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© 2017 Rita Weyers, alle Rechte vorbehalten.

Satz, Umschlaggestaltung, Herstellung und Verlag:

BoD – Books on Demand GmbH

ISBN 978-3-7448-2838-3

Inhalt

Die neuen Ponys

Heute war das Thermometer auf minus zehn Grad Celsius gefallen und heftige Schneewehen erstickten fast jeden Verkehr.

Behutsam lenkte Piet de Jong seinen alten Pferdetransporter über die schneebedeckten Straßen Niedersachsens.

„Wäre ich doch zu Hause geblieben“, murmelte er mies gelaunt vor sich hin.

Der Shetland-Ponyzüchter aus Holland fühlte sich von den winterlichen Wetterkapriolen völlig überrumpelt, und der naturverbundene, ältere Mann hatte in diesem Moment nicht den geringsten Blick für den kristallenen Zauber, der Büsche, Sträucher und Bäume zu märchenhaften, bizarren Formen erstarren ließ.

Er war vielmehr damit beschäftigt, den mit vier Ponys beladenen Transporter möglichst sicher in der nur noch zu erahnenden Fahrspur zu halten. Dabei fluchte er laut, denn ein plötzliches Getrampel der unruhigen Ponys ließ den Transporter unkontrollierbar wie einen Schlitten über die vereiste Fahrbahn gleiten. Glücklicherweise hatte Herr de Jong das Gefährt sofort wieder unter Kontrolle. Die nervösen Vierbeiner beruhigten sich und der Ponyzüchter setzte seine Fahrt hoch konzentriert fort.

„Jetzt habe ich es fast geschafft“, sprach er nach einer Weile zu sich selbst. Vorsichtig bog er in einen schmalen Wirtschaftsweg ein, der zum Hof seines besten Freundes Toni Hansen und dessen Frau Anna in Bad Rankershausen, einem beschaulichen Kurort, führte.

Die Eheleute Hansen bewirtschafteten den Ponyhof seit mehr als dreißig Jahren, doch große Geldprobleme hatten sie dazu veranlasst, die finanzielle Hilfe des befreundeten Ehepaares Berger anzunehmen. Sebastian Berger war ein angesehener Architekt und das Angebot, das er und seine Frau Celine den Hansens zur Erhaltung ihrer Existenz vor einigen Monaten unterbreitet hatten, konnten die Ponyhofbesitzer einfach nicht ablehnen.

Daher unterzog sich das Wohngebäude des Hofes zurzeit einer aufwendigen, architektonischen Veränderung. Nach Fertigstellung der Umbaumaßnahmen würden sowohl die Eheleute Hansen, als auch das Ehepaar Berger mit ihren eineiigen Zwillingen Nele und Tessa darin wohnen.

In der Zwischenzeit lebten beide Familien in einer Art Wohngemeinschaft in einem hübschen, fünfundvierzig Quadratmeter großen Mobilheim, das auf dem Grundstück des Hofbesitzers seinen Platz gefunden hatte. Manchmal war es zwar sehr beengt für vier Erwachsene und zwei Kinder, aber alle wussten, dass dies nur ein vorübergehender Zustand war, und die täglichen Fortschritte auf der Baustelle lösten bei Jung und Alt eine große Vorfreude aus. Ebenso die Tatsache, dass sich Herr Hansen für ein neues Zukunftskonzept bezüglich des Ponyhofes entschieden hatte. Nach reiflicher Überlegung war er fest entschlossen, den Hof auf einen Betrieb mit Schulpferden umzustellen … Die Vorbereitungen liefen bereits auf vollen Touren.

In diesem Moment erreichte Piet de Jong im dichten Schneegestöber mit der kostbaren Fracht den Ponyhof. Für Nele und Tessa gab es jetzt kein Halten mehr. Die elfjährigen, lebhaften Zwillinge stürmten, dick und warm eingemummelt, aus dem mit Pulverschnee bedeckten Mobilheim hinaus ins Freie. Herr Hansen folgte ihnen. Er schmunzelte, denn die Mädchen fieberten seit mehr als zwei Stunden der Ankunft der Ponys entgegen und es schien, als hätten sie Hummeln im Hintern, so aufgeregt und wibbelig waren sie. An ihre Hausaufgaben hatten sie bisher nicht einen einzigen Gedanken verschwendet.

„Supi, supi, supi, vier neue Ponys, ich bin so gespannt“, jauchzte Tessa begeistert, als Herr de Jong den Transporter unter dem seitlichen Schleppdach parkte. Hier konnten sie die Ponys gefahrlos ausladen.

Piet de Jong, ein untersetzter Mann mit ergrautem Haar, öffnete die Fahrertür und rief mit niederländischem Akzent: „Ich muss doch ein Rad abhaben, dass ich in so einem Hundewinterwetter mit den Ponys über die glatten Straßen fahre. Mann, Mann, Mann“, stöhnte er. „Gibt es hier in Deutschland keinen Winterdienst, der umgehend handelt, wenn sich auf den Straßen Eisglätte gebildet hat?“

Er stieg aus dem Transporter und umarmte sichtlich erleichtert seinen Freund Toni.

„Ich bin wirklich froh, dass ich heil angekommen bin.“

„Danke Piet, dass du bei diesem Sauwetter gekommen bist.“

Herr Hansen warf einen skeptischen Blick auf die wirbelnden Schneeverwehungen, die sich binnen kürzester Zeit aufgetürmt hatten, und schlug zum Schutz gegen die Kälte den Kragen seiner alten Winterjacke hoch.

„Schon gut, schon gut.“ Herr de Jong wandte sich den Zwillingen zu.

„Und ihr solltet Mützen in unterschiedlichen Farben tragen. Woher soll ich denn sonst wissen, wer Nele, und wer Tessa ist?“

Die Mädchen grinsten verschmitzt und zogen schelmisch ihre pinkfarbenen Mützen über die leicht geröteten Ohren.

Außer einem Leberfleck, den Nele am rechten Unterarm hatte, sahen die Geschwister total gleich aus. Das führte in der Schule oftmals zu Verwechslungen oder gar zu ausgelassenen Streichen, sehr zur Freude der eineiigen Zwillinge.

Doch Herr de Jong hatte eine tolle Idee; er streifte seinen grünen Wollschal ab und fragte:

„Wer ist Tessa?“

Schüchtern hob Tessa ihren Zeigefinger in die Höhe, und Herr de Jong legte ihr schmunzelnd den Schal um den Hals.

„So Tessa, mitkommen“, sprach er energisch. Das Mädchen folgte ihm durch die schmale, seitliche Tür ins Innere des Pferdetransporters. Unterdessen ließ Herr Hansen vorsichtig die hintere, hydraulische Rampe herunter und blickte stolz auf die neuen Ponys, die aufgeregt wieherten.

„Oh, sind die süüüß“, rief Nele erfreut, während auch sie die Ponys neugierig betrachtete.

„Die da ist ja kugelrund“, stellte Tessa erstaunt fest und deutete auf eine braune Ponystute.

„Das ist ganz normal Tessa, da sie hochtragend ist. Sie heißt übrigens Summertime und wird in den nächsten Wochen ihr Fohlen zur Welt bringen“, erklärte Herr de Jong.

„Echt? Voll cool, ein Fohlen … ich werde verrückt!“ Tessa löste mit einem Ruck den Knoten des Stricks, mit dem das Pony angebunden war und führte die trächtige Stute vorsichtig die Rampe hinunter. Unten übergab sie das Pummelchen Herrn Hansen, den fast alle Kinder liebevoll Opa Hansen nannten. Der große, hagere Chef des Hofes führte die Stute in den großen Stalltrakt, wo er bereits einige Boxen für die Neuankömmlinge hergerichtet hatte.

Als nächster folgte ein schicker Fuchswallach mit einer keilförmigen Blässe. Seine vier Beine waren hoch-weiß gestiefelt. Es sah fast so aus, als hätte er weiße Sportstrümpfe an. Mit einem Stockmaß von hundertachtunddreißig Zentimetern war er das größte der vier Ponys. Der holländische Züchter führte ihn höchstpersönlich aus dem Transporter, da der Fuchs sehr aufgeregt war und unter lautem Wiehern sein neues Zuhause betrachtete.

Herr de Jong wandte sich erneut Nele und Tessa zu und sprach: „Das ist Amigo, ein selbstbewusster Kerl. Er lässt sich wunderbar reiten und verfügt über ein überragendes Springvermögen.“

Die Zwillinge staunten nicht schlecht.

„Die da finde ich auch total niedlich“, meinte Nele und zeigte auf das nächste Pony.

„Das ist Dixie, ein Dülmener Pony, eine brave, kinderliebe Stute. Für Reitanfänger ist sie sehr gut geeignet, weil sie einen erstklassigen Charakter hat. Na, und der Letzte im Bunde ist Comanchi, ein artiger Rappwallach aus meiner Shetlandpony Zucht. Er ist sechs Jahre alt und schon prima angeritten. Auf ihn sitzt man bequem wie auf einem Sofa, und er ist absolut schmiede- und verladefromm.“

Ehe Tessa sich versah, hatte Herr de Jong ihr den Strick mit Comanchi in die Hand gedrückt. Sie führte ihn hinüber zum Stalltrakt, in dem bereits eine große Unruhe entstanden war. Logisch, denn die neuen Ponys wurden von den Tieren, die schon länger auf dem Ponyhof Hansen zu Hause waren, mit einem trompetenartigen Wiehern begrüßt, und es dauerte eine ganze Weile, bis sich alle Ponys wieder beruhigt hatten.

„Aber dann werden wir ja bald fünf neue Ponys haben“, jubelte Nele wobei sie auf die hochtragende, braune Ponystute zeigte. Herr Hansen lächelte.

