Der Autor:

Hans-Arved Willberg; Jahrgang 1955, Theologe M.Th. Er leitet das Institut für Seelsorgeausbildung (ISA) in Ettlingen und ist selbstständig als Trainer, Dozent und Publizist tätig.

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Lehrbücher aus dem Institut für Seelsorgeausbildung (ISA) Band 4

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-7357-4567-5

Bibelzitate aus Lutherübersetzung, rev. Text 1984,
© Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart 1999

© 2014 Institut für Seelsorgeausbildung (ISA),
Pforzheimer Str. 186, 76275 Ettlingen.

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Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Weg des Jakobus

1.1. Biografische Einzelheiten1

Jakobus kannte Jesus sehr gut: Er war sein leiblicher Bruder.2 Weiter ist Folgendes ist über ihn bekannt:

Datie-rungEreignisErläuterungen
ca. 29 n. Chr.3Die Brüder Jesu gingen ein Stück des Weges mit ihm. Joh 2,12. -Aber dann distanzierten sie sich von ihm: „Auch seine Brüder glaubten nicht an ihn.“ Joh 7,5. Jakobus war wohl der älteste Bruder. Er scheint verheiratet gewesen zu sein.4Jesus grenzt sich von seinen leiblichen Geschwistern ab: Als sie ihn aufsuchen, um mit ihm zu reden (wahrscheinlich, um ihn zurechtzuweisen), lässt er sie nicht zu sich kommen und bezeichnet an ihrer Stelle als seine Geschwister die Menschen, die sein Wort hören. Mt 12,46-50. -Vom Kreuz aus verbindet er seine Mutter Maria nicht mit seinen Brüdern, sondern mit dem Jünger Johannes. Joh 19, 26f. -Das könnte damit zu tun haben, dass die Brüder Jesu vielleicht aus einer ersten Ehe Josefs stammten und darum nur wenig Verantwortungsbewusstsein ihrer Stiefmutter gegenüber hatten. In diesem Fall wären sie alle auch „große“ Brüder Jesu und Jakobus nach Joseph der Älteste in der ganzen Familie.
ca. 30 n. Chr.Jakobus wird Zeuge der Auferstehung Jesu. 1Kor 15,7.Spätestens dadurch kam er zweifellos zum Glauben an Jesus. Danach gehört Jakobus zur der auf das Pfingstereignis wartenden Jüngergemeinde. Apg 1,14.
ca. 45 n. Chr.Jakobus über- nimmt (sukzessive) die Leitung der Gemeinde in Jerusalem.Petrus, bis dato Kopf der Jerusalemer Gemeinde, geht vorübergehend in den Untergrund. Jakobus ist anscheinend nach ihm dort in der Gemeinde die Hauptfigur. Apg 12,17.
ca. 46 n. Chr.Offensichtlich aufgrund ernsthafter Einwände an seiner Evangelisationsarbeit unter den Heiden sucht Paulus Jakobus und Petrus auf, die „Säulen“ der Jerusalemer Muttergemeinde und der gesamten jungen Kirche, um sich in der Frage der Heidenmission mit ihnen abzusprechen. Gal 2,1-10.Paulus unterscheidet Jakobus in diesem Zusammenhang ausdrücklich von „einigen falschen Brüdern“, durch welche die „Wahrheit des Evangeliums“ gefährdet gewesen sei. Jakobus und die Ältesten der jüdisch-christlichen Jerusalemer Gemeinde bekräftigen durch Handschlag die paulinische Mission ohne irgendeine Auflage. Gal 2,1-10.
ca. 47 n. Chr.Abgesandte des Jakobus suchen Paulus in Antiochia auf, anscheinend um angesichts der blühenden Heidenmission dort nach dem Rechten zu sehen. Gal 2,12.Als die Abgesandten eingetroffen sind, kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Paulus und Petrus, welcher zuvor dort angekommen ist. Paulus macht Petrus Vorhaltungen, weil dieser aus Angst vor der Kritik der Delegierten einer Begegnung mit ihnen aus dem Weg gegangen ist. Gal 2,11-13.
ca. 48 n. Chr.Das „Apostelkonzil“ in Jerusalem. Apg 15,1-35.Wieder haben Mitglieder der judäischen Christengemeinde die Gemeinde in Antiochia aufgesucht, die aber dieses Mal nicht als von Jakobus Gesandte bezeichnet werden. Sie lehrten die Heilsnotwendigkeit der Beschneidung. Nachdem es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit Paulus und Barnabas gekommen war, wurde zur Klärung eine Versammlung in Jerusalem einberufen. Einige Gemeindemitglieder forderten, dass jeder neue Christ zu beschneiden sei und das mosaische Gesetz zu halten habe. Petrus hält eine mutige Predigt dagegen. Jakobus ergreift abschließend ebenfalls für die Paulusrichtung Partei. Ein verbindliches Dekret für die Gemeinde in Antiochia wird verfasst, das den judaistischen Lehrern die Legitimation abspricht und den Heidenchristen „weiter keine Last“ auferlegt. Allerdings nicht ohne Kompromiss: Jakobus verfügt, dass sie sich „vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht“ fernhalten sollten.5
ca. 57 n. Chr.Paulus sucht er-neut Jakobus in Jerusalem auf und überbringt ihm den Ertrag seiner Geldsammlung für die notleidende Gemeinde dort. Apg 21,18ff.Jakobus teilt mit Paulus die Freude über Gottes Wirken unter den Heiden und bestätigt nochmals den Beschluss des Apostelkonzils. Dann klärt er mit Paulus das Gerücht, dass dieser unter den Juden die Abkehr von Mose und den Verzicht auf die Beschneidung lehre. Als Demonstration der Tatsache, dass es nicht so ist, kommt Paulus der Bitte des Jakobus nach, mit einigen anderen jüdischen Gemeindegliedern an einem Tempelritual teilzunehmen und dafür die Kosten zu übernehmen. Sein Verhalten wird aber von der anwesenden Menge völlig missverstanden und es kommt zur Verhaftung des Paulus. Apg 21,18ff.
62 n. Chr.Jakobus wird in Jerusalem verurteilt und durch Steinigung hingerichtet.

Es wird berichtet, dass Jakobus einen gewissenhaft gesetzestreuen jüdischen Lebensstil gepflegt habe.6 Jakobus galt anscheinend in Jerusalem auch unter nichtchristlichen gesetzesstrengen pharisäischen Juden als tadelloses Vorbild. Aber die Gegenpartei der Sadduzäer lehnte ihn ab.7 Der Hohepriester Hannas (Ananus) junior, dem zeitgenössischen römischen Historiker Josephus zufolge ein Sadduzäer „von heftiger und verwegener Gemütsart“ und „im Gerichte härter und liebloser als alle anderen Juden“,8 nutzte die gerade wechselnde Besetzung des römischen Statthalterpostens als Gelegenheit zur rechtswidrigen Verurteilung und Steinigung des Jakobus.

„Das aber erbitterte auch die eifrigsten Beobachter des Gesetzes, und sie schickten deshalb insgeheim Abgeordnete an den König9 mit der Bitte, den Ananus aufzufordern, dass er für die Folge sich ein ähnliches Unterfangen nicht mehr beifallen lasse, wie er auch jetzt durchaus im Unrecht gewesen sei.“10

Auch der neue Statthalter Albinus ärgerte sich über die juristische Anmaßung des Hohenpriesters, was dazu führte, dass dieser nach insgesamt nur drei Monaten seines Amts enthoben wurde.11

1.2. Gescheiterte Vermittlungsversuche

Das Evangelium ging von den Juden aus und verbreitete sich zunächst auch nur unter ihnen. Dass es auch für die Heiden bestimmt war und dass diese nicht der traditionell jüdischen Religion beitreten mussten, um vollgültige Glieder des Leibes Christi zu werden, dämmerte selbst den Aposteln nur langsam.12 Es war völlig natürlich, dass in diesem Übergang Unsicherheit und Spannung auftrat. Jakobus scheint sich angesichts der schwierigen Lage vorbildlich verhalten haben. Es gibt im Neuen Testament jedenfalls keinen Hinweis auf Gegenteiliges. Dass Petrus und andere beim Besuch der Gesandtschaft in Antiochia Angst bekamen und einer Begegnung mit ihr auswichen, lag anscheinend nicht an Jakobus.13 Vielleicht ist es aber ein Hinweis darauf, dass auch Jakobus in Jerusalem keinen leichten Stand hatte. Petrus, vormals selbst Leiter der Jerusalemer Gemeinde, war zunächst dorthin zurückgekehrt, nun aber nach Antiochien gezogen. Warum? Und warum hatte er solche Angst vor jenen Abgeordneten? Er muss sie doch gut gekannt haben! Wahrscheinlich hatte er Angst, weil er sie kannte. Mithin mag das allmähliche Verschwinden des Petrus aus der Leitungsverantwortung in Jerusalem noch einen anderen Grund als den der Lebensgefahr14 gehabt haben: Die Bekehrung des ersten Heiden, Kornelius, wozu Petrus von Gott nahezu gezwungen wurde,15 scheint einigen einflussreichen Gemeindegliedern in Jerusalem ein erheblicher Stein des Anstoßes gewesen zu sein.16

Auffällig ist auch, dass die Judaistengruppe, die nur ein paar Monate später erneut nach Antiochia kommt, offensichtlich nicht von Jakobus legitimiert ist. Dementsprechend ist auch ihr Anspruch: Sie möchte etwas durchsetzen, was den bisherigen Vereinbarungen der Leitungsverantwortlichen völlig entgegengesetzt ist: Die Verpflichtung, dass sich neue Christen beschneiden lassen und das mosaische Gesetz halten. Das ist nicht nur ein Frontalangriff gegen Paulus, sondern auch ein ganz offensichtlicher Affront gegen Jakobus! War er im Begriff, seine Autorität zu verlieren? Möglicherweise ist das Zustandekommen des Jakobusbriefs nicht zuletzt von diesem Hintergrund her zu verstehen. Jakobus sah sich genötigt, sozusagen mittels „Hirtenbrief“ ein öffentliches Signal seiner Autorität zu geben, einige grundlegend klärende Aussagen zu treffen, insbesondere in Bezug auf die strittige Frage des Verhältnisses von Evangelium und mosaischem Gesetz, und durch praxisbezogene ethische Weisungen vor allem dem lieblosen Umgang miteinander Einhalt zu gebieten - die Zunge im Zaum zu halten, den Zorn zu beherrschen und vor der eigenen Tür zu kehren statt vor der des Bruders. Es ist interessant, dass der Neutestamentler Robinson den Brief auf 47/48 n. Chr. datiert.17 Dann hätte er damit tatsächlich genau in die soeben beschriebene kritische Situation hinein gesprochen.18

Mit dem weder lehrmäßig noch durch die bisherigen Vereinbarungen begründeten Kompromiss zollte Jakobus auf dem Apostelkonzil den Judaisten Tribut (was bei Paulus einiges Unbehagen ausgelöst haben mag).19 Offensichtlich versuchte er immer wieder, ihnen entgegenzukommen, um die Eskalation zu vermeiden. Er hatte damit allerdings letztendlich keinen Erfolg. Als ihnen aufgrund des Dekrets keine grundsätzliche Handhabe mehr gegen die Pauluspartei zur Verfügung stand, intrigierten sie.20 In diese Zeit (ca. 57 n. Chr.) fällt wahrscheinlich die Abfassung des Galaterbriefs, in dem Paulus sich erlaubt, diese seine Gegner nun mit schonungsloser Schärfe anzugreifen. Die Judaisten waren offensichtlich zu keinem Kompromiss bereit. In der Tat: Die Zugeständnisse des Jakobus im Apostelkonzil hatten ihren Zweck nicht erfüllt.

2. Glaube und Werke

2.1. Wer antwortet hier wem?

Es ist paradox: Obwohl der Jakobusbrief vielleicht die früheste authentische und vollmächtige gemeindebildende Schrift des Neuen Testaments ist, fiel er bei der Entstehung des neutestamentlichen Kanons fast durch die Maschen. In den vorübergehenden Auflistungen des neutestamentlichen Kanons vor seiner weitestgehend endgültigen Fassung im vierten Jahrhundert wurde er nur zweimal erwähnt und davon einmal angezweifelt.21 Das scheint aber einen durchaus erfreulichen Grund gehabt zu haben: Meiner Vorstellung nach hatte sich das paulinische Gedankengut von der atemberaubend weit reichenden Freiheit des Glaubens so stark durchgesetzt, dass der Jakobusbrief vorübergehend geradezu eng und „altmodisch“ wirkte. Dies um so mehr, als sich wahrscheinlich gesetzlich-enge Christen der ersten Generation mit Vorliebe auf einen vereinseitigten Jakobus beriefen, um damit die „gefährliche“ Weite des paulinischen Evangeliums abzuwehren.

Unübersehbar ist die Ähnlichkeit von Jk 2,14ff zu Kapitel vier des etwa im Jahr 57 geschriebenen Römerbriefs.22

Jk 2Rö 4
(14) Was hilft’s, liebe Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? [...] (17) So ist [auch] der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber. [...] (21) Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? (22) Da siehst du, daß der Glaube zusammengewirkt hat mit seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden. (23) So ist die Schrift erfüllt, die da spricht [...]: „Abraham hat Got geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden“ [...]- (24) So seht ihr nun, daß der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.(2) [...] Ist Abraham durch Werke gerecht, so kann er sich wohl rühmen, aber nicht vor Gott. (3) Denn was sagt die Schrift? „Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.“ (4) Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. (5) Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.

Es ist höchst wahrscheinlich, dass diese beiden Stellen aufeinander Bezug nehmen. Aber die Frage ist, wer hier wem antwortet. Bei genauer Betrachtung scheint es, dass Paulus der Antwortende ist. Robinson überlegt:

„Als eine Antwort auf die Aussage des Paulus verfehlt die Argumentation des Jakobus vollständig ihr Ziel; denn Paulus hat niemals für einen Glauben ohne Werke gestritten. Aber als eine Antwort, zwar nicht an Jakobus, sondern auf die Art, wie die Judaisten von seinem Brief Gebrauch machen, ist das Argument von Röm 4 in einem wesentlich anderen Zusammenhang (der die Grundlage der Erlösung der Heiden betrifft) sehr wirkungsvoll. [...] Auf jeden Fall ist es sicherlich eine Reaktion auf jene ‘Leute aus dem Kreis des Jakobus’ (Gal 2,12), daß Paulus später betonen muß, daß der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus (2,16).“23

Plausibel scheint, dass Jakobus zunächst sein klärendes Wort zur gerade erst im Zusammenhang mit der paulinischen Missionstätigkeit aufgekommenen irrigen Anschauung, der Glaube bedürfe überhaupt keiner Werke, geschrieben hat. Hätten ihm der Galaterbrief und der Römerbrief schon vorgelegen, so hätte der nüchterne, anscheinend stets um Vermittlung und Frieden bemühte Jakobus seinen Bruder Paulus kaum so massiv missverstehen können. Denn Paulus spricht sehr viel von den Werken, die aus dem Glauben hervorgehen.24 Das widerspräche auch dem Bild, das wir durch die Apostelgeschichte von der Beziehung zwischen den beiden erhalten.

Meist wird der Jakobusbrief aber umgekehrt als eine Entgegnung auf die paulinische Lehre von der Gerechtigkeit allein durch Glauben angesehen.25 Dadurch wird er tatsächlich schwierig, denn er wirkt dann wie ein Rückschritt gegenüber Paulus. Wenn man aber nicht die Theologie des Jakobus, sondern die des Paulus als das neu Hinzukommende ansieht, passt organisch das eine zum anderen. Paulus entfaltet in seiner Lehre manches, was in den synoptischen Evangelien26 erst angedeutet ist. Jakobus scheint theologisch noch näher bei Letzteren zu liegen. Es „besteht kein Zweifel daran, daß hinter allem, was Jakobus sagt, Jesu Lehre steht, besonders wie sie sich in der Bergpredigt und in der Matthäustradition findet“, meint Robinson,27 und Grünzweig ist recht zu geben, wenn er feststellt: „Der Jakobusbrief hat, was den Inhalt und die Form betrifft, starke Ähnlichkeit mit der Bergpredigt und anderer Verkündigung Jesu. [...] Das läßt vermuten, daß der Brief auch in zeitlicher Nähe zu der Verkündigung Jesu entstanden ist.“28

2.2. Luther und Melanchthon

Auch Martin Luther hat den Jakobusbrief als Rückschritt angesehen. Darum fiel sein Urteil so negativ aus. Er nannte ihn bekanntlich die „Stroherne Epistel“ und er hätte ihn am liebsten aus der Bibel verbannt. Was Luther an Jakobus besonders zu schaffen machte, war sein scheinbar offensichtlicher Gegensatz zu Paulus. Er hielt diese beiden Bibelautoren für unvereinbar. In den Tischreden sagt er einmal:

„Viel haben gearbeit / sich bemühet / und darüber geschwitzet uber der Epistel S. Jacobi / das sie dieselbige mit S. Paulo vergliechen / Wie denn Ph. Mel29: in der Apologia etwas davon handelt / Aber nicht mit einem ernst / Denn es ist stracks wider einander / Glaube macht gerecht / und / Glaube macht nicht Gerecht / Wer die zusammen reimen kann / dem wil ich mein Baret30 auffsetzen / und will mich einen Narren schelten lassen.“31

Luther ist anscheinend mit dem, was Philipp Melanchthon in der Apologie32 des Augsburgischen Bekenntnisses über dieses Thema geäußert hat, nicht recht zufrieden: Er habe „nicht mit einem Ernst“ darüber nachgedacht. Aber es scheint, dass Luther selbst noch ernster darüber hätte nachdenken sollen. In der Tat: In Melanchthons Augen existierte dieser scharfe Gegensatz nicht. Nicht bei Jakobus und Paulus selbst sah er das Problem, sondern bei ihren Auslegern. Auf der einen Seite stünden die Vertreter der Werkgerechtigkeit: „Auch ziehen sie den Spruch aus dem Apostel Jakobo an33 und sagen: ‘Sehet ihr nun, daß wir nicht allein durch den Glauben, sondern durch Werke vor Gott gerecht werden?’ Und sie wollen wähnen, der Spruch sei fest, stark wider unsere Lehre.“34 Melanchthon ist sicher, dass sie Jakobus falsch verstehen:

„Aber wenn die Widersacher allein ihre Träume außen lassen und nicht hinanflicken, was sie wollen, so ist die Antwort leicht. Denn des Apostels Jakobi Spruch hat wohl seinen einfältigen Verstand, aber die Widersacher erdichten das dazu, daß wir durch unsere Werke verdienen Vergebung der Sünden; item35, daß die guten Werke eine Versöhnung seien, dadurch uns Gott gnädig wird; item, daß wir durch die guten Werke überwinden können die große Macht des Teufels, des Todes und der Sünde; item, daß unsere guten Werke an ihnen selbst vor Gott so angenehm und groß geachtet seien, daß wir des Mittlers Christi nicht bedürfen. Der keines ist dem Apostel Jakobo in sein Herz gekommen, welches doch alles die Widersacher sich zu erhalten unterstehen durch den Spruch Jakobi. So müssen wir nun erst dieses merken, daß dieser Spruch mehr ist wider die Widersacher denn für sie. [...] Jakobus aber tut anders; er läßt den Glauben nicht außen, sondern redet vom Glauben, damit läßt er Christum den Schatz und den Mittler bleiben, dadurch wir vor Gott gerecht werden, wie auch Paulus [...]. Zum andern zeigt die Sache an ihr selbst an, daß er von Werken redet, welche dem Glauben folgen; denn er zeigt an, daß der Glaube nicht müsse tot, sondern lebendig, kräftig, geschäftig und tätig im Herzen sein. [...] [E]r redet von Werken derjenigen, welche schon durch Christum gerecht geworden sind, welche schon Gott versöhnt sind und Vergebung der Sünden durch Christum erlangt haben.“36

Jakobus habe also nicht gegen die Glaubensgerechtigkeit und für die Werkgerechtigkeit geschrieben, sondern für den lebendigen Glauben, der sich ganz organisch in seinen Früchten zeige:

„Aus diesem allem ist klar genug, daß der Spruch Jakobi nicht wider uns ist. Denn er schilt da etliche faule Christen, welche allzu sicher waren geworden [...]. Darum macht er Unterschied zwischen lebendigem und totem Glauben. Den toten Glauben nennt er, wo nicht allerlei gute Werke und Früchte des Geistes folgen [...]. Nun haben wir gar oft gesagt, was wir Glauben nennen. Denn wir nennen das nicht Glauben, daß man die schlechte37 Historie wisse von Christo, welches auch in Teufeln ist,38 sondern das neue Licht und die Kraft, welche der Heilige Geist in den Herzen wirkt, durch welche wir die Schrecken des Todes, der Sünde usw. überwinden. Das heißen wir Glauben. Wer Glauben und gute Werke hat, der ist gerecht. Ja, nicht um der Werke willen, sondern um Christus' willen, durch den Glauben. Und wie ein guter Baum gute Früchte tragen soll, und doch die Früchte machen den Baum nicht gut, also müssen gute Werke folgen nach der neuen Geburt, wiewohl sie den Menschen nicht vor Gott angenehm machen, sondern wie der Baum zuvor gut sein muß, also müsse der Mensch zuvor Gott angenehm sein durch den Glauben, um Christus' willen.“39

„Also ist Jakobus St. Paulo nicht entgegen“, resümiert Melanchthon zu Recht.40 Es scheint, dass sich zu seiner Zeit etwas Ähnliches abspielte wie in der Urkirche: Nicht Paulus wurde von Jakobus missverstanden, sondern Jakobus wurde von seinen eigenen Anhängern missverstanden und als Apostel der Werkgerechtigkeit umgedeutet - und darauf antwortete Paulus insbesondere in den Briefen an die Römer und an die Galater.

2.3. Spannende Einheit

Gleichwohl: Ein theologisches Spannungsfeld zwischen Jakobus und Paulus ist gewiss nicht von der Hand zu weisen. Man wird wohl durchaus von zwei Theologien sprechen dürfen, aber nicht so, dass die eine die andere ausschließt, sondern im Sinne des typisch biblischen „Sowohl-als-auch“.41 In der Praxis bedeutet diese notwendige Gegensätzlichkeit durchaus nicht immer, dass sich die Standpunkte nahtlos und friedlich ineinander fügen, um miteinander ein schönes, rundes Ganzes zu bilden.

Ernst Käsemann ist sicher beizupflichten, wenn er davor warnt, den Menschen der Urgemeinde, ihre Leiter eingeschlossen, einen globalen Heiligenschein anzudichten. Sie waren fehlbar wie wir und darum wurden auch sie nicht selten Opfer ihrer ungezügelten Emotionen und feindseliger Fantasien. Käsemann schreibt:

„Bereits die älteste Gemeinde ist teils verstehende, teils mißverstehende Gemeinde. Die Hoheit ihres Herrn wird von ihr zugleich bezeugt und verdunkelt. Auch ihr Glaube barg sich im tönernen Gefäß der Menschlichkeit, und ihre Rechtgläubigkeit war genauso zweifelhaft, wie Orthodoxie es stets ist.“42

Zweifelhaft scheint allerdings ebenfalls seine Folgerung, wonach der neutestamentliche Kanon nicht „die Einheit der Kirche“ begründe, sondern „die Vielzahl der Konfessionen.“ Bereits in der Urchristenheit seien „eine Fülle verschiedener Konfessionen nebeneinander vorhanden“ gewesen.43 Luther habe darum „die theologische Unvereinbarkeit von paulinischer Rechtfertigungslehre und derjenigen des Jakobusbriefs zutreffend beurteilt“.44 Käsemann versteht also die konstitutive Verschiedenheit der theologischen Richtungen in der Gemeinde Jesu im Sinne von fundamentalen „Unvereinbarkeiten“, die „nebeneinander“ vorhanden sind. Aber genau das ist und war Gemeinde Jesu nicht, wenn sie sich dem Augenschein nach auch leider allzu oft so präsentiert. Ganz anders urteilt Wolfhard Pannenberg, dessen Überlegungen hierzu wir gern folgen: „Mit welchem Entsetzen hätte Paulus wohl das Auseinanderfallen der Christenheit in einander ausschließende Kirchen betrachtet.“45 Auch Pannenberg sieht durchaus das Problem der überzogenen Harmonisierung. Schon im zweiten Jahrhundert habe sich „eine Tendenz zur Verherrlichung der Anfangszeit der Kirche“ herausgebildet -

„in deutlicher Spannung zum Selbstverständnis etwa des Paulus [...]. Das allzu harmonische Bild vom Urchristentum dürfte mit dafür verantwortlich sein, daß der Entfaltung einander widerstreitender Meinungen von früh an zu wenig Raum in der Kirche zugestanden worden ist.“46

Er weist aber auch darauf hin, dass trotz aller konfessioneller Verschiedenheit „in Jesus Christus die Einheit aller Christen schon vorgegeben ist“47, nämlich „durch die Verbundenheit eines jeden mit Jesus Christus“.48

„Die These von der Unsichtbarkeit der Kirche hat nur da ein Wahrheitsmoment, wo von dem Wissen um eine die vorhandene kirchliche Wirklichkeit übersteigende, größere und umfassendere Einheit in Christus ein Antrieb ausgeht zur Sichtbarmachung dieser größeren Einheit. [...] Wo das nicht geschieht, muß das als Ausdruck des Unglaubens und des Widerstandes gegen das Wirken des heiligen Geistes betrachtet werden.“49

3. Grundelemente der Seelsorge

Jakobus legt besonders großen Nachdruck auf die Lebenspraxis der Christen.50 Paulus betont besonders den geglaubten Glauben, Jakobus betont besonders den im Alltag gelebten Glauben. Jakobus stellt sich, wie Ernst Aebi treffend zusammenfasst,

„offensichtlich zur Aufgabe, einen Mangel an Aufrichtigkeit und Konsequenz im christlichen Alltagsleben zu bekämpfen. [...] Deshalb brandmarkt der Verfasser alles, was im Leben der Christen nicht stichhaltig ist und ihrem Glauben widerspricht, und ruft unentwegt auf zu einem echten, tatkräftigen Christentum.“51

Das Spezifikum der Evangeliumsverkündigung des Jakobusbriefs besteht nach Eduard Thurneysen darin, dass er sich „dem täglichen Lebenskampf der Christen, seiner täglichen ‘Anfechtung’, mit einer besonderen Aufmerksamkeit zuwendet. [...] Man könnte wohl sagen, es seien evangelische Exerzitien, die der Jakobusbrief mit uns anstellt.“52 Der pietistische Bibelgelehrte Johann Albrecht Bengel (1687-1752) stellte fest, Jakobus gehe es um „die Mäßigung, oder, wenn man lieber so sagen will, die geistliche Nüchternheit der Seele.“53 Und der Neutestamentler Friedrich Hauck schreibt einleitend und charakterisierend zum Jakobusbrief: „Frommes Scheinwesen tut der heiligen Forderung Gottes nicht Genüge. Frömmigkeit [...] ist nur echt, soweit sie zur Tat wird. Diese Gedanken stehen denen Jesu ganz nahe.“54 Das sind einige Gründe dafür, dass der Jakobusbrief die wohl ergiebigste Argumentationsbasis für die biblische Fundierung Beratender Seelsorge ist. Meiner Erkenntnis nach fokussiert er sieben für Seelsorge wesentliche Themen: