotz der bereits aktiven FKK-Bewegung voll auf Nackttanzdielen gesetzt, dort hatte er investiert und hätte reichlich Gewinn gemacht, wenn er nicht übers Ohr gehauen worden wäre. Er betrachtete es als Lehrgeld und lockte die Damen des Etablissements zur Konkurrenz. So bekam er doch noch sein Geld und war fortan davon überzeugt, das Talent zum Agenten zu haben. Eine Frau, die sich ausziehen wollte und jede Menge Männer, die sich nicht ausziehen wollten, aber Champagner mit ihren Gespielinnen schlürften, um anderen Frauen dabei zuzusehen, wie die sich auszogen – das war so absurd, das konnte nur Gewinn abwerfen. Er setzte auf die Instinkte und den Alkohol. Dabei wollte er auch bleiben. Doch im Berlin der 20er ging es über die Ringvereine hart zur Sache. Obwohl „Ringverein“ sportlicher klingt als Mafia lief es im Ergebnis auf das Gleiche hinaus. Also beschloß mein Opa die Branche zu wechseln. In einer Welt im Aufbruch versprach die Filmbranche eine große Zukunft. Diese Erkenntnis hatte er nicht vom legendären Raul Finkelstein aber von Erich Pommer, den er bei einer Autopanne kennenlernte. Erich Pommer, der den gigantischen Film „Metropolis“ mit Fritz Lang produzierte für unvorstellbare 5 Mio. Reichsmark. Pommer, der Jahre lang Chef des Filmverbandes war, dann zu teuer wurde und nach Hollywood ging, von dort aber von der UFA wieder zurück geholt wurde.
Erich Pommer – der einflußreichste Produzent, den Deutschland damals hatte. Er produzierte mehr als 200 Filme, ihm hatte die UFA ihren Weltruhm zu verdanken.
Pommer war von 1889 bis 1966 auf dieser Welt zugegen und bekam schon früh eine Beziehung zum Film, denn sein Vater übernahm die Göttinger Konservenfabrik. Und wie oft haben wir schon gehört, dass dieser oder jener Film aus der Konserve kommt. 1905 siedelte die Familie nach Berlin über und flugs zeigte sich der junge Erich von seiner frankophilen Seite, er machte eine Ausbildung bei Geaumont, die, im Gegensatz zum Gourmet, Filme verkauften. Nach dem Militärdienst waren die sauren Zeiten erst einmal vorbei, denn Erich heuerte beim französischen Filmverleih „Eclair“ an, welcher später vermutlich in die Backbranche einstig und noch viel später im DDR-Deutsch als „Liebesknochen“ Ruhm und Umsatz erlangte.
1921 gründete er mit anderen die Decla – Filmgesellschaft und leitete die Auslandsabteilung. Auch nach seiner Kriegsverwundung 1917 verließ ihn nicht seine Reiselust, denn im Ausland konnte man auch viel lernen. Das kam ihm zugute, als er 1921 die Decla mit der UFA fusionierte. 1923 war es soweit, Erich war im Vorstand und schrieb Filmgeschichte mit dem bis dato teuersten Film, der 5 Mio. Reichsmark kostete und Metropolis hieß. Man nahm ihm das teure Werk übel und sein Vertrag wurde nicht verlängert. Kein Problem für den fixen Erich, Hollywood wartete und MGM und Paramount winkten schon mit üppigen Schecks. 1926 hielt man es in Deutschland nicht mehr aus, denn der Filmkrieg zwischen Amerika und Deutschland und anderen Europäischen Ländern war längst ausgebrochen. Pommer musste zurück nach Deutschland. 1930 drehte er einen Blockbuster nach dem anderen in Kenntnis der rasanten amerikanischen Entwicklungen. Pommer ließ sofort mehrsprachig Tonfilme produzieren. Jeder große UFA-Film wurde in Deutsch, Englisch und Französisch gedreht, jedenfalls in diesen Jahren.
Diesem Mann half mein Opa bei einer Autopanne. Es war der Auslöser für seinen Wunsch, Künstleragent zu werden. Und die Autos sollten ihn eines Tages wieder einholen ...
Aber wird sind noch im Jahr 1930. Und da hatte mein Opa in Berlin im Kabarett einen Narren an Ringelnatz gefressen. Als er, Ringelnatz und dessen Frau Muschelkalk in Stralsund das Dampfschiff bestiegen, war meinem Opa blümerant zumute. Ringelnatz bestärkte ihn in seinem blümeranten Gefühl, denn mit seiner Seemannserfahrung wusste er fürchterliche Geschichten von in Seenot geratenen Schiffen zum Besten zu geben. Wobei er Szenarien entwarf, die selbst die Titanic in Boddengewässern dramatisch absaufen ließen. Die Überfahrt war etwas unruhig, der Wind pfiff lauter als Ringelnatz, was dem Hörgenuss eine zwiespältige Dimension verlieh. Mein Opa hatte es tatsächlich geschafft, mit zwei Anrufen einen Termin zu arrangieren, der ihm schnellen Erfolg versprach. Ringelnatz wähnte er bereits im Vertrag, jetzt musste er Asta rumkriegen, danach würden alle freiwillig in den Film einsteigen. Sein Plan sah vor, dass er innerhalb eines Wochenendes Ringelnatz beim Film unterbringen wollte. Eddy, der Stumpen, hatte ihm in der Nacht den Tipp gegeben, dass Max Reinhardt, Friedrich Hollaender und Erich Pommer auf Hiddensee das Wochenende verbringen und man sie sicherlich für ein Gespräch in die Hotel-Pension Dornbusch einladen konnte. Außerdem seien Astas Tochter und ihre Schwester sowie Grisha Chmara, Astas Geliebter, am Wochenende auf einer Segeltour rund um Rügen. Mein Opa sah sich fast am Ziel. Wenn es ihm gelänge, die ebenfalls auf Hiddensee weilende Asta Nielsen an den Tisch zu bekommen. Dann sollte nichts mehr schiefgehen. Natürlich war das hemmungslos übertrieben, völlig unrealistisch und eigentlich eine Frechheit, aber genau diese Ingredienzien hielt mein Opa für die wesentlichen Erfolgsfaktoren in der schillernden Welt des Filmbusiness.
Ringelnatz erzählte er eine etwas seriöser anmutende Variante, die diesen nur am Rande interessierte. Muschelkalk, seine Frau, befürchtete, dass er wieder von Mücken gestochen würde. Was er diesmal mit einer eigens von ihm konstruierten Mückenfalle verhindern wollte. Das „Mückenloch“ wie er seine Patent nennen wollte, ging nie in Massenproduktion, überlebte nicht einmal die Rückfahrt von Hiddensee. Dabei war sie eine totsichere Sache – für die Mücke. Wahrscheinlich war es die etwas umständliche Prozedur und der hohe persönliche Einsatz, der das Mückenloch für die Zielgruppe Frauen unattraktiv machte. Er hatte sich ein Einweckglas mit Butterbrot-Papier präpariert, zuvor aus seiner Fingerkuppe ein paar Tropfen Blut in das Glas tropfen lassen, eine Brise Zucker dazu und dann in das Butterbrotpapier mit Hilfe eines Zahnstochers lauter kleine Löcher gestoßen. Wurde nun eine Mücke angelockt, so krabbelte sie in Erwartung eines leicht zu erheischenden Festmahls in das Glas. Dort konnte sie auch noch – anders als bei anderen Fallen – etwas genießen, bevor ihr die Stecherei endgültig verging. Zu vollgesogen, war es ihr natürlich schlecht möglich durch die engen Löcher zurück zu fliegen. Sie musste verharren und Ringelnatz verfügte von Zeit zu Zeit feierlich ein kleines maritimes Todesurteil im Namen des zerstochenen Volkes. Vorzugsweise durch eine Überschwemmung. Ertrinken in Brause gehört sicher zu den standesgemäßen Vorlieben für das Ableben unter den gemeinen Mücken. Meinem Opa war es immer noch schwummerig, obwohl Hiddensee in Sicht kam. Das Eiland lag - wie schon die Jahre zuvor - ziemlich zuversichtlich im Sonnenglanz vor Rügen einfach so herum. Muschelkalk und Ringelnatz schwelgten in Erinnerungen an ihren letzten Besuch 1929.
In Kloster gingen sie an Land und verstauten ihre Reisetaschen auf einem Schubkarren. Am liebsten wäre mein Opa sofort zum Dornbusch aufgebrochen, aber Ringelnatz wollte nach alter Seemannsitte erst einmal im neuen Hafen einen Willkommenstrunk zu sich nehmen. Muschelkalk, die er dazu weniger benötigte, schickte er als Botin zu Asta mit einer von ihm gefertigten Einladung, die aus einer Flaschenpost und einem eigens in Stralsund erstandenen Orangenbäumchen bestand, das vermutlich den Winter nicht überstehen würde.
„Wieder da, auf Hiddensee im Karusel
Ist es ein Traum oder ging alles zu schnell?
Asta, wärst du jetzt hier
würd ich zitieren für dich den Lear
Ja! Und wir werden zechen mit wüsten Grimassen
die zu jedem Doppelkörnchen passen
Wenn wir dann trunken sind und es wird hell
tollen wir ausgelassen ums Karusel“