„Genau Nele, das ist auch der Grund, weshalb wir Summertime in die große Abfohlbox unterbringen. Denn wenn sie ihr Fohlen bekommt, benötigt sie viel Platz. Vielleicht muss ich ihr bei der Geburt sogar hilfreich zur Seite stehen.“

„An welchem Tag kommt das Fohlen auf die Welt?“, wollte Nele wissen.

„Nun, wenn ich das wüsste, wäre ich ein Hellseher“, antwortete Herr Hansen. „Meistens werden die Fohlen nachts geboren, wenn im Stall Ruhe eingekehrt ist. Doch es gibt natürlich einige Anzeichen, die auf eine baldige Geburt hindeuten. Wenn es soweit ist, werde ich es euch wissen lassen und erklären.“

„Wirklich? Oh, Opa Hansen, dürfen wir zuschauen, wenn das Fohlen kommt?“, bettelte Tessa. „Wir haben so etwas noch nie gesehen.“

„Wenn wir den Zeitpunkt nicht verpassen, auf jeden Fall!“

„Cool“, die Mädchen klatschten vor Begeisterung in die Hände und freuten sich riesig.

In diesem Augenblick vibrierte Tessas Handy, ein Zeichen, dass sie eine Nachricht erhalten hatte. Neugierig schaute sie auf das Display und sprach: „Eine Nachricht von Julia. Sie fragt, ob die neuen Ponys schon da sind.“

„Schreib zurück“, drängte Nele.

„Mach ich doch …“, und Tessas flinke Finger hakten auf die Tasten:

Ja, sie sind gerade angekommen. Total süüüß, eine tragende Stute ist auch dabei. Komm schnell!!!

Tessi

„Seitdem die Zwillinge zu Weihnachten diese intergalaktischen Mobiltelefone bekommen haben, leben sie in einer geheimnisvollen Traumwelt“, sprach Herr Hansen. „Manchmal muss ich sie laut anschreien, damit sie mich überhaupt wahrnehmen, so sehr sind sie mit diesem Wunderwerk der Technik beschäftigt.“

„Das ist auf meinem Hof nicht anders“, bestätigte Piet de Jong. „Heute hat jeder noch so kleine Pimpf sein eigenes Handy in der Tasche.“

Nach einer kurzen Pause fragte er: „Hast du auch eins, Toni?“

„Nee, das fehlt mir gerade noch. Das Klingeln und Gesimse geht mir total auf den Wecker, lieber gehe ich x-mal am Tag ins Mobilheim, um zu telefonieren!“

„Na, das würde ich mir noch mal überlegen, als Hofbesitzer musst du doch immer und überall erreichbar sein.“ Piets Hand glitt in seine Hosentasche und er holte ein Smartphone daraus hervor. Die beiden Männer brachen in schallendes Gelächter aus.

„Das hätte ich mir gleich denken können, dass du neuerdings auch so ein Ding besitzt“, lachte Herr Hansen. „Kannst mir nachher mal deine Nummer geben.“

„In Ordnung, mache ich.“

Piet zupfte amüsiert an seinem grünen Wollschal, der noch immer um Tessas Hals geschlungen war.

„Und jetzt möchte ich mir Graf Hollywood und Mozart ansehen, okay?“

„Jaaa …“, kam es begeistert aus zwei Zwillingskehlen und gemeinsam verließen sie den Stalltrakt und gingen quer über den Hof, wo in einem windgeschützten, umgebauten Schweinestall die besagten Ponys untergebracht waren.

Das Schimmelpony Mozart und Graf Hollywood richteten sich auf, spitzten die Ohren und stießen ein helles, freundliches Wiehern aus, als sie die kleine Gruppe bemerkten.

„Wir haben sie eingedeckt“, sprach Herr Hansen während er die Boxentür öffnete. „Es sind zwar robuste Racker, aber bei diesen Minustemperaturen wollten wir kein Risiko eingehen.“

Piet de Jong nickte zustimmend und betrachtete erfreut die Ponys. Der kleine Graf, das süße, braun-weiße Zwergpony mit den krummen Beinen, gehörte ihm. Vor einigen Monaten hatte er den unförmigen, aber äußerst charmanten Wallach dem Ponyhof Hansen zur Verfügung gestellt, da man für den sensiblen und menschenscheuen Mozart unbedingt einen Stall- und Spielkameraden benötigte. Ein Beistellpony sozusagen. Und obwohl damals viele Kinder und Erwachsene entsetzt über das Miniaturpferdchen gewesen waren, hatten ihn mittlerweile alle ins Herz geschlossen. Graf Hollywood war nun, „Everybodys Darling“!

Liebevoll kraulte Piet de Jong den wuscheligen Schopf seines Ponys, woraufhin der Kleine vor Wohltat leise grummelte. Doch als der erfahrene Pferdezüchter einen Schritt auf Mozart zugehen wollte, wich dieser ängstlich zurück.

„Fremden gegenüber ist er immer noch ein wenig misstrauisch“, erklärte Tessa. „Aber Nele, Opa Hansen und ich können jetzt jederzeit alles mit ihm machen, super nicht?“

Lächelnd und ohne Berührungsängste gingen die Zwillinge zu Mozart und streichelten zärtlich sein edles Köpfchen. Dabei drückte Nele einen Kuss auf seine samtweichen Nüstern, und Mozart reagierte mit einem lang anhaltenden Schnauben.

„Er gehört nun euch, stimmt´s?“, fragte Herr de Jong.

Nele und Tessa nickten stolz. „Ja, Opa und Oma Hansen haben uns das Pony zu Weihnachten geschenkt.“

„Oh, gratuliere. Spielt ihr Mozart noch immer auf euren Geigen vor?“

„Na klar, jeden Tag“, antwortete Nele. „Dadurch ist er doch sooo zutraulich geworden. „Mozart liebt die Musik! Musik hat ihn glücklich und gesund gemacht!“

„Genau“, nickte Herr Hansen. „Die Geigenmusik war der Schlüssel zum Erfolg und deshalb sind die Mädchen nicht nur für mich, sondern für alle, die sich von dieser außergewöhnlichen Musiktherapie überzeugen konnten, `musikalische Pferdeflüsterinnen´.“

„Ja, das stimmt, es hat sich schon bis zu mir nach Holland herumgesprochen, dass ihr mit euren Geigen ein scheues Pony gezähmt habt“, berichtete Herr de Jong.

„Echt? Voll krass, das habe ich gar nicht gewusst, du Nele?“

Tessa schaute ihre Zwillingsschwester mit großen Augen an.

Nele zuckte mit den Schultern. „Vielleicht stand es ja irgendwo in der Zeitung, oder im Internet?“

„Oh Gott Nele, hoffentlich hat man uns nicht beim Musizieren gefilmt und das Video ins Netz gestellt!“

„Das hätten wir doch bemerkt, Tessa. Nein, das kann ich mir wirklich nicht vorstellen.“

„Nun ja, wie auch immer.“

Piet de Jong schaute ungeduldig in den schneeverhangenen Himmel und anschließend auf seine Armbanduhr. „Toni, ich muss los.“

„Was, jetzt schon? Möchtest du nicht eine Tasse Kaffee mit uns trinken? Anna würde sich sehr freuen, sie hat extra einen Kuchen gebacken.“

„Ein anderes Mal gerne, aber die Wetterverhältnisse lassen nichts Gutes ahnen, und deshalb mache ich mich lieber auf den Heimweg. Richte Anna liebe Grüße von mir aus. Ach, Toni, hast du ein Stück Papier in deiner Tasche?“

„Nein, wozu?“.

„Dann gib mal deine Hand.“ Augenblicklich holte Piet de Jong einen Kugelschreiber aus seiner Jackentasche und schrieb einige Zahlen auf die Innenfläche von Toni Hansens linker Hand.

„Das ist meine neue Handynummer. Rufe mich bald an und berichte mir, wie sich die neuen Ponys eingelebt haben, okay?“

„Mache ich“, antwortete Herr Hansen. „Und vielen Dank noch mal und gute Heimfahrt, Piet.“

„Danke, will´s hoffen Toni. Tschüss Nele, tschüss Tessa“, rief Piet de Jong, stieg in seinen Transporter ein und verließ unter dem Sound eines typischen Dieselmotors den Hof. Die Zwillinge winkten ihm fröhlich hinterher, und als der Pferdetransporter ihren Augen entwichen war, stellte Tessa überrascht fest: „Scheibenkleister, jetzt hat Herr de Jong seinen Wollschal vergessen!“

Der Proberitt

Die neuen Ponys waren die Attraktion. Innerhalb kürzester Zeit hatten sich sechs Kinder auf dem Hansen Hof eingefunden und betrachteten neugierig die süßen Tiere in ihren neuen Unterkünften.

Julia Krause, eine Klassenkameradin der Zwillinge, mit langen blonden Haaren und blau blitzenden Augen, hatte, nachdem sie Tessas Nachricht erhalten hatte, die Ponyhofclique per SMS über die Ankunft der Vierbeiner informiert. Für die Kinder war dies ein triftiger Grund, die lästigen Hausaufgaben erst einmal beiseitezulegen und in den Stall zu eilen.

Julia und ihre Freundin Annabell Fischer hatten schon länger ein eigenes Pony. Dexter, ein schicker Rappe, gehörte Julia und Cindy, eine liebe Schmusestute, war im Besitz von Annabell. Beide Mädchen ritten seit einigen Jahren und liebten ihre braven Ponys über alles.

Lukas Steinfort, ein weiterer Mitschüler, liebäugelte seit Langem ebenfalls mit einem eigenen Pony. Doch seine Eltern verfügten nicht über das nötige Geld, um ihrem Sohn seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Dabei war gerade Lukas ein äußerst talentierter Reiter. Er hatte einen guten Sitz, Einfühlungsvermögen, eine weiche Hand und schon recht viel Sach- und Pferdeverstand. Regelmäßig half er Herrn Hansen bei der Stallarbeit, beim Ausmisten und während der Erntezeit. Manchmal durfte er sogar mit Hansens hundert PS starkem, roten Traktor über die Wiesen fahren, was ihn sehr stolz machte. Leider war er bei den Kindern nicht sonderlich beliebt, er galt als ein nerviger, rechthaberischer Besserwisser. Mit den Zwillingen fetzte er sich des Öfteren wie die Kesselflicker und Kraftausdrücke wie Klugscheißer, dumme Gänse oder alberne Geigentussis waren an der Tagesordnung. Bis, ja bis es Herrn Hansen eines Tages zu bunt wurde und er energisch dazwischen fuhr. Er verlangte von allen einen respektvolleren Umgang, doch leider bisher ohne Erfolg.

In der Stallgasse gingen die neugierigen Kinder abwechselnd von Box zu Box und beäugten interessiert Amigo, Comanchi, Dixie und die trächtige Stute Summertime, die alle ab sofort, liebevoll `Summy´ nannten. Währenddessen stand Lukas verträumt vor Amigos Box und schaute bewundernd auf den ausdrucksstarken Fuchs mit der rötlich goldfarbenen Mähne, der ab und an laut wieherte und Lukas mit seinen großen braunen Augen, aufmerksam beobachtete.

„Wow, ist der schön“, sprach er gedankenverloren zu sich selbst. Und als Herr Hansen aufkreuzte, um nach dem Rechten zu sehen, fragte er Lukas: „Na, gefällt er dir?“ Lukas nickte und fügte hinzu: „Ja, ich finde er sieht hammermäßig aus!“

„Hm, finde ich auch, ein wunderschönes Tier. Er soll gute Grundgangarten haben und einen super Sprung machen.“

„Echt?“ Herr Hansen nickte. „Heute wollen wir die Ponys in Ruhe lassen, damit sie sich an ihre neue Umgebung gewöhnen. Doch morgen können sie geritten werden, abgesehen von der tragenden Ponystute. Wie schaut´s aus, möchtest du morgen Amigo reiten, Lukas?“

„Ich? Na klar!“ Lukas Augen leuchteten und wanderten abwechselnd von Herrn Hansen zu Amigo. „Cool, ich freue mich riesig!“

Lukas war vernarrt in Pferde und es war für ihn eine besondere Ehre den schicken Fuchs als Erster reiten zu dürfen. Schon jetzt fieberte er aufgeregt dem morgigen Tag entgegen …

Es schien, als wolle der Schulunterricht an diesem kalten Wintertag im Februar partout nicht enden. Immer wieder schaute Lukas auf seine Armbanduhr, die er von seiner Oma zur Kommunion bekommen hatte, und stellte ungeduldig fest, dass sich die Uhrzeiger nur quälend langsam vorwärtsbewegten. Dann endlich ertönte das erlösende Klingelzeichen der letzten Unterrichtsstunde und die Jungen und Mädchen der Klasse 5a drängten sich schiebend und schubsend aus dem Gebäude des humanistischen Gymnasiums in Bad Rankershausen. Lukas hatte jetzt null Bock auf das blöde Gequatsche seiner Mitschüler. Er eilte schnellen Schrittes auf die andere Straßenseite in der Hoffnung, in letzter Sekunde den Linienbus, der abfahrbereit an der Haltestelle stand, zu erreichen. Mit gestikulierenden Handbewegungen signalisierte er dem Busfahrer, dass er in dem nur mäßig besetzen Bus mitfahren wollte. Daraufhin öffnete der freundliche Fahrer erneut die bereits geschlossenen Türen und Lukas sprang flink wie ein Wiesel hinein. Er ließ sich auf den erstbesten Sitz plumpsen und vernahm im gleichen Moment das zischende Geräusch der sich schließenden Türen. Der Bus setzte sich langsam in Bewegung.

Puh, gerade noch geschafft, dachte Lukas. Schon kreisten seine Gedanken wieder wie eine Schleife in seinem Kopf um Amigo, dem schicken Fuchswallach. Heute würde er zeigen, dass er ein guter Reiter ist. Schließlich hatte Herr Hansen ihm sein vollstes Vertrauen geschenkt, und er wollte den Ponyhofbesitzer auf keinen Fall enttäuschen.

Nach etwa zwanzig Minuten erreichte der Schulbus die Haltestelle an der Bundesstraße, die zum Ponyhof Hansen führte. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit fuhr Lukas heute nicht zuerst nach Hause, sondern er entschied sich auszusteigen und den direkten Weg zum Ponyhof zu nehmen. Seine Reitklamotten hatte er schon tags zuvor in der Sattelkammer deponiert.

Schnaufend stapfte er durch den neugefallenen Pulverschnee, ihm war kalt und er sehnte sich nach der wohltuenden Körperwärme von Amigo. Irgendwie hatte das Pony ihm total den Kopf verdreht.

Er holte sein Handy aus der Hosentasche und schrieb mit feuerroten, kalten Fingern eine SMS an seine Mutter:

Hi Mutti, bin schon auf dem Weg zum Ponyhof. Reite heute ein neues Pony. Cool, nicht wahr? Bin gegen achtzehn Uhr zu Hause. Sehen uns am Abend.

Lukas

Was sollte er auch alleine zu Hause? Geschwister hatte er nicht und seine Eltern betrieben eine Wäscherei im Nachbarort. Deshalb kamen sie täglich erst nach neunzehn Uhr heim. Wenn doch die blöde Wäscherei besser laufen würde, dachte Lukas. Vielleicht wären seine Eltern dann in der Lage ihm ein Pony zu kaufen, eventuell Amigo? Schon oft hatte das Thema zu Hause für dicke Luft gesorgt, doch alle Argumente, die dafür sprachen, wurden von Lukas Vater aus dem Grund, dass man es sich aus finanziellen Gründen nicht leisten könne, widerlegt.

Lukas Handy meldete sich, seine Mutter antwortete per SMS: Okay, sei vorsichtig! Viel Spaß, bis später,

Kuss, Mama.

Lukas schmunzelte, seine Mutter war zweifellos auf seiner Seite. Er liebte sie, wenn es nach ihr ginge, hätte er längst ein eigenes Pony. Gab es denn tatsächlich keine Möglichkeit seinen sturen Vater zu überzeugen? Lukas seufzte tief, als er endlich den Ponyhof erreichte. Eisiger Wind pfiff um seine Ohren und erst als er die große Stalltür öffnete, drang ihm wohlige Wärme und das vertraute Wiehern der Ponys entgegen. Ja, hier fühlte er sich zu Hause, hier fühlte er sich verstanden, hier war er glücklich!

Der Stall war menschenleer. Lukas ging schnurstracks zu Amigos Box und schob langsam die quietschende Boxentür zur Seite.

„Hallo Amigo“, begrüßte er voller Freude das Pony. Lukas Augen leuchteten. Amigo grummelte leise und kaute genüsslich auf einigen Weizenstrohhalmen. Zärtlich berührte Lukas den süßen Kopf des Vierbeiners. Seine Hände streichelten die Wangen, die Stirn und die Nüstern. Dann grub er sein Gesicht in das dicke Winterfell des Ponys. Wie gut es riecht, bemerkte er und legte vertraut seine Arme um den Hals des Fuchswallachs.

In diesem Augenblick hörte er wie die schwere Stalltür ins Schloss fiel. Er lugte aus der Box und sah Herrn Hansen, der mit einer mit Heu beladenen Schubkarre auf ihn zukam. Der Hofbesitzer hatte in sofort bemerkt.

„Lukas, mit dir habe ich noch gar nicht gerechnet“, stellte der Ponyhofbesitzer erstaunt fest und fragte: „Wo sind denn die Zwillinge?“.

„Nele und Tessa haben noch Musikunterricht, im Schulorchester.“

„Ach so.“ Herr Hansen kam näher, stellte die Schubkarre ab und trat zu Lukas in die Box.

„Heute Morgen habe ich alle neuen Ponys einzeln in der Halle laufen lassen. Amigo ist mit Abstand das beste Pony, was die Grundgangarten betrifft. Was meinst du, möchtest du die Gunst der Stunde nutzen und ihn jetzt reiten?“

„Na klar, ich ziehe mich schnell um, meine Reitsachen sind in der Sattelkammer.“

„Nimm für Amigo bitte das Zaum- und Sattelzeug von dem oberen, rechten Sattelbock!“

„Geht klar“, antwortete Lukas und wechselte in Windeseile seine Kleidung. Nachdem er Amigo geputzt, gesattelt und aufgezäumt hatte, führte er ihn am Zügel in die zwanzig mal vierzig Meter große Reithalle, wo Herr Hansen schon auf das Paar wartete.

„Hast du nachgegurtet?“

Lukas nickte nervös. Herr Hansen kontrollierte die Trense einschließlich des Hannoveraner Halfters, zog ein weiteres Mal den Sattelgurt nach und meinte anschließend: „Nun kannst du aufsteigen, Lukas.“

Mit leichtem Schwung und gekonnter Technik saß Lukas ruckzuck im Sattel. Er nahm die Zügel auf und signalisierte Amigo mit seinen Reiterhilfen, dass er sich in Bewegung setzen sollte. Im Schritt ritt er zunächst am etwas längeren Zügel, bis er sie allmählich verkürzte und schließlich, nachdem Herr Hansen das Kommando gegeben hatte, antrabte. Zu Beginn wehrte sich Amigo leicht gegen Lukas Hand, doch nach einigen lösenden Lektionen wurde das Verständnis zwischen Ross und Reiter von Minute zu Minute besser. Herr Hansen war begeistert.

„Sehr gut, Lukas. Schön - wenn es geht, etwas ruhiger! Ja, so ist es schon viel besser!“ Amigo hatte ganz schön Power, das merkte Lukas sofort. Doch er hatte den schicken Fuchswallach prima im Griff. Dennoch wurde Herrn Hansen bewusst, dass Amigo kein Anfängerpony war und einen erfahrenen Reiter brauchte. Eigentlich war der Fuchs das perfekte Pony für Lukas!

Nach einer halben Stunde war der erste Proberitt beendet. Während Lukas das Pony am langen Zügel trocken ritt und ihn ab und zu lobend auf den Hals tätschelte, meinte Herr Hansen: „Lukas, ich finde Amigo wäre das ideale Pony für dich!“

Eine zarte Röte der Verlegenheit durchzog Lukas Gesicht und nach einer Weile des Schweigens antwortete er: „Ich finde auch, dass wir sehr gut zusammenpassen, aber leider habe ich kein Geld für ein Pony. Außerdem würden meine Eltern das niemals erlauben, zumindest mein Vater nicht.“

„Hm, schade. Und da ist wirklich nichts zu machen?“

„Nein, ich glaube nicht. - Was würde Amigo denn kosten?“, hakte Lukas dann doch nach.

„Also, ich habe für ihn eintausendsechshundert Euro bezahlt. Und da du mir schon lange auf dem Hof behilflich bist, möchte ich nichts daran verdienen. Ich würde dir das Pony zum gleichen Preis überlassen.“

„Puh, das ist zwar sehr nett von Ihnen, aber so viel Geld habe ich nicht. Und meine Eltern auch nicht.“

„Na ja, du kannst ja mal mit ihnen darüber reden“, machte Herr Hansen ihm Mut.

„Mache ich.“

Der Chef verließ die Halle und Lukas schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Wie könnte er diese Geldsumme auftreiben? Sein Sparbuch hatte er bereits für Reitklamotten und für ein neues Handy samt Zubehör geplündert. Ob es sinnvoll wäre, das Thema abermals mit seinen Eltern zu bereden? Neuer Ärger wäre vorprogrammiert, das wusste er.

Er hörte, dass die Stalltür wieder ins Schloss viel und plötzlich standen Nele und Tessa mit ihren Schultaschen samt Geigenkästen an der Bande.

„Was machst du denn schon hier? Hast du etwa Amigo geritten?“

Lukas lächelte stolz und nickte.

„Verflixt und zugenäht, das hätte ich sooo gerne gesehen“, rief Tessa und Nele fragte: „Wie ließ er sich denn reiten?“

„Traumhaft“, antwortete Lukas und beugte sich glücklich über Amigos Hals und streichelte ihn.

„Herr Hansen meint, dass Amigo das perfekte Pony für mich ist.“

Bums, der Satz schlug ein wie eine Bombe.

„Echt? Hat er das wirklich gesagt?“ Tessa konnte es nicht glauben. Doch Lukas nickte.

„Und, kaufst du das Pony?“, wollte Nele wissen.

„Weiß nicht, muss erst noch mit meinen Eltern sprechen.“ Nele und Tessa schauten sich verblüfft an und verließen umgehend die Reithalle.

„Ich glaub´, mich laust der Affe. Das fehlt uns gerade noch, dass ausgerechnet Lukas den schicken Amigo bekommt. Nele, das müssen wir sofort Julia simsen.“

Tessa nahm ihr Handy zur Hand und schrieb:

Hi Julia! Mega-News: Lukas kauft vielleicht Amigo, er hat ihn gerade geritten. Was sagst du?

Tessi

Es dauerte keine halbe Minute und Julia antwortete:

Glaub´ ich nicht, der hat keine Kohle…

Schadenfroh grinsten die Zwillinge sich an. Jedem anderen hätten sie Amigo von Herzen gegönnt. Aber Lukas, diesem Stinkstiefel, auf keinen Fall. Da waren sich die Zwillingsschwestern mal wieder total einig.

Ein Traum wird wahr

Lukas saß an seinem Schreibtisch und schaute lächelnd auf den alten PC. Mit seinem Smartphone hatte er einige Schnappschüsse von Amigo gemacht, die er nun stolz als Diashow auf seinem Rechner betrachtete. Dabei stellte er sich insgeheim die Frage, ob der schicke Vierbeiner wohl jemals sein Pony werden würde? In Gedanken versunken, galoppierte er bereits auf dem Fuchswallach am Meer entlang, und nur die schreienden Möwen folgten ihnen am endlos erscheinenden Himmelszelt …

Jäh wurde er aus seiner Traumwelt gerissen. Er hörte, wie die Korridortür zur Wohnung aufgeschlossen wurde, in der die Steinforts seit vier Jahren wohnten. Es war schon nach neunzehn Uhr und Lukas Eltern kamen, wie jeden Abend um diese Zeit, von der Wäscherei nach Hause. Seine hübsche Mutter, deren blonde Locken ihr Gesicht liebenswert umrahmten, schaute zu ihm ins Zimmer und fragte ein wenig müde:

„Hallo Lukas, alles klar bei dir?“

Lukas nickte und sprach: „Schau mal Mama, das ist Amigo, ein Fuchswallach, den habe ich heute Nachmittag geritten.“ Frau Steinfort näherte sich dem PC, schaute auf die Fotos und tätschelte währenddessen liebevoll Lukas Nackenhaare.

„Na, der ist ja süß.“

„Süß? Er ist der Hammer, Mama! Herr Hansen hat gesagt, dass Amigo das perfekte Pony für mich wäre. Würdest du bitte noch mal mit Papa sprechen? Ich hätte so gerne dieses Pony, es ist mein absolutes Traumpony.“

Nun gab sie ihrem Sohn einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Frau Steinfort seufzte, setzte sich auf das Bett und sprach: „Lukas, für ein Pony reicht unser Einkommen nicht aus, versteh das doch bitte.“

„Aber wieso können sich andere Familien ein Pony leisten, und wir nicht? Julia hat ein Pony, Annabell hat ein Pony und sogar die blöden Zwillinge haben eins. Und ich bin der Depp, der die Boxen ausmistet!“

„Vielleicht sind diese Familien reich? Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt, es interessiert mich auch gar nicht. Wir können es uns jedenfalls nicht leisten. Außerdem ist es mit der Anschaffung des Ponys nicht getan. Vor allem die monatliche Stallmiete schlägt gnadenlos zu Buche. Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass ein Pony auch krank werden kann? Und wer bezahlt dann die Tierarztrechnung? Und wer den Hufschmied? Von einer Haftpflichtversicherung ganz zu schweigen. Lukas, du solltest dir das ein für alle Mal aus dem Kopf schlagen.“

Lukas konnte seine Enttäuschung nicht verbergen, er weinte.

Später, während des gemeinsamen Abendessens, war er noch immer mies gelaunt und stocherte lustlos in seinem Spiegelei mit Bratkartoffeln herum.

„Iss“, forderte sein Vater ihn auf. Doch Lukas rührte keinen Bissen an.

„Was ist denn los mit dir? Gab es Ärger in der Schule?“

„Es ist wegen … Amigo“, sprach Lukas leise.

„Wer ist denn dieser Amigo, ein Klassenkamerad?“, fragte sein Vater scheinbar teilnahmslos.

„Nein, ein Pony. Ein sehr schickes Pony.“

Augenblicklich legte Herr Steinfort das Besteck aus den Händen und antwortete schroff: „Ach, daher weht der Wind. Nicht schon wieder, Lukas. Das Thema ist durch!“

Lukas war der Appetit nun endgültig vergangen. Wütend erhob er sich und rief: „Meinen sehnlichsten Wunsch erfüllt ihr mir nicht. Ihr versteht mich überhaupt nicht. Auf dem Ponyhof fühle ich mich mehr zu Hause als hier bei euch.“

Dann verließ er gekränkt die Küche und schloss sich in seinem Zimmer ein …

In den folgenden Tagen ritt Lukas täglich Amigo. Es war schon toll anzuschauen, wie gut und harmonisch die beiden zueinanderpassten.

Herr Hansen war ein wunderbarer Reitlehrer. Ihm entging nicht der kleinste Fehler. In einem ruhigen und sachlichen Ton korrigierte er Lukas Sitz, seine Einwirkung aufs Pony und gab ihm gleichzeitig wertvolle Tipps, die Lukas im richtigen Moment umzusetzen verstand. Klar, dass die anderen Kinder vom Ponyhof mit großen, erwartungsvollen Augen an der Bande standen, und gebannt auf Amigo mit seinem Reiter starrten.

Die Spannung war kaum noch zu toppen, als Herr Hansen einen kleinen Steilsprung an der langen Seite der Halle aufbaute, und Lukas zurief: „So, jetzt komm bitte in einem ruhigen Trab und reite gerade auf den Sprung zu. Wenn du merkst, dass Amigo springen möchte, lässt du ihn springen. Und über dem Sprung musst du die Hand vorgeben, sonst störst du Amigo im Maul. Hast du das verstanden?“

Lukas nickte und befolgte exakt die Anweisungen Herrn Hansens. Dann sprang er mit Amigo über das Hindernis und alle Kinder jubelten. Lukas hatte es ganz toll gemacht, er war unheimlich stolz.

Nele und Tessa mussten leider zugeben, dass sie noch sehr, sehr viel lernen mussten, um so gut reiten zu können, wie Lukas. Da half nur eins; üben, üben, und nochmals üben! Im Grunde musste man genauso viel üben und diszipliniert sein, wie beim Geige spielen.

Es war neun Uhr dreißig am Sonntagmorgen und die Zwillinge saßen mit verschlafenen Mienen am Frühstückstisch, den Frau Hansen liebevoll für sechs Personen gedeckt hatte. Der Duft frisch aufgebackener Landbrötchen durchzog appetitanregend den Raum, und während ihr Blick von der Küche zum Esstisch wanderte, wunderte sie sich immer wieder, wie viel Platz das schnuckelige Mobilheim doch zu bieten hatte. Seit einigen Monaten wohnten sie nun gemeinsam in dem kleinen Haus auf Rädern und waren eigentlich sehr gut miteinander klar gekommen